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Um zu einer klaren Vorstellung davon zu gelangen, was uns die Kinematographie in Beziehung auf Erdkunde sein und nutzen kann, müssen wir uns zuerst Rechenschaft davon geben, was wir überhaupt von der Erdkunde begehren, warum wir sie treiben, und welche Rolle sie im Geisteshaushalt der Menschheit und des einzelnen spielt.
Unter Erdkunde verstehen wir alle diejenigen Wissenschaften, die uns die Natur, wie sie unmittelbar unsern Sinnen erscheint, in ihrer Beziehung auf die Erde kennen und verstehen lehren. In dieser unmittelbaren Beziehung zu unsern Sinnen liegt ihre geheime Kraft, liegt das Geheimnis des leidenschaftlich unwiderstehlichen Triebes, den ihr die Menschheit zu allen Zeiten entgegengebracht hat, und der in dem Ma?e gestiegen ist und sich über immer breitere Kreise ausgedehnt hat, wie die aufgesammelten Erfahrungen der Menschheit und ihre vervollkommneten Hilfsmittel jedermann ein immer weiter eindringendes Verst?ndnis der Natur erm?glicht haben. Die Erdkunde ist unter allen Naturwissenschaften die eigentlich ??sthetische", d. h. aus sinnlichem Bedürfnis hervorgegangene, auf seine Veredlung und Durchgeistigung gerichtete, und deren eigentliches Werkzeug die Sinne sind. Die Erdkunde ist die Wissenschaft, die uns die Erde zur Heimat macht, dadurch, da? sie ihr ihre Schrecken nimmt, die in ihr waltenden Allgesetze entschleiert und sie uns dadurch untertan macht. Erdkunde ist undenkbar ohne die seltsame Anlage des Menschen, dem Un- und Au?ermenschlichen eine leidenschaftliche Liebe entgegenzubringen, die eben die Heimatliebe ist; sie ist undenkbar ohne die unersch?pfliche, der künstlerischen verwandte Freude an der Sch?nheit der Natur, worin sich wiederum ihr ??sthetisches" Wesen zeigt. In dieser unersch?pflichen, mit Worten nicht auszusch?pfenden Freude an der Erde Sch?nheit flie?t der dunkle Drang des Ungelehrten mit der nüchternen Arbeit des Forschers zusammen, und es hat keinen gro?en Bahnbrecher der Erdkunde gegeben, der nicht auch ein Dichter, wenn auch oft ein ?geheimer" war.
Zur Heimat wird uns die Natur durch das, wodurch auch die Welt der Kunst dem Eingeweihten zu einer Heimat im geistigen Sinne wird: dadurch, da? wir mehr und mehr ihre Linien und Formen, ihre Farben und Glanze, ihren Duft und Klang und alles, wodurch sie an unsere Sinne brandet, als eine Sprache verstehen lernen, die der Ausdruck eines allem Lebenden und auch uns verwandten Wesens ist. Dieses Verstehenlernen beginnt bei der einfachen Entdeckerfreude des Hirtenknaben, der Jahr für Jahr seine Eichenw?lder am Rande der ?cker in gleichen dunklen Formen rauschen, die gleichen Wolken und Wetter in gro?en Rhythmen darüber hinziehen sieht, dem die Ahnung aufgeht, da? hier ein geheimer lebendiger Wille allj?hrlich bestimmte, nicht willkürliche Lebensversuche den feindlichen toten Elementen entgegenschickt; und da? er selber mit Leben und Tod ein Ring in dieser Kette, ein Ton in diesem Lied ist, unl?sbar und glückhaft mit diesem Ganzen verbunden. Es gipfelt - über die stammelnden Versuche von Dichtern und Malern hinweg - in der sorgsam unermüdlichen Arbeit eines Ringes von Wissenschaften, alle Einzelheiten, die zusammen das Bild dieser Planetenoberfl?che bilden, festzustellen, in ihre Teile und Teilesteile zu zerlegen, ihre notwendigen und zuf?lligen Zusammenh?nge zu zergliedern, ihrer Ursache und Folge nachzugehen und eine Sprache dafür zu finden, und endlich wieder sie in ihrer Gesamtheit zu überschauen. So mu? die Erdkunde das Weltall ins Auge fassen, um die Bewegungen dieses Einzelsterns zu begreifen, aus denen für die Erde Tag und Nacht, Sommer und Winter werden. Von den Gestirnen nimmt sie die Linien her, um die Oberfl?che in feste Orte zu teilen und ihren Ma?en auf die Spur zu kommen. Sie sucht etwas vom Innern dieses K?rpers zu erahnen, dessen Ausbrüche r?tselhafte Striche und Flecken auf sein ?u?eres zeichnen; sie mu? aus vielen Wissensgebieten die Fingerzeige aufspüren, die ein Bild von der Entstehungsgeschichte der Erde und besonders der Formen und Art ihrer Oberfl?che geben. Die Grundlage all ihrer Arbeit bildet das Zusammentragen einer m?glichst lückenlosen und von keinen Sinnest?uschungen beeinflu?ten Kenntnis aller Einzelheiten ihrer Oberfl?che; und die gro?en Gruppen dieser Einzelheiten begründen wieder Wissenschaften an sich: Gesteins-, Gebirgs-, Wüsten-, Sü?wasser-, Meereskunde, Pflanzen-, Tier-, Menschenkunde usw. Nicht minder mu? die Erdkunde sich auf die Erforschung des Luftschleiers der Erde ausdehnen: Klima-, Wetterkunde usw. Es gilt, die Reiche der lebendigen Natur in ihrer Beziehung zu den Erdgebieten, ihrer Abh?ngigkeit davon zu betrachten: Tiere-, Pflanzen- und Menschenerdkunde. Die letztere erst erschlie?t eine neue Welt von Aufgaben: die V?lkerkunde im allgemeinen, die wir auch hier unter den Begriff der Erdkunde einbeziehen, lehrt uns die Menschen als Naturwesen wesentlich in ihrer Abh?ngigkeit von der Erde kennen. Dazu kommt dann die politische Geographie, die den Menschen als Bildner von Gesellschaften, als Krieger, als J?ger, Hirten, Ackerbauer, Handwerker, Techniker, Kaufmann, Industriellen, als Errichter von Bauten und Verteiler von Verkehrsmitteln und zuletzt als Künstler und Wanderer in seiner Eigenschaft als Bezwinger und Gestalter der Erde zeigt.
Ebenso mannigfach wie die Beziehungen, unter denen der Mensch die Erde zu erforschen strebt, ist die Art der Erkenntnis, mit der er an sie herantritt, und die Art der Befriedigung, die sie ihm gew?hrt. Zum Begriff der Erdkunde geh?ren die Reisen des Odysseus, des edelsten Urbildes aller Abenteurer, und die des Gilgamesch, des Urbildes babylonischer Weisheit und aller Weisheitspilger ebensogut wie die der heutigen Forscher von der Art Hedins und der Polreisenden. Der Wanderer, der mit Rad und Rucksack langsam die n?chste Heimat durchf?hrt, um nichts als ein Gesundungsbad der Sinne in ihr zu nehmen, treibt ebensogut Erdkunde wie der Mann auf dem Hochschulkatheder, und der Landschaftsmaler ebensogut wie der Geometer oder Landwirtschaftsschüler. Unendlich sind heute unsere Interessen an einer gründlichen Kenntnis der Erde. Sie geh?rt zu jedermanns unerl??licher Vorbildung, ohne die man kaum noch einen Beruf vollkommen beherrschen, geschweige denn das ganze geistige Leben der Gegenwart in Kunst und Wissenschaft, ja auch nur seine t?gliche Zeitung verstehen kann. Aus der Erdkunde sch?pfen nicht nur Wanderer, Abenteurer, Weltreisende flüchtigen Sinnesgenu? und dauernde Gesundheit; sie gibt auch all unsern Künsten - Malerei, Dichtkunst, Musik, Theater, Plastik - Anregungen, will wenigstens von ihnen achtungsvoll berücksichtigt sein (kein Dichter dürfte uns heute noch von der ?b?hmischen Seeküste" fabulieren). Die Tatsache, da? wir beginnen, wirklich die ganze Welt als ?Heimat", unsere Heimat zu empfinden, findet in dem Bestreben des Weltnaturschutzes Ausdruck. Wir streben Weltschutzparke, Welttierreservate usw. an, ein unverkennbares Zeichen für das an keinen Ort mehr gebundene Verst?ndnis für den Wert der unberührten Natursch?nheit. Einen m?chtigen Ansporn für den Erwerb eingehender Erdkenntnis bildet ihre heutige Ausnutzung: Handel, Industrie und Verkehr kennen keine Orts-, keine V?lkergrenzen mehr. Auch das gesellschaftliche (politische) Interesse des letzten Arbeiters umfa?t heute bereits den Erdball: Erdkunde als allgemeines Bildungsgut ist der Boden, auf dem unsere Tr?ume von gegenseitigem V?lkerverst?ndnis, vom Austausch geistiger Güter und damit Weltfriede gedeihen k?nnen. Die Wissenschaft ist noch nicht am Ende ihrer Aufgabe, die letzten leeren Flecke auf dem Globus zu beseitigen; noch k?mpfen ihre kühnen Bahnbrecher um die wissenschaftliche Eroberung der Pole, des Innern Asiens, dunkler Gebiete Afrikas. Schon aber senkt die Gedankenwissenschaft, die Philosophie, ihre Wurzeln in den reichen Wissensboden, den ihr die heutige Erdkunde bereits zusammengetragen hat, um daraus, in die Bahnen ihrer ?ltesten Vorbilder zurückkehrend, die Grundlinien einer neuen naturwissenschaftlichen ? Weltanschauung" zu gewinnen, um das alte Menschenspiel der Vergleichung zwischen den Gesetzen der Geisteswelt und den Erscheinungen unserer Sinnenheimat fortzusetzen. Jener Gilgamesch, der aus der Heimat unseres Geschlechtes an die Grenzen der damaligen Welt pilgerte, um Antwort auf die Frage nach dem Wesen von Leben und Tod zu finden, das Urbild aller ?Pilger in die Wüste", in die lebensvolle Wüste der Nur-Natur, in der sie nichts suchten als Stille für ihren Geist - er ist und bleibt auch das erhabene Urbild aller, die sich um ?Erdkunde" bemühen. Genu? - Nutzen - Wissen - Geisteskl?rung sind die vier Sterne, die der Wissenschaft von der Erde voranschweben.
Welche Mittel hat nun der Mensch von heute, um diesem seinem Wissen diejenige Tiefe und Vollst?ndigkeit zu geben, durch die es allein seine Ansprüche befriedigen, seinem Zeitgewissen genügen kann? Ein Blick rings um unsere heutige Kultur sagt uns, da? diese Mittel seit kaum einem Jahrhundert eine Ausdehnung und Vervollkommnung erfahren haben, die sich keines der Geschlechter, die vor uns ins Grab gesunken sind, je hat tr?umen lassen. Wir k?nnen sagen, da? erst die Fülle dieser Mittel uns in den Stand zu setzen beginnt, die Erdkunde aus einem zur H?lfte phantastischen ?Traum vom Wissen" zu einer wirklichen nutzbaren Wissenschaft, einer wirklichen Bereicherung der allgemeinen Menschenbildung zu machen, sie aus einem ?romantischen" in ihr ?klassisches" Zeitalter zu überführen.
Erdkunde ist ja nicht das Wissen von einem Teil der Erde als solchem, sondern von ihrer Ganzheit. Erst die M?glichkeit, alle Teile zu vergleichen, alle unter dem Bilde einer Einheit zu sehen, von allen in einem Hirn auch eine der Wirklichkeit entsprechende ?Anschauung" zu vereinigen, erlaubt uns ja, überhaupt von ?Erdkunde" zu sprechen. Die Schwierigkeit, die jeder Erdkunde entgegenstand, war die überwindung von Raum und Zeit. Entferntes vergleichen, Vergangenes gegenw?rtig zu haben, mu?te erm?glicht werden. Dazu reichte früher, ohne unsere Hilfsmittel, kein Menschenleben aus. Heute ist es eine M?glichkeit für jedermann geworden. Die Mittel, die es uns erm?glichen, gliedern sich in zwei Gruppen: solche, die den k?rperlichen Verkehr erleichtern, und solche, die den Gedankenaustausch, den Austausch von Beschreibungen und Abbildungen der Erde erm?glichen: Werkzeuge des k?rperlichen und Werkzeuge des geistigen Verkehrs. Es ist eine wunderbare und nicht zuf?llige Fügung, da? die Entwicklung beider gleichzeitig und gleich gro?artig vor sich gegangen ist: da? wir auch heute imstande sind, sinnliche Anschauungen und Anschauungsersatzmittel einander die Wage halten lassen zu k?nnen. Eins ohne das andere h?tte die menschliche Begriffswelt einseitig beeinflu?t.
Die Grundlage aller Erdkunde ist und bleibt für alle Zeiten das unmittelbare Sinnenerlebnis, die k?rperliche Anschauung der Dinge, und kein Hilfsmittel wird es je ersetzen, sondern immer nur erg?nzen k?nnen. Aber die Anschauung selber bedarf der Hilfsmittel, soll sie sich in einem einzelnen Kopfe in ann?hernd genügender Vollst?ndigkeit ansammeln. Ich brauche nur leise zu erinnern, was wir in dieser Beziehung heute zur Verfügung haben, heute zur Verfügung weniger, in zwei, drei Jahrzehnten vielleicht zur Verfügung vieler - wenn sie nur aufwachen und es sich zunutze machen wollten! über dem Gedanken an Eisenbahn, Dampfschiff und Automobil, der uns zuerst einf?llt, dürfen wir nicht vergessen, was heute aus dem Stra?enwesen der Welt selber geworden ist, wie es technisch und politisch, frei von Z?llen und Gefahren, doch der Anfang und die Voraussetzung für alle Entwicklung des Weltverkehrs war. Vor den K?pfen unserer Heerstra?en und Eisenbahnen fliehen die Geister der Wildnis, richten sich die Ruinen verfallener Paradiese wieder auf, lernen Wilde die Sprache der Verst?ndigung. Bald werden die Entfernungen durch elektrische und Motorenbahnen, durch Wasser- und Luftflugapparate und Luftschiffe abermals um die H?lfte und mehr verkleinert werden, immer wertvoller wird unsere Lebenszeit, immer reicher die Fülle von Stoff, die wir uns unmittelbar verschaffen k?nnen. Auch an dieser Stelle m?chte ich aber nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, da? das vollkommenste Werkzeug, um die Erde wirklich betrachtend zu erleben, das eigentlichste Arbeitswerkzeug unmittelbarer Erdkunde das Fahrrad ist - das rechtm??ige Kind des heutigen Stra?enwesens m?chte ich es nennen, und doch überall brauchbar, wo es nur die Spur einer Stra?e gibt; uns von der Unzul?nglichkeit der Fu?wanderung befreiend, und doch all seine Vorzüge steigernd; uns und betr?chtliche Lasten schleppend und doch ganz unabh?ngig von Nahrung, Betriebsmitteln, Kosten und Abfahrtzeiten; unser Freund und Diener auch, wo wir es nicht fahren, sondern neben ihm her gehen; das Reisen aufs ?u?erste verbilligend und dabei es recht eigentlich erst erm?glichend. Ich habe diesen Gedanken ausführlich in meiner Schrift ?Radzigeunerei" (C. Ziehlke Verlag, Liebenwerda, M 1.50) behandelt, auf die ich verweise. Allein nicht um dieses Verweises willen spreche ich hier so dringlich davon. Es liegt mir daran, hier wie überall darauf hinzuweisen, da? wir Menschen vom Anfang des 20. Jahrhunderts ganz allgemein gesprochen über das Wesen und die Ausnutzung fast all der technischen Hilfsmittel, die uns dieses kurze Zeitalter der künstlichen Sinnenvervollkommnung geschenkt hat und bald noch schenken wird, noch nicht entfernt genug nachgedacht, da? wir vor allem den Grundsatz, der in eisernen Lettern an der Stirnseite unserer ?ffentlichen Bauten von heute, an der Wand unserer Arbeitszimmer und auf der ersten Seite unserer Tagebücher stehen sollte, noch nicht erfa?t, geschweige denn uns zu Fleisch und Blut gemacht haben: da? alle unsere Gaben und ebenso alle Gaben technischer Vervollkommnung die der Menschheit in den Scho? fallen, uns nur und nur gegeben sind, um sie mit dem Aufgebot alles Scharfsinns, aller Willenskraft und Selbstbeherrschung in den Dienst unserer geistigen Vervollkommnung, unserer geistigen Weiterbildung zu stellen, zu der Gesundheit, K?rperkr?fte und Maschinenkr?fte einzig und allein unentbehrliche, aber untergeordnete Mittel sind. Das in Beziehung auf eine einzelne Technik nachzuweisen und immer wieder zu betonen, und den Weg dazu finden zu helfen, ist im Grunde genommen der einzige Zweck auch dieser unserer Lichtbühnen-B?ndchen, wie es die Seele und das A und O aller nicht in Redensarten stecken bleibenden Kinobesserung ist.
Das zweite Hilfsmittel der Erdkunde, dem der unmittelbaren Selbstsinnenbeobachtung nachgeordnet und von ihr abh?ngig, aber nicht minder unentbehrlich, ist die Welt der Anschauungsersatzmittel. Sie dienen dazu, uns erstens ein Bild von dem zu machen, was wir eben doch nicht selber sehen k?nnen. Sie haben aber noch eine darüber hinausgehende Bedeutung: sie erm?glichen uns auch, r?umlich und zeitlich Getrenntes nebeneinander oder in rascher Folge zu vergleichen, das Flüchtige in gr??erer Ruhe und Bequemlichkeit und so h?ufiger Wiederholung, wie wir wollen, zu betrachten und es zu messen, ja sie erlauben uns unter Umst?nden und in gewisser Richtung eine genauere sinnliche Wahrnehmung, eine gründlichere sinnliche Vertiefung und darauf folgende geistige Verarbeitung als der Anblick der Dinge selbst. Wenn sie diesem vorangehen, bilden sie auch eine vortreffliche Vorbereitung, um sich von der Wirklichkeit weniger überraschen und ihre kurzen Augenblicke desto trefflicher nutzen zu k?nnen. Ein Teil dieser Hilfsmittel - die schematischen Veranschaulichungen z. B., aber im Grunde genommen jede Abbildung oder Beschreibung - erm?glicht uns noch dazu, uns Dinge zu versinnlichen, die gar nicht unmittelbar sinnenf?llig in der Wirklichkeit hervortreten: die Unterscheidung von ?Haupt"- und ?Neben"-Sachen, Kr?ftelinien usw. Jedes Bild zerlegt zugleich das Veranschaulichte, indem es einen ?Augenblick" davon herausgreift und es uns so als eine Kette von ?Augenblicken" zu erfassen erm?glicht.
Unter all diesen Anschauungs-, Ersatz- und Erg?nzungsmitteln der Erdkunde leuchtet nun die Kinematographie mit ihrem Auftauchen als ?Stern der h?chsten H?he" hervor. Noch niemals vorher hat ein Mensch, hatte die Menschheit das Aussehen der Natur in solcher Vollkommenheit, solchem Reichtum und solcher unverf?lschten Genauigkeit der Einzelheiten im Bilde gesehen als damals, als zum ersten Male die ?lebensgro?e" Photographie auf der Leinwand zu ?leben" anfing, als dort die Reize einfacher Blattaufnahmen vertausendfacht erschienen. Und so, wie man im Traumesflügelschwingen wohl pl?tzlich, durch ein unerkl?rliches und nun doch sofort ganz selbstverst?ndlich und natürlich erscheinendes Wunder sich wirklich von der Schwergefühlsangst, vom Gefühl ewig unzul?nglichen Strebens erl?st, und ?wirklich" schwebend emporgetragen fühlt, wie man pl?tzlich leicht und k?rperlich wie ein Vogel durch die Lüfte getragen wird (nicht mit sprungbereitem Mi?trauen gegen einen, wenn auch noch so genial erdachten Flugmechanismus) -, so sahen auch wir uns pl?tzlich leicht und licht hinweggetragen über das stille Bedenken, das innere b?ngliche Hemmnis, das wir unausgesprochen bis dahin vor jeder, auch der vollendetsten Naturdarstellung gefühlt hatten, über die Frage: ?Wunder-, wundersch?n - aber wieviel ist Menschenhand, Menschenphantasie, und wieviel ist - Wahrheit?!" Wer kennt nicht die stille Selbstbescheidung, mit der der sehnsüchtig in die Ferne, in die Wunder der Natur- und Menschenwelt Hinausdenkende, sein illustriertes Geographiebuch zuklappte - ?die Wirklichkeit - wird doch wohl noch anders sein"! Man denke anderseits an den Riesenerfolg, den ein künstlerisch weniger bedeutender Zeichner, wie z. B. Allers, mit seinen Reiseskizzen hatte, weil er in etwas dem Hunger aller Welt nach Wirklichkeitstreue an Stelle aller Künstlertr?ume entgegenkam. Man erinnere sich ferner an die Einbu?e, die die wirkliche Kenntnis von L?ndern und V?lkern, die Geographie und Ethnographie als Wissenschaft infolge der Schwierigkeit, zu allgemeiner Anschauung ihrer Gegenst?nde zu gelangen, bis in unsere Zeit erlitten hat. Gerade hier versagt ja angesichts der tausendfachen lebendigen Mannigfaltigkeit der Dinge, die hier gerade eine Hauptsache ist, der Zeichenstift und auch, was ihn vornehmlich erg?nzen mu?te, das beschreibende Wort. Beide versagen, nicht nur, wo es gilt, dem Reichtum und der Beweglichkeit der Erscheinungen gerecht zu werden, sondern auch ihre Verh?ltnisse und ihre Bedeutung in gegenseitiger Abmessung wirklichkeitsgetreu festzuhalten. Bezeichnend sind da die bekannten ?Prospekte" - zeichnerische Wiedergaben von Landschafts-, St?dte-, Raum- und Menschenszenerien. Man lege einen alten Merianschen Kupfer oder eine beliebige andere St?dtedarstellung aus alter Zeit mit Photographien zusammen, die das etwa heute noch erhaltene selbe Stadtbild darstellen. Sofort hat man den Eindruck, als ob die Stadt zu Zeiten Merians aus lauter dicht gedr?ngten, malerisch ragenden Kirch- und Rathaustürmen, Burgen und Kl?stern bestanden h?tte, um die herum die Wohnh?user verschwinden. Auf der Photographie werden die Türme klein und rücken weit auseinander, die H?hen werden unscheinbar, die H?user sind gewachsen. Der Zeichner sah eben vor allem, was ihn interessierte: das malerisch und das gedanklich (z. B. geschichtlich) Hervorragende; das wurde ihm unter dem Stift gro?, und das andere schrumpfte zusammen. Oder ein altes Platzbild: der Platz selbst erscheint ungeheuer erweitert, aber auf ihm tummeln sich Fu?g?nger, Reiter, Equipagen in solcher Gr??e und in so interessanten Stellungen und Besch?ftigungen, da? man alles andere darüber vergi?t. Die Photographie rückt die Ma?e ernüchternd zurecht. Diese Darstellungsm?ngel alter Zeiten wirkten aber begriffsverwirrend. Wesentlich mit durch sie glauben wir heute noch vielfach, das Mittelalter sei so viel ?malerischer" gewesen als die Gegenwart und setzen auf unsern Bühnen das ?malerische" Puppenspiel mit Fest- und Prunkkleidern in jeder Alltagsszene fort. In architektonischen Zeitschriften hat man manchmal Gelegenheit, ein und dasselbe Geb?ude, ein und dieselbe Platzanlage nebeneinander photographisch und als zeichnerische (Architekten-) Skizze zu sehen. Selbst hier, wo doch mit genauen Ma?st?ben gearbeitet und zur Erh?hung des Wirklichkeitseindruckes sogar manchmal die photographische Technik nachgeahmt wird, ist man oft verblüfft, den Unterschied in der Wirkung zu sehen. Die Photographie ist - selbst in gelegentlicher perspektivischer Unstimmigkeit - nüchterne Wirklichkeit, die Zeichnung ein - Künstlertraum. Woran liegt's? Kühn hinschweifende Wolken, ideal gehaltene Alleen, kleine Weglassungen von ?Unwesentlichem" - es l??t sich gar nicht aufz?hlen. Vor mir liegt ein geographisches Buch über ?Deutschland". Die Umschlagzeichnung (?Vom Fels zum Meer") zeigt schneebedeckte Berge mit ausnahmslos nicht unter 45° Steigung, daneben Dünen von der halben H?he der ?Eisbedeckten". Es soll ja nur eine ?dekorativ wirkende Skizze" sein - aber was für falsche Vorstellungen sie bei denen weckt, die die Sache selbst nicht kennen, ist kaum nachzumessen. Wir alle erinnern uns doch wohl, wie gründlich wir unsere selbst aus den besten Abbildungen und Beschreibungen gewonnenen Vorstellungen haben umarbeiten müssen, als wir zum ersten Male wirklich ?das Gebirge", ?das Meer", ?die Tiefebene" sahen. Oder man versuche festzustellen, welche Vorstellung verschiedene Personen etwa von ein und demselben Schauplatz eines Ereignisses haben, nachdem sie dessen ausführliche Schilderung in einem Roman, in einer Gerichtsakte gelesen haben. Meistens nehmen wir in einem solchen Falle unbewu?t die Zuflucht zu einem m?glichst ?hnlichen, irgendwo einmal gesehenen Bilde, bestenfalls zu einem ?hnlichen, uns bekannten wirklichen Platze und bleiben dabei. Vielleicht ist er auch wirklich ?hnlich - aber gerade Kleinigkeiten ?ndern hier das Bild sofort wesentlich! Die Schwierigkeit der Anschauung, der Mangel an Darstellungsmitteln, die Notwendigkeit, mit gedanklich abgeleiteten Vorstellungen (Abstraktionen) und Schemen (Typen) zu arbeiten, war die Hauptursache, weshalb eine ernst zu nehmende allgemeinere geographische Bildung kaum in leisen Anf?ngen im 18. Jahrhundert begann. Was hier bereits die Anf?nge der Kinetographie - erst das einfache Lichtbild, dann aber entscheidend das unendlich überzeugendere, unendlich breiter wirkende Kinobild gebessert haben, ist gar nicht abzusehen.1)
Die Photographie allein bringt allerdings auch ?Wirklichkeit". Sie berichtigt unsere Vorstellungen, aber doch mehr auf dem Umwege über den rechnenden Verstand. Was ihr fehlt, ist die sinnliche Frische. Gewi?, ihre Landschaften, H?user und Menschen sind ?richtig" - aber sie sind auch, von Ausnahmeleistungen abgesehen, langweilig. Die Photographie gibt zu wenig von ihnen. Sie will uns einreden, Menschen und Dinge seien blo? erstarrte Schatten. Infolge der Kleinheit des Bildes sehen wir sie wie aus weiter Ferne. Was das Künstlerbild zu sehr betonte, fehlt hier - besonders bei geographischen Bildern - oft ganz: das Malerische, die Gedanken anregenden, beziehungsreichen Einzelheiten. Das Stereoskopbild, das die Plastik hinzufügt, wirkt um so be?ngstigender puppenhaft, lufthaft, mitten in einem wirklichen Augenblick erstarrt.
Das kinematographische Bild ist ein Riesenschritt weiter. Echtes Licht - natur?hnliche Gr??e - zitterndes, schwelgendes Bewegungsleben, und dadurch auch ein gewisser Ersatz der K?rperlichkeit - das ist schon ganz etwas anderes! Da wird nicht nur das Auge erregt - ein Hauch vom fernen Leben selber umweht uns, spannt all unsere Sinne, weckt Denken und Fühlen, weckt die eigne Mitt?tigkeit, das Erfassen-, das Entdeckenwollen, und die ununterbrochene Ver?nderung auf dem Schauplatz h?lt die Aufmerksamkeit wach, l??t die Teilnahme nicht zur Ruhe kommen. Die zehnte Muse - ?Illusion" - spinnt von der Leinwand aus ihre Zauber: das Haus, die B?nke, die Menschenk?pfe und die Damenhüte, die roten Lichter und die Schatten der Nischen werden unwirklich, das lebenwimmelnde Bild wird allbeherrschende Wirklichkeit. ?We put the world before you" nennt ein englisches Filmhaus mit Recht seinen Wahlspruch - ?Wir bringen die Welt zu euch her". Wenn Mohammed nicht zum Berge kam, mu? der Berg zu ihm hin - das Wunder ist geschehen! Wenn wir nicht zu den Wundern der Welt hinaus kommen - und wer wird sich je den lückenlosen Anblick von ihnen selber verschaffen k?nnen, welches Menschenleben w?re lang genug dazu - so mu? nun die Welt, wo sie am sch?nsten ist, von ihrer Oberfl?che her ihre lichten ?therwellen bis hinein zu euch in Schule, Vortragssaal und Theater senden! Und damit es jederzeit geschehen kann, lassen wir die Wellen sich abdrücken in festem Stoff, packen sie ein, versenden, bewahren sie und erwecken sie beliebig zu neuem Leben - so wie wir das Licht der Sonne, das sich vor hunderttausend Jahren in Farrenw?ldern verk?rperte, heute als Kohle einpacken, versenden, aufbewahren und im Ofen wieder zum Licht erwecken! Und mehr: damit es auch allerorten geschehen kann, vervielf?ltigen wir die ?therwellenspuren, so oft wir wollen. So sehen wir, was irgendwo ist, an allen Orten, und was war zu allen Zeiten! So scheint also das Ideal der Schule, das Ideal der Welt von heute erfüllt: Anschauung überall statt Begriffe, Wirklichkeit statt Phantasien, Wahrheit, unverf?lschte, auch hier als einzige Quelle unseres Wissens und unserer Bildung; auch da, wo die pers?nliche Wahrnehmung versagt!
Ist es das wirklich? Wenn unsere Freude über das Gewonnene uns nicht einen Streich spielen, nicht in Kürze in Entt?uschung und überdru? umschlagen, ja den Segen der Kinematographie für Wissenschaft und Schule in sein Gegenteil wenden soll, so müssen wir mit demselben Willen zur Ehrlichkeit, mit der wir ihre Vorzüge anerkennen, uns ihre Grenzen und M?ngel vor Augen halten. Das ist ja auch ein allgemeines Kennzeichen der Gegenwart, dieser überdru?, der angesichts so vieler sch?ner Dinge zutage tritt - nicht nur gegenüber technischen Hilfsmitteln, wie Kino, Fahrrad u. dgl., sondern ebenso und aus denselben Gründen gegen Theater, Illustrationswesen, Presse, die ganze ??sthetische Kultur" - dieser überdru? gerade der Denkenden und Gebildeten, der keine andere Ursache hat als die vorangegangene übersch?tzung und daher den Mi?brauch dieser Dinge zu Zwecken, denen sie nicht gewachsen sind, und in einer Art, die ihrem Wesen nicht entspricht. Wie k?me es sonst, da? trotz der zahlreichen und oft mit Riesenkosten hergestellten erdkundlichen Filme und trotz des lebhaften Wunsches von Wissenschaftlern, Lehrern, Volksbildungsvereinen usw. weder diese Filme einzeln, noch die Kinematographie im allgemeinen ernstlich auf den betreffenden Gebieten Fu? gefa?t hat? Es liegt au?er andern Ursachen, die wir untersuchen werden, daran, da? die Kinematographie überhaupt und die erdkundliche ebenfalls nicht innerhalb ihrer Leistungsm?glichkeiten und ihrem Wesen gem?? angewendet wird, da? ihr Unm?gliches abgefordert und darüber ihre H?chstleistungen vernachl?ssigt werden. Es liegt von vornherein schon in dem jeden, der die Sache ernst nehmen m?chte, absto?enden Leugnen aller M?ngel überhaupt, dem hirnlos uneingeschr?nkten Anpreisen der Kinematographie, all dem Unwesen der geschmacklosen Reklame, von dem sich auch viele ihrer nichtbezahlten Lobsprecher nicht freimachen k?nnen. Die Kinematographie hat keine Feinde als die Ausbeuter, die sachlich und moralisch an ihr Raubbau treiben!
Ich habe in meiner Schrift ?Kino und Kunst" die der Kinematographie überhaupt aus technischen und lebenswissenschaftlichen (physiologischen) Gründen anhaftenden M?ngel ausführlich dargestellt. Die M?ngel physiologischen Ursprungs liegen in unserm eignen Organismus. Andere Bilder nehmen wir einfach mit den Augen auf; diese müssen unsere Augen selber erst zu Bildern machen helfen. Ein kinematographisches Bild ist eine Leistung zur H?lfte von Photographie und Projektionskunst, zur andern H?lfte von sehenden Augen. Diese erst vollführen die betr?chtliche Arbeit, die aber Tausende von Bildern - an 53 000 wurden für eine durchschnittliche Kinovorstellung berechnet! -, die ihnen da abwechselnd mit ebensoviel Verdunklungsunterbrechungen vorgesetzt werden, durch überbrückung dieser Verdunklungen zu einer sich scheinbar bewegenden Einheit zu verschmelzen. Gerade die ?Bewegung" des Bildes ist eine Arbeit nicht des Apparates, sondern unserer Augen. Und sie haben diese Arbeit unter h?chst erschwerenden Umst?nden zu tun: aufs ?u?erste angestrengt durch den krassen und ausschlie?lichen Gegensatz von Licht und Schatten und die überwindung einer Menge anderer M?ngel, die wiederum von einem unserer Organe geleistet werden mu?: der mitwirkenden Phantasie, der blitzschnellen Denk- und eignen Vorstellungsarbeit, die ununterbrochen die in Wirklichkeit blo? vorhandenen Andeutungen des Bildes erfassen und deuten und in ihnen die Vorstellung von Farbe, Plastik, Ger?uschen, Düften und Berührungen erg?nzen mu?, die das Bild doch erst zu dem machen, als das es aufgefa?t sein m?chte, als Wirklichkeitswiedergabe. Erschwert wird diese Nervent?tigkeit durch die Unvorbereitetheit und Bruchstückhaftigkeit jedes Kinobildes. Dessen technische M?ngel haben wir aber zum Teil schon angeführt. Wir vergessen ja gew?hnlich ganz (und das ist im Kino selbst auch recht gut, aber es f?lscht das Ergebnis), da? dieses Bild dennoch immer nur ein Schattenbild ist, dem au?er dem fl?chenhaften Schwarz-Wei?-Bestandteil des Wirklichkeitsanblicks so gut wie alles fehlt, was uns den Eindruck des Lebens vermittelt: eben Farbe, Plastik, Ger?usche, Düfte, Berührungen. Und mehr: die Tiefenwirkung (?Perspektive") ist mehr oder minder falsch, daher auch ein Teil der Bewegungen unrichtig wirkend; Querbewegungen kommen ruckweise usw. Der Apparat zeigt uns, was er mit einem Auge gesehen, wir sehen dies mit zwei Augen, daher wieder etwas anders, als es der Kino gesehen hat und meint - nicht die Wirklichkeit, sondern ein Bild, aber ein sich bewegendes; aber nicht sich bewegende K?rper, sondern sich bewegende Fl?chenausschnitte - Schatten. Unsere Nerven müssen fortw?hrend eine angestrengte übersetzungsarbeit - aus dem Kinematographischen zurück ins Wirkliche - leisten, um so mehr, je mehr der Kino sich der Wirklichkeit durch bestechende ?hnlichkeiten ann?hert; und diese übersetzungsarbeit ermüdet sie bald und sehr. Trotzdem versagen sie allein - wenn wir nicht nachhelfen - in der H?lfte ihrer Aufgaben; sie versagen in vielen F?llen schon bei dem Bestreben, überhaupt zu erkennen, was das Bild wiedergeben will, besonders infolge des Mangels an Farbe, Tiefe und Plastik, durch den sich oft vorn und hinten kaum voneinander abhebt, Fremdes sich zu Lichtkn?ueln zusammenballt und Zusammengeh?riges blo? etwa durch verschiedene Beleuchtung seiner Teile auseinanderrei?t. Bei alledem habe ich nur mehr gute, mit voller Beherrschung der Technik und an Kunstwerken und Kunstdenken geübtem Geschmack hergestellte Bilder im Auge, wie ich sie in ?Kino und Kunst" beschrieben habe. Vor andern Bildern durchschnittlicher Art wachsen die Schwierigkeiten noch mehr. Selbst die besten aber, das ist uns durch das Voraufgegangene hoffentlich abermals klar geworden, sind für sich allein so gut wie ohne jeden erdkundlichen Wert - sie zeigen weniges nur bruchstückhaft, schattenhaft, falsch und irreführend. Der Kinofilm - jeder, ganz besonders aber der erdkundliche - bedarf der Erg?nzung, um überhaupt etwas zu sein. Um dem einen von vornherein unterscheidenden sprachlichen Ausdruck zu geben, habe ich die mit allen n?tigen Mitteln zu einem ?Kunstwerk", d. h. zu einer in sich geschlossenen Darstellungs- und ?Ausdrucks"-Einheit erhobene Kinematographie - mit welchem Wort wir künftig die Herstellung und Vorführung von Bewegungsbildern allein bezeichnen - mit dem Worte ?Kinetographie" benannt. ?Kinetographie" - wie wir das Wort auch hier anwenden wollen (über seinen sprachlichen und sachlichen Sinn vgl. ?Kino und Kunst") - bedeutet also ausschlie?lich die Vorführung von Bewegungsbildern im Rahmen einer zu einem Gesamtkunstwerk erhobenen Vorstellung, erg?nzt durch alles, was dazu dient, das Bewegungsbild selbst seelisch richtig vorzubereiten, Sinne, Nerven und Hirn auf das Wesentliche einzustellen, seine nerv?sen Kra?heiten auszugleichen, und das, was der Film nicht zeigen kann, durch andere Mittel zur Anschauung und zum Verst?ndnis zu bringen.
Zum allgemeinen Verst?ndnis dieser Forderungen, soweit sie aus dem ?sthetischen Bedürfnis, der ?Sch?nheits"-Forderung im durchgeistigten Sinne des Wortes, hervorgehen, mu? ich abermals auf meine mehrmals genannte Schrift verweisen. Hier aber ist Gelegenheit, noch einmal von der andern Seite her, n?mlich aus unserm rein sachlich-wissenschaftlichen Gesichtspunkt, die Forderung nach Vollendung jeder kinetographischen Vorführung zu begründen und zu beleuchten. Es handelt sich nicht in erster Linie um den Wunsch, der kinematographischen Landschaftsdarstellung an sich auch künstlerische Werte abzugewinnen, etwa durch ?malerische" Wahl des Bildausschnittes und handarbeitliche Beeinflussung und Nachhilfe der Herstellungsvorg?nge. Sondern hier fordern wir die Anwendung des gel?utertsten Geschmacks und der gewissenhaftesten und erfindungsreichen Erfüllung aller Sch?nheitsforderungen lediglich im ??sthetischen", d. h. (im Ursinne des Wortes) im Interesse der Sinne unserer Zuschauerschaft, damit n?mlich ihre Sinne geschont, unterstützt, vervollkommnet und vor Irrschlüssen bewahrt werden. Nicht um ihnen ?Genu?" von au?en her zu verschaffen, sondern um ihnen eigne richtige Erkenntnisarbeit zu erm?glichen. Nicht: wissenschaftliche oder Schulkinovorführungen dürfen auch ?künstlerisch" vollkommen sein, sondern sie in erster Linie müssen vollkommene Kunstwerke im Sinne der Vollendung in ihrem eignen Wesen sein, wenn sie überhaupt irgendwelchen - erdkundlichen Lehrwert haben sollen.
Welcher Art nun die notwendigen Erg?nzungen sein müssen, kraft deren Filmvorführungen zu einem brauchbaren Hilfsmittel der Erdkunde werden k?nnen, wollen wir uns kurz überlegen. Zuerst spreche ich allem das Wort, was die dem Kinobild mangelnden begleitenden Sinneseindrücke ersetzen oder wenigstens zum Bewu?tsein bringen kann. Dieser Ersatz ist gerade beim Kinobild viel mehr erforderlich als vor jedem andern auch nur Schwarz-Wei?-Bild, weil das Kinobild mehr wie andere den Beschauer - besonders den nicht selbstkritisch und durch eigne Beobachtungen sehr geübten - in den Traum der Wirklichkeit versinken l??t. Vor einer Photographie verfallen wir keinen Augenblick in die Vorstellung: ?so ist's" oder auch nur ?so sieht's aus" - beim Bewegungsbild ist die Gefahr gr??er, nun erst recht in eine falsche Vorstellung vom wirklichen Aussehen und den wirklichen Kr?fteverteilungen in der Natur zu versinken. Um so sorgf?ltiger müssen wir dort vorbeugen. Diese Arbeit wird freilich zumeist dem menschlichen Worte zufallen, wovon wir noch sprechen. Das Wort allein wird uns über Plastik, richtige Perspektive, Gr??en-, Luft- und W?rmeverh?ltnisse im Dargestellten aufkl?ren müssen, und zumeist auch, wo es sich um wissenschaftliche und Lehrzwecke handelt, über die Begleitger?usche. V?llig m?chte ich diese aber - denen ich in volkstümlichen und Jugendvorstellungen einen breiten Raum befürworte - auch aus wissenschaftlichen Darstellungen nicht verbannt wissen. Ger?uschkunde ist ein meines Wissens als solcher nicht - h?chstens als Nebengebiet der Dramaturgie - abgetrennter Zweig der Naturwissenschaft und findet, abgesehen von der Akustik, die sich nicht mit den Ger?uschen, sondern mit ihren Ursachen besch?ftigt, der Phonetik, der Musiklehre u. dgl., nur vielleicht in der Vogelkunde überhaupt Beachtung. Wenn sie darüber hinaus nicht gepflegt worden ist, so liegt das meines Erachtens nur daran, da? man bisher schlechterdings au?erstande war, den Stoff herbeizuschaffen, d. h. Naturger?usche in wissenschaftlich brauchbarer Weise aufzufassen und wiederzugeben. Wir sind, wie wir wissen, heute schon in der Lage, das zu tun: durch die Phonographie. Sie schreibt bereits ebenso selbstt?tig die Klang- und Ger?uschwellen aller Art auf wie die Photographie die dem Sehen zugrunde liegenden ?ther-Bewegungen (Kinetographie, d. i. Bewegungsselbstniederschrift). Sie ist wie jene durchaus zwangl?ufig, d. h.: richtig eingestellt, gibt sie nach Zeitma? und Klangfarbe genau das Aufgenommene wieder, abzüglich der feststellbaren Wirkungen ihrer technischen Fehlerquellen. Der gemeinsamen Aufnahme von Naturbewegungsvorg?ngen und der sie begleitenden Ger?usche steht also gedanklich nichts mehr im Wege. Tats?chlich ist aber diese Aufgabe noch nicht gel?st (obgleich man von ihrer endgültig erfolgten L?sung alle Augenblicke h?rt). Zun?chst leidet die grammophonische Wiedergabe an sich noch besonders an Nebenger?uschen von solcher St?rke, da? sie feinere Gegenstandsger?usche verschluckt, falls diese von der Wachsschicht überhaupt richtig aufgenommen worden sind. Dann aber steht noch immer die gro?e Aufgabe bevor, beides, kinematographische und phonographische Aufnahme und Wiedergabe, in einem Verfahren oder doch mit zwangl?ufiger Gleichzeitigkeit zu verbinden. Alle sogenannten ?Tonbilder" (ein irreführender Titel), die man bis jetzt sieht, werden so hergestellt, da? erst eine grammophonische Aufnahme, dann eine ihr nachtr?glich angepa?te Mimik aufgenommen werden. Die Wiedergabe wird dann m?glichst der Gleichzeitigkeit angen?hert; aber selbst, wo diese Gleichzeitigkeit erreicht wird, fehlt doch die Echtheit, die dem Ganzen erst wissenschaftlichen Wert geben würde. überdies ist mir nicht bekannt geworden, da? überhaupt erfolgreiche Versuche gemacht worden w?ren, Naturger?usche - z. B. die Brandung des Meeres, den Ausbruch eines Kraters, das Rauschen im Wald, das Gemurmel und Geheul der Gro?stadt - grammophonisch aufzunehmen. Da? dies unm?glich sein sollte, m?chte ich daraus nicht schlie?en - kann man künstliches Pfeifen und Sprechen usw. aufnehmen, warum nicht auch zun?chst wenigstens die lauten (oft viel lautern!) unwillkürlichen Naturger?usche! Und m?gen zun?chst diese Aufnahmen selbst, alsdann ihre Zusammenstimmung mit der gleichzeitigen Kinoaufnahme noch so viel Unvollkommenheiten aufweisen -, der Versuch allein würde lohnen, und die Vervollkommnung würde meines Erachtens nicht lange auf sich warten lassen, sobald nur der Wert dieser Sache allgemein erkannt würde. Da? eine solche Technik überhaupt im Zuge der Kinetographie liegt, ja eins ihrer n?chsten und erreichbaren Ziele sein mü?te, wird weniger bezweifelt werden. Wenn aber Ger?uschnachahmungen von Wissenschaftlern und gebildeten Laien (zum Teil mit Unrecht) bel?chelt werden, so bedeutet das nicht, da? sie auch dokumentarisch getreuen Ger?uschnachbildungen Achtung versagen würden. Im Gegenteil: die Ger?usche, die besonders die Bewegung in der Natur begleiten, sind unentbehrlich für die unmittelbare sinnliche Bewertung der in dem betreffenden Vorgang spielenden Kraftmassen und Kraftverteilungen. Das einfachste Gefühl des Laien sagt ihm doch schon, da? ein lautlos ausbrechender Vulkan, lautlos heranschwingende Meereswogen, eine lautlos dampfgebende Kanone, lautlos tanzende Eingeborene, lautlos stürzende Niagaras etwas Unsinniges, überhaupt gar nichts sind. In der Zeichnung, in der Photographie vermissen wir dergleichen nicht, weil sie ja das Bewegungsleben nicht zu geben beansprucht, wo aber die Bewegung der Dinge gezeigt wird, da fordern unsere Sinne auch ihr Ger?usch. Ist dies somit eine ??sthetische" Forderung, so wird doch auch niemand bestreiten wollen, da? diese Ger?usche an sich als Begleiterscheinungen von Naturbewegungen ein ernstester Forschung h?chst würdiger Gegenstand sind. Ich bin der Meinung, da? auch bei rein wissenschaftlichen Vorführungen, mindestens wenn die Teilnehmer daneben auch irgend Menschen mit natürlichem Sinnenleben und Geschmack sind, in Ermangelung grammophonischer Mittel einige Begleitger?usche gegeben oder angedeutet, allermindestens aber durch vorangehende Beschreibung der Phantasie der Zuh?rer zur Verfügung gestellt werden mü?ten. So zeigte ich einmal den Ausbruch eines Geisers, ein Bild, über das ich wegen seiner Kürze und anderer M?ngel ganz unglücklich war: es kam mir v?llig bruchstückartig und wertlos vor. Zuf?llig kam mir eine ausführliche Beschreibung dieses selben Geisers in die H?nde, in der auch genaue Angaben über die Begleitger?usche enthalten waren. Ich lie? diese nun sorgsam hinzufügen, und von diesem Augenblick an erwies sich das Bild - rein erdkundlich-naturwissenschaftlich betrachtet! - als einer der Glanzpunkte meines Programms. Gewi? hatte ich mir allenfalls nach langem Studieren diese Begleitger?usche - den kanonenschu?artigen Ausbruch von Schlamm und Steinen, das regenartige Niederprasseln der Wassermengen usw., die vorangehende donnerartige Erderschütterung - auch ?denken" k?nnen - aber wie h?tten das meine Zuschauer tun sollen? Und wenn sie es gekonnt h?tten - sollten sie und ich uns dessen sch?men, da? wir uns eine mühsame und unvollkommene Eigent?tigkeit durch ein paar meinethalben theaterhafte Hilfsmittel ersetzten? Und sollten sich endlich Studenten und Hochschullehrer selber in diesem Punkte in einer andern Lage befinden als wir? Sollte selbst jemand, der diese Ger?usche einmal erlebt hatte, sich ihrer vor diesem Bilde vollkommener erinnern, als unsere Hilfskr?fte sie mit urwüchsigen Mitteln nachzuahmen vermochten?
Mag man über Ger?uschnachahmungen bei rein wissenschaftlichen Gelegenheiten denken, wie man will, für die unvorbereitete und mit erdkundlichen Erscheinungen durchaus ungenügend vertraute ?ffentlichkeit sind sie unerl??lich sowohl um des Verst?ndnisses wie um der ?sthetischen Befriedigung willen. Da? und wie dabei die Grenzen des Geschmacks einzuhalten sind, habe ich anderswo behandelt. Sicher ist aber, da? die Kinematographie an sich nicht eher ein vollwertiges erdkundliches Hilfsmittel ist, als bis sie wenigstens in zwangl?ufige Vereinigung mit der Grammophonie gelangt ist. Bewegung und Ger?usch sind zeitlich und r?umlich, urs?chlich und in der Erscheinung, ?sthetisch und gedanklich nicht voneinander zu trennen, ein Verfahren, das das eine wiedergibt, mu? auch das andere zeigen.
Die zweite Erg?nzung, die nicht zu verachten w?re, ist die Farbe. Auch hier sind manche Versuche unterwegs, beachtenswerte Erfolge errungen. Das bekannteste Verfahren ist Urbans Kinemacolor. Ich habe dieses Verfahren vor einigen Jahren in London gesehen und wei? nicht, ob es inzwischen verbessert worden ist. Es st?rte, bei allem unleugbaren Reiz, durch starkes Flimmern. Sein Hauptmangel ist, da? die Aufgabe, die eigentliche Bildfarbe zu bilden, wieder unsern Augen überlassen ist, und diesen wird sie um so schwerer, als sie sie aus nicht mehr als zwei Grundfarben - rot und grün - herstellen müssen, die dem farblosen Doppelpositiv durch zwei Filter mitgeteilt werden. An der Ausbreitung des Kinemacolorverfahrens scheint au?er den betr?chtlich h?hern Kosten und dem zur Alleinbestreitung einer Vorstellung nicht genügenden Erfolg auch die Monopolvergebung schuld zu sein. Auf jeden Fall ist die Sache noch nicht vollkommen; trotzdem sollte jeder sie kennen zu lernen suchen, und gutgestellte Kinotheater sie einfügen. An sich aber ist die ?Naturfarbe" der Bilder - solange sie nicht auf eine bisher unbekannte Weise auf photographischem Wege selber gewonnen wird - nicht eine so unerl??liche Vollkommenheitsforderung wie die des Begleitger?usches. Es ist mir im Gegenteil zweifelhaft, ob sie in jedem Falle erwünscht w?re, da sie die Ansprüche an die Augen erh?ht, die Fehlerquellen vermehrt und überdies dem Filmbild einen Vorzug wieder nimmt: den der Vereinfachung und Zurückführung des Bildes auf seine einfachen Schwarz-Wei?-Verh?ltnisse. Noch weniger kommt freilich hier die künstliche Farbenerg?nzung in Betracht, wo wir ihr nicht aus Gründen, die nichts mit Erdkunde zu tun haben (Augenerholung) einmal nachsehen wollen. Die echte Farbenselbstwiedergabe der Natur steht noch in weitem Feld, und wir sehen vorl?ufig noch nicht einmal einen Weg angedeutet, wie wir zu ihr zu gelangen verm?chten.2)
Anders die K?rperlichkeit (Plastik) des Dargestellten. Der Weg dazu ist klar: wir lassen unsern Apparat, wie wir selber, mit zwei statt einem Auge sehen und zeigen dann, wie in der Wirklichkeit, jedem unserer Augen gesondert das entsprechende Bild. Wege dazu gibt es verschiedene, ihr einziger gemeinsamer Nachteil ist der, da? wir dazu das Auge bewaffnen müssen, sei es durch eine Brille mit zwei verschieden gef?rbten Gl?sern, sei es durch eine stereoskopartige Vorrichtung. Ich habe solche Bilder noch nicht gesehen, meine aber, wenn sie sich einbürgerten und sonst hübsch sind, würde die Beschaffung der Betrachtungshilfsmittel nicht so schwierig sein, wie es immer dargestellt wird. Kinobesucher werden sich ihre ?optische Brille" kaufen, wie Theaterbesucher ihr Opernglas.
übrigens habe ich ein anderes Verfahren zur Verk?rperlichung von Kinobildern gesehen, anscheinend auf Spiegelungen beruhend, das aber nur eine puppenhafte Wirkung hatte. Warum irgend jemand eine bessere k?rperliche Wirkung von erdkundlichen Kinobildern verschm?hen sollte, wenn er sie nicht etwa durch Nachteile anderer Art erkaufen mu?, sehe ich nicht ein.
Eine Menge anderer Wirklichkeitseigenschaften werden dem Kinobild natürlich immer fehlen. So kann die Nachahmung von Begleitgerüchen immer nur ein gelegentlicher Scherz bleiben, und ebenso fehlt die k?rperliche Wirkung von Wind und Wetter usw. auf den Beschauer. Etwas anderes aber ist von gr??erer Wichtigkeit. Wir müssen ein Kinobild immer gleichsam mit festgeklemmtem Kopfe oder mit starren Augen besehen; wir k?nnen die Augen nicht in der Weise wandern lassen wie in der Natur. Tun wir es dort, so bietet sich uns bei jeder Bewegung ein anderes Bild; im Kino ist der Erfolg nur, da? wir je einen andern Teil desselben Bildes sehen. In einem gewissen Grade hilft dem freilich, aber auch nur scheinbar (da die K?rperlichkeit fehlt), die Erfindung der Panorama-Kinematographie ab, die man meines Wissens zurzeit nur in München sehen kann. Sie erzeugt durch kreisf?rmiges Drehen des Objektivs die T?uschung eines Landschaftenrundblickes. Das ist natürlich eine vielleicht sehr hübsche Spielerei, die aber als erdkundliches Hilfsmittel geringen Wert haben wird. Das vor allem aus praktischen Gründen; an sich mag die Sache für seltenere Aufgaben, bei denen es darauf ankommt, einen Gesamtüberblick über ein gr??eres Gebiet zu haben, brauchbar sein.
Ich m?chte, ehe ich die beiden Haupthilfsmittel, das Wort und das Lichtbild, bespreche, noch eine Bemerkung über die Mithilfe der Musik machen. Auf den ersten Blick hat sie in erdkundlichen Filmen, die der Belehrung dienen sollen, nichts zu suchen. Eine Ausnahme machen aber schon diejenigen v?lkerkundlichen usw. Filme, die geradezu Musikszenen, z. B. T?nze, nach Musikrhythmen arbeitende Kolonnen usw., darstellen. Wir k?nnen hier auf das über Begleitger?usche Gesagte verweisen; grammophonische Wiedergabe w?re Ideal, angepa?te Nachahmung in diesem Falle berechtigt, weil ja auch die Urmusik ?künstlich" ist; unerl??lich in diesem Falle die eine oder die andere. Einen Negertanz ohne dessen Begleitmusik vorzuführen, halte ich für geradezu unwissenschaftlich. - Darüber hinaus aber habe ich mich einfach aus der Erfahrung heraus für die vereinzelte Anwendung musikalischer Begleitung selbst bei geeigneten erdkundlichen Filmen aus gesundheitlichen Gründen ausgesprochen. Es ist nun einmal Tatsache, da? gute angepa?te Musik wie kein anderes Mittel die Nerven abspannt, sie erfrischt und ihnen ihre Arbeit erleichtert. Selbstverst?ndlich kommt Musik weder bei Filmen mit Ger?uschwiedergabe in Betracht noch bei solchen mit ?bewegungsdramatischem" Inhalt noch bei allen andern; aber sie kann Wunder tun bei Bildern, die eine ruhige rhythmische, in sich wiederkehrende Bewegung ausspinnen. Begleitmusik beflügelt die Phantasie - aus diesem Grunde weise ich sie nicht streng aus allen erdkundlichen Vorführungen heraus, sondern spreche ihr selbst sachlichen Wert zu.
Was aber v?llig unentbehrlich ist, sind zwei Dinge: das Wort und das stehende Lichtbild. Ich kann sie gemeinsam behandeln. über die Gestaltung des Begleitvortrags habe ich in ?Kino und Kunst" alles N?tige gesagt. Er hat zwei Aufgaben: erstens abermals das Bild seelisch vorzubereiten und seine Lücken auszufüllen, zweitens den Geist darüber hinauszutragen. Die letztere Aufgabe kann in Verbindung mit einer Kinovorführung nur angesponnen, nicht ausgeführt werden. Wir wollen sie aber dennoch nicht unbeleuchtet lassen, um uns abermals gew?rtig zu bleiben, da? alle Bildvorführung für die Erdkunde nur Mittel, nicht Zweck ist. So wie einerseits keine noch so vollendeten Naturnachbildungen ohne geistige Nachteile von Zuschauern aufgenommen werden k?nnen, die nicht über genügenden Vergleichsstoff aus eigner unmittelbarer Anschauung verfügen (worüber wir im Absatz ?Schule" gesondert sprechen) -, so ist anderseits alles von der Natur Geschaute nur Mittel und Vergleichsstoff für die eigentliche geistige Aufgabe der Erdkunde: eben aus der Welt der Erscheinungen zu den Gedanken über sie zu gelangen, ihre Gesetze und Kraftverh?ltnisse, ihre Ursachen und ihre Zukunft, ihr Wesen und ihren Geist zu untersuchen. Darüber spricht sich die Natur nicht, die Abbildung noch weniger aus. Was uns das Bild zeigt - auch das müssen wir uns einmal wieder ins Ged?chtnis rufen - sind ja gar nicht die vom Menschen bereits genannten und gemessenen, mit Erkenntnisgesichtspunkten und Gefühlswerten übersponnenen, menschlich geaichten Naturwerte, sondern es ist die Urnatur in ihrer unentdeckten Namenlosigkeit. Das ist nicht eine Grübelei, sondern eine sehr wichtige Alltagswahrheit, deren übersehen wieder eine der Hauptursachen für die mangelhaften Erfolge ?reformerischer" erdkundlicher Vorführungen in Kinotheatern usw. ist. Man stelle sich vor: da erscheint jenseits einer Flu?fl?che ein schlicht kegelf?rmig zugespitzter hoher Berg, oben mit Schnee bedeckt. Im Vordergrund wogen Binsen um einen Fischersteg. Vor dieses Bild setzt die M?gde und die Kuhknechte, die K?seh?ndler und Pflasterarbeiter einer Kleinstadt. Was sollen sie dazu sagen, was soll sie daran fesseln? Gewi?, es ist ganz ?sch?n" - aber das, was sie urwüchsigerweise im Kino suchen, n?mlich merkwürdige ?Bewegungen", sind gar nicht drin. Das Bild gef?llt nicht! Nun sagt der Vorführer einen Namen: Der Berg Fujijama. ?Ah!" entringt es sich den anwesenden gebildeten Besuchern. ?Das also ist der Fujijama, so sieht er wirklich aus!" Eine Fülle von Gedankenverbindungen erweckt ihnen das Wort - ihnen, aber immer noch nicht den andern! Wenn denen nun ein Berufener in einer Sprache, die sie verstehen, sagen würde: ?Hier ist es gar nicht irgendeine ?merkwürdige' Bewegung, die euch fesseln soll, sondern ihr sollt das und das dabei denken," wenn er ihnen etwa vorher ein paar japanische Künstlerbilder von dem Heiligen Berge zeigt, ein japanisches Gedicht oder eine Sage von ihm erz?hlte - oder wenn er statt dessen wertvolle wissenschaftliche Angaben (immer in der Sprache der Einfachen) über ihn machte: damit würde er ihnen die richtigen Augen geben, mit denen gesehen auch ihnen das Bild reizvoll erscheinen würde. Denn sein Wert liegt in dem, was wir, was ein ganzes Volk sich dabei denkt, in dessen Phantasie der Berg den Mittelpunkt bildet; sein Hauptwert liegt in dem, was das Bild nicht zeigt, im Gedanklichen. Was ich hier am Beispiel der Einfachen zeige, gilt in entsprechender Anwendung bis hinauf zu den ?gelehrtesten H?usern". Niemand ist so vielwissend, da? er im Augenblick, wo irgendeine Landschaft usw. vor ihm im Kinobild auftaucht, gerade den Wissensstoff genau gew?rtig hat, der hier den Mittelpunkt des Interesses bildet. Jeder Beschauer eines Kinobildes mu? vorher darauf eingestellt werden. Und das kann nur durch Worte geschehen. - Diese Worte haben aber nicht nur allgemeine Gesichtspunkte zu geben, sondern sie müssen auch einen andern Mangel des Kinobildes, das schnelle, unvorbereitete Vorüberhuschen des Bildes ausgleichen, indem sie auf seine haupts?chlich zu beachtenden Einzelheiten vorher hinweisen. Diese vorherige Hinweisung, gewisserma?en das Vorauserz?hlen des Kommenden, ist ein zünftiges Kunstmittel des Theaters. Dadurch, da? man eine erst künftig auf der Bühne erscheinende Person vorher nach Tracht und Art von andern beschreiben und ihre Meinungen darüber tauschen l??t, wird das Interesse an dem Kommenden nicht vermindert, sondern vermehrt.
Das letzte, nicht das schlechteste Erg?nzungsmittel des erdkundlichen Bildes, das zugleich das Wort in hohem Grade entlastet, ist das Lichtbild. Es hat vor dem Bewegungsbild den Vorzug, eine lange ruhige Betrachtung zu erm?glichen, die gro?en Grundformen einer Landschaft usw. viel besser als der davonlaufende Film erkennen zu lassen, und auch künstliche Darstellungen, Schemen, Landkarten, Zeichnungen usw. zu erm?glichen. Es ist zugleich eine Erholung für das Auge, auch insofern, als es in einem ganz andern Sinne als der Film künstlerisch (malerisch) hervorragend sein und sowohl naturfarben wie bemalt dem besten Geschmack entsprechen und zeigen kann, was dem Film fehlt. Auf ihm kann man bequem die Stellen zeigen, an denen im Laufbilde etwas Besonderes zu beachten ist, und man kann anschaulich machen, wie sich die besondere ?rtlichkeit des Laufbildes einem gro?en erdkundlichen Ganzen einordnet. Kein Film sollte ohne eingehende Vorbereitung und Vorbesprechung auf der Wand erscheinen. Nichts ist ein falscheres, stilwidrigeres Wirkungsmittel gerade für das Bewegungsbild als die überraschung des Beschauers.
Alles, was wir genannt haben, l?uft darauf hinaus, erdkundliche Bewegungsbilder in solcher Zurichtung, Vorbereitung, Erg?nzung und Umgebung zu zeigen, da? die Beschauer das h?chsterreichbare Ma? von Wirklichkeitsanschauung unter allersorgf?ltigster Unsch?dlichmachung von Fehlerquellen und m?glichster Erleichterung ihrer Sinnest?tigkeit erhalten. So durchgeführt, vermag der Kino dem geübten Gelehrten den Forschungsgegenstand selbst in einem gewissen Grade zu ersetzen, dem Wissensbeflissenen wird er ein verl??liches Hilfsmittel, dem Schüler ein nicht irreführender Wegweiser, dem Künstler ein Genu?, jedermann eine geistige Bereicherung und der Menschheit ein Nutzen und eine kulturf?rdernde V?lkerverbindung sein.
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1) über Streben und M?ngel der literarischen Erdbeschreibung ist es interessant, eine zusammenh?ngende Darstellung, z. B. ?Die Naturschilderung bei (!) den deutschen geographischen Reisebeschreibungen des 18. Jahrhunderts" von Oertel (Leipzig 1899) nachzulesen.
2) Inzwischen wird von einem neuen Verfahren der Firma Gaumont (deutsches Haus) berichtet, das Kinemacolor in mancher Hinsicht übertreffen soll, wenn auch die Farbenabstimmung naturgem?? noch durch die Fehlerquellen beeinflu?t wird.