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Chapter 3 No.3

Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mi?mut blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die St??e des Zuges nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen er sich wohl hütete.

Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er t?tig ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für die treue Frau Lichtnegger Würste und einen gro?en Schinken, für die Gro?mutter Magenlik?r, den sie immer verlangte, Brustbonbons und andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wu?te, heiterte sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden, natürlich – und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute – er solle nur recht lustig sein, ihr Witze erz?hlen, auch sagen, da? er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache – und warum er so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.

?Auf solche Sachen gibt sie noch acht?? meinte Arnold zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn.

?O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. überhaupt, gescheit ist sie ...? Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut w?re ...

?Ist sie wirklich so b?s?? fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.

Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend zu erz?hlen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt war die Vergangenheit n?her an sie herangerückt. Was für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die H?lle. Oft mu?ten die Kinder N?chte und Tage lang Kn?pfe auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, mu?ten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. ?Wir haben mehr Schl?ge gekriegt als zu essen.? Und dabei war solcher Flei? gar nicht n?tig, denn das Gesch?ft ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar sp?ter ein eigenes Haus. Aber die Kinder mu?ten weiter arbeiten, nur aus Geiz, da? ihnen die Finger wund wurden, auf einem Schammerl stehn und gro?e Kisten packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer L?rm, Schimpf, Prügel, da? schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal wurde die ?lteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die Fremde, sie wollte Kinderg?rtnerin werden, war gebildet, an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen – anderswo, das w?re ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur – nie hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten entzückt – der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, gestorben – so sch?ne Z?hne, sch?ne Haare, alles weg – und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen H?nden, ihr doch mit etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte man vom Vater nichts mehr geh?rt; verschollen. Die Hütte aber in Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens die Gro?mutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Verm?gen ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Br?utigam, der das g?nzlich hilflose M?dchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie – Mama, als letzte – war einmal auf dem Pilsner Markt der Gro?mutter entwichen: ?Und wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause? ... Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen M?dchen halt ein bi?l geweint. Mit N?harbeiten auf der Maschine sich das Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie t?glich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der gro?en Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen h?tten, ob sie noch anst?ndig seien. Jetzt freilich, wenn man der Gro?mutter zuh?re, habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. ?Meine sü?e Marie, was hast du sterben müssen.? Sie k?nne solche Reden gar nicht anh?ren ... Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst emporgetaucht war, zu r?tselhaftem Geschick. Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur unvollst?ndig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er die Mutter so erz?hlen geh?rt, jetzt war er ergriffen, und w?hrend der Zug an reizenden W?ldchen, heiteren Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.

Auch die Mutter meinte: ?Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schlie?lich ist sie ja doch nur die Mutter. – Wenn man nur mit ihr auskommen k?nnt. Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im B?sen fortgefahren ...?

?Warum denn?? Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, seine Gro?mutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Ha?.

?Sie ?rgert sich halt vielleicht, da? wir sie nicht zu uns nehmen. Aber geht das denn? K?nnte das ein Mensch aushalten?... Und dann spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, da? nur die Landluft da drau?en sie so lang gesund erh?lt; sie würde nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen.? Sie schlo? in einiger Verlegenheit.

Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber nicht auff?llig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da drau?en lebe.

Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich selbst?ndig ern?hrt, Gott wei?, womit. Sie mache Gesch?fte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich beschwindelten sie ja auch die Leute, sie k?nne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. – überdies habe sie Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr gr??ter Stolz, da? sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde, was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. ?Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr Liebling.?

Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Gro?mutter vor Jahren.

?Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. Das hat sie l?ngst vergessen. – Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein Papa, das ist der Obergott.?

?Warum??

?Ich wei? nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben arm geheiratet ... Nicht h?ren kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie schimpft.?

Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die sch?ne Landschaft drau?en, den Tiergarten und das Schlo? von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die sp?rlichen Lichtblicke – einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. ?Der Herr Registrator auf Reisen?, das war der Titel des Stückes. O, sie k?nne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Gro?mutter zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mu?te bitten kommen. Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Gro?mutter überhaupt sehr viel gegeben, und da? einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erz?hlen. Nun, er werde ja diese Anekdote morgen selbst h?ren. – Diese Wendung brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie ?u?erte Besorgnisse. ?Wie werden wir sie antreffen.? Und Arnold, der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde diesmal wohl gerade zum Begr?bnis zurechtkommen.

Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gep?ck im Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll ?ngstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch gegl?ttete Zimmer wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: ?Ai der Bohne – h?rst du – das hei?t: an der Bahn – ja, so spricht man bei uns, ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.? Sie sprach von der Heimat, den ?rtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie genau, auch die letzten Ver?nderungen, da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erkl?rte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, nur aus Gef?lligkeit h?tten sie den schweren Dienst übernommen, t?glich bei der Gro?mutter nachzusehn und von Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerz?hlt, Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das kleine Seifengesch?ft eingerichtet habe. Eine vollst?ndige Lüge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man k?nne ihnen gar nicht genug danken ... Und Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Gro?mutter nachschauen gehe. – ?Nein, ich mu? mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.? Und als h?tte sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in gro?em Stolz zeigte sie die Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht H?user vermutet h?tte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Stra?e, die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergo? sich wie durch eine R?hre l?ngs der H?userw?nde herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre Liebe zu dieser alten b?sen Frau unbegreiflich fand, sagte er sich, da? er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf nicht gescheut h?tte. Diese Halbheit, diese M??igung in der Besorgtheit verstand er nicht.

Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine goldenen Manschettenkn?pfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: ?Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme und man soll nur noch einmal schreiben.? ... Arnold dachte: Also sie lebt noch, wirklich unverwüstlich ... ?Aber denk dir nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die ?rmste, wie sie mir's erz?hlt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben da eine sch?ne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht h?tte, kein Mensch wü?te was davon.? – ?Hast du ihnen den Schinken und das andere gegeben?? – ?Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen Reden. Es sind so anst?ndige gute Menschen.? – Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: ?Gehn wir jetzt noch hin?? Er wollte ihr mal seine Meinung sagen. – ?Nein, sie schl?ft jetzt. Und das ist recht, da soll man sie nicht st?ren. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen ...?

Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen. Unruhig tr?umend sah er den mi?glückenden Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in gro?en Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit emporgehobener Handfl?che vor dem Photographen schützend, wie er dies bei Bildern von Proze?berühmtheiten gesehn hatte –, in diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an Lambert und der Sammlung – jetzt war der Flug l?ngst entschieden – ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen – er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen Glotzaugen, wie sie sie hatte, gro?e gesunde rote Kerle von Kindern, so gro? wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ?hnlich, wenn man's recht nahm – von neuem ri? es Arnold empor, und die einsamen kahlen W?nde anstarrend, die sich schon im Morgengrauen erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge doch nicht – aber vielleicht ins Gebirge fliehn – er begann von Lawinen zu tr?umen, die sich in St??e blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein paar Schn?rkel einer M?dchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, nein, ein Fu?ball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Stra?en.

Sie bog hinter einem zweist?ckigen H?uschen ein, das, in einer Nebenstra?e gelegen, noch ganz das Aussehn eines Gro?stadthauses hatte, mit Fensterkr?nungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter lief ein grasiger Fu?pfad steil bergab, zwischen freien und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Baupl?tzen sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein Nebenweg zu einem verz?unten Garten, der auf einem Hügel lag, neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen den Fu?pfad vor, so da? sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser bog die Mutter ein ... ?Hier also?? fragte er beklommen. Er zitterte ein wenig, in so etwas d?rfisch Armem, Zusammengeducktem lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. ?Warte ein bi?chen? sagte die Mutter ?ich will sie doch vorbereiten.? W?hrend sie vorausging, betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die W?nde aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, wei? eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das gro?e, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, ru?ig und wie zerfallen; wie eine faltige Haube, h?her als das ganze übrige Geb?ude, drückte es mit unverh?ltnism??iger Kraft herab und armselig sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform aus gro?en rohen Steinen, mit einem ureinfachen Gel?nder – wie wenig bequem, wie l?ndlich das alles!... Die Mutter stand nun wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein von dunklem Ger?t verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine m?chtige Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unh?rbar geblieben w?re und die die Mutter vor ihm ?ffnete, w?hrend sie ihm nochmals zuflüsterte: ?Sei nur hübsch lustig ...?

Er trat ein, sich bückend.

Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche Stimme sagte, w?hrend er z?gernd sich n?herte: ?Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...? Er beugte sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. Und auch die Augen der Gro?mutter ver?nderten sich, diese beinahe hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus – und dieser Anblick rührte ihn so, da? er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Gro?mutter leise fort, aber durchaus nicht erregt: ?Gro? bist de geworden, unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll ...? Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: ?Kü? die Hand, Gro?mutter, no du siehst ja gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...? Sie flüsterte weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden Ton: ?Was tu ich dir nur für e Kowed an, Arnoldele?...?

Die Mutter soufflierte ihm die übersetzung: ?Kowed – Ehre –?, und w?hrend er sich an sie wandte: ?Ich wei? ja?, steckte sie ihm die Düte mit Brustzelteln in die Hand.

?Ich bin froh, da? ich bei dir bin? sagte Arnold laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: ?Schau, was ich dir mitgebracht hab. Ich hab geh?rt, da? du das gern hast ...? Er wollte sagen: ?magst?, doch erschien es ihm pl?tzlich notwendig, die einfachsten Worte zu gebrauchen.

?Ich hob immer gewü?t, da? du e braves Kind bist ...? Auf mehrere deutliche Worte folgten immer ein paar unverst?ndliche. Dann, an die Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: ?Ich sog dir, Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und Gemüt.?

Arnold reichte ihr die Düte.

?Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl? sagte die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: ?Sie hat zwei Tage lang nichts zu sich genommen.?

?Ich hab ka Appetit.?

?No eine Kleinigkeit? schmeichelte er ?wenn ich dich sch?n drum bitt.?

Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schlo? sie die Augen, wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spa? einmal nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück: ?E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken Menschen is das nix ...? Sie seufzte auf. ?Nur herümgehn wenn ich k?nnt ...?

?Es wird schon wieder werden? tr?stete die Mutter. ?Nur Geduld. Eine gute Patientin, was? Noch ein bi?chen Fieber?? Sie tastete ihr auf die Stirn. ?Nicht so arg.?

?Das verfluchte Fieber, ja ja ...? Die Kranke keuchte wieder und hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus Zorn, nicht v?llig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelm??ige Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. ?Wie ich voriges Jahr operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese Geseres. Alle Kr?nk auf krumm Gitel ...?

?Das ist die Medizin, nichtwahr.? Die Mutter kramte am Fensterbrett ?wo ist aber das L?fferl??

?Ich hab ka L?fferl – ich trink mir e bissel aus dem Fl?schel.?

?Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.?

?Mei Deige! Bis ich halt genug hab.?

Die Mutter kramte weiter: ?Und das Thermometer, zerbrochen!?

?Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.? Die Gro?mutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die Hand auf ihre Stirn, dr?ngte die Hand der Mutter zart weg ... Da war W?rme wie unter einer dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten Knollen über den Augen, die er auch an sich wu?te ... Ein Gefühl unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verst?rkt durch das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberw?rme oder die Ahnung, da? er hier etwas wie ?rztliche Hilfe leiste, ganz entfernt etwas Liebendes, Sachverst?ndiges. ?Hitze, ein bi?chen Hitze? nickte er wie im Traum. Die Gro?mutter schlo? die Augen wieder. ?Was hat der Doktor gesagt?...?

Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: ?Was für eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bi?l Kaffee, nicht?? und n?herte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, schmeichlerisch: ?Koffi, nicht??

Die Gro?mutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt gl?nzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein Schleimfaden zog sich daran. ?Geh lo? mich, wenn ich dir schon emol gesagt hab? und ihre Augen bekamen pl?tzlich zwei gl?nzende scharfe Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: ?Nü, setz dich henidder, mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.? Er zog den groben Stuhl aus wei?em Holz ans Bett.

?Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles selbst mitgebracht.? Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine Würstchen. ?Ich mu? nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir sorgen schon für uns.?

Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: ?Wann kommt der Doktor,? da er darauf noch keine Antwort hatte. – ?Um zwei Uhr, hat Frau Lichtnegger versprochen.? – Und nun beugte er sich, beruhigt, z?rtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: ?Nun also, was gibt es denn? Sch?ne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen, nichtwahr ...?

?Ich kann nimmer gehn? jammerte sie schwach. ?Ich hab mr ja gewünscht, ich k?nnt zwa T?ge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen ... Ich k?mm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh, bin ich umme zw?lf dort, wo ich hab hingewellt ...?

?No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus spaziert ...?

?Sei haben geschrieben? sagte die Alte still. ?Ich hab ihnen nix gesagt.?

Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte sich, da? sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam gemacht hatte, und schwieg ...

?Sei haben geschrieben? wiederholte die Gro?mutter ?Aber jetzt geh i nimmer aus ... Jetzt bin ich echtf?rbig.?

?Echtf?rbig?? Er hatte vielleicht falsch geh?rt.

Ein ganz schwaches L?cheln suchte die Falten zu durchbrechen: ?No ja, weil's nicht ausgeht ...?

Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen r?teten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, w?hrend er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.

?Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen ...?

?Nein, wir sind von selbst gekommen, Gro?mutter. Oder bist du vielleicht nicht froh, da? wir da sind, no schau ...?

Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverst?ndlich war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, da? sie ihn nicht verstehe oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, da? er noch nie zu ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewu?tsein einer Verst?ndigung war ihm so sü?, wenn es ihm wieder kam, da? er alles andere übersah, so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft bemerkt und daher alle für gescheit h?lt. ?Schau an? meinte sie pl?tzlich und ihm schwoll das Herz ?dei Mutter, wie se den Hut nicht auszieht bei mir ... no er pa?t ihr auch gut, was nur wahr is.?

?Wenn ich Dir nur gefall? erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab.

?Sch?ne Frisur.? Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht erstaunlich t?nte wie eine Prophezeiung.

?Gott sei Dank, ich gefall Dir heut ...? Auch etwas Eigensinniges lag in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges M?derl gegen ihre Eltern die Erfahrene machen wollte.

?Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.?

?Pa? nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein?, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.

?Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, da? ich dick bin. So die ?rme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut ... Und e d?rre Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich auslachen, weil ich so d?rr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden, sogt er. Da k?nnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich gesogt. Do w?r uns beiden recht ...? Die Gro?mutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne st?rker geworden zu sein, ohne sich ge?ndert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war sü?.

?Es brennt schon? rief die Mutter vom Ofen her. ?Das ist halt Dein Kuks?wile, was, Mutter.? Sie wollte der Gro?mutter einen Gefallen machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Gro?mutter merkte es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: ?Ja das is mei Kuks?wile, e guts ?wile.? – ?Da brauchst Du Dich wenigstens mit keinem Dienstm?dchen abzu?rgern.?

?Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama??

?Lo? se gehn? sagte die Gro?mutter, mit einem vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm ?sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fu?boden war genau eso rein wie das Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, – sei soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über den Kopf geschütt ...? Arnold verlor den Faden von hier an, doch glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen gro?en Poren besetzt, wie durchl?chert, als h?tten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von L?chern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichm??igen Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnürte. Hier dr?ngten die Linien so dicht an einander, da? die schw?cheren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an die Oberfl?che gedr?ngt wurden, und diese tieferen schienen gar keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und sch?n gebogen aus dem Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen beredten Mund, der keine Z?hne mehr hatte; seine Lippen bildeten dafür zackige Erh?hungen und Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schlo? oder ?ffnete. Die Augen blitzten. Das Sch?nste jedoch war das schneewei?e Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine g?nzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, er h?rte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen T?nen, mit Erz?hlungen ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch offenbar der Erz?hlerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, da? ein jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer aufzustrahlen schien. Pl?tzlich unterbrach ein st?rkerer Husten und die Gro?mutter drehte sich der Wand zu ...

?Was ist?? rief die Mutter und kam herbei.

Die Gro?mutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der wu?te, da? sie einen neulich operierten Bruch habe – auch schmutzige Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn daran – wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. W?hrend die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal und klein, da? das Bett beinahe ein Viertel des Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stie? ein Küchenofen, dessen Platte, mit einem Gewirr von Schüsseln und T?pfchen, dennoch nie benützt zu werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider w?lzten sich über sie und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen, das Warenlager vielleicht. über ihn weg ging überdies zu dem wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisen?fchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabh?ngenden wackligen Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schl?ssern, aber alt und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz schmalen Durchgang lie?, so breit war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingen?hten Kn?pfen. Es pa?te gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt, stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern fremdartig suchte es nach Stützpunkten ... Arnold erinnerte sich denn auch, da? die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Gro?mutter zu Mittag darauf ausruhn k?nne, zum gro?en ?rger der Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch ein M?belstück au?er dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch überfüllten Zimmer: ein mageres Glask?stchen, wieder mit Geschirr gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, warum so viele, verga? es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch lesen. Oder nur hebr?isch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in K?sten, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen wei?en Tuch, das oben mit zwei N?geln befestigt war, verhüllt. Das war das Armseligste, diese nackten graugestrichenen W?nde, mit zwei winzigen quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei Porzellanzeug füllte – und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern mit offenem Geb?lk, mit Spinnweben und Gott wei? was noch – und alle Gegenst?nde hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in Schw?cheanf?llen, mit einander verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit ihrem unertr?glichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abf?lle, noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener W?sche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, schwachfü?ig, die Federbettdecke grau statt wei?, mit gro?en eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit r?tlichen Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten hübschen gro?en Stuben, Palastr?umlichkeiten f?rmlich, erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder die langen einsamen N?chte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mi?trauen (alle Leute bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fu?boden allein auf ... In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen hei?en eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies alles. Was mochte sie machen, w?hrend er die elektrische Lampe an seinem sch?nen Schreibtisch spielen lie? oder wenn er im Ruderboot sa?, mit Million?rss?hnen, in demselben Moment, was tat da die Gro?mutter? Gab es gar keine F?den? War es seine Schuld? Irgend jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er h?tte weinen m?gen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von Z?rtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee n?herte er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

?Setz dich nur hernidder? seufzte die Gro?mutter vom Bett her ?auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das geh?rt enk und ich will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.?

Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, w?hrend die Mutter an ihre Arbeit zurücklief: ?Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. Was f?llt dir ein.?

Sie murmelte etwas.

?Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Gro?mutter. Das ist mir lieber.? Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher, als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das Stichwort zu geben.

Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: ?Ich m?cht scho gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof m?cht ich machen.? Pl?tzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig st?rker, für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: ?Awere, mit den Würstlach w?rech scho lang fertig. Das is e Kocherei.?

?Ich bin ja auch schon fertig? antwortete die Mama, sichtlich stolz darauf, da? sie ihren Humor nicht verlor ?deine Kocherei natürlich, da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder.? Wie ein Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: ?Die Mutter trinkt nichts als Kaffee, das ist ihr Liebstes ...? und leiser ?Gut, da? sie uns heut keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.?

Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton eigentlich weniger verstand als den der Gro?mutter – offenbar lagen da Verh?ltnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten her – sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: ?Daraus machen wir uns nichts, was??

Die Alte drehte ihr H?ndchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der Handfl?che nach oben und dann wieder zurück – eine stumme Verachtung oder Hoffnungslosigkeit.

?Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch zwischen den Kocht?pfen? spottete die Mama weiter, offenbar um zu belustigen. ?Da ist ja die Falle ...? Sie zog aus einem der für Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: ?Leer ...?

?Das M?usile? l?chelte die Gro?mutter, fast gutmütig. ?Was macht denn mei M?usile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie fri?t en weg und l?uft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.?

?Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber ich hab Dir doch unl?ngst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?? Sie stie? Arnold leise an, aber doch so, da? die Gro?mutter es h?ren mu?te: ?Sie wird sie verkauft haben ...?

?Der Maurer hat mir geraten? schwenkte diese mit natürlicher überlegenheit ab ?ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.? Sie ?chzte. ?Wenn ich nur wieder gesünd w?r und aufstehn k?nnt. Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott gibt.? –

Es klopfte.

Herein trat Frau Lichtnegger, eine gro?e hellblonde Frau im Kopftuch, mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund steckte. Sie wollte sich, wie t?glich, nach dem Befinden der Frau Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie n?her, stie? aber pl?tzlich einen Freudenschrei aus: ?Nein, das ist ja unm?glich. Wenn Sie sie gestern gesehn h?tten, Frau Beer. Das ist ja gar kein Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt Freude, da? Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.? Arnold verbeugte sich befangen. Die Gro?mutter sprach zu ihr wie zu etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: ?Nehmen Sie doch Platz, liebe Frau ...? und redete überhaupt so still und sanft mit ihr, da? man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht recht vorstellen konnte ?wie geht's denn?? Und zum Buben: ?No, mei kleins Schekitzele.? Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr absichtlich scheinenden Kopfschütteln. ?Kein Vergleich mit gestern? flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu.

Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die G?ste ein. Man a? von einem ausgebreiteten Papier weg ... ?Nun, Mutter, was wirst du essen??

?Ich hab ka Appetit.?

?Ein bi?chen Himbeersaft mit Kuchen.?

?Ich hab ka Appetit.?

?Aber du mu?t doch etwas essen, – eine Grieskasch??

?Vielleicht eine Omelette? mischte sich Frau Lichtnegger ein und die zwei Frauen bedr?ngten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so da? Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.

Die Mutter war b?s: ?Hat man dich gefragt??

?Eppes hat mir heint getr?umt? sagte die Gro?mutter, an so unvermittelte überg?nge mu?te man sich hier gew?hnen ?Sie k?nnen auch zuh?ren, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt, nebbich, da? er mir hat erz?hlt, wie damals, von dir, Regie ...?

?Das ist es? machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.

?Er hat gerechnet auf der gro?en Tafel und gesagt, keiner soll jetzt reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf ich nicht aber doch etwas sagen? – Aber was willst du denn sagen, Kind? – Ich m?cht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer – Aber jetzt sagt man nichts – Derf ich aber nicht doch e kleins bi?l was sagen?... und sagt ihm, die Regie, da? irgendwo e Fehler is, auf der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt, so e Tam von e Kind – derf ich aber nicht doch e kleins bi?l was sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwürdigen Herrn selber erz?hlt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierb?nk, und der hochwürdige Herr hats dann mir erz?hlt.?

Die Mutter hatte nicht zugeh?rt und erkundigte sich, w?hrend Arnold der Gro?mutter die Hand drückte, bei Frau Lichtnegger, was denn der Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben, so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für Sch?tze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... ?Ja, das mu?t du dir anschaun? sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. ?Acht Schlüssel und nur drei ganze Schl?sser im ganzen Zimmer? sie zeigte auf die Kisten ?und was ist drin: ein bi?chen stinkige Kohle – und das glaubst du, Mutter, da? dir irgendjemand wegtragen wird – und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, da? dir der Deckel in der Hand bleibt, so alt sind sie – aber wenn sie nur hübsch zugesperrt sind ...?

Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen, in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und fragte ganz harmlos die Gro?mutter: ?Wozu hast du denn die hübschen Schlüssel??

Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht geh?rt oder beachtet, was über sie gesprochen wurde, und z?hlte nun langsam, aber pr?zis auf: ?Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee ...? bis alle acht richtig herum waren. ?Nun also? warf er den Kopf gegen die Mutter auf ?Was redest du also? Nichtwahr, Gro?mama ...?

Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erz?hlen, wie besch?ftigt dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur der alten Frau Goldberg zu Liebe ...

?Er kommt ja bald ... Wir müssen, ich mu? aufr?umen, das ist ein Skandal? fuhr die Mutter verzweifelt in die H?he, sie hatte jetzt schon zu lange geplauscht ?die Betten überziehn ...?

Leise erwiderte die Gro?mutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt angeredet hatte: ?Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht alles so akrat haben.? – Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu k?mmen. Nur allein wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen lie?, so da? sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wu?te nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren ?u?erste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ... Mühevoll legte nun die Gro?mutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab, die sie bisher angehabt hatte, alle drei mu?ten sie halten, an dem gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau Lichtnegger in Beschreibungen von Gro?mutters Krankheitszust?nden, als sei sie gar nicht anwesend. ?Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.? Damit meinte sie den Schüttelfrost. ?Gestern hat sie wieder so einen Schüttel gehabt? und die immerw?hrende, selbstverst?ndliche Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einf?ltig, keines der komischen Worte, die er heute von der Gro?mutter geh?rt, zum erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck auf ihn gemacht. – Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, – als ihm die Gro?mutter erz?hlt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute nicht waschen k?nnen ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. ?Bis zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht bald von hier wegzieht, so vergeht er.? – Pl?tzlich legte sie den Finger an den Mund und hielt ein. Die Gro?mutter atmete langsam, sie war eingeschlafen. Leise schlo? sie: ?Das tut sie gern, wenn man vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.? – Und die beiden Frauen berieten, eine Suppe mu?te für die Kranke gekocht werden, eine kr?ftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett verlie?, trat auf Fu?spitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum Doktor sehn wollten, da? er recht bald komme. Er werde schon kommen, war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, – es sei nicht mehr so gef?hrlich. Frau Beer beschlo?, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen. Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzfl?te dafür schenken, die er fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn l?chelnd hinaus.

Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück, wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war sch?n. Das Alter hatte nichts Entstellendes, Unregelm??iges in ihre verschrumpfenden Züge bringen k?nnen. Man sah f?rmlich noch durch die Runzeln hindurch, wie durch viele matte Glasschichten, unten das sch?ne junge lebensfrische M?dchen – und Arnold dachte daran, was ihm die Mutter manchmal erz?hlt hatte: da? die Gro?mutter viele Verehrer gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe, von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den Gro?vater, und mit ihm so unglücklich gelebt ... Was lag an all dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was man treibe. Nichts ist da, als da? die Zeit vergeht, mehr kann ja überhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun auch pl?tzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos – er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es – beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein sü?es verlockendes Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schlu? ehrbar ein, moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran – nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht b?s auf ihn sein – so wie bei der Gro?mutter – und die Ruhe in seinem Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie ohne Ged?chtnis ... Nun erfüllte ihn Stolz sogar, da? er auf seine lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mu?te nur nach dem Vergleich mit der Gro?mutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon verliebt in das neue Erlebnis, – etwas Gro?es fühlte er aus ihr strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstst?ndiges und Unbewu?tes dabei. – Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf so hoch trug, da? man aus ein bi?chen Heldentum gar nicht so viel machte wie jetzt und da? das Andenken der Starken unter tausend andern, ebenso Starken vergessen ward. – Nein, die langen einsamen N?chte konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie, von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus verkl?rte, o noch viel mehr als ein paar Schw?chen gutgemacht h?tte. Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: ?Ja, ja, dem Klugen wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt? – und wie in einem gl?nzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem Selbstbewu?tsein l?ste sich seine Schmach auf ... Pl?tzlich fand er sich selbst wieder ganz passabel, all dem B?sen in ihm zum Trotz, fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief hineingesogen, so da? an Stelle der Mund?ffnung in einer dunklen Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und die über dem Kinn aneinanderstie?en und sie pa?ten auch zu einander, schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt entbl??t, da die Gro?mutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie etwas Schleimigtrübes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase erschien ihm spitz, vom tiefeingepre?ten Mund aus aufragend, ... vielleicht war die Gro?mutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer bemerkt hatte, gepre?t, schmutzig, lebensvoll – und wie ein Verbrechen erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie wird einmal einschlafen ... Und was würde er jetzt sagen, der Vater von seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles ... Nun natürlich, er übertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Gro?mutter schon wie eine Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz beruhigt, – vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen – oder nein, nicht deshalb, das überquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses Gefühl – Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für ihn ...

Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, – das wünschte die Gro?mutter immer – sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen Blick: ?Fl?he mag es da geben, nicht wenig ...? Dann war sie wieder durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie sich setzte. ?Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft hab. – Ich mu? ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst tr?gt sie sie ewig. Ihre Blusen mu?t du mal sehn. Geflickt, wie ein Regenbogen ...? Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen eine Suppe zu kochen.

Arnold wagte es: ?Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie m?chte sich halt lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als da? du ihr die Ordnung st?rst ...?

?Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken? erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.

Da erwachte die Gro?mutter: ?Ich hab e Naches, da? se fort is.?

?Wer denn??

?Die Orlte, die dumme, die Reschainte ...?

Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: ?Aber so darfst du doch nicht reden. Was f?llt dir ein. – Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.?

?Der Schlag soll sie treffen? zürnte die Greisin, jetzt lauter als bisher w?hrend des ganzen Tages. ?Was kommt se her und redt und redt! Lauter Stu?. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und Geschmus.? Sie griff sich jammernd an den Kopf: ?Mei Seide-M?ach.?

?Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder lustig.? Die Mutter fühlte ihr den Puls. ?Das Fieber hat nachgelassen. No, geht's nicht besser??

Die Gro?mutter schüttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, – sie war gegen ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem für ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: ?Wenn ünser Herrgott mich nix gesünd sei lo?t und nix verdienen lo?t, so soll er mich ach nix leben lassen.?

?No das mu?t du ihm schon selbst sagen? lachte die Mutter ?per Telephon vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.?

Arnold befürchtete Zank. Die Gro?mutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit überwunden und meinte liebenswürdig mit einem ironischen L?cheln, für das man sie h?tte küssen m?gen: ?Güt, n?chsten Schabbes wer ich's ihm sagen.?

?Da hab ich dir was feines gemacht.? Das Süppchen, das die Mutter im Topf heranbrachte, duftete. ?Willst du nicht einmal versuchen ...?

Eine gn?dige Antwort mit zimperlicher Stimme: ?No jo, e bi?l ...? Offenbar hatte sie einen tüchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby.

?Bi?l Salz hinein.?

?Nein – ka Salz – Salz reizt doch.? Und sie hustete affektiert.

?Aber es wird keinen Geschmack haben.?

Statt der Antwort nahm die Gro?mutter das T?pfchen und führte mit sicherer Hand, ohne zu zittern, den L?ffel an den Mund, nachdem die Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. ?Was is dos für e Supp?? fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.

?O je, wieder was nicht recht.?

?Aber Mama? wandte Arnold ein ?du verstehst das schlecht. Die Gro?mutter fragt doch nur, was das für eine Suppe ist, den Namen m?chte sie gern wissen, sonst nichts.?

?Du wirst mir die Gro?mutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es schmeckt dir nicht??

?Aber ja ...? sagte die Gro?mutter einfach und l?ffelte weiter ?Was für Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft??

?No Rindfleisch, vom K?rbelwirt. Das ganze Stück? sie brachte es vom Ofen ?kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist n?mlich noch aus dem billigen Land, mu?t du wissen? wandte sie sich an Arnold.

?Wirklich nich teier? l?chelte die Alte, sichtlich erfreut ?Ja man mu? sparen mit dem Geld ... Wa?t de, Geld wenn w?r nur Geld – aber Geld is alles ...?

Arnold erinnerte sich pl?tzlich, da die Gro?mutter a? und die Mama ihr freudig zusah, da? er ja Witze erz?hlen sollte, unterhalten, – bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und zugeh?rt, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was die Gro?mutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgem??e Fragen, ob das Geld auch in der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn ... Das Gespr?ch wurde nun immer lebhafter, w?hrend die Gro?mutter immer wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen Besuch bisher als ganz au?erhalb seiner Welt und st?dtischer Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fühlte sich jetzt fast wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau, das mit dem Küchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu tun hatte. Die Gro?mutter erz?hlte von ihrem Beruf und wie man sie überall gern sah. ?Frau Goldbergen? rief man ihr zu wenn sie vorbei ging ?was kümmen Sie nit a bi?l zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.? Eine Bemerkung Arnolds aber, da? sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mi?fallen. ?Ja, viel Meloche, wenig Broche? antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie fort: ?H?st e Geschmack von e Supp gehabt!?

?Sie schmeckt dir nicht gut?? rief Arnold besorgt.

Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.

Nun hielt er den Moment für gekommen, sein Ged?chtnis nach Witzen zu durchsuchen. ?Was ist das? Es ist wei? und hat keinen Kopf, und trotzdem schaut es? gab er auf. Die Gro?mutter dachte nach, ernstlich. ?Ich werde es dir also ...? ?Ich m?chte sagen? unterbrach sie ?e Kopf von e Gans.? Er lachte: ?Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. Ein Unterhosenbandl ist es.? Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber den Sinn nicht zu verstehn: ?Ja in der Stadt, do habts ihr so verschiedene W?rtlach. – E komische Supp, was das is. Habts ihr immer solchene Suppen??

?Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins? erkl?rte die Mama.

Arnold vermittelte: ?Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz beruhigend aus.?

Sie sah ihn n?her an und jetzt erst fiel ihm ein, da? er nach halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blühend sein mochte. ?E bi?l schmal? sagte auch sofort die Alte ?Schlafst du denn genüg? Schlaf is e Wohlt?tigkeit für e schwachen Menschen. Regieleben? als bemerkte sie es jetzt zum erstenmal ?eppes dick biste geworden. Dicker mu?te nix werden, das ist nicht gesünd. So kannste bleiben.?

?Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben? sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich pl?tzlich mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Verg?nglichseins versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne da? ihm übrigens dabei irgend ein neuer, in Worte fa?licher Einfall kam.

Indessen aber, w?hrend er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, hatte die Gro?mutter zu erz?hlen begonnen: ?Marie nebbich hat ach immer eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab l?ngst gemant se schl?ft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bi?l schücker war er vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? – Von Genofeva, sogt sie ...?

Die Mutter flüsterte: ?Genofeva. Sch?ne Lektüre haben wir gehabt, was?? – Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche Kinderbücher und M?rchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre Bemerkung unverst?ndig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im Munde der Gro?mutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!

?Sogt sie – von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat. – No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.? Und die Gro?mutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der Schwester sp?ttisch nachmachte. ?Aber mir scheints, wenn du nicht bald schlafen gehst und aufh?rst zu wanen und die Lampe ausl?schst, so hau ich dir das Buch aufn Sch?del nauf.? Die Stimme brach ab, in einem kleinen Gel?chter.

?Und was hat sie gesagt?? fragte Arnold, obwohl er fühlte, da? nichts mehr zu erz?hlen sei, nur um diesen angenehmen Flu? der Erz?hlung weiter zu h?ren.

?Nu, was soll se gesagt habn? setzte die Gro?mutter wie improvisierend fort ?Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les weiter von der Hirschkuh ...? Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende gegessen und rief pl?tzlich, ganz laut: ?Pfui Teixel!? wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett stellte.

?Aber was ist denn?? die Mutter eilte herbei. Als das Gespr?ch auf die verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.

Zornig fuhr die Gro?mutter auf: ?E sch?ne Supp haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was??

Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. – Und er beeilte sich: ?Was f?llt dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst du nur so etwas denken!? Indem er es aussprach, schien es ihm immer unerh?rter.

?E guter Omensager biste? fuhr ihn die Gro?mutter an, dann schwieg sie eine Weile. ?Was kafste ach beim K?rbel. Der hat doch lauter verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.?

?La? sie nur? scherzte die Mutter, etwas bitter. ?Sie wird sich schon wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie k?nnen sich inzwischen ein bi?chen allein so weiter unterhalten, wenn Sie Lust haben.?

Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, da? er den Wunsch nach einem bessern Abschied nicht unterdrücken konnte: ?Sch?n hast du es da, Gro?mutter, gleich m?cht ich bei dir dableiben, für immer, nur noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn vorn ...?

Sie l?chelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in ihrem Innern eben die z?rtlichsten Dinge vor: ?Ich bin ka Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die habn immer Blumen gehabt und gegossen, da? die Stub voll war. Mit ihre neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.?

?Da haben sie wohl Schl?ge bekommen.? Er reichte ihr noch einmal die Hand.

Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, aber erzieherisches Gesicht: ?Das mu? sei.? Die Mutter war schon hinausgegangen. ?Also Adieu, wir kommen bald wieder.? ?E?t nicht beim K?rbel? rief ihnen die Gro?mutter noch nach ?dort is gro? Jackeres.?

Als er auf die Gasse trat, mu?te er ein wenig die Augen schlie?en, so fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch eine Welt au?er dieser grauen alten Stube? Die Stra?e mi?fiel ihm. Das Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengr??en aufwachsend, stellte sich wie ein Schatten überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise wichtig. Er h?tte für sie sterben m?gen, so begeistert war er ... Die Mutter redete neben ihm her: ?Nicht zuh?ren kann ich, wenn sie von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. Immer spricht sie so, als ob sie uns alles in überflu? gegeben h?tte. Gute Schl?ge, ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie uns alle mit so fürchterlichen Worten verflucht hat: – da? sich alle dir abwenden und da? du allein und einsam sterben wirst, das wird dein Fluch sein ... Und so wird es und mu? es ja kommen, Gott im Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie ausl?schen ...?

Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich aber, da? die Mama Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen über lange Zeiten und R?ume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama h?tte er die Gro?mutter vielleicht überhaupt nur für eine fidele gute, etwas wetterwendische alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, – und nun, unter Mitwirken der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch, so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran. ?Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen – warum habt ihr denn gerade den genommen, der am meisten zu tun hat??

Die Mutter erkl?rte, die Gro?mutter habe vorgegeben, zu keinem andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz richtig, woher dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste Doktor im Ort, der Armenarzt ... überhaupt habe sie sch?ne Dinge erz?hlt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die alte Frau Goldberg immer mühsam mit ihrem Pack die Stra?en hatten hinaufst?hnen sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine Kollekte zu machen, zu Purim, eine Idee, die von der Gro?mutter mit wahrhaftiger Begeisterung begrü?t worden sei. Und erst die Drohung der Frau Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedürftigkeitsrolle aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Ha? ... überhaupt liebte es die Gro?mutter, sich als ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialit?t; denn von dem Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn zu den h?chsten Preisen ihres Kopfes, die indessen für die neue junge Welt ringsum noch so m??ige waren, da? sie überraschend viele K?ufer fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen mü?te, wenn sie nicht so traurig w?ren. An Markttagen bewache sie das Gesch?ft einer gewissen Frau Heller, nur um einen ?Gülden? nebenher zu verdienen, und wenn sie dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da pa?t sie gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen K?lte habe sie sich neulich eben diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. ?Viel braucht es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.? Und von hier aus kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurück, ob man nicht die Stube bald wei?en lassen müsse, und wie das anstellen ...

Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold h?tte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark interessierten, weitererz?hlen lassen, w?re ihm nicht sogar in dieser provinzialen gebirgsst?dtischen Gaststube die Erinnerung an seine Schandtat von der Wand entgegengesprungen, – auch hier das gro?e Plakat des ?Rivalen Paulhans? in den primitivsten ergreifendsten Farben. So kam es, da? er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien es ihm pl?tzlich, als müsse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und sich immer nur so selbstverst?ndlich auf das Schlimmste gefa?t gemacht hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verd?chtig angeschaut, hier sa? er doch, der Obmann des sch?nen Konsortiums, nein, es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg seines neuen, von der Gro?mutter beschützten Lebens ... Herr K?rbel selbst brachte das Blatt, freundlich l?chelnd. Gleich oben das Telegramm: Ponterrets Flug mi?glückt. Der Aviatiker landet nach einem Flug (Sprung) von 13 Sekunden. P?belausschreitungen an der Kassa. – Das eingeklammerte Wort ?Sprung? verdro? Arnold ganz besonders, wie eine pers?nliche Unbill, konnte man denn nicht ein bi?chen menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in der Redaktion! – Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er sch?tze sich glücklich, da? er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein gro?es Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien in Gefahr gewesen ... ?Mama, ich fahre heute abend nach Hause.? Er war pl?tzlich mutig geworden, sah der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. ?Natürlich, was sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, da? du's nicht lange aushalten wirst.? Er a? schnell auf: ?Jetzt geh ich aber zun?chst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Gro?mama, da? ich bald wiederkomme.? – ?Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das denn? Ich k?nnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist dort.? – Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erkl?ren – und recht schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: ?Von Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die Gro?mutter verliebt, f?rmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie ist ja so brav ...?

Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Ged?chtnisses her: ?Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bi?chen zusammen.?

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