Drau?en vor der Stadt Bern liegt ein D?rflein an einem Berghang. Ich kann hier nicht sagen, wie es hei?t, aber ich will es ein wenig beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. Oben auf der Anh?he steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, voll sch?ner Blumen von allen Arten. Das geh?rt dem Oberst Ritter und hei?t Auf dem Hang,. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fr?hliche Kindheit verlebt.
Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige H?user, und dann steht links am Weg noch ein H?uschen ganz allein. Davor liegt auch ein G?rtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein paar Resedast?ckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von Johannisbeerstr?uchern umgeben. Alles ist da immer in bester Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab den ganzen langen Hang hinunter bis auf die gro?e Stra?e, die an der Aare entlang ins Land hinausführt.
Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten vorw?rts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestra?e.
Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück einer gro?en Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich ?ffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wu?te nicht, wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans n?chste Hinunterfahren, da? man rasch wieder oben war.
So brach immer zum gro?en Schrecken der Kinder die Nacht viel zu früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mu?ten. Da folgte dann gew?hnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mu?te dann alles noch in gr??ter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz errichtet worden, da? keiner hinunterfahren sollte, w?hrend die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedr?nge und Schlittenverwickelungen entstehen k?nnten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlu?fahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte.
So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor K?lte die Schlittenbahn laut knisterte unter den Fü?en der Kinder und der Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, da? man h?tte darauf fahren k?nnen wie auf einer festen Stra?e. Die Kinder aber waren alle glühend rot und hei? dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon gel?utet.
Die Buben hatten aber alle gerufen: "Noch einmal! Noch einmal!" Und die M?dchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und einen gro?en L?rm. Drei Buben wollten durchaus auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen Zentimeter zurückweichen und sp?ter abfahren. So drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Ch?ppi wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin gesto?en, da? er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren Schlitten und fühlte, da? er unter ihm stecken blieb.
Eine gro?e Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, da? die anderen nun abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales M?dchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es w?rmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen K?rperchen. Das schien dem Ch?ppi ein passendes Wesen zu sein um seine Wut daran auszulassen.
"Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen." Damit stie? der Ch?ppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind eine Schneewolke entgegenzuwerfen.
Es floh zurück, so da? es bis an die Knie in den Schnee sank, und sagte schüchtern: "Ich wollte nur zusehen."
Der Ch?ppi stie? eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, da? er fast vom Schlitten fiel. "Wart du!" rief er au?er sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen.
Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den Ch?ppi nieder und sagte: "Probier's!" Es war Ch?ppis Klassengenosse, der elfj?hrige Otto Ritter, der ?fter mit dem Ch?ppi kleine Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der Ch?ppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, da? Otto eine merkwürdige Gewandtheit in H?nden und Fü?en besa?, gegen die der Ch?ppi sich nicht zu helfen wu?te.
Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, und wuterfüllt rief er: "La? du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!"
"Aber ich mit dir", entgegnete Otto kriegerisch. "Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. F?llt über ein kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!" Damit kehrte er ver?chtlich dem Ch?ppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. "Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli", sagte Otto mit Beschützermiene. "Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon."
Das bleiche, schüchterne Wiseli wu?te gar nicht, wie ihm geschah. Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf seinem Schlitten sa?, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allersch?nsten Schlitten mit dem L?wenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch mit Eisen beschlagen war.
Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach dem Ch?ppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der sa? jetzt ganz abgekühlt da, so als w?re gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverhei?end daneben, da? das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen. Es setzte sich wirklich auf den sch?nen Schlitten, und da nun Otto mahnte: "Schnell, Wiseli, fahr ab", so gehorchte es, und hinunter ging's wie vom Wind getragen.
In der kürzesten Zeit h?rte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: "Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! Nachher müssen wir gehen." Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal hin und geno? noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem Wohlt?ter und rannte eilig davon.
Otto fühlte sich sehr befriedigt. "Wo ist das Miezi?" rief er in die Gesellschaft hinein, die sich allm?hlich zerstreute.
"Da ist es", ert?nte eine fr?hliche Kinderstimme, und aus dem Kn?uel heraus trat ein rundes, kleines M?dchen, das der Bruder Otto als kr?ftiger Schutzmann bei der Hand fa?te und nun mit ihm zum v?terlichen Haus lief. Denn es war heute sp?t geworden. Die erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten.
Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in die H?he, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. "So, endlich!" sagte sie, halb zankend, halb wohlgef?llig. "Die Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. Und acht Uhr hat's geschlagen-vor wer wei? wie langer Zeit." Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam.
So hatte sie gro?e Rechte im Haus und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das lie? sie aber nicht merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das fand sie erzieherisch.
"Schuhe aus, Pantoffeln an!" rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art war, so da? die alte Trine w?hrend ihrer Arbeit ein paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz.
"Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die
Schuhe von selbst", sagte die Trine.
"Pst! pst! Trine, ich habe etwas geh?rt. Wer ist in der gro?en
Stube?" fragte Miezchen und hob den Zeigefinger.
"Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein.
Jetzt setz dich", mahnte Trine.
Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: "Jetzt habe ich's wieder geh?rt, so lacht der Onkel Max."
"Was?" schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür.
"Wart! wart!" schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür hinaus. Aber jetzt wurde es abgefa?t und auf den StuhI gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden Fü?chen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür hinaus und hinüber in die gro?e Stube und direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl sa?.
Da war nun ein gro?er Freudenl?rm und ein Grü?en und ein Willkommenrufen in allen T?nen, und in das Lachen der Kinder stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den Kindern ab, als geh?rten sie ihm selber an. Und was er für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.
Endlich sa? die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die dampfende Schüssel brachte v?llige Bes?nftigung in die aufgeregten Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. "So", sagte der Papa und blickte über den Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das T?chterchen flei?ig arbeitete. "So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch habe ich keinen Gru? bekommen. Und jetzt ist keine Zeit mehr dazu."
Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: "Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und jetzt will ich gleich..." Und damit stie? sie mit gro?er Anstrengung den Sessel zurück.
Aber der Papa rief: "Nein, nein, jetzt nur keine Ruhest?rung! Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann nachholen. So ist's recht, Miezchen."
"Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?" sagte der Onkel lachend.
"Du warst wirklich dabei, Max", entgegnete seine Schwester, "da du der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unnütz vervielf?ltigt."
"O nein, Mama, wirklich nicht unnütz", rief Otto ernsthaft. "Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gew?hnlichen Leben nenne ich es daher Miezi. Wird es aber b?se, dann sieht es ganz aus wie ein kleiner wilder Kater und mu? Miez genannt werden, der Miez."
"Ja, ja, Otto", t?nte es nun zurück, "und wenn du b?se wirst, dann siehst du ganz aus wie ein-wie ein..."
"Wie ein Mann", erg?nzte Otto, und da dem Miezchen eben kein
Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem
Brei herum.
Der Onkel lachte laut auf. "Das Miezchen hat recht", rief er, "es ist besser, sich um seine Gesch?fte zu kümmern, als auf Schm?hungen zu antworten." "Aber, Kinder", setzte er nach einer Weile hinzu, "nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir noch gar nichts erz?hlt. Was habt ihr denn inzwischen alles erlebt?"
Die neuesten Ereignisse erfüllten zun?chst den Sinn der Kinder. So wurde gleich mit gro?er Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erz?hlt, wie der Ch?ppi das Wiseli behandelt hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam.
"So ist's recht, Otto", sagte der Papa. "Du mu?t deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mu?t du dich immer einsetzen. Wer ist das Wiseli?"
"Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen", sagte die Mama, zu ihrem Mann gewandt. "Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind mit gro?en braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so sch?n singen konnte. Erinnerst du dich?"
Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: "Der Schreiner Andres m?chte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht st?rt." Diese harmlosen Worte verursachten gro?e Verwirrung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierl?ffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte eilig: "Entschuldigt mich!" Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so stürmisch auf, da? er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ?hnliche Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte j?mmerlich und schrie: "La? los, Onkel, la? los. Im Ernst, ich mu? gehen."
"Wohin denn, Miezchen?"
"Zum Schreiner Andres. La? schnell los! Hilf mir, Papa."
"Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse ich dich los."
"Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt la? los." Nun stürmte auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max brach in Gel?chter aus und rief: "Wer ist denn der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu rei?en scheint ?"
"Das mu?t du besser wissen als ich", entgegnete der Oberst. "Es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es mu? in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, da? der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedr?ngnis. Will meine Frau ein Hausger?t haben, von dem sie gar nicht wei?, wie es aussehen soll und wozu man es braucht-der Schreiner Andres erfindet es und fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Flu?. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles wieder in Ordnung. Schmei?t meine Tochter das s?mtliche Hausger?t entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres die stützende S?ule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer."
Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr eingehend. Onkel Max lachte schallend.
"Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!" sagte die Mutter. "Ich wei? schon, was ich an dem Schreiner Andres habe."
"Und ich auch", bemerkte der Vater mit sp?ttischem L?cheln.
"Und ich auch!" behauptete das Miezchen herzhaft.
"Und ich auch!" sagte Otto seufzend, dem der Kn?chel noch von seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat.
"So, nun sind wir alle einer Meinung", bemerkte die Mutter, "nun k?nnen die Kinder in Frieden zu Bett gehen."
Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine St?rung. Aber es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete darauf, da? die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder mu?ten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne da? die Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war.
Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den
Herren zurück und setzte sich gemütlich hin.
"Endlich", sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte
Schlacht hinter sich. "Siehst du, Max, erst geh?rt meine Frau dem
Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch
etwas übrigbleibt."
"Und siehst du, Max", sagte die Mutter lachend, "wenn mein Mann noch so spottet-er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine j?hrliche Summe gebracht und bittet um deine Hilfe."
"Das ist wahr", sagte der Oberst, "einen ordentlicheren, flei?igeren, zuverl?ssigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darüber hinaus."
"Jetzt siehst du, Max", sagte die Frau lachend, "ich konnte doch nicht mehr sagen."
Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: "Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerz?hlt, da? ich wirklich wissen m?chte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht hier gesehen?"
"Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max", entgegnete seine Schwester. "Du mu?t dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Wei?t du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ?ltere war damals schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mu?t dich gewi? erinnern, er hie? J?rg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen ?pfeln und Birnen und dann mit Schneeb?llen, und rief uns überall nach: 'Aristokratenbrut!'"
"Oh, der!" rief Onkel Max lachend, "ja, nun wei? ich auf einmal alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns best?ndig nach. Ich m?chte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerw?rtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem half ich aber, dafür rief er mir mindestens zw?lfmal nach: 'Aristokratenbrut!' Ach, nun wei? ich auch auf einmal, wer der andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewi? euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die dicke Freundschaft." Onkel Max lachte aufs neue auf.
"Was für Veilchen? Das mu? ich wissen", fiel der Oberst ein.
"Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als w?re sie gestern geschehen", sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen. "Die mu? ich dir erz?hlen, Otto. Du wei?t vielleicht durch deine Frau, da? wir hier im Dorf in jenen glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, da? alle M?ngel der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle F?higkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden k?nnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen. Dem schlug er nun so kr?ftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, da? der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort herrschenden Gebr?uche eingelebt hatte, pl?tzlich auf von ihrem Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: 'Wohin l?ufst du?' Marie kehrte sich um. Die hellen Tr?nen liefen ihr über die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir!' rief jetzt der Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er noch einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan. Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Tr?nen, die meine Schwester für den Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strau? Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen gro?e Erdbeerstr?u?e mit den pr?chtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das mu? meine Schwester wissen und uns mitteilen."
Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tr?nen und der
Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erz?hlen.
Sie sagte lachend: "Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, da? Andres sich etwas ankaufen und sich selbst?ndig niederlassen wollte. Er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das H?uschen mit dem sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht ankaufen, da der Verk?ufer sofort bares Geld haben wollte und Andres erst etwas verdienen mu?te. Aber wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt."
"Nein, wahrhaftig nicht", fiel der Oberst ein. "Der brave Andres hat l?ngst sein Gut vollst?ndig abgezahlt, und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum j?hrlich sehr zu. Er kann sein H?uschen noch zu einem gro?en Haus machen, der brave Andres. Es ist nur schade, da? er wie ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genie?en kann."
"Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der bitterb?se J?rg schlie?lich hingekommen?" fragte Onkel Max weiter.
"Nein, er hat gar niemanden", antwortete die Schwester. "Er lebt v?llig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm gewi? alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder J?rg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem B?sen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, hat man nie recht gewu?t. Jedermann war froh, da? er fort war."
"Was war denn die traurige Geschichte, Marie?" fragte der Bruder.
"Die mu? ich auch noch wissen."
"Und ich auch", sagte der Oberst und zündete zu der Erz?hlung vergnüglich eine neue Zigarre an.
"Aber Otto", bemerkte die Frau Oberst, "dir habe ich dieses
Erlebnis wohl schon sechsmal erz?hlt."
"So?" entgegnete ruhig der Oberst. "Es gef?llt mir, wie es scheint."
"So fang an!" ermunterte der Onkel.
"Du mu?t dich noch an das Kind erinnern k?nnen, Max", begann seine Schwester, "von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer N?he wohnte. Es geh?rte dem bleichen, mageren Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen h?rten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und hatte gro?e, lustig gl?nzende Augen und so sch?ne braune Haare. Es hie? Aloise."
"In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt", warf Onkel Max ein.
"Oh, ich wei? schon, warum", fuhr seine Schwester fort. "Wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama. Wei?t du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise t?nte: 'Man mu? das Wisi holen, sonst geht's nicht'?"
Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max' Ged?chtnis auf. Er lachte auf und rief: "Oh, das ist's, das Wisi, ja gewi?, das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich 'Wisi' sagte. Ich habe aber nie gewu?t, wie das Wisi eigentlich hie?."
"Freilich hast du das gewu?t", bemerkte die Schwester, "denn jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem sch?nen Namen Aloise ein Wisi zu machen."
"Das habe ich wohl jedesmal überh?rt", meinte Onkel Max. "Aber wo ist denn das Wisi hingekommen?"
"Du wei?t, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft geschah es auch, da? Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelm??ig alles auf dem Andres sitzen. Nicht da? er von jemand angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wu?ten immer ganz gut, wie es war. Aber wir lie?en es so gehen. Wir waren so gew?hnt daran, da? es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, da? wir's ihm immer g?nnten, wenn es ungestraft davonkam. Und ?pfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein k?nne, da? der stille Andres gerade das allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: 'Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.' Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer wieder in den Sinn."
Die Frau Oberst sah l?chelnd vor sich hin. "Als wir dann zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelm??ig am Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier Chor?le. Daran hatte es damals sehr gro?e Freude, es konnte alle die sch?nen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, da? Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein gro?es M?dchen geworden und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kr?ftig aussah wie die Bauernm?dchen im Dorf, so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und schlie?lich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und w?hrend alle Welt l?ngst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte er es unwandelbar das 'Wiseli'. Und das kam dann so ganz eigen z?rtlich heraus.
Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensa?en, da sagte Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, da? es sich mit dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe wohnte. Sie k?nnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung habe unten in der Fabrik, und so h?tten sie denn schon alles festgesetzt, da? sie gleich in zw?lf Tagen zusammenkommen k?nnten. Ich war so erstaunt und so traurig, da? ich kein Wort sagen konnte. Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, da? es sich so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht alles noch rückg?ngig gemacht werden oder doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden k?nne. Es k?nne noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei's recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte immer ?rger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne nun deine Tr?nen, wir wollen noch einmal zusammen singen.' Dann schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen:
('Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kr?nkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)
('Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fu? gehen kann.')
Wisi ging dann wieder getr?stet von uns, die Mutter hatte ihm noch einige freundliche Worte gesagt.
Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, da? das arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres uns?glich leid. Was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein stillfr?hliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt hat."
"Der arme Kerl!" rief Onkel Max aus. "Hat er denn keine andere
Frau genommen?"
"Ach, nein, Max", entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, "wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die Treue selbst."
"Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester", erwiderte der Bruder begütigend. "Ich konnte doch nicht voraussehen, da? dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an sich tr?gt. Aber das Wisi, erz?hl weiter von ihm. Ich hoffe wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mir leid tun."
"Ich merke schon, Max", sagte die Schwester, "da? du es heimlich mit dem Wisi h?ltst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, da? das Wisi für ihn verloren war."
"Doch, doch", versicherte der Onkel, "ich kann ihm nachfühlen, wie unglücklich er war. Aber weiter, wie ging's mit dem Wisi? Es hat doch seine lustigen Augen nicht verweint?"
"Doch, ich glaube schon", fuhr die Schwester fort. "Ich habe Wisi nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann war nicht eben b?se, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte gewi? wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Gesch?pfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht viel gr??er als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre ?lter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, da? man deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist gar keine Hoffnung mehr."
"Nein!" rief Onkel Max erschrocken aus. "Das kann doch nicht sein, ist's wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen."
"Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen", sagte die Schwester traurig. "Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all die Arbeit und Anstrengung viel zu zart."
"Und was macht nun der Mann?" fragte Onkel Max.
"Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, da? man ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr arbeiten. Er mu? kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er starb dann ungef?hr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem Kind."
"Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's doch nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles noch kommen, wie es h?tte sein sollen von Anfang an."
"Nein, nein, dazu ist es zu sp?t", entgegnete die Schwester sehr bestimmt. "Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer bü?en müssen. Aber jetzt ist es sp?t geworden." Und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem Gespr?ch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen.
Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der Erz?hlung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, da? er noch eine Menge von Dingen und Pers?nlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und dr?ngte zum Aufbruch.
So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene St?rung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, da? der Oberst mit einem Schrecken emporscho?, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: "Es war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, da? wir uns zurückziehen m?chten." Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der H?he ganz still im Mondschein da. Und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt brannte noch ein schwaches L?mpchen drinnen und warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht hinaus.
Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, rannte das kleine Wiseli aus allen Kr?ften den Berg hinunter. Denn es wu?te, da? es l?nger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so gro? gewesen, da? es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. Jetzt lief es um so schneller und w?re fast in einen Mann hineingerannt, der eben aus der Tür des H?uschens trat, als es hineinstürmen wollte.
Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und das Wiseli sprang vorw?rts in die Stube hinein und auf die Mutter zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster sa? und zu Wiselis Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.
"Mutter, bist du b?se, da? ich so lang ausgeblieben bin?" rief es und umarmte sie.
"Nein, nein, Wiseli", antwortete sie freundlich. "Aber ich bin froh, da? du da bist."
Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem gro?en Erlebnis zu erz?hlen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal mit dem allersch?nsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren k?nnen. Als es dann mit seiner Erz?hlung fertig war und die Mutter noch immer so still dasa?, fiel ihm erst ein, da? sie das sonst nicht tat. Es fragte verwundert: "Aber warum hast du noch kein Licht, Mutter?"
"Ich bin so müde heute abend, Wiseli", antwortete sie. "Ich konnte nicht aufstehen und Licht machen. Hol das L?mpchen herein und bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so gro?en Durst."
Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft schimmerte, so hell und einladend, da? die durstende Kranke erfreut ausrief: "Was bringst du mir Sch?nes, Wiseli?"
"Ich wei? nicht", sagte das Kind, "es stand auf dem Küchentisch, sieh, wie es funkelt."
Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. "Oh", sagte sie, "wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein wenig Wasser dazu, Wiseli."
Das Kind go? roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. "Oh, wie das erfrischte" sagte sie und übergab das leere Glas dem Kind. "Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich k?nnte alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese Flasche gebracht? Gewi? die Trine, es kommt von der Frau Oberst."
"War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?" fragte das Kind.
"Nein."
"Dann ist es nicht die Trine, das wei? ich", sagte das Wiseli bestimmt. "Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht mitgebracht?"
"Ach was, Wiseli", fiel die Mutter ganz lebhaft ein. "Was sagst du denn. Der Schreiner Andres war nie bei mir, was f?llt dir denn ein?"
"Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen", beteuerte Wiseli. "Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür, da? ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts geh?rt?"
Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: "Ich habe schon geh?rt, da? jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst meinte ich, du seist es, und-es ist wahr, erst nachher h?rte ich dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, da? es der Schreiner Andres war, der zu unserer Tür herauskam?"
Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, da? die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich: "Dann war es der Andres, er hat gewu?t, was mir so gut tun k?nnte."
"Jetzt f?llt mir noch etwas ein, Mutter", rief auf einmal das Wiseli ganz erregt aus. "Jetzt wei? ich gewi?, wer einmal den gro?en Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Wei?t du, Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche gestellt."
"Das glaube ich auch", sagte die Mutter und wischte sich über die
Augen.
"Es ist ja nichts Trauriges", sagte Wiseli ein wenig erschrocken, als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah.
"Du mu?t ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir", fuhr sie leise fort. "Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe."
Wiseli holte noch einmal Wasser und go? von dem frischen Saft hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es sorgf?ltig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie gewünscht hatte, sagte es nun and?chtig sein Verslein auf.
("Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kr?nkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.)
("Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Wo dein Fu? gehen kann.")
Als Wiseli zu Ende war, sah es, da? die Mutter am Einschlafen war. Sie sagte nur noch leise: "Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann denk in deinem Herzen:
("Er wird auch Wege finden,
Wo dein Fu? gehen kann.")
Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli wollte sie nicht wecken. Es legte sich m?uschenstill an sie heran, und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das H?uschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.
Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein, wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie mu?te nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: "Was hast du, Wiseli? Ist die Mutter kr?nker geworden?"
Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: "Ich-wei? nicht, was die Mutter hat."
Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja nicht begreifen, da? es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie h?rte nicht mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat sie erschrocken zurück und sagte: "Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja sonst niemanden, und es mu? sich jemand um alles kümmern. Lauf, ich will warten, bis du wieder kommst."
Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, da? Wiseli sich pl?tzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut weinen mu?te. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewu?t, da? die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufh?ren, denn in seinem Herzen wurde der Jammer immer gr??er.
Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: "Was ist mit dir?"
Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es geschickt, der Onkel m?ge schnell zur Mutter kommen.
Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erkl?rte sie: "Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht da."
Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da sa? es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: "Mutter!"
Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: "Mutter, du h?rst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich dich nicht mehr h?ren kann."
So sa? das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. "Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie wissen schon, wie ich meine", sagte er, "so da? alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, da? da nichts wegkommt." Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: "Wo sind deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, dann gehen wir."
"Wohin gehen wir denn?" fragte Wiseli zaghaft.
"Heim gehen wir", war die Antwort, "an den Buchenrain, da kannst du bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel."
Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine gro?e Furcht vor der Tante gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit ihm schimpfen. Dann war der ?lteste Sohn da, der gewaltt?tige Ch?ppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. "Du mu?t dich nicht fürchten, Kleines", sagte der Onkel freundlich. "Es sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so lustiger für dich."
Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und kn?pfte je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein um den Kopf und stand fertig da.
"So", sagte der Onkel, "nun gehen wir." Er schritt zur Tür.
Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. "Dann mu? ja die Mutter ganz allein sein." Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wu?te nicht recht, wie er dem Kinde erkl?ren sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das nicht von selbst begriff. Denn Erkl?ren war nicht seine Sache, das hatte er nie probiert. Er sagte also: "Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du eins bist, mu? folgen. Komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar nichts."
Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: "Behüte dich Gott, Mutter!"
Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus, wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: "Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig sp?t. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer sp?t."
"Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen w?ren, so w?ren Sie zu sp?t gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben."
"Ist das wirklich wahr?" rief die Trine erschrocken aus. "Ach, du mein Gott, was wird meine Frau sagen." Damit kehrte die Trine um und lief ihren Weg zurück.
Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mu?te.