Zwei Stunden von Paris liegt zu Fü?en einer hohen Ruine ein altes St?dtchen, das an einem Hügel herumklettert. Und ringsumher einsiedlerische W?lder, sonnige Gef?lle, lauernde Teiche, an deren Rande dunkle V?gel mit unheimlichen Schritten spazieren gehen; und weltentrückte Auen.
Ein Sp?tsommertag ging zur Neige, als mein Zug vor diesem St?dtchen hielt, das mir allzu stille Tage zu verkünden schien.
Aber in ein Milieu, in dem es ausschlie?lich Abgeordnete, Leiter politischer Revuen und Vertreter gro?er Zeitungen gab, sah ich mich da pl?tzlich wie hineingeschneit. Mein Tischnachbar war gleich am ersten Abend ein ganz schief gewachsener und ergrauter, aber sehr strammer Herr, der mich übrigens g?nzlich ignorierte. Dabei sprach er fortgesetzt, richtete aber seine Worte nur an den Hausherrn. Der Blick seiner Augen, die wie zwei Sterne leuchteten, war starr wie ein Scheibenherz. Mit gr??ter Pr?zision wu?te er eine Reihe von Themen so eindringlich und zugleich so eilig durchzunehmen, als gelte es, innerhalb der wenigen Stunden, die er hier verbrachte, seine Gedanken für Jahre hinaus und auf Jahre zurück zusammenzufassen. Es war dem Uneingeweihten nicht m?glich, ihm zu folgen, oft auch nur zu erraten, wovon er sprach.
Nach dem Essen fuhr er im Salon in derselben gl?nzenden und gedrungenen Weise zu berichten fort. Seine Augen sahen jetzt aus wie zwei gro?e Monokels. Die Damen stickten schweigend oder sprachen leise unter sich. Vor dem brennenden Kamin lag ein englischer Jagdhund ausgestreckt und seufzte vor Müdigkeit. Die Lampen warfen milde Scheine auf die eingelassenen Louis XIII-Spiegel und die laubreichen Tapisserien der W?nde. Durch die hohen Fenster und die schmalen wurmstichigen Türen blies der Wind. Ich war noch auf keine Stickerei eingerichtet, sa? in einer Sofaecke und h?rte den Herren zu; denn ob ich auch ihren Gespr?chen nicht viel entnehmen konnte, interessierte es mich, sie zu betrachten.
Als es 10 Uhr schlug, schnellte der graue Herr empor, empfahl sich den Damen mit gro?er Korrektheit, aber auch mit denkbar gr??ter Kürze, und gleich darauf rollte sein Wagen, der noch den letzten Zug nach Paris erreichen sollte, in aller Eile davon.
Mich hatte dieses Gespr?ch, von dem ich nichts verstehen konnte, in gro?e Aufregung versetzt; und mit der Belletristik oder gar mit Werken der sch?nen Beschaulichkeit war es mit einem Schlage vorbei. Ich holte sie so wenig wie die Stickerei aus meinem Koffer hervor. Denn Zeitungsartikel, Berichte und Telegramme waren das einzig Spannende für mich geworden.
In dem weitl?ufigen Garten, der zu dem Hause geh?rte, gab es eine Auswahl von B?nken, Lauben, steinernen Nischen und Terrassen. Steil und verwildert fiel er die sonnige Felsenwand herab, um sich wie in einem Graben geheimnisvoll und schattig auszubreiten. Dorthin schleppte ich denn auch mein neues Steckenpferd: die Zeitungen und politischen Abhandlungen aller L?nder.
Man stand im Zeichen der ersten sonoren Pendelschwingungen der Entente cordiale mit England einerseits, des Rapprochements mit Italien anderseits; sie und l'Isolement de l'Allemagne bildeten die Parole des Tages. Eines Nachmittags, - den Morgen hatte ich in Paris verschw?rmt - sa? ich wieder in einer Mauernische meiner Gartenwildnis und hielt die letzte Nummer der ?Renaissance latine". Sie brachte den ungemein schneidigen Entwurf einer politischen Karte Europas, mit sensationellsten geographischen Neuerungen. Der Wunsch war darin Vater aller Voraussetzungen, und Deutschland rückte kühn bis in die Polargegenden hinauf, so da? es mit gr?nl?ndischer K?lte von allen Seiten darauf einblies.
Ich notierte Titel und Nummer des Blattes und sah verdrie?lich zum feinget?nten franz?sischen Himmel empor.
Ach, dachte ich, wie wenig wei?t du von Deutschland! - und dachte dann hinüber zu unseren Brücken und H?usern, unseren Mondscheinn?chten und W?ldern.
Ach wie viel tausend Meilen lagen auch sie von hier entfernt, und wie wenig wu?ten sie dort von den Franzosen!
Und ich wu?te auch, hier war keine unüberlegte, instinktive und impulsive Liebhaberei, wie sie England gegenüber oft bei mir im Spiele war, sondern ich vermochte einfach nicht, die Geschicke Frankreichs mit einem gleichgültigen oder unbeteiligten Bewu?tsein zu erw?gen. Von franz?sischen Naturen in zu mannigfacher Weise verschieden, empfand ich die Franzosen zugleich als meine Angeh?rigen, und es schnitt mir oft ins Herz, wie gut ich sie kannte. Denn leider ist es ja noch immer keine Anma?ung, wenn heute der Deutsch-Franzose - und umgekehrt - sich für den allein Befugten h?lt, die Kluft zu messen, die zwei so gro?e Nationen voneinander scheidet, die unzul?ngliche Kenntnis voneinander, in der sie leben, wie die Sehnsucht, die sie zueinander zieht.
Aber noch nie war mir so deutsch zumute gewesen, wie heute morgen, denn nirgends fühlten sich meine Augen so heimisch, mein Herz so eifersüchtig wie in Paris, dem Paris der Renaissance bis zum zweiten Empire, das unsere junge Kultur so weit übertrifft.
Und doch so jung nicht, als da? sie nicht schon einmal des Sterbens Bitterkeit, die traurige Mühsal gekostet h?tte, aus Verwüstung und Schutt zerfallene Türme wieder aufzurichten. Hoch über den stillen Garten hin umri? sich da vor meinem inneren Auge, intakt in ihrem entflohenen Leben, wie der einbalsamierte Leichnam eines Jünglings, eine deutsche Stadt in ihrem unterbrochenen Wachstum. Ihr langentschwundener Frühling prangt an den Marktpl?tzen, den Pforten und Brücken, den Erkern und Laternen. Er weht von den Türmen und Brunnen, durch die H?user und Stuben. Er flutet in den Kirchen und von den Glasgem?lden, und in dem verwitterten Stein umrauscht er Jungfrauengestalten mit ihrem unbeschreiblichen Gemisch deutscher Morbidezza und deutscher Lauterkeit.
Ich sah die Marienkirche und atmete wieder ihre Luft. Und vor den Toren der Stadt jenen anderen Zeugen reinster und so verfeinerter Kunst: das Tuchersche Jagdschlo? mit den verhaltenen Lauschen seiner Fensternischen und Türen, der holden Strenge seiner R?ume, den verschwiegenen Schwellen, der vertr?umten Stiege. Denn die ganze Burg ist reich an Widerhall wie ein Vers von Walther von der Vogelweide, und wir stehen inmitten ihrer Stille wie an einer Brandung.
Aber scholl da nicht von der Burg hernieder, von Dürers Hause, weithin durch alle Gassen, Hans Sachsens Ruf: Habt acht! uns dr?uen üble Streich'!
Nicht l?nger glaubte ich da die Emp?rung verantworten zu dürfen, die mich auf der Fahrt nach Frankreich ergriff, als ich von meinem Zuge aus im Morgengrauen franz?sisch aussehende H?user auf deutschem Boden sah und unvermutet alle Trauer, die an dieser verlorenen Erde haftet, mitempfand, von jener Flut von Trübsal eingeholt, mit ihrem universalen, geisterhaften Anrecht: jenem geheimnisvoll, zeitlos elementaren Etwas - der Zeit bittersten Rest! -, den sie als unser Erbteil zurückl??t. Ach, dachte ich, wann wird der Tag anbrechen, an welchem sich der letzte Schlachtenplan zum letzten Ritterharnisch als Museumstück gesellen wird, weil zwischen Nationen wie den unseren, der Gedanke in Stücke gerissener oder zerschossener Glieder mit der menschlichen Würde nicht l?nger vertr?glich, geschweige denn rühmlich erschiene!
Drei Jahre, glaubte Bismarck, seien das ?u?erste, was sich in der Politik voraussagen lie?e, und: ?für drei Jahre haben wir heute vorgebaut," meinte er nach einem seiner gr??ten diplomatischen Erfolge der achtziger Jahre.
Und darum wissen wir heute nicht, wozu er sich damals entschlossen h?tte, welchen Plan er damals entworfen und ausgemei?elt, ob er dem deutschen Volke nicht einen gleichwertigen anderen Entgeld ersonnen h?tte, wenn er damals schon einer deutschen Kolonialpolitik h?tte Rechnung tragen müssen.
Jene Worte am Abend seines Lebens haben einen so nachdenklichen Klang; ?Das westliche Glacis, das wir ihnen nehmen mu?ten, was sie uns nie vergessen werden."
Es ist der Gedanke an unser zuversichtliches Bewu?tsein alles dessen, was er heute, angesichts der vielen ver?nderten Faktoren unternehmen, an die Initiativen, die ein Mann wie er heute ergreifen würde, der ihn uns unersetzlich erscheinen l??t. Denn der Geist seines Wirkens schuf ihn zu einem Lehrer, weit mehr als seine Taten, die das Schicksal und die Zeit ereilen k?nnen. Und wer tiefer in jenen Geist einzudringen suchte, wie k?nnte der noch zweifeln, da? ein heutiger Bismarck, gleichviel welcher Nation er angeh?rte, jene gro?e Einigungsidee, die einst ein kompaktes Italien und ein kompaktes Deutschland schuf, in erweitertem Sinne zu vertreten und aktuell auszugestalten wü?te? Wer k?nnte zweifeln, da? ein heutiger Bismarck, ob er unser eigener, oder Cavours, oder Gambettas Landsmann w?re, zum Vork?mpfer eines f?derierten Europas würde?
Eins aber konnte nur Paris in seinem überlegenen Reiz mich lehren, dies schimmernde Paris, das sich vollenden durfte, wie inmitten einer Welt des Friedens: Nicht um eine Minute hatten wir die Kultur dieses Landes zurückgeworfen, das als ein unerh?rter Feind der unseren in der Geschichte steht.
Ich war emp?rt in meiner Mauernische aufgesprungen: und nicht l?nger hielt es mich da in dem verlassenen Garten. Der Zwiespalt, der mich bewegte, lie? mir dies Land, mein eigenes, die ganze Welt beengt erscheinen.
Unsichtbare Schatten glitten schon durch das Tageslicht und hielten die alten B?ume umschlungen. In peinigender Flüssigkeit und Sü?e durchschauerten sie die Luft. Wir waren Brüder! Noch stehen sie überall, die Spuren unserer einstigen Gemeinschaft, unsere Kathedralen, unsere Minnelieder und Novellen. Und heute sind wir Nationen, die sich schon lange insgesamt langweilen, weil gerade in der Reife, zu der unsere nationalsten Züge und Besonderkeiten gediehen sind, das Bewu?tsein unserer Halbheit und in der Verschmelzung unserer Qualit?ten der Keim vollkommenerer Typen liegt. Wozu sich bet?ren? Von Herzen froh wird man ja heute nirgends. Kl?glich veraltet und vermorscht sind heute unsere tausendj?hrigen Familienzwiste, als k?nnte ihrer Asche allein der neue Ph?nix unseres Erdteils entsteigen: nur einem ?greater Europe" ein ?greater England", ?greater Germany" und ?greater France".
1905 in der Wiener ?Zeit".
Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem Politiker von Vend?me nach Paris. Schl?sser und Hütten, Riesenw?lder, lichte Pappelgruppen an langweiligen kleinen Flüssen waren an uns vorüber geflogen, und ich dachte zurück an den verflossenen Abend, an eine Fahrt nach einem wundervollen mittelalterlichen Schlo?, und an ein vollendetes, und wenn ich so sagen darf: erhebendes Diner, denn G?tter h?tten hier tafeln k?nnen, ohne sich zu sch?men.
Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden H?he gewesen. Die üblichen Gespr?che in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die religi?sen Zust?nde waren ergiebig und einmütig verhandelt worden; von dem damals eben erfolgten Besuch des italienischen K?nigspaares in Paris gelangten dafür nur einzelne Verst??e beim Empfang in Versailles zu ausführlicher und h?hnischer Er?rterung, und der Rest war Schweigen. Nun hatte ich Paris w?hrend der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem Empfinden nahm es sich gerade in diesen Tagen, in der verh?ltnism??ig etwas naiven Schmückung der H?user und Stra?en, am wenigsten zu seinen Gunsten aus. Was sollen auch F?hnchen und provinziale Jubeltransparente auf einer Place Vend?me viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtmeer der erleuchteten Kugel-Girlanden und Triumphb?gen schien es, als z?ge sich für den Abend das stolze Paris hinter ein riesengro?es funkelndes Kasperltheater zurück.
Ich erz?hlte meinem Tischnachbarn, da? ich der Einfahrt des K?nigs von einem Hause der Champs Elysées aus zugesehen und mich über die verh?ltnism??ige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich jedoch: das Demonstrative l?ge nicht in der Natur des Franzosen. Ein Zufall hatte aber gewollt, da? mir noch an jenem selben Abend das Paris der Revolution auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht wurde.
Einige Stunden nach dem Einzug war ich durch eine jener schmalen Gassen gegangen, die das Elysée umgrenzen, und ich dachte für den Augenblick nicht an die Anwesenheit des italienischen K?nigspaares, als ich auf die peinlichste Weise daran erinnert wurde. Von einem Strom von Menschen pl?tzlich fortgerissen und umringt, gab es für mich kein Vorw?rts noch Zurück. In der Angst zu fallen und von dem schrecklichen Dunst bedr?ngt, sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner Verwunderung und Freude in n?chster N?he, friedlich an einen Baum gelehnt - einen unbesetzten Stuhl. Rasch daraufspringend und so dem Haufen einigerma?en entzogen, wollte ich hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.
Wer die Franzosen nicht für demonstrativ hielt, der wurde n?mlich hier eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien sie da gerade hinaus, halb bet?ubt, halb wie die Wilden, nach der K?nigin. ?Kommen sie bald?" fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschürzten Vertreter des st?rkeren Geschlechts. - ?Sie sind schon vorüber", gab er mir zur Antwort.
Dies erkl?rte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausg?nge und schrie mit heiserer Stimme: ?La reine! nous voulons voir la reine!" Und von meinem erh?hten Posten auf sie herabsehend, erkannte ich sie genau wieder als jenes selbe kopfscheue, schnell übersch?umende Volk, das unf?hig sich zu besinnen, die K?pfe so mancher harmloser, zur Unzeit geborener Opfer zu h?llischen Bilds?ulen erhob und in diesen Stra?en wütete, erkannte den furchtbarsten P?bel innerhalb der kultiviertesten und feinsten Nation.
Allein ich hütete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie h?tten allzu bereiten Erfolg gehabt. Denn an die hundertj?hrigen Hecken, die das Dornr?schen von der Au?enwelt trennten, sah man sich in diesen Schl?ssern gemahnt. Man mu? sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien! Eine Dame ?u?erte sich, es sei unbedingt heroisch vom K?nig von Italien, ein so heruntergekommenes Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich über den Tisch herüber, ob wir im Ausland gegenw?rtig die Franzosen nicht sehr von oben herab behandelten?
?Unsere gro?e Majorit?t ist doch nun einmal republikanisch!" sagte da einer der G?ste.
?Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs würden Sie anderer Meinung finden," gab ihm die Dame zur Antwort.
?Ach," sagte er ?es gibt nur erste Menschen und sie k?nnen nicht aristokratisch genug, sie k?nnen nicht demokratisch genug sein. England hat diese Wahrheit auch für seine Gesellschaft praktisch zu verwerten gewu?t. Worin beruht die Macht und Würde des englischen Adels, wenn nicht in seiner demokratischen Affiliation, und woran ging unser K?nigstum zugrunde, wenn nicht an seinem Mangel jeder demokratischen Basis?"
?Es gibt noch Leute, mein Herr," unterbrach ihn ein vergr?mter, früh verabschiedeter einstiger Diplomat, ?welche in der franz?sischen Revolution den unglücklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen."
?Doch nur," rief er, ?weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute unheilvoll tr?nkte! Denn w?hrend aus jenen Gedanken über das ganze zivilisierte Europa ein belebender Zug str?mte, weilen in seiner Heimat, an seiner Quelle selbst, unvers?hnt, unüberzeugt, die Sühnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch ver?nderter Gesichtspunkte halten sie zürnend von ihren Nachkommen ab, und nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das K?nigtum, wie es sich seitdem verjüngte, sondern ein altes verstaubtes, ewig überwundenes K?nigtum, m?chten sie in vergoldeten Kutschen einholen und begrü?en."
Einen Augenblick war es still, wie in einem verzauberten Schlo?.
?Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!" sagte der Hausherr, der die Place de la Concorde nie anders als Place Louis XV nannte.
?Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben. Bedenken Sie, da? es bei uns zum guten Ton geh?rt, sich für Politik nicht zu interessieren! Indes selbst die Herrscherh?user anderer L?nder ein so weitgehendes Verst?ndnis für die gro?en Str?mungen an den Tag legten, welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die erste Gesellschaft Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent hoch einsch?tze, erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich für Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Ankl?ger sie sich erhebt. Denn ihre Geschichte, - und er deutete auf die W?nde, von welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenperücken hernieder sahen - ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes." -
Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichm??ig gleitenden Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit erh?ht. Drau?en lag schon Bl?sse über das Land gebreitet und bl?sser noch, im langen, regelm??igen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein künstlicher Teich, und weiter zurück, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit den majest?tischen Senkungen seiner Terrassen.
?An was denken Sie?" fragte mich da pl?tzlich mein Reisegef?hrte.
?Wie soll ich das der Reihe nach sagen?" erwiderte ich. ?Gedanken k?nnen sehr wohl in Schw?rmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen."
?Aber eine Taube in der Hand," sagte er, ?ist besser, als viele auf dem Dache."
?Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien und geriet dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Alle ?u?erungen, welche die Geistesart, den Charakter einer Nation am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln mich, denn unwillkürlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie m?chtig innerhalb eines kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte V?lker auseinanderh?lt, wie verschieden er sie bildete, und da? in einer Welt, die überall so gleich, unter Menschen, die sich überall so ?hnlich sind, hier der Schwerpunkt aller Verschiedenheiten liegt."
?Wu?ten Sie das nicht?" sagte er.
?Ich zweifle, da? wir es alle zur Genüge wissen. Denn diese Verschiedenheiten sind gegenw?rtig so weit gediehen, da? drei hervorragendste europ?ische Nationen, die Deutschen, Franzosen und Engl?nder, die einander am vollkommensten erg?nzen, tats?chlich au?erstand gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit wirklich zu durchdringen und psychologisch unüberbrückbar fern einander gegenüberstehen. Wir leugnen zum Beispiel gar nicht, da? es eine bêtise allemande gibt. Inzwischen wurde ich auch mit der fine fleur der Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie weltverschieden die beiden voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter, verschwommener die unsere, wieviel greifbarer, logischer durchgeführt, ich m?chte sagen, ?abgeschliffener' die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich zu ver?u?ern. Die beiden bêtises erkennen sich nicht wieder."
?Daraus folgt nicht, da? sich die Klugen nicht verst?ndigen k?nnten."
?Aber auch da ist mir eines zumeist aufgefallen: die Schwierigkeit für den Ausl?nder, sich in seiner Beurteilung der Franzosen zurechtzufinden, beruht darin, da? er den franz?sischen Geist von der franz?sischen Kultur nicht genügend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie sehr der Formensinn in allen seinen ?u?erungen in Kleidung, M?beln und Gewerbe, auf allen Gebieten des ?u?eren Lebens bis hinauf zu den bildenden Künsten in Frankreich seine eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt des Sch?nen ist da von einer ?ra zur anderen Ihr Monopol. Angesichts gewisser G?rten, Lauben und Fassaden, gewisser Pl?tze in Paris, war ich von Bewunderung für die Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer der Welt. Aber trotz jenes gro?en Stilgefühls, das bei ihnen den Geschmack zur Kunst erhob, trotz jener Gründlichkeit und Vollendung, jenes strengen Ma?es, das ihre Leistungen kr?nt, ist es nicht seltsam, da? auf rein ideellem Gebiete, gerade in ihrem Lande das Extreme und Ma?lose sich freier als anderswo entfalten durfte, w?hrend in dem rauhen und vielsp?ltigen Deutschland ein Mann wie Goethe dessen Geistesleben adelte?"
?Werden Sie mir sp?ter auch einige Kritiken gestatten?" begann da mein Reisegef?hrte. ?Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig mit unseren Extremen?"
?Ah", sagte ich, ?Frankreich ist doch wie ein Blumengarten, mit Schl?ssern und Gütern bes?t. Unl?ngst sah ich ein Schlo?, in dem die Schlafzimmer genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas milderte, waren Büchergestelle, die den W?nden entlang liefen, aber wohin man auch sah, waren es ausschlie?lich Gebet- und Erbauungsbücher. Ich lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer solchen Verwandtschaft k?nne sie sich nur von ganzem Herzen sch?men. Flaubert zu lesen hatte ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es h?tte jedoch seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schmutz nicht liebe."
?Aber solche Leute," rief er, ?gibt es doch überall!"
?Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich h?rte in Frankreich Sonntagspredigten, die bei uns nicht m?glich w?ren. Eine junge und reizende laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den Volksschullehrern würden sie unterwiesen, nicht darauf achtzugeben, was ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der Gemeinde die Autorit?ten des Landes in den fürchterlichsten Farben. Tats?chlich habe ich nichts betrüblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafür traf ich unter den begüterten Familien nicht einen Knaben, dessen Erziehung unter einer anderen Obhut als der eines Abbés stand. Auch diese Sitte w?re uns zu extrem. Aber ich fürchte, derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge, zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen."
?Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzügen und den franz?sischen M?ngeln besch?ftigt."
?Nein," rief ich, ?denn nichts regt ja unseren Eifer so sehr an, wie unsere Anerkennung für die Vorzüge einer anderen, sei es einer fremden oder verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der Formensinn, die Regsamkeit, welche Paris inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf seiner H?he zu erhalten wu?te. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden überblick, das Erziehungssystem, die ?sthetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur glücklichsten und sch?nsten Nation der Welt geworden ist."
?Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!" rief er. ?Die Vorzüge der Franzosen und Engl?nder sind den Deutschen entzogen, weil sie eben Deutsche sind!"
?Zu welchem Reichtum gerade ihr Wesen sich entfalten kann, dafür bürgen ihre gro?en M?nner."
?Immer diese gro?en M?nner!" sagte er. ?Sie sind noch lange nicht die Nation. Und Sie vergessen, da? noch keine von ihren eigenen gro?en Individuen so unumwundene Aussprüche des Tadels erfuhr, wie die deutsche."
?Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Fülle ihrer Anlagen erkannte."
?Aber was nützt es?" sagte er. ?Die Deutschen bearbeiten meist nur eine Geisteskraft. Es ist ihr Lichtenberg, der ihnen dies vorwirft. Was nützt es, da? sie denken? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt."
?Ein glücklicheres Ebenma? k?nnte diese Kritiker über schwerer zu beseitigende M?ngel hinwegt?uschen. Die Deutschen sind noch im Werden. Das ist auch etwas Sch?nes."
?Wir sind alle im Werden!" rief er. ?Aber warum untersch?tzen Sie die Gro?zügigkeit, die ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?"
?In Deutschland," sagte ich, ?machen sich die klugen Leute nichts aus der Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben."
?Hier arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht einsamer als andere. Aber sie wollen herrschen! Die Berechtigung ihres Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit gr??erem Ma?e zu; hierin sind ja die Deutschen viel demokratischer als wir; und dies ist der Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt, das ihrem geistigen Niveau entspr?che. Dazu kommt, da? bei ihnen der Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der ?Bereisten' ein so geringer ist. Man kann ja," fuhr er fort, ?den Kosmopolitismus zu weit treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung für ihn: eine wahre und vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschlu? und verleiht unter anderem den überblick und die Menschenkenntnis der eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Verm?genden wie die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafés chantants und wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen."
?Und Sie sind der Mann, der mir meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich sagte, beide V?lker h?tten soviel von einander zu lernen. Wer denkt nun logischer von uns beiden?"
?Sie vergessen nur zu leicht, da? es auch politische Gesichtspunkte gibt."
?Was andere besser verstehen, überlasse ich ihnen lieber ganz und gar und finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr übersicht gew?hren kann, zu betrachten. Von einander getrennt stellen sich mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin für psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in hundert Jahren recht haben sollte."
Langsam rollte jetzt der Zug in die gro?e Halle der Gare St. Lazare.
1905 Wiener Zeit.
Alte Leute schütteln die K?pfe über unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit unseren immer schleunigeren Schnellzügen nicht zufriedener sind, als unsere V?ter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt: wir sind um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je mehr wir den Fortschritt erstreben.
Ein steigernder Drang, eine Hast und Ungeduld, wachsenden Flügeln vergleichbar, ist heute in uns rege; wir durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch gro?e St?dte mit Windeseile, und gr??te Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur entsprechendsten ?u?erung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten des Glücks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren vertr?gt sie nicht mehr. Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage, aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere, denn sie ist so müde und überreizt zugleich, weil ihr der Frühling in den Gliedern sitzt.
Es stehen uns zwar noch zu viel trübe, regnerische Tage bevor, als da? wir merken k?nnten, da? sie l?nger werden. Aber wenn es stürmischere Zeiten gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegens?tze sich zu vers?hnen, alte Vorurteile zu zerfallen strebten.
Kürzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la Paix zur Place Vend?me; den weltberühmten Model?den entstiegen elegante Frauen mit blassen Zügen und gro?en sicheren Augen. Die reiche, fast edel zu nennende Vollendung ihrer ganzen ?u?erlichen Haltung lieh ihnen einen Glanz von Sch?nheit und überlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis ihr Wagen aus dem Gedr?nge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer begründet, als jenes Gefühl unendlichen Entrücktseins von der Not des Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.
In jenen Pariser Stra?en geht es sich so leicht. Was das Auge dort fortw?hrend fesselt, tr?gt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin. Geschmeide blitzten mir entgegen, gro?e tr?umerische Perlen, ein k?stlich strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele, z?rtlich funkelnde Smaragde.
Allein z?rtlicher noch und schimmernder, ein Triumph für die ersten Kürschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer sch?nen Frau mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der bekanntesten jungen M?nner von Paris, morbid und unversch?mt, den Hut vom Winde etwas zurückgeschoben, aber frei wie ein Marmorbild, ihr entgegenfuhr.
?Es geht sich heute so sch?n," sagte da pl?tzlich dicht neben mir ein Pariser Freund, ?haben Sie Zeit?"
?Aber bleiben wir in diesen Stra?en," sagte ich, ?man wird da von dem Leben ringsumher wie von Wellen so sch?n fortgerissen."
Zwar h?rte man vor dem Get?se und Gebrause ringsumher seine eignen Worte nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang, unnachahmliche M?ntel, in die man im Vorübergehen sich hineindachte; dann wieder unter den vorübereilenden Wagen so manches gl?nzende, bewegte Bild. ?Ach," seufzte ich, ?mir ist hier oft, als mü?te mein Herz brechen vor Sehnsucht nach Geld!"
?Nach Geld?" rief er erstaunt.
?Ja," sagte ich, ?ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende Leidenschaft für die Güter dieser Erde, und wie sehr sich unsere Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen F?higkeiten steigern."
?Diese lehren uns vielmehr, das Glück in uns zu suchen."
?Sie scherzen!" rief ich.
Aber hier erlitt unser Gespr?ch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam kamen uns zwei hinrei?ende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. G?ttliche Schultern trugen ihr leichtsinniges Haupt, und goldene Haare verkl?rten es. Es lag etwas halb Z?rtliches, halb Sp?ttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flüchtigkeit selbst. Und es war, als z?ge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener Hoffnungen, vergeblicher Wünsche entrückte.
?Folgen wir ihnen!" schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten die Galerie, in welcher der Tee genommen wird, der - wie allerorts in Paris - zu wünschen übrig l??t; sie glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich kühnster Hüte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war für mein Empfinden der ?u?ere Eindruck dieser hergerichteten Pariserinnen der eines sehr strengen, sehr erstrebenswerten Formensinns. übrigens waren sie nicht in der Mehrzahl vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch unenthusiastische Jünglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gew?hnlichkeit.
Ich hatte die Eckpl?tze links am Eingang gew?hlt, die zugleich einen Ausblick auf die Treppe gew?hrten, denn die Menschen, die dort vorüberkamen, waren als Million?rtypen vielleicht noch charakteristischer. Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioness von A*, eine sehr sch?n gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Türe stand, sah mit theatralischer Unversch?mtheit um sich her und verschwand. In unserer N?he lie? eine ?sterreicherin, die Frau eines durchreisenden Diplomaten, immer lauter ihren wienerisch-franz?sischen Jargon vernehmen. Sicher fiel diese Frau ihrem Manne durch zu gro?e politische Wi?begierde niemals l?stig, vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige einer Diplomatenstellung, wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern (wie Bismarck ihn verh?hnte) noch g?nzlich erfüllt. Weder jung noch sch?n, aber von ansehnlicher Gr??e, mit ihren konventionellen Zügen, ihrer kunstvollen Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des ?High Life". Mit groben aber wohlgepflegten H?nden schwang sie unaufh?rlich ein Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das für sie nur die Welt des Salons auffing und spiegelte.
?Rom ist delici?s," h?rten wir sie sagen - ?c'est autre chose que la Suède! Ganz die gro?e Welt! In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem; die Unmasse von Engagements, déjeuners, d?ners und die vielen jours . . ." sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht. Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der ?gro?en Welt" erblickt, der auf sie lossteuerte: ?Sie hier, cher Comte?"
Es war alles so erg?tzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander l?chelnd an: ?Ihre zwei G?ttergestalten scheinen sich in die oberen Stockwerke verloren zu haben," bemerkte er. Indes kam die Marchioness von A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer reizvollen, melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich sch?nen M?dchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anlangte, geh?rte er zweifellos zu den Gebietenden dieser Erde. Sein gro?es wei?es Gesicht trug zugleich den Stempel der Oberfl?chlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr machtvolle oder reiche Pers?nlichkeit, aber deren ungehemmte und machtvolle Entfaltung.
Pl?tzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch eben eine Tasse eingeschenkt hatte, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewu?tsein g?nzlich entfallen, war ich mir pl?tzlich meiner selbst aufs heftigste bewu?t. Keine Pal?ste mit unsch?tzbaren Tapisserien und Bildern, keine Reichtümer und keinerlei Macht war mein eigen! über das blaue Meer hin, nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am sch?nsten blühte, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fu?. ?Kein Ersatz," dachte ich, ?ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verha?ter, t?dlicher Entsagung von sich schleudern!"
Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und vornehm ragte die S?ule von Vend?me, aber nicht l?nger zog es mich hin zu den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.
?Ich begreife Sie nicht," sagte der Pariser Freund, ?ist es denn m?glich, da? Ihnen solche Leute imponieren?!"
?Ich nehme sie ja nicht pers?nlich," sagte ich. ?Aber wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeintr?chtigen k?nnen. Und weil sich um die gew?hnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu sch?n geworden."
?Was wollen Sie damit sagen?"
Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von feindlichen Kugeln umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue Castiglione zu überschreiten.
Nach dem Gewoge der Stra?en schienen die Tuilerien so weit und still.
Alles lag in jenem entzückend feinen, mattsilbernen Ton der z?rtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den kahlen B?umen ihre Düsterkeit nimmt. In kalter Grazie dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.
Mit Statuen aber geht es uns h?ufig wie mit der Musik: was im Museum wohl zurückst?nde, im Konzertsaal uns kritisch lie?e, kann unter freiem Himmel hinrei?en und rühren. Unwillkürlich waren wir stehen geblieben.
?Wie der menschliche K?rper durch die griechische Kunst, so hat sich seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet."
?Zum mindesten ein vorgreifender Glaube", meinte er.
?Wie jeder Glaube".
1905 Neue Rundschau