Erz?hlen will ich zun?chst von Gevatter Tod und Bazillen.
Es hat mancher heute eine eigene Krankheit, die Bazillenfurcht hei?t. Es nagt in ihm nicht der Tuberkelbazillus in der Lunge oder in den Knochen, nicht Eitererreger sind in seinem Blut. Wer von Bazillenfurcht befallen ist, krankt an Bazillen, die nicht in seinem K?rper, sondern au?er ihm sind. Man hat so viel von Bazillen geh?rt, so einseitig geh?rt, nur geh?rt und nicht durchdacht, da? man sie stets und überall – und soweit ja mit gutem Recht – wittert und in heller Angst heruml?uft, sie, die allgegenw?rtigen und b?sen, die unsichtbar sind wie Beelzebub und Astharote, spielten einem den Streich. Man krankt an der Furcht vor Bazillen.
Und der Hohepriester derer, die an Bazillenfurcht kranken, ist Herr Professor Metschnikoff in Paris, ein wirklich Gro?er in der modernen Naturwissenschaft ... Da müssen wir schon eine Pause machen, um Metschnikoff bei seinem Morgenfrühstück zuzuschauen, über das ihn einmal ein Zeitungsmann ausgefragt hat.
Unsereiner nimmt ahnungslos Messer, Gabel und L?ffel in die Hand, so wie sie auf dem Tische daliegen. Ohne zu wissen, da? uns dabei direkte Lebensgefahr droht – von wegen der allgegenw?rtigen Bazillen natürlich. Metschnikoff ist da viel vorsichtiger. Und offenherzig genug, um zuzugeben, da? er Messer, Gabel und L?ffel vor dem Gebrauch an einer Flamme ausbrennt, um alle Keime abzut?ten. Unsereiner bei?t ahnungslos in seine Stulle und in seinen Weck, oder wie das Br?tchen sonst hei?en mag, ohne zu wissen, da? auf der goldbraunen Kruste des Br?tchens gef?hrliche Mikroben sitzen. Metschnikoff aber r?stet zun?chst das Brot, um den Bazillen den Garaus zu machen: denn er kennt ihre Schliche und Wege und geht ihnen nicht in die Falle. Unsereiner i?t Erdbeeren, ungebrüht und vielleicht sogar ungewaschen. Metschnikoff versagt sich den Genu? von Erdbeeren ganz – immer von wegen der Bazillen. Aber eine Banane will schlie?lich auch ein Metschnikoff essen. ?Hier sehen Sie," hat Metschnikoff so ungef?hr dem Zeitungsmann gesagt, ?ein paar Bananen, die ich mir gekauft habe, um sie nach Hause mitzunehmen. Weil diese Frucht mit einer dicken Schale bedeckt ist, glauben viele, da? die Bananen keine Bazillen haben. Weit gefehlt! Es sind doch welche drin, und in meinem Hause werden darum die Bananen immer erst gebrüht, bevor sie gegessen werden. Ich tauche sie etwa eine Minute lang in kochendes Wasser, und die Frucht verliert dabei nichts von ihrem Wohlgeschmack ..."
Ist ja alles so weit sehr sch?n: aber die Zeit, die einer da zu seinem Morgenfrühstück braucht! Die kann sich wahrhaftig doch nicht jedermann leisten.
Aber was tut nicht einer, der dem Tode entrinnen will!
Denn mit dem Tod und den Bazillen ist es nach Metschnikoff folgenderma?en bestellt.
Wir sind alle von Bazillen bev?lkert, von Millionen und Abermillionen Bazillen, die in unserem Darme wohnen. Namentlich in dem unteren Teile des Darmrohres, im Dickdarm, sind die Bakterien[1] wohl zu Hause. Wie ungeheuer viele es sein m?gen: wenn man bedenkt, da? wir insgesamt an die sieben Meter Darm, und davon etwa anderthalb Meter Dickdarm herumtragen (Abb. 1)! Wollten wir die Bakterien z?hlen, die blo? in einem allerkleinsten Krümelchen unseres Darminhaltes drin sind, wir k?men schon in die Millionen hinein. über hunderttausend Milliarden Bazillen – also eine Million mal Million und dann noch mal hundert – werden es nach allerlei Berechnungen wohl schon sein, die wir in unserm Darm insgesamt beherbergen. Ein ganzes Drittel von dem, was wir aus dem Darm an einem Tage entleeren, sind lauter Bazillen!
Abb. 1. Schema des Verdauungsrohres. 1 Gaumen, 2 Mundspalte, 3 Zunge, 4 Schlund, 5 Kehldeckel, 6 Luftr?hre, 7 Speiser?hre, 8 Mageneingang, 9 Magen, 10 Magenausgang, 11 Zw?lffingerdarm, mit dem der Dünndarm beginnt, 12 Dünndarmschlingen, 13 übergang des Dünndarms in den Blinddarm, 14 Blinddarm, mit dem der Dickdarm beginnt, 15 Wurmfortsatz, 16, 17, 18 Dickdarm, 19, 20 Enddarm. Nach Rauber.
Und Metschnikoff hat sich gesagt, da? es diese Bazillenbev?lkerung ist, die uns ein frühes Grab gr?bt. Die Bakterien scheiden, wie alle andere lebendige Substanz, Stoffwechselprodukte aus, Schlacken des Lebens, wenn man will. Diese Stoffwechselprodukte gelangen aus dem Darm ins Blut. Zum Teil werden diese Stoffe, die in gr??eren Mengen zweifellos Gifte für die Zellen unseres K?rpers sind, von manchen arbeitsfreudigen Zellen des Zellenstaates, z. B. von den Zellen der Leber, abgefangen, zu ungiftigen Stoffen verarbeitet und durch die Nieren nach au?en abgeschieden. Die Leber hat eine Schutzaufgabe in unserem K?rper, Polizeifunktion, wenn man so will. Das sind Tatsachen, die jedermann kennt. Metschnikoff nun ist der Meinung, da? es mit dem Unsch?dlichmachen der Gifte, die von den Darmbakterien ins Blut gelangen, doch nicht so auf das allerbeste bestellt ist, wie man glauben m?chte. Denn man mu? bedenken, da? die Stoffe, die von den Bakterien des Dickdarms abgegeben werden, tats?chlich sehr starke Gifte sind. Sie geh?ren in die Gruppe des Karbols hinein, das jedermann als todbringendes Gift kennt. Man kann diese Gifte in den Ausscheidungen des Darms sowohl als der Nieren – hier in ver?ndertem Zustande – finden. Und da erscheint es auf den ersten Blick gar nicht so ohne, da? – wie Metschnikoff es will – die giftigen Stoffwechselprodukte der Darmbakterien daran schuld sind, da? wir früh alt werden und früh sterben.
Nun, einen direkten Beweis in diesen Dingen führen, das kann man natürlich nicht. Denn man mü?te ja dann seinen Versuch so einrichten, da? man zus?he, wie lange einer lebte, der keine Bakterien im Darm h?tte. Wir Menschen und ebenso alle Tiere haben aber stets ihr Bakterienvolk im Darm. Und dann: ein bi?chen langwierig w?re es schlie?lich doch, so zuzusehen, wie lange einer lebte, ob 100, 200 oder gar noch mehr Jahre. Unserer hastenden Zeit ginge dieses lange Zusehen nicht nach Geschmack ... Metschnikoff blieb also nichts anderes übrig, als einen Umweg in seiner Beweisführung zu gehen. Er hat sich gesagt, da?, wenn seine Theorie richtig ist, dann diejenigen Tiere, die mehr Bakterien im Leibe haben, weniger lang leben mü?ten als jene, die nicht so viel Bakterien in ihrem K?rper beherbergen, d. h. die einen kürzeren Dickdarm haben. Wer unter den Tieren einen kurzen Dickdarm hat, der mu? nach Metschnikoff l?nger leben.
Metschnikoff hat nun die Lebensdauer der Tiere mit ihrer Darml?nge verglichen, und es hat sich dabei tats?chlich herausgestellt, da? diejenigen Arten, die durch einen kurzen Dickdarm ausgezeichnet sind, wie z. B. viele V?gel, eine sehr lange Lebensdauer haben, w?hrend z. B. die S?ugetiere, die einen viel l?ngeren Dickdarm haben, viel früher sterben. So weist Metschnikoff auf die Tatsache hin, da? z. B. Schw?ne, G?nse, Raben und manche Raubv?gel über 50 Jahre, Papageien und Kakadus sogar über 80 Jahre leben k?nnen. Dagegen sterben Hunde, Katzen, Pferde und andere S?ugetiere stets in einem viel jüngeren Alter: ihre Lebensdauer betr?gt in der Regel nicht mehr als 15 Jahre, und ein Alter von 30 Jahren geh?rt bei ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Um ein sehr augenf?lliges Beispiel zu w?hlen: der Kanarienvogel hat eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren, die etwa gleich gro?e Maus lebt h?chstens 6 Jahre. Mit der L?nge des Dickdarms nimmt nun selbstverst?ndlich die Menge der giftspendenden Bakterien zu, die das Tier in sich beherbergt. Und da war für Metschnikoff der Schlu? gegeben, da? es eben die Gifte der Darmbakterien sind, die die kürzere Lebensdauer der Tiere verschulden.
Nachdem Metschnikoff sich die Sache so zurecht gelegt hatte, da? die Bakterien am frühen Altern und Sterben von Tier und Mensch schuld seien, hat er sich gesagt, da? es doch heute eigentlich ein gro?es Unglück mit dem Altern und mit dem Sterben sei. Das Altern von heute sei wie eine Krankheit: unser K?rper wird ganz allm?hlich von den Darmbakterien vergiftet. Und wenn das Sterben und das Altern eine Krankheit ist, dann ist es ja die schlimmste Krankheit, die es gibt. Die Tuberkelbazillen und die Bazillen, die andere Krankheiten machen, t?ten die Menschen, die das Unglück hatten, sich mit diesen Krankheitserregern anzustecken. Die Darmbakterien aber hat jedermann in sich, alle Menschen sind mit ihnen behaftet, und die Menschen, die den Krankheiten sonst entronnen sind, gehen an der Vergiftung durch Darmbakterien zugrunde: sie werden früh alt und müssen früh sterben.
Das ist in Metschnikoffs Theorie des Pudels Kern: Wenn das Altern heute so etwas wie eine Bakterienkrankheit ist, dann ist klar, da? man dieses Altern und Sterben mit denselben Mitteln bek?mpfen mu?, wie jede andere Krankheit auch. Und es bot sich da für Metschnikoff das allbekannte Beispiel mit dem Alkohol. Wir wissen, da? das Alkoholgift unsern K?rper sch?digt, wenn er Tag für Tag genossen wird, da? auf dem Alkoholgenu? eine ganze Reihe von Krankheiten beruhen, an denen die Menschen nach langem Siechtum zugrunde gehen. Wir bek?mpfen dieses Siechtum, indem wir das Gift, den Alkohol, zu meiden suchen. Also: auch das Gift des frühzeitigen Alters, die Gifte der Darmbakterien, müssen von unserem K?rper ferngehalten werden, damit die Menschen l?nger leben und eines natürlichen Todes sterben k?nnten. Das war für Metschnikoff ein ganzes Programm: den Bakterien beikommen, die in unserem Dickdarm nisten.
Aber wie? Das war die gro?e Frage.
Metschnikoff hatte da zun?chst einen ganz radikalen Einfall. Es ist n?mlich eine Tatsache, da? wir in unserem sieben Meter langen Darm ein Organ haben, das für uns Menschen gut anders eingerichtet sein k?nnte, als es in Wirklichkeit ist. Der Darm ist viel, viel l?nger als wir ihn wirklich brauchen. Der Dickdarm ist für uns sogar v?llig nutzlos. Man kann einem Menschen den gr??ten Teil des Dickdarms herausschneiden, ohne seine Gesundheit zu beeintr?chtigen. Man hat bei manchen Patienten solche Operationen schon vornehmen müssen. Die Patienten, die an schweren Darmkrankheiten litten, und diese Operation durchmachen mu?ten, wurden vollst?ndig gesund. Für den Pflanzenfresser ist der Dickdarm wohl von Nutzen, denn der Pflanzenfresser braucht einen langen Darm: seine Nahrung ist schwer verdaulich und mu? l?ngere Zeit im Darm verweilen, und bei der Verdauung der Nahrung helfen hier sogar die Darmbakterien mit. Aber für uns Menschen ist der Dickdarm nicht nur nutzlos, sondern direkt sch?dlich. Denn ein Teil des Dickdarms, der Wurmfortsatz des Blinddarms, neigt beim Menschen sehr zu Erkrankungen, und jedermann wei?, wie gef?hrlich die Blinddarmentzündung ist, wenn man sie vernachl?ssigt, und da? schon manch blühendes Menschenleben an einer vernachl?ssigten Blinddarmentzündung zugrunde gegangen ist. Und was nicht alles noch an andern Krankheiten h?ufig genug den Dickdarm bef?llt!
Aber noch mehr! Nicht nur der Dickdarm ist zu lang oder gar nutzlos für uns: auch der Dünndarm ist zu lang geraten. Die ?rzte sind schon h?ufig genug in die Lage gekommen, einem Patienten kleinere oder gr??ere Stücke aus dem Dünndarm herauszuschneiden, und auch solchen Patienten geht es nach der Operation gut. Vor einigen Jahren hat der Amerikaner Underhill gezeigt, da? man Hunden einen sehr betr?chtlichen Teil des Dünndarms entfernen kann, ohne die Tiere in ihrer Gesundheit zu beeintr?chtigen. So schnitt Underhill seinen Hunden zun?chst 2/5 ihres Dünndarms heraus. Die Hunde blieben am Leben, verdauten wie immer ihre Nahrung und nahmen unverdrossen an Gewicht zu. Erst wenn 2/3 des Darms den Versuchstieren weggenommen waren, ging es den Tieren schlecht: mit dem letzten Drittel ihres Dünndarmes konnten sie wohl doch nicht mehr so viel verdauen, als n?tig war, und sie nahmen jetzt an Gewicht ab. Nun braucht ja das, was Underhill für den vorwiegend fleischfressenden Hund nachgewiesen hat, nicht gerade in genau demselben Ma?e für den Menschen zu gelten, da wir ja neben Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu uns nehmen, deren Verdauung schwieriger ist und einen l?ngeren Darm verlangt. Aber wahrscheinlich ist es doch, da? wir einen zu langen Darm haben und ein gut Teil davon zu unserem Nutz und Frommen wohl einbü?en k?nnten.
Also war der radikale Einfall von Metschnikoff der, da? man den Menschen den Dickdarm herausschneiden solle, um ihnen damit ein langes Leben zu schenken.
Aber der Gedanke war doch zu radikal, um zu Ende gedacht zu werden. Auch seinen eigenen Dickdarm, geschweige denn einen Teil seines Dünndarms, hat Metschnikoff nicht für seine Idee als Opfer auf den Altar der Menschheit legen wollen. Er hat diesen radikalen Weg zur Lebensverl?ngerung für eine ferne Zukunft vorbehalten und ist für heute einen Kompromi? eingegangen.
Wer's ihm da angetan hatte? Sehr einfach: zun?chst blo? ein Topf saurer Milch. Oder nein, es sind eigentlich wiederum Bazillen, die da im Spiele waren. Aber dieses Mal Bazillen, die wohlt?tig sind: die Bakterien der sauren Milch, die nach Metschnikoff mit gar artigen Eigenschaften ausgezeichnet sind. Die Sache verh?lt sich hier folgenderma?en. Das Sauerwerden der Milch beruht darauf, da? die sog. Milchs?urebakterien, die sich schon innerhalb 24 Stunden in der Milch zu ganz gewaltigen Mengen vermehren, den Milchzucker verg?ren. Aus dem Milchzucker entsteht dabei eine S?ure, die man Milchs?ure nennt. Die macht die Milch sauer und macht sie dick, denn in der anges?uerten Milch ballt sich das Kasein, der Eiwei?stoff der Milch zusammen, das Eiwei? der Milch gerinnt dabei genau so, wie das Hühnereiwei? beim Kochen gerinnt. Worauf es Metschnikoff aber ankam, das ist der Umstand, da? die S?ure ein Mittel ist gegen Bakterienf?ulnis. Die Bakterien, die eine F?ulnis von abgestorbener lebendiger Substanz hervorrufen, k?nnen ihre Wirkung nicht tun, wenn es rings um sie sauer ist. So verhindert z. B. der saure Magensaft, der sich auf die genossenen Speisen im Magen ergie?t, die F?ulnis der Speisen. Hier im sauren Magensaft k?nnen die f?ulniserregenden Bakterien nicht gut aufkommen und sie k?nnen hier ihre Gesch?fte nicht betreiben. Erst im Darm, wo die Verdauungss?fte nicht mehr sauer, sondern alkalisch sind, d. h. wo die Bakterien in einer stark verdünnten Lauge schwimmen, da beginnt die F?ulnis der Nahrung oder der Nahrungsreste. Das ist namentlich im Dickdarm der Fall, und von hier gelangen all die sch?dlichen Stoffe der F?ulnis in den Kreislauf des Blutes, in den Zellenstaat hinein. Gut, hat sich Metschnikoff gesagt, machen wir den Bakterien im Darm das Leben sauer! Trinken wir saure Milch! Wir bev?lkern dann unsern Magen und unsern Darm mit Milchs?urebakterien und ekeln einfach die F?ulnisbakterien heraus!
Das war Metschnikoffs Losung im Kampfe gegen Gevatter Tod: nicht mit Lanze und Speer zog er aus in den Kampf, sondern mit einem Tro? von Bazillen gegen Bazillen.
Abb. 2. Pantoffeltierchen. Sehr stark vergr??ert. mf Mundfeld, m Mund, sch Schlund, na Nahrungsballen, ps pulsierendes Bl?schen (Vakuole) ma Gro?kern, mi Kleinkern. Rings um den Protoplasmaleib herum sieht man die Wimperh?rchen, mit denen die Zelle im Wasser schl?gt und sich fortbewegt. Aus Stridde.
Wer an Bazillenfurcht krankt, schüttelt ungl?ubig den Kopf. Mit Unrecht. Denn soweit es sich um die gesundheitssch?dliche Wirkung starker F?ulnisvorg?nge im Darm handelt und um die M?glichkeit, diese F?ulnis durch eine Milchdi?t zu bek?mpfen, hatte sich Metschnikoff ja an Tatsachen gehalten. Hier kann man Meister Metschnikoff nichts anhaben, hier hat er recht. Die Frage ist aber die, ob die Darmbakterien, die die F?ulnisstoffe im Dickdarm produzieren, wirklich die b?sen Geister sind, die uns ins frühe Grab bringen. Doch Metschnikoff hat sich mit dieser Frage nicht weiter abgeben wollen und er ist von nun an nur einem Ziele nachgegangen: den Kampf von Bazillen gegen Bazillen im Darm m?glichst zuungunsten derjenigen Bakterien zu gestalten, die seiner Meinung nach uns das frühe Grab graben. Corriger la fortune!
Was da Metschnikoff nicht alles ersonnen und versucht hat, denkt sich unsereiner gar nicht aus. Zu den Bulgaren war er in die Lehre gegangen und er hat ihnen ihre saure Milch, den Yoghurt, abgeguckt. Ja, die Bulgaren waren ein fetter Braten für Metschnikoffs Theorie von der Bedeutung der sauren Milch im Kampfe gegen Gevatter Tod. In keinem andern Lande gibt es n?mlich so viel alte Leute wie in Bulgarien. Da laufen die Menschen von über hundert Jahren zu tausenden herum. Aha, hat sich Metschnikoff gesagt, das ist alles von wegen der sauren Milch, von wegen des Yoghurts, den die Bulgaren trinken. Das w?re nun ein Elixier, noch viel wirksamer als die gew?hnliche dicke Milch. Also trinket, ihr Kinder des Todes, dicke Milch oder Yoghurt und ihr werdet alt werden wie Methusalem! Euern langen Darm braucht ihr nicht herzugeben, das sei euern Urenkeln überlassen. Vielleicht werdet ihr sogar noch Augenzeugen davon sein ...
Wer wird nun aber immer wieder und wieder dicke Milch trinken wollen! Mancher tuts wohl sein Leben lang, aber nach jedermanns Geschmack ist das doch nicht. Nun, habt ihr nach dicker Milch kein Begehr, euch ist trotzdem geholfen. Denn Metschnikoff kommt euch dann mit einem E?l?ffel voll Bakterien der sauren Milch, die ihr in konzentrierter Form essen k?nnt, genau so, wie wenn einer Hefe ??e. Die Hefe ist nichts anderes als ein Ballen von vielen Millionen kleiner Lebewesen, der Hefezellen. Und wenn man Hefe zu den Speisen, z. B. zum Brot fügt, warum nicht auch ?Laktobazillin", die Bakterien der sauren Milch, die ihr sogar in Pastillenform in der Apotheke kaufen k?nnt. Für billiges Geld habt ihr euch langes Leben erkauft, tragt euer Glück in der Tasche. Und all das von wegen der Bakterien, die ihr im Kampfe gegen die b?sen, todbringenden Bakteriengeister in euerm Dickdarm wohl gebrauchen k?nnt.
Metschnikoff ist bei den Bakterien der sauren Milch und des Joghurts nicht stehen geblieben. Wie ein gro?er Feldherr mit seinen Soldaten gegen die feindlichen Heerscharen, so rückt Metschnikoff immer aufs neue mit allerlei treuen Bakterien gegen die verr?terischen Dickdarmbakterien vor. Er sammelt seine Scharen, verfügt, disloziert ... Er hat Bakterienarten ausfindig gemacht, die noch viel wirksamer sind im Kampfe gegen die Bakterien des Dickdarms als die Bakterien der sauren Milch und des Joghurts. Und es ist gar nicht abzusehen, wie weit Metschnikoff es im Verein mit seinen getreuen Bakterien noch bringen wird: denn im Zeichen der Bakterien leben wir heute ...
Kein Arzt bezweifelt, da? die Stoffe der Darmf?ulnis, die in den Blutkreislauf gelangen, der Gesundheit sch?dlich sind. Zweifellos k?nnen manche krankhafte Zust?nde, manche Erkrankungen der inneren Organe und wohl namentlich die leichteren St?rungen des Nervensystems auf einer überschwemmung unseres Zellenstaates mit den Stoffwechselprodukten der Darmbakterien beruhen.
Wer kennt nicht den Kopfschmerz, der sich mit Sicherheit dann einstellt, wenn einmal der Dickdarm nicht recht arbeiten will? Und es ist heute sicher, da? der Genu? von dicker Milch ein Mittel ist, seinen K?rper gesund zu erhalten, weil eben, wie wir im vorigen Kapitel erfahren haben, die Bakterien der sauren Milch und die Milchs?ure uns eine Waffe sind im Kampfe gegen die Darmbakterien.
Nun hat sich natürlich in der kurzen Spanne Zeit, seit der die Welt von der dicken Milch als von einem eigentlichen Lebensverl?ngerungsmittel etwas wei?, nicht feststellen lassen, ob Metschnikoff die saure Milch in ihrer Bedeutung als eines Lebenselixiers nicht doch zu hoch eingesch?tzt hat. Es ist wohl m?glich, da? die dicke Milch uns schlie?lich doch nicht das Alter von weiland Methusalem garantiert.
Aber nehmen wir an, die dicke Milch w?re wirklich ein Lebensverl?ngerungsmittel Ia, wie es Metschnikoff will, und die Darmbakterien w?ren die b?sen Geister, die uns ins frühe Grab bringen. W?re damit für die Wissenschaft das Problem des Todes gel?st?
Mit nichten! Auch Metschnikoff selber will ja mit Hilfe seiner dicken Milch das Altern und den Tod der Menschen nur hinausschieben. Und wenn die dicke Milch auch wirklich das Lebensverl?ngerungsmittel w?re, das Metschnikoff in ihr sieht, wir k?nnten dann dieses Lebensverl?ngerungsmittel doch nicht anders werten als tausend andere auch.
Schaut um euch, wie ihr lebt! In engen H?usern zusammengepfercht, die aussehen wie Zwingburgen. Zwingburgen der frischen Luft sind eure Wohnst?tten. Ihr baut Bollwerke gegen Luft, Sonne und Licht. Ihr vergiftet euch mit Alkohol, schw?cht euern Leib durch Arbeit über alles Ma?, mi?achtet verbriefte Rechte der Frucht im Leibe und des Nachwuchses, der nach Lebensbejahung lechzt. Und kommen St?dtebauer zu euch, die Gartenst?dte planieren und die St?tte der Arbeit als einen geweihten Tempel erstehen lassen wollen, kommen Apostel zu euch, die euch die Rechte eurer Kinder predigen, was habt ihr dann für all das übrig? ...
Doch gut. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr Augen haben werdet für den St?dtebauer und Ohren für den Apostel. Und stellt euch vor: auch Metschnikoffs Wort – das von der sauren Milch – war auf fruchtbaren Boden gefallen. Oder gar die ferne Zukunft ist schon gekommen, wo ihr dickdarmlos lustwandelt in Sonne und Licht in den Gefilden des Menschenglücks, und wo euch die Arbeit geworden ist ein kurzweilig Spiel. Nicht siebzig Jahre mehr, nein hundertundzwanzig und schlie?lich gar das Alter von Methusalem verzeichnet jetzt die Reichsstatistik als das Durchschnittsalter der Menschen.
Und trotz alledem: es w?re auch dann noch so gut wie heute das Problem des Todes für die Wissenschaft da. Auch dickdarmlos in den sonnigen Gefilden des Glücks würden wir nicht ewig leben: wir würden doch altern und sterben. Man trüge schlie?lich doch eine sterbliche Hülle, eine Leiche zu Grabe. Aus Altersschw?che, wie man zu sagen pflegt, würden wir sterben.
Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis die Menschen dahin gekommen sind, sich die Frage nach einem Tod aus Altersschw?che zu stellen. Machen wir einen Spaziergang zu den Indianern in Zentralbrasilien, zu den Bakairi, und erz?hlen wir ihnen, da? jedermann sterben müsse. Die Bakairi lachen uns gründlich aus. Genau so würde es uns ergehen, wenn wir zu den viel h?her stehenden Melanesiern und Polynesiern damit kommen wollten, da? jedermann sterben müsse. Die Erfahrung des ?Wilden" reicht nicht so weit, wie die des Kulturmenschen. Er wei? nur von den Dingen, die sich innerhalb der kleinen Horde abgespielt haben, der er angeh?rt, wom?glich auch nur von den Begebenheiten, deren Augenzeuge er und seine wenigen Zeitgenossen waren. Und er selbst hat durchaus nicht alle Leute seiner Horde, durchaus nicht jedermann sterben gesehen. Nur den einen oder den andern aus seiner eigenen Horde oder aus den kleinen Horden, mit denen er in Berührung gekommen ist, hat er sterben gesehen. Auch kann er sich keine Rechenschaft darüber abgeben, wie viele Leute gestorben sind, denn er kann nur bis 10, selten bis 20 z?hlen. In seinem Erfahrungskreis ist also der Tod eine seltene Erscheinung, durchaus nicht etwas, was allt?glich vorkommt. Zudem ereilt der Tod einen sehr selten auf dem Lager in der Horde, die meisten Genossen sterben im Kampfe mit dem Feind oder erliegen Verletzungen, die sie sich auf der Jagd oder auf einem l?ngeren Marsch zugezogen haben. Für den primitiven Menschen ist aber auch die Krankheit, die einen bef?llt, ein b?ser Geist, der teuflischerweise von einem Besitz ergriffen hat. Und so wird auch der Tod des Greises, der schon an und für sich eine ungew?hnliche Erscheinung im Leben der wilden Horde ist, im Sinne des Geisterglaubens der Wilden folgerichtig als ein b?ser Streich eines feindseligen Geistes gedeutet.
Auch in unserem Denken über den Tod spukt noch der Geisterglaube, wenn wir vermeinen, mit Hilfe irgendeines Elixiers Gevatter Tod von uns ganz abzuhalten. Die Wissenschaft aber, frei von allem Geisterglauben, kennt heute das Problem des Todes aus Altersschw?che, das Problem des Alters und des Todes, der unerbittlich kommt. Trotz saurer Milch und aller herrlichen Dinge der Welt, trotz Licht und Sonne und Glück. Das ist ein viel weiter greifendes Problem in der Biologie, in der Lehre vom Leben, als jener Tod, den wir mit dicker Milch und tausend andern Mitteln glauben bek?mpfen zu k?nnen.
Eine Leiche wird zu Grabe getragen. Die reglose Leiche ist uns das Abbild des Todes. Und wenn wir die gro?e Frage aufwerfen, ob alle lebendige Substanz einmal aus Altersschw?che sterben mu?, so stellen wir damit die Frage, ob alle lebendigen Zellen, in welcher Form wir sie auch vor uns h?tten – als einzelliges Lebewesen oder als pflanzlichen oder tierischen Zellenstaat –, im normalen Kreislauf ihres Lebens zu einer Leiche werden.
Doch vorerst: was ist eine Leiche? Lebendige Substanz, Zellsubstanz, die aufgeh?rt hat zu leben.
Aber was ist ?Leben"? Wir k?nnen vom Sterben, von der Entstehung der Leiche nicht sprechen, bevor wir uns nicht darüber klar geworden sind, was Leben ist.
Wir sind heutzutage über die Zeit hinaus, wo man auf die Frage, was Leben ist, damit zu antworten pflegte, da? man die Meinungen von so und so viel Gelehrten darüber aufz?hlte, Meinungen, die in der Regel einander widersprachen. Wir wissen heute, da? Leben nichts anderes ist, als eine Summe sehr verwickelter chemischer Vorg?nge, die sich im Rahmen einer Zelle abspielen. Im Mittelpunkt dieser Vorg?nge stehen die Eiwei?stoffe, so benannt, weil der Chemiker sie dem Wei? des Hühnereies sehr ?hnlich gefunden hat. Alles Leben besteht nun darin, da? die Eiwei?stoffe der Zellen bestimmte chemische Ver?nderungen erfahren, verbrennen. Aber die Zelle geht dabei nicht zugrunde: denn in das kleine chemische Laboratorium der Zelle werden immer wieder Stoffe von au?en aufgenommen, die zu lebendiger Zellsubstanz verarbeitet werden. So findet ein st?ndiger Stoffwechsel in der Zelle statt: Stoffe, die zur lebendigen Substanz der Zelle geh?ren, werden verbrannt, und die Verbrennungsprodukte, die Stoffwechselprodukte der Zelle werden aus dieser ausgeschieden; und neue Stoffe werden von au?en aufgenommen, um als Ersatz für den verbrannten Anteil der lebendigen Zellsubstanz zu dienen. Alles Leben beruht auf diesem Stoffwechsel der lebendigen Substanz, und alle Lehre vom Leben ist nichts anderes als die Lehre vom Stoffwechsel der Zellen. Das Leben erforschen, hei?t, den Stoffwechsel erkennen, der sich in der Zelle abspielt. Auf den chemischen Vorg?ngen, die man als Stoffwechsel der lebendigen Substanz zusammenfa?t, beruhen alle Erscheinungen, die man Leben nennt: Bewegung, Ern?hrung, Fortpflanzung, Empfindung und Denken. Mit Bezug darauf, wie aus dem Stoffwechsel der lebendigen Substanz die Lebens?u?erungen folgen, stehen die Dinge viel einfacher, als mancher glaubt. Folgendes Beispiel soll uns da aushelfen. In der Dampfmaschine verbrennen Stoffe, die wir auch sonst, wo's uns gerade pa?t, verbrennen k?nnen. Aber in der Dampfmaschine geht die Verbrennung dieser Stoffe so vor sich, da? die brennenden Stoffe bestimmte Arbeit leisten. Mit dem Brennen der Stoffe in der Dampfmaschine ist die Arbeit dieser gegeben, sie ist da, es steckt hinter der Arbeit der Dampfmaschine nichts anderes dahinter als das Brennen von Stoffen in ihr. Ebenso steckt hinter den Lebens?u?erungen der lebendigen Substanz, und m?gen diese Lebens?u?erungen noch so kompliziert und auf den ersten Blick ganz unerkl?rlich sein, nichts anderes dahinter als ein Stoffverbrauch und Stoffersatz, nichts anderes als der Stoffwechsel der Zellen. Mit diesem Stoffwechsel sind alle Lebens?u?erungen schon gegeben, man kann sie mit demselben Recht als Stoffwechselvorg?nge und als Lebens?u?erungen ansprechen: die stofflichen Vorg?nge, die sich z. B. im Muskel abspielen, sind Bewegung des Muskels, die Stoffwechselvorg?nge, die sich in den Zellen unseres Gehirnes abspielen, sind Denken.
Wenn alles Leben nichts anderes ist, als der Stoffwechsel der lebendigen Substanz, so bedeutet der Tod der Zelle, das Erl?schen des Lebens in ihr, da? der Stoffwechsel der Zelle aufgeh?rt hat. Und eine Leiche ist eine Zelle, die nicht mehr den Stoffwechsel hat, den wir Leben nennen.
Aber damit ist doch noch nicht alles über die Leiche gesagt. Und da wollen wir von einem Versuch erz?hlen, der uns einen Einblick gew?hrt in noch andere Dinge, die man über Tod und Leiche wissen mu?.
Wir holen uns aus einem Aquarium einige Pantoffeltierchen, die mikroskopisch kleine einzellige Lebewesen sind (Abb. 2, S. 13), heraus, indem wir einen Tropfen Wasser aus dem Aquarium sch?pfen. Den Tropfen mit den Pantoffeltierchen bringen wir auf ein Glaspl?ttchen in einer geeigneten Vorrichtung unter das Mikroskop. Dann richten wir es so ein, da? Alkohol an unserem Tropfen vorbeistreicht (Abb. 3). Die Pantoffeltierchen, die bisher in lebhafter Bewegung begriffen und pfeilschnell im Tropfen hin und her geschwirrt waren, sehen wir schon nach wenigen Minuten ihre Bewegungen einstellen. Und bald liegen sie regungslos an Ort und Stelle. Sie sind gel?hmt. Aber nicht tot: denn lassen wir wieder frische Luft an den Pantoffeltierchen vorbeistreichen, so haben sie sich bald erholt und sind so munter wie je zuvor.
Abb. 3. Versuchsanordnung zum Studium der Einzelligen. Unter dem Mikroskop die Glaskammer, die oben durch ein dünnes Deckglas abgeschlossen ist. Am Deckglas ein h?ngender Tropfen, in welchem sich die zu untersuchenden Zellen befinden. Nach links ist die Glaskammer mit einer Einrichtung verbunden, die es gestattet, verschiedene Gase durch die Glaskammer zu pressen: das gewünschte Gas, z. B. Luft, Sauerstoff oder Stickstoff, tritt aus einem Glasbeh?lter in der Richtung des links angebrachten Pfeiles in die Glaskammer ein und tritt in der Richtung des auf der rechten Seite der Abbildung angebrachten Pfeiles durch eine Wasserflasche wieder aus. Zwischen dem Gasbeh?lter und der Glaskammer mit den zu untersuchenden Tieren ist eine Vorrichtung aus Glas eingeschaltet, die es erm?glicht, nach Belieben Alkohold?mpfe dem Gas beizumischen. ?ffnet man den Hahn a, so kann das Gas aus dem Gasbeh?lter in die Glaskammer unter dem Mikroskop str?men: und zwar durch c oder durch b, K und b1. Schlie?en wir die H?hne b und b1 ab, so gelangt das Gas (z. B. Luft oder Sauerstoff) durch c in die Glaskammer unter dem Mikroskop. Schlie?en wir aber c, so mu? das Gas durch b, K und b1 str?men. In K, das ein kleines Glask?lbchen ist, k?nnen wir nach ?ffnung des oben im K?lbchen steckenden Gummistopfens, einen kleinen Wattebausch hineinbringen, den wir vorher mit Alkohol getr?nkt haben: es werden sich also jetzt dem durch die Glaskammer unter dem Mikroskop str?menden Gase Alkohold?mpfe beimischen. Wollen wir nach einiger Zeit unseren Versuchstieren wieder frisches Gas zuführen, so brauchen wir nur b und b1 zu schlie?en und c zu ?ffnen. Nach Ishikawa und Verworn. Schematisiert.
Wir hatten die Tiere mit Alkohol vergiftet. Und es ist uns selbstverst?ndlich, da? die Vergiftung unserer Pantoffeltierchen nur darin bestehen konnte, da? ihr Stoffwechsel gest?rt, gesch?digt war. Der ?u?ere Ausdruck dieser Sch?digung des Stoffwechsels ist die L?hmung der Zelle. Da aber diese L?hmung, wie wir gesehen haben, rückg?ngig gemacht werden konnte, so müssen wir voraussetzen, da? der Stoffwechsel der Zellen bei der Alkoholvergiftung wohl beeintr?chtigt, wohl gesch?digt war, da? er aber nicht ganz aufgeh?rt hatte. Und tats?chlich wissen wir aus Versuchen, die Heaton, ein junger Engl?nder, in Verworns Laboratorium vor einigen Jahren ausgeführt hat, da? bei der Alkoholvergiftung der Stoffwechsel der lebendigen Substanz, auch wenn sie gel?hmt ist, keinesfalls ganz stillsteht: der Stoffwechsel ist nur ver?ndert, aus seinen normalen Bahnen gelenkt. Das ist es, was die Narkose, von der wir hier erz?hlt haben, vom Tode unterscheidet: da? in dem ersten Falle der Schaden wieder gut gemacht werden kann, im zweiten Falle aber nicht.
Mit dieser Betrachtung gewinnen wir die M?glichkeit, uns sch?rfer das herauszuarbeiten, was eine Leiche ist: eine Zelle ist zu einer Leiche geworden, wenn ihr Stoffwechsel unwiderruflich stillgestanden, ?irreparabel erloschen" ist, wie Verworn sich ausgedrückt hat ... Dann ist die Uhr des Lebens abgelaufen ...
Abb. 4. Orbitolites. Einzelliges Lebewesen, das im roten Meer lebt. Aus der mit Poren versehenen Kalkschale, die die Zelle umgibt, sieht man die Scheinfü?chen herausragen. Schwach vergr??ert. Nach Verworn.
Es scheint nun auf den ersten Blick sehr leicht zu entscheiden, ob z. B. ein Pantoffeltierchen, das wir unter dem Mikroskop vor uns haben, lebendig ist oder tot, zu entscheiden, ob die Zelle eine Leiche ist. In Wahrheit ist das gar nicht so leicht. Gewi?, wenn wir eben erst mit der Zufuhr von Alkohol zum Wassertropfen begonnen haben, und unsere Pantoffeltierchen eben erst in den Zustand der Narkose verfallen sind, so wissen wir aus Erfahrung, da? unsere Zellen sich wieder erholen und alle normalen Lebens?u?erungen aufweisen werden, sobald wir den Alkohol durch frische Luft aus dem Wassertropfen verdr?ngt haben werden. Aber wenn wir den Versuch zu lange ausdehnen, wenn die Pantoffeltierchen zu lange unter der Einwirkung des Alkohols gewesen sind, so gelingt es trotz Zufuhr von frischer Luft nicht mehr, sie aus dem Zustande der L?hmung zu erwecken. Sie sind tot, sie sind zu Leichen geworden. Und hier entsteht die Frage, in welch einem Moment die Zelle gestorben ist, wann sie aufgeh?rt hatte zu leben und zu einer Leiche geworden ist. Mit andern Worten – die Frage, wo die Grenze liegt zwischen Leben und Tod.
Wollten wir diese Frage beantworten, wir würden in arge Verlegenheit geraten. Aus dem einfachen Grunde, weil, wie die Erfahrung uns lehrt, es eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht gibt.
Auch hier wieder tun wir gut, den kniffligen Fragen mit einem Versuch an freilebenden Zellen nachzugehen. Und da h?ren wir am besten Verworn zu, der all diese Dinge an verschiedenen Einzelligen genau verfolgt hat. Wenn wir von einem einzelligen Lebewesen, z. B. einem Pantoffeltierchen oder einer Am?be, durch eine geeignete Operation ein Stück abtrennen, so da? das abgeschnittene Teilstück der Zelle nichts vom Kern mitbekommt, so wird der zurückbleibende kernhaltige Teil der Zelle unverdrossen weiter leben. Ganz anders der kernlose Teil: er geht innerhalb kürzerer oder l?ngerer Zeit unfehlbar zugrunde. Aber das geschieht ganz allm?hlich – und über die Geschichte des Todes, des allm?hlichen Sterbens eines kernlosen Teilstückes einer Zelle wollen wir uns von Verworn an einem Einzeller, Orbitolites genannt, der an der Sinaiküste im Roten Meer lebt und bis nahezu ein Zentimeter gro? werden kann, berichten lassen. Aus den Poren ihrer Kalkschale streckt die Orbitolites-Zelle kernlose Protoplasmaf?den, Scheinfü?chen heraus (Abb. 4), mit deren Hilfe die Zelle sich bewegt und Nahrung f?ngt. Schneidet man nun solche kernlose Protoplasmaf?den von einem Orbitolites ab, so ballen sie sich zun?chst etwa zu einer Kugel zusammen (Abb. 5). Sp?ter streckt die Protoplasmakugel selber Scheinfü?chen aus (Abb. 6), als ob die Protoplasmakugel ein ganzer Orbitolites w?re, und mit den Scheinfü?chen wird sogar Nahrung gefangen. Aber unser neugebackener Orbitolites en miniature kann die Nahrung nicht verdauen. Es fehlt ihm eben das, was mit zu dem regelrechten Stoffwechsel einer Zelle geh?rt – der Kern. So kommt es, da? die Protoplasmakugel wohl noch stundenlang sich bewegen kann, sich dabei aber doch unaufhaltsam dem Tode n?hert. Die Scheinfü?chen, die die Protoplasmakugel ausstreckt, werden klumpig (Abb. 7) und zerfallen (Abb. 8). Schlie?lich ist unsere ganze Protoplasmakugel zu einem lockeren Haufen kleinster unbeweglicher Klümpchen und K?rnchen zerfallen. Sie ist tot ... In eigener poetischer Weise hat Verworn dieses allm?hliche Sterben der lebendigen Substanz an einem abgetrennten kernlosen Stück des Pantoffeltierchens beschrieben: ?Das kernlose Teilstück verh?lt sich ... zun?chst vollkommen normal. Die Wimpern sind in derselben Weise t?tig wie bei diesem K?rperteil, wenn er noch im intakten Zusammenhange mit dem übrigen Zellk?rper ist. Allm?hlich wird der Wimperschlag langsamer und einzelne Wimpern beginnen unregelm??ig zu schlagen. Es treten bei ihnen Pausen ein zwischen den einzelnen Schl?gen ... Dann beginnt das Protoplasma an einer Stelle zu zerfallen ... und l?st sich in eine schleimig-k?rnige Masse auf. Dieser k?rnige Zerfall schreitet weiter und weiter vorw?rts, bef?llt eine Wimper nach der andern und bringt sie für immer zum Stillstand. So kann man in diesen interessanten F?llen unter dem Mikroskop direkt sehen, wie der Tod über die Zelle hinkriecht. Teilchen nach Teilchen ergreifend und mitten aus einer rastlosen Bewegung heraus zur ewigen Ruhe zwingend. Der Proze? kann sich über Tage erstrecken, aber in andern F?llen verl?uft er akut und eilt in wenigen Stunden über die Zelle dahin, wie der Funke über die Zündschnur, nur zerfallende Massen hinter sich lassend ..."
Abb. 5. Die abgeschnittene Protoplasmamasse hat sich zusammengeballt. (Stark vergr??ert.) Abb. 6. Die abgeschnittene Protoplasmamasse streckt Scheinfü?chen aus.
Abb. 7. Die ausgestreckten Scheinfü?chen werden klumpig. Abb. 8. Die ausgestreckten Scheinfü?chen sind zerfallen. Abb. 5, 6, 7 und 8 nach Verworn.
Was aber für uns in all diesen Versuchen wichtig ist: da? hier vor unsern Augen der Tod sich ganz allm?hlich aus dem Leben entwickelt. Nicht mit einem Schlage ist hier die Leiche entstanden, sondern sie ist hier geworden im Verlauf einer langen Kette von Ver?nderungen, die sich in der lebendigen Substanz der Zelle, im Stoffwechsel der Zelle abgespielt haben, weil der Stoffwechsel durch den künstlichen Eingriff (die Lostrennung des Protoplasmas vom Kern) gest?rt, in andere Bahnen gelenkt worden war. Wir sehen, da? eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht vorhanden ist: ?der Tod entwickelt sich aus dem Leben" (Verworn).