In Dublin.
Dublin!... Findling in Dublin!... Jetzt gleicht er dem Thespisjünger, der sich zum ersten Male in gro?en Rollen versucht oder von einer umherziehenden Gesellschaft an die Bühne der Gro?stadt übergeht.
Dublin, die Hauptstadt Irlands, hat eine Bev?lkerung von dreihundertfünfundzwanzigtausend Seelen. Verwaltet von einem Lordmajor, der gleichzeitig Chef des Milit?rwesens und damit überhaupt der zweith?chste Beamte der Insel ist, w?hrend ihm vierundzwanzig Aldermen, zwei Sheriffs und hundertvierundvierzig R?the zur Seite stehen, geh?rt Dublin mit zu den bedeutendsten St?dten des britischen Inselreichs. Handelsth?tig mit seinen Docks, gewerbflei?ig mit seinen Fabriken, wissenschaftlich hervorragend mit seiner Universit?t und seinen Schulen, reichen hier dennoch weder die Workhouses für die Armen, noch die Ragged-Schools für die Verlassenen und Waisen aus.
Da er auf die letzteren beiden Anstaltsorte keine Ansprüche zu machen gedachte, mu?te Findling also ein Gelehrter, ein Kaufmann oder Gewerbtreibender werden, wenn ihn die Zukunft nicht etwa zum Rentier machte.
Cork verlassen zu haben, bedauerte unser junger Held gewi? nicht, und furchtsam machte es ihn nicht, den Vorschl?gen Grips, die ja mit seinen geheimen Wünschen so sch?n übereinstimmten, gefolgt zu sein. Auch der Gedanke, da? der Kampf ums Dasein bei den vielen Mitbewerbern hier weit schwerer werden müsse, vermochte ihn nicht zu ?ngstigen – er war mit Vertrauen von Cork abgereist und sein Vertrauen war unterwegs nicht erschüttert worden.
Die Grafschaft Dublin geh?rt zur Provinz Leinster. Bergig im Süden, eben oder wellenf?rmig im Norden, erzeugt sie vor allem viel Lein und Hafer. Hierin liegt inde? die Quelle ihres Reichthums nicht. Diesen verdankt sie dem Meere, dem Seehandelsverkehr, der sich auf eine Jahresbewegung von zw?lftausend Schiffen mit dreiundeinhalb Millionen Tonnen beziffert. Hiermit nimmt Dublin unter allen H?fen des Vereinigten K?nigreichs die siebente Rangstufe ein.
Die Bai von Dublin, an der sich die elf Meilen im Umfang messende Stadt erhebt, h?lt den Vergleich mit den sch?nsten in Europa aus. Sie erstreckt sich vom Hafen Kingstown im Süden bis zum Hafen Howth im Norden; der von Dublin selbst wird durch die Mündungen der Liffey gebildet. Zwei zur Abhaltung der Versandung bis weit hinaus vorgeschobene ?Walls? haben die Barre, die sonst den Zugang zum Hafen erschwerte, beseitigt und gestatten jetzt Schiffen bis zu zwanzig Fu? Tiefgang die Fahrt auf dem Flusse bis zur ersten (der Carlisle-) Brücke hinauf.
Vom Meere aus, bei einem sonnigen Tage mit klarer Luft, mu? man nach dieser Hauptstadt kommen, um das pr?chtige Gesammtbild mit einem Blicke erfassen zu k?nnen. Bob und Findling hatten sich dieses Glücks nicht zu erfreuen gehabt. Die Nacht war finster und die Atmosph?re dunsterfüllt, als sie die ersten H?user einer Vorstadt von Dublin erreichten, nachdem sie der Stra?e l?ngs der Bahnlinie, auf der man von Kingstown aus die Hauptstadt binnen zwanzig Minuten erreicht, nachgegangen waren.
Der Anblick der unteren Quartiere der Stadt in trübem, nur von wenigen Gasflammen unterbrochenem Dunste war keineswegs einladend zu nennen. Der von Birk gezogene Wagen bewegte sich durch enge, verwickelte Gassen dahin. Ueberall schmutzige H?user, geschlossene L?den und offne publics houses, überall eine Menge obdachloser Armer oder ein Gedr?nge ganzer Familien in qualmerfüllten Spelunken, und das widerw?rtige Bild der Trunkenheit, vor allem der von Whisky, der den schlimmsten Rausch verursacht und so oft Streitigkeiten, Beleidigungen und Gewaltth?tigkeiten erzeugt.
Die beiden Knaben hatten so etwas auch anderswo gesehen, darüber erstaunten sie also nicht besonders. Wie zahlreich lungerten hier aber auch Kinder ihres Alters herum, die auf den Stufen und Ecksteinen sa?en oder Abf?lle durchwühlten – alle barfu?, ohne Kopfbedeckung und mit j?mmerlichen Lumpen umhüllt! Bob und Findling kamen an einer, jetzt schwer zu überblickenden gro?en Kirche vorbei, einer der beiden phantastischen Kathedralen, die mit den Millionen des gro?en Brauers Leo Guine? und des gro?en Branntweinbrenners Roe wieder hergestellt worden war. Von dem gewaltigen Thurme mit seiner achteckigen Spitze, die von den Bewegungen seines achtstimmigen Glockenspiels ins Schwanken kommt, schlug gerade die neunte Stunde.
Von der langen und schnellen Wanderung von Bray bis hierher ermüdet, hatte Bob im Karren Platz genommen. Findling schob diesen zur Entlastung Birks. Er suchte ein Unterkommen für die Nacht, bereit, es am folgenden Tage, wenn n?thig, umzutauschen. Ohne es zu wissen, durchzog er den Stadttheil, der ?die Freiheiten? genannt wird, nahe dem Eingang der Hauptstra?e Saint-Patrick, die von der erw?hnten Kathedrale bis zur andern, Christ-Church, hin verl?uft. Es ist das eine breite, mit H?usern, die früher als comfortabel galten, besetzte Stra?e, auf die ungesunde Gassen, schmutzige ?Lanes? einmünden. Diese sind angefüllt mit erb?rmlichen H?hlen, mit L?chern, denen gegenüber man die Hütte der Hard noch vorgezogen h?tte. Findling erinnerte sich dieser mit heimlichem Entsetzen. Und doch befand er sich ja nicht in einem Dorfe von Donegal, sondern in Dublin, der Hauptstadt der Smaragdnen Insel, und er besa? jetzt mehr verdiente Guineen, als alle diese Bettelkinder Farthings in der Tasche haben mochten. Er suchte auch nicht nach einem jener verd?chtigen H?user, wo es mit der Sicherheit sehr zweifelhaft bestellt ist, sondern einen bescheidnen Gasthof, in dem Nachtlager und Nahrung für einen bescheidnen Preis zu haben waren.
Das fand er zuf?llig in der Mitte der Saint-Patrick-Street, ein Gasthaus von bescheidnem, aber ordentlich erscheinendem Aeu?ern, in dem der Karren in einem Schuppen Platz fand. Nach dem Abendessen stiegen die Knaben nach ihrem engen K?mmerchen hinauf, und in dieser Nacht h?tten alle Glockenspiele der Kathedrale, aller L?rm der Freiheiten ihren Schlaf nicht zu st?ren vermocht.
Am folgenden Tage standen sie frühzeitig auf; sie wollten auf Recognoscierung ausgehen und vorzüglich vielleicht Grip aufsuchen, was ja nicht schwierig sein konnte, wenn der ?Vulcan? in seinem Heimathafen wieder zurück war.
?Birk nehmen wir doch mit? fragte Bob.
– Natürlich, antwortete Findling, er mu? doch die Stadt kennen lernen.?
Birk lie? sich darum nicht bitten.
Dublin bildet ein Oval, dessen gro?er Halbmesser drei Meilen betr?gt. Die von Westen nach Osten flie?ende Liffey scheidet es in zwei fast gleich gro?e Theile. An ihrer Mündung verbindet sich der Strom mit einem, die Stadt umrahmenden doppelten Canal – im Norden dem Royal-Canal, der sich an der Midland-Great-Western hinzieht, im Süden dem Grand-Canal, der bis Galway reicht und den Atlantischen Ocean mit dem Irischen Meere verbindet.
Die Saint-Patrick-Street z?hlt unter ihren Bewohnern – und zwar als den wohlhabensten – zahlreiche jüdische Tr?dler. Von diesen H?ndlern entnehmen die Paddys der untern Volksclassen alles, was zu ihrer sehr primitiven Kleidung geh?rt, ausgebesserte Leibw?sche, abgetragene R?cke, Hosen mit aufgesetzten andersfarbigen Flicken, unbeschreibbare M?nnerhüte und Frauenhüte mit unm?glichen Federn. Hier versetzen die Leute auch ihre Lumpen für wenige Pence, die sie dann in den benachbarten ?Inns? schnellstens vertrinken, wo Whisky und Gin versch?nkt werden. Jene Kramladen erregten schon die Aufmerksamkeit Findlings.
Jetzt zu früher Morgenstunde waren die Stra?en fast menschenleer. Man steht sp?t auf in Dublin, wo es übrigens nicht viel Industrie giebt. Werkst?tten findet man fast gar nicht, au?er den Etablissements, die Seide, Flachs, Wolle und vor allem Popeline (Halbseidenstoffe) erzeugen, deren Fabrication einst durch Franzosen eingeführt wurde, welche in Folge der Aufhebung des Edicts von Nantes hier eingewandert waren. Brauereien und Brennereien stehen dagegen in hoher Blüthe. Hier erhebt sich die gro?artige und weitberühmte Whiskybrennerei von Roe, dort die ausgedehnte Stoutbrauerei von Guine?, die einen Werth von hundertzwanzig Millionen Mark haben soll und die durch unterirdische Can?le mit dem Victoria-Dock in Verbindung steht, von wo hunderte von Schiffen ausgehen, die das Bier nach beiden Welten bef?rdern. Ist aber die Industrie dürftig, so nimmt der Handelsverkehr wenigstens immer mehr zu, und was die Ausfuhr von Schweinen und Rindern betrifft, hat sich Dublin unter den H?fen des Vereinigten K?nigreichs sogar zum ersten Range emporgeschwungen.
Findling wu?te das, da er den volkswirthschaftlichen Theil der Zeitungen und Broschüren, die er verkaufte, stets zu lesen pflegte.
W?hrend sie nach der Liffey wanderten, verloren Bob und er nichts Bemerkenswerthes aus den Augen. Bob schwatzte unterwegs nach alter Gewohnheit.
?O, diese Kirche!... Ah, dieser Platz!... Welch' ungeheures Geb?ude!... Welch' sch?ner Square!?
Das genannte Geb?ude war die B?rse, die Royal-Exchange. In der Dame-Street lag die City-Hall, die Commercial Building, der Sammelplatz für die Kaufleute der Stadt. Weiterhin erschien das Schlo? auf dem Rücken des Cork-Hill, mit seinem gro?en, zinnengekr?nten Thurm und den schwerf?lligen Backsteinmauern. Früher ein von Elisabeth ausgebautes Festungswerk, dessen Spuren man kaum noch wiederfindet, dient es jetzt als Amtswohnung des Lord-Lieutenant und als Sitz der Civil-Milit?rbeh?rden. Darunter breitet sich Steffen-Square aus mit einer Reiterstatue Georgs I., die von üppigen Rasenpl?tzen und sch?nen B?umen umgeben ist. Die Einfassung des Square aber bilden ebenso traurige wie symmetrische H?user, unter denen der Palast des protestantischen Erzbischofs und der Boardroom die umf?nglichsten sind. Weiter nach rechts liegt dann der Merrion-Square, wo sich die alte Ritterburg von Leinster, das H?tel der k?niglichen Gesellschaft, mit korinthischer Fa?ade und dorischem Vestibül erhebt und an dem auch das Geburtshaus O'Connell's liegt.
Findling lie? Bob plaudern und gab sich seinen Gedanken hin. Er bemühte sich, aus dem, was er sah, einen praktischen Nutzen zu ziehen. Noch wu?te er ja nicht, was er mit seinem kleinen Verm?gen beginnen, welche Art von Handel er mit Aussicht auf Erfolg anfangen sollte.
Auf ihrem Wege durch die ?rmlichen Stra?en, die die bessern Quartiere umgeben, verliefen sich die Knaben mehr als einmal, so da? sie eine Stunde nach ihrem Aufbruche aus Saint-Patrick-Street noch nicht einmal die Quais der Liffey erreicht hatten.
?Einen Flu? giebt's hier also wohl gar nicht? fragte Bob wiederholt.
– Doch... einen Flu?, der in den Hafen mündet,? versicherte Findling.
Immer fast blindlings weitergehend, gelangten sie nach einer Gruppe vier Etagen hoher, aus Portland-Cement errichteter Geb?ude, mit hundert Meter langer griechischer Fa?ade, einem von vier korinthischen S?ulen getragenen Fronton und mit zwei Eckpavillons mit Pilastern und Antiken. Um das Ganze erstreckt sich ein wirklicher Park, worin junge Leute dem Sport aller Art huldigten. Das Ganze war aber nicht etwa eine Art Turnanstalt, sondern die von Elisabeth gegründete Universit?t, das Trinity-College. Die jungen Leute hier waren irische Studenten, lauter eifrige Sportsmen, die sich an Kühnheit und Feuer mit ihren Kameraden von Oxford und Cambridge messen k?nnen. Das Ganze glich freilich nicht der Ragged-School von Galway, und der Vorsteher hier mochte wohl eine ganz andre Pers?nlichkeit sein, als jener O'Bodkins.
Bob und Findling wandten sich von hier aus weiter nach rechts, und sie hatten kaum hundert Schritte gemacht, als der kleine Knabe jubelnd ausrief:
?Dort... dort sehe ich Masten!
– Also, Bob, mu? auch ein Strom dort sein!?
Von den Masten sah man zun?chst freilich nur die über die H?user am Quai hinausragenden Spitzen. Deshalb suchten sie sich also eine nach der Liffey hinabführende Stra?e, wobei ihnen Birk, mit der Nase an der Erde schnüffelnd, als h?tte er eine Spur gewittert, lustig vorauslief.
Ihm schnell folgend, schenkten sie der Christ-Church-Kathedrale nur einen flüchtigen Blick. Diese liegt aber von der ersten Kathedrale nur durch die L?nge der Saint-Patrick-Street getrennt – ein Beweis für die weiten Umwege, die die Knaben gemacht hatten. Letztere ist übrigens eine recht bemerkenswerthe Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert in Form eines lateinischen Kreuzes, mit Nebenthurm und spitzen Dachreitern u. s. w. Doch sie n?her zu betrachten, dazu fand sich wohl immer noch einmal Zeit.
Endlich erreichten Findling und Bob das rechte Ufer der Liffey.
?O, wie sch?n das ist, rief der eine.
– Etwas so Sch?nes haben wir noch nie gesehen!? meinte der andre.
In Limerick wie in Cork, am Shannon wie an der Lee würde man freilich das herrliche Bild granitner Quais, die mit pr?chtigen Geb?uden besetzt sind, vergeblich suchen – zur Rechten die von Ushers-Aleschants, von Word und von Essex, zur Linken die von Ellis, Avan, von Kings-Inn und andre.
Hier gingen die Seeschiffe inde? nicht vor Anker. Ihr Mastenwald erhob sich weiter stromabw?rts in einem tiefen Einschnitt des linken Ufers der Liffey.
?Das sind dort jedenfalls die Docks? sagte Findling.
– Ei, komm, dahin gehen wir sofort!? antwortete Bob, dessen Neugier das Wort ?Dock? erregte.
Die beiden H?lften von Dublin stehen durch neun Strombrücken in bequemer Verbindung, und die ?stlichste davon, die Carlisle-bridge – gleichzeitig die bedeutendste – führt unmittelbar von der Westmoreland-Street auf der einen, nach der Sackeville-Street auf der andern Seite.
In die letztere bogen die Knaben nicht ein, denn das h?tte sie zu weit von den Docks weggeführt. Dagegen musterten sie aufmerksam alle Schiffe, die unterhalb der Carlisle-bridge auf der Liffey lagen. Vielleicht fanden sie den ?Vulcan? darunter. Den Dampfer Grips h?tten sie ja unter Tausenden erkannt.
Der ?Vulcan? lag aber nicht an den Quais der Liffey. Vielleicht war er noch gar nicht zurückgekehrt, vielleicht ankerte er inmitten der Docks oder war wegen nothwendiger Ausbesserungen ins Trockendock gegangen.
Findling und Bob folgten dem Quai am linken Stromufer. In Gedanken an den ?Vulcan? bemerkte der eine vielleicht gar nicht das Custom-house (Zollgeb?ude), ein m?chtiges, viereckiges Bauwerk mit hundert Fu? hoher, von einer Statue der Hoffnung bekr?nter Kuppel. Der andre dagegen blieb einen Augenblick in Betrachtung verloren stehen. Er dachte daran, ob wohl jemals auch Waaren von ihm hier der Zollbehandlung unterliegen würden. Ein erhebendes Gefühl mu?te es sein, hier Frachtgüter, die aus fremdem Lande für ihn eingetroffen w?ren, in Empfang zu nehmen. Doch sollte ihm das jemals beschieden sein?
Die Knaben gelangten nach den Victoria-Docks. In dem Bassin, dem Herzen der Handelsstadt, dessen Venen nach allen Meeren hin ausstrahlen, lagen eine Menge Schiffe, die entweder ihre Ladung l?schten oder aufs neue befrachtet wurden.
Da entfuhr Bob ein Schrei.
?Der ?Vulcan?! Da... da!?
Wirklich lag der ?Vulcan? an einem der Quais und nahm eben Fracht ein.
Bald darauf hatte Grip, der an Bord unbesch?ftigt war, seine beiden Freunde gefunden.
?Endlich... seid Ihr da!? rief er, sie an sich drückend, als sollte er sie ersticken.
Alle drei gingen nun, um ungest?rter plaudern zu k?nnen, am Quai wieder zurück nach dem Ufer des Royal-Canal zu, wo dieser in die Liffey einmündet.
Hier war es hübsch still.
?Seit wann seid Ihr denn in Dublin? fragte Grip, der beide Knaben an den Armen führte.
– Seit gestern Abend, erwiderte Findling.
– Erst?... Ich sehe, mein Boy, Du hast Dir Zeit genommen zu einem Entschlusse....
– Nein, das nicht, Grip; nach Deiner Abfahrt z?gerte ich gar nicht mehr, Cork zu verlassen.
– Ja, das ist aber drei Monate her, und ich bin inzwischen zweimal in Amerika gewesen. Allemal, wenn ich nach Dublin kam, bin ich in der Hoffnung, Dich zu treffen, in der ganzen Stadt umhergelaufen... doch keine Spur von Findling oder dem Kleinen und Eurem Birk. Darauf hab' ich an Dich geschrieben. Hast Du keinen Brief von mir erhalten?
– Nein, Grip, jedenfalls, weil wir bei dessen Eintreffen gar nicht mehr in Cork waren. Wir befinden uns schon volle zwei Monate unterwegs.
– Zwei Monate, rief Grip. Nun sagt mir, welchen Zug habt Ihr denn hierher benützt?
– Welchen Zug? fragte Bob, den Heizer verwundert anschauend, den Zug mit unsern Beinen.
– Ihr habt die ganze Strecke zu Fu? zurückgelegt?
– Natürlich, und auch nicht einmal auf dem n?chsten Wege.
– Zwei volle Monate unterwegs! rief Grip.
– Die uns aber nichts gekostet haben, versicherte Bob.
– Sondern die sogar ein hübsches Sümmchen einbrachten!? setzte Findling hinzu.
Sie berichteten Grip nun ausführlich über ihre Fahrt l?ngs der Küste, über den Handel, den sie getrieben, und dabei wurde auch die Speculation Bobs mit dem Einfangen und Freilassen von V?geln erw?hnt.
Natürlich kam dabei der Aufenthalt in Bray, das Zusammentreffen mit dem Erben der Piborne's, dessen tadelnswerthes Auftreten und was darauf folgte, mit zur Sprache.
?Du hast ihn doch ordentlich durchgeprügelt? fragte Grip.
– Nein, der erb?rmliche Ashton war mehr dadurch gestraft, da? er unter meinen Knien auf der Erde lag, als wenn ich ihn geschlagen h?tte.
– Das ist gleichgiltig, ich h?tte ihm noch einen Denkzettel obendrein gegeben,? erkl?rte der erste Heizer des ?Vulcan?.
Inzwischen spazierte das fr?hliche Kleeblatt am rechten Ufer des Canals hinauf. Grip wollte immer weitere Einzelheiten h?ren. Seine Bewunderung Findlings suchte er gar nicht zu verbergen. Was der schon alles vom Handel verstand!
Er wu?te zu kaufen, zu verkaufen und Buch und Rechnung zu führen... mindestens ebensogut wie O'Bodkins. Und als Findling ihm mitgetheilt hatte, da? er jetzt ein Capital von hundertfünfzig Pfund ?in der Casse? hatte, rief er verwundert:
?Alle Wetter, da bist Du ja ebenso reich wie ich, mein Junge!... Nur da? ich sechs Jahre gebraucht habe, diese Summe zu erwerben, und Du nur sechs Monate!... Ich wiederhole Dir, was ich schon damals in Cork sagte, Du wirst Gesch?fte machen... wirst ein Verm?gen ansammeln...
– Wo denn? fragte Findling.
– Ueberall, wohin Du gehst, versicherte Grip mit dem Tone vollster Ueberzeugung. In Dublin, wenn Du hier bleibst... irgendwo, wenn Du wo anders hingehst.
– Und ich? lie? Bob sich vernehmen.
– Du auch, Knirps, vorzüglich wenn Du ?fters so gute Ideen hast, wie die mit den V?geln.
– Daran soll's nicht fehlen, Grip.
– Und wenn Du nichts unternimmst, ohne Dich mit dem Patron zu besprechen...
– Mit wem?... Dem Patron?...
– Natürlich mit Findling! Erscheint er Dir denn etwa nicht wie ein richtiger Patron oder Principal?...
– Ja, ja, davon plaudern wir noch mehr....
– Doch erst nach dem Frühstück, meinte Grip. Für heute bin ich ganz frei. Ich kenne die Stadt durch und durch und will Euch durch Dublin lootsen. Da wirst Du auch sehen, Findling, was hier am besten zu thun ist.?
Das Frühstück wurde in einer Matrosenschenke am Quai eingenommen und mundete vortrefflich, wenn auch die Leckerbissen des unverge?lichen Festmahls in Cork dabei nicht wieder auf den Tisch kamen. Grip erz?hlte von seinen Reisen. Bob lauschte seinen Worten mit Entzücken, Findling immer nachsinnend. – Der Knabe machte wirklich den Eindruck, als ob er gleich zwanzig Jahre alt geboren w?re und jetzt im drei?igsten Jahre st?nde.
Hierauf führte Grip seine beiden Freunde nach der Mitte der Stadt, in die Gegend der Liffey. Hier erhob sich das reiche Quartier Dublins, das umsomehr von den andern absticht, als es an einem vermittelnden Uebergang von den Hütten zu den Pal?sten g?nzlich fehlt. Einen Mittelstand giebt es in der Hauptstadt Irlands nicht. Luxus und Armuth sto?en sich mit dem Ellbogen. Das reiche Stadtviertel erstreckt sich vom Flusse aus bis nach dem Stephens-Square, wo die vornehme Bürgerschaft wohnt, die sich zwar durch seine Sitten und Bildung auszeichnet, leider aber durch religi?se und politische Streitfragen in zwei Lager zerf?llt.
Eine der sch?nsten Stra?en ist hier die Sackeville-Street. Hier hat auch das Centralcomité der Landliga seinen Sitz, der durch ein Schild mit goldnen Buchstaben gekennzeichnet ist.
In der herrlichen Stra?e wimmelt es freilich auch von Armen, die überall herumsitzen und am Fu?e der Denkm?ler stehen. Findling fühlte sich recht sehr davon ergriffen. Was in dem Quartier Saint-Patrick vielleicht natürlich erschien, bildete in der sch?nen Sackeville-Street einen gar zu schreienden Contrast.
Auffallend war hier auch die erstaunliche Menge von Kindern, die alle Zeitungen, wie die Gazette de Dublin, den Dublin Expre?, die National Pre?, Freemann's Journal, die haupts?chlichsten protestantischen und katholischen Bl?tter und noch manche andre zum Verkauf ausboten.
?Seh' einer, bemerkte Grip, die vielen kleinen H?ndler auf den Stra?en, an den Bahnh?fen und den Quais!
– Ja freilich, an ein solches Gesch?ft ist hier gar nicht zu denken, antwortete Findling. In Cork ging das ganz gut, hier dürfte es fehlschlagen.?
In der That machte es die überm??ige Concurrenz sehr wahrscheinlich, da? der früh morgens gefüllte Karren Birks am Abend auch noch voll gewesen w?re. Auf dem weiteren Spaziergange entdeckten sie nun noch andre sch?ne Stra?en mit pr?chtigen Geb?uden, so die Post-Office, deren Mittelporticus auf einer Reihe jonischer S?ulen ruht. Findling dachte beim Anblick derselben an die unendliche Menge von Briefen, die hier zusammenstr?men oder von hier ausgehen.
?Dieses Haus hat man auch für Deinen Gebrauch gebaut, mein Boy, sagte Grip, denn hier werden Deine Briefe eingehen mit der Adresse: ?Master Findling, Kaufmann in Dublin.?
Der Knabe konnte nicht umhin, über den Enthusiasmus seines alten Gef?hrten aus der Ragged-School zu lachen.
Fernerhin kamen die drei Freunde nach dem Geb?ude der vier unter einem Dache vereinigten Gerichtsh?fe, mit seiner dreiundsechzig Toisen langen Front und der von zw?lf Fenstern unterbrochenen Kuppel, die heute dann und wann von einem Sonnenstrahl ergl?nzten.
?Ich hoffe, lie? Grip sich vernehmen, da? Du mit dem gro?en Hause da niemals etwas zu thun hast!
– Und warum nicht?...
– Weil das auch ein Heizraum ist, wie der auf dem ?Vulcan?, nur da? man hier keine Steinkohlen verbrennt, sondern Verklagte langsam schmoren l??t, wobei Solicitors, Attorneys, Proctors und andre H?ndler mit Gesetzen einheizen... einheizen....
– Man kann kein Gesch?ft machen, ohne einmal in einen Proce? zu gerathen, Grip.
– Jedenfalls bemühe Dich, deren so wenig wie m?glich zu haben. Es kostet einem viel Geld, wenn man sie gewinnt, und ruiniert einen, wenn man sie verliert!?
Es klang, als wenn Grip aus Erfahrung spr?che. Wie wechselte er aber den Ton, als alle drei ein rundes Geb?ude bewunderten, das durchweg einen dorischen Styl zeigte.
?Die Bank von Irland! rief er grü?end. Da hinein, mein Boy, solltest Du einmal recht h?ufig zu gehen haben. Da drinnen stehen Geldschr?nke so gro? wie H?user! M?chtest Du nicht in einem solchen wohnen, Bob?
– Sind die aus Gold?
– Nein, doch was darin steckt, ist Gold.... Ich hoffe bestimmt, da? Findling hier einmal seine Gelder anlegen wird!?
Grip übertrieb wie immer, wenn er auch nur seiner festen Ueberzeugung Ausdruck gab. Findling h?rte ihm nur halb zu, w?hrend er das ger?umige Geb?ude betrachtete, worin nach Grips Aussage ein Haufe von Millionen auf dem andern liegen sollte.
Weiterhin führte der Weg wiederholt aus den Stra?en des Elends in die des prunkenden Luxus; hier die reichen Leute, die zum Vergnügen lustwandelten, dort die Armen, die die Hand ausstreckten, ohne sich gerade Mühe zu geben, die Vorübergehenden zu rühren. Ueberall Polizisten mit dem Skiff in der Hand und zur besseren Sicherheit der Schwesterinsel den Revolver im Gürtel, eine Vorsicht, die bei der leidenschaftlichen politischen Erregung hier allerdings geboten erscheint. Die Irl?nder vertragen sich untereinander nur, so lange keine religi?se oder eine Home-rule betreffende Frage sie nicht gegeneinander aufhetzt. Dann gerathen sie ganz au?er sich, dann flie?t nicht mehr das Blut der alten Ga?ler in ihren Adern und sie sind so weit unter einander uneinig, da? sie ein Sprichwort ihres Landes best?tigen, welches lautet: Setzt einen Irl?nder an den Bratspie?, so wird sich stets ein andrer einfinden, um diesen zu drehen.
Bei ihrem Ausfluge zeigte Grip seinen kleinen Freunden auch eine gro?e Menge Statuen. Noch ein halbes Jahrhundert, und es sind ihrer so viele wie Einwohner in der Stadt. Da steht in Bronze oder Marmor eine ganze Bev?lkerung von Wellington, O'Connell, O'Brien, Burke, Goldsmith, Grawan, Thomas Moore, Crampton, Nelson, der Wilhelme von Oranien und der K?nige Georg, von denen vor der Hand erst vier vorhanden sind. Noch niemals hatte Findling oder Bob eine solche Versammlung berühmter Pers?nlichkeiten auf ihren Piedestalen gesehen.
Dann unternahmen sie eine Fahrt mit der Trambahn und w?hrend der Wagen an verschiedenen Geb?uden, die ihre Aufmerksamkeit erregten, vorüberrollte, fragten sie Grip darüber, der allemal Auskunft zu geben wu?te. Einmal war es das Gef?ngni?, wo man die Leute einsperrt, und dann wieder Workhouses, wo man sie gegen sehr geringe Entsch?digung zum Arbeiten zwingt.
?Und das da?... erkundigte sich Bob, auf ein sehr gro?es Haus in der Coombe-Street zeigend.
– Das?... antwortete Grip; das ist die Ragged-School?.
Das Wort erweckte in Findling manch' trübe Erinnerung. Hatte er unter einem solchen traurigen Dache aber einst auch viel gelitten, so hatte er daselbst doch Grip kennen gelernt... und das hob sich auf. Jene Mauern bargen also eine Schaar verlassner Kinder! Mit ihrem blauen Jersey, dem grauen Beinkleid und derben Schuhen an den Fü?en, nebst einem Barret auf dem Kopfe, glichen sie freilich nicht im geringsten den zerlumpten Knaben in Galway, um die sich O'Bodkins so wenig bekümmerte. Hier bemühte sich die ?Missionsgesellschaft der Irischen Kirche?, die Eigenthümerin der Schule, ihre Z?glinge nicht nur k?rperlich und geistig zu erziehen, sondern ihnen auch die Glaubenss?tze der anglicanischen Kirche einzupflanzen, und ?hnliche Ziele verfolgen mit den gleichen Mitteln auch verschiedne katholische religi?se Vereine.
Immer unter Leitung ihres Führers verlie?en Findling und Bob endlich die Trambahn am Eingang eines im Westen der Stadt gelegenen Gartens, der auf jener Seite von der Liffey begrenzt wird.
Ein Garten ist es weniger, vielmehr ein gro?er Park von eintausendsiebenhundertundfünfzig Acres (709 Hektaren), der Ph?nix-Park, auf den Dublin mit Recht stolz ist. Dickichte von herrlichen Ulmen, saftige Rasenfl?chen, auf denen Kühe und Schafe weiden, dichte Gebüsche, in denen sich Ziegen tummeln, gro?e Beete mit pr?chtigen Blumen, freie Pl?tze für Paraden, ger?umige Fl?chen für das Fu?ball- und das Polospiel... nichts fehlt diesem mitten in einer Stadt gelegenen Stück Landschaft. Unfern der gro?en Mittelallee erhebt sich die Residenz des Lord-Lieutenant, neben der sich eine Schule und ein Krankenhaus für das Milit?r sowie ein Artilleriehof mit Kaserne befinden.
Der Ph?nix-Park ist freilich auch der Schauplatz mancher Mordthat gewesen, und Grip zeigte den Knaben zwei Einschnitte in Form eines Kreuzes, wo kaum drei Monate vorher, am 6. Mai und fast unter den Augen des Lord-Lieutenant, der Dolch der Unbezwinglichen den Staatssecret?r von Irland und den Untersecret?r, Burke und Lord Frederick Cavendish, t?dtlich getroffen hatte.
Ein Spaziergang durch den Ph?nix-Park bis zu dem hier angeschlossenen Zoologischen Garten beendigte diesen Ausflug durch die Stadt. Es war um fünf Uhr, als die Knaben von Grip Abschied nahmen, um nach ihrem Gasthaus in der Saint-Patrick-Street zurückzukehren, nachdem sie übereingekommen waren, sich alle drei jeden Tag bis zur Abfahrt des Dampfers zu treffen.
Als sie sich trennen wollten, sagte Grip noch zu Findling:
?Nun, mein Boy, ist Dir denn im Laufe dieses Nachmittags ein guter Gedanke gekommen?
– Ein Gedanke, Grip?...
– Nun ja, hast Du Dich für etwas entschieden, was Du anfangen willst?
– Was ich anfangen will... nein, das noch nicht, doch was ich nicht anfangen will, ja. Unsern Stra?enhandel wie in Cork wieder aufzunehmen, das ist hier aussichtslos. Für den Verkauf von Zeitungen und Broschüren giebt es zu viel Concurrenz.
– Das mein' ich auch, sagte Grip.
– Ob wir mit dem Karren durch die Stra?en fahren sollen... das wei? ich nicht... welcherlei Waaren sollte man da verkaufen?... Auch solche fahrende H?ndler giebt es schon sehr viele. Nein, es erscheint mir das rathsamste, gleich einen kleinen Laden zu miethen....
– Jetzt bist Du auf dem richtigen Wege, mein Boy!
– Einen Laden in einem Stadttheil mit lebhaftem Verkehr... nicht von reichen Leuten... so etwa in einer Stra?e der Freiheiten....
– Ganz vortrefflich! rief Grip.
– Was sollen wir da aber verkaufen? fragte Bob.
– Lauter nützliche Dinge, antwortete Findling, alles, was t?glich gebraucht wird....
– Also etwas zum Essen? meinte Bob, zum Beispiel Kuchen, nicht wahr?
– Das Leckerm?ulchen! rief Grip. Kuchen geh?ren doch nicht zu den nützlichen Dingen....
– O doch, weil sie gut schmecken.
– Das genügt nicht, vor allem müssen die Dinge nothwendig sein, erwiderte Findling. Doch... das wird sich finden. Erst will ich mir das Quartier da unten noch ansehen. Allem Anscheine nach machen die H?ndler daselbst gar nicht so schlechte Gesch?fte. Ich denke, so eine Art Bazar....
– Ein Bazar... richtig! jubelte Grip, der schon den gro?en, reich ausgestatteten Laden Findlings mit gl?nzender Firma vor sich sah.
– Ich werde mir's überlegen, Grip. – Nur nicht überhasten! Ehe man sich entscheidet, mu? man alles reiflich erw?gen.
– Und vergi? nicht, mein Boy, da? ich mein ganzes Geld zu Deiner Verfügung stelle. Ich wei? so wie so nicht, was ich damit anfangen soll, und wirklich, es bel?stigt mich nicht wenig, es immer bei mir zu tragen....
– Warum legst Du es denn nicht an, Grip...?
– Ja, gern, bei Dir... Willst Du es?
– Wir werden sehen, vielleicht sp?ter... wenn unser Handel gut geht. Für jetzt fehlt mir ja nur mehr das Haus, in dem ich einen Laden er?ffnen k?nnte, und wo nicht zu viel Risico dabei w?re...
– Keine Angst, mein Boy! Ich sage Dir, Du erwirbst Dir ein Verm?gen, das wei? ich gewi?! Ich sehe Dich schon im Besitz von hunderten, von tausenden Pfund Sterling...
– Wann f?hrt denn der ?Vulcan? ab, Grip?
– Etwa in acht Tagen.
– Und kehrt hierher zurück?
– Nicht vor Verlauf von zwei Monaten, denn wir wollen nach Boston, Baltimore, ich wei? nicht, wohin, oder vielmehr überall hin, wo Fracht einzunehmen...
– Und hierher zu bringen ist!? rief Findling mit heimlichem Neide.
Endlich trennten sie sich. Grip wandte sich nach den Docks zu, w?hrend Findling mit Bob und Birk die Brücke über die Liffey überschritt, um nach Saint-Patrik zurückzugelangen.
Wie vielen Armen beiderlei Geschlechts begegneten sie da, doch auch wie vielen, die von überm??ig genossenem Whisky und Gin widerw?rtig dahinschwankten!
Wozu hatte es genützt, da? der Erzbischof Johann bei einem 1186 in der Hauptstadt Irlands abgehaltenen Concil so wüthend gegen die Trunksucht gedonnert hatte? Sieben Jahrhunderte sp?ter trank Paddy noch immer über die ma?en und weder ein andrer Erzbischof noch ein andres Concil dürfte jemals im Stande sein, diesen traurigen Erbfehler auszurotten.