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Zwischen neun und neun

Zwischen neun und neun

Author: : Leo Perutz
Genre: Literature
Der Student Stanislaus Demba erfährt eines Abends, dass seine Geliebte Sonja sich wegen eines anderen von ihm trennen will. Der mittellose Mann denkt, sie davon nur abbringen zu können, indem er mit ihr verreist. Um an Geld zu kommen, versucht er, wertvolle Bücher aus der Universitätsbibliothek zu verkaufen. Doch er wird erwischt, und nur durch einen waghalsigen Sprung vermag Demba der Polizei wieder zu entkommen. Mit Handschellen gefesselt hetzt er durch ein irrwitziges Wien der k. u. k. Zeit und scheint sein Glück letztlich am Kartentisch doch noch erzwingen zu können. Leo Perutz schrieb 1917 diesen raffinierten Roman, dessen Motive Alfred Hitchcock, Eric Ambler und andere beeinflussten.

Chapter 1 No.1

Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Stra?e. Es war kein sch?ner Tag. Die Luft war feucht und kühl, der Himmel bew?lkt. Das richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu verg?nnen. Aber Frau Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und die Greislerin beschlo?, den kleinen Rest, der kaum ein ?Stamperl? zu füllen vermochte, für die ?Zehnerjausen? aufzusparen.

Vorsichtshalber versperrte sie die Flasche in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr in der Wertsch?tzung eines guten Schnapses v?llig überein.

Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie allmorgendlich sein Frühstück, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zw?lf Heller ?saure Zuckerln? kauften. Die K?chin der Frau Inspektor aus dem ersten Stock des Elferhauses, die ein H?uptel Salat und zwei Kilo Erd?pfel bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren t?glich einen ?feinen Aufschnitt? für sein zweites Frühstück im Gesch?fte der Frau Püchl erstand.

Lebhaft wurde das Gesch?ft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte Frau Püchl alle H?nde voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse geh?rte, zu einem l?ngeren Plausch. Das Gespr?ch drehte sich um das Mi?geschick, das der Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenk?s zugesto?en war. Und in diesem Gespr?ch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen Gespr?chsstoff bot.

Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen, ehe er sich entschlo?, einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er eintrat, war auffallend: Er drückte die Klinke nicht mit der Hand, sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann, mit dem rechten Knie die Tür aufzusto?en, was ihm nach einigen Versuchen auch gelang.

Dann schob er sich in den Laden. Er war ein gro?er, breitschultriger Mensch mit einem kurzen, r?tlichen Schnurrbart in einem sonst glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen überzieher zu einer Art Wulst gewickelt, in welchem seine H?nde staken, wie in einem Muff. Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Stra?enkot bespritzt.

?Ein Butterbrot, bitte!? verlangte er.

Frau Püchl langte nach dem Messer, lie? sich aber vorerst in ihrem Gespr?ch mit der Trafikantin nicht st?ren.

?Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', – na also, i sag' Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, da? ma'n h?tt' glei auf a Sommerfrisch'n schicken k?nnen zur Erholung. Alles wach, alles zerlaufen. Was bekommt der Herr??

Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fu? mehrere Male heftig gegen den Ladentisch gesto?en. ?Ein Butterbrot, bitte, aber rasch. Ich habe Eile.?

Die Greislerin lie? sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen Gespr?chsthema abdr?ngen. ?Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,? sagte sie zu Herrn Demba. ?Mu? ich sie auch z'erscht bedienen.? Das ?z'erscht bedienen? bestand vorerst lediglich darin, da? sie die Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab.

?Also i hab' natürli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir der Mensch! Er hat? – sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten Brief aus der Schürzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. – ?Aha, da seh'n S', da steht's: ... ?den K?se ordnungsgem?? verpackt, und habe ich für den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware w?hrend des Transportes erleidet, nicht aufzukommen?. Für den ?geringfügigen Gewichtsverlust?! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.?

?Das ist halt so die gew?hnliche Redensart bei die Leut',? meinte die Trafikantin.

?Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür g'l?ut't. Glaub'n S', i lass' mir das g'fall'n? Da w?r' i ja der Trottel umasunst!?

?Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!?

?Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so ?u?ern tut!? rief Frau Püchl im h?chsten Zorn.

Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen, der nicht gewillt schien, noch l?nger auf sein Butterbrot zu warten.

?Also vielleicht,? sagte er mit einer Mischung von Nervosit?t, Hohn und mühsam unterdrückter Wut, ?wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bi?chen gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein Butterbrot.?

?Bin eh scho dabei,? sagte die Greislerin. ?Nur a bisserl Geduld. Der Herr hat's aber eilig!?

?Jawohl,? sagte Stanislaus Demba kurz.

?Bleiben S' net noch, Frau Schimek?? rief Frau Püchl der fortgehenden Trafikantin nach.

?I mu? hinüberschau'n in mein G'sch?ft, i komm' nachher eh wieder auf an Sprung.?

?Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Büro oder in einer Kanzlei?? fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. ?I mein' nur, weil's der Herr so eilig hat.?

?Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,? antwortete Demba grob.

?Bin eh scho fertig.? Frau Püchl schob ihm über den Ladentisch das Butterbrot zu. ?Vierundzwanzig Heller.?

Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm pl?tzlich ernste Bedenken gegen den Genu? von Butterbrot aufgestiegen.

?Soll ich's vielleicht zerschneiden?? fragte die Greislerin.

?Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverst?ndlich. Oder glauben Sie, da? ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde??

Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke und legte es vor den Kunden hin.

Demba lie? das Brot liegen. Er trommelte mit der Fu?spitze gegen den Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten unter dem horngefa?ten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher.

?Bekommt der Herr sonst noch was?? fragte Frau Püchl.

?Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer??

?Krakauer net. A Extrawurst w?r' da, a Pre?wurst, dürre Wurst, Salami.?

?Also Extrawurst.?

?Wieviel??

?Acht Deka. Oder zehn Deka.?

?Zehn Deka. So bitte.? Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte das P?ckchen neben das Butterbrot. ?Macht vierundsechzig Heller, beides zusammen.?

Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte pl?tzlich au?erordentlich viel Zeit und zeigte ein überraschendes Interesse für die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den W?nden und über dem Ladentisch hingen. ?Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen Roggenbrots.? – ?Chwojkas Seifensand h?lt rein die Hand?, las er mit gro?er Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten.

?Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?? fragte er dann und bückte sich prüfend über das Butterbrot, auf das sich inzwischen zwei Fliegen niedergelassen hatten.

?Nein, das ist Brot aus den ?Heureka?-Werken.?

?So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.?

?Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net,? gab die Greislerin zur Antwort.

?Dann ist's gut.? Dembas Verhalten wurde immer r?tselhafter. Jetzt blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und bi? sich wütend in die Lippen.

?K?nnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken?? fragte er pl?tzlich, w?hrend ihm ein kleiner Schwei?tropfen die Stirne herunterlief. ?Mein Name ist Stanislaus Demba.?

?Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen??

?Die Sachen da.? Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und das Wurstp?ckchen.

?Die Extrawurst?? Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an. Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt.

?Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte glauben, in einem so gro?en Betriebe – Geht's nicht? Gut. Das macht nichts.?

Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu, die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prüfenden Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.

?Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?? fragte er dann.

?No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie halt die Witterung war,? meinte Frau Püchl und griff nach ihrem Strickstrumpf.

Demba rührte sich noch immer nicht fort.

?Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr??

?I glaub' net.?

Das Gespr?ch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem Strumpf, w?hrend Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse ?lsardinen v?llig in Anspruch genommen war.

Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines M?derl, das Salzgurken verlangte, und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da.

?Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?? fragte er jetzt.

?A Milli führ' i net.?

?Also einen Schnaps??

?Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net wohl??

Stanislaus Demba blickte auf. ?Wie meinen Sie. Ja. Gewi?. Mir ist nicht wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie das nicht gleich gesehen??

?A Lackerl Slivovitz h?tt' i no drüben in meiner Wohnung. Vielleicht, da? Ihna davon besser wird,? sagte die Greislerin.

Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. ?Ja, ich bitte Sie darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.?

Die Katherl, Frau Püchls ?lteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die Schnur hüpfte, fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen:

?Herr von B?r

schickt mich her,

ob der Kaffee fertig w?r' –?

?Kathi,? sagte die Greislerin, ?geh eina, da? wer drin is im Laden. Wei?t vielleicht, wo i die Schlüsseln hin'tan hab'??

?Liegen eh in der Lad',? sagte die Katherl und begann weiter zu springen.

?Morgen um acht

wird er gemacht,

morgen um neun

schaust herein –?

Frau Püchl ?ffnete den Küchenschrank. Aber w?hrend sie das Schnapsglas füllte, kam ihr pl?tzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte. Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen. Zuerst hatte er solche Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen, das Sparkassabüchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus Maria-Zell!

Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte Frau Püchl schreckensbleich in den Laden.

Natürlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das sch?ne Geld! Frau Püchl lie? sich schweratmend in einen Stuhl fallen und ri? wütend die Geldlade auf.

Aber es war alles in sch?nster Ordnung! Da stand die Schale mit dem Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder.

Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst war er durchgebrannt. Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für ihre ?Zehnerjausen? gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine vers?hnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natürlich hatte er kein Geld gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie h?tte es ihm auch geschenkt, wenn er sie darum gebeten h?tte. Man ist ja schlie?lich doch auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib.

Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Stra?e, um nach dem Flüchtling Ausschau zu halten.

Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen.

Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstücke und zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller.

Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gez?hlt und sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen h?tte.

Chapter 2 No.2

Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von Truxa, und seinem Hunde ?Cyrus? den t?glichen Morgenspaziergang in den Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorübergehend auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung betraut, mu? den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden.

Mit seinem grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten Werke über die ?Bildung altassyrischer Eigennamen? hat er sich in der Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, w?hrend seine scharfsinnigen Untersuchungen über ?indische Kachelmotive und ihren Einflu? auf die persische Teppichornamentik? seinen Namen auch in weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben.

Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der Konsular-Akademie, ist weniger bekannt.

Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein vorzügliches kalmückisch-deutsches W?rterbuch an erster Stelle zu nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie über die H?ufung der Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches Werk: ?Zur Ethnographie und Sprache der Somalist?mme? haben auch den Weg ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.

Die wissenschaftliche T?tigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in dieser Erz?hlung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch angemerkt, da? Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer mehrmonatlichen Studienreise aus dem n?rdlichen Haurangebiet zurückgekehrt und derzeit damit besch?ftigt war, die wissenschaftliche Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener chettischer und ph?nizischer Sprachdenkm?ler, gemeinsam mit Hofrat Klementi zu bearbeiten und zu ver?ffentlichen.

Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so l??t sich seine Rasse mit absoluter Zuverl?ssigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als – im gro?en und ganzen – zu der Familie der Spitze geh?rig bezeichnet. Er konnte apportieren, Pfotl geben und ?bitten? und besa? ein wei?es, braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament.

Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im Gespr?che ?fters, am liebsten in besonders belebten Stra?en, stehen zu bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang, konnte gegen diese Schw?che des Gelehrten nichts ausrichten, und Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim überqueren der Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen Tramway zu bringen.

Der Liechtensteinpark war um diese Zeit – es mochte gegen halb zehn Uhr vormittag sein – bereits ziemlich stark besucht. Kleine M?derln und Buben liefen mit Reifen und Gummib?llen über den Kiesweg, Kinderfr?uleins und Ammen schoben plaudernd ihre W?gen vor sich her, Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor. Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an der sie eine von alten Akazienb?umen beschattete und durch dichtes Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete. Auf diesem Pl?tzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem l?rmenden Treiben ringsumher nur wenig gest?rt, ein oder zwei Stunden der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturb?gen zu widmen.

Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespr?ch über das Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa vertrat die Ansicht, da? der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer auf den Orient beschr?nkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.

?Sicher ist es Ihnen bekannt,? sagte er, ?da? in den pr?historischen Gr?bern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche Reste der Canabis sativa L. enthielten. Unsere Vorfahren haben zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt. Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank Nepenthes erw?hnt wird, der ?Kummer tilgt und das Ged?chtnis jeglichen Leides?. Und das ?Gelotophyllis?, das ?Kraut der Gel?chter? der alten Skythen, von dem Plinius spricht.?

?Ich m?chte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden bleiben,? warf Professor Truxa ein. ?Wirth in München geht ja noch viel weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner Behauptung w?ren die gro?en Massenpsychosen der Vergangenheit, der Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen des überm??igen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von ?hnlicher Wirkung anzusehen.?

?Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht anschlie?en. Ich habe ja nur behauptet, da? vereinzelte F?lle von Haschischgenu? auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt: Vereinzelte F?lle! Ich erinnere mich beispielsweise eines neapolitanischen Hafenarbeiters – welche Symptome k?nnten Sie übrigens feststellen, Professor??

?Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs ?u?erste gesteigerten Einbildungskraft. Ein Limonadenverk?ufer in Aleppo, den ich im Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel. Ein arabischer Brieftr?ger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe gesehen, wie ein Nachtw?chter in Damaskus einem harmlosen Spazierg?nger ohne jeden Anla? einen solchen Tritt in den Magen versetzte, da? der arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mu?te.?

?Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen Rassen doch auf verschiedene Art ?u?ern, nicht wahr?? fragte der Hofrat.

?Ich m?chte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenu? reagieren.?

Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es w?re aber unrichtig, zu glauben, sie w?ren durch das Gespr?chsthema so weit absorbiert worden, da? sie den Blick für all das, was in dem menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren h?tten. Das Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Fü?e des Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar im Glauben, da? ihm selbst der Ball eben aus den H?nden gefallen sei. Professor Truxa l?chelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem Freunde das Spielzeug aus den H?nden, sehr darauf bedacht, den Hofrat in seinem Gedankengang nicht zu st?ren. Gleich darauf verga? er jedoch selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos in den H?nden und wu?te nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und beobachtete mi?trauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung der Dinge.

?Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?? fragte der Hofrat.

?Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und bekam Magenbeschwerden.? Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs zu einem Entschlu? gelangt. Er s?uberte ihn mit seinem Rock?rmel sorgsam von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubk?rnchen weg und legte ihn dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der kleine Junge stürzte sich sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem Staube.

Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fu?weg verengt, führte sie zu ihrem Lieblingspl?tzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe – Kinder, die mit einer Rehkitz spielten – und Gestr?uch verborgenen und von zwei Akazien beschatteten Bank.

Auf der Bank sa? Stanislaus Demba.

Er war beim Frühstück. Er sa? vornüber gebeugt, den Kopf in die H?nde gestützt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner überzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, H?nde, Arme und Beine hinter seinem Faltenflu?. Die langen, leeren ?rmel flatterten im Wind.

Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten in gro?en, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung die Korrektur- und Manuskriptb?gen zuzuführen, zu deren Durchsicht der heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates, der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entri?, war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhütet wurde.

Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafür vom Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz.

Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als l?stige St?rung zu betrachten. Er h?rte zu essen auf, hob den Kopf und bi? sich verdrie?lich in die Lippen. Er schien entt?uscht, als er sah, da? Vorbereitungen zu l?ngerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er z?gerte, blieb eine Weile unentschlossen stehen und lie? sich dann resigniert wieder auf die Bank nieder.

Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptb?gen geordnet und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit gest?rt.

?Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?? sagte Demba mit einem unangenehmen L?cheln zum Professor, der ihm zun?chst sa?.

Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stücke von Dembas Extrawurst.

?Er ist mir l?stig. Ich kann Hunde nicht vertragen.? Dembas Stimme zitterte vor Wut.

?Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat!? rief der Professor verlegen.

?Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!? klagte der Hofrat, dem das Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. ?Ich mu? Sie wirklich um Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!?

Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für gew?hnlich mit seinem Hunde verst?ndigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in langj?hrigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im Aram?ischen oder Vulg?rarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die Wirkung, da? Cyrus b?se wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand schnappte.

Demba folgte mit ?ngstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.

?K?nnten Sie vielleicht Ihre E?waren auf die andere Seite der Bank legen? Dorthin kommt der Hund gewi? nicht,? bat der Hofrat.

?Auf die andere Seite?? Demba sah keinen Anla?, die Sachen auf die andere Seite zu legen. Er w?re dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der Sonne verderben, das werde der Herr wohl einsehen.

Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der Himmel bew?lkt und keine Spur von Sonne zu sehen war.

?übrigens,? fuhr Demba fort, ?ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht mehr zu genie?en. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund geben. Brot fri?t er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich n?mlich selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste d?nische Butter.?

?Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?? bat der Hofrat. Cyrus war mit der Wurst fertig und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her. Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.

?Na!? zischte er wütend. ?Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu sein. Nicht ein Stückerl l??t er übrig, nicht das allerkleinste Stückerl.?

?Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?? fragte Professor Truxa.

?Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem Wetter geradezu einen Ekel. Ich h?tte es ohnedies nicht berührt.?

Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber für Demba schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, da? er ihren Hund mit seinem Butterbrot füttere. Es sei merkwürdig, da? manche Leute ihrem Hunde sein bi?chen Fressen mi?g?nnten, selbst wenn es sie nicht einen Heller kostete.

Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht für r?tlich halte, sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen Streit vom Zaun brechen. – Um von Demba nicht verstanden zu werden, bediente Professor Truxa sich des Idioms der n?rdlichen Tuaregv?lker, und zwar – der gr??eren Sicherheit halber – des Dialekts eines bereits seit l?ngerer Zeit ausgestorbenen Stammes.

Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. – Ob der Herr vielleicht etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund sein Frühstück zu schenken, – fuhr er in gereiztem Ton den Professor an. Was denn weiter dabei sei? Bi?chen Wurst und Brot. Um vierundsechzig Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube, da? man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge anwenden müsse, um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen.

?Nein. Natürlich nicht,? sagte der erstaunte Professor h?flich. Und der Herr sei augenscheinlich ein gro?er Tierfreund, – setzte er hinzu.

?Aber du bist ja ein liebes Hunderl!? rief Stanislaus Demba in pl?tzlich erwachter Begeisterung. ?Du bist ein reizendes Hunderl.? Ob die Herren den Hund vielleicht abgeben wollten. ?Nicht? Schade!? – Der Hund würde es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, – wenn er sich den Herren vorstellen dürfe. Demba, cand. phil. ... Nach so einem Hund sei er schon lange auf der Suche. ?Und von wem hat denn der Hund das sch?ne, rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch her zu mir! Willst du Zucker haben??

?Geh hin, Cyrus!? sagte der Hofrat. ?Gib dem Herrn sch?n das Pratzerl.?

Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die Vorderpfote.

Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglückliche Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Fu?tritt und fiel heulend auf den Rücken.

Und nun sprang Stanislaus Demba auf und stürmte ohne Gru? davon. Das untere Ende seines Mantels, den er über den Armen h?ngen hatte, geriet ihm unter die Fü?e und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises, metallisches Klirren war pl?tzlich zu h?ren, ?hnlich dem Rasseln eines Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fu?pfads.

Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. ?So ein roher Mensch!? rief er entrüstet dem Hofrat zu.

Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben. ?Professor!? sagte er leise, ohne sich um den jammernden Cyrus zu kümmern. ?Haben Sie das gesehen??

?Natürlich! So ein roher Mensch!?

?Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?? flüsterte Hofrat Klementi geheimnisvoll. ?Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch beobachtet. Denken Sie doch: Dieser j?he Umschwung der Stimmungen! Dieser anf?ngliche Hei?hunger, der sich pl?tzlich in Ekel vor allem E?baren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalit?t gegen ein harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefüttert hat. Professor! Merken Sie nichts??

?Sie meinen –?? fragte Professor Truxa.

?Haschisch!? schrie der Hofrat. ?Ein Haschischraucher hier bei uns! In Europa!?

Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht.

?Sie k?nnten recht haben, Herr Hofrat,? sagte er. ?Wie merkwürdig! Ein Haschischtrunkener! Er w?re der erste, dem ich in Europa begegne!?

?Natürlich hab' ich recht!? frohlockte der Hofrat.

?Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,? meinte der Professor nachdenklich. ?Als ob er etwas Kostbares unter dem überzieher vor den Augen der Menge zu verbergen h?tte. Sie wissen, der Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen Schatz bei sich zu tragen.?

?Kommen Sie, Professor!? rief der Hofrat, ?rasch! Wir holen ihn noch ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!?

Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, da? sie den Hund Cyrus ganz verga?en, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern suchte.

Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten, war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder verschwunden.

Chapter 3 No.3

Das ?Fr?ulein? wu?te genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie im Park auf der Bank sa? und in ihrem Buch las, w?hrend der kleine Bub und das M?derl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gef??e und Formen füllten, so kam es nur selten vor, da? sie lange allein blieb.

Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr gew?hnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war für diese Bank entschieden h?tten, bezeigten ein forciertes Interesse für alles m?gliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, – bis sie schlie?lich doch ein Gespr?ch anknüpften: ?Fr?ulein lesen da sicher etwas sehr Interessantes!? oder: ?Zwei reizende Kinder, Ihre beiden kleinen Z?glinge, wie hei?t du denn, M?derl?? Oder die Keckeren unter ihnen: ?Sie werden sich Ihre sch?nen blauen Augen verderben, Fr?ulein, wenn Sie fortw?hrend lesen.?

Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fr?ulein aus solchen Anf?ngen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der zweiten Zusammenkunft mit Vorschl?gen, Wünschen und Anliegen, die weit über das hinausgingen, worüber ein junges M?dchen aus gutem Hause, – bitte, ?Fr?uleins? Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium –, worüber ein junges M?dchen aus gutem Hause also vielleicht nach l?ngerer Bekanntschaft, eventuell, unter Umst?nden mit sich reden lassen darf. Bei manchen Herren mu?te man überhaupt schon nach zwei Minuten das Gespr?ch abbrechen, solche Reden führten sie, man mu?te aufspringen: ?Willi! Gretl! Es ist Zeit, da? wir nach Hause gehen!?, und den unversch?mten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam ?fters vor, obwohl das Fr?ulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gespr?chen über schlüpfrig-pikante Themen hatte.

Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten lie? sich das Fr?ulein für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für sie den H?hepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der Unterschrift eines ihr v?llig gleichgültig Gewordenen oder gar Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gn?dige ?rgerlich ins Zimmer kam und auf die Frage ihres Mannes, ob der Brieftr?ger schon dagewesen sei, verdrossen zur Antwort gab: ?Ja, aber für uns war nichts, nur für das Fr?ulein zwei Karten.?

Heute sa? kein junger Mann neben dem Fr?ulein, sondern Frau Buresch, eine ?ltere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen; Frau Buresch und das Fr?ulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.

?Hat es sich doch aufgeheitert,? sagte das Fr?ulein.

?Mir ist lieber, es regnet, als man wei? nicht, wie man dran ist,? meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre H?kelarbeit hervor.

?Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', h?tt' ich geschworen darauf, da? es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt ist's doch wieder ganz sch?n geworden, merkwürdig.?

Das Wetterthema war erledigt. Das Fr?ulein bl?tterte in ihrem Buch. Frau Buresch h?kelte.

?Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der B?nke?, erz?hlte das Fr?ulein. ?Vier Heller pro Person.?

?Alles wird t?glich teurer. Ich sag' Ihnen, Fr?ulein, grau in grau ist das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gew?hnliches, ausgelassenes –?

Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gew?hnlichen ausgelassenen Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger Mann hatte sich zwischen sie und das Fr?ulein gesetzt. Und wenn sich ein junger Mann neben das Fr?ulein setzte, dann wollte Frau Buresch um Gottes willen nicht st?ren. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an das ?u?erste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre H?kelarbeit.

Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern geworfen und vorne flüchtig zugekn?pft. Die leeren ?rmel hingen schlaff hinunter. Er hatte sich ersch?pft auf die Bank niedergelassen, wie einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, da? er ein paar Minuten lang ausruhen kann.

Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, da? seine Nachbarin ein ausnehmend hübsches M?dchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.

Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.

Dem Fr?ulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte, nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem Buche aufzublicken. Er mi?fiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte. Vielleicht geh?rte er zur Boheme – dachte sie. – So sieht er aus. Er hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen schweren und ungefügen K?rper gar nicht in einen feinen, gutgemachten Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach – stellte das Fr?ulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit Kot bespritzt waren, h?tte er sich wohl abbürsten k?nnen, bevor er sich neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fr?ulein fand, da? irgend etwas an dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschlo?, sich seinen Ann?herungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das wu?te sie genau, entgegenkommend zu verhalten.

Stanislaus Demba begann das Gespr?ch in nicht gerade origineller Weise, indem er das Fr?ulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. ?Das ist ein Ibsen, nicht wahr??

Das Fr?ulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.

Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. ?Hab' ich Sie gest?rt?? fragte er. ?Ich wollte Sie nicht st?ren.?

?Ach nein,? sagte das Fr?ulein, senkte die Augen und tat, als ob sie weiterlese.

?Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.?

?Ja. Die Hedda Gabler.?

Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wu?te weiter nichts zu sagen.

Pause. Das Fr?ulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.

Ein bi?chen schwerf?llig ist er – dachte das Fr?ulein. Sie kam ihm zu Hilfe. ?Sie kennen das Stück?? fragte sie. Jetzt lie? sie das Buch sinken zum Zeichen, da? ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen sei.

?Ja. Natürlich kenne ich's,? sagte Demba. – Weiter nichts.

Dem Fr?ulein blieb nichts anderes übrig, als umzubl?ttern und die Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wu?te er nichts weiter zu sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mi?fielen ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum. Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Sch?nheitsfehler reizend und apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fr?ulein entschlo? sich, ihm eine letzte Chance zu geben. Sie lie? ihren Regenschirm fallen.

Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt, ist das Gespr?ch im Gange.

Aber diesmal geschah etwas Unerh?rtes. Etwas, was sich in der Geschichte aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus Demba lie? den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach ihm. Nein. Er rührte sich nicht und lie? es zu, da? sich das Fr?ulein selbst nach dem Schirm bückte.

Aber das Fr?ulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das imponierte ihr an Stanislaus Demba, da? er so anders als die anderen vorging. Er verschm?hte die abgebrauchten Mittel, mit denen Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger Ritterlichkeit. Des Fr?uleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht h?tte jetzt sogar sie ihn angesprochen – Frau Buresch h?kelte und sah nicht hin –, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen h?tte.

?Wenn ich Ihr Vater w?re, Fr?ulein,? sagte er, ?würde ich Ihnen verbieten, Ibsen zu lesen.?

?Wirklich? Aber warum denn? Pa?t er denn nicht für junge M?dchen??

?Weder für Erwachsene noch für junge M?dchen,? erkl?rte Demba. ?Er gibt Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.?

?Aber das müssen Sie doch wohl begründen.? Das Fr?ulein kannte die Art der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Gr??en zu stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für sich erwecken konnten.

?Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,? sagte Demba. ?Ich mü?te Ihnen vor allem erkl?ren, wie wenig und wie Gew?hnliches hinter seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren Klang ihrer Worte berauschen. – Aber lassen wir das, mich langweilen literarische Gespr?che. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt? Seine Menschen sind alle geschlechtlos.?

?So? Geschlechtlos?? – Das Fr?ulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen. Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem guten Buch. Au?er ?Hedda Gabler? kannte sie nur noch ?Gespenster?. Aber sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck gro?er Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur hervorzurufen.

?Und der Oswald?? fragte sie. ?Finden Sie den etwa auch geschlechtlos??

?Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den Ku? im Nebenzimmer nicht!? – Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz auf. ?Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im Nebenzimmer die Regina kü?t, ein Kulissenschieber, der Inspizient vielleicht, aber nicht der Oswald.?

Das Fr?ulein lachte.

?übrigens,? fuhr Demba fort und rückte n?her an das Fr?ulein heran, ?ist der Ku? ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den Mann um sein Recht zu prellen.?

?Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?? meinte das Fr?ulein.

?Küssen, Streicheln, K?rper an K?rper schmiegen,? predigte Stanislaus Demba, ?sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der Natur schulden.?

Das Fr?ulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der Gegenstand des Gespr?chs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte nach Frau Buresch: die sa? und h?kelte und hatte sicher kein Wort verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.

Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespr?ch eine andere Wendung.

?Ich habe Hunger,? sagte er.

?Wirklich??

?Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.?

?So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück Kuchen.?

?Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,? sagte Demba nachdenklich. ?Wieviel Uhr ist es eigentlich??

?Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,? sagte das Fr?ulein.

?Herrgott, da mu? ich ja gehen!? Demba sprang auf.

?Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.?

?Ich habe mich verplaudert,? sagte Demba. ?Ich habe viel zu tun. Ich h?tte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und die Fü?e schmerzten mich. Und au?erdem? – Demba schwang sich zur h?chsten Liebenswürdigkeit auf, deren er f?hig war –, ?ich konnte ja gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mu?te Sie kennen lernen.?

?Es ist eigentlich schade, da? wir nicht weiterplaudern k?nnen.? Das Fr?ulein wippte leicht mit der Fu?spitze und lie? einen zarten Kn?chel und den Ansatz eines schlanken, sch?ngeformten Beines sehen.

Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fu? und blieb sitzen.

?Ich m?chte Sie gerne wiedersehen,? sagte er.

?Ich gehe h?ufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in diesem Park bin ich nicht immer.?

?Und wo sind Sie gew?hnlich??

?Das ist verschieden. Es h?ngt von meiner Gn?digen ab. Ich bin Erzieherin.?

?Dann werde ich wieder mal hierher schauen.?

?Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen – aber Sie k?nnen mir ja schreiben,? sagte das Fr?ulein.

?Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.?

?Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien Stra?e 18. – Warum notieren Sie es nicht??

?Das merke ich mir auch so.?

?Das ist unm?glich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken. Wiederholen Sie sie doch einmal.?

Stanislaus Demba wu?te nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel. Alles andere hatte er vergessen.

?Also schreiben Sie sich's auf!? befahl das Fr?ulein.

?Ich habe weder Bleistift noch Papier,? sagte Demba und verzog ?rgerlich das Gesicht.

Das Fr?ulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und ri? ein Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. ?So. Notieren Sie sich's.?

?Ich kann nicht,? versicherte Stanislaus Demba.

?Sie k?nnen nicht?? fragte das Fr?ulein erstaunt.

?Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.?

?Machen Sie doch keine Scherze!?

?Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, da? 0,001‰ der Wiener Bev?lkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine Null Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.?

?Das soll ich Ihnen glauben??

?Gewi?, Fr?ulein! Sie haben heute die Ehre –?

Stanislaus Demba verstummte. Ein Windsto? hatte ihm den Hut vom Kopf gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Pl?tzlich blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz zurück.

?Dort liegt er,? murmelte er, ?und ich kann ihn nicht holen.?

?Sind Sie komisch,? lachte das Fr?ulein. ?Haben Sie vielleicht Angst vor dem Parkw?chter??

?Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.?

?Ja, aber warum denn??

Stanislaus Demba holte tief Atem.

?Weil ich ein Krüppel bin,? sagte er mit tonloser Stimme. ?Es mu? heraus. Ich habe keine Arme.?

Das Fr?ulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.

?Ja,? sagte Stanislaus Demba. ?Ich habe beide Arme verloren.?

Das Fr?ulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.

?Bitte, setzen Sie mir ihn auf. – Ich bin leider auf fremde Hilfe angewiesen. – So, danke.?

?Ich war Ingenieur,? sagte Demba und lie? sich wieder auf die Bank nieder. ?Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen, mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein! Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon geh?rt??

?Nein,? flüsterte das Fr?ulein und schlo? die Augen. Jetzt verstand sie manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.

?In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in die Mahlmaschine. An einem – nein, es war gar nicht einmal an einem Freitag. An einem ganz gew?hnlichen Donnerstag war's; am zw?lften Oktober.?

Mit einem Male bekam das Fr?ulein eine rasende Angst, da? er auf den Einfall kommen k?nnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei kurze, blutunterlaufene Stümpfe – Nein! Sie konnte nicht daran denken. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

?Ich mu? leider jetzt gehen,? sagte sie leise und schuldbewu?t. ?Willi! Gretl! Es ist Zeit, da? wir nach Hause gehen.?

Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die leeren ?rmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau getragene Originalit?t, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als mühsam verborgenes Elend.

Und hatte er nicht selbst gestanden, da? er Hunger litt?

?Sind Sie noch in der Fabrik?? fragte sie.

?Wo? In der Fabrik? – Ach so. In den Heurekawerken. – Nein. Wer kann denn einen Krüppel brauchen,? sagte Demba.

Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. – Viel Geld hatte das Fr?ulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem Handt?schchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben Stanislaus Demba auf die Bank.

Dann stand sie auf. – Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die ganze Absurdit?t dieses Vorhabens zum Bewu?tsein.

Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch. Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.

Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, da? der arme Mensch das Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, da? ihm irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder Frau Buresch.

* * *

Frau Buresch, der kein Wort des Gespr?ches entgangen war, obwohl sie sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer H?kelarbeit besch?ftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des Ekels und der Entt?uschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender Geb?rde auf den Boden warfen.

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