ch heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im Süden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge. Dort kam ich in einer begüterten, wenn auch nicht sehr vornehmen Kaufmannsfamilie zur Welt. Mein Vater lie? mir eine gute Erziehung zuteil werden, und als ich die Opferschnur anlegte, war ich schon ziemlich im Besitze der meisten Fertigkeiten, die sich für einen jungen Mann von Stand passen, so da? man allgemein glaubte, ich mü?te in Takkasila[1] erzogen worden sein.
Im Ringkampf und im Degenfechten war ich einer der ersten; ich hatte eine sch?ne, wohlgeübte Singstimme und verstand die Vina kunstreich zu schlagen; ich konnte alle Gedichte Bharatas und noch viele andere auswendig hersagen; mit den Geheimnissen der Metrik war ich aufs innigste vertraut, und verstand auch selber gefühlvolle und sinnreiche Verse zu schreiben. Im Zeichnen und Malen übertrafen mich nur Wenige, und meine Art Blumen zu streuen wurde allgemein bewundert. Gro? war mein Geschick im F?rben der Kristalle und meine Kenntnis von der Herkunft der Juwelen; keine Papageien oder Predigerkr?hen sprachen so gut wie diejenigen, die ich abgerichtet hatte. Auch verstand ich von Grund aus das vierundsechzigfeldige Brettspiel, das St?bchenspiel, das Bogenspiel und das Ballspiel in allen seinen Abarten, sowie allerlei R?tsel- und Blumenspiele. Und es wurde, o Fremder, eine sprichw?rtliche Redensart in Ujjeni: "Vielbef?higt wie der junge Kamanita."
[1] Das Oxford des alten Indien (in Pendschab gelegen).
Als ich zwanzig Jahre alt war, lie? mein Vater mich eines Tages rufen und sprach also zu mir:
"Mein Sohn, deine Erziehung ist jetzt vollendet, und es ist Zeit, da? du dich in der Welt umsiehst und dein Kaufmannsleben beginnst, auch habe ich dafür jetzt eine gute Gelegenheit gefunden. In diesen Tagen schickt unser K?nig eine Gesandtschaft an den K?nig Udena in Kosambi, weit von hier, im Norden. Dort habe ich aber einen Gastfreund Panada. Der hat mir l?ngst gesagt, in Kosambi w?re mit Produkten unseres Landes, besonders mit Bergkristallen und Sandelpulver, sowie mit unseren kunstvollen Rohrgeflechten und Weberwaren ein gutes Gesch?ft zu machen. Ich habe aber immer eine solche Gesch?ftsreise als ein gro?es Wagnis gescheut wegen der vielen Gefahren des Weges. Wer nun aber die Hin- und Herreise im Gefolge dieser Gesandtschaft macht, für den ist gar keine Gefahr vorhanden. Wohlan, mein Sohn, wir wollen auf den Lagerplatz gehen und uns die zw?lf Ochsenwagen und die Waren ansehen, die ich für deine Fahrt bestimmt habe; du wirst für unsere Produkte Musselin aus Benares und ausgesuchten Reis mit zurückbringen, und das wird, hoffe ich, ein glorreicher Anfang deiner kaufm?nnischen Laufbahn sein; auch wirst du Gelegenheit haben, fremde L?nder mit anderer Natur und anderen Sitten kennen zu lernen und unterwegs mit Hofleuten, M?nnern vom h?chsten Anstande und feinsten Betragen tagt?glich zu verkehren, was ich für einen hohen Gewinn erachte; denn ein Kaufherr mu? ein Weltmann sein."
Ich dankte meinem Vater unter Freudentr?nen, und schon wenige Tage danach nahm ich vom Elternhause Abschied.
Wie schlug mein Herz vor freudiger Erwartung, als ich inmitten dieses pr?chtigen Zuges, an der Spitze meiner Karren, zum Stadttor hinauszog und die weite Welt offen vor mir lag. Jeder Tag dieser Reise war mir wie ein Fest, und wenn abends die Lagerfeuer flammten, um Tiger und Panther zu verscheuchen, und ich im Kreise ?lterer und vornehmer M?nner an der Seite des Gesandten sa?, dünkte ich mich vollends im M?rchenland.
Durch den herrlichen Waldbereich Vedisas und über die sanften H?henzüge des Vindhyagebirges erreichten wir die ungeheure n?rdliche Ebene, wo eine ganz neue Welt sich mir er?ffnete; denn ich h?tte nie gedacht, da? die Erde so flach und so gro? sei. Und etwa einen Monat nach unserer Abreise sahen wir an einem herrlichen Abend, von einer palmengekr?nten Anh?he aus, zwei goldene B?nder, die sich dem Dunstkreise des Horizontes entwanden, das unendliche Grün durchzogen und sich allm?hlich einander n?herten, bis sie sich zu einem breiten Band vereinigten.
Eine Hand berührte meine Schulter.
Es war der Gesandte, der an mich herangetreten war.
"Da siehst du, Kamanita, die heilige Jamuna und die hochheilige Ganga, die dort vor unseren Augen ihre Fluten vereinigen."
Unwillkürlich erhob ich anbetend meine H?nde.
"Du tust recht, sie also zu grü?en," fuhr mein Beschützer fort. "Denn wenn die Ganga von dem G?ttersitz im n?rdlichen Schneegebirge kommt und gleichsam aus der Ewigkeit flutet, so kommt die Jamuna aus fernen Heldenzeiten, und ihre Fluten haben die Trümmer der Ilfenstadt[1] gespiegelt und jene Ebene bespült, wo die Panduinge und die Kuruinge um die Herrschaft rangen, wo Karna in seinem Zelte grollte, wo Krishna selber die Rosse Arjunas lenkte--doch ich brauche dich ja nicht daran zu erinnern, da du in den alten Heldenliedern wohl bewandert bist. Oft habe ich drüben auf jener spitzen Landzunge gestanden und gesehen, wie die blauen Wogen der Jamuna neben den gelben der Ganga dahinflossen, ohne sich mit ihnen zu vermischen, so wie die Kriegerkaste neben der Brahmanenkaste unvermischt besteht. Dann kam es mir vor, als ob ich mit dem Rauschen dieser blauen Fluten auch kriegerische Kl?nge vern?hme, Waffenget?se und H?rnerrufe, Wiehern von Rossen und Trompeten der Kampfilfen, und mein Herz schlug h?her, denn auch meine Ahnen waren ja dabei gewesen und der Sand Kurukschetras hatte ihr Heldenblut getrunken."
[1] Hastinapura = Elefantenstadt. Das Wort "Ilf" hat Adolph Holtzmann gepr?gt ("Indische Sagen" XXIX).
Voll Bewunderung blickte ich zu diesem Manne aus der Kriegerkaste empor, in dessen Familie solche Erinnerungen lebten.
Er aber fa?te mich an der Hand.
"Komm, mein Sohn, und begrü?e das Ziel deiner ersten Reise."
Und er führte mich nur wenige Schritte um ein dichtes Gebüsch herum, das bis jetzt die Aussicht nach Osten verdeckt hatte.
Als diese sich nun pl?tzlich ?ffnete, stie? ich unwillkürlich einen Schrei der Bewunderung aus.
Dort--an einer Biegung der breiten Ganga--lag eine gro?e Stadt: Kosambi.
Mit ihren Mauern und Türmen, ihrer aufsteigenden H?usermasse, ihren Terrassen, ihren Quais und Ghats[1] sah sie, von der untergehenden Sonne beleuchtet, wahrlich aus, als w?re sie ganz und gar aus rotem Gold gebaut--so wie es ja Benares war, bis die Sünden der Einwohner es in Stein und M?rtel verwandelten;--die wirklich goldenen Kuppeln aber gl?nzten wie ebensoviele Sonnen. Oben von den Tempelh?fen stiegen dunkle, rotbraune Rauchs?ulen, von den Leichenverbrennungsst?tten am Ufer solche von hellblauer Farbe, kerzengerade in die H?he, und, gleichsam von ihnen getragen, schwebte baldachinartig über dem Ganzen ein Schleier wie aus den zartesten Perlmuttert?nen gewoben, w?hrend dahinter alle Farben, die da brennen und leuchten k?nnen, über den Himmel ausgegossen durcheinander glühten. Auf dem heiligen Strom, der diesen Glanz widerspiegelte, schaukelten unz?hlige Boote mit bunten Segeln und Wimpeln, und trotz der Entfernung sah man, wie die breiten Treppen der Ghats von Leuten wimmelten, w?hrend viele schon unten in den glitzernden Wellen pl?tscherten. Ein fr?hliches Ger?usch, wie das Summen eines Bienenkorbes, drang von Zeit zu Zeit zu uns herauf.
[1] Landungsplatz mit prachtvollen Freitreppen für Badende--gew?hnlich von Vorsprüngen und Kiosken unterbrochen und durch einen monumentalen Torbau abgeschlossen.
Du kannst dir denken, da? ich eher eine Stadt der dreiunddrei?ig G?tter als eine der Menschen zu sehen vermeinte, wie denn überhaupt das Gangatal mit seinem üppigen Reichtum uns Bergbewohnern wie das Paradies vorkam. Und für mich sollte ja auch hier das Paradies auf Erden sich zeigen.
Noch in derselben Nacht schlief ich unter dem wirtlichen Dache Panadas, des Gastfreundes meines Vaters. Früh am folgenden Tage eilte ich aber zum n?chsten Ghat und stieg mit unbeschreiblichen Gefühlen in die heiligen Wogen, um nicht nur den Reisestaub, sondern auch meine Sünden abzuspülen. Diese waren infolge meiner Jugend ja nur gering; ich füllte aber eine gro?e Flasche mit dem Gangawasser, um sie meinem Vater mitzubringen. Sie ist jedoch, wie du erfahren wirst, leider nie in seinen Besitz gekommen.
Der edle Panada, ein Greis von ehrwürdigstem Aussehen, führte mich nun nach den Kaufhallen, und durch seine freundliche Hilfe gelang es mir, im Verlaufe der folgenden Tage meine Waren vorteilhaft zu verkaufen und eine überreiche Menge von den bei uns sehr gesch?tzten Produkten der n?rdlichen Ebene einzukaufen.
Dies mein Gesch?ft war glücklich zu Ende gebracht, bevor die Gesandtschaft noch daran dachte, sich zur Abreise zu rüsten, was mich keineswegs verdro?; denn ich hatte nun volle Freiheit, mir die Stadt anzusehen und ihre Vergnügungen zu genie?en, was ich in der Gesellschaft Somadattas, des Sohnes meines Wirtes, in ausgiebigstem Ma?e tat.