Der Stab für das Eisenbahnbauwesen der Ostarmee lag vor Dünaburg. Es ging die Rede von einem russischen Durchbruchsversuch. Die Baukompagnie 14 geriet ins Feuer. Es gab Verluste. Der Bau der Feldeisenbahn kam ins Stocken. Die Verbindung mit der Kampffront blieb auf Tage unterbrochen. Vom Oberkommando der Armee lief eine Beschwerde beim Stab ein. Dr?ngende Befehle peitschten zur Beschleunigung. Der Major hatte wieder jenen geh?ssigen ?rger auf seinem finsteren Gesicht, der an den Brückenbau in Kowno vor der Ankunft des Kaisers erinnerte.
Zwei Tage vorher bereits überw?lbte das fertiggebaute, riesige h?lzerne Mittelstück die gesprengte Memelbrücke damals. Die Belastungsprobe war glatt verlaufen. Allenthalben sah man entspannte, befriedigte Gesichter. Die ermüdete Mannschaft trat schon zum Heimmarsch in die Quartiere zusammen. Pl?tzlich murrte ein langgezogenes, ruckendes Grollen über den nebeligen Flu?. Die Brückenmitte hatte nachgegeben, war fast um einen halben Meter tiefer gesunken. Eine Totenstille herrschte minutenlang. Dann bellten abgehackte Befehle durch die Luft. Die ersch?pften Abteilungen schw?rmten wankend auseinander, wieder auf die Brücke und ins eisige Wasser. Die ganze Nacht h?mmerte, ?chzte, krachte, schob und schrie es aus dem sp?rlich beleuchteten Gerüst des Notbaues und aus der Flu?tiefe. Fieberhaft, mit verdrossenem, verbissenem Grimm wurde gearbeitet.
Wie Rudel totgehetzter Ziehtiere trotteten die Kolonnen am Morgen in die zerschossene Stadt.
Zwanzig Stunden wurde am darauffolgenden Tage gearbeitet. Zweiundzwanzig ununterbrochen am andern. Die Ruhr brach aus unter der Mannschaft.
Mehr als vierzig Mann starben, fünf ertranken in der Memel.
Als der Kaiser ankam, erhielt der Major das Eiserne Kreuz erster
Klasse.
"Herr Major,-hoffentlich ist es uns allen noch geg?nnt, da? wir den Pour le merite ebenso vergnügt mit Ihnen feiern dürfen," sagte damals der geschnürte, glatzk?pfige Stabsadjutant piepsend.
Und zerschlissen freundlich l?chelte der Major: "Wenn Petersburg f?llt!"
-Damals ging es unaufhaltsam vor.
Nun stockte es erstmalig w?hrend des ganzen Feldzugs.-
Die Russen funkten sehr nahe. Die zurückgetriebenen Eisenbahnbaukompagnien verpendelten die Zeit mit nutzlosen Appellen. Vom Hauptquartier kam Befehl auf Befehl. Die Offiziere flitzten nerv?s und gewichtig herum. Bei der Mannschaft gab es Arreste.
Unübersehbare Mengen Baumaterialien stapelten sich und mu?ten liegenbleiben.
Der Major ritt die Bauzüge ab, schrie, polterte, teilte Strafen aus.
Fünfzehnhundert Russen, die an der Front gefangengenommen worden waren, trafen ein. Befehl zur Aufnahme des Weiterbaues der Feldeisenbahn erging.
Langsam rollten die stehengebliebenen Bauzüge vorw?rts, in die tristen Schneefelder hinein. Vor, vor-immer noch vor ging es! Bis zu der Stelle, wo die Arbeit aufgegeben werden mu?te.
Die Geschosse schwirrten hoch in der schneeigen Luft. Ganz nahe.
Schnee, Schnee. K?lte, K?lte.
Die Baukompagnie 14, 15 und die Russen marschierten auf die
Arbeitsstellen.
"Mist!-Humbug!-Unsinn!" knurrte von Zeit zu Zeit irgendeiner halblaut.
In kilometerweiter Entfernung schlugen die Geschosse ein, warfen
Kotfont?nen.
Schlaggg!-lag alles am Boden.
Man lag die halbe Zeit in Deckung. Die Arbeit machte kaum wesentliche
Fortschritte.
Meldung erging an den zurückliegenden Stab.-
Der Ordonnanzreiter Peter Nirgend ritt durch den peitschenden Schnee. Das Pferd dampfte. Die Lenden spritzten Blut. Fiebernd bog sich der furchtsame Rücken im Galopp.-
Hauptmann und Oberleutnant der Baukompagnienempfingen den Heransprengenden mit mürrischen Gesichtern.
"Meldung vom Stab der Eisenbahntruppen!" keuchte Nirgend. Nur mit Mühe konnte er sich stramm halten.
Hastig ?ffnete der Hauptmann den Umschlag, überflog mit unterdrückter
Entrüstung das Papier und sah auf den Oberleutnant, reichte es ihm.
"Hm!" brummte er kopfschüttelnd. "Hm!" machte der Oberleutnant gleichfalls achselzuckend und ratlos.
Dann stiegen beide in den Kanzleiwagen.
Peter Nirgend führte sein schwei?triefendes Pferd auf und ab. Aus den
Quartierwagen der Mannschaft glotzten mi?mutige Gesichter.
"Geht's vor?" fragte einer.
"Der Hund!" knurrten etliche dumpf, als Nirgend nickte. Der Kanzleiunteroffizier rief aus dem Wagen, übergab ihm die Rückmeldung an den Stab. Der gefrorene Boden klapperte unter den ausgreifenden Hufen des Pferdes. Schneewolken staubten auf und nichts mehr sah man.-
Ein abermaliger Befehl des Stabes bestimmte unverzügliche Aufnahme der
Arbeit und sofortige Herstellung der Verbindungslinie mit den Fronten.
Schon tags darauf meldeten die vorgeschickten Kompagnien schwere Verluste. Die fünfzehnhundert Russen weigerten sich, aus ihrem Bauzug zu gehen. Man prügelte sie heraus. Aber am selben Abend noch mu?ten die Züge zurückrollen. Viele Wagen waren zerst?rt. Die Eisenbahnlinie überall ramponiert.
Die ganze Nacht schrie es die Züge entlang. Neue Wagen wurden eingeschoben. Unaufh?rlich wurde rangiert.-
Am andern Mittag raunte es von Ohr zu Ohr: "Es geht wieder vor!" Es ging ein Gerücht herum von einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen Major und Hauptmann. Kurz darauf hie? es: "Antreten zum Appell!" Vor den gepferchten Reihen der zum abermaligen Vorrücken bestimmten Truppen hakte ein fremder Offizier auf und ab und hielt eine schwunghafte Rede. "Das deutsche Wesen darf nicht untergehen! Hurra! Hurra! Hurra!" schlo? er und alles brüllte mit. Wie ein einziger Tierlaut klang's.
"Fürs Vaterland!" murrte einer zynisch beim Auseinandergehen.
"Für den Pour le mérite!" brummte ein b?rtiger Kerl und sah herausfordernd auf die lethargischen Gesichter der Kameraden.
"Kotze!-Sich den Schwanz verbrennen ist die einzige Rettung!" murmelte der Mannschaftskoch stoisch.
"Nulpe! Wo denn?-Wenn weit und breit kein Puff ist!?" warf ihm der
Vagabund Tümpel hin und spuckte in gro?em Bogen durchs offene Fenster.
Tief am Nachmittag ?chzten die Bauzüge abermals finster in die schneeige, verlassene Gegend hinaus.
Am zweiten Tag, als Nirgend von den Kompagnien zum Stab zurückritt, knallten Schüsse hinter ihm her. Einer davon streifte leicht seinen rechten Arm.
"Hu-u-und!" surrte es langgedehnt durch die kalten Nebelschwaden und lief ihm nach wie ein unterirdisches Grollen.
Gegen Morgen tauchten auf einmal die gelben Lichter der Bauzuglokomotiven auf und kamen zischend n?her. Die vierzehnte Kompagnie war his auf zirka hundert Mann aufgerieben, und die fünfzehnte hatte gleichfalls zahlreiche Verwundete und Tote. Die Russen hatten in der allgemeinen Panik des Zurückflutens die Fluchtergriffen und irrten rudelweise in den Schneefeldern herum.-
Nirgend trat dumpf ins Leutnantszimmer des Stabsbureaus, straffte seine Glieder und sagte: "Zur Stelle!"
Der schm?chtige, elegante Offizier drehte sich wippend, etwas nerv?s herum, ma? den Hereingetretenen von oben his unten und fragte: "Na,-und?"
"Man hat mich angeschossen," sagte Nirgend unvermittelt.
"Ja-und?"
"Es waren welche von uns, Herr Leutnant."
Die gepflegten, spitzen Augenbrauen des Offiziers griffen zuckend in die pl?tzlich streng gefaltete Stirn.
"Quatsch!-Woraus schlie?en Sie denn das;" rief er wegwerfend.
"Weil jeder wütend ist," sagte der Meldereiter einfach.
"Halten Sie Ihr Maul, Sie Lümmel!-Was bilden Sie sich eigentlich ein!" belferte der Leutnant drohend und schnellte auf.
"Ich rede nicht um meinethalben," erz?hlte Nirgend ruhig und schaute dem Schimpfenden entschlossen ins Gesicht, "aber um den Pour le merite geht keiner mehr vor. Ich reite nicht mehr!"
"Wasss!!" zischte es durch die warme Zimmerluft.
Matratzenfeder. Die Tür des anderen Zimmers wurde ruckhaft aufgerissen.
"Wasss!-Was ist da!?" schnarrte der Major und machte einen Schritt auf Nirgend zu. Schon ri? sich der Leutnant schlank und stramm herum, wollte melden. Aber der Soldat kam ihm zuvor, sagte, zum Major gewendet, mit der gleichen, einfachen Ruhe: "Ich reite nicht mehr, Herr Major! Um einen Pour le mérite geht keiner mehr vor, sagen alle!"
Einen Moment fielen die beiden Offiziere fast auseinander. Dann schrien sie, bellten drohend: "Hinaus! Hi-naus! Sie Schweinehund!"
Ganz korrekt drehte sich Nirgend um und ging aus dem Zimmer. In der angrenzenden Schreibstube wurde fieberhaft gearbeitet. Jeder sa? geduckt da und kaum einer wagte aufzuschauen. Nur einige ?ngstliche Blicke trafen den Hindurchschreitenden. Der Stab nistete in einem einst?ckigen Gelehrtenhaus. In den unteren R?umen waren die Bureaus, oberhalb die Schlafzimmer der Offiziere und auf dem Dachboden hausten die Mannschaften. Dort angelangt, legte Nirgend sich so wie er war aufs Stroh und zündete sich eine Zigarette an.
Es war merkwürdig, heute kam keiner zu Bett. Düster glomm der sp?rlich helle Kreis der brennenden Zigarette im Dunkel. Wie in einer verlassenen Totengruft lag man hier. Langsam fielen die Minuten von der Decke herab.
Eine lange Zeit verging.
Dann knarrten Schritte die Treppe herauf, kamen n?her. Es mu?ten mehrere Leute sein. Peter Nirgend rührte sich nicht.
Die Tür wurde ge?ffnet. Im Lichtkreis einer Taschenlaterne tauchte undeutlich die Gestalt des Leutnants auf. Dahinter mu?ten noch einige Leute stehen. Zwei Seitengewehre funkelten zur H?he.
Nirgend erhob sich ohne Hast. Irgendeine dunkle, breite Gestalt tappte herein, tastete herum und entzündete die Lampe. Jetzt traten der Leutnant und die zwei Soldaten mit den aufgepflanzten Seitengewehren an den Tisch, wo der Unteroffizier, der Licht gemacht hatte, stand. Der Leutnant verlas etwas von sofortiger Inhaftierung und überweisung an ein Kriegsgericht, faltete den Bogen wieder, sah Nirgend flüchtig an und sagte zum Unteroffizier: "Wenn er in fünf Minuten nicht folgt, wenden Sie Gewalt an!"
"Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der strammgestandene Korporal.
"Naja!" sagte der Leutnant und ging.
Einige Augenblicke standen sich die Soldaten schweigend gegenüber.
"Kamerad!-Mensch?" brachte der Unteroffizier endlich heraus, stockte aber pl?tzlich und sagte dumpfer: "Packen Sie Ihre Sachen zusammen und kommen Sie."
"Seid ihr Vierzehner?" fragte Nirgend unbeweglich. Keine Antwort.
Keine Bewegung der anderen. Starr standen die drei.
"Gestern nacht habt ihr auf mich geschossen-einer von eurer Kompagnie war's!-Weil ich den Befehl zu euch brachte zum Vorrücken.-Einen Denkzettel habt ihr dem Major geben wollen-jetzt macht ihr drei wieder die Handlanger der Ordensj?ger!" stie? Nirgend heraus.
Keine Bewegung. Schweigen. Starr standen die drei. Wie glatte, finstere
Glassturze. Alles rutschte an ihnen herab.
Man stand selber unter einem solchen Glassturz. Gespannt his aufs ?u?erste mu?te man an sich halten. Eine einzige Bewegung-und alles konnte zusammenfallen, klirrte herab. Und-?
Und man stand ohnm?chtig, ausgeliefert und vereinsamt zwischen den anderen. Die nackten Arme halfen nichts. Nicht einmal zu einer Umschlingung, denn man rutschte ab. Fiel hin und war ein H?uflein nichts.
Und was war geschehen?
Nichts!
Die nackten Arme halfen nichts! Gar nichts!
Nur die Kart?tschen der Feinde, Hekatomben auseinandergerissener Leiber.
Das Unertr?gliche. Die Sinnlosigkeit führte zum Sinn zurück.
"Wollen Sie den Befehl befolgen?!" rief der Unteroffizier jetzt.
"Ja!" schrie Nirgend fast überlaut: "Ja-am liebsten würde ich wieder hinausreiten zu euch. Immer vor! Immer vor mü?tet ihr-für den Pour le mérite!"
"Los-los!" plapperte der Unteroffizier ver?rgert, "reden Sie nicht!
Los!"
"Ja!" bellte Nirgend abermals, "das ist das deutsche Wesen!"
"Marsch!" brüllte der Unteroffizier: "Vorw?rts jetzt!" Und zog ihn in die Mitte.
Man ging.-
"Alle Dinge sind eitel." Immer kehrt dieses Wort wieder, wenn der Name Michael Jürgert in meiner Erinnerung auftaucht. Viele Male habe ich nachdenkend dieses Leben umschritten wie einen verfallenen, traurigen, r?tselhaften Garten. Unruhig suchte ich nach dem Sinn dieses Ablaufs, trachtete danach, all die widerstrebenden Geschehnisse folgerichtig aneinanderzureihen, um m?glicherweise ein erkl?rendes Bild zu finden, einen Abschlu?, eine befriedigende L?sung.
Es gelang nicht.
Hoffend, da? mir vielleicht eine Stunde doch noch die Erleuchtung bringt, habe ich-so gut es ging-vorerst nur das nackte Tats?chliche aus diesem Leben aufgeschrieben, alles so, wie es sich zugetragen hat. Und hier ist es:
Michael Jürgert kannte seinen Vater nicht. Als er sieben Jahre alt war, erfuhr er von seiner Mutter so etwas wie ein Gestorbensein durch einen merkwürdigen Unfall. Und einmal beim Maitanz warf ein Knecht in sein Ohr, da? sein Vater "im Suff ertrunken sei". Darum, so hie? es, s??e ja seine Mutter schon all die Jahre im Gemeindehaus und wisse nicht, von was sie leben sollte.
Der Bruder von Michaels Vater, der wegen einer Weibergeschichte "ins Amerika durch sei", hüte sich wohlweislich, etwas von sich h?ren zu lassen, raunten sich die D?rfler zu, wenn die Rede von den Jürgerts ging.-
Nach seiner Schulentlassung kam der etwas schw?chliche Knabe als
Knecht in den Reinaltherhof. Es waren vier Knechte und zwei M?gde da.
Fünf Jahre st?hlten den wachsenden K?rper, ergossen versteckten und
offenen Spott auf Michael.
Auf Maria Lichtme?, als er zwanzig Jahre z?hlte, wechselte er seinen Dienstplatz und trat beim Peter S?llinger ein, dessen Geh?ft auf der runden Anh?he vor dem Dorfe lag.
Rechts vom S?llingerhof, nah am Waldrand, hockte die bauf?llige Hütte des Gütlers Johann Pfremdinger, den man im ganzen Umkreis den "Letzten Mensch" hie?, weil er die bigotte alte Pfanningerin zur Haush?lterin hatte und im allgemeinen sehr schlecht auf die Weiber zu sprechen war. Wenn man ihn ?rgern wollte, brauchte man blo? eine junge Dorfmagd oder Bauerstochter des Sonntags an seinem Haus vorbeigehen zu lassen.-
Rundherum lagen die Felder S?llingers, weit verstreut die zwei Tagwerk Pfremdingers und oft, wenn der alte H?usler zur Erntezeit schwerf?llig und mühsam auf den Fu?wegen durch die Wiesen des Bauern ging, um auf seine Grundstücke zu gelangen, sagte der letztere mürrisch zu ihm: "Bist saudumm!-Wennst tauschen t?tst mit mein' Rainacker, h?ttst alles ums Haus ... Aber mit dir kann man ja nicht reden!"
"Auf'm Rainacker wachst das nicht wie bei mir," gab ihm der "Letzte Mensch" stets mit der gleichen Beharrlichkeit zurück und trottete weiter.-
Die Jahre gingen, schwiegen. Der Peter S?llinger wurde unterdessen zum Bürgermeister gew?hlt und kam eines Tages in den Stall zu Michael, sagte: "Das geht jetzt nimmer, da? die Gemeinde deine Mutter aush?lt. Bist ein Mordstrumm Mannsbild worden und kannst selber für sie aufkommen. Der 'Letzt' Mensch' wird sterben. Die Pfanningerin müssen wir ins Gemeindehaus tun."
Michael nickte stumm.
"Da drau?en kann's nicht bleiben, die Pfanningerin," fuhr der Bauer
fort, indem er eine ver?chtliche Geste in die Gegend des
Pfremdingerhauses machte, "die alte Kalupp' pa?t grad noch für ein'
Heustadel."
Und wieder nickte Michael stumm.
"Herrgott, bist du ein Stock!" stie? der Bauer heraus und ging kopfschüttelnd und brummend aus dem Stall. Die Knechte lachten.-
Michael ging nach Feierabend zu seiner Mutter ins Gemeindehaus und brachte ihr die Nachricht. Die alte Frau sah ihm nur in die Augen. Dann sagte sie: "Ja ja, ist ja auch wahr, die alte Pfanningerin ist ja auch ?lter als ich."-
Sp?t, nachdem seine Mutter l?ngst schlief, z?hlte Michael sein erspartes Geld. Z?hlte, z?hlte. Dachte, dachte. Rechnete, rechnete.
Am andern Tag, w?hrend der Arbeit, hielt er manchmal inne und schaute starr ins Leere. Des ?fteren sah man ihn jetzt am Abend in die Pfremdinger-Hütte gehen. "Was er nur immer beim 'Letzten Mensch' anf?ngt, das Hornvieh!? M?cht wohl gar H?usler werden?" sp?ttelten die Knechte, und S?llinger schaute dem fast furchtsam Davonschleichenden mit finsterem Blick nach.-
Die Sterbeglocken klangen dünn durch die Luft. Mit dem alten
Pfremdinger ging es zu Ende. Die Pfanningerin, der Pfarrer-und
Michael Jürgert standen in der niederen Kammer um das Bett. Dann kam
noch die Jürgertin.
Ganz zuletzt erst w?lzte sich der H?usler nochmal herum. Schon drehten sich seine Augen.
"Er soll's haben, Hochwürden! Aber die H?lft' geh?rt der Kirch'!" hauchte er schon r?chelnd mit letzter Kraft heraus.
"In Ewigkeit, Amen," murmelte sich bekreuzigend die alte Pfanningerin. und der Pfarrer sah Michael an, nickte ihm zu.
"Hab's denkt, da? er's kriegt, wenn er flei?ig in die Kirch' rennt und um den Pfarrer herumscharwenzelt recht bigott! Sowas tragt immer was ein!" war ungef?hr die übliche Bauern-Nachrede, als es verlautbarte, da? Michael das Pfremdinger-Anwesen vom "Herrn Hochwürden zudiktiert" bekommen habe.
Acht Tage nach dem Begr?bnis fuhr Michael auf einem Schubkarren die sp?rliche Habschaft seiner Mutter ins Pfremdingerhaus und am darauffolgenden Tag die Sachen der alten Pfanningerin ins Gemeindehaus. Hinter manchem Fenster stand ein sp?ttischspitzes Gesicht und sagte ungef?hr: "Der hat's leicht. Kann sein Zeug auf dem Schubkarren fahren."
Gut ein Vierteljahr war Stille.
Wenn die M?her beim Morgend?mmern auf die Felder gingen, sang immer schon die Sense Michaels unter dem flinken Schleifstein.-
Dann kam das Unglück.
Die einzige Kuh, die im Jürgertstall stand, ging ein. Notschlachtung mu?te vorgenommen werden.
Die Bauern kamen, musterten das Fleisch mi?trauisch, kauften, schimpften: "Ob er vielleicht nicht wisse, da? die Suppenbeine als Zuwag' dreingingen?" Und einige wieder sagten in beinahe mitleidigem Tonfall: "Ja, mein Gott, Bauer sein ist nicht so einfach! ... Sonst t?t's ja jeder machen."
Drei Wochen nachher begrub man die alte Jürgertin.
"W?rst' Knecht geblieben, w?r gescheiter gewesen," sagte S?llinger zu seinem ehemaligen Knecht, "wenn's einmal angeht, h?rt's nicht mehr auf."-
Michael stürzte sich in die Arbeit. Der Pfarrer kam ein paarmal ins
Haus, sah nach.
"Eine Kuh halt, eine Kuh, Herr Hochwürden!" murmelte Michael hin und wieder dumpf.
"Der Herr hat's gegeben-der Herr hat's wieder genommen," antwortete der Geistliche nur.-
Und Michael verkaufte Heu und die zwei letzten S?cke Korn. Droben auf dem schmalen Streifen, über den S?llingerfeldern, hatte er dieses im letzten Jahr noch gebaut. Vom Reinalther lieh er sich damals den Fuchsen und den Pflug, ackerte. Und seine Mutter humpelte hinterdrein und s?te.-
Es war Ferkelmarkt in Greinau. Die ganzen Bauern aus der Umgegend standen gruppenweise auf dem Platz vor der Gastwirtschaft "Zur Post", handelten hartn?ckig herum mit den H?ndlern und kauften endlich. Die eingepferchten Jungschweine machten einen Heidenl?rm, die Pferde scharrten ungeduldig und wurden unsanft zurückgerissen. Die Wirtsstube war vollbesetzt. Aus und ein ging man, redete, schmauste, und knarrend und knirschend, in scharfem Trab, rollten die W?gelchen davon.
Schüchtern kam tief am Nachmittag Michael an. Die Bauern stie?en einander, zwinkerten, tuschelten sp?ttisch.
"Jesus! Jesus! Jetzt wird's besser, der Michl kauft Ferkel!" lachte
der pralle Postwirt aus einer Gruppe und alle richtetengeringsch?tzige
Blicke auf den H?usler. Schweigsam und scheu umschritt der die
Ferkelsteigen. Es wurde schon leerer auf dem Platz.
"Pa? fein auf, da? sie dir nicht im Sack ersticken, Michl!" warf der S?llinger rülpsend auf den Wagen steigend Michel zu, als er sah, da? dieser zwei lautgrunzende Jungschweine in seinen Sack zog. Sein h?misches Lachen schnitt die Luft auseinander.-
D?mmer stieg schon von den Feldern auf. Nacht sickerte gelassen vom Himmel. Michael schritt beschwerlich aus. Die Schweine rumorten immerzu im Sack auf seinem Rücken. Er mu?te fest zuhalten, da? ein lahmer Krampf langsam in seine Arme rieselte. Aber die bogen sich wie aus Eisen von der Brust über die Schulter.-
Die Schritte hallten vereinsamt.
Stille.-
Jetzt waren auch die Schweine still geworden, ganz still. Auf einmal merkte es Michael. Ein Schreck durchfuhr ihn. J?he Mattigkeit fiel bleischwer in seine Kniegelenke. Er rüttelte den Sack vorsichtig, fast wie einer, der zwischen Hoffnung und Angst vor der Gewi?heit schwankt und nicht mehr aus noch ein wei?.
Nichts.
Er rüttelte st?rker.
Nichts.-
Inzwischen war er an der schmalen Brücke, nah vor dem Hügel angelangt, auf dem das S?llingergeh?ft mit gelben Augen sa?.
Der Bach murmelte gleichm??ig versunken.
Schwei?triefend zerrte Michael den Sack auf die Brücke, wollte-in unseliger Verzweiflung blitzhaft an den Spott S?llingers denkend -nachsehen. Da-da-wupp!-fiel der Sack in die Tiefe. Es platschte. Breite Ringe warf das Wasser und jetzt pl?rrten pl?tzlich die Schweine heulend auf. Es gurgelte etliche Male und war j?h grauenhaft still.
Mit einem furchtbaren Aufschrei sprang Michael ins Wasser, tappte wie ein schwimmender Hund ungelenk auf der Oberfl?che herum, weinte, hustete, tauchte, schrie, brüllte.-
Am ?ndern Tage fischten die zwei Knechte des Bürgermeisters den leeren zerrissenen Sack mit den Heugabeln aus dem Wasser und spie?ten ihn auf einen Zaunpfahl vor Michaels H?uschen. Dann klopften sie. Aber niemand gab an.-
Das ganze Dorf lachte knisternd.
Als man drei Tage niemanden aus-und eingehen sah beim Jürgert, schickte S?llinger den Nachtw?chter und Gemeindediener Peter Gsott hinaus. Der klopfte wieder und wieder, drohte mit wütenden Flüchen, als niemand angab und holte dann den Schmied zum Tür?ffnen.
Die beiden fanden Michael in der Schlafkammer ganz starr auf dem
Bettrand sitzend und wie irr ins Leere glotzend. Einen Augenblick
zwang ihnen dieser Zustand Schweigen ab. Endlich sagte der Schmied:
"Was hast' denn, da?' dich einsperrst, Michl?"
Aber der Angesprochene machte nur mit der Hand eine lahme, wegwerfende Geste. "Deinen leeren Sack haben die S?llingerknecht' gefunden! Die Ferkel selber sind ersoffen," sagte dann der Gemeindediener. Als beide sahen, da? Michael beharrlich mit der gleichen Apathie antwortete, gingen sie und meldeten dem Bürgermeister, da? der "spinnerte Kerl" schon noch lebe. Er sei, meinten sie, nur ein wenig irr noch.-
Im Dorf ging daraufhin die Rede: "Der Michl hat's Spinnen angefangen wegen der ersoffenen Ferkel."
Michael sah man nur ganz selten seit diesem Vorfall. H?chstenfalls bog er einmal scheu ums Hauseck und eilte dem Wald zu.-
Um diese Zeit kam zum Bürgermeister S?llinger eine seltsame Nachricht aus Amerika, betreffend die Familie Jürgert und deren Nachkommen. Der Bauer, der sich, wie er sich ausdrückte, "darin nicht rechtauskannte", schickte zum Pfarrer und dieser entzifferte endlich, da? die Familie Jürgert (überlebende oder Nachkommen) infolge des Todes eines Bruders des verstorbenen Vaters Michaels zur Generalerbin einer au?erordentlich hohen Hinterlassenschaft in barem Geld eingesetzt sei und den Betrag von einer Bank in Hamburg einverlangen k?nnte, sobald der Nachweis der Erbberechtigung erbracht sei.-
Als der Pfarrer, der selber ein wenig zitterte, dies dem S?llinger auseinandersetzte, erbleichte dieser sichtlichund sank wie vom Schlag getroffen in einen Stuhl.
"Ruhig beibringen, ist das beste. Ich geh' selber zu ihm hinaus," sagte der Geistliche nach einigem Schweigen, nahm seinen Hut, steckte das Papier zu sich und begab sich zu Michael.
Ins Haus getreten, bemerkte er diesen d?sig neben dem Herd hockend, und als der geistliche Herr in sanftem, vorsichtigem Tonfall seinen Namen rief, sprang er pl?tzlich auf, schlüpfte, so schnell es nur ging, furchtgepackt in das ru?ige Holzloch unter dem Ofen und gab keinen Laut von sich. Eine gute Weile stand der Geistliche ratlos da. Endlich fand er wieder zum Entschlu? zurück.
"Geh heraus, Michl," sagte er sanft, "wir wollen wieder eine Kuh kaufen und Ferkel."
Michael r?kelte sich erst und schlüpfte dann vollends aus dem Loch.
Seine Blicke waren mit einer schmerzvollen Bitthaftigkeit auf den
Pfarrer gerichtet.
"Und dein H?usl, Michl, das werden wir auch wieder richten lassen. Es ist arg bauf?llig," ermunterte dieser den Z?gernden. Und als Michael endlich aufrecht stand, nahm ihn der Gottesmann mild am Arm und zog ihn sacht hinaus ins Freie.
Frische Frühe lag üher den Feldern. Die Wiesen dufteten schwer. Die
Sonne stieg langsam in die Mittagsh?he.-
Wie zwei Kranke schritten die beiden dahin. Der S?llinger wagte nicht herauszutreten, als sie vorbeikamen. Er lugte nur schweigend durchs Fenster.
Im Pfarrhaus angekommen, sagte der Geistliche zu Michael: "Du mu?t jetzt eine Zeitlang bei mir bleiben. Die Marie wird dir ein Zimmer einrichten, bis dein H?usl fertig ist. Bis dahin ist auch wieder Viehmarkt in Greinau."
Und als verstünde er von alledem nichts, als h?re er nur eine
erleichternde Melodie aus den Worten, stand Michael da und schwieg.
Allm?hlich gl?ttete sich sein bangvolles Gesicht und eine aufatmende
Ruhe gl?nzte in seinen Augen.
Drei stille Wochen glitten him. Jeden Tag sa?en die zwei zusammen in der Pfarrstube oder gingen wohl manchmal im Garten umher. Langsam wurde Michael ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit konnte man ein b?ses Aufblitzen auf seinem kn?chernen, schweigend gefalteten Gesicht wahrnehmen. Die v?terliche Arglosigkeit seines Pflegers aber machte ihn nach und nach etwas zutraulicher und offener. Manchmal des Abends, wenn der Geistliche aus einem Betbuch laut einige Stellen vorlas, hob der H?usler den Kopf und lauschte sichtlich aufmerksamer. Ein friedlicher Hauch hob Stück für Stück von dem Feindseligen ab, das hinter den Falten brütete, und lebendiger kreisten seine Augen.
Endlich nach einem Monat er?ffnete der Pfarrer seinem Pflegling die
Nachricht aus Amerika.
Michael h?rte stumm zu. Er schien anf?nglich nicht zu begreifen. Dies erkennend, legte der Geistliche das Papier auf den Tisch.
"Du bist jetzt ein reicher, sehr reicher Mann geworden, Michl," sagte er, "du kannst dir hundert Kühe kaufen, ein Haus und soviel Ferkel, als du willst. Es ist von jetzt ab keiner mehr im ganzen Umkreis, der nur ein Drittel soviel Geld hat wie du. Begreifst du? Gott hat dir geholfen. Es geht alles seinen gerechten Gang, wenn er es will."
Michael schien die letzten Worte nicht mehr zu h?ren. Seine Augen waren auf einmal weit geworden. Eine Gier flackerte in ihnen und der ganze Ausdruck seines Gesichts war pl?tzlich v?llig ver?ndert.
"Ich-ich kann also auch das S?llingerhaus und das vom Reinalther kaufen?" fragte er hastig und ged?mpft.
"Das kannst du, wenn sie wollen," nickte der Geistliche, "du kannst zehn solche H?user kaufen, wenn du willst."
"Zehn....!?" stie? Michael lauernd heraus und bohrte seine Blicke in die Augen des Pfarrers.
"Es ist sehr viel Geld," gab der zurück.
"Und," fuhr Michael noch leiser, fiebernd vor Unruhe, scheu, als lausche an den W?nden irgendein ungebetener Gast, fort: "Und ich krieg' das ganze Geld in die Hand. Ich brauch' nur schreiben lassen?"
"Ja, wenn Du willst."
"Ja ...!! Ja, gleich! Gleich! Ich will!" schrie Michael verhalten.
"Gut," sagte der Pfarrer und ging an den Tisch, "ich schreibe."
"Und ... und die H?user vom S?llinger und-und vom Reinalther?" fragte
Michael beharrlich.
"Die ...? Ich kann mit ihnen reden," antwortete der Geistliche, w?hrend er schrieb. Dann lie? er Michael unterzeichnen.-
Im Dorf ging ein Schweigen um. Langsam verbreitete sich die Kunde von
Michaels Erbschaft. Betroffenen Gesichts raunten sich die Bauern die
Neuigkeit zu.-
Der Baumeister von Greinau, Michael Lindinger mit Namen, wurde ins
Pfarrhaus geladen. Michael l?chelte schr?g, als der Mann eintrat und
beauftragte ihn, einen Plan für ein neues Haus zu bringen. Trotz der
Einwendungen des Pfarrers wurde der Umbau des alten Anwesens abgelehnt.
Michaels Rede war jetzt sicher geworden, fast bestimmt.
"Ein neues Haus mu? her!" sagte er beharrlich.
Und der andere Michael erwiderte pfiffig: "Ja-schon lieber was Neues als Flickwerk. Das taugt ein paar Jahr', dann geht's wieder von vorn' an."
Diese Beipflichtung entwaffnete den Geistlichen. Der Plan wurde gefertigt. Der Auftrag gegeben. Die ehemalige Pfremdinger-Hütte krachte zusammen mit allem, was sie barg. So hatte es Michael gewünscht, steif und fest. Alles Dawider des Pfarrers nützte nichts.
Krachte zusammen.
Und die D?rfler standen herum, schwiegen, staunten, starrten. Vom
Pfarrhausfenster aus überschaute Michael den Vorgang.
Auf einmal begann der Hausrist zu wanken, br?ckelte, krachte. Die Herumstehenden rannten auseinander und zuletzt war minutenlang eine ungeheure Staubwolke. Dann, als es wieder lichter geworden war, lag ein riesiger Trümmerhaufen da.
Deutlich sah Michael, wie einige die K?pfe schüttelten. Eine Weite dehnte seine Brust.
"Das ist nicht recht," rief der Pfarrer hinter ihm. Michael hatte ihn nicht eintreten h?ren und ri? sich erschrocken herum. Reglos und stumm standen sich die beiden gegenüber.-
Seitdem begegnete Michael seinem Pfleger mit verstocktem Schweigen.
Mied ihn.-
Der Bau wurde begonnen. Jeden Abend kam Lindinger ins Pfarrhaus und berichtete über den Stand, machte Vorschl?ge, legte Rechnungen vor.
Sein fast beteuerndes, sich immer wiederholendes: "S'ist wahnwitzig teuer, die Sach', wahnwitzig teuer," lie? Michel l?cheln.
"Macht nichts, macht gar nichts," erwiderte er stets.
"Ja-es ist gut, da?' wieder Arbeit gibt," meinte dann der
Maurermeister meistens und ging. Kaum war er drau?en, schrumpfte
Michaels Gestalt im Lehnstuhl zusammen. Das Kinn schob sich vor. Nur
die Pupillen kreisten im Raum.-
An einem der Abende, als eben der Maurermeister das Zimmer Michaels verlassen hatte, trat der Pfarrer ein. Michael erhob sich und wandte ihm den Rücken zu.-
"Gelobt sei Jesus Christus!" brachte der Geistliche nach einigem
Schweigen heraus.
Ohne sich umzuwenden, nickte Michael. Dann ging er ans Fenster, deutete in die Talmulde, die der erste Mond silbern bestrich.
"H?h?h?-h?! Wird hoch der Turm, hoch!" keuchte er, reckte den Kopf st?rrisch vor, nahe an die Scheibe: "Wenn man ganz droben ist, müssen schon die Wolken angehen!"
Unschlüssig stand der Geistliche. Schwieg.
"Zum S?llinger kann ich hinunterschaun und aufs ganze Dorf!" redete
Michael weiter, ohne ihn zu achten.
"Die zwei Kirchenfenster?" fragte endlich der Geistliche fast schüchtern und hielt pl?tzlich mitten im Wort inne, als sich Michael nunmehr hastig umwandte.
"Zwei ...?! Sechs! Sechs Fenster ...-und neue Glocken, damit ich's h?r' in der Früh!" überflügelte dieser ihn, "da mu? die Luft zittern, wenn die l?uten!-Schafft sie an! Morgen! Gleich! Gleich! Und drei neue Me?gew?nder!-Müssen fertig sein zum Jahrtag meiner Mutter! Bestellt's! Bestellt's auch gleich!-Gleich!"
Wie von einem wilden Strudel dahergetragen stürzten die Worte heraus.-
Mit sehr ernstem Gesicht verlie? der Pfarrer fast traumwandlerisch das Zimmer. Lange noch h?rte ihn die Marie im Zimmer auf- und abgehen und laut beten.
Klare, kalte M?rztage zeigten das hereinbrechende Frühjahr an.
Michael ging manchmal aus. Selten suchte er den Bau auf. Nie beschritt er ihn. Immer bog er scheu ums Dorf und stapfte auf die Sandgrube zu, aus der man den Kies für sein Haus holte. Es schien ihn dort etwas zu interessieren. Er stand meistens oben am Rand und überschaute die zackige Mulde.
B?hmen und Italiener arbeiteten auf Taglohn dort und sprengten hin und wieder einen Felsen, wenn an einer Stelle der Kies ausging.-
Eben lud man wieder. Michael war ganz nah herangekommen, stand wie witternd, mit sp?hendem, vorgebeugtem Kopf da und sah aufmerksam auf jede Bewegung des Lademeisters.
"Und das-das rei?t alles ein?-Mit einem Krach?" fragte er diesen gespannt. Der Mann nickte und murmelte ein paar unverst?ndliche Worte.
Dann entzündete er ein Streichholz und steckte die Zündschnur an.
Alles rannte aus der Grube, wartete bis es knallte.
Als dies geschehen war und die Leute wieder in die Grube zurückgingen, sah man Michael im Türrahmen des Werkmeisterhauses stehen. Er lie? sich das Pulver zeigen, rieb es merkwürdig lange auf seiner flachen Hand und sagte harmlos zum Werkmeister: "Und so ein Staub hat's drinnen, da? alles in die Luft fliegt?-Hm-hm-hm!" Ging wieder.-
Der Nachtw?chter Peter Gsott glaubte bemerkt zu haben, da? eine m?nnliche Gestalt am Rand der Sandgrube auftauchte, sich schwarz vom bleichen Mondhimmel abhob, dann aber pl?tzlich, wie in den Erdboden gesunken, verschwand.
Der Werkmeister schimpfte die Sprenger, da? sie soviel Pulver brauchten. Es entstand ein Streit. Ein Italiener brüllte, da? die ganze Grube hallte. Auf einmal kam man ins Handgemenge. Ein furchtbares Raufen entstand. Der Werkmeister bekam einen Schlag auf den Kopf und mu?te ins Krankenhaus gebracht werden. Am ?ndern Tag verhafteten die Gendarmen von Greinau zwei B?hmen und einen Italiener, der beim S?llinger auf der Tenne logierte. Er hatte sich im Taubenschlag verkrochen und als man ihn herunterholte, stie? er furchtbare Drohungen auf den Bürgermeister aus, die aber niemand verstand. Anscheinend glaubte er, die Leute h?tten ihn verraten.
Michael begegnete der Haftkolonne und sah sich die drei Burschen sehr genau an. Sp?ter trat er ins Bürgermeisterhaus und ?ffnete die Stubentür hastig. Der S?llinger war im Augenblick so erstaunt, da? er f?rmlich aufschrak und kein Wort fand. S?ulenstarr stand er da und heftete seinen Blick auf den n?hertretenden Michael. Gemessen kam dieser heran, ganz nahe und eine ungeheure Spannung lag in seinem Gang.
"Gibst dein Haus nicht her?" fragte er den stummen Bauern lauernd.
"Nicht?" wiederholte er, als der verneinte und ma? ihn scharf von der
Brust bis zur Stirn.
"Ich ...!?" fand endlich der S?llinger das Wort.
"Ja?"
"Solang ich leb' nicht!" schrie der Bürgermeister schroff, als wolle er sagen: "Was willst denn du auf einmal bei mir?"
"Es pa?t mir nicht vor meinem Turm," sagte Michael tonlos und spr?de und l?chelte h?hnisch in sich hinein. Drau?en, vor der Tür, h?rte er noch den Schlag der S?llingerfaust auf die Tischplatte.