Mozart als Künstler und Mensch.
Die K?rperbildung dieses au?erordentlichen Menschen hatte nichts Auszeichnendes; er war klein, sein Angesicht angenehm, aber, wenn man das gro?e, feurige Auge ausnimmt, kündigte es die Gr??e seines Genies auf den ersten Anblick nicht an.
Der Blick schien unstet und zerstreut, au?er wenn er bey dem Klavier sa?; da ?nderte sich sein ganzes Antlitz! Ernst und versammelt ruhte dann sein Auge; auf jeder Muskelbewegung drückte sich die Empfindung aus, welche er durch sein Spiel vortrug und in dem Zuh?rer so m?chtig wieder zu erwecken vermochte.
Er hatte kleine sch?ne H?nde; bey dem Klavierspielen wu?te er sie so sanft und natürlich an der Klaviatur zu bewegen, da? sich das Auge daran nicht minder, als das Ohr an den T?nen erg?tzen mu?te. Auch darinn zeichnete sich also Mozart vor den tummelnden Kraftgenies unserer Tage aus!
Der kleine Wuchs seines K?rpers kam von seiner frühen Geistesanstrengung her, und von dem Mangel an freyer Bewegung in der Zeit seiner Kindheit. Er war zwar von sch?nen Eltern erzeugt, und selbst ein sch?nes Kind gewesen; aber von dem 6ten Lebensjahre an war er an eine sitzende Lebensweise gebunden; um diese Zeit fing er schon an zu schreiben! Und wie viel hat der Mann nicht in seinem Leben geschrieben? Da Mozart bekannterma?en in der Nacht am liebsten spielte und komponirte und die Arbeit oft dringend war: so kann sich jeder vorstellen, wie sehr ein so fein organisirter K?rper darunter leiden mu?te! Sein früher Tod, (wenn er ja nicht auch künstlich bef?rdert war), mu? diesen Ursachen haupts?chlich zugeschrieben werden.
Aber in dem unansehnlichen K?rper wohnte ein Genius der Kunst, wie ihn nur wenigen Lieblingen die Natur verlieh!
Die Gr??e und der Umfang seines Genies l??t sich nur nach dem so frühen, so beyspiellos schnellen Gange seiner Entwickelung, und nach der hohen Stufe der Vollkommenheit abmessen, auf die er in seiner Kunst gestiegen war. Kein Tonkünstler vor ihm hatte das weite Gebiet seiner Kunst so ganz umfa?t, und in jedem Zweige derselben so vollendete Produkte geschaffen, als Mozart. Von der Sch?pfung einer Oper an, bis zu dem einfachen Liede, von der kritischen Erhabenheit einer Sinfonie, bis zu dem leichten Tanzstückchen herab; im Ernsten und Komischen tragen seine Werke überall den Stempel der reichsten Phantasie, der eindringendsten Empfindung, des feinsten Geschmackes. Sie haben eine Neuheit und Originalit?t, die eine getreue Beurkundung seines Genies ist. Selbst dasjenige, welches man ihm als Fehler vorwirft, zeuget von der Kraft seines freyen, eine neue Bahn gehenden Geistes. Dazu denke man noch die Vollkommenheit, die er zugleich im Klavierspielen erreicht hatte!
Alle diese so seltenen, so mannigfaltigen und so innig verwebten Vorzüge bestimmen den Rang, der ihm unter den Genien der Künste gebührt. Er war unstreitig einer der gro?en, sch?pferischen Geister, die in ihrer Kunst Epoche machen, weil sie dieselbe vervollkommnen, oder doch ihren Nachfolgern neue Ansichten und Pfade er?ffnen; nach deren Erscheinung aber die Kunst gew?hnlich still stehet, oder rückw?rts geht.
Unter den sch?nen Künsten ist keine so sehr Sklavin der Mode und des Zeitgeschmackes, als die Musik. Da sie bey uns blos dem Vergnügen dient, blos Sache des Einzelnen bleibt, keinen Vereinigungspunkt, keine Anstalt hat, wodurch der Geschmack des Publikums die geh?rige Richtung bek?me; da ferner ihre Theorie noch zu wenig bestimmt und entwickelt ist, um selbst den Künstlern eine Gr?nze zu zeigen oder ein Ideal vorzustellen: so mu? sie immer zwischen der Laune der Mode, dem Eigensinne eines verderbten Geschmackes und zwischen den aufgestellten Mustern gro?er Künstler unstet hin und her schwanken, und erh?lt nie einen sichern Gang zur Vollkommenheit. Ueberdie? sind ihre Zeichen und Formen zu unbestimmt, und das Ohr, durch welches sie auf den Geist wirket, ist ein viel zu untreuer Bothe, seine Sensationen sind zu dunkel, als da? man so deutlich bestimmen k?nnte, welches darinn das wahre Sch?ne sey. Was dem gro?en Haufen gef?llt – hei?t sch?n! Das Neue hat einen starken Reiz; daher ist es seines Sieges über das bessere Alte gewi?; und darum gilt alte Musik und alte Mode einerley. Denn die wenigsten Menschen haben Geschmack und Kenntni? genug, um ?chte Sch?nheit, vom Flitter zu unterscheiden. Wenn gr??ere Geister durch ihre Meisterwerke mehr als eine augenblickliche Rührung hervorbringen, so summen doch der Leyerm?nner der zwey Schwestern von Prag, des Tyroler Wastels, und dergl. sch?nen S?chelchen, so lange dem Publikum um die Ohren, bis der Nachhall sch?nerer T?ne verschwindet! Dann kennt man die Namen gro?er Meister nur noch aus Büchern; ihre himmlischen Harmonien sind l?ngst verhallt! Das ist gew?hnlich das traurige Schicksal der Musik! Wie viel Kraft, wie viel klassischen Gehalt mu? also in den Werken Mozarts liegen, wenn ihre Wirkung von dieser Erscheinung eine Ausnahme machet? Ihre Sch?nheit empfindet man gew?hnlich dann erst recht lebhaft, wenn man sie ?fters geh?rt, oder recht scharf geprüfet hat. Oder haben uns wohl Figaro, Don Juan, Titus, w?hrend ihrer vielj?hrigen Vorstellung noch jemals Langeweile gemacht? H?rt man seine Klavierkonzerte, Sonaten, Lieder das drey?igstemal nicht lieber noch, als das erstemal? Wer hat die tiefgedachten Sch?nheiten seiner Violin-Quartetten und Quintetten nach der h?ufigsten Wiederholung ersch?pft? Dieses ist der wahre Probirstein des klassischen Werthes! Die Meisterstücke der R?mer und Griechen gefallen bey fortgesetzter Lektüre und je reifer der Geschmack wird, immer mehr und mehr – das nemliche widerf?hrt dem Kenner und Nichtkenner bey der Anh?rung Mozartischer Musik, besonders der dramatischen Werke. So ging es uns bey der ersten Vorstellung des Don Juan und insbesondere des Titus.
Ja eben itzt, nachdem die meisten Sch?pfungen seiner Kunst 20 bis 30 Jahre alt sind, gefallen sie am meisten! Wie gern h?rt man nach dem Wirrwarr neuester Kompositeurs die stillerhabenen, klaren, so einfachen Ges?nge unsers Lieblinges! Wie wohl thun sie unserm Gefühle – es ist als wenn man aus einem chaotischen Gewirre, aus dichter Finsterni? ins Licht und eine heitere Ordnung versetzt würde.
Nebst den oben angeführten Eigenheiten und Vorzügen des mozartischen Kunsttalentes, beobachtete an ihm der aufmerksame Sch?tzer seiner Werke einen gewissen feinen Sinn, den Charakter jeder Person, Lage und Empfindung aufs genaueste zu treffen;
reddere convenientia cuique.
Diese Eigenschaft war sein wahrer Beruf zum dramatischen Komponisten, und ist zugleich der Erkl?rungsgrund des Zaubers und der gro?en Wirkung seiner Werke. Daher hat jede seiner Kompositionen einen bestimmten, eigenthümlichen Charakter, eine Individualit?t, die selbst in der Wahl der Tonart sich ankündigt. Kenner seiner Werke bedürfen keiner besondern Beyspiele, da alle Opern von seiner Komposition diese Eigenschaft im hohen Grade an sich haben; aber das sch?nste Muster davon ist La Clemenza di Tito. – Wie ganz anders bey den gew?hnlichen Kompositionen? Es sind gr??tentheils Ges?nge von so unbestimmtem Charakter, da? sie eben so gut zu einer Messe, als Opera buffa taugen.
Eine andere auszeichnende Eigenheit seiner Werke ist die Verbindung der h?chsten Kompositionskunst mit Lieblichkeit und Anmuth. Diese Vereinigung ist eine Aufgabe blos für Künstler von mozartischem Genie. Den Beweis davon giebt die Erfahrung. Wie selten trift man auf Kompositionen, die den beyden Forderungen Genüge leisteten? Entweder sind es blos kontrapunktische Kunststücke, die wohl allen Regeln des Satzes zusagen m?gen; aber W?rme, Anmuth und Lieblichkeit, diese wahren Zaubermittel der Rührung, wu?te ihnen ihr Meister nicht anzuziffern: oder es sind geistlose, fade Liedeleyen, ohne Sinn und Zusammenhang, kaum im Stande dem Ohre mit ihrem übersü?en Geklingel einen vorübergehenden Kitzel zu verursachen.
Wie ganz anders ist es beym Mozart? Wie schmilzt in seinen Werken das, was man Kunst des Satzes nennt, mit Anmuth, Lieblichkeit und Wohllaut so sch?n zusammen, da? das eine wegen des andern da zu seyn scheint – und beydes zur Hervorbringung des h?chsten Effektes gleich wirksam ist! Und doch, wie m??ig und besonnen war er in dem Gebrauche der Sü?igkeiten und Gewürze? Er kannte die hohe Forderung der Kunst und der Natur. Er schrieb was sein Genius ihm eingab, was sein richtiger Geschmack wahr fand, unbekümmert ob es nach dem Geschmacke des Parterres seyn würde oder nicht; und so bildete er sich selber das Publikum, überzeugt, da? wahre Sch?nheit, wie die Wahrheit, endlich doch erkannt wird und gef?llt. Die? thaten immer gro?e Künstler, welche die Kraft hatten einen eigenen Weg zu gehen, und der Mode nicht zu fr?hnen.
Der Punkt dieser sch?nen Vereinigung der Gründlichkeit des Satzes mit Anmuth und Lieblichkeit ist gewi? die treffliche und vor seiner Zeit unbekannte Art die Blasinstrumente zu brauchen und wirken zu lassen. Hierinn gl?nzt sein erfinderisches Genie ohne Beyspiel und Nebenbuhler.
Er ma? mit dem feinsten Sinne die Natur und den Umfang der Instrumente ab, zeichnete ihnen neue Bahnen vor, und gab jedem derselben die vortheilhafteste Rolle, um die kraftvolle Masse von Harmonie hervorzubringen, welche die Bewunderung aller Kenner erzwingt und das Muster und Studium der guten K?pfe bleiben wird. Wie ganz anders sehen hierinn die Kompositionen selbst gro?er Meister nach Mozarts Periode, als vor derselben aus? Wie unendlich viel haben sie gewonnen durch die Anwendung seiner Art, die Blasinstrumente zu setzen? Selbst des gro?en Haidns Werke best?ttigen diese Behauptung. Man vergleiche die ?ltern Sinfonien von ihm, mit den neuern? Die Sch?pfung schrieb Haidn erst nach Mozarts Epoche.
Wie leise schmiegen sich die T?ne der Blasinstrumente dem Hauptgesange an? wie kühn wetteifern sie bald wieder mit der Singstimme? Welche feine Wendungen? Welche Mannichfaltigkeit und Abwechslung überall? Bald wieder, wo es der Gegenstand oder Affekt erfordert, wie abstehend der Kontrast? Wie gewaltig das Aufbrausen der Leidenschaft? Selbst in Stücken ohne Singstimmen lehrte Mozart seine Instrumente einen Gesang, der so vernehmlich zu dem Gefühle spricht, da? der Zuh?rer nur wenig die Abwesenheit der Singstimme wahrnehmen kann. Man h?re seine Andantes oder Romanzen, in den Klavierkonzerten und Quartetten!
Bey dem h?ufigen Gebrauche der Blasinstrumente, wie vollkommen wu?te doch Mozart alle Ueberladung zu vermeiden? wie richtig den Ort und den Zeitpunkt zu treffen, wo sie Effekt machen? Nie ist ein Instrument verschwendet oder mi?braucht, und daher überflüssig. Aber nur er verstand die Oekonomie mit dem geringsten Aufwande, oft durch einen einzigen Zug eines Instruments, durch einen Akkord, einen Trompetensto?, einen Paukenwirbel die gr??te Wirkung hervorzuzaubern! Wie tief sind viele seiner Nachahmer hierinnen unter ihm?
So gro?, so neu immer Mozart in der Instrumentalpartie seyn mag, so entfaltet sich doch sein m?chtiges Genie noch reizender in dem Satze des Gesanges für menschliche Stimmen. Hierinn erwarb er sich ein zweifaches, gleich gro?es Verdienst. Mit richtigem Geschmacke führte er ihn zu seiner anspruchslosen Mutter, der Natur und Empfindung zurück. Er wagte es den italienischen S?ngern zu trotzen,[11] alle unnützen charakterlosen Gurgeleyen, Schn?rkel und Passagen zu verbannen! Daher ist sein Gesang überall einfach, natürlich, kraftvoll, ein reiner Ausdruck der Empfindung und der Individualit?t der Person und ihrer Lage. Der Sinn des Textes ist immer so richtig und genau getroffen, da? man ausrufen mu?: ?Wahrlich die Musik spricht?! Aber Mozart scheint sich selbst zu übertreffen, wenn er den Gesang für mehrere Stimmen dichtet, in Terzetten, Quartetten, Quintetten d. h. in vielstimmigen Stücken; vorzüglich in seinen unübertrefflichen, wahrlich einzigen Operfinalen. Welcher Reichthum? welche Mannigfaltigkeit in Wendungen und Ver?nderungen? Wie schlingt sich da eine Stimme um die andere? wie sch?n vereinigen sie sich alle ein reizendes Ganze zu bilden, eine neue Harmonie hervorzubringen? Und doch sagt jede nur ihre eigene oft entgegengesetzte Empfindung! Hier ist die gr??te Mannigfaltigkeit und die strengste Einheit vereinigt. Man findet wohl sch?ne Arien auch bey andern Meistern: aber niemand wird in vielstimmigen Sachen Mozarten die Palme entrei?en.
Doch wer mag sie alle entwickeln, die unz?hligen Vorzüge, die unersch?pflichen Sch?nheiten seiner Kunst? Wer mag mit Worten das Neue, Originelle, Hinrei?ende, Erhabene, Vollt?nende seiner Musik beschreiben? Seine Musik verfehlt nie ihre Wirkung, wenn sie nur pünktlich und mit Feuer vorgetragen wird. Freylich ist es nicht leicht seinem Geiste nachzufliegen; und da bey ihm jede Note mathematisch genau zu der Harmonie berechnet ist: so giebt es auch kein so arges Mi?get?n, als wenn rohe H?nde unwissender Bierfiedler sich an seine Heiligthümer wagen.
Die berühmtesten Tonkünstler erkannten die Gr??e seines Genies, und bewunderten seine Werke. Joseph Haydn, dieser Liebling der Grazien, der in seinem Alter noch das Gefühl eines Jünglinges zeigte, ist gewi? vor allen ein befugter und berufener Richter.
Sein Urtheil ist unpartheyisch, weil er als ein redlicher Mann bekannt ist, und Mozarts aufblühender Ruhm dem seinigen im Wege stand. Schon im Jahre 1785 da Mozarts Vater noch lebte, sagte J. Hayden bey einer Zusammenkunft in Wien zu ihm: ?Ich sage Ihnen vor Gott und als ein ehrlicher Mann, da? ich ihren Sohn für den gr??ten Komponisten anerkenne, von dem ich nur immer geh?rt habe; er hat Geschmack und besitzt die gründlichste Kenntni? in der Kunst der Komposition.?
Im Jahre 1787 im Dezember schrieb eben dieser gro?e Mann an einen Freund in Prag, der mit ihm seit langer Zeit in Briefwechsel stand, und ein Singspiel von seiner Komposition für Prag verlangte, folgenden merkwürdigen Brief:
?Sie verlangen eine Opera buffa von mir; recht herzlich gern, wenn Sie Lust haben von meiner Singkomposition etwas für sich allein zu besitzen. Aber um sie auf dem Theater zu Prag aufzuführen, kann ich Ihnen die?falls nicht dienen, weil alle meine Opern zu viel auf unser Personale (zu Esterhaz in Ungarn) gebunden sind, und au?erdem nie die Wirkung hervorbringen würden, die ich nach der Lokalit?t berechnet habe. Ganz was anders w?r es, wenn ich das unsch?tzbare Glück h?tte ein ganz neues Buch für das dasige Theater zu komponiren. Aber auch da h?tte ich noch viel zu wagen, in dem der gro?e Mozart schwerlich jemanden andern zur Seite haben kann.?
?Denn, k?nnt ich jedem Musikfreunde besonders aber den Gro?en die unnachahmlichen Arbeiten Mozarts so tief und mit einem solchen musikalischen Verstande, mit einer so gro?en Empfindung in die Seele pr?gen, als ich sie begreife und empfinde: so würden die Nationen wetteifern ein solches Kleinod in ihren Ringmauern zu besitzen. Prag soll den theuern Mann fest halten – aber auch belohnen; denn ohne dieses ist die Geschichte gro?er Genies traurig, und giebt der Nachwelt wenig Aufmunterung zum fernern Bestreben; we?wegen leider! so viel hoffnungsvolle Geister darnieder liegen. Mich zürnet es, da? dieser einzige Mozart noch nicht bey einem kaiserlichen oder k?niglichen Hofe engagirt ist. Verzeihen Sie, wenn ich aus dem Geleise komme: ich habe den Mann zu lieb.?
Ich bin etc.
Joseph Hayden.
N. S. An das Prager Orchester und die dasige Virtuosen mein ergebenstes Kompliment.[12]
Wenn ein Haydn so urtheilt, so begeistert spricht – ein Haydn, der allein unter allen Tonkünstlern über seinen Verlust zu tr?sten im Stande w?re, was will dann das Gekreische einiger kleinen Geister sagen, die an Mozarts Ruhme zu Rittern werden wollten?
Der churs?chsische Kapellmeister H. Naumann bezeugte bey seinem Aufenthalte zu Prag auf eine sch?ne Art seine Hochachtung und Bewunderung für Mozarts Talente und Werke in einer rührenden Anrede an seinen Sohn, als ihm derselbe von seiner Freundin Duschek vorgestellt wurde. Wer die redliche anspruchslose Denkungsart dieses berühmten Meisters kannte, wird an der Wahrheit seiner Gesinnungen gewi? nicht zweifeln.[13]
Wie sehr ihn Gluck gesch?tzt habe, ist schon erw?hnt worden.
Cherubini, dessen Geist dem Mozartischen am n?chsten verwandt scheint, ist sein gr??ter Bewunderer, und hat seine Werke zum Gegenstande seines best?ndigen Studium gemacht. Alle Neuern, wenn sie es auch nicht gestehen wollen, haben von Mozart gelernt, oder ahmen ihn nach!
Ein noch lebender, nicht unberühmter Tonsetzer in Wien sagte zu einem andern bey Mozarts Tode, mit vieler Wahrheit und Aufrichtigkeit: ?Es ist zwar Schade um ein so gro?es Genie; aber wohl uns, da? er todt ist. Denn, würde er l?nger gelebt haben, wahrlich! die Welt h?tte uns kein Stück Brod mehr für unsere Kompositionen gegeben.?
Die zahlreiche Klasse gründlicher Tonkünstler in Prag verdient mit Recht unter den Richtern über Mozarts hohen Werth einen ansehnlichen Platz. Die meisten von ihnen sprechen mit einer Achtung von Mozarts Werken, die ein rühmlicher Beweis ihrer Kenntnisse, und der Unbefangenheit ihres Herzens ist. – Einige, (lange noch nicht alle) sind in einer vorhergehenden Anmerkung genannt worden. Der brave Duschek mit seiner Gattin, die als Künstlerin und gebildete Frau im gleichen Ma?e auf Achtung und Beyfall Anspruch machen kann, waren Freunde und Bewunderer Mozarts. Wie viele treffliche Künstler, auf die B?hmen stolz ist – wie viele gründliche und geschmackvolle Dilletanten vom Adel und dem Bürgerstande, die in jedem andern Lande für Virtuosen gelten würden, mü?te ich nennen, wenn ich alle Freunde und Verehrer seiner Werke und Talente in B?hmen herz?hlen wollte?
Doch um Mozart als Tonkünstler ganz kennen zu lernen, ist es n?thig ihn bey seinem Schreibpulte, wenn er die unsterblichen Werke dichtete, zu beobachten!
Mozart schrieb alles mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit, die wohl beym ersten Anblick Flüchtigkeit oder Eile scheinen konnte; auch kam er nie w?hrend des Schreibens zum Klavier. Seine Imagination stellte ihm das ganze Werk, wenn es empfangen war, deutlich und lebhaft dar. Die gro?e Kenntni? des Satzes erleichterte ihm den Ueberblick der gesammten Harmonie. Selten trift man in seinen Konzeptpartituren ausgebesserte oder überstrichene Stellen an. Daraus folgt nicht, da? er seine Arbeiten nur hingeworfen habe. In seinem Kopfe lag das Werk immer schon vollendet, ehe er sich zum Schreibpulte setzte. Wenn er den Text zu einer Singkomposition bekam, so ging er lange Zeit damit herum, dachte sich ganz hinein, und erregte die Th?tigkeit seiner Phantasie. Bey dem Klavier arbeitete er dann die Gedanken vollst?ndig aus; und nun erst setzte er sich zum Schreiben hin. Daher war ihm das Schreiben eine leichte Arbeit, wobey er oft scherzte und t?ndelte. Es ist schon oben gesagt worden, da? er auch in seinen Mannsjahren halbe N?chte bey dem Klavier zubrachte, die? waren eigentlich die Sch?pferstunden seiner himmlischen Ges?nge! Bey der schweigenden Ruhe der Nacht, wo kein Gegenstand die Sinne fesselt, entglühete seine Einbildungskraft zu der regesten Th?tigkeit, und entfaltete den ganzen Reichthum der T?ne, welchen die Natur in seinen Geist gelegt hatte. Hier war Mozart ganz Empfindung und Wohllaut – hier flo?en von seinen Fingern die wunderbarsten Harmonien! Wer Mozart in solchen Stunden h?rte, der nur kannte die Tiefe, den ganzen Umfang seines musikalischen Genies: frey und unabh?ngig von jeder Rücksicht durfte da sein Geist mit kühnen Fluge sich in die h?chsten Regionen der Kunst schwingen. In solchen Stunden der dichterischen Laune schuf sich Mozart unersch?pflichen Vorrath; daraus ordnete und bildete er dann mit leichter Hand seine unsterblichen Werke.
Uebrigens wird jeder einsehen, da? eine reiche Ader der Gedanken dazu erfodert war. Ohne diese würde alle seine Kunst unfruchtbar geblieben seyn. Es giebt zwar Komponisten, die durch hartn?ckigen Flei? einige Gedanken erzwingen: aber wie bald versiegt ihre Quelle? Dann h?rt man sie nur wiederholen: ihre sp?tern Werke sind gew?hnlich nur die Musterkarte der frühern.
Diese Leichtigkeit, mit der Mozart schrieb, hat er, wie wir gesehen haben, schon als Knabe gezeigt; ein Beweis, da? sie ein Werk des Genies war. Aber wie oft überraschte er damit in seinen letzten Jahren selbst diejenigen, die mit seinen Talenten vertraut waren? Die genievolle Eingangssinfonie zum Don Juan ist ein merkwürdiges Beyspiel davon. Mozart schrieb diese Oper im Oktober 1787 zu Prag; sie war nun schon vollendet, einstudirt, und sollte übermorgen aufgeführt werden, nur die Ouverture fehlte noch.
Die ?ngstliche Besorgni? seiner Freunde, die mit jeder Stunde zunahm, schien ihn zu unterhalten; je mehr sie verlegen waren, desto leichtsinniger stellte sich Mozart. Endlich am Abende vor dem Tage der ersten Vorstellung, nachdem er sich satt gescherzt hatte, gieng er gegen Mitternacht auf sein Zimmer, fing an zu schreiben, und vollendete in einigen Stunden das bewundernswürdige Meisterstück, welches die Kenner nur der himmlischen Sinfonie der Zauberfl?te nachsetzen. Die Kopisten wurden nur mit Mühe bis zur Vorstellung fertig, und das Opernorchester, dessen Geschicklichkeit Mozart schon kannte, führte sie prima vista vortrefflich auf.[14]
Die Musik zur Zauberfl?te war schon im Julius 1791 fertig. In der Mitte des Augustus gieng Mozart nach Prag, schrieb da innerhalb 18 Tagen La Clemenza di Tito, welche am 5ten September aufs Theater kam. In der Mitte dieses Monaths reisete er nach Wien zurück, und schrieb ein paar Tage vor der Vorstellung der Zauberfl?te, die am 30. September geschah, die beste aller Ouverturen und den Priestermarsch zum Anfang des 2ten Aktes.
Solche Beyspiele k?nnten h?ufig angeführt werden. Sein au?erordentliches Ged?chtni? zeigte sich auch schon in der Jugend; das aufgefa?te Miserere in Rom giebt einen vollen Beweis davon. Er behielt es ungeschw?cht bis an sein Ende.
Da man seine Kompositionen unglaublich suchte: so war er nie sicher, da? ihm nicht ein neues Werk selbst w?hrend des Kopirens abgestohlen werde. Er schrieb daher bey seinen Klavier-Konzerten gew?hnlich nur eine Zeile für eine Hand auf, und spielte das übrige aus dem Ged?chtnisse. So hat er einst ein Klavierkonzert, welches er schon seit geraumer Zeit nicht in H?nden gehabt hatte, in einer musik. Akademie aus dem Ged?chtnisse gespielt, indem er die Prinzipalstimme in der Eile zu Hause verga?.
Aber wie ist Mozart ein so gro?er, ja ich m?chte sagen, einziger Mann in seiner Kunst geworden? Hat er alles der Natur, oder seinem Studium, seiner Ausbildung zu danken? Einige teutschen Schriftsteller sprechen von einer instinktartigen Beschaffenheit seines Geistes, welche ihn unwillkührlich zur Hervorbringung seiner Meisterwerke getrieben habe. Aber diese Herrn kennen sicher Mozarten gar nicht, und scheinen die Leichtigkeit, mit welcher er, wenn die Idee des Werkes einmal gebildet war, schrieb, für die instinktartige Wirkung seines Talentes zu halten. Freylich haben die Aeu?erungen des Genies, in wiefern es angeboren ist, etwas instinktartiges: aber nur Bildung und Uebung – Studium giebt ihm Reife und Vollendung. Mozart hatte von der Natur ein Genie empfangen wie Shakespeare, aber er übertraf diesen an Geschmack und Korrektheit. Er produzirte mit Verstand und Wahl. Diese so seltene Vereinigung eines feinen Geschmackes und der richtigsten Beurtheilung mit den gr??ten Naturanlagen, die Mozarten unter den Meistern seiner Kunst den ersten Rang giebt, war gr??tentheils sein Werk – das Werk seines Eifers, seines Flei?es; das Werk des tiefen und gründlichen Studiums der Kunst.
Aus der Geschichte seiner Jugend haben wir gesehen, wie sorgf?ltig er jede Gelegenheit benützte, um zu lernen; wie weise und streng ihn sein Vater dazu leitete; wie tief er in die Geheimnisse der Kunst so früh schon eingedrungen war. Aber wir wollen ihn selbst darüber h?ren.
Einst – (es war nach den ersten Proben seines Don Juan) – gieng Mozart mit dem damaligen Orchesterdirektor und Kapellmeister Herr Kucharz[15] spazieren. Unter andern vertraulichen Gespr?chen kam die Rede auf Don Juan. Mozart sagte: ?Was halten sie von der Musik zum Don Juan? Wird sie so gefallen, wie Figaro? Sie ist von einer andern Gattung!
Kuch. Wie k?nnen Sie daran zweifeln? Die Musik ist sch?n, originell, tief gedacht. Was von Mozart kommt wird den B?hmen gewi? gefallen.
Moz. Ihre Versicherung beruhigt mich, sie kommt von einem Kenner. Aber ich habe mir Mühe und Arbeit nicht verdrü?en lassen, für Prag etwas vorzügliches zu leisten. Ueberhaupt irrt man, wenn man denkt, da? mir meine Kunst so leicht geworden ist. Ich versichere Sie, lieber Freund! niemand hat so viel Mühe auf das Studium der Komposition verwendet als ich. Es giebt nicht leicht einen berühmten Meister in der Musik, den ich nicht flei?ig, oft mehrmal durchstudirt h?tte.?
Und in der That, man sah die Werke gro?er Tonkünstler, auch da noch, als er bereits klassische Vollkommenheit erreicht hatte, auf seinem Pulte.
Sein gewandter Geist wu?te sich den Charakter eines jeden so anzueignen, da? er sie oft zum Scherze im Satze und Stile bis zum T?uschen nachahmte.
Sein Geh?r war so fein, fa?te die Verschiedenheit der T?ne so gewi? und richtig auf, da? er den geringsten Fehler oder Mi?ton selbst bey dem st?rksten Orchester bemerkte, und dasjenige Subjekt oder Instrument, welches ihn begieng genau anzugeben wu?te. Nichts brachte ihn so sehr auf, als Unruhe, Get?se oder Geschw?tz bey der Musik. Da gerieth der so sanfte, muntere Mann in den gr??ten Unwillen, und ?u?erte ihn sehr lebhaft. Es ist bekannt, da? er einst mitten im Spiele unwillig von dem Klavier aufstand, und die unaufmerksamen Zuh?rer verlie?. Dieses hat man ihm vielf?ltig übel genommen; aber gewi? mit Unrecht. Alles, was er vortrug, empfand er selbst auf das st?rkste – sein ganzes Wesen war dann Gefühl und Aufmerksamkeit: wie konnte ihn also kalte Fühllosigkeit, Unaufmerksamkeit: oder gar ein st?rendes Geschw?tze in der Laune und Fassung erhalten? Als begeisterter Künstler verga? er da auf alle andere Rücksichten.
Wie reizbar lebhaft sein Kunstsinn gewesen sey, kann man aus dem schlie?en, da? er bey der Aufführung einer guten Musik bis zu Thr?nen gerührt wurde: vorzüglich wenn er etwas von den beyden gro?en Haydn h?rte. Aber nicht allein Musik, jeder andere rührende Gegenstand ergriff sein ganzes Gefühl und erschütterte ihn. Seine Einbildungskraft war immer th?tig, immer mit Musik besch?ftigt; daher schien er oft zerstreut und gedankenlos.
So gro? war Mozart als Künstler! Den Forscher der menschlichen Natur wird es nicht befremden, wenn er sieht, da? dieser als Künstler so seltene Mensch, nicht auch in den übrigen Verh?ltnissen des Lebens ein gro?er Mann war. Die Tonkunst machte die Haupt- und Lieblingsbesch?ftigung seines ganzen Lebens aus – um diese bewegte sich sein ganzes Gedanken- und Empfindungsspiel; alle Bildung seiner Kr?fte, die das Genie des Künstlers ausmachen, ging von da aus und bezog sich darauf. Ist es ein Wunder, wenn er den übrigen Dingen um sich weniger Aufmerksamkeit widmete? Er war Künstler, war es ganz und in einer bewundernswürdigen Gr??e: das ist genug! Wer mag inde? die Gr?nzlinien seiner Geistkr?fte so genau ziehen, um behaupten zu k?nnen, Mozart habe au?er seiner Kunst zu nichts sonst Anlage oder F?higkeit gehabt? Man setzt freylich das Wesen des Künstler-Genies in eine überwiegende St?rke der untern oder ?sthetischen Kr?fte der Seele, aber man wei? auch, da? die Künste besonders die Musik h?ufig einen scharfen Ueberblick, Beurtheilung und Einsicht in die Lage der Dinge erfodern; welches bey Mozart um so gewisser vorauszusetzen ist, da er kein gemeiner mechanischer Virtuos eines Instrumentes war, sondern das ganze weite Gebieth der Tonkunst mit seltner Kraft und Geschicklichkeit umfa?te.
Wie sch?n und beneidenswerth ist übrigens der Wirkungskreis eines Tonkünstlers? Mit seinen sü?en Harmonien entzückt er tausend gefühlvolle Seelen; er schafft ihnen die reinste Wonne; er erhebt, bes?nftiget, tr?stet! Auch dann wenn er nicht mehr ist, lebt er dennoch in seinen widerholenden Ges?ngen – Tausende segnen und bewundern ihn.
Mozart hatte schon in seiner Jugend zu allen Kenntnissen, die man ihm beyzubringen für n?thig fand, eine gro?e Anlage gezeigt, in allen schnelle Fortschritte gemacht; von der Arithmetik ist Erw?hnung geschehen. Auch in seinen sp?tern Jahren liebte er diese Kenntni? sehr und war wirklich ein ungemein geschickter Rechenmeister. Eben so gro? war sein Talent zur Sprachwissenschaft; er verstand Franz?sisch, Englisch, Italienisch und Teutsch. Die lateinische Sprache lernte er in sp?tern Jahren, und zwar nur so weit, als es zur Verst?ndni? des Kirchentextes, den er allenfalls in Musik zu setzen h?tte, erfordert war. In allen übrigen Sprachen hat er die guten Schriftsteller gelesen und verstanden. Er machte oft selbst Verse; meistens aber nur bey scherzhaften Gelegenheiten.[16] In den übrigen F?chern hatte Mozart wenigstens so viel historische Kenntni?, als für einen Mann von Bildung n?thig war.
Zu bedauern ist es, da? er nicht über seine Kunst schrieb! Aus einem Briefe, welchen er an F. v. Trattner, eine seiner Schülerinnen über den Vortrag der für sie gesetzten Klavierphantasie geschrieben hatte, konnte man sehen, da? er nicht nur die Prax, sondern auch die Theorie seiner Kunst vollkommen verstand. Der Brief ist, leider! nicht zu finden gewesen.
In einem Heft einer musikalischen Zeitschrift von Berlin vor einigen Jahren wurde von Mozart behauptet, er habe eigentlich keine h?here Bildung gehabt. Es ist schwer zu errathen, was der Verfasser mit den Worten h?here Bildung gemeint habe. Mozart hatte die Welt gesehen, er kannte die Schriftsteller der gebildetesten Nationen, zeigte überall einen offenen und freymüthigen Geist: was fehlte ihm also zur h?hern Kultur? Mu? man in G?ttingen oder Jena studirt haben, um h?here Bildung zu erlangen? Oder besteht die h?here Bildung darinn, da? man wei?, was teutsche Schriftsteller sagen? da? man von allen zu schwatzen verstehet?
Der moralische Charakter Mozarts war bieder und liebenswürdig. Unbefangene Herzensgüte und eine seltene Empfindlichkeit für alle Eindrücke des Wohlwollens und der Freundschaft waren seine Grundzüge. Er überlie? sich diesen liebenswürdigen Regungen ganz, und wurde daher mehrmal das Opfer seines gutmüthigen Zutrauens. Oft beherbergte und pflegte er seine ?rgsten Feinde und Verderber bey sich.
Er hatte zwar oft mit einem schnellen Blicke auch versteckte Charaktere aus dem Innersten ausgeholt: aber im Ganzen genommen, hatte er zu viel Gutmüthigkeit um Menschenkenntni? zu erlangen. Selbst die Art seiner Erziehung, die unst?te Lebensart auf Reisen, wo er nur für seine Kunst lebte, machte eine wahre Kenntni? des menschlichen Herzen unm?glich. Diesem Mangel mu? man manche Unklugheit seines Lebens zu schreiben.
Uebrigens hatte Mozart für die Freuden der Geselligkeit und Freundschaft einen offenen Sinn. Unter guten Freunden war er vertraulich wie ein Kind, voll munterer Laune; diese ergo? sich dann meistentheils in den drolligsten Einf?llen. Mit Vergnügen denken seine Freunde in Prag an die sch?nen Stunden, die sie in seiner Gesellschaft verlebten; sie k?nnen sein gutes argloses Herz nie genug rühmen; man verga? in seiner Gesellschaft ganz, da? man Mozart den bewunderten Künstler vor sich habe.
Nie verrieth er einen gewissen Kunst-Pedantismus, der an manchen Jüngern Apollos so widerlich ist. Er sprach selten und wenig von seiner Kunst, und immer mit einer liebenswürdigen Bescheidenheit. Hochsch?tzung des wahren Verdienstes und Achtung für die Person leiteten seine Urtheile in Kunstsachen. Es war gewi? rührend, wenn er von den beyden Haydn, oder andern gro?en Meistern sprach: man glaubte nicht dem allgewaltigen Mozart, sondern einen ihrer begeisterten Schüler zu h?ren.
Ich kann hier eine Anekdote nicht übergehen, die eben so sehr seinen geraden Sinn, und den Unwillen gegen lieblose Tadelsucht, als seine gro?e Achtung für Joseph Haydn beweiset. Sie sey zugleich ein Beyspiel seiner guten Einf?lle.
In einer Privatgesellschaft wurde einst ein neues Werk von Joseph Haydn gemacht. Nebst Mozart waren mehrere Tonkünstler gegenw?rtig, unter andern L. K..., der noch nie jemanden gelobt hatte, als sich selbst. Er stellte sich zum Mozart und tadelte bald dieses bald jenes. Mit Geduld h?rte ihn dieser eine Zeit an; als es ihm aber zu lang dauerte, und der Tadler endlich wieder bey einer Stelle mit Selbstgenügsamkeit ausrief: ?Das h?tt' ich nicht gethan? – erwiederte Mozart: Ich auch nicht; wissen Sie aber warum? Weil wir es beyde nicht so gut getroffen h?tten! – Durch diesen Einfall machte er sich einen unvers?hnlichen Feind mehr.
Mit einer solchen Bescheidenheit verband Mozart dennoch ein edles Bewu?tseyn seiner Künstlerwürde. Wie w?re es auch m?glich gewesen nicht zu wissen, wie gro? er sey? Aber er jagte nie nach dem Beyfalle der Menge; selbst als Kind rührte ihn nur das Lob des Kenners. Daher war ihm alles gleichgültig, was blos aus Neugierde ihn anzugaffen gekommen war. Oft ging dieses Betragen vielleicht zu weit. Er war daher bisweilen auch in der Gegenwart gro?er Herrn vom h?chsten Range zum Spielen nicht zu bewegen; oder er spielte nichts als T?ndeleyen, wenn er merkte, da? sie keine Kenner oder wahre Liebhaber sind. Aber Mozart war der gef?lligste Mann von der Welt, wenn er sah, da? man Sinn für seine Kunst besitze; er spielte Stunden lang dem geringsten, oft unbekannten Menschen. Mit aufmunternder Achtsamkeit h?rte er die Versuche junger Künstler an, und weckte durch eine liebevolle Beyfalls?u?erung das schlummernde Selbstbewu?tseyn.
Unser beste Klavierspieler und beliebter Tonsetzer Joh. Witassek dankt ihm diese Erweckung seines Talentes. Die wenigen Stunden die er bey Mozart zubrachte, sch?tzt er nach eigenem Gest?ndnisse für einen gro?en Zuwachs zu seiner Ausbildung.
Menschenfreundlich und uneigennützig war Mozart im hohen Grade. Darum sammelte er kein Verm?gen. Ganz im Reiche der T?ne lebend, sch?tzte er den Werth des Geldes und der übrigen Dinge zu wenig. Daher arbeitete er viel umsonst, aus Gef?lligkeit oder Wohlth?tigkeit. Jeder reisende Virtuos war gewi?, wenn er sich ihm durch Talent oder moralischen Charakter zu empfehlen wu?te, eine Komposition für sich zu erhalten. So entstanden die Konzerte für die übrigen Instrumente, so eine Menge einzelner Singkompositionen, unter andern die majest?tischen Ch?re zu dem Schauspiele, K?nig Tamos, die den erhabensten Werken H?ndels und Glucks an die Seite gesetzt werden.
Aber selbst die Bezahlung, die er für seine Arbeiten bekam, war meistens mittelm??ig. Der Theaterunternehmer Guardasoni zahlte ihm für Don Juan nur hundert Dukaten.
Verstellung und Schmeicheley war seinem arglosen Herzen gleich fremd; jeder Zwang, den er seinem Geiste anthun mu?te, unausstehlich. Freymüthig und offen in seinen Aeu?erungen und Antworten, beleidigte er nicht selten die Empfindlichkeit der Eigenliebe, und zog sich dadurch manchen Feind zu.
Seine hohe Kunst und der liebenswürdige Charakter verschafften ihm Freunde, die ihn von ganzer Seele liebten und für sein Wohl eifrig besorgt waren. Es würde das Zartgefühl dieser edlen Menschen beleidigen, wenn sie hier namentlich angeführt würden; wie w?re es auch m?glich alle zu kennen und zu nennen? Indem mir also diese Betrachtung verbiethet von der gro?müthigen Freundschaft eines B. v. S**, und des Kaufmannes B** in Wien zu reden: so sey es wenigstens erlaubt hier der ausgezeichneten Wohlth?tigkeit eines Wiener Bürgers gegen Mozart zu erw?hnen. Dieser brave Mann, ein Flecksieder vom Gewerbe, ohne Mozart pers?nlich zu kennen, blos von Bewunderung für seine Kunst hingerissen, verschaffte seiner kranken Gemahlin, (die nach der Verordnung der Aerzte wegen einer L?hmung am Fu?e B?der vom gekochten Magengekr??e brauchen mu?te), die Gelegenheit in seinem eigenen Hause durch geraume Zeit die Kur mit vieler Bequemlichkeit brauchen zu k?nnen. Er lieferte ihr nicht nur die Flecke unentgeltlich und ersparte dadurch Mozarten eine Auslage von mehreren hundert Gulden, sondern verlangte auch für Logis und Kost gar nichts. Aehnliche Beyspiele eines solchen Enthusiasmus für die hohe Kunst Mozarts sind sehr h?ufig.
Aber Mozart hatte auch Feinde, zahlreiche, unvers?hnliche Feinde. Wie h?tten ihm auch diese mangeln k?nnen, da er ein so gro?er Künstler und ein so gerader Mann war? Und diese waren die unlautere Quelle, aus welcher so viele h??liche Erz?hlungen von seinem Leichtsinne, seinen Ausschweifungen geflo?en sind. Mozart war Mensch, folglich Fehlern unterworfen wie alle Menschen. Die nemlichen Eigenschaften und Kr?fte, die das Wesen seiner gro?en Talente ausmachten, waren zugleich Reiz und Anla? zu manchen Fehltritte: brachten Neigungen hervor, die freylich bey Alltagsmenschen nicht angetroffen werden. Seine Erziehung und Lebensart bis zu dem Zeitpunkte, da er sich in Wien niederlie?, war auch nicht gemacht ihm Menschenkenntni? und Welterfahrung zu verschaffen. Denke man sich einen so zart organisirten Jüngling – einen Tonkünstler von seiner Empfindung in einer Stadt, wie Wien, sich selbst überlassen? Braucht es mehr um zur Nachsicht gegen seine Fehler gestimmt zu werden? Man mu? aber gegen diese Erz?hlungen überhaupt mi?trauisch seyn, da gewi? der gr??te Theil baare Unwahrheiten, und nichts als Schm?hungen des scheelsüchtigen Neides sind. Wir haben die? in Rücksicht seiner hinterlassenen Schulden schon bemerkt. Niemand wird es unbegreiflich finden, warum die Welt diesen Ausstreuungen so leicht Glauben beymi?t, wenn er sich erinnert, da? man gew?hnlich mit einem Tonkünstler den Begriff eines Verschwenders oder Wüstlings verbindet. Aber zahlreiche Beyspiele achtungswürdiger Künstler haben bewiesen, wie sehr dieses Vorurtheil einzuschr?nken sey.
In seiner Ehe mit Konstanza Weber lebte Mozart vergnügt. Er fand an ihr ein gutes, liebevolles Weib, die sich an seine Gemüthsart vortrefflich anzuschmiegen wu?te, und dadurch sein ganzes Zutrauen und eine Gewalt über ihn gewann, welche sie nur dazu anwendete, ihn oft von Uebereilungen abzuhalten. Er liebte sie wahrhaft, vertraute ihr alles, selbst seine kleinen Sünden – und sie vergalt es ihm mit Z?rtlichkeit und treuer Sorgfalt. Wien war Zeuge dieser Behandlung, und die Wittwe denkt nie ohne Rührung an die Tage ihrer Ehe.[17]
Seine liebste Unterhaltung war Musik; wenn ihm seine Gemahlinn eine recht angenehme Ueberraschung an einem Familienfeste machen wollte, so veranstaltete sie in Geheim die Aufführung einer neuen Kirchen-Komposition von Michael oder Joseph Haydn.
Das Billardspiel liebte er leidenschaftlich, vermuthlich weil es mit Bewegung des K?rpers verbunden ist; er hatte ein eignes zu Hause, bey dem er sich t?glich mit seiner Frau unterhielt. Die Sch?nheit der Natur im Sommer war für sein tieffühlendes Herz ein entzückender Genu?; er verschaffte sich ihn, wenn er konnte, und miethete daher fast alle Jahre G?rtchen in der Vorstadt, wo er den Sommer zuzubringen pflegte.
Erstaunend ist die Arbeitsamkeit seiner letzten Lebensjahre.
Aus dem vollst?ndigen Verzeichnisse seiner Kompositionen seit dem Jahre 1784 bis zu seinem Tode, in welches er mit eigener Hand das Thema eines jeden Stückes und den Tag der Vollendung eintrug, sieht man wie viel er oft in einem Monathe gearbeitet hatte?[18] Nur die Gr??e und Fruchtbarkeit seines Genies macht die M?glichkeit so vielfacher Arbeit begreiflich. So schrieb er innerhalb der 4 letzten Monathe seines Lebens, wo er schon kr?nkelte, und Reisen machte:
1) Eine Klavierkantate: ?Die ihr des unerme?lichen Weltalls Sch?pfer ehrt.?
2) Die Zauberfl?te.
3) La Clemenza di Tito.
4) Ein Klarinett-Konzert für H. Stadler.
5) Eine Kantate für ein ganzes Chor.
6) Das Requiem.
Eine ungeheure Anstrengung, die seine Kr?fte ersch?pfen mu?te!
So wurde Mozart ein Wunder seiner Kunst, der Liebling seines Zeitalters! Sein kurzes, aber gl?nzendes Künstlerleben macht in der Geschichte der Tonkunst eine neue Epoche.
Der gro?e, feurige Geist, der in seinen Werken waltet und der volle Strom der Empfindung rei?en jedes gefühlvolle Herz mit unwiderstehlicher Gewalt hin. Der sü?e Zauber seiner Harmonien entzückt das Ohr; die Fülle der Gedanken, das Neue in ihrer Ausführung machen das Gefallen seiner Musik dauerhaft. Wer einmal an Mozart Geschmack gefunden hat, der wird durch andere Musik schwer zu befriedigen seyn. Und alle diese Vollkommenheiten hat er in einem Alter erreicht, das für gew?hnliche Künstler kaum der Zeitpunkt der ersten Ausbildung ist! Da er starb, hatte sein Ruhm bereits eine Gr??e, wie sie nur selten auch der glücklichste Künstler hoffen darf – und wie kurz war sein Leben? Er hatte noch nicht das 35te Jahr vollendet, als er starb! Was würde sein unersch?pflicher Geist der Welt noch geliefert haben? – –
W?r er nach England gegangen – sein Ruhm würde neben H?ndels unsterblichem Namen gl?nzen: in Teutschland rang sein Geist oft mit Mangel; seinen Grabeshügel zeichnet nicht einmal eine schlechte Inschrift aus! –
Auf seinen Tod erschienen mehrere Trauer-Kantaten; darunter zeichnen sich zwey aus, vom Herrn Wessely und Karl Kannabich dem jüngern aus München.
Einfach und edel war das Fest, welches die H?rer der Rechte zu Prag in ihrer musikalischen Akademie, bey der Anwesenheit der Wittwe im Jahre 1794 Mozarts Andenken weiheten; es wurde durch ein Gedicht verherrlichet, welches den Profess. Meinert zum Verfasser hat. Ein Paar Stanzen daraus verdienen hier allerdings einen Platz.
Ach! er ward uns früh entrückt,
Der die Saiten der Empfindung,
Wie ihr Sch?pfer kannt' und griff;
In harmonische Verbindung
Ihre kühnsten T?ne rief:
Jetzt ein Gott in seines Zornes
Donner rauschend niederfuhr,
Itzo lispelnd wie des Wiesenbornes
Welle flo? in stiller Flur.
Ach! schon grünt des Edlen Hügel:
Aber ganz birgt er ihn nicht.
Eines, das durch Gr?ber Riegel,
Ewig jung und g?ttlich bricht,
Eines lebt – der hohe reine
Geistesabdruck ist die? Eine,
Das zur Ewigkeit entblüht,
Norne! deinem Dolch entflieht.
Fühlt ihr in der Saiten Beben,
Im begeisternden Gesang,
In des Herzens Sturm und Drang
Fühlt ihr des Entschlaf'nen Leben?
Horch! es t?nen Engelharmonien, –
Das ist Mozart! Seht ihr ihn
Lichtbekr?nzt? Mit Feentritte
Wallt sein Geist in eurer Mitte.
Fu?noten:
[11] Auch die? ist eine Ursache der Abneigung der welschen S?nger gegen seine Werke; eine noch st?rkere ist die Mühe, die es ihrer Unwissenheit kostete seine Ges?nge einzustudiren. Mozart hat zwar bisweilen von diesem Grundsatze eine Ausnahme gemacht. Aber war er denn in bestellten Sachen immer frey? Mu?te er nicht gegen S?nger gef?llig seyn, wenn er wünschte, da? sie ihm die Sachen nicht verderben? Darum mü?te man immer die S?nger kennen, für die er schrieb, wenn man ein richtiges Urtheil über seine dramatischen Werke f?llen wollte.
[12] Ich habe dieses sch?tzbare Denkmal einer edlen Seele der gütigen Mittheilung des Herrn Roth Proviantoberverwalter zu Prag (an den der Brief geschrieben war) zu danken. Da er für den Geist und das Herz seines Verfassers nicht minder ruhmvoll ist, als für Mozart: so lie? ich ihn hier w?rtlich nach dem Originale abdrucken.
[13] Der Verfasser hatte das Vergnügen Augenzeuge der sch?nen Scene zu seyn.
[14] Die Begebenheit ist in Prag allgemein bekannt.
[15] Anmerkung. Ein trefflicher Schüler Seegerts, und biederer Mann. Diese Anekdote habe ich aus seinem Munde.
[16] Die? war unter andern der Fall bey dem Tode eines geliebten Staares, den er in seinem gemietheten Garten ein ordentliches Grabmahl errichtet, und mit einer Inschrift versehen hatte. Thiere und insbesondere V?gel liebte er sehr.
[17] Die achtungswürdige Frau betr?gt sich in ihrem Wittwenstande sehr klug, und sorgt für ihre 2 S?hne mütterlich. Sie lebt in Wien von ihrer Pension und dem kleinen Erwerbe aus dem Nachlasse ihres Mannes.
[18] Der Verfasser hatte es bey der Ausarbeitung dieser Biographie im Originale vor sich.