Er war enteilt. Auf der Gasse erst, in frischer Luft, durch die hindurch man nahe W?lder zu spüren glaubte, fiel ihm ein, da? er heute den ganzen Tag bisher in der Familie verlebt hatte, noch keinen Augenblick allein. Das war ihm seit Jahren nicht mehr geschehn, noch gestern h?tte er es für unm?glich gehalten. Vielleicht hing auch seine eigentümliche Verwirrung damit zusammen, die ihn f?rmlich hinderte, klar geradeaus zu sehn und sich über das, was er sah, Gedanken zu machen.
Die H?userfronten liefen nur so wie lange Gartenmauern, ohne Abwechslung, an ihm vorbei und er bemerkte es nicht, ob er über breite Pl?tze schritt oder durch einen Park, an einem goldgl?nzenden Kaiser-Josef-Denkmal vorbei. Nur, da? hier und da, mitten zwischen eleganten H?usern, auch noch solche Schindelhütten standen, wie die der Gro?mutter, fiel ihm auf, dann da? die meisten Firmatafeln kleine schwarze Glasplatten mit eingeritzten Buchstaben waren, was einen zierlichen sauberen Eindruck machte. Doch besch?ftigte ihn dies nicht weiter. Nur die eine Frage hatte er im Sinn und wiederholte sie oft an Vorübergehende: ?Wie komm ich hier zu Doktor Heiger?? Mechanisch folgte er ausgestreckten Fingern, eindringlich undeutlichen Worten, ging bergauf bergab, die zweite Gasse hinter der Ecke wieder geradeaus. Endlich fand er das Haus, immer mit summendem Ger?usch im Kopf, stieg Steinstufen hinauf, die ihn daran erinnerten, da? er noch in ?sterreich war, wenn auch nahe der Grenze (in Deutschland gibt es nur Holztreppen, dachte er), an einem Kontor vorbei, vor dem Kisten beinahe den Weg versperrten (aha, der Export). Dann trat er in ein menschengefülltes Wartezimmer ein. Im Arm einer Frau schrie ein schwarz verbundenes Kind leise auf. Manche von den Leuten standen in stumpfsinnigem Brüten direkt vor der Tür ins Ordinationszimmer, wie bereit, sofort mit h?chster Aufregung hineinzuspringen. Andere seufzten auf dem Kanapee, in bequemen Fauteuils sa?en sie in unbequemen Haltungen, gelbe Zettelchen in der Hand, vielleicht von einer Krankenkasse. Arnold erkundigte sich, er lief ungeduldig wieder hinaus, jemand sagte ihm: ?Ja, bei Doktor Heiger da mu? man sich in Geduld fassen?. ?Ist er drin?? fragte Arnold. ?Ich wei? nicht.? – Was für idiotische fischblütige Leute, sie kamen ihm wie seiner unwürdig vor, er hatte das Gefühl, als errege er hier allgemeines Aufsehn, als schlage er mit Armen und Beinen um sich, obwohl er ?u?erlich ruhig blieb. – Wie ein Labsal, eine Zuflucht erschien ihm nun die Erinnerung an die Gro?mutter. Was war es denn eigentlich, was ihn an ihr so entzückte, diesen Bürgern hier so Entgegengesetztes? Ihr Charakter doch nicht? Es fiel ihm ein, da? ihm manche ihrer Eigenschaften an einem andern Menschen f?rmlich widerlich gewesen w?ren. Man konnte es auch nicht als Tüchtigkeit oder als Ehrwürdigkeit bezeichnen, als die Weisheit des Alters, nicht so und nicht so. Vielleicht ein Zug von Freiheit, von unbewu?ter und derber Hoheit? Eine Figur aus dem Alten Testament? Nein auch das wollte nicht ganz stimmen. Und was h?tte sie gesagt, wenn er ?hnliches zu ihr selbst ge?u?ert h?tte? Was für Augen h?tte sie gemacht? Wofür hielt sie eigentlich sich selbst? Dachte sie je darüber nach? Glaubte sie an Gott?... O da war etwas, wofür es in keiner Menschensprache noch ein Wort gab! Er verstand es nicht –, nur dunkel fühlte er, da? sie unterhalb der Zuckungen seines forschenden Verstandes, tief irgendwo in Regionen dunkler Instinkte, Vererbungen, Verwandtschaften ihn wie mit gebietender Stahlhand ergriff und seine Eingeweide in eine neue Ordnung zurechtzerrte. Unklare Pl?ne stiegen in ihm auf, mit denen seinem ganzen Leben bisher und von hier an ein neuer Sinn zu geben w?re, Funken ins Pulverfa?, ja selbst genaue Entschlüsse für die n?chste Zukunft, an die er aber sofort wieder verga? im Bewu?tsein, da? sie ihm auch so unverloren nahe blieben. Im ganzen befand er sich in einem Zustand ?u?erster Verwirrung und Ordnung zugleich, ?hnlich einem guten Schüler vor dem Examen, in dessen Kopf alles gegenw?rtig ist und doch nichts fa?bar, und dieses nicht Fa?bare, nicht Sichtbare wieder nicht in starrer Ruhe, sondern in unaufh?rlicher Bewegung wie unter einer dünnen Hülle kreisend und in solcher Menge, da? nichts vortreten kann au?er auf einen ?u?ern Anla? hin, aber dann wird schon das Richtige in Hülle und Fülle aus dem Chaos herausmarschieren, und diese Zuversicht gibt dem dumpfen satten Kopf schon jetzt eine Art von sch?pferischer Einheit, wenn er auch vorderhand noch zerstreut andern Dingen nachtaumelt, die er gerade vor sich sieht ... In dieser Verfassung starrte unser Mann durch das Fenster in einen benachbarten Garten und nur ganz oberfl?chlich, ohne da? es seine Seele in der eigentlichen Arbeit st?rte, kamen ihm Gedanken wie der etwa, da? diese Aussicht nicht sehr sch?n sei – oder da? das Bild dort an der Zimmerwand ?Apollo und die Musen? oder den ?Athen?enzug? vorstellen m?ge, kurz etwas Klassisches und da? es wohl ein Gymnasialkollege dem Doktor gemalt und geschenkt habe, vielleicht als Pfand für ein Darlehn gegeben; denn kaufe ein Landarzt Bilder? Was für Dinge übrigens! Was ging ihn dieses Bild an, die Griechen, die andere Welt, die fremde Kultur ... Pl?tzlich dauerte es ihm zu lange. Er stürzte wieder aus dem Zimmer, in die Küche, gab der K?chin ein Billett für den Doktor und lief weg.... Ein Festzug hielt ihn auf. Was, da gab es ja auch dekorierte H?user, Musik. Das Schützenfest, ach so! Was für ein naiver Unsinn! Deutlich fühlte er, da? dieses helle, blonde, einfache Treiben nicht seine und seiner Gro?mutter Welt war. Für Bobenheim h?tte das gepa?t. Auch Fahnen hatten sie im Zug, bunte, wirklich komisch ... Er suchte durchzukommen. Mit Gewalt dr?ngte er sich in die Menschenmassen wie in etwas Feindliches und war erstaunt, als man ihm h?flich Platz machte. Dann fiel ihm ein, da? er sich eine neue Krawatte hatte kaufen wollen, der Gro?mutter zu Ehren. Er kaufte eine, die violett und blau changierte. Wie wenig hatte er die Frau überhaupt geehrt, nicht einmal etwas mitgebracht aus eigenem Antrieb. Er kaufte besch?mt Pfirsiche, Kirschen, Schoten ... das alles nur, w?hrend im Innern seine Seele nach ganz andern grundlegenderen Dingen suchte ... Je mehr er sich aber der Wohnung der Greisin n?herte, desto mehr kl?rten sich seine bis zur Qual verfitzten Ideen, sie senkten sich gleichsam aus den Wolken zur Erde herab, kristallisierten sich und verwandelten sich eben in den steilen Fu?pfad und Gro?mutters Hütte in demselben Augenblick, in dem er an dem eleganten Zweistock vorbei diesen Fu?pfad und die Hütte erblickte.
Er stieg die Treppe hinauf und sah dabei flüchtig zur Seite in die Vorderwohnung, wie anst?ndig und rein konnte es also in so einer Hütte aussehn, bei einer Arbeiterfamilie. Dann aber durch den finstern Gang, wo überall leere r?tlich durchscheinende Lagerbierflaschen standen, klopfte ihm das Herz, alles war so anheimelnd und doch unbekannt, so von Z?rtlichkeitswolken erfüllt. Er stie? an ein gro?es umgestürztes Holzschaff, endlich fand er die Türe.
Ein überraschender Anblick bot sich ihm. Drei alte Frauen sa?en und standen am Bett der Gro?mutter und plauderten mit ihr in einem solchen Schwall von Jargon und schlesischem Dialekt, da? nichts zu verstehn war. Sie sah jetzt viel besser aus, das Gesicht war gr??er, die Wangen in einem natürlichen Rosa, die Falten milder. ?Nu, kommste doch, jech hab scho gemant, dü kommst nix mehr.?
Er mu?te sich entschuldigen: da? er beim Doktor gewesen war und Obst gekauft hatte. Die Gro?mutter nahm seine Hand und schaute ihn liebevoll an: ?Ganz sch?n w?r's doch, wenn du ach noch dazü e Madele h?ttst, Regie.? Dabei wandte sie sich, etwas furchtsam, an Arnolds Mutter, die auf dem Kanapee sa?. – ?Ich dank dir? war die unfreundliche Antwort. Jetzt erst bemerkte Arnold, da? die Mutter rote Augen hatte. Er setzte sich neben sie und erfuhr alles. Natürlich, sie hatten die kurze Zeit, die sie unter vier Augen allein waren, zu einem ausgiebigen Zank benützt. Zuerst war die Gro?mutter ohne sichtbaren Anla?, aus sich selbst heraus, in Aufregung geraten, hatte geweint und sie tausendmal um Verzeihung gebeten, sie solle ihr nur, ehe sie sterbe, alles verzeihn, was sie ihr angetan habe. Darüber natürlich war die gute Mama in Rührung und unendliche Tr?nen geraten. Nach einer Weile, bei einer geringfügigen Sache, die Mama wollte ihr eine Schüssel mit Sand ausreiben, habe die Gro?mutter wie verrückt geschrien: ?Ich wa?, du willst, ich soll sterben, und just tu ich dir nicht den Gefallen.? Darauf seien die Freundinnen gekommen ... Es sei wirklich nicht mehr auszuhalten ... Aber Gott sei Dank, die Sardinenbüchse habe sie über Mittag fast leer gegessen, sie esse eben am liebsten nur, wenn sie allein sei ... Arnold tr?stete sie, er fühlte eine tiefe Liebe zu dieser netten friedlichen Dame, seinem Mamachen, die in ihrem weichen Herzen alles so ganz anders auffa?te als er selbst, doch zugleich empfand er freilich auch über diesen neuen Vorfall eine schwer erkl?rliche Freude an der Gro?mutter, wie an einem seltsamen Naturschauspiel, einem Nordlicht vielleicht. – Und da? sie in diesem Alter noch Freundinnen anzog, jüngere rüstigere Weiber, die von ihr beherrscht, kaum neugierig nach ihm zu blicken wagten, da? ihre enge Stube menschengefüllt war: ri? ihn zur Bewunderung hin. Also war sie doch nicht so verlassen. Und nun mahnte sie sogar die drei zum Aufbruch: ?Es is Wochenmarkt heunt? und stellte sich damit selbst mitten in ihre Unternehmungen, in das regelm??ige t?tige Leben. Gar nichts von einer Ausgedingerin hatte sie, das war schnell zu sehn, gar nichts von der humpelnden l?stigen Halbtoten, die sich hinter dem Ofen w?rmt.
Die Mutter wollte die drei mit st?dtischer H?flichkeit hinausbegleiten, knüpfte ein Gespr?ch an, aber vom Bett her flüsterte es: ?Lo? se geihn. Gib ihnen ka Tschüwe?, – auch im leisen Reden wurden die betonten Worte gesungen, manchmal mit zwei oder drei verschiedenen Noten gleichsam.
?Also der Doktor kommt gegen fünf Uhr? sagte Arnold, als sie allein waren.
Aber kaum hatte sich die Türe geschlossen, so begann die Gro?mutter in den erbittertsten T?nen von diesen Frauen zu sprechen, von der einen besonders, die sie soeben noch mit ?mei goldene Frau Keller? angeredet hatte. ?Verschwarzt soll se gehn? rief sie, auf Arnolds Erkundigungen. Flüchtig erinnerte er sich an seine unwillkürliche Doppelzüngigkeit gegen seine Freunde, der Vergleich mochte wohl nicht zutreffen?... Die Mutter aber war über dieses Benehmen entrüstet: ?Sch?mst du dich nicht.? Aber der alte trockene harte K?rper sch?mte sich nicht, er erkl?rte im Gegenteil, aufstehn zu wollen, es sei ihm schon ganz gut und das Faulenzen habe keinen Zweck. Als man dies abgewendet hatte, erneuerten sich die Klagen des Vormittags: ?Mei Zores, mei Kopf? ... ?Was für Sorgen? wandte sich die Mama ziemlich derb an die Gro?mutter ?du hast ausgesorgt. Was du brauchst, schicken wir dir. Wenn du mehr willst, mu?t du uns nur zwei Worte schreiben. Du hast nichts zu tun als zu essen, zu trinken und spazieren zu gehn.? Ein Projekt kam zur Sprache, das die Gro?mutter schon einmal vorübergehend gebilligt hatte, n?mlich: sie solle ganz zur Frau Fischmann, zu einer der drei Freundinnen übersiedeln, dort zur Miete wohnen. ?Die Klafte? schrie sie, da? die Kissen sich bewegten ?die rotzedige Klafte!? Nicht herauszubringen, woher dieser Groll sich schrieb. Kurz, sie lehnte es ab, sie geniere sich (dieses Fremdwort brachte sie vor) unter fremden Leuten, einmal wolle sie sp?t schlafen gehn und einmal bald und einmal nach Bequemlichkeit den Topf benützen und einmal etwas verdienen, mit einem Wort sie wolle selbst?ndig bleiben. Und sie fügte hinzu, wie erdichtend, um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben: ?Die Fischmann, die is doch gechitzt. Die is doch plem-plem? und fuhr mit der Hand, mit gekrümmten vier Fingern nahe an der eigenen Stirn auf und ab.
Um sie auf andere Gedanken zu bringen, erz?hlte ihr Arnold, da? er bald nach Berlin fahren werde. Wirklich war einmal die Rede davon gewesen, da? er in ein Konfektionshaus in Berlin als Volont?r für ein Jahr eintreten sollte, die steinerne Treppe bei Doktor Heiger hatte ihn wieder daran erinnert. Zugleich aber fiel ihm jetzt im Reden ein, da? er ja in Berlin zugleich diesen von Eisig angebotenen Journalistenposten annehmen k?nne und, obwohl er das nicht aussprach, verlie? ihn der Gedanke nicht mehr. ?Gib nur sch?n acht und sei gesund. Da is ach zü der Hausfrau neilich e M?del zugezogen aus Wien und nebbich nach e paar T?g is se gestorben.?
Arnold verstand wieder den Zusammenhang nicht, erst sp?ter, als von etwas anderem die Rede war, fiel ihm ein, da? ?Luftver?nderung? das Bindeglied gewesen sein mochte.
Denn nun ging es in einem Zuge weiter. Die Gro?mutter, gespr?chig und bei allen Kr?ften, schien nur Anl?sse zu neuen Erz?hlungen zu suchen und all dies machte nicht etwa den Eindruck, als ob sie Arnold als Gast unterhalten wollte, sondern die reine Freude, sich mitzuteilen, sprach aus der klangvollen und ruhigen Stimme, die mühelos ihrem ungetrübten Geiste, ihrer Lebenskraft zu entstr?men schien und dadurch den H?rer unmittelbar einnahm. Arnold verglich sich freudig mit ihr. ?Seh ich der Gro?mutter nicht ?hnlich?? fragte er die Mutter. Ja, es sei auffallend. ?Aber wie willste mir ?hnlich sei? lachte die Gro?mutter. ?Ich bin doch bald iber hündert Jahr und du nur e Ableger noch.? ?Wie alt bist du eigentlich?? mischte sich die Mutter ein ?die Gro?mutter macht sich immer ?lter als sie ist, auch so eine Laune.? Aber die Gro?mutter wu?te gar nicht, wie alt sie sei, es war ihr auch gleichgiltig. ?Ich m?cht scho gern weg. I war lang genüg do. Ich bin so nur allen zur Last und mir ach.? Seltsam, da? solche Reden den Eindruck ihrer Lebensfreude nicht abschw?chten, eher verst?rkten. Ob sie noch einmal jung sein wolle, fragte Arnold. Ohne direkt zu antworten, begann sie von einem Onkel Jermige zu erz?hlen ?der hat mich emol im Theater aufgeführt, der gute Jermige, alles hat er verschenkt aus Rachmonis, an die Arme, und selbst is er im Dalles gestorben, nebbich Jermige. Selig, habn se geschrien, damals in dem Stück, selig, wenn man noch jung is. Warüm denn, hat man gefragt. No da tragen se einen auf den Armen. Willste eppes noch auf den Armen getragen werden, so haben se ihn ausgespott', wie halt Theater is.? ?Du interessierst dich also auch für das Theater? fragte Arnold, innerlich erbebend; was für eine verschollene Operette mochte da eben in dieser Stube zum letztenmal zu einem kleinen Leben erwacht sein! ?Die Gro?mutter! Na und ob sie sich dafür interessiert? lobte die Mutter. ?Das hab ich per Jerusche? und sie kam auf ihre Eltern zu sprechen, auf ganze Familienverzweigungen mit ihren Leidenschaften, von denen l?ngst keine Spur mehr auf der Erde lebte, und sie zogen vorbei, diese seltsamen Namen wie Moische, Srole, Peierl, Haschele, und ein Zusammenhang mit fremden Ortschaften ergab sich, von dem Arnold nie etwas geahnt hatte und der ihn m?chtig aufwühlte, ja in Lichtenstadt hatten ihre Gro?eltern, die Gro?eltern der Gro?mutter, gewohnt und dort in dem Packerl mü?te noch ein Stück Tuch aus Lichtenstadt sein. ?Ihre Einbildungen? flüsterte die Mutter ihm zu. Auf einmal war diese uralte, eben dem Tode entrissene Person selbst ein Kind und erz?hlte, wie sie einmal auf dem gefrorenen Dorfteiche ?geklitscht? hatte und dafür Schl?ge bekommen. Wie das Haus ihres Vaters abgebrannt war, der schon damals zehn Kinder hatte, neun S?hne darunter, und trotzdem sei die Mutter hundertunddrei Jahre alt geworden, und wie die Bauern der Umgebung damals für ihn zusammengeschossen hatten, um ihm fürs erste zu helfen, aber ein Jahr darauf war schon wieder ein Kind da, in all dem Schmerz. ?Die Lait habn damals gemeint, das mu? so sein.? Und mit einer Art von Aufkl?rung erz?hlte sie die damaligen Sitten, wie man am Samstag kein Geld bei sich getragen habe, weil das als eine Art von Arbeit gedeutet wurde, eine ?Newere?, ja die ganz Frommen trugen ihr Taschentuch um die Hand gewickelt, um es nicht aus der Tasche ziehn zu müssen. ?Aber gewuchert haben sie dabei? tadelte die Mutter, ernst und modern. Nicht einmal eine Beere habe man abrei?en dürfen, fuhr die Gro?mutter fort, und da sei einmal jemand (Arnold verstand diese Geschichte nicht ganz, viele Ausdrücke kannte er nicht, erst sp?ter stellte er es sich so zusammen, da? dieser ?jemand? die Mutter der Gro?mutter gewesen sein müsse) in den Tempel gegangen, durch den Wald, damals habe man noch so weit her zum Tempel gehn müssen, und da habe sie der Versuchung nicht widerstehn k?nnen, eine ?Rotbeere? zu pflücken, trotz der Ermahnung des Rabbiners. Und darauf sei sie, die Gro?mutter, mit einem h??lichen Muttermal in Gestalt einer roten Beere zur Welt gekommen. Und einmal habe sie sich eine Schere genommen, weil man sie auslachte, sei ins Nebenzimmer gegangen und habe sich die Beere abgeschnitten. ?Davon hast du mir aber noch nie erz?hlt? wurde die Mutter mi?trauisch. Arnold zeigte auf einen roten Fleck an ihrer Hand: ?Ist es das??, aus Respekt wies er nicht mit dem Zeigefinger, sondern schlug alle Finger bis auf den kleinen ein und streckte diesen vor. ?Nein, das hob ich mich verbrennt, neilich.? Sie wurde nicht irre, und kam nun in der Reihenfolge der Generationen auf ihre eigenen Kinder. ?Marie, mei guts Schof? rief sie pl?tzlich und Tr?nen standen ihr im Aug ?Nebbich hat sie vor mir heruntergemu?t. Was h?tt ich nicht getan für das Kind!? Auch von ihrem Zank mit Poldi wu?te sie nichts. Er war zwar ein ?ungehachelter Kerl?, ein ?Parchk?ppele?, aber was lag daran, einen Jux wu?te er zu machen und lustig war er, das war doch die Hauptsache. Sie schrieb ihm den Einfall zu, da? er beim Alcheten, dem Sündengebet, bei dem man sich als Bü?er zeilenweise auf die Brust klopfte, zu seinem Nebenmann, der besonders heftig klopfte, gesagt habe: ?Sie, mit Gewalt werden Sie da nix ausrichten.? – Sie lachte hell wie Gl?ckchen, w?hrend sie das erz?hlte. – Ja, einmal habe er ihr geraten, mit ihrer Stubentür aufs Gericht zu gehn, weil das ihr Haupt- und Kassabuch sei. – überhaupt, wenn er nur Zeit h?tte, er würde schon kommen, er würde sie besuchen, sicher. – Die Mutter senkte traurig den Kopf. – ?Poldile, wie haben se den gern gehabt. Zu jeder Huxt und Kirmes und Gvatterschaft haben se 'n geloden. Wie gefreckt is er mir immer nach Haus gekommen, wie so ein Babinski. Einmal aber hab ich gedacht, ich mu? ihn holen und hab mer 'n L?ffel genommen, den gro?en zum Auswinden für die W?sch und hab gedacht, ich zerschlug ihn an ihm. Frau Goldbergen, habn se mir dort gesagt, bleiben's ock do und trinkens Wein mit uns. No so hab ich den L?ffel unter die Bank gelegt und mitgetanzt.? ... ?Was, du bist geblieben? Arnold ri? die Augen auf ... ?Nur e paar Stücklach? entschuldigte sich die Gro?mutter ?Jo, das war nicht so wie die heutige Welt.? – ?So du glaubst auch, da? es früher besser war? fragte Arnold, zart, wie man etwa einen Professor, mit dem man spazieren geht, also au?er der Stunde, ohne Recht auf Unterricht zu fragen wagt, ohne eigentliche Hoffnung belehrt zu werden; nur um ihm Gelegenheit zu geben, ihn zu erfreun, riskiert man es, ihn zu bel?stigen. – ?No, es waren halt zugetanere Lait.? – Als er aber weiter drang, mit ?Wie? und ?Wieso?, schnitt sie ab: ?Was, ich hab mir nix den Kopf damit eingenommen.? – Aber oben auf dem Boden habe sie einmal einen Korb voll durchgetanzter Schuhe gefunden, alle von Poldi und Regieleben ... Die Mutter zuckte die Achseln ... Ein Schuster habe sie darauf aufmerksam gemacht, da? Poldi sich jede Woche frische Schuhe anmessen lasse. überhaupt habe er lauter solche ?Tipplach und Sterzlach? gemacht. Auch Ware über die Grenze geschw?rzt, und das ausgezeichnet! – Arnold meinte, auch heutzutage sei man lustig, es werde ja eben in Wintertal ein Schützenfest gefeiert: ?Nun, m?chtest du nicht auch mit dabei sein, Gro?mama?? – ?Es wird ohne mir ach gehn.? – ?Aber es ist zu Ehren unseres Kaisers. Liebst du nicht unsern Kaisern? Ich habe ihn sehr gern?? – Ziemlich gleichgiltig wandte sie sich ab: ?Warüm nicht. Er soll immer gut zu die Jehudim gewesen sein.? Vergebens suchte ihr die Mama klarzumachen, da? das jetzt nicht mehr so sei, mit dieser Scheidung von Juden und Christen. ?La? mich gehn. Wenn's emol zu etwas kommt, so geht's doch nur wieder über die Jehudim her. Es hat immer noch für uns e miesen Ausbruch genommen.? – Sie wurde ganz traurig. Um sie zu erheitern, erz?hlte ihr Arnold, da? er in einem Komitee sei (verstand sie das Wort? Ja, sie nickte), mit vielen Christen beisammen und da? man sich da sehr gut vertrage. Man habe ein lustiges Festessen gefeiert, alle mit einander. ?Ja, das k?nnen se, fressen und saufen, die Chaserim.? Er verzweifelte, doch machte er noch einen Versuch, indem er ihr von einer Freikarte erz?hlte, die er als Mitglied des Komitees habe, für alle Bahnen. Also auch hierher sei er umsonst gefahren. Er zeigte die Legitimation. (Tats?chlich hatte die Eisenbahndirektion den Ausschu?leuten Erm??igungen für die Strecke nach Waldbrunn gew?hrt.) ?Nu, das is sch?n? er hatte das Richtige getroffen ?da erspart man eppes. Da nimmste de ach die Mama mit, nicht wahr.? Er lachte: ?Nein, das geht nicht.? Und die Gro?mutter erz?hlte, wie ihr einmal fünf Kreuzer an der Bahnkassa gefehlt h?tten und der Beamte dort sie nicht habe mitfahren lassen wollen. ?So e Schlemasl, was ich hab.? Ein L?rm sei das geworden, in dem Gedr?nge, sie habe sich aber nicht wegdr?ngen lassen, bis ein Herr hinter ihr gesagt habe: So ein Skandal wegen fünf Kreuzern – die alte Frau – und ihr das Geld geschenkt habe. – Die Mama zuckte nerv?s zusammen, Arnold amüsierte sich, dabei fühlte er aber, da? er etwas vergessen habe, bei einer schon vergangenen Wendung des Gespr?chs, so schnell ging es jetzt. W?hrend die Gro?mutter weiterplauderte und immer so vergnügt, als entsch?dige sie sich jetzt für langes Alleinsein, fiel es ihm ein: ?Aber hier hast du dich ja nicht zu beklagen. Hier in der Gegend scheinen ja lauter so freundliche offene Leute zu sein, und alle so sch?n.? ?No ja? meinte sie ?selten sieht man so e Larvengesicht. Aber jetzt sind ach B?hmacken hier, so ein Haderlumpgesindel, Zorbechol. Was, die verkafen for e Kraizer, was früher hat e Gülden gekost.? Sie entfesselte laute Anklagen gegen die Konkurrenz. Arnold erinnerte sich indessen wieder an etwas, was er vorher hatte fragen wollen: ?Du hast schon mehrere Kaiser, erlebt, was?? Zuerst verstand sie ihn nicht. ?Mehrere Regierungen von ?sterreich.? Das wu?te sie nicht. Aber einmal hatte sie eine Kr?nung gesehn: ?Do war ich in Prag, und da hat sich was angetan mit Wagen und Neugierigkeiten.? Der Krieg von Sechsundsechzig fiel ihr ein, dann die Türken und Russen. ?Meinthalben sollen se sich die K?ppe herunterschlagen?, als sei dies alles gestern oder heute geschehn. Sie wu?te alles, sie verstand alles und man konnte daher nicht sagen, ihr Blick sei beschr?nkt. Wie kam es trotzdem, da? alles, wie es in ihren Kreis trat, das Merkmal ihrer eigentümlichen Anschauungsart trug. Arnold h?tte es gern an dem Naheliegendsten erforscht. Er machte sie also auf seine neue Krawatte aufmerksam. ?Sehr sch?n? war das Urteil, nach einer strengen Pause jedoch folgte: ?aber so verw?ndlich.? ?Ja, da mu?t du dich in Acht nehmen? lachte ihn die Mutter aus. – ?Tut nichts, wir haben uns doch gern? rief er und strich ihr über das Haar, das jetzt zu einer runden festen Frisur aus den Z?pfen geschlichtet war ?Ich hab eine sch?ne Gro?mutter.?
Jetzt verlangte sie aber schon dringend, aus dem Bett zu steigen. Dabei rief sie die Mama zu sich und sagte ihr etwas ins Ohr, was diese sehr zu freuen und umzustimmen schien, denn sie half ihr sofort auf. Auch Arnold unterstützte und es war eine ziemlich schwere Sache, die Beine der Greisin von der hohen Bettkante allm?hlich vorsichtig auf den Boden zu stellen ... Arnold sah sie nun zum erstenmal ganz vor sich. Sie stand da, in ihrer zerknitterten Nachtjacke und im roten Unterrock, viel kleiner noch als er sich sie aus der liegenden Stellung heraus vorgestellt hatte, mit ganz gew?lbtem Rücken, den Hals verfallen, mit einer tiefen Rinne zwischen den schlaffen Muskeln. Langsam atmete sie und ging, indem sie sich zu beiden Seiten am Bett und am Sessel stützte, nur so fortschob. Man brachte ihr Pantoffeln. Ihre Beine waren dünn, doch an manchen Stellen geschwollen, die Adern hervortretend wie hartes rotblaues Holzgeflecht. Und wenn sie ihren ?rmel aufstreifte, sah man die Haut bis zum Ellbogen in zahllosen regelm??igen Furchen, einem schwachgewellten braunen Meere ?hnlich, dünn, beinahe durchgewetzt und so lose, über dem mageren Fleisch, da? sich diese Faltenwellen zusammenzogen und wieder abflachten, wenn sie den Arm rieb. Sie keuchte und bückte sich immer tiefer. ?De Fü?, de woll'n halt nimmer.? Die Mutter hielt sie fest, hüllte sie in die schwarze Jacke ein und führte sie hinaus. Da hatte Arnold, gerade wie ihr Rücken in der Türe verschwand, einen Moment lang, nur einen Moment, ein flüchtiges unklares unnatürliches Gefühl wie von Sinnlichkeit, diesem widerstandsf?higen K?rper gegenüber, dieser historischen Sch?nheit in all dem Ruin, wunderliches Zeug fiel ihm ein und er lachte keck auf, um es zu verscheuchen.
Nach einer Weile kehrten die beiden zurück. Die Gro?mutter setzte sich auf das Kanapee, dort sitze sie immer am liebsten. ?Aber du willst es doch nicht haben, das Kanapee? widersprach Arnold. Sie hielt es nicht für n?tig, ihn aufzukl?ren, obwohl ihre Miene sehr verst?ndig, gar nicht zerstreut, blieb. Von hier aus konnte sie durch die beiden Guckfensterchen hinaussehn, das eine führte gegen ein mehrst?ckiges Hofgeb?ude, auf der andern Seite war gleichfalls das Licht beinahe ganz durch einen Gartenzaun abgeschnitten, hinter dem man eine grüne Pumpe, ein G?rtchen und einen jener nicht sehr reinlichen engen Wege sah, wie sie seitlich zwischen Hausmauer und Zaun zu führen pflegen ... über jedes Fenster wu?te die Gro?mutter Auskunft. Dort wohnte ein Koch, ein geschickter Mensch, und dort die Witwe hatte drei T?chter, von denen die ?lteste an einen Juden verheiratet war und so glücklich, da? die zwei ledigen Schwestern auch nur Juden heiraten wollten. Die Schusterin dort dagegen hatte sie im Verdacht, da? sie ihr ein Pulver gestreut habe, ?aus Asis?, wovon sie eben den jetzigen Husten habe. Es war eben eine Freundin von Frau Keller. ?Oine mit Moine.? Ihr Schwager habe neulich das Hotel gekauft, in dem jener Koch angestellt war, und so billig ... Der Besitzer war damals betrunken gewesen und habe es ja auch nachtr?glich zurücknehmen wollen, aber da war es schon ?mit Zeugen festgemacht. Ja so ist's in der Welt. Der eine kommt dazü, der andere davon? ... Arnold flocht ein, was er ihr schon vormittags erz?hlt hatte, da? auch einer seiner Freunde jüngst ein gro?es Gesch?ft gekauft habe. ?So?? Das hatte sie schon wieder vergessen. Aber mit erstaunlichem Ged?chtnis kam sie wieder auf frühere Dinge zurück. Einmal, bei irgend einem Besuch, habe ihr Poldis Frau nur ?Nickelsupp? vorgesetzt (womit sie ?Kaninchensuppe? meinte), w?hrend die Familie selbst Torte zum Mittagmahl hatte. Nickelsupp, so was!... Lauter Erfindungen, kopfschüttelte die Mama ... Ein Fleischhacker habe die kleine Regie heiraten wollen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. Die Eltern des Herrn Beer wollten ihr einmal sechshundert Gulden geben, wenn sie die Partie zurückgehn lasse. Aber da sei sie, die Gro?mutter selbst, aus Wintertal herangefahren und habe ihnen den Kopf zurechtgesetzt: die Hauptsache sei, da? ein M?del koscher kochen k?nne, das Fleisch tüchtig einsalzen und da sei ihre Regie die Richtige ... ?Eine Idee hast du gehabt, da? ich überhaupt verlobt bin! Ja viel gekümmert hast du dich um uns? sagte die Mutter, mit z?rtlicher Bitterkeit, indem sie ein Glas mit Himbeersaft vom K?stchen nahm ?Willst du nicht ein bi?chen? Sonst trocknet dir noch die Kehle, von dem vielen Erz?hlen.? – ?Hast e Geruschber! Stell das Tippele hin.? – ?No ein bi?chen.? – ?Aber Mama, du mu?t doch deiner Mama folgen. Wirst du gleich das Tipfel hinstellen? befahl Arnold mit komischem Ernst.
Ohne zu klopfen war der Doktor eingetreten, ein stattlicher Mann mit blondem rundgeschnittenem Vollbart, er l?chelte: ?No, Mutterle, wieder ganz beinand.? – Arnold machte sich ihm bekannt, die Mama kannte ihn schon von früheren Krankheitsf?llen her: ?Nicht sagen l??t sich die Mutter, sie folgt halt nicht.? – ?No, wir werden sehn? erwiderte der Doktor, fühlte den Puls: ?fieberfrei.? – ?Die Mutter will die Medizin nicht nehmen? klatschte ihm die Mama. – ?Medizin müssen Sie nehmen, Frau Goldberg, das geht nicht?. Er sprach laut und eindringlich zu ihr, wie man gew?hnlich zu ganz alten Leuten spricht, er drohte beinahe ?das geht nicht?, doch, wie es schien, ohne auf besondere Wirkung zu rechnen. Sie nickte, ?ngstlich und folgsam. Indessen hatte man ihm einen Sessel gebracht, mit einer Geberde, als sei dies ein Vorzugssessel, obwohl nur zwei ganz gleiche da waren. Er lie? sich nieder, indem er auf seine breiten Schenkel klatschte: ?No, hammer uns wieder aufgerappelt, was?? und legte seinen Kopf an ihren Rücken. Nach vorn gebeugt sa? die alte Frau auf dem Kanapee, die Augen ins Ungewisse, geduldig wie ein Lammerl, w?hrend der Doktor, immer den Kopf an ihrem Rücken, mit dumpferer Stimme redete: ?Was wollen Sie haben, gn?dige Frau Beer, man mu? sie lassen, sie wei? schon selbst was ihr am besten taugt ... Tut es Ihnen hier weh? fuhr er in ver?nderter Stimmlage fort, w?hrend er den Rücken der Gro?mutter mit einem Finger beklopfte, dessen Spitze er aus der Krümmung hervorschnellen lie? ?Nein? und hier? Ein bi?chen. Und hier?... Wie viel Kinder haben Sie gehabt.? ?Vier? war die Antwort mit schwacher befangener Stimme. Die Mutter war erschrocken, machte Zeichen gegen Arnold hin, nein, was sich diese Gro?mutter schon alles einbildete, sie waren doch nur drei gewesen. ?Ans is tot zur Welt gekommen? sagte die alte Frau, ihre Gedanken erratend. ?Davon hab ich aber bisher kein Wort gewu?t? flüsterte Mama, doch schien sie diesmal eher zum Glauben geneigt. Der Doktor pochte weiter. Nun als schiebe er die Patientin beiseite, richtete er sich auf: ?Ein Vergnügen, das Mutterl zu sehn. In meiner Praxis sind mir noch nicht viele solcher F?lle vorgekommen, was glauben Sie. Keine Spur von Altersschw?che. Geh?r, Ged?chtnis, Augen, alles intakt. Sie k?nnen von Glück reden.? Was spricht er, dachte Arnold, er tut, als w?re die Gro?mama gar nicht vorhanden, und trotz all seiner Gemütlichkeit und Freundlichkeit schien ihm der Doktor dumm und unfein, eben mit dieser alten Frau verglichen. Und nun gar, als er abschweifte und von seiner Praxis zu reden anfing, sich breit machte mit Sechs-Uhr-früh-Aufstehn und Arbeiten-bis-zehn-Uhr, und dann noch die Gutachten für Gerichte, Versicherungsanstalten, das Geschmiere, was glauben Sie ... Arnold fragte ihn, wie lange es mit der Krankheit noch dauern k?nne. ?Husten Sie noch?? wandte sich der Arzt an die Gro?mutter, der die Mama indessen wieder ins Bett geholfen hatte. ?Ja, e bissele.? ?Ich werde Ihnen ein anderes Mittel aufschreiben? sagte der Doktor und zog auf einen Ruck die Füllfeder und sein Ledert?schchen mit dem Rezeptblock hervor, legte es aufs Knie und schrieb. ?E Mittel mecht ich habn, unter die Erd zu kommen? sagte die Gro?mutter, wie aus einer andern Welt her, und schaute ihn dabei mit einer gewissen überlegenen Schalkhaftigkeit an. ?Aber Mutterle, über der Erde ist's doch viel sch?ner ... Nicht?? wandte er sich breitspurig an Arnold und die Mama ?über der Erde ist's doch viel sch?ner, was glauben Sie.? Er zeigte lachend seine gro?en wei?en Z?hne und meinte noch, sachlich: ?So lange sie hustet, ist's gut. Der Schleim mu? heraus ... Ja, gestern wie ich hier war, da hab ich nicht gemeint, da? sie sich so schnell wieder herausmachen wird. Aber das ist es halt, dieses Fieber tritt manchmal auf, es ist noch nicht genügend beobachtet worden, in den medizinischen Fachschriften finden Sie nichts darüber, nur ein Praktiker kann Ihnen das sagen, dieses Fieber also tritt bei ?lteren Leuten mit einer enormen Heftigkeit auf, achtunddrei?ig, vierzig Grad, man meint, jetzt mu? die sch?nste Influenza kommen, mindestens ein Typhus. Und dann ist's auf einmal nichts. Reines Fieber und vorbei, aus.? In Arnold erwachte für einen Moment die Erinnerung an zahlreiche ermunternde Gespr?che mit seinem Freund L?b: ?Nun, werden Sie das nicht genauer beobachten? Werden Sie nicht darüber schreiben?? – Der Arzt sah ihn f?rmlich mitleidig an: ?Ich und schreiben! Wo hab ich denn Zeit? und er kam auf seinen seltsamen Studiengang zurück, beinahe w?re er Dozent geworden, nun, man wisse nicht, ob es so nicht besser sei. Die Arbeit sei sein gr??tes Vergnügen, da fühle sich der Mann. Von früh bis Abend zu tun.... Die Mama war beunruhigt: warum er bei so einem gro?en Einkommen nicht heiratete ... Er lachte kr?ftig: wozu er das n?tig habe, ihm fehle ja nichts, er sei zufrieden ... ?Dos da? mischte sich jetzt die Gro?mutter ein, die nur scheinbar teilnahmslos dagelegen war ?Dos da is e K?ppile, mei Arnoldele, der is ach tüchtig, der hat Chochme, er schreibt ach in Zeitungen.? Das hatte ihr die Mutter erz?hlt und jetzt brachte sie es instinktiv gegen die Protzereien des Doktors vor. ?So, das interessiert mich aber sehr? wandte sich der Doktor an ihn und redete l?ngere Zeit darüber, da? er sich nicht oder doch erinnere, seinen Namen einmal gelesen zu haben, und: ?Was für ein Genre kultivieren Sie?? Er werde von nun an achtgeben. Bei der Erw?hnung von Arnolds Reisebriefen kam er auf seine Reisen zu sprechen, jedes Jahr zwei Monate lang – was glauben Sie, einmal im Jahr mu? man tüchtig ausspannen. Er gab sich in diesem Zusammenhang auch noch als ?Nimrod? zu erkennen. So blieb er beinahe eine Stunde und Arnold sagte sich, da? er freilich auf diese Art mit seinen Patienten bis Abend nicht fertig sein k?nne. Doch sofort korrigierte er sich innerlich: es ist dies ja seine einzige Visite, das betrachtet er wohl nur als Erholung, ich habe ja den Andrang in seiner Wohnung gesehn – nur nicht ungerecht sein – so ein netter Mensch. Die Gro?mutter schien er allerdings über seinen Erz?hlungen etwas vergessen zu haben, nur als sie hustend seufzte, rief er ihr zu: ?Was wollen Sie! Sie sind die Gesündeste hier im Zimmer. Sie werden uns noch alle überleben.? Im Weggehn stie? er an die Kohlenkisten und, als müsse er alles wiederholen, was Frau Lichtnegger über ihn berichtet hatte, lie? er zum Abschied den Witz fallen: ?Nun, was für Sch?tze haben S' denn da eingesperrt, Mutterle. Das ist ja wie im M?rchen.?
Sie atmete auf, als er drau?en war: ?Hast e Kol gehabt. Alles nur was wahr is.? Dann wurde sie stiller, da gegen Abend ein leichter Fieberrückfall sich wieder einstellte ... Arnold mu?te ans Weggehn denken, es war sp?t geworden, und in einer angstvollen Unruhe fragte er sich, ob er noch einmal im Leben dieses liebe Gesicht, den eingesenkten Mund, den er kü?te, wiedersehn würde, ob das nicht ein Abschied für immer sei ... Er konnte nichts herausbekommen, was ihren Anschauungsformen entsprochen h?tte. Und doch, wie gern h?tte er etwa vorgebracht, da? dieses Wintertal, bisher ein ihm g?nzlich gleichgiltiger Flecken, von nun an eine ungeheure Bedeutung für ihn habe – da? er es stets in seinem Rücken wie eine Festung spüren werde – oder was für eine seltsame Reise hierher das eigentlich gewesen sei, da er von der Stadt aber nicht den geringsten Eindruck gewonnen habe, nicht einmal wisse, wo der Marktplatz sei, da? diesmal sich alles nur zu ihrem Bilde verdichtet habe und alle Stra?en nur Linien waren, die durch farblose Luft zu diesem Bilde hinführten ... Er stammelte und, w?hrend er rot wurde, fühlte er, da? seine Wangen schon von früher her hei? waren, da? er wohl seit dem Morgen mit dieser R?te gezeichnet herumging. Und pl?tzlich brach ihm ein Strom von Tr?nen wie aus dem Innern des Kopfes hervor, in die Augen, w?hrend er sich zu ihr niederbeugte: ?Gro?mutter, liebe, liebe ...? – Die Gro?mutter indessen schien sich über den Abschied weniger aufzuregen, als er gefürchtet hatte. Nur ihre H?nde zitterten, die sie ein Weilchen auf seinem Kopf hielt, um ihn zu segnen.... Die Mutter blieb wohl noch zwei Tage lang hier, sie trug ihm auf, einiges dem Papa und den Dienstm?dchen auszurichten ... In der Stube war es nun ganz dunkel. Die Mutter hatte eine neue Petroleumlampe gekauft und schickte sich an, sie anzuzünden, w?hrend Arnold langsam hinausschritt. In der Türe blickte er sich um, fing aber keinen letzten Blick der Gro?mutter mehr auf, da sie gerade der Mama angelegentlich, mit gespanntem Gesicht in die Hand schaute. Der Docht flammte auf und beleuchtete ihre Stirn, auf der die zwei Halbkugeln über den Augenbrauen je einen blitzenden Punkt bekamen, wie selbstleuchtende kleine Sonnen. –
Beinahe verfehlte er den Zug. Welchen Zug denn? – Natürlich nicht den in seine Heimat, sondern über Dresden nach Berlin. – Sowie er die Hütte verlassen, hatte ihn n?mlich dasselbe Gewirr wie zu Mittag befallen. Auf dem Bahnhof aber war mit einem Mal sein Plan fertig, wurde ihm wie auf einem Teller von unsichtbarer Hand vor das Gesicht geschoben: sofort an Gottfried Eisig telegraphieren, da? er den Journalistenposten in Berlin annehme, den Eltern dasselbe, und sofort nach Berlin abreisen, obwohl es dort nur h?lzerne Treppen, keine steinernen gab. – Pl?tzlich sah er sich aus den kleinen Verwicklungen seiner Heimatstadt herausgehoben, vor ein neues Leben gestellt, als h?tte ihm die Gro?mutter erst gezeigt, wie gro? die Welt sei und wie verschiedenartig die M?glichkeit zu wirken für den Energischen. Und zwischen den glatten hellerleuchteten W?nden des Eisenbahnkoupees, den Blick auf das schwarze Viereck des Fensters geheftet, auf die Nacht da drau?en, überkam ihn eine schier übermenschliche Freude ... Was lag ihm am Komitee, was an Lina! Es würde schon nicht das ?rgste geschehn, es würde sich schon irgendwie aussitzen. Was war denn eigentlich dabei. Ihre Worte klangen ihm im Ohr: An Heiratsantr?gen habe ich keinen Mangel. Und dann, sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, mochte sie dafür bü?en. Ebenso dieses Komitee, genau so ... Er spürte in sich den bisher nie geahnten Willen, hart und rücksichtslos vorzugehn, über die K?pfe dieser unbedeutenden Menschen, die sich an ihn h?ngten, mit Gleichgiltigkeit hinweg. Und lustig noch dazu, ohne viele Umst?nde. Diese Lina – den ganzen Tag hatte er an sie nicht gedacht – jetzt erinnerte sie ihn mit ihrem Gerhart an der Hand an die kl?gliche Frau Lichtnegger mit ihrem einf?ltigen Jungen, nur da? sie noch au?erdem diesen Exophthalmus hatte, den ekligen, diese kupplerischen Rollaugen, die ihm sogar krankhaft schienen, da er sich nun auf den medizinischen Namen besonnen hatte. Es war ihm fast, als h?tte sie ihn beleidigt, als w?re es sein Recht, sich gegen sie zu wehren. Weg damit! Es war nicht die Hauptsache ... Vielmehr dies: tüchtig sein, endlich etwas leisten, mit sich selbst zufrieden sein, so lange man lebt, und wenn man schon die unglückliche Gabe der Vielseitigkeit und Gewandtheit in sich hat, diese üppigkeit in den einzig hierfür m?glichen Beruf leiten: den Journalismus. Er hatte die bescheidene Idee, da? dies allerdings nicht das Letzte, Tiefste, für die Menschheit Wichtigste sei – und doch, nun da er erkannt hatte, da? darin seine eigentliche Begabung lag und da? sein Leben eigentlich von Jugend an darauf hingezielt hatte, nun fühlte er eine Liebe zu dieser ?ffentlichkeit und allseitigen Bewegung in sich, ein Feuer, das selbst einen geringeren Gegenstand geadelt h?tte. Es war ja so sch?n: reden, schreiben, hei? sein, immer im Galopp, aus der wei?en kreidigen Asphaltwüste einer ungeheuren Stadt Lorbeerhaine und grüne duftende Zedern aufrei?en, alles mit sich ziehn, Bühnen gründen, Vereine, neue Stile, Warenh?user, Reichtümer – o, es mu?te glücken! Denn nun liebte er auch sich selbst – zum erstenmal in seinem Leben – sich selbst und alles, was aus ihm herausdrang. Er war allein mit sich und doch nicht unzufrieden wie sonst immer, er fand sich selbst sympathisch, so wie er sich als Resultat der Wanderungen und Untaten seiner V?ter erkannt hatte, ihrer Jahrtausende alten Verblendungen, ihres Blutes, ihrer Tugend und ihres überschwangs. In seinem unm??igen Temperament fa?te er heute zum erstenmal das Erbe jenes biblischen Zornes, mit dem ein Volk von Raubtieren aus der Wüste sich über den Jordan schüttet und die St?dte unbekannter St?mme mit der Sch?rfe des Schwertes austilgt, jenes Zornes, den Simson in lachenden, vor Lachen beinahe sinnlosen Heldentaten ausübt. Arnold fühlte Boden unter seinen Fü?en, das war es, zum erstenmal ... und wie sich ihm eine ganze Nation, eine Reihe von klotzstirnigen gewaltt?tigen aufdringlichen Ahnen erschlo?, zu deren Fü?en unglückliche Opfer, h??lich schreiend, verbluteten: so spürte er doch zugleich auch in sich all ihre in die Luft verhauchten Z?rtlichkeiten, ihre feinnervige Sehnsucht, ihr Klagen wie das Rauschen eines Waldes, ihr freundliches und gescheites Aufpassen mit Lichtpunkten in den Augen, ihre kühnen unerschrockenen Würfe, ihr natürliches Führertum und Erz?hlertum, ihren selbstverst?ndlichen Lebenswandel, den man fast fromm nennen konnte, und ihre Ergebung in das gro?e Schicksal aller Menschlichkeit, nicht zu ergründen und deshalb nicht zu beklagen.
So sa? er und bald besch?ftigte ihn, da die Erregung nachlie? und endlich der feste Entschlu? wie ein starrer Goldklumpen zurückblieb, nur der Gedanke, ob er auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin rechts oder links aussteigen werde. Das hei?t: er wu?te, nach der Fahrtrichtung, da? der Zug von Südosten in den Bahnhof einfahren müsse und da? also zur rechten Hand auszusteigen sei, denn auch die Lokalit?t dieses Bahnhofs war ihm von früheren Berliner Aufenthalten her wohlbekannt. Beim Einsteigen in Wintertal mochte er aber irgendwie die Richtungen verwirrt haben, kurz, nun hatte er immer das Gefühl, da? der Bahnhof links kommen werde. Er rückte von einer Bank auf die andere, versuchte gleichsam seinen Kopf umzudrehen, umzustülpen, vergebens, die richtige Orientierung wollte sich nicht mehr einstellen. Endlich ergab er sich in seinen Wahn, l?chelnd, da die L?sung bei der Einfahrt sich sowieso von selbst einstellen mu?te, und nahm die seltsame, ja geheimnisvolle Unordnung dieser Nachtfahrt für den letzten Ausklang seiner jugendlichen Ziellosigkeit, die jetzt für immer abgetan war.
Nachwort
Dem geneigten Leser wird es nicht entgehn, da? der Dichter in diesem Buche mit verst?rkter Entschlossenheit in einer Richtung fortschreitet, die er in seinem letzten Roman ?Jüdinnen? begonnen hat.
Da also Vorwürfe und Einw?nde, die gegen die ?Jüdinnen? erhoben wurden, das neue Buch wiederum treffen dürften, und zwar verdoppelt – denn man wird mit Recht dem Dichter vorhalten, da? er auch wohlwollende Ausstellungen sich nicht zu Nutze hat machen wollen, man wird ihn engherzig und verstockt nennen –: so wird es wohl nicht mü?ig scheinen, wenn ich auf einige dieser Vorwürfe an dieser Stelle eingehe, nicht um sie zu entkr?ften – denn kann ehrlich aus dem Herzen Geschleudertes jemals entkr?ftet werden –, sondern nur, um zu zeigen, wie ich diese Vorwürfe in meinem Innern geordnet, gruppiert, teilweise mit meinem Willen in übereinstimmung gebracht und teilweise der allgemeinen Harmonie der Welt zum Ausgleichen überlassen habe.
Nun an die Sache!
Da sei zun?chst für das vorige Buch, wie für dieses und für alle meine zukünftigen das Mi?verst?ndnis, als seien in den hier handelnden Personen irgendwelche lebende Menschen meiner Umgebung portr?tiert worden, weit zurückgewiesen. Wohl haben Beobachtungen des Wirklichen und Gedanken, die mir das Leben selbst eingab, in meine aufbauende Arbeit bewu?t und unbewu?t eingespielt; doch hat jedes, auch das geringste tats?chliche Detail durch seine Einfügung in ein ganz andern Gesetzen und h?heren Zielen folgendes Ganzes so gründlich seine Wesenheit ge?ndert, da? ein Rückschlu? von dem Kunstwerk auf den verarbeiteten Rohstoff zu den willkürlichsten Irrungen führen mu? – wie denn überhaupt der Satz, da? alle in einem Kunstwerk irgendwie vermutete handgreifliche Wirklichkeit sich letzten Endes als eine Wirklichkeit h?heren Ranges, mithin für den gemeinen Kopf als ein blo?er Schein darstellen mu?, hier durchaus und im strengsten Sinne statthat.
Ein ebenso entschiedenes ?Nein? kann ich der zweiten Gruppe der Unzufriedenen nicht entgegensetzen: denen, die die Figuren meines Romans ?Jüdinnen? oder doch ihre Mehrzahl als ?unsympathisch? bezeichnet haben. Zwar liegt auch diesem Urteil eine allzu enge Anschmiegung von Lebens-Ma?st?ben an das Kunstwerk zu Grunde und das Beiwort ?unsympathisch? geh?rt eher in die Schule des t?glichen Verkehrs als in den Mund eines Kunstrichters: doch will ich mich auf diesen frostigen Standpunkt nicht zurückziehn, lieber gestehn, da? ich selbst mit den erfundenen Gestalten der ?Jüdinnen?, mit Irene, Olga, Hugo und den andern, nicht nur durch literarische Gefühle, auch durch menschliche Parteinahme und Liebe mich verbunden fühle. Durch Liebe: damit habe ich ausgesprochen, was ich auf den Vorwurf des ?Unsympathischen? zu erwidern habe. Ich gebe zu, da? meine Gestalten, als Menschen betrachtet, b?se Züge und Charakterfehler aufweisen; aber eben ihr Fehlerhaftes und damit das Fehlerhafte eines ganzen Menschentypus, zum Beispiel aller Jüdinnen wie Irene, als etwas durch ungünstige Lebensumst?nde Bedingtes, als Krankhaftes, Unverschuldetes, Notwendiges, durch besondere Zuf?lle sogar Heilbares anzusehn, das wollte ich lehren. Für mich ist Irene weit eher bemitleidenswert als unsympathisch. Der flüchtige Betrachter nur wird bei einem Verdammungsurteil über unglückliche Wesen stehn bleiben, deren Aufschreie, deren tüchtigen Kern und bis an das Himmelsgew?lbe reichende Wichtigkeiten meine eindringendere Darstellung aufdecken wollte, die freilich ohne eindringenderes Lesen, ja Studium des Buches wirkungslos bleibt.
Von hier ist nur ein kleiner Schritt zu machen, um dem Tadel, diesen Büchern fehle die ?Handlung?, entgegenzutreten. In ihnen ist freilich keine Kaiserkrone zu vergeben, auch Mord und Raub kommt nicht vor. Es werden Vorg?nge geschildert, die einem Nichtbeteiligten oft als geringfügig erscheinen m?gen. Aber eben nur dem Nichtbeteiligten. Da? aber die Geschehnisse die ganze Seele der handelnden Personen, ihr Edelstes und ihr Niedrigstes, aufwühlen, da? nur von au?en gesehn allt?gliche und langsam fortschreitende Tatsachen, aus dem Herzen der Betroffenen gesehn aber schnelle Umstürze, überraschungen, Verwicklungen, Mord und Raub vor sich gehn: das haben fühlende Leser wohl nicht unbemerkt gelassen und das weiter auseinanderzusetzen, würde mir wenig anstehn.
Noch zwei Gegenstimmen. Mein Buch sei zu ausgepr?gt jüdisch, sagt die eine und die andere, es sei nicht jüdisch genug. Nun k?nnte ich mit einer nicht einmal sophistischen Wendung diese beiden S?tze gegen einander ausspielen und gegenseitig für widerlegt erkl?ren. Doch würde mich eine solche ausweichende Art der M?glichkeit, mich mit meinen Lesern rechtschaffen zu verst?ndigen, berauben und ohne die ehrliche Hoffnung auf eine solche Verst?ndigung h?tte ich ja diese ganze Ausführung ungeschrieben lassen k?nnen. Ich will also lieber annehmen, da? hinter diesen beiden schnellen Einw?nden ein dritter, wenn auch nur dunkel gedacht, verborgen liegt und da? er etwa darauf abzielt: meine Bücher h?tten keine entschiedene Tendenz, kein Ethos, sie ?u?erten trotz ihrer Titel keine eigentliche Meinung über das Wesen und die Zukunft des Judentums. – Wie nun aber, wenn gerade in diesem Nicht?u?ern ein Stück meiner Meinung über das Judentum, ja meines ganzen weltanschaulichen Wollens l?ge! Ich habe es nirgends unternommen, den Typus des Juden oder der Jüdin zu schildern, weil ich einen solchen Typus genau gesprochen nicht anerkenne. Vielmehr scheint mir die Mannigfaltigkeit und das Umfassen vieler Gegens?tze dem Judentum sehr wesentlich zu sein, und ich habe dementsprechend meine Aufgabe darin gesehn, zun?chst für kleinere Gruppen von Juden einen Typ zu bilden. Als solcher Typ einer immerhin ziemlich umfassenden Menschheitsgruppe wollen Irene, Olga u. s. f. angesehn werden, und auch das vorliegende Buch stellt ?das Schicksal eines Juden?, vieler Juden vielleicht, aber nicht einmal andeutungsweise aller dar. Es sollen vielmehr in einem Zyklus weiterer Romane ganz andere, zum Teil entgegengesetzte, erg?nzende Typen so lange auftreten, bis ein Aufsteigen von dieser Typenreihe zu einem h?heren Typus vielleicht m?glich erscheint, vielleicht als undenkbar für immer abgelehnt wird. In diesem erhofften Zeitpunkt wird sich das Bild des Gesamtjudentums allerdings, wie ich schon jetzt voraussehe, wesentlich komplizierter, kr?ftereicher, flie?ender, vor allem auch harmonischer darbieten als es seinen jetzigen wohl allzu einseitigen, wenn auch in manchem Hinblick vortrefflichen Theoretikern wie Birnbaum, Sombart, Buber, Zollschan u. a. erscheinen kann.
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