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Totem und Tabu

Totem und Tabu

Author: : Sigmund Freud
Genre: Literature
Widely acknowledged to be one of Freud's greatest cultural works, when Totem and Taboo was first published in 1913, it caused outrage. Thorough and thought-provoking, Totem and Taboo remains the fullest exploration of Freud's most famous themes. Family, society, religion - they're all put on the couch here. Whatever your feelings about psychoanalysis, Freud's theories have influenced every facet of modern life, from film and literature to medicine and art. If you don't know your incest taboo from your Oedipal complex, and you want to understand more about the culture we're living in, then Totem and Taboo is the book to read.

Chapter 1 DIE INZESTSCHEU.

Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkm?ler und Ger?te, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und M?rchen erhalten haben, durch die überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebr?uchen.

Au?erdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, von denen wir glauben, da? sie den Primitiven noch sehr nahe stehen, viel n?her als wir, in denen wir daher die direkten Abk?mmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die sogenannten wilden und halbwilden V?lker, deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen.

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der ?Psychologie der Naturv?lker?, wie die V?lkerkunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt worden ist, zahlreiche übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.

Aus ?u?eren wie aus inneren Gründen w?hle ich für diese Vergleichung jene V?lkerst?mme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren n?chsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen V?lkern erkennen l??t. Sie bauen weder H?user noch feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht einmal die Kunst der T?pferei. Sie n?hren sich ausschlie?lich von dem Fleische aller m?glichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben. K?nige oder H?uptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung der gereiften M?nner entscheidet über die gemeinsamen Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von Religion in Form der Verehrung h?herer Wesen zugestehen darf. Die St?mme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den h?rtesten Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver zu sein, als die der Küste nahewohnenden.

Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewi? nicht erwarten, da? sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Ma? von Beschr?nkung auferlegt haben. Und doch erfahren wir, da? sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung inzestu?ser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein.

An Stelle aller fehlenden religi?sen und sozialen Institutionen findet sich bei den Australiern das System des Totemismus. Die australischen St?mme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder nach seinem Totem benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein Tier, ein e?bares, harmloses oder gef?hrliches, gefürchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem besonderen Verh?ltnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gef?hrlich ist, seine Kinder kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu t?ten (vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in zeremoni?sen T?nzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem darstellen oder nachahmen.

Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in v?terlicher Linie erblich; die erstere Art ist m?glicherweise überall die ursprüngliche und erst sp?ter durch die letztere abgel?st worden. Die Zugeh?rigkeit zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangeh?rigkeit hinaus und dr?ngt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2).

An Boden und ?rtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen wohnen von einander getrennt und mit den Anh?ngern anderer Totem friedlich beisammen(3).

Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das Gesetz, da? Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten dürfen. Das ist die mit dem Totem verbundene Exogamie.

Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem bisher erfahren haben; man versteht also nicht, wie es in das System des Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich – im Beginn der Zeiten und dem Sinne nach – nichts mit dem Totemismus zu tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschr?nkungen notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste.

Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Er?rterungen klar.

a) Die übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu t?ten), sondern wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es eine die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende Schuld abzuwehren. Einige S?tze aus dem Buche von Frazer(4) m?gen zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Ma?stabe sonst recht unsittlichen, Wilden behandelt werden.

?In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the same local group or has been captured in war from another tribe; a man of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded with the utmost abhorrence and are punished by death (Howitt).?

b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere, z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.

c) Da der Totem heredit?r ist und durch die Heirat nicht ver?ndert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit leicht übersehen. Geh?rt der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem K?nguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, Knaben und M?dchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die Totemregel der inzestu?se Verkehr mit seiner Mutter und seinen Schwestern, die Emu sind wie er, unm?glich gemacht(5).

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, da? die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe unm?glich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser gro?artigen Einschr?nkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei zivilisierten V?lkern an die Seite stellen l??t, ist zun?chst nicht ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, da? die Rolle des Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.

So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, da? sie die reale Blutsverwandtschaft durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Ged?chtnis behalten, da? die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschlie?en.

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein R?tsel, dessen L?sung vielleicht mit der Aufkl?rung des Totem selbst zusammenf?llt. Man mü?te freilich daran denken, da? bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die Inzestverhütung so unsicher werden, da? man eine andere Fundierung des Verbotes nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu bemerken, da? die Sitten der Australier soziale Bedingungen und festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschlie?liche Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.

Der Sprachgebrauch dieser australischen St?mme(6) weist eine Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang geh?rt. Die Verwandtschaftsbezeichnungen n?mlich, deren sie sich bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie geh?ren nach dem Ausdruck L. H. Morgans dem ?klassifizierenden? System an. Das will hei?en, ein Mann nennt ?Vater? nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter h?tte heiraten und so sein Vater h?tte werden k?nnen; er nennt ?Mutter? jede andere Frau neben seiner Geb?rerin, die ohne Verletzung der Stammesgesetze seine Mutter h?tte werden k?nnen; er hei?t ?Brüder?, ?Schwestern? nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem Sprachgebrauche mü?ten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Ann?herung an dieses klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranla?t wird, jeden Freund und jede Freundin der Eltern als ?Onkel? und ?Tante? zu begrü?en, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von ?Brüdern in Apoll?, ?Schwestern in Christo? sprechen.

Die Erkl?rung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauches ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution auffa?t, die der Rev. L. Fison ?Gruppenehe? genannt hat, deren Wesen darin besteht, da? eine gewisse Anzahl von M?nnern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und alle M?nner der Gruppe für ihre V?ter halten.

Obwohl manche Autoren, wie z. B. Westermarck in seiner ?Geschichte der menschlichen Ehe(7)?, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin überein, da? die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als überrest aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach Spencer und Gillen(8) l??t sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den St?mmen der Urabunna und der Dieri noch als heute bestehend feststellen. Die Gruppenehe sei also bei diesen V?lkern der individuellen Ehe vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache und Sitten zurückzulassen.

Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns das scheinbare überma? von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben V?lkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.

Glauben wir so, die Heiratsbeschr?nkungen der Wilden Australiens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, da? die wirklichen Verh?ltnisse eine weit gr??ere, auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt n?mlich nur wenige St?mme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. Die meisten sind derart organisiert, da? sie zun?chst in zwei Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathries) genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schlie?t eine Mehrzahl von Totemsippen ein. Gew?hnlich teilt sich noch jede Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den Totemsippen.

Das typische, recht h?ufig verwirklichte Schema der Organisation eines australischen Stammes sieht also folgenderma?en aus:

Die zw?lf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c bildet mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf diesem Wege eine weitere Einschr?nkung der Heiratswahl und der sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zw?lf Totemsippen, so w?re jedem Mitglied einer Sippe – bei Voraussetzung der gleichen Menschenanzahl in jeder Sippe – 11/12 aller Frauen des Stammes zur Auswahl zug?nglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschr?nkt diese Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem α) kann nur eine Frau der Sippen 1–6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem α) mu? seine Ehewahl auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschr?nken.

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen – deren bei einigen St?mmen bis zu acht vorkommen – zu den Totemsippen sind durchaus ungekl?rt. Man sieht nur, da? diese Einrichtungen dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie und auch noch mehr anstreben. Aber w?hrend die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die entstanden ist, man wei? nicht wie, also einer Sitte, scheinen die komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und der daran geknüpften Bedingungen zielbewu?ter Gesetzgebung zu entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, weil der Einflu? des Totem im Nachlassen war. Und w?hrend das Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Verpflichtungen und sittlichen Beschr?nkungen des Stammes ist, ersch?pft sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie angestrebten Regelung der Ehewahl.

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu verbieten, ?hnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).

Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die au?erordentlich verwickelten und ungekl?rten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren Verh?ltnis zum Totem, tiefer eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die gro?e Sorgfalt, welche die Australier sowie andere wilde V?lker zur Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung n?her, so da? sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedürfen.

Die Inzestscheu dieser V?lker begnügt sich aber nicht mit der Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns haupts?chlich gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von ?Sitten? hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religi?ser Strenge eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote ?Vermeidungen? (avoidances) hei?en. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen Totemv?lker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb zu nehmen.

In Melanesien richten sich solche einschr?nkende Verbote gegen den Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verl??t auf Lepers Island, einer der Neuhebriden, der Knabe von einem bestimmten Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins ?Klubhaus?, wo er jetzt regelm??ig schl?ft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine Schwester zu Hause ist, mu? er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine Schwester anwesend, so darf er sich in der N?he der Türe zum Essen niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zuf?llig im Freien, so mu? sie weglaufen oder sich seitw?rts verstecken. Wenn der Knabe gewisse Fu?spuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein gel?ufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese Vermeidung, die mit der Pubert?tszeremonie beginnt, wird über das ganze Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an, sagt ihm – nach unserem Sprachgebrauch – nicht ?Du?, sondern ?Sie?. ?hnliche Gebr?uche herrschen in Neukaledonien. Wenn Bruder und Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien darf eine Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer Umschreibung(13).

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von solchen Beschr?nkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht n?hern, einander nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten miteinander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erh?ngen(14).

Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir h?ren, da? diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufkl?rung des Verbotes zu verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15).

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermeidungsgebote alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es w?re für einen Batta z. B. h?chst anst??ig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holl?ndische Mission?r, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne weiteres angenommen, da? ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu ungeh?riger Intimit?t führen werde, und da sie vom Verkehr naher Blutsverwandter alle m?glichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote auszuweichen(16).

Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika gelten merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schw?gerin, der Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gef?hrliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht, in ihre Hütte einzutreten, und begrü?t sie nur mit zitternder Stimme(17).

Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika herrscht ein Gebot der Vermeidung, welches man h?ufiger anzutreffen erwartet h?tte. Ein M?dchen mu? zwischen ihrer Pubert?t und ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgf?ltig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn auf der Stra?e begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzusetzen, und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg gelegt(18).

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte V?lker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschr?nkt. Sie ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den Negerv?lkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei manchen dieser V?lker bestehen ?hnliche Verbote gegen den harmlosen Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten F?llen werden beide Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele beschr?nken.

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge und peinlich genau. Ein Mann wird die N?he seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zuf?llig auf einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das n?mliche.

In Vanna Lava (Port Patteson) wird ein Mann nicht einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fu?tritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Entfernung miteinander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, da? er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner Heirat an seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern l?uft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken(20).

Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, da? ein Mann sich seiner Schwiegermutter sch?me, da? er alles tue, um ihrer Gesellschaft auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem sie sich hinter einem Busch versteckt, w?hrend er seinen Schild vors Gesicht h?lt. Wenn sie einander nicht ausweichen k?nnen und das Weib nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr zwischen ihnen mu? entweder durch eine dritte Person besorgt werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund nehmen(21).

Bei den Basoga, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest so sehr, da? es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos l??t(22).

W?hrend Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so da? sie von allen Beobachtern als Schutzma?regeln gegen den Inzest aufgefa?t werden, haben die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht unverst?ndlich, da? alle diese V?lker so gro?e Angst vor der Versuchung zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer ?lteren Frau entgegentritt, welche seine Mutter sein k?nnte, ohne es wirklich zu sein(23).

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von Fison erhoben, der darauf aufmerksam machte, da? gewisse Heiratsklassensysteme darin eine Lücke zeigen, da? sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unm?glich machen; es h?tte darum einer besonderen Sicherung gegen diese M?glichkeit bedurft.

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke ?Origin of civilisation? das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. ?Solange der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.? Es wird Crawley leicht zu zeigen, wie wenig dieser Erkl?rungsversuch die Einzelheiten der tats?chlichen Beobachtung deckt.

E. B. Tylor meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von Seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der ?Nichtanerkennung? (cutting) von Seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von den F?llen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erkl?rung dem Einwand, da? sie die Orientierung der Sitte auf das Verh?ltnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und da? sie dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung tr?gt, welcher in den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt(24).

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes gefragt wurde, gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, da? er die Brüste sehen soll, die seine Frau ges?ugt haben(25).

Es ist bekannt, da? das Verh?ltnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter auch bei den zivilisierten V?lkern zu den heikeln Seiten der Familienorganisation geh?rt. Es bestehen in der Gesellschaft der wei?en V?lker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden mü?ten. Manchem Europ?er mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen, da? die wilden V?lker durch ihre Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vornherein ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, da? in der psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen bef?rdert und ihr Zusammenleben erschwert. Da? der Witz der zivilisierten V?lker gerade das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir darauf hinzudeuten, da? die Gefühlsrelationen zwischen den beiden au?erdem Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich meine, da? dies Verh?ltnis eigentlich ein ?ambivalentes?, aus widerstreitenden, z?rtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes ist.

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von Seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten, das Mi?trauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor ihm die Z?rtlichkeit seines Weibes besa?en, und – last not least – die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualübersch?tzung st?ren zu lassen. Eine solche St?rung geht wohl zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend, Sch?nheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau wertvoll machen.

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entf?llt so eine der besten M?glichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der Mutter leicht so weit, da? sie sich in den von ihr geliebten Mann – mitverliebt, was in grellen F?llen infolge des heftigen seelischen Str?ubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr h?ufig, und entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schlie?en sich dem Gewühle der miteinander ringenden Kr?fte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht h?ufig wird gerade die unz?rtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verp?nte, z?rtliche, um so sicherer zu unterdrücken.

Für den Mann kompliziert sich das Verh?ltnis zur Schwiegermutter durch ?hnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regul?rerweise über das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teuren Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, da? er an die Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualit?t der Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so da? ihr Bild im Unbewu?ten unver?ndert bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Geh?ssigkeit zur Gefühlsmischung l??t uns vermuten, da? die Schwiegermutter tats?chlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, da? sich ein Mann manifesterweise zun?chst in seine sp?tere Schwiegermutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, da? es gerade dieser, der inzestu?se Faktor des Verh?ltnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufkl?rung der so streng gehandhabten ?Vermeidungen? dieser primitiven V?lker die ursprünglich von Fison ge?u?erte Meinung bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den m?glichen Inzest erblickt. Das n?mliche würde für alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe der Unterschied, da? im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die Verhütungsabsicht eine bewu?te sein k?nnte; im anderen Falle, der das Schwiegermutterverh?ltnis mit einschlie?t, w?re der Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewu?te Zwischenglieder vermittelter.

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu zeigen, da? die Tatsachen der V?lkerpsychologie durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verst?ndnis gesehen werden k?nnen, denn die Inzestscheu der Wilden ist l?ngst als solche erkannt worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen k?nnen, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und eine auff?llige übereinstimmung mit dem seelischen Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, da? die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestu?se ist, den verp?nten Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker repr?sentiert uns aber regelm??ig ein Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen Verh?ltnissen der Psychosexualit?t zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In seinem unbewu?ten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die inzestu?sen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verh?ltnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu erkl?ren. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose st??t natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten von Otto Rank entgegentreten, die in immer gr??erem Ausma? dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und in ungez?hlten Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind gen?tigt zu glauben, da? solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdr?ngung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden V?lkern zeigen zu k?nnen, da? sie die zur sp?teren Unbewu?theit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der sch?rfsten Abwehrma?regeln für würdig halten.

Chapter 2 DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ DER GEFüHLSREGUNGEN.

Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen übersetzung uns Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht mehr besitzen. Den alten R?mern war er noch gel?ufig; ihr sacer war dasselbe wie das Tabu der Polynesier. Auch das ?γο? der Griechen, das Kodausch der Hebr?er mu? das n?mliche bedeutet haben, was die Polynesier durch ihr Tabu, viele V?lker in Amerika, Afrika (Madagaskar), Nord- und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken.

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen auseinander. Es hei?t uns einerseits: heilig, geweiht, anderseits: unheimlich, gef?hrlich, verboten, unrein. Der Gegensatz von Tabu hei?t im Polynesischen noa – gew?hnlich, allgemein zug?nglich. Somit haftet am Tabu etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu ?u?ert sich auch wesentlich in Verboten und Einschr?nkungen. Unsere Zusammensetzung ?heilige Scheu? würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken.

Die Tabubeschr?nkungen sind etwas anderes als die religi?sen oder die moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das Gebot eines Gottes zurückgeführt, sondern verbieten sich eigentlich von selbst; von den Moralverboten scheidet sie das Fehlen der Einreihung in ein System, welches ganz allgemein Enthaltungen für notwendig erkl?rt und diese Notwendigkeit auch begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverst?ndlich, erscheinen sie jenen selbstverst?ndlich, die unter ihrer Herrschaft stehen.

Wundt(26) nennt das Tabu den ?ltesten ungeschriebenen Gesetzeskodex der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, da? das Tabu ?lter ist als die G?tter und in die Zeiten vor jeder Religion zurückreicht.

Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu bedürfen, um dieses der psychoanalytischen Betrachtung zu unterziehen, lasse ich nun einen Auszug aus dem Artikel ?Taboo? der ?Encyclopedia Britannica(27)? folgen, der den Anthropologen Northcote W. Thomas zum Verfasser hat.

?Streng genommen umfa?t tabu nur a) den heiligen (oder unreinen) Charakter von Personen oder Dingen, b) die Art der Beschr?nkung, welche sich aus diesem Charakter ergibt, und c) die Heiligkeit (oder Unreinheit), welche aus der Verletzung dieses Verbotes hervorgeht. Das Gegenteil von tabu hei?t in Polynesien ?noa?, was ?gew?hnlich? oder ?gemein? bedeutet ...?

?In einem weiteren Sinne kann man verschiedene Arten von Tabu unterscheiden: 1. Ein natürliches oder direktes Tabu, welches das Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (Mana) ist, die an einer Person oder Sache haftet; 2. ein mitgeteiltes oder indirektes Tabu, das auch von jener Kraft ausgeht, aber entweder a) erworben ist, oder b) von einem Priester, H?uptling oder sonst wem übertragen; endlich 3. ein Tabu, das zwischen den beiden anderen die Mitte h?lt, wenn n?mlich beide Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneignung eines Weibes durch einen Mann. Der Name Tabu wird auch auf andere rituelle Beschr?nkungen angewendet, aber man sollte alles, was besser religi?ses Verbot hei?en k?nnte, nicht zum Tabu rechnen.?

?Die Ziele des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte Tabu bezwecken a) den Schutz bedeutsamer Personen, wie H?uptlinge, Priester und Gegenst?nde u. dgl. gegen m?gliche Sch?digung; b) die Sicherung der Schwachen – Frauen, Kinder und gew?hnlicher Menschen im allgemeinen – gegen das m?chtige Mana (die magische Kraft) der Priester und H?uptlinge; c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung von Leichen, mit dem Genu? gewisser Speisen usw. verbunden sind; d) die Versicherung gegen die St?rung wichtiger Lebensakte, wie Geburt, M?nnerweihe, Heirat, sexuelle T?tigkeiten; e) den Schutz menschlicher Wesen gegen die Macht oder den Zorn von G?ttern und D?monen(28); f) die Behütung Ungeborener und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren, die ihnen infolge ihrer besonderen sympathetischen Abh?ngigkeit von ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun oder Speisen zu sich nehmen, deren Genu? den Kindern besondere Eigenschaften übertragen k?nnte. Eine andere Verwendung des Tabu ist die zum Schutze des Eigentums einer Person, seiner Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen Diebe.?

?Die Strafe für die übertretung eines Tabu wird wohl ursprünglich einer inneren, automatisch wirkenden Einrichtung überlassen. Das verletzte Tabu r?cht sich selbst. Wenn Vorstellungen von G?ttern und D?monen hinzukommen, mit denen das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der Macht der Gottheit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen F?llen, wahrscheinlich infolge einer weiteren Entwicklung des Begriffes, übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Verwegenen, dessen Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht hat. So knüpfen auch die ersten Strafsysteme der Menschheit an das Tabu an.?

?Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu geworden. Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines Tabu entstehen, k?nnen durch Bu?handlungen und Reinigungszeremonien beschworen werden.?

?Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauberkraft angesehen, die an Personen und Geistern haftet und von ihnen aus durch unbelebte Gegenst?nde hindurch übertragen werden kann. Personen oder Dinge, die tabu sind, k?nnen mit elektrisch geladenen Gegenst?nden verglichen werden; sie sind der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch Berührung mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ihr zu widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu h?ngt also nicht nur von der Intensit?t der magischen Kraft ab, die an dem Tabu-Objekt haftet, sondern auch von der St?rke des Mana, die sich dieser Kraft bei dem Frevler entgegensetzt. So sind z. B. K?nige und Priester Inhaber einer gro?artigen Kraft, und es w?re Tod für ihre Untertanen, in unmittelbare Berührung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine andere Person von mehr als gew?hnlichem Mana kann ungef?hrdet mit ihnen verkehren, und diese Mittelspersonen k?nnen wiederum ihren Untergebenen ihre Ann?herung gestatten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Auch mitgeteilte Tabu h?ngen in ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab, von der sie ausgehen; wenn ein K?nig oder Priester ein Tabu auferlegt, ist es wirksamer, als wenn es von einem gew?hnlichen Menschen k?me.?

Die übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, der dazu Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch Sühnezeremonien zu versuchen.

?Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und H?uptlinge sind das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu ihnen geh?rt hat. Zeitweilige Tabu schlie?en sich an gewisse Zust?nde an, so an die Menstruation und das Kindbett, an den Stand des Kriegers vor und nach der Expedition, an die T?tigkeiten des Fischens und Jagens u. dgl. Ein allgemeines Tabu kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen gro?en Bezirk verh?ngt werden und dann jahrelang anhalten.?

Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzusch?tzen wei?, so getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wü?ten nach all diesen Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, was sie sich darunter vorzustellen haben, und wo sie es in ihrem Denken unterbringen k?nnen. Dies ist sicherlich die Folge der ungenügenden Information, die sie von mir erhalten haben, und des Wegfalls aller Er?rterungen über die Beziehung des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Religion. Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schilderung dessen, was man über das Tabu wei?, h?tte noch verwirrender gewirkt, und darf versichern, da? die Sachlage in Wirklichkeit recht undurchsichtig ist. Es handelt sich also um eine Reihe von Einschr?nkungen, denen sich diese primitiven V?lker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie wissen nicht warum, es f?llt ihnen auch nicht ein, danach zu fragen, sondern sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverst?ndlich und sind überzeugt, da? eine übertretung sich von selbst auf die h?rteste Weise strafen wird. Es liegen zuverl?ssige Berichte vor, da? die unwissentliche übertretung eines solchen Verbotes sich tats?chlich automatisch gestraft hat. Der unschuldige Misset?ter, der z. B. von einem ihm verbotenen Tier gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und stirbt dann in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genu?f?higkeit, Bewegungs- und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in manchen F?llen sinnreich, sollen offenbar Enthaltungen und Entsagungen bedeuten, in anderen F?llen sind sie ihrem Inhalt nach ganz unverst?ndlich, betreffen wertlose Kleinigkeiten, scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All diesen Verboten scheint etwas wie eine Theorie zu Grunde zu liegen, als ob die Verbote notwendig w?ren, weil gewissen Personen und Dingen eine gef?hrliche Kraft zu eigen ist, die sich durch Berührung mit dem so geladenen Objekt übertr?gt, fast wie eine Ansteckung. Es wird auch die Quantit?t dieser gef?hrlichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine oder das eine hat mehr davon als der andere, und die Gefahr richtet sich geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste daran ist wohl, da?, wer es zu stande gebracht hat, ein solches Verbot zu übertreten, selbst den Charakter des Verbotenen gewonnen, gleichsam die ganze gef?hrliche Ladung auf sich genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen Personen, die etwas Besonderes sind, wie K?nige, Priester, Neugeborene, an allen Ausnahmszust?nden, wie die k?rperlichen der Menstruation, der Pubert?t, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie Krankheit und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder Ausbreitungsf?higkeit damit zusammenh?ngt.

?Tabu? hei?t aber alles, sowohl die Personen als auch die ?rtlichkeiten, Gegenst?nde und die vorübergehenden Zust?nde, welche Tr?ger oder Quelle dieser geheimnisvollen Eigenschaft sind. Tabu hei?t auch das Verbot, welches sich aus dieser Eigenschaft herleitet, und Tabu hei?t endlich seinem Wortsinn nach etwas, was zugleich heilig, über das Gew?hnliche erhaben wie auch gef?hrlich, unrein, unheimlich umfa?t.

In diesem Wort und in dem System, das es bezeichnet, drückt sich ein Stück Seelenleben aus, dessen Verst?ndnis uns wirklich nicht nahe gerückt erscheint. Vor allem sollte man meinen, da? man sich diesem Verst?ndnis nicht n?hern k?nne, ohne auf den für so tiefstehende Kulturen charakteristischen Glauben an Geister und D?monen einzugehen.

Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das R?tsel des Tabu wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psychologische Problem an sich des Versuches einer L?sung wert ist, sondern auch noch aus anderen Gründen. Es darf uns ahnen, da? das Tabu der Wilden Polynesiens doch nicht so weit von uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, da? die Sitten- und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben k?nnten, und da? die Aufkl?rung des Tabu ein Licht auf den dunkeln Ursprung unseres eigenen ?kategorischen Imperativs? zu werfen verm?chte.

Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung aufhorchen, wenn ein Forscher wie W. Wundt uns seine Auffassung des Tabu mitteilt, zumal da er verspricht, ?zu den letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen zurückzugehen(29)?.

Vom Begriff des Tabu sagt Wundt, da? es ?alle die Br?uche umfa?t, in denen sich die Scheu vor bestimmten mit den kultischen Vorstellungen zusammenh?ngenden Objekten oder vor den sich auf diese beziehenden Handlungen ausdrückt(30)?.

Ein andermal: ?Verstehen wir darunter (unter dem Tabu), wie es dem allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in Brauch und Sitte oder in ausdrücklich formulierten Gesetzen niedergelegte Verbot, einen Gegenstand zu berühren, zu eigenem Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder gewisse verp?nte Worte zu gebrauchen ....,? so gebe es überhaupt kein Volk und keine Kulturstufe, die der Sch?digung durch das Tabu entgegen w?re.

Wundt führt dann aus, weshalb es ihm zweckm??iger erscheint, die Natur des Tabu an den primitiven Verh?ltnissen der australischen Wilden als in der h?heren Kultur der polynesischen V?lker zu studieren. Bei den Australiern ordnet er die Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie Tiere, Menschen oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das wesentlich im Verbot des T?tens und Verzehrens besteht, bildet den Kern des Totemismus(31). Das Tabu der zweiten Art, das den Menschen zu seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen Charakters. Es ist von vornherein auf Bedingungen eingeschr?nkt, die für den Tabuierten eine ungew?hnliche Lebenslage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim Fest der M?nnerweihe, Frauen w?hrend der Menstruation und unmittelbar nach der Geburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor allem die Toten. Auf dem fortw?hrend gebrauchten Eigentum eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu für jeden anderen; so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum pers?nlichsten Eigentum geh?rt in Australien auch der neue Name, den ein Knabe bei seiner M?nnerweihe erh?lt, dieser ist tabu und mu? geheim gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, die auf B?umen, Pflanzen, H?usern, ?rtlichkeiten ruhen, sind ver?nderlicher, scheinen nur der Regel zu folgen, da? dem Tabu unterworfen wird, was aus irgend welcher Ursache Scheu erregt oder unheimlich ist.

Die Ver?nderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur der Polynesier und der malaiischen Inselwelt erf?hrt, mu? Wundt selbst für nicht sehr tiefgehend erkl?ren. Die st?rkere soziale Differenzierung dieser V?lker macht sich darin geltend, da? H?uptlinge, K?nige und Priester ein besonders wirksames Tabu ausüben und selbst dem st?rksten Zwang des Tabu ausgesetzt werden.

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als in den Interessen der privilegierten St?nde; ?sie entspringen da, wo die primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen Triebe ihren Ursprung nehmen, in der Furcht vor der Wirkung d?monischer M?chte(32)?. ?Ursprünglich nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der in dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten d?monischen Macht, verbietet das Tabu, diese Macht zu reizen, und es gebietet, wo es wissentlich oder unwissentlich verletzt worden ist, die Rache des D?mons zu beseitigen.?

Allm?hlich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst begründeten Macht, die sich vom D?monismus losgel?st hat. Es wird zum Zwang der Sitte und des Herkommens und schlie?lich des Gesetzes. ?Das Gebot aber, das unausgesprochen hinter den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden Tabuverboten steht, ist ursprünglich das eine: Hüte dich vor dem Zorn der D?monen.?

Wundt lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und Ausflu? des Glaubens der primitiven V?lker an d?monische M?chte. Sp?ter habe sich das Tabu von dieser Wurzel losgel?st und sei eine Macht geblieben, einfach weil es eine solche war, infolge einer Art von psychischer Beharrung; so sei es selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer Gesetze geworden. So wenig nun der erste dieser S?tze zum Widerspruch reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler Leser Worte zu leihen, wenn ich die Aufkl?rung Wundts als eine Entt?uschung anspreche. Das hei?t wohl nicht, zu den Quellen der Tabuvorstellungen heruntergehen oder ihre letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch die D?monen k?nnen in der Psychologie als letzte Dinge gewertet werden, die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es w?re anders, wenn die D?monen wirklich existierten; aber wir wissen ja, sie sind selbst wie die G?tter Sch?pfungen der Seelenkr?fte des Menschen; sie sind von etwas und aus etwas geschaffen worden.

über die Doppelbedeutung des Tabu ?u?ert Wundt bedeutsame, aber nicht ganz klar zu fassende Ansichten. Für die primitiven Anf?nge des Tabu besteht nach ihm eine Scheidung von heilig und unrein noch nicht. Eben darum fehlen hier jene Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie eben erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, annehmen konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein Tabu ruht, sind d?monisch, nicht heilig und darum auch noch nicht in dem sp?teren Sinne unrein. Gerade für diese noch indifferent in der Mitte stehende Bedeutung des D?monischen, das nicht berührt werden darf, ist der Ausdruck Tabu wohl geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das schlie?lich dem Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemeinsam bleibt: die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden Gemeinschaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hinweis darauf, da? hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüngliche übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Bedingungen einer Differenzierung gewichen ist, durch welche sich beide schlie?lich zu Gegens?tzen entwickelt haben.

Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine d?monische Macht, die in dem Gegenstand verborgen ist und dessen Berührung oder unerlaubte Verwendung durch Verzauberung des T?ters r?cht, ist eben noch ganz und ausschlie?lich die objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in die beiden Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe annimmt: in die Ehrfurcht und in den Abscheu.

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach Wundt durch die Verpflanzung der Tabugebote aus dem Gebiet der D?monen – in das der G?ttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig und unrein f?llt mit der Aufeinanderfolge zweier mythologischer Stufen zusammen, von denen die frühere nicht vollkommen verschwindet, wenn die folgende erreicht ist, sondern in der Form einer niedrigeren und allm?hlich mit Verachtung sich paarenden Wertsch?tzung fortbesteht. In der Mythologie gilt allgemein das Gesetz, da? eine vorangegangene Stufe eben deshalb, weil sie von der h?heren überwunden und zurückgedr?ngt wird, nun neben dieser in erniedrigter Form fortbesteht, so da? die Objekte ihrer Verehrung in solche des Abscheus sich umwandeln(33).

Die weiteren Ausführungen Wundts beziehen sich auf das Verh?ltnis der Tabuvorstellungen zur Reinigung und zum Opfer.

2.

Wer von der Psychoanalyse, das hei?t von der Erforschung des unbewu?ten Anteils am individuellen Seelenleben her an das Problem des Tabu herantritt, der wird sich nach kurzem Besinnen sagen, da? ihm diese Ph?nomene nicht fremd sind. Er kennt Personen, die sich solche Tabuverbote individuell geschaffen haben und sie ebenso streng befolgen wie die Wilden die ihrem Stamme oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen. Wenn er nicht gewohnt w?re, diese vereinzelten Personen als ?Zwangskranke? zu bezeichnen, würde er den Namen ?Tabukrankheit? für deren Zustand angemessen finden müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat er aber durch die psychoanalytische Untersuchung so viel erfahren, die klinische ?tiologie und das Wesentliche des psychologischen Mechanismus, da? er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur Aufkl?rung der entsprechenden v?lkerpsychologischen Erscheinung zu verwenden.

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angeh?rt werden müssen. Die ?hnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit mag eine rein ?u?erliche sein, für die Erscheinungsform der beiden gelten und sich nicht weiter auf deren Wesen erstrecken. Die Natur liebt es, die n?mlichen Formen in den verschiedensten biologischen Zusammenh?ngen zu verwenden, z. B. am Korallenstock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen Kristallen oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschl?ge. Es w?re offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese übereinstimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer Bedingungen zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf innere Verwandtschaft beziehen. Wir werden dieser Warnung eingedenk bleiben, brauchen aber die beabsichtigte Vergleichung dieser M?glichkeit wegen nicht zu unterlassen.

Die n?chste und auff?lligste übereinstimmung der Zwangsverbote (bei den Nerv?sen) mit dem Tabu besteht nun darin, da? diese Verbote ebenso unmotiviert und in ihrer Herkunft r?tselhaft sind. Sie sind irgend einmal aufgetreten und müssen nun infolge einer unbezwingbaren Angst gehalten werden. Eine ?u?ere Strafandrohung ist überflüssig, weil eine innere Sicherheit (ein Gewissen) besteht, die übertretung werde zu einem unertr?glichen Unheil führen. Das ?u?erste, was die Zwangskranken mitteilen k?nnen, ist die unbestimmte Ahnung, es werde eine gewisse Person ihrer Umgebung durch die übertretung zu Schaden kommen. Welches diese Sch?digung sein soll, wird nicht erkannt, auch erh?lt man diese kümmerliche Auskunft eher bei den sp?ter zu besprechenden Sühne- und Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst.

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu das der Berührung, daher der Name: Berührungsangst, Délire de toucher. Das Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte Berührung mit dem K?rper, sondern nimmt den Umfang der übertragenen Redensart: in Berührung kommen, an. Alles, was die Gedanken auf das Verbotene lenkt, eine Gedankenberührung hervorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare leibliche Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder.

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters verst?ndlich, ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreiflich, l?ppisch, sinnlos. Wir bezeichnen solche Gebote als ?Zeremoniell? und finden, da? die Tabugebr?uche dieselbe Verschiedenheit erkennen lassen.

Den Zwangsverboten ist eine gro?artige Verschiebbarkeit zu eigen, sie dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zusammenhanges von einem Objekt auf das andere aus und machen auch dieses neue Objekt, wie eine meiner Kranken treffend sagt, ?unm?glich?. Die Unm?glichkeit hat am Ende die ganze Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich so, als w?ren die ?unm?glichen? Personen und Dinge Tr?ger einer gef?hrlichen Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles Benachbarte durch Kontakt zu übertragen. Dieselben Charaktere der Ansteckungsf?higkeit und der übertragbarkeit haben wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote hervorgehoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu übertreten hat durch die Berührung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu und niemand darf mit ihm in Berührung treten.

Ich stelle zwei Beispiele von übertragung (besser Verschiebung) des Verbots zusammen; das eine aus dem Leben der Maori, das andere aus meiner Beobachtung an einer zwangskranken Frau.

?Ein Maorih?uptling wird kein Feuer mit seinem Hauch anfachen, denn sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem Feuer mitteilen, dieses dem Topf, der im Feuer steht, der Topf der Speise, die in ihm gekocht wird, die Speise der Person, die von ihr i?t, und so mü?te die Person sterben, die gegessen von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im Feuer, in das geblasen der H?uptling mit seinem heiligen und gef?hrlichen Hauch(34).?

Die Patientin verlangt, da? ein Gebrauchsgegenstand, den ihr Mann vom Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, er würde ihr sonst den Raum, in dem sie wohnt, unm?glich machen. Denn sie hat geh?rt, da? dieser Gegenstand in einem Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen wir: Hirschengasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin, welche in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter ihrem M?dchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute ?unm?glich?, tabu, und der hier in Wien gekaufte Gegenstand ist ebenso tabu wie die Freundin selbst, mit der sie nicht in Berührung kommen will.

Die Zwangsverbote bringen gro?artigen Verzicht und Einschr?nkungen des Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber ein Anteil von ihnen kann aufgehoben werden durch die Ausführung gewisser Handlungen, die nun auch geschehen müssen, die Zwangscharakter haben, – Zwangshandlungen – und deren Natur als Bu?e, Sühne, Abwehrma?regeln und Reinigung keinem Zweifel unterliegt. Die gebr?uchlichste dieser Zwangshandlungen ist das Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch ein Teil der Tabuverbote kann so ersetzt, respektive deren übertretung durch solches ?Zeremoniell? gutgemacht werden und die Lustration durch Wasser ist auch hier die bevorzugte.

Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die übereinstimmung der Tabugebr?uche mit den Symptomen der Zwangsneurose am deutlichsten ?u?ert: 1. In der Unmotiviertheit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung durch eine innere N?tigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der Ansteckungsgefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von zeremoni?sen Handlungen, Geboten, die von den Verboten ausgehen.

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus der F?lle von Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psychoanalyse bekannt geworden. Erstere lautet für einen typischen Fall von Berührungsangst wie folgt: Zu allem Anfang, in ganz früher Kinderzeit, ?u?erte sich eine starke Berührungslust, deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt w?re zu erwarten. Dieser Lust trat alsbald von au?en ein Verbot entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen(35). Das Verbot wurde aufgenommen, denn es konnte sich auf starke innere Kr?fte stützen(36); es erwies sich st?rker als der Trieb, der sich in der Berührung ?u?ern wollte. Aber infolge der primitiven psychischen Konstitution des Kindes gelang es dem Verbot nicht, den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des Verbotes war nur, den Trieb – die Berührungslust – zu verdr?ngen und ihn ins Unbewu?te zu verbannen. Verbot und Trieb blieben beide erhalten; der Trieb, weil er nur verdr?ngt, nicht aufgehoben war, das Verbot, weil mit seinem Aufh?ren der Trieb zum Bewu?tsein und zur Ausführung durchgedrungen w?re. Es war eine unerledigte Situation, eine psychische Fixierung geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot und Trieb leitet sich nun alles weitere ab.

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Verhalten des Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, hei?en k?nnte(37). Es will diese Handlung – die Berührung – immer wieder ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden Str?mungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie – wir k?nnen nur sagen – im Seelenleben so lokalisiert sind, da? sie nicht zusammensto?en k?nnen. Das Verbot wird laut bewu?t, die fortdauernde Berührungslust ist unbewu?t, die Person wei? nichts von ihr. Bestünde dieses psychologische Moment nicht, so k?nnte eine Ambivalenz weder sich so lange erhalten, noch k?nnte sie zu solchen Folgeerscheinungen führen.

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des Verbots in so frühem Kindesalter als das ma?gebende hervorgehoben; für die weitere Gestaltung f?llt diese Rolle dem Mechanismus der Verdr?ngung auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdr?ngung, die mit einem Vergessen – Amnesie – verbunden ist, bleibt die Motivierung des bewu?t gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle Versuche scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht finden, an dem sie angreifen k?nnten. Das Verbot verdankt seine St?rke – seinen Zwangscharakter – gerade der Beziehung zu seinem unbewu?ten Gegenpart, der im Verborgenen unged?mpften Lust, also einer inneren Notwendigkeit, in welche die bewu?te Einsicht fehlt. Die übertragbarkeit und Fortpflanzungsf?higkeit des Verbotes spiegelt einen Vorgang wieder, der sich mit der unbewu?ten Lust zutr?gt und unter den psychologischen Bedingungen des Unbewu?ten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt sich best?ndig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene – Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen – zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verp?nten Regung aus. Jeden neuen Vorsto? der verdr?ngten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen Versch?rfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden M?chte erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen darf. Diese sind bei der Neurose deutlich Kompromi?aktionen, in der einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche den Trieb für das Verbotene entsch?digen. Es ist ein Gesetz der neurotischen Erkrankung, da? diese Zwangshandlungen immer mehr in den Dienst des Triebes treten und immer n?her an die ursprünglich verbotene Handlung herankommen.

Unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zu behandeln, als w?re es von derselben Natur wie ein Zwangsverbot unserer Kranken. Wir machen uns dabei von vornherein klar, da? viele der für uns zu beobachtenden Tabuverbote sekund?rer, verschobener und entstellter Art sind, und da? wir zufrieden sein müssen, etwas Licht auf die ursprünglichsten und bedeutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, da? die Verschiedenheiten in der Situation des Wilden und des Neurotikers wichtig genug sein dürften, um eine v?llige übereinstimmung auszuschlie?en, eine übertragung von dem einen auf den anderen, die einer Abbildung in jedem Punkte gleichk?me, zu verhindern.

Wir würden dann zun?chst sagen, es habe keinen Sinn, die Wilden nach der wirklichen Motivierung ihrer Verbote, nach der Genese des Tabu zu fragen. Nach unserer Voraussetzung müssen sie unf?hig sein, darüber etwas mitzuteilen, denn diese Motivierung sei ihnen ?unbewu?t?. Wir konstruieren die Geschichte des Tabu aber folgenderma?en nach dem Vorbild der Zwangsverbote. Die Tabu seien uralte Verbote, einer Generation von primitiven Menschen dereinst von au?en aufgedr?ngt, das hei?t also doch wohl von der früheren Generation ihr gewaltt?tig eingesch?rft. Diese Verbote haben T?tigkeiten betroffen, zu denen eine starke Neigung bestand. Die Verbote haben sich nun von Generation zu Generation erhalten, vielleicht blo? infolge der Tradition durch elterliche und gesellschaftliche Autorit?t. Vielleicht aber haben sie sich in den sp?teren Generationen bereits ?organisiert? als ein Stück ererbten psychischen Besitzes. Ob es solche ?angeborene Ideen? gibt, ob sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung die Fixierung der Tabu bewirkt haben, wer verm?chte es gerade für den in Rede, stehenden Fall zu entscheiden? Aber aus der Festhaltung der Tabu ginge eines hervor, da? die ursprüngliche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch bei den Tabuv?lkern fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten eine ambivalente Einstellung; sie m?chten im Unbewu?ten nichts lieber als sie übertreten, aber sie fürchten sich auch davor; sie fürchten sich gerade darum, weil sie es m?chten, und die Furcht ist st?rker als die Lust. Die Lust dazu ist aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewu?t wie bei dem Neurotiker.

Die ?ltesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden Grundgesetze des Totemismus: Das Totemtier nicht zu t?ten und den sexuellen Verkehr mit den Totemgenossen des anderen Geschlechts zu vermeiden.

Das mü?ten also die ?ltesten und st?rksten Gelüste der Menschen sein. Wir k?nnen das nicht verstehen und k?nnen demnach unsere Voraussetzung nicht an diesen Beispielen prüfen, solange uns Sinn und Abkunft des totemistischen Systems so v?llig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse der psychoanalytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die Psychoanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunschlebens und dann für den Kern der Neurose erkl?ren(38).

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die zu den früher mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt hat, w?chst für uns auf folgende Art zu einer Einheit zusammen: Grundlage des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem eine starke Neigung im Unbewu?ten besteht.

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, das Tabu übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber diese Tatsache mit der anderen zusammen, da? das Tabu nicht nur an Personen haftet, die das Verbotene getan haben, sondern auch an Personen, die sich in besonderen Zust?nden befinden, an diesen Zust?nden selbst und an unpers?nlichen Dingen? Was kann das für eine gef?hrliche Eigenschaft sein, die immer die n?mliche bleibt unter all diesen verschiedenen Bedingungen? Nur die eine: die Eignung, die Ambivalenz des Menschen anzufachen und ihn in Versuchung zu führen, das Verbot zu übertreten.

Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, weil er die gef?hrliche Eignung hat, andere zu versuchen, da? sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid; warum sollte ihm gestattet sein, was anderen verboten ist? Er ist also wirklich ansteckend, insofern jedes Beispiel zur Nachahmung ansteckt, und darum mu? er selbst gemieden werden.

Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben und kann doch permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er sich in einem Zustand befindet, welcher die Eignung hat, die verbotenen Gelüste der anderen anzuregen, den Ambivalenzkonflikt in ihnen zu wecken. Die meisten Ausnahmsstellungen und Ausnahmszust?nde sind von solcher Art und haben diese gef?hrliche Kraft. Der K?nig oder H?uptling erweckt den Neid auf seine Vorrechte; es m?chte vielleicht jeder K?nig sein. Der Tote, das Neugeborene, die Frau in ihren Leidenszust?nden reizen durch ihre besondere Hilfslosigkeit, das eben geschlechtsreif gewordene Individuum durch den neuen Genu?, den es verspricht. Darum sind alle diese Personen und alle diese Zust?nde tabu, denn der Versuchung darf nicht nachgegeben werden.

Wir verstehen jetzt auch, warum die Manakr?fte verschiedener Personen sich von einander abziehen, einander teilweise aufheben k?nnen. Das Tabu eines K?nigs ist zu stark für seinen Untertan, weil die soziale Differenz zwischen ihnen zu gro? ist. Aber ein Minister kann etwa den unsch?dlichen Vermittler zwischen ihnen machen. Das hei?t aus der Sprache des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Untertan, der die gro?artige Versuchung scheut, welche ihm die Berührung mit dem K?nig bereitet, kann etwa den Umgang des Beamten vertragen, den er nicht so sehr zu beneiden braucht, und dessen Stellung ihm vielleicht selbst erreichbar scheint. Der Minister aber kann seinen Neid gegen den K?nig durch die Erw?gung der Macht erm??igen, die ihm selbst einger?umt ist. So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden Zauberkraft weniger zu fürchten als besonders gro?e.

Es ist ebenso klar, wieso die übertretung gewisser Tabuverbote eine soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern der Gesellschaft gestraft oder gesühnt werden mu?, wenn sie nicht alle sch?digen soll. Diese Gefahr besteht wirklich, wenn wir die bewu?ten Regungen für die unbewu?ten Gelüste einsetzen. Sie besteht in der M?glichkeit der Nachahmung, in deren Folge die Gesellschaft bald zur Aufl?sung k?me. Wenn die anderen die übertretung nicht ahnden würden, mü?ten sie ja inne werden, da? sie dasselbe tun wollen wie der übelt?ter.

Da? die Berührung beim Tabuverbot eine ?hnliche Rolle spielt wie beim Délire de toucher, obwohl der geheime Sinn des Verbotes beim Tabu unm?glich ein so spezieller sein kann wie bei der Neurose, darf uns nicht Wunder nehmen. Die Berührung ist der Beginn jeder Bem?chtigung, jedes Versuches, sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen.

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, durch die Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung anzuregen, übersetzt. Dazu scheint es nicht zu stimmen, da? sich die Ansteckungsf?higkeit des Tabu vor allem in der übertragung auf Gegenst?nde ?u?ert, die dadurch selbst Tr?ger des Tabu werden.

Diese übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose nachgewiesene Neigung des unbewu?ten Triebes wieder, sich auf assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. Wir werden so aufmerksam gemacht, da? der gef?hrlichen Zauberkraft des ?Mana? zweierlei realere F?higkeiten entsprechen, die Eignung, den Menschen an seine verbotenen Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere, ihn zur übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu verleiten. Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen zusammen, wenn wir annehmen, es l?ge im Sinne eines primitiven Seelenlebens, da? mit der Erweckung der Erinnerung an das verbotene Tun auch die Erweckung der Tendenz, es durchzusetzen, verknüpft sei. Dann fallen Erinnerung und Versuchung wieder zusammen. Man mu? auch zugestehen, wenn das Beispiel eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, einen anderen zur gleichen Tat verführt, so hat sich der Ungehorsam gegen das Verbot fortgepflanzt wie eine Ansteckung, wie sich das Tabu von einer Person auf einen Gegenstand und von diesem auf einen anderen übertr?gt.

Wenn die übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann durch eine Sühne oder Bu?e, die ja einen Verzicht auf irgend ein Gut oder eine Freiheit bedeuten, so ist hiedurch der Beweis erbracht, da? die Befolgung der Tabuvorschrift selbst ein Verzicht war auf etwas, was man gern gewünscht h?tte. Die Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an anderer Stelle abgel?st. Für das Tabuzeremoniell würden wir hieraus den Schlu? ziehen, da? die Bu?e etwas Ursprünglicheres ist als die Reinigung.

Fassen wir nun zusammen, welches Verst?ndnis des Tabu sich uns aus der Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des Neurotikers ergeben hat: Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von au?en (von einer Autorit?t) aufgedr?ngt und gegen die st?rksten Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu übertreten, besteht in deren Unbewu?ten fort; die Menschen, die dem Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das vom Tabu Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauberkraft führt sich auf die F?higkeit zurück, die Menschen in Versuchung zu führen; sie benimmt sich wie eine Ansteckung, weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das verbotene Gelüste im Unbewu?ten auf Anderes verschiebt. Die Sühne der übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, da? der Befolgung des Tabu ein Verzicht zu Grunde liegt.

3.

Wir wollen nun wissen, welchen Wert unsere Gleichstellung des Tabu mit der Zwangsneurose und die auf Grund dieser Vergleichung gegebene Auffassung des Tabu beanspruchen kann. Ein solcher Wert liegt offenbar nur vor, wenn unsere Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu haben ist, wenn sie ein besseres Verst?ndnis des Tabu gestattet, als uns sonst m?glich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, da? wir diesen Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden bereits erbracht haben; wir werden aber versuchen müssen, ihn zu verst?rken, indem wir die Erkl?rung der Tabuverbote und Gebr?uche ins Einzelne fortsetzen.

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir k?nnen die Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzungen, die wir von der Neurose her auf das Tabu übertragen haben, oder der Folgerungen, zu denen wir dabei gelangt sind, an den Ph?nomenen des Tabu unmittelbar erweisbar ist. Wir müssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen. Die Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme von einem uralten Verbote ab, welches dereinst von au?en auferlegt worden ist, entzieht sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher die psychologischen Bedingungen fürs Tabu zu best?tigen suchen, welche wir für die Zwangsneurose kennen gelernt haben. Wie gelangten wir bei der Neurose zur Kenntnis dieser psychologischen Momente? Durch das analytische Studium der Symptome, vor allem der Zwangshandlungen, der Abwehrma?regeln und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten Anzeichen für ihre Abstammung von ambivalenten Regungen oder Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche wie dem Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste der einen von den beiden entgegengesetzten Tendenzen stehen. Wenn es uns nun gel?nge, auch an den Tabuvorschriften die Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter Tendenzen, aufzuzeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der Art von Zwangshandlungen beiden Str?mungen gleichzeitigen Ausdruck geben, so w?re die psychologische übereinstimmung zwischen dem Tabu und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten Stücke gesichert.

Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin erw?hnt, für unsere Analyse durch die Zugeh?rigkeit zum Totemismus unzug?nglich; ein anderer Anteil der Tabusatzungen ist sekund?rer Abkunft und für unsere Absicht nicht verwertbar. Das Tabu ist n?mlich bei den entsprechenden V?lkern die allgemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als das Tabu selbst, wie z. B. die Tabu, die von H?uptlingen und Priestern auferlegt werden, um sich Eigentum und Vorrechte zu sichern. Doch bleibt uns eine gro?e Gruppe von Vorschriften übrig, an denen unsere Untersuchung vorgenommen werden kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich a) an Feinde, b) an H?uptlinge, c) an Tote knüpfen, und werde das zu behandelnde Material der ausgezeichneten Sammlung von J. G. Frazer in seinem gro?en Werke: ?The golden bough? entnehmen(39).

a) Die Behandlung der Feinde.

Wenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden V?lkern ungehemmte und reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde zuzuschreiben, so werden wir mit gro?em Interesse erfahren, da? auch bei ihnen die T?tung eines Menschen zur Befolgung einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den Tabugebr?uchen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit Leichtigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Vers?hnung des get?teten Feindes, 2. Beschr?nkungen und 3. Sühnehandlungen, Reinigungen des M?rders und 4. gewisse zeremonielle Vornahmen. Wie allgemein oder wie vereinzelt solche Tabugebr?uche bei diesen V?lkern sein m?gen, l??t sich einerseits aus unseren unvollst?ndigen Nachrichten nicht mit Sicherheit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen Vorkommnissen gleichgültig. Immerhin darf man annehmen, da? es sich um weitverbreitete Gebr?uche und nicht um vereinzelte Sonderbarkeiten handelt.

Die Vers?hnungsgebr?uche auf der Insel Timor, nachdem eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen K?pfen der besiegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders bedeutsam, weil überdies der Führer der Expedition von schweren Beschr?nkungen betroffen wird (s. u.). ?Bei dem feierlichen Einzug der Sieger werden Opfer dargebracht um die Seelen der Feinde zu vers?hnen; sonst mü?te man Unheil für die Sieger vorhersehen. Es wird ein Tanz aufgeführt, und dabei ein Gesang vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind beklagt und seine Verzeihung erbeten wird: ?Zürne uns nicht, weil wir deinen Kopf hier bei uns haben; w?re uns das Glück nicht hold gewesen, so hingen jetzt vielleicht unsere K?pfe in deinem Dorf. Wir haben dir ein Opfer gebracht, um dich zu bes?nftigen. Nun darf dein Geist zufrieden sein und uns in Ruhe lassen. Warum bist du unser Feind gewesen? W?ren wir nicht besser Freunde geblieben? Dann w?re dein Blut nicht vergossen und dein Kopf nicht abgeschnitten worden(40).??

?hnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die Gallas opfern den Geistern ihrer erschlagenen Feinde, ehe sie ihr Heimatsdorf betreten. (Nach Paulitschke: Ethnographie Nordostafrikas.)

Andere V?lker haben das Mittel gefunden, um aus ihren früheren Feinden nach deren Tod Freunde, W?chter und Beschützer zu machen. Es besteht in der z?rtlichen Behandlung der abgeschnittenen K?pfe, wie manche wilde St?mme Borneos sich deren rühmen. Wenn die See-Dayaks von Sarawak von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird dieser Monate hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit behandelt und mit den z?rtlichsten Namen angesprochen, über die ihre Sprache verfügt. Die besten Bissen von ihren Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt, Leckerbissen und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine früheren Freunde zu hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe zu schenken, da er jetzt einer der Ihrigen ist. Man würde sehr irre gehen, wenn man an dieser uns gr??lich erscheinenden Behandlung dem Hohn einen Anteil zuschriebe(41).

Bei mehreren der wilden St?mme Nordamerikas ist die Trauer um den erschlagenen und skalpierten Feind den Beobachtern aufgefallen. Wenn ein Choctaw einen Feind get?tet hatte, so begann für ihn eine monatlange Trauer, w?hrend welcher er sich schweren Einschr?nkungen unterwarf. Ebenso trauerten die Dacota-Indianer. Wenn die Osagen, bemerkt ein Gew?hrsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, so trauerten sie dann um den Feind, als ob er ein Freund gewesen w?re(42).

Noch ehe wir auf die anderen Klassen von Tabugebr?uchen zur Behandlung der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine naheliegende Einwendung Stellung nehmen. Die Motivierung dieser Vers?hnungsvorschriften, wird man uns mit Frazer und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und hat nichts mit einer ?Ambivalenz? zu tun. Diese V?lker werden von abergl?ubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen beherrscht, einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht fremd war, die der gro?e britische Dramatiker in den Halluzinationen Macbeths und Richards III. auf die Bühne gebracht hat. Aus diesem Aberglauben leiten sich folgerichtig alle die Vers?hnungsvorschriften ab, wie auch die sp?ter zu besprechenden Beschr?nkungen und Sühnungen; für diese Auffassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen als von Bemühungen, die den M?rdern folgenden Geister der Erschlagenen zu verjagen(43). Zum überflu? gestehen die Wilden ihre Angst vor den Geistern der get?teten Feinde direkt ein und führen die besprochenen Tabugebr?uche selbst auf sie zurück.

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn sie ebenso ausreichend w?re, k?nnten wir uns die Mühe unseres Erkl?rungsversuches gern ersparen. Wir verschieben es auf sp?ter, uns mit ihr auseinanderzusetzen, und stellen ihr zun?chst nur die Auffassung entgegen, die sich aus den Voraussetzungen der vorigen Er?rterungen über das Tabu ableitet. Wir schlie?en aus all diesen Vorschriften, da? im Benehmen gegen die Feinde noch andere als blo? feindselige Regungen zum Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen ?u?erungen der Reue, der Wertsch?tzung des Feindes, des b?sen Gewissens, ihn ums Leben gebracht zu haben. Es will uns scheinen, als w?re auch in diesen Wilden das Gebot lebendig: Du sollst nicht t?ten, welches nicht ungestraft verletzt werden darf, lange vor jeder Gesetzgebung, die aus den H?nden eines Gottes empfangen wird.

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvorschriften zurück. Die Beschr?nkungen des siegreichen M?rders sind ungemein h?ufig und meist von ernster Art. Auf Timor (vgl. die Vers?hnungsgebr?uche oben) darf der Führer der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren. Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er zwei Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungsvorschriften verbringt. In dieser Zeit darf er sein Weib nicht sehen, auch sich nicht selbst ern?hren, eine andere Person mu? ihm das Essen in den Mund schieben(44). – Bei einigen Dayakst?mmen müssen die vom erfolgreichen Kriegszug Heimkehrenden einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen berühren und bleiben ihren Frauen fern. – In Logea, einer Insel nahe Neuguinea, schlie?en sich M?nner, die Feinde get?tet oder daran teilgenommen haben, für eine Woche in ihren H?usern ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren H?nden an und n?hren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Gef??en für sie gekocht wird. Als Grund für diese letzte Beschr?nkung wird angegeben, da? sie das Blut der Erschlagenen nicht riechen dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. – Bei dem Toaripi- oder Motumotu-Stamm auf Neuguinea darf ein Mann, der einen anderen get?tet hat, seinem Weib nicht nahe kommen und Nahrung nicht mit seinen Fingern berühren. Er wird von anderen Personen mit besonderer Nahrung gefüttert. Dies dauert bis zum n?chsten Neumond.

Ich unterlasse es, die bei Frazer mitgeteilten F?lle von Beschr?nkungen des siegreichen M?rders vollz?hlig anzuführen, und hebe nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabucharakter besonders auff?llig ist oder die Beschr?nkung im Verein mit Sühne, Reinigung und Zeremoniell auftritt.

Bei den Monumbos in Deutsch-Neuguinea wird jeder, der einen Feind im Kampfe get?tet hat, ?unrein?, wofür dasselbe Wort gebraucht wird, das auf Frauen w?hrend der Menstruation oder des Wochenbettes Anwendung findet. Er darf durch lange Zeit das Klubhaus der M?nner nicht verlassen, w?hrend sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln und seinen Sieg mit Liedern und T?nzen feiern. Er darf niemand, nicht einmal seine eigene Frau und seine Kinder berühren; t?te er es, so würden sie von Geschwüren befallen werden. Er wird dann rein durch Waschungen und anderes Zeremoniell.

Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, die den ersten Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur Befolgung gewisser Entsagungen gen?tigt. Sie durften nicht bei ihren Frauen schlafen und kein Fleisch essen, erhielten nur Fisch und Maispudding zur Nahrung. Wenn ein Choctaw einen Feind get?tet und skalpiert hatte, begann für ihn eine Trauerzeit von einem Monat, w?hrend welcher er sein Haar nicht k?mmen durfte. Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte er sich nicht mit der Hand kratzen, sondern bediente sich dazu eines kleinen Steckens.

Wenn ein Pima-Indianer einen Apachen get?tet hatte, so mu?te er sich schweren Reinigungs- und Sühnezeremonien unterwerfen. W?hrend einer sechzehnt?gigen Fastenzeit durfte er Fleisch und Salz nicht berühren, auf kein brennendes Feuer schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte allein im Walde, von einer alten Frau bedient, die ihm sp?rliche Nahrung brachte, badete oft im n?chsten Flu? und trug – als Zeichen der Trauer – einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. Am siebzehnten Tage fand dann die ?ffentliche Zeremonie der feierlichen Reinigung des Mannes und seiner Waffen statt. Da die Pima-Indianer das Tabu des M?rders viel ernster nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht wie diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben pflegten, litt ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen Strenge oder Fr?mmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer au?erordentlichen Tapferkeit erwiesen sie sich den Amerikanern als unbefriedigende Bundesgenossen in ihren K?mpfen gegen die Apachen.

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- und Reinigungszeremonien nach T?tung eines Feindes für eine tiefer eindringende Betrachtung auch sein m?gen, so breche ich deren Mitteilung doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichtspunkte er?ffnen k?nnen. Vielleicht führe ich noch an, da? die zeitweilige oder permanente Isolierung des berufsm??igen Henkers, die sich bis in unsere Neuzeit erhalten hat, in diesen Zusammenhang geh?rt. Die Stellung des ?Freimannes? in der mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat eine gute Vorstellung von dem ?Tabu? der Wilden(45).

In der gangbaren Erkl?rung all dieser Vers?hnungs-, Beschr?nkungs-, Sühne- und Reinigungsvorschriften werden zwei Prinzipien miteinander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu vom Toten her auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen ist, und die Furcht vor dem Geist des Get?teten. Auf welche Weise diese beiden Momente miteinander zur Erkl?rung des Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig aufgefa?t werden sollen, ob das eine das prim?re, das andere sekund?r ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der Tat nicht leicht anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Einheitlichkeit unserer Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften aus der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen den Feind ableiten.

b) Das Tabu der Herrscher.

Das Benehmen primitiver V?lker gegen ihre H?uptlinge, K?nige, Priester wird von zwei Grunds?tzen regiert, die einander eher zu erg?nzen als zu widersprechen scheinen. Man mu? sich vor ihnen hüten und man mu? sie behüten(46). Beides geschieht vermittels einer Unzahl von Tabuvorschriften. Warum man sich vor den Herrschern hüten mu?, ist uns bereits bekannt geworden: weil sie die Tr?ger jener geheimnisvollen und gef?hrlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische Ladung durch Berührung mitteilt und dem selbst nicht durch eine ?hnliche Ladung Geschützten Tod und Verderben bringt. Man vermeidet also jede mittelbare oder unmittelbare Berührung mit der gef?hrlichen Heiligkeit und hat, wo solche nicht zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die gefürchteten Folgen abzuwenden. Die Nubas in Ostafrika glauben z. B., da? sie sterben müssen, wenn sie das Haus ihres Priesterk?nigs betreten, da? sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie beim Eintritt die linke Schulter entbl??en und den K?nig veranlassen, diese mit seiner Hand zu berühren. So trifft das Merkwürdige ein, da? die Berührung des K?nigs das Heil- und Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der Berührung des K?nigs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl um die Heilkraft der absichtlichen, vom K?nig ausgehenden Berührung im Gegensatz zur Gefahr, da? man ihn berühre, um den Gegensatz der Passivit?t und der Aktivit?t gegen den K?nig.

Wenn es sich um die Heilwirkung der k?niglichen Berührung handelt, brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu suchen. Die K?nige von England haben in Zeiten, die noch nicht weit zurückliegen, diese Kraft an der Skrofulose geübt, die darum den Namen: ?The King's Evil? trug. K?nigin Elisabeth entsagte diesem Stück ihrer k?niglichen Pr?rogative ebensowenig wie irgend einer ihrer sp?teren Nachfolger. Charles I. soll im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich geheilt haben. Unter dessen zuchtlosem Sohn Charles II. feierten nach der überwindung der gro?en englischen Revolution die K?nigsheilungen bei Skrofeln ihre h?chste Blüte.

Dieser K?nig soll im Laufe seiner Regierung bei hunderttausend Skroful?se berührt haben. Das Gedr?nge der Heilungsuchenden pflegte bei dieser Gelegenheit so gro? zu sein, da? einmal sechs oder sieben von ihnen anstatt der Heilung den Tod durch Erdrücktwerden fanden. Der skeptische Oranier Wilhelm III., der nach der Vertreibung der Stuarts K?nig von England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, als er sich zu einer solchen Berührung herbeilie?, tat er es mit den Worten: ?Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und mehr Verstand(47).?

Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher man, ob auch unabsichtlich, gegen den K?nig oder das, was zu ihm geh?rt, aktiv wird, mag folgender Bericht Zeugnis ablegen. Ein H?uptling von hohem Rang und gro?er Heiligkeit auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit am Wege stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, kr?ftiger, hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich darüber, um es aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da teilte ihm ein entsetzter Zuschauer mit, da? es die Mahlzeit des H?uptlings gewesen sei, an welcher er sich vergangen habe. Er war ein starker, mutiger Krieger gewesen, aber sobald er diese Auskunft vernommen hatte, stürzte er zusammen, wurde von gr??lichen Zuckungen befallen und starb gegen Sonnenuntergang des n?chsten Tages(48). Eine Maorifrau hatte gewisse Früchte gegessen und dann erfahren, da? diese von einem mit Tabu belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Geist des H?uptlings, den sie so beleidigt, werde sie gewi? t?ten. Dies geschah am Nachmittag und am n?chsten Tag um zw?lf Uhr war sie tot(49). Das Feuerzeug eines Maori-H?uptlings brachte einmal mehrere Personen ums Leben. Der H?uptling hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigentum das Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken(50).

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühlbar machte, so gef?hrliche Personen wie H?uptlinge und Priester von den anderen zu isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, hinter welcher sie für die anderen unzug?nglich waren. Es mag uns die Erkenntnis d?mmern, da? diese ursprünglich aus Tabuvorschriften gefügte Mauer heute noch als h?fisches Zeremoniell existiert.

Aber der vielleicht gr??ere Teil dieses Tabu der Herrscher l??t sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen zurückführen. Der andere Gesichtspunkt in der Behandlung der privilegierten Personen, das Bedürfnis, sie selbst vor den ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat an der Schaffung der Tabu und somit an der Entstehung der h?fischen Etikette den deutlichsten Anteil gehabt.

Die Notwendigkeit, den K?nig vor allen erdenklichen Gefahren zu schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeutung für das Wohl und Wehe seiner Untertanen. Streng genommen ist es seine Person, die den Lauf der Welt reguliert; sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und Sonnenschein zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen l??t, sondern auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt, und für den festen Boden, auf den sie ihre Fü?e setzen(51).

Diese K?nige der Wilden sind mit einer Machtfülle und einer F?higkeit zu beglücken ausgestattet, die nur G?ttern zu eigen ist, und an welche auf sp?teren Stufen der Zivilisation nur die servilsten ihrer H?flinge Glauben heucheln werden.

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, da? Personen von solcher Machtvollkommenheit selbst der gr??ten Sorgfalt bedürfen, um vor den sie bedrohenden Gefahren beschützt zu werden, aber es ist nicht der einzige Widerspruch, der in der Behandlung k?niglicher Personen bei den Wilden zu Tage tritt. Diese V?lker halten es auch für notwendig, ihre K?nige zu überwachen, da? sie ihre Kr?fte im rechten Sinne verwenden; sie sind ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit keineswegs sicher. Ein Zug von Mi?trauen mengt sich der Motivierung der Tabuvorschriften für den K?nig bei. ?Die Idee, da? urzeitliches K?nigstum ein Despotismus ist,? sagt Frazer(52), ?demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher existiert, ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herrscher nur für seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert nur so lange, als er die Pflichten seiner Stellung erfüllt, den Lauf der Natur zum Besten seines Volkes regelt. Sobald er darin nachl??t oder versagt, wandeln sich die Sorgfalt, die Hingebung, die religi?se Verehrung, deren Gegenstand er bisher im ausgiebigsten Ma?e war, in Ha? und Verachtung um. Er wird schm?hlich davongejagt und mag froh sein, wenn er das nackte Leben rettet. Heute noch als Gott verehrt, mag es ihm passieren, morgen als Verbrecher erschlagen zu werden. Aber wir haben kein Recht, dies ver?nderte Benehmen seines Volkes als Unbest?ndigkeit oder Widerspruch zu verurteilen, das Volk bleibt vielmehr durchaus konsequent. Wenn ihr K?nig ihr Gott ist, so denken sie, mu? er sich auch als ihr Beschützer erweisen; und wenn er sie nicht beschützen will, soll er einem anderen, der bereitwilliger ist, den Platz r?umen. Solange er aber ihren Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für ihn keine Grenzen, und sie n?tigen ihn dazu, sich selbst mit der gleichen Fürsorge zu behandeln. Ein solcher K?nig lebt wie eingemauert hinter einem System von Zeremoniell und Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebr?uchen und Verboten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde zu erh?hen, noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern die einzig und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzuhalten, welche die Harmonie der Natur st?ren und so ihn, sein Volk und das ganze Weltall gleichzeitig zu Grunde richten k?nnten. Diese Vorschriften, weit entfernt, seinem Behagen zu dienen, mengen sich in jede seiner Handlungen, heben seine Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie angeblich versichern wollen, zur Bürde und zur Qual.?

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und L?hmung eines heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell scheint in der Lebensweise des Mikado von Japan in früheren Jahrhunderten erzielt worden zu sein. Eine Beschreibung, die jetzt über zweihundert Jahre alt ist(53), erz?hlt: ?Der Mikado glaubt, da? es seiner Würde und Heiligkeit nicht angemessen sei, den Boden mit den Fü?en zu berühren; wenn er also irgendwohin gehen will, mu? er auf den Schultern von M?nnern hingetragen werden. Es geht aber noch viel weniger an, da? er seine heilige Person der freien Luft aussetze, und die Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, auf sein Haupt zu scheinen. Allen Teilen seines K?rpers wird eine so hohe Heiligkeit zugeschrieben, da? weder sein Haupthaar, noch sein Bart geschoren und seine N?gel nicht geschnitten werden dürfen. Damit er aber nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn nachts, wenn er schl?ft; sie sagen, was man in diesem Zustand von seinem K?rper nimmt, kann nur als gestohlen aufgefa?t werden; und ein solcher Diebstahl tut seiner Würde und Heiligkeit keinen Eintrag. In noch früheren Zeiten mu?te er jeden Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem Haupte auf dem Throne sitzen, aber er mu?te sitzen wie eine Statue, ohne H?nde, Fü?e, Kopf oder Augen zu bewegen; nur so, meinte man, k?nne er Ruhe und Frieden im Reiche erhalten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen oder der anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick blo? auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungersnot, Feuer, Pest oder sonst ein gro?es Unheil hereinbrechen, um das Land zu verheeren.?

Einige der Tabu, denen barbarische K?nige unterworfen sind, mahnen lebhaft an die Beschr?nkungen der M?rder. In Shark Point bei Kap Padron in Unter-Guinea (Westafrika) lebt ein Priesterk?nig, Kukulu, allein in einem Wald. Er darf kein Weib berühren, auch sein Haus nicht verlassen, ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend schlafen mu?. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind aufh?ren und die Schiffahrt gest?rt sein. Seine Funktion ist es, die Stürme in Schranken zu halten und im allgemeinen für einen gleichm??ig gesunden Zustand der Atmosph?re zu sorgen(54). Je m?chtiger ein K?nig von Loango ist, sagt Bastian, desto mehr Tabu mu? er beobachten. Auch der Thronfolger ist von Kindheit an an sie gebunden, aber sie h?ufen sich um ihn, w?hrend er heranw?chst; im Momente der Thronbesteigung ist er von ihnen erstickt.

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfordert es nicht, da? wir in die Beschreibung der an der K?nigs- oder Priesterwürde haftenden Tabu weiter eingehen. Führen wir noch an, da? Beschr?nkungen der freien Bewegung und der Di?t die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie konservierend aber auf alte Gebr?uche der Zusammenhang mit diesen privilegierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von Tabuzeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten V?lkern, also von weit h?heren Kulturstufen, genommen sind.

Der Flamen Dialis, der Oberpriester des Jupiter im alten Rom, hatte eine au?erordentlich gro?e Anzahl von Tabugeboten zu beobachten. Er durfte nicht reiten, kein Pferd, keine Bewaffneten sehen, keinen Ring tragen, der nicht zerbrochen war, keinen Knoten an seinen Gew?ndern haben, Weizenmehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen nennen; sein Haar durfte nur von einem freien Mann mit einem Bronzemesser geschnitten, seine Haare und N?gelabf?lle mu?ten unter einem glückbringenden Baum vergraben werden; er durfte keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten Hauptes unter freiem Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die Flaminica, hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer gewissen Art von Treppen nicht h?her als drei Stufen steigen, an gewissen Festtagen ihr Haar nicht k?mmen; das Leder ihrer Schuhe durfte von keinem Tier genommen werden, das eines natürlichen Todes gestorben war, sondern nur von einem geschlachteten oder geopferten; wenn sie Donner h?rte, war sie unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht hatte(55).

Die alten K?nige von Irland waren einer Reihe von h?chst sonderbaren Beschr?nkungen unterworfen, von deren Einhaltung aller Segen, von deren übertretung alles Unheil für das Land erwartet wurde. Das vollst?ndige Verzeichnis dieser Tabu ist in dem Book of Rights gegeben, dessen ?lteste handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418 tragen. Die Verbote sind ?u?erst detailliert, betreffen gewisse T?tigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; in dieser Stadt darf der K?nig nicht an einem gewissen Wochentag weilen, jenen Flu? nicht um eine genannte Stunde übersetzen, nicht volle neun Tage auf einer gewissen Ebene lagern u. dgl.(56).

Die H?rte der Tabubeschr?nkungen für die Priesterk?nige hat bei vielen wilden V?lkern eine Folge gehabt, die historisch bedeutsam und für unsere Gesichtspunkte besonders interessant ist. Die Priester-K?nigswürde h?rte auf, etwas Begehrenswertes zu sein; wem sie bevorstand, der wandte oft alle Mittel an, um ihr zu entgehen. So wird es auf Combodscha, wo es einen Feuer- und einen Wasserk?nig gibt, oft notwendig, die Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. Auf Nine oder Savage Island, einer Koralleninsel im Stillen Ozean, kam die Monarchie tats?chlich zu Ende, weil sich niemand mehr bereit finden wollte, das verantwortliche und gef?hrliche Amt zu übernehmen. In manchen Teilen von Westafrika wird nach dem Tode des K?nigs ein geheimes Konzil abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen die Wahl f?llt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus im Gewahrsam gehalten, bis er sich bereit erkl?rt hat, die Krone anzunehmen. Gelegentlich findet der pr?sumtive Thronfolger Mittel und Wege, um sich der ihm zugedachten Ehre zu entziehen; so wird von einem H?uptling berichtet, da? er Tag und Nacht Waffen zu tragen pflegte, um jedem Versuch, ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen(57). Bei den Negern von Sierra Leone ward das Widerstreben gegen die Annahme der K?nigswürde so gro?, da? die meisten St?mme gen?tigt waren, Fremde zu ihren K?nigen zu machen.

Frazer führt es auf diese Verh?ltnisse zurück, da? sich in der Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des ursprünglichen Priester-K?nigtums in eine geistliche und weltliche Macht vollzog. Die von der Bürde ihrer Heiligkeit erdrückten K?nige wurden unf?hig, die Herrschaft in realen Dingen auszuüben, und mu?ten diese geringeren, aber tatkr?ftigen Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der K?nigswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die weltlichen Herrscher, w?hrend die nun praktisch bedeutungslose geistliche Oberhoheit den früheren Tabuk?nigen verblieb. Es ist bekannt, wieweit diese Aufstellung in der Geschichte des alten Japans Best?tigung findet.

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven Menschen zu ihren Herrschern überblicken, so regt sich in uns die Erwartung, da? uns der Fortschritt von seiner Beschreibung zu seinem psychoanalytischen Verst?ndnis nicht schwer fallen wird. Diese Beziehungen sind sehr verwickelter Natur und nicht frei von Widersprüchen. Man r?umt den Herrschern gro?e Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie dürfen eben das tun oder genie?en, was den übrigen durch das Tabu vorenthalten ist. Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht aber, da? sie durch andere Tabu beschr?nkt sind, welche auf die gew?hnlichen Individuen nicht drücken. Hier ist also ein erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, zwischen einem Mehr von Freiheit und einem Mehr an Beschr?nkung für dieselben Personen. Man traut ihnen au?erordentliche Zauberkr?fte zu und fürchtet sich deshalb vor der Berührung mit ihren Personen oder ihrem Eigentum, w?hrend man anderseits von diesen Berührungen die wohlt?tigste Wirkung erwartet. Dies scheint ein zweiter besonders greller Widerspruch zu sein; allein wir haben bereits erfahren, da? er nur scheinbar ist. Heilend und schützend wirkt die Berührung, die vom K?nig selbst in wohlwollender Absicht ausgeht; gef?hrlich ist nur die Berührung, die vom gemeinen Mann am K?nig und am K?niglichen verübt wird, wahrscheinlich, weil sie an aggressive Tendenzen mahnen kann. Ein anderer, nicht so leicht aufl?sbarer Widerspruch ?u?ert sich darin, da? man dem Herrscher eine so gro?e Gewalt über die Vorg?nge der Natur zuschreibt und sich doch für verpflichtet h?lt, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen ihm drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine eigene Macht, die so vieles kann, nicht auch dies verm?chte. Eine weitere Erschwerung des Verh?ltnisses stellt sich dann her, indem man dem Herrscher nicht das Zutrauen entgegenbringt, er werde seine ungeheure Macht in der richtigen Weise zum Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden wollen; man mi?traut ihm also und h?lt sich für berechtigt, ihn zu überwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung des K?nigs, seinem Schutz vor Gefahren und dem Schutz der Untertanen vor der Gefahr, die er ihnen bringt, dient gleichzeitig die Tabuetikette, der das Leben des K?nigs unterworfen wird.

Es liegt nahe, folgende Erkl?rung für das komplizierte und widerspruchsvolle Verh?ltnis der Primitiven zu ihren Herrschern zu geben: Aus abergl?ubischen und anderen Motiven kommen in der Behandlung der K?nige mannigfache Tendenzen zum Ausdruck, von denen jede ohne Rücksicht auf die anderen zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen dann die Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden übrigens so wenig Ansto? nimmt wie der der H?chstzivilisierten, wenn es sich nur um Verh?ltnisse der Religion oder der ?Loyalit?t? handelt.

Das w?re soweit gut, aber die psychoanalytische Technik wird gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und N?heres über die Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen auszusagen. Wenn wir den geschilderten Sachverhalt der Analyse unterziehen, gleichsam als ob er sich im Symptombild einer Neurose f?nde, so werden wir zun?chst an das überma? von ?ngstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung des Tabuzeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen überz?rtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangsneurose, die wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, sehr gew?hnlich. Ihre Herkunft ist uns sehr wohl verst?ndlich worden. Sie tritt überall dort auf, wo au?er der vorherrschenden Z?rtlichkeit eine gegens?tzliche aber unbewu?te Str?mung von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall der ambivalenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die Feindseligkeit überschrieen durch eine überm??ige Steigerung der Z?rtlichkeit, die sich als ?ngstlichkeit ?u?ert und die zwanghaft wird, weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewu?te Gegenstr?mung in der Verdr?ngung zu erhalten, nicht genügen würde. Jeder Psychoanalytiker hat es erfahren, mit welcher Sicherheit die ?ngstliche überz?rtlichkeit unter den unwahrscheinlichsten Verh?ltnissen, z. B. zwischen Mutter und Kind oder bei z?rtlichen Eheleuten, diese Aufl?sung gestattet. Auf die Behandlung der privilegierten Personen angewendet, erg?be sich die Einsicht, da? der Verehrung, ja Verg?tterung derselben im Unbewu?ten eine intensive feindselige Str?mung entgegensteht, da? also hier, wie wir es erwartet haben, die Situation der ambivalenten Gefühlseinstellung verwirklicht ist. Das Mi?trauen, welches als Beitrag zur Motivierung der K?nigstabu unabweisbar erscheint, w?re eine andere direktere ?u?erung derselben unbewu?ten Feindseligkeit. Ja, wir w?ren – infolge der Mannigfaltigkeit der Endausg?nge eines solchen Konflikts bei verschiedenen V?lkern – nicht um Beispiele verlegen, in denen uns der Nachweis einer solchen Feindseligkeit noch viel leichter fiele. Die wilden Timmes von Sierra Leone, h?ren wir bei Frazer(58), haben sich das Recht vorbehalten, ihren gew?hlten K?nig am Abend vor seiner Kr?nung durchzuprügeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen Vorrechtes mit solcher Gründlichkeit, da? der unglückliche Herrscher gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht lange Zeit überlebt, daher haben es sich die Gro?en des Volkes zur Regel gemacht, wenn sie einen Groll gegen einen bestimmten Mann haben, diesen zum K?nig zu w?hlen. Immerhin wird auch in solchen grellen F?llen die Feindseligkeit sich nicht als solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell geb?rden.

Ein anderes Stück im Verhalten der Primitiven gegen ihre Herrscher ruft die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, in der Neurose allgemein verbreitet, in dem sogenannten Verfolgungswahn offen zu Tage tritt. Es wird hier die Bedeutung einer bestimmten Person au?erordentlich erh?ht, ihre Machtvollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, was dem Kranken widerf?hrt, aufladen zu k?nnen. Eigentlich verfahren ja die Wilden mit ihren K?nigen nicht anders, wenn sie ihnen die Macht über Regen und Sonnenschein, Wind und Wetter zuschreiben und sie dann absetzen oder t?ten, weil die Natur ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine reife Ernte entt?uscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im Verfolgungswahn wiederherstellt, liegt im Verh?ltnis des Kindes zu seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle in der Vorstellung des Sohnes regelm??ig zu, und es zeigt sich, da? das Mi?trauen gegen den Vater mit seiner Hochsch?tzung innig verknüpft ist. Wenn der Paranoiker eine Person seiner Lebensbeziehungen zu seinem ?Verfolger? ernennt, so hebt er sie damit in die V?terreihe, bringt sie unter die Bedingungen, die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner Empfindung verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen lassen, wie vieles im Verh?ltnis des Wilden zu seinem Herrscher aus der infantilen Einstellung des Kindes zum Vater hervorgehen mag.

Den st?rksten Anhaltspunkt für unsere Betrachtungsweise, welche die Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen will, finden wir aber im Tabuzeremoniell selbst, dessen Bedeutung für die Stellung des K?nigstums vorhin er?rtert wurde. Dieses Zeremoniell tr?gt seinen Doppelsinn und seine Herkunft von ambivalenten Tendenzen unverkennbar zur Schau, wenn wir nur annehmen wollen, da? es die Wirkungen, die es hervorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es zeichnet nicht nur die K?nige aus und erhebt sie über alle gew?hnlichen Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur Qual und zur unertr?glichen Bürde und zwingt sie in eine Knechtschaft, die weit ?rger ist als die ihrer Untertanen. Es erscheint uns so als das richtige Gegenstück zur Zwangshandlung der Neurose, in der sich der unterdrückte Trieb und der ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen Befriedigung treffen. Die Zwangshandlung ist angeblich ein Schutz gegen die verbotene Handlung; wir m?chten aber sagen, sie ist eigentlich die Wiederholung des Verbotenen. Das ?angeblich? wendet sich hier der bewu?ten, das ?eigentlich? der unbewu?ten Instanz des Seelenlebens zu. So ist auch das Tabuzeremoniell der K?nige angeblich die h?chste Ehrung und Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für ihre Erh?hung, die Rache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die Erfahrungen, die Sancho Pansa bei Cervantes als Gouverneur auf seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auffassung des h?fischen Zeremoniells als die einzig zutreffende erkennen lassen. Es ist sehr wohl m?glich, da? wir weitere Zustimmungen zu h?ren bek?men, wenn wir K?nige und Herrscher von heute zur ?u?erung darüber veranlassen k?nnten.

Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen so m?chtigen unbewu?ten Beitrag von Feindseligkeit enthalten sollte, ist ein sehr interessantes, aber die Grenzen dieser Arbeit überschreitendes Problem. Den Hinweis auf den infantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben; fügen wir hinzu, da? die Verfolgung der Vorgeschichte des K?nigtums uns die entscheidenden Aufkl?rungen bringen mü?te. Nach Frazers eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugest?ndnis nicht ganz zwingenden Er?rterungen waren die ersten K?nige Fremde, die nach kurzer Herrschaft zum Opfertod bei feierlichen Festen als Repr?sentanten der Gottheit bestimmt waren(59). Noch die Mythen des Christentums w?ren von der Nachwirkung dieser Entwicklungsgeschichte der K?nige berührt.

c) Das Tabu der Toten.

Wir wissen, da? die Toten m?chtige Herrscher sind; wir werden vielleicht erstaunt sein zu erfahren, da? sie als Feinde betrachtet werden.

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des Vergleiches mit der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten primitiven V?lkern eine besondere Virulenz. Es ?u?ert sich zun?chst in den Folgen, welche die Berührung des Toten nach sich zieht, und in der Behandlung der um den Toten Trauernden. Bei den Maori war jeder, der eine Leiche berührt oder an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, aufs ?u?erste unrein und nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mitmenschen, sozusagen boykottiert. Er konnte kein Haus betreten, keiner Person oder Sache nahe kommen, ohne sie mit der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte nicht einmal Nahrung mit seinen H?nden berühren, diese waren ihm durch ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man stellte ihm das Essen auf den Boden hin, und ihm blieb nichts übrig, als sich dessen mit den Lippen und den Z?hnen, so gut es eben ging, zu bem?chtigen, w?hrend er seine H?nde nach dem Rücken gebogen hielt. Gelegentlich war es erlaubt, da? eine andere Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem Arm tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber diese Hilfsperson war dann selbst Einschr?nkungen unterworfen, die nicht viel weniger drückend waren als die eigenen. Es gab wohl in jedem Dorf ein ganz verkommenes, von der Gesellschaft ausgesto?enes Individuum, das in der armseligsten Weise von sp?rlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war es allein gestattet, sich auf Armesl?nge dem zu n?hern, der die letzte Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War aber dann die Zeit der Abschlie?ung vorüber, und durfte der durch die Leiche Verunreinigte sich wieder unter seine Genossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen er sich in der gef?hrlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles Zeug weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war.

Die Tabugebr?uche nach der k?rperlichen Berührung von Toten sind in ganz Polynesien, Melanesien und in einem Teil von Afrika die n?mlichen; ihr konstantestes Stück ist das Verbot, Nahrung selbst zu berühren, und die sich daraus ergebende Notwendigkeit, von anderen gefüttert zu werden. Es ist bemerkenswert, da? in Polynesien oder vielleicht nur in Hawaii(60) Priesterk?nige w?hrend der Ausübung heiliger Handlungen derselben Beschr?nkung unterlagen. Bei den Tabu der Toten auf Tonga tritt die Abstufung und allm?hliche Aufhebung der Verbote durch die eigene Tabukraft sehr deutlich hervor. Wer den Leichnam eines toten H?uptlings berührt hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst ein H?uptling war, nur durch drei, vier oder fünf Monate, je nach dem Rang des Verstorbenen; aber wenn es sich um die Leiche des verg?tterten Oberh?uptlings handelte, wurden selbst die gr??ten H?uptlinge durch zehn Monate tabu. Die Wilden glauben fest daran, da?, wer solche Tabuvorschriften übertritt, schwer erkranken und sterben mu?, so fest, da? sie nach der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch gewagt haben, sich vom Gegenteil zu überzeugen(61).

Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke interessanter sind die Tabubeschr?nkungen jener Personen, deren Berührung mit den Toten in übertragenem Sinne zu verstehen ist, der trauernden Angeh?rigen, der Witwer und Witwen. Sehen wir in den bisher erw?hnten Vorschriften nur den typischen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsf?higkeit des Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive der Tabu durch, und zwar sowohl die vorgeblichen als auch solche, die wir für die tiefliegenden, echten halten dürfen.

Bei den Shuswap in Britisch-Columbia müssen Witwen und Witwer w?hrend ihrer Trauerzeit abgesondert leben; sie dürfen weder ihren eigenen K?rper noch ihren Kopf mit ihren H?nden berühren; alles Geschirr, dessen sie sich bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogen. Kein J?ger wird sich der Hütte, in welcher solche Trauernde wohnen, n?hern wollen, denn das br?chte ihm Unglück; wenn der Schatten eines Trauernden auf ihn fallen würde, mü?te er erkranken. Die Trauernden schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr Bett mit solchen. Diese letztere Ma?regel ist dazu bestimmt, den Geist des Verstorbenen fernzuhalten, und noch deutlicher ist wohl der von anderen nordamerikanischen St?mmen berichtete Gebrauch der Witwe, eine Zeitlang nach dem Tode des Mannes ein hosenartiges Kleidungsstück aus trockenem Gras zu tragen, um sich unzug?nglich für die Ann?herung des Geistes zu machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, da? die Berührung ?im übertragenen Sinne? doch nur als ein k?rperlicher Kontakt verstanden wird, da der Geist des Verstorbenen nicht von seinen Angeh?rigen weicht, nicht abl??t, sie w?hrend der Zeit der Trauer zu ?umschweben?.

Bei den Agutainos, die auf Palawan, einer der Philippinen, wohnen, darf eine Witwe ihre Hütte die ersten sieben oder acht Tage nach dem Todesfall nicht verlassen, es sei denn zur Nachtzeit, wenn sie Begegnungen nicht zu erwarten hat. Wer sie erschaut, ger?t in Gefahr augenblicklich zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer Ann?herung, indem sie bei jedem Schritt mit einem h?lzernen Stab gegen die B?ume schl?gt; diese B?ume aber verdorren. Worin die Gef?hrlichkeit einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns durch eine andere Beobachtung erl?utert. Im Mekeobezirk von Britisch-Neuguinea wird ein Witwer aller bürgerlichen Rechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein Ausgesto?ener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht ?ffentlich zeigen, das Dorf und die Stra?e nicht betreten. Er schleicht wie ein wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, und mu? sich im Dickicht verstecken, wenn er jemanden, besonders aber ein Weib, herannahen sieht. Diese letztere Andeutung macht es uns leicht, die Gef?hrlichkeit des Witwers oder der Witwe auf die Gefahr der Versuchung zurückzuführen. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll dem Begehren nach einem Ersatz ausweichen; die Witwe hat mit demselben Wunsch zu k?mpfen und mag überdies als herrenlos die Begehrlichkeit anderer M?nner erwecken. Jede solche Ersatzbefriedigung l?uft gegen den Sinn der Trauer; sie mü?te den Zorn des Geistes auflodern lassen(62).

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabugebr?uche der Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den Namen des Verstorbenen auszusprechen. Es ist ungemein verbreitet, hat mannigfaltige Ausführungen erfahren und bedeutsame Konsequenzen gehabt.

Au?er bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die Tabugebr?uche in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, findet sich dies Verbot bei so entfernten und einander so fremden V?lkern wie die Samojeden in Sibirien und die Todas in Südindien, die Mongolen der Tartarei und die Tuaregs der Sahara, die Aino in Japan und die Akamba und Nandi in Zentralafrika, die Tinguanen auf den Philippinen und die Einwohner der Nikobarischen Inseln, von Madagaskar und Borneo(63). Bei einigen dieser V?lker gilt das Verbot und die aus ihm sich ableitenden Folgen nur für die Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es permanent, doch scheint es in allen F?llen mit der Entfernung vom Zeitpunkte des Todesfalles abzublassen.

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel au?erordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen südamerikanischen St?mmen als die schwerste Beleidigung der überlebenden, den Namen des verstorbenen Angeh?rigen vor ihnen auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die für eine Mordtat selbst festgesetzte(64). Warum die Nennung des Namens so verabscheut werden sollte, ist zun?chst nicht leicht zu erraten, aber die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die Masai in Afrika auf die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tode zu ?ndern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen erw?hnt werden, w?hrend alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es scheint dabei vorausgesetzt, da? der Geist seinen neuen Namen nicht kennt und nicht erfahren wird. Die australischen St?mme an der Adelaide und der Encounter Bay sind in ihrer Vorsicht so konsequent, da? nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen gegen einen anderen vertauschen, welche ebenso oder sehr ?hnlich gehei?en haben wie der Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erw?gung die Namens?nderung nach einem Todesfall bei allen Angeh?rigen des Verstorbenen vorgenommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, so bei einigen St?mmen in Victoria und in Nordwestamerika. Ja bei den Guaycurus in Paraguay pflegte der H?uptling bei so traurigem Anla? allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen h?tten(65).

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den angeführten V?lkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen erinnert werde. Daraus mu?te sich eine nie zur Ruhe kommende Ver?nderung des Sprachschatzes ergeben, die den Mission?ren Schwierigkeiten genug bereitete, besonders wo die Namensverp?nung eine permanente war. In den sieben Jahren, die der Mission?r Dobrizhofer bei den Abiponen in Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abge?ndert, und die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten ?hnliche Schicksale(66). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem Verstorbenen angeh?rt hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin aus, da? man alles zu erw?hnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, da? diese V?lker keine Tradition, keine historischen Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die gr??ten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser primitiven V?lker haben sich aber auch kompensierende Gebr?uche eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die Wiedergeburt der Toten betrachtet werden.

Das Befremdende dieses Namentabu erm??igt sich, wenn wir daran gemahnt werden, da? für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein wichtiger Besitz der Pers?nlichkeit ist, da? sie dem Worte volle Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme einer bedeutungslosen Wort?hnlichkeit begnügen, sondern konsequent schlie?en, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so mü?te damit eine tiefgehende übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten seines Benehmens noch erraten, da? er von dem Voll- und Wichtignehmen der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und da? sein Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anla? findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewu?ten Denkt?tigkeit hinzuweisen(67). Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die volle ?Komplexempfindlichkeit? gegen das Aussprechen und Anh?ren bestimmter Worte und Namen (?hnlich wie auch andere Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er k?nnte in jemandes Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes von ihrer Pers?nlichkeit gekommen w?re. In der krampfhaften Treue, durch die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mu?te, hatte sie sich das Gebot geschaffen, ?nichts von ihrer Person herzugeben?. Dazu geh?rte zun?chst der Name, in weiterer Ausdehnung die Handschrift, und darum gab sie schlie?lich das Schreiben auf.

So finden wir es nicht mehr auff?llig, wenn von den Wilden der Name des Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten l??t sich auf die Berührung mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem Tabu betroffen ist.

Die naheliegendste Erkl?rung würde auf das natürliche Grauen hinweisen, welches der Leichnam und die Ver?nderungen, die alsbald an ihm bemerkt werden, erregt. Daneben mü?te man der Trauer um den Toten einen Platz einr?umen, als Motiv für alles, was sich auf diesen Toten bezieht. Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erkl?ren, da? die Erw?hnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinterbliebene ist. Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu besch?ftigen, sein Andenken auszuarbeiten und für m?glichst lange Zeit zu erhalten. Für die Eigentümlichkeiten der Tabugebr?uche mu? etwas anderes als die Trauer verantwortlich gemacht werden, was offenbar andere Absichten als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch unbekannte Motiv, und sagten es die Gebr?uche nicht, so würden wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren.

Sie machen n?mlich keinen Hehl daraus, da? sie sich vor der Gegenwart und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen fürchten; sie üben eine Menge von Zeremonien, um ihn fernzuhalten, ihn zu vertreiben(68). Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschw?rung, der seine Gegenwart auf dem Fu?e folgen wird(69). Sie tun darum folgerichtig alles, um einer solchen Beschw?rung und Erweckung aus dem Wege zu gehen. Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne(70), oder sie entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unm?glich, der Folgerung auszuweichen, da? sie nach Wundts Ausdruck, an der Furcht ?vor seiner zum D?mon gewordenen Seele? leiden(71).

Mit dieser Einsicht w?ren wir bei der Best?tigung der Auffassung Wundts angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir geh?rt haben, in der Angst vor den D?monen findet.

Die Voraussetzung dieser Lehre, da? das teure Familienmitglied mit dem Augenblicke seines Todes zum D?mon wird, von dem die Hinterbliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen b?se Gelüste sie sich mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, da? man ihr zun?chst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle ma?gebenden Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben. Westermarck, der in seinem Werke: ?Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe? dem Tabu, nach meiner Sch?tzung, viel zu wenig Beachtung schenkt, ?u?ert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt: ?überhaupt l??t mich mein Tatsachenmaterial den Schlu? ziehen, da? die Toten h?ufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden(72) und da? Jevons und Grant Allen im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt, die B?swilligkeit der Toten richte sich in der Regel nur gegen Fremde, w?hrend sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und Clangenossen v?terlich besorgt seien.?

R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten V?lkern zur Darstellung des Verh?ltnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet(73). Es gipfelt auch nach ihm in der überzeugung, da? die Toten mordlustig die Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten t?ten; das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird, stellt dar, da? der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlte sich der Lebendige vor der Nachstellung der Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat. Daher begrub man die Toten gern auf Inseln, brachte sie auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits sind hievon ausgegangen. Eine sp?tere Milderung hat die B?swilligkeit der Toten auf jene Kategorien beschr?nkt, denen man ein besonderes Recht zum Groll einr?umen mu?te, auf die Ermordeten, die ihren M?rder als b?se Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen wie die Br?ute. Aber ursprünglich, meint Kleinpaul, waren alle Toten Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff eines b?sen Geistes geliefert.

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu D?monen, l??t offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine solche Sinnes?nderung zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu D?monen? Westermarck glaubt, diese Frage leicht zu beantworten(74). ?Da der Tod zumeist für das schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt man, da? die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal ?u?erst unzufrieden seien. Nach Auffassung der Naturv?lker stirbt man nur durch T?tung, sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angeh?rigen – es ist daher begreiflich, da? sie trachtet, sie durch Krankheiten zu t?ten, um mit ihnen vereinigt zu werden ...

... Eine weitere Erkl?rung der B?sartigkeit, die man den Seelen zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.?

Das Studium der psychoneurotischen St?rungen weist uns auf eine umfassendere Erkl?rung hin, welche die Westermarcksche miteinschlie?t.

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, da? die überlebende von peinigenden Bedenken, die wir ?Zwangsvorwürfe? hei?en, befallen wird, ob sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachl?ssigkeit den Tod der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie sorgf?ltig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher F?lle hat uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben erfahren, da? diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachl?ssigung wirklich begangen h?tte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewu?ter Wunsch, der mit dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt h?tte, wenn er im Besitze der Macht gewesen w?re. Gegen diesen unbewu?ten Wunsch reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im Unbewu?ten versteckte Feindseligkeit hinter z?rtlicher Liebe gibt es nun in fast allen F?llen von intensiver Bindung des Gefühls an eine bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise ist es nicht so viel, da? die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus entstehen k?nnen. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich gerade im Verh?ltnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Ma? solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz ausgezeichnet.

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche D?monentum der frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erkl?ren kann. Wenn wir annehmen, da? dem Gefühlsleben der Primitiven ein ?hnlich hohes Ma? von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verst?ndlich, da? nach dem schmerzlichen Verlust eine ?hnliche Reaktion gegen die im Unbewu?ten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewu?ten als Befriedigung über den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir hei?en diesen im normalen wie im krankhaften Seelenleben h?ufigen Abwehrvorgang eine Projektion. Der überlebende leugnet nun, da? er je feindselige Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer zu bet?tigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion darin ?u?ern, da? man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich Einschr?nkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzma?regeln gegen den feindlichen D?mon verkleidet. Wir finden so wiederum, da? das Tabu auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatz zwischen dem bewu?ten Schmerz und der unbewu?ten Befriedigung über den Todesfall her. Bei dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverst?ndlich, da? gerade die n?chsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu fürchten haben.

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiesp?ltig wie die neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als Einschr?nkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote ist wehrlos, das mu? zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm reizen, und dieser Versuchung mu? das Verbot entgegengesetzt werden.

Westermarck hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten lassen will. Für das unbewu?te Denken ist auch der ein Gemordeter, der eines natürlichen Todes gestorben ist; die b?sen Wünsche haben ihn get?tet. (Vgl. die n?chste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Tr?ume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) interessiert, der wird beim Tr?umer, beim Kind und beim Wilden die volle übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die n?mliche Gefühlsambivalenz, feststellen k?nnen.

Wir haben vorhin einer Auffassung von Wundt widersprochen, welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den D?monen findet, und doch haben wir soeben der Erkl?rung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die Furcht vor der zum D?mon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn aufzul?sen. Wir haben die D?monen zwar angenommen, aber nicht als etwas Letztes und für die Psychologie Unaufl?sbares gelten lassen. Wir sind gleichsam hinter die D?monen gekommen, indem wir sie als Projektionen der feindseligen Gefühle erkennen, welche die überlebenden gegen die Toten hegen.

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiesp?ltigen – z?rtlichen und feindseligen – Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegens?tzen mu? es zum Konflikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit – ganz oder zum gr??eren Anteile –, unbewu?t ist, kann der Ausgang des Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensit?ten voneinander mit bewu?ter Einsetzung des überschusses bestehen, etwa wie man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kr?nkung verzeiht. Der Proze? erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychischen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als Projektion zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts wei? und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Au?enwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gel?st und der anderen zugeschoben. Nicht wir, die überlebenden, freuen uns jetzt darüber, da? wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn, aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein b?ser D?mon geworden, dem unser Unglück Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht. Die überlebenden müssen sich nun gegen diesen b?sen Feind verteidigen; sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine Bedr?ngnis von au?en eingetauscht.

Es ist nicht abzuweisen, da? dieser Projektionsvorgang, welcher die Verstorbenen zu b?swilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer H?rte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der z?rtlichsten Beziehungen unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach zugehen, da? uns dieses Moment für sich allein die Projektionssch?pfung der D?monen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen enthalten gewi? einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der überlebenden, aber sie w?ren unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit aus ihnen erfolgt w?re, und der Zeitpunkt ihres Todes w?re gewi? der ungeeignetste Anla?, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man ihnen zu machen berechtigt war. Wir k?nnen die unbewu?te Feindseligkeit als das regelm??ig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht entbehren. Diese feindselige Str?mung gegen die n?chsten und teuersten Angeh?rigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das hei?t sich dem Bewu?tsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und geha?ten Personen war dies nicht mehr m?glich, der Konflikt wurde akut. Die aus der gesteigerten Z?rtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es nicht zulassen, da? sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung ergebe. Somit kam es zur Verdr?ngung der unbewu?ten Feindseligkeit auf dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die Furcht vor der Bestrafung durch die D?monen Ausdruck findet, und mit dem zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Sch?rfe, so da? das Tabu dieser Toten sich abschw?chen oder in Vergessenheit versinken darf.

4.

Haben wir so den Boden gekl?rt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht vers?umen, einige Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Verst?ndnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll werden k?nnen.

Die Projektion der unbewu?ten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die D?monen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorg?ngen, denen der gr??te Einflu? auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens zugesprochen werden mu?. In dem betrachteten Falle dient die Projektion der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die n?mliche Verwendung in einer gro?en Anzahl von psychischen Situationen, die zur Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, sie kommt auch zu stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer Wahrnehmungen nach au?en ist ein primitiver Mechanismus, dem z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der Gestaltung unserer Au?enwelt normalerweise den gr??ten Anteil hat. Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorg?ngen wie die Sinneswahrnehmungen nach au?en projiziert, zur Ausgestaltung der Au?enwelt verwendet, w?hrend sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es h?ngt dies vielleicht genetisch damit zusammen, da? die Funktion der Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der Au?enwelt zustr?menden Reizen zugewendet war, und von den endopsychischen Vorg?ngen nur die Nachrichten über Lust- und Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der Wortvorstellungen mit inneren Vorg?ngen, wurden diese selbst allm?hlich wahrnehmungsf?hig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch Projektion innerer Wahrnehmungen nach au?en ein Bild der Au?enwelt entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewu?tseinswahrnehmung in Psychologie zurückübersetzen müssen.

Die Projektion der eigenen b?sen Regungen in die D?monen ist nur ein Stück eines Systems, welches die ?Weltanschauung? der Primitiven geworden ist, und das wir in der n?chsten Abhandlung dieser Reihe als das ?animistische? kennen lernen werden. Wir werden dann die psychologischen Charaktere einer solchen Systembildung festzustellen haben und unsere Anhaltspunkte wiederum in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen vorl?ufig nur verraten, da? die sogenannte ?sekund?re Bearbeitung? des Trauminhalts das Vorbild für alle diese Systembildungen ist. Vergessen wir auch nicht daran, da? es vom Stadium der Systembildung an zweierlei Ableitungen für jeden vom Bewu?tsein beurteilten Akt gibt, die systematische und die reale, aber unbewu?te(75).

Wundt(76) bemerkt, da? ?unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten den D?monen zuschreibt, zun?chst die unheilvollen überwiegen, so da? im Glauben der V?lker sichtlich die b?sen D?monen ?lter sind als die guten?. Es ist nun sehr wohl m?glich, da? der Begriff des D?mons überhaupt aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde. Die diesem Verh?ltnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin ge?u?ert, da? sie aus der n?mlichen Wurzel zwei v?llig entgegengesetzte psychische Bildungen hervorgehen lie?: D?monen- und Gespensterfurcht einerseits, die Ahnenverehrung anderseits(77). Da? die D?monen stets als die Geister kürzlich Verstorbener gefa?t werden, bezeugt wie nichts anderes den Einflu? der Trauer auf die Entstehung des D?monenglaubens. Die Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die Erinnerungen und Erwartungen der überlebenden von den Toten abl?sen. Ist diese Arbeit geschehen, so l??t der Schmerz nach, mit ihm die Reue und der Vorwurf und darum auch die Angst vor dem D?mon. Dieselben Geister aber, die zun?chst als D?monen gefürchtet wurden, gehen nun der freundlicheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur Hilfeleistung angerufen zu werden.

überblickt man das Verh?ltnis der überlebenden zu den Toten im Wandel der Zeiten, so ist es unverkennbar, da? dessen Ambivalenz au?erordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die unbewu?te, immer noch nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten niederzuhalten, ohne da? es eines besonderen seelischen Aufwandes hiefür bedürfte. Wo früher der befriedigte Ha? und die schmerzhafte Z?rtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt sich heute wie eine Narbenbildung die Piet?t und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer Teuren durch Anf?lle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die alte ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem Wege diese ?nderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle ?nderung und reale Besserung der famili?ren Beziehungen in deren Verursachung teilen, das braucht hier nicht er?rtert zu werden. Aber man k?nnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, es sei den Seelenregungen der Primitiven überhaupt ein h?heres Ma? von Ambivalenz zuzugestehen, als bei dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist. Mit der Abnahme dieser Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das Kompromi?symptom des Ambivalenzkonfliktes. Von den Neurotikern, welche gen?tigt sind, diesen Kampf und das aus ihm hervorgehende Tabu zu reproduzieren, würden wir sagen, da? sie eine archaistische Konstitution als atavistischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem seelischen Aufwand zwingt.

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden Auskunft, welche uns Wundt über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu: heilig und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu heilig und unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das D?monische bezeichnet, das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch beweise diese bleibende Gemeinschaft, da? zwischen den beiden Gebieten des Heiligen und des Unreinen eine ursprüngliche übereinstimmung obwalte, die erst sp?ter einer Differenzierung gewichen sei.

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Er?rterungen mühelos ab, da? dem Worte Tabu von allem Anfang an die erw?hnte Doppelbedeutung zukommt, da? es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles dessen, was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. Tabu ist selbst ein ambivalentes Wort, und nachtr?glich meinen wir, man h?tte aus dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten k?nnen, was sich als Ergebnis weitl?ufiger Untersuchung herausgestellt hat, da? das Tabuverbot als das Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist. Das Studium der ?ltesten Sprachen hat uns belehrt, da? es einst viele solche Worte gab, welche Gegens?tze in sich fa?ten, in gewissem – wenn auch nicht in ganz dem n?mlichen Sinne – wie das Wort Tabu ambivalent waren(78). Geringe lautliche Modifikationen des gegensinnigen Urwortes haben sp?ter dazu gedient, um den beiden hier vereinigten Gegens?tzen einen gesonderten sprachlichen Ausdruck zu schaffen.

Das Wort Tabu hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst, respektive sind die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden. Ich hoffe, in sp?terem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu k?nnen, da? sich hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare historische Wandlung verbirgt, da? das Wort zuerst an ganz bestimmten menschlichen Relationen haftete, denen die gro?e Gefühlsambivalenz eigen war, und da? es von hier aus auf andere, analoge Relationen ausgedehnt wurde.

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verst?ndnis des Tabu auch ein Licht auf die Natur und Entstehung des Gewissens. Man kann ohne Dehnung der Begriffe von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewu?tsein nach übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die ?lteste Form, in welcher uns das Ph?nomen des Gewissens entgegentritt.

Denn was ist ?Gewissen?? Nach dem Zeugnis der Sprache geh?rt es zu dem, was man am gewissesten wei?; in manchen Sprachen scheidet sich seine Bezeichnung kaum von der des Bewu?tseins.

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in uns bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, da? diese Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, da? sie ihrer selbst gewi? ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewu?tsein, der Wahrnehmung der inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir bestimmte Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, mu? die Berechtigung der Verurteilung, den Vorwurf wegen der vollzogenen Handlung, in sich verspüren. Diesen n?mlichen Charakter zeigt aber das Verhalten der Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot, seine Verletzung l??t ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso selbstverst?ndlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(79).

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die Zwangsneurose geltend gemachten Bedingungen, da? das eine Glied des Gegensatzes unbewu?t sei und durch das zwanghaft herrschende andere verdr?ngt erhalten werde. Zu diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, da? im Charakter der Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Gewissenhaftigkeit hervortritt als Reaktionssymptom gegen die im Unbewu?ten lauernde Versuchung, und da? bei Steigerung des Krankseins die h?chsten Grade von Schuldbewu?tsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des Schuldbewu?tseins ergründen k?nnen, so haben wir überhaupt keine Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die L?sung dieser Aufgabe gelingt nun beim einzelnen neurotischen Individuum; für die V?lker getrauen wir uns eine ?hnliche L?sung zu erschlie?en.

Zweitens mu? es uns auffallen, da? das Schuldbewu?tsein viel von der Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als ?Gewissensangst? beschrieben werden. Die Angst deutet aber auf unbewu?te Quellen hin; wir haben aus der Neurosenpsychologie gelernt, da?, wenn Wunschregungen der Verdr?ngung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu wollen wir erinnern, da? auch beim Schuldbewu?tsein etwas unbekannt und unbewu?t ist, n?mlich die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten entspricht der Angstcharakter des Schuldbewu?tseins.

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten ?u?ert, so ist eine überlegung denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverst?ndlich und bedürfe keines weitl?ufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, da? ihm eine positive, begehrende Str?mung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun begehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls mu? das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch Gegenstand eines Begehrens sein. Wenden wir diesen plausiblen Satz auf unsere Primitiven an, so mü?ten wir schlie?en, es geh?re zu ihren st?rksten Versuchungen, ihre K?nige und Priester zu t?ten, Inzest zu verüben, ihre Toten zu mi?handeln u. dgl. Das ist nun kaum wahrscheinlich; den entschiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir den n?mlichen Satz an den F?llen messen, in welchen wir selbst die Stimme des Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, da? wir nicht die geringste Versuchung verspüren, eines dieser Gebote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht morden, und da? wir vor der übertretung desselben nichts anderes verspüren als Abscheu.

Mi?t man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig – das Tabu sowohl wie unser Moralverbot –, anderseits bleibt die Tatsache des Gewissens unerkl?rt und die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und Neurose entfallen; es ist also jener Zustand unseres Verst?ndnisses hergestellt, der auch gegenw?rtig besteht, solange wir nicht psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden.

Wenn wir aber der durch Psychoanalyse – an den Tr?umen Gesunder – gefundenen Tatsache Rechnung tragen, da? die Versuchung, den anderen zu t?ten, auch bei uns st?rker und h?ufiger ist, als wir ahnen, und da? sie psychische Wirkungen ?u?ert, auch wo sie sich unserem Bewu?tsein nicht kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker die Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verst?rkten Impuls zu morden erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz: Wo ein Verbot vorliegt, mü?te ein Begehren dahinter sein, mit neuer Sch?tzung zurückkehren. Wir werden annehmen, da? dies Begehren, zu morden, tats?chlich im Unbewu?ten vorhanden ist, und da? das Tabu wie das Moralverbot psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch die ambivalente Einstellung gegen den Mordimpuls erkl?rt und gerechtfertigt wird.

Der eine so h?ufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses Ambivalenzverh?ltnisses, da? die positive begehrende Str?mung eine unbewu?te ist, er?ffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenh?nge und Erkl?rungsm?glichkeiten. Die psychischen Vorg?nge im Unbewu?ten sind nicht durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewu?ten Seelenleben bekannt sind, sondern genie?en gewisse beachtenswerte Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewu?ter Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine ?u?erung finden; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich ursprünglich auf andere Personen und Relationen bezogen haben und durch den Mechanismus der Verschiebung dorthin gelangt sein, wo er uns auff?llt. Er kann ferner dank der Unzerst?rbarkeit und Unkorrigierbarkeit unbewu?ter Vorg?nge aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in sp?tere Zeiten und Verh?ltnisse hinübergerettet werden, in denen seine ?u?erungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur Andeutungen, aber eine sorgf?ltige Ausführung derselben würde zeigen, wie wichtig sie für das Verst?ndnis der Kulturentwicklung werden k?nnen.

Zum Schlusse dieser Er?rterungen wollen wir eine sp?tere Untersuchungen vorbereitende Bemerkung nicht vers?umen. Wenn wir auch an der Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen wir doch nicht bestreiten, da? eine psychologische Verschiedenheit zwischen beiden bestehen mu?. Eine Ver?nderung in den Verh?ltnissen der grundlegenden Ambivalenz kann allein die Ursache sein, da? das Verbot nicht mehr in der Form des Tabu erscheint.

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuph?nomene von den nachweisbaren übereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale Bildung; somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin der prinzipielle Unterschied der Neurose von einer Kultursch?pfung wie das Tabu zu suchen ist.

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen. Von der übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe befürchtet, meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe droht nun dem, der sich die übertretung hat zu Schulden kommen lassen. Bei der Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für sich, sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt gelassen ist, aber durch die Analyse leicht als eine der ihm n?chsten und von ihm geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verh?lt sich also hiebei wie altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die Tabuübertretung sich im Misset?ter nicht spontan ger?cht hat, dann erwacht bei den Wilden ein kollektives Gefühl, da? sie durch den Frevel alle bedroht w?ren, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus dieser Solidarit?t zu erkl?ren. Die Angst vor dem ansteckenden Beispiel, vor der Versuchung zur Nachahmung, also vor der Infektionsf?higkeit des Tabu ist hier im Spiele. Wenn einer es zu stande gebracht hat, das verdr?ngte Begehren zu befriedigen, so mu? sich in allen Gesellschaftsgenossen das gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, mu? der eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses gebracht werden, und die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit, unter der Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und sie hat, wie gewi? richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen beim Verbrecher wie bei der r?chenden Gesellschaft zur Voraussetzung.

Die Psychoanalyse best?tigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der Neurose erkl?ren, die nichts für sich und alles für eine geliebte Person fürchtet? Die analytische Untersuchung zeigt, da? er nicht prim?r ist. Ursprünglich, das hei?t zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung wie bei den Wilden der eigenen Person; man fürchtete in jedem Falle für sein eigenes Leben; erst sp?ter wurde die Todesangst auf eine andere geliebte Person verschoben. Der Vorgang ist einigerma?en kompliziert, aber wir übersehen ihn vollst?ndig. Zu Grunde der Verbotbildung liegt regelm??ig eine b?se Regung – ein Todeswunsch – gegen eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdr?ngt, das Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige gegen die geliebte Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung dieser Handlung mit der Todesstrafe bedroht. Aber der Proze? geht weiter, und der ursprüngliche Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann durch die Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also so z?rtlich altruistisch erweist, so kompensiert sie damit nur die ihr zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung eines brutalen Egoismus. Hei?en wir die Gefühlsregungen, die durch die Rücksicht auf den anderen bestimmt werden und ihn nicht selbst zum Sexualobjekt nehmen, soziale, so k?nnen wir das Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als einen sp?ter durch überkompensation verhüllten Grundzug der Neurose herausheben.

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an einem anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum Vorschein bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die gr??te ?hnlichkeit mit der Berührungsangst der Neurotiker, dem Délire de toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelm??ig um das Verbot sexueller Berührung, und die Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt, da? die Triebkr?fte, welche in der Neurose abgelenkt und verschoben werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere des Angreifens, der Bem?chtigung, des Geltendmachens der eigenen Person. Wenn es verboten ist, den H?uptling oder etwas, was mit ihm in Berührung war, selbst zu berühren, so soll damit demselben Impuls eine Hemmung angelegt werden, der sich andere Male in der argw?hnischen überwachung des H?uptlings, ja in seiner k?rperlichen Mi?handlung vor der Kr?nung (s. o.) zum Ausdruck bringt. Somit ist das überwiegen der sexuellen Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose charakteristische Moment. Die sozialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten entstanden.

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose l??t sich bereits erraten, welches das Verh?ltnis der einzelnen Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der Neurosenpsychologie für das Verst?ndnis der Kulturentwicklung wichtig wird.

Die Neurosen zeigen einerseits auff?llige und tiefreichende übereinstimmungen mit den gro?en sozialen Produktionen der Kunst, der Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen derselben. Man k?nnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstsch?pfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems. Diese Abweichung führt sich in letzter Aufl?sung darauf zurück, da? die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erf?hrt man, da? in ihnen die Triebkr?fte sexueller Herkunft den bestimmenden Einflu? ausüben, w?hrend die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen, solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile hervorgegangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht im stande, die Menschen in ?hnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu einigen; die Sexualbefriedigung ist zun?chst die Privatsache des Individuums.

Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realit?t in eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser, vom Neurotiker gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der Realit?t ist gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen Gemeinschaft.

Chapter 3 ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN.

1.

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, da? sie dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie beschr?nken sich darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne Vorschl?ge, die er bei seiner Arbeit in Erw?gung ziehen soll. Dieser Mangel wird sich aufs ?u?erste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln will(80).

Animismus im engeren Sinne hei?t die Lehre von den Seelenvorstellungen, im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unterscheidet noch Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name Animismus, früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, scheint seine gegenw?rtige Bedeutung durch E. B. Tylor erhalten zu haben(81).

Was zur Aufstellung dieser Namen Anla? gegeben hat ist die Einsicht in die h?chst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten primitiven V?lker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden. Diese bev?lkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen wohlwollend oder übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und D?monen die Verursachung der Naturvorg?nge zu und halten nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser primitiven ?Naturphilosophie? erscheint uns weit weniger auff?llig, weil wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, w?hrend wir doch die Existenz der Geister sehr eingeschr?nkt haben und die Naturvorg?nge heute durch die Annahme unpers?nlicher physikalischer Kr?fte erkl?ren. Die Primitiven glauben n?mlich an eine ?hnliche ?Beseelung? auch der menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen, welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern k?nnen; diese Seelen sind die Tr?ger der geistigen T?tigkeiten und bis zu einem gewissen Grad von den ?Leibern? unabh?ngig. Ursprünglich wurden die Seelen als sehr ?hnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu einem hohen Grad von ?Vergeistigung? abgestreift(82).

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, da? diese Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen Systems sind, da? die Geister nur selbst?ndig gewordenen Seelen entsprechen, und da? auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den Menschenseelen gebildet wurden.

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht? Man meint, durch die Beobachtung der Ph?nomene des Schlafes (mit dem Traum) und des ihm so ?hnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zust?nde zu erkl?ren. Vor allem mü?te das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden sein. Für den Primitiven w?re die Fortdauer des Lebens – die Unsterblichkeit – das Selbstverst?ndliche. Die Vorstellung des Todes ist etwas sp?t und nur z?gernd Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. über den Anteil, den andere Beobachtungen und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt haben m?gen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu keinem Abschlu? gelangte Diskussionen stattgefunden(83).

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Ph?nomene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte der Au?enwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus natürlich und weiter nicht r?tselhaft beurteilt. Wundt ?u?ert angesichts der Tatsache, da? sich die n?mlichen animistischen Vorstellungen bei den verschiedensten V?lkern und zu allen Zeiten übereinstimmend gezeigt haben, dieselben ?seien das notwendige psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewu?tseins und der primitive Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des menschlichen Naturzustandes gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist(84)?. Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume in seiner ?Natural History of Religion? gegeben, indem er schrieb: ?There is an universal tendency among mankind to conceive all beings like themselves and to transfer to every object those qualities with which they are familiarly acquainted and of which they are intimately conscious(85).?

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erkl?rung eines einzelnen Ph?nomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei gro?e Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die animistische (mythologische), die religi?se und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und ersch?pfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erkl?rt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine psychologische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.

Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, wenn gesagt wird, da? der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die Vorbedingungen enth?lt, auf denen sich sp?ter die Religionen aufbauen. Es ist auch augenf?llig, da? der Mythus auf animistischen Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungekl?rt.

2.

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. – Man darf nicht annehmen, da? die Menschen sich aus reiner spekulativer Wi?begierde zur Sch?pfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bem?chtigen, mu? seinen Anteil an dieser Bemühung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, da? mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung, welche unter dem Namen ?Zauberei und Magie? bekannt ist, will S. Reinach(86) die Strategie des Animismus hei?en; ich würde es vorziehen, sie mit Hubert und Mau? der Technik zu vergleichen(87).

Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? Es ist m?glich, wenn man sich mit einiger Eigenm?chtigkeit über die Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man sie beschwichtigt, vers?hnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert, ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben Mittel, die man für lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen Methodik. Wir werden leicht erraten, da? die Magie das ursprünglichere und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter den Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch magische(88), und die Magie findet ihre Anwendung auch in F?llen, wo die Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgeführt worden ist.

Die Magie mu? den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorg?nge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu sch?digen. Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht – oder vielmehr das Prinzip der Magie – ist so augenf?llig, da? es von allen Autoren erkannt werden mu?te. Man kann es am knappsten, wenn man von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. Tylors ausdrücken: ?mistaking an ideal connexion for a real one?. An zwei Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erl?utern.

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu machen. Auf die ?hnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch irgend ein Objekt zu seinem Bild ?ernennen?. Was man dann diesem Ebenbild antut, das st??t auch dem geha?ten Urbild zu; an welcher K?rperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst privater Feindseligkeit auch in den der Fr?mmigkeit stellen und so G?ttern gegen b?se D?monen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach Frazer(89): ?Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten ?gypten) zu seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren Kampf gegen eine Schar von D?monen zu bestehen, die ihn unter der Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er k?mpfte mit ihnen die ganze Nacht und h?ufig waren die M?chte der Finsternis stark genug, noch des Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft schw?chten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in seinem Tempel zu Theben t?glich folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines scheu?lichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und der Name des D?mons mit grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgeh?use gehüllt, auf dem eine ?hnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, mit einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er mit seinem linken Fu? auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von gewissen Pflanzen gen?hrten Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise beseitigt worden war, geschah mit allen D?monen seines Gefolges das n?mliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden mu?ten, wurde nicht nur morgens, mittags und abends wiederholt, sondern auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger Regengu? niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel verdeckten. Die b?sen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten h?tten; sie flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem(90).?

Aus der unübersehbaren Fülle ?hnlich begründeter magischer Handlungen will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven V?lkern jederzeit eine gro?e Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und Kultus h?herer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, n?mlich die Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man ?regnen spielen? wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen Regen in der Weise, da? ein Teil von ihnen Wasser aus gro?en Sieben ausgie?t, w?hrend ein anderer eine gro?e Schüssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob sie ein Schiff w?re, und sie so um Dorf und G?rten herumzieht. Die Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise, indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs zeigte. So pflegen – ein Beispiel anstatt unendlich vieler – in manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und B?uerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel, das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(91). Dagegen fürchtete man von verp?nten inzestu?sen Geschlechtsbeziehungen, da? sie Mi?wuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen würden(92).

Auch gewisse negative Vorschriften – magische Vorsichten also – sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines Dayakdorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen die Zurückgebliebenen unterdes weder ?l noch Wasser mit ihren H?nden berühren, sonst würden die J?ger weiche Finger bekommen und die Beute aus ihren H?nden schlüpfen lassen(93). Oder, wenn ein Gilyakj?ger im Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten, Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald k?nnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so da? der J?ger den Weg nach Hause nicht findet(94).

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als selbstverst?ndlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verst?ndnis dieser Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten.

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das Wirksame betrachtet wird. Es ist die ?hnlichkeit zwischen der vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. Frazer nennt darum diese Art der Magie imitative oder hom?opathische. Wenn ich will, da? es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittg?nge zu einem Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen anflehen. Endlich wird man auch diese religi?se Technik aufgeben und dafür versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosph?re Regen erzeugt werden kann.

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der ?hnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein anderes, welches sich aus den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird.

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens bedienen. Man bem?chtigt sich seiner Haare, N?gel, Abfallstoffe oder selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als h?tte man sich der Person selbst bem?chtigt, und was man den von der Person herrührenden Dingen angetan hat, mu? ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen Bestandteilen einer Pers?nlichkeit geh?rt nach der Anschauung der Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines Geistes wei?, hat man eine gewisse Macht über den Tr?ger des Namens erworben. Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschr?nkungen im Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden sind(95). Die ?hnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt durch Zusammengeh?rigkeit.

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in ?hnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person angeh?rt haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten und Beschr?nkungen der Di?t unter besonderen Umst?nden. Eine Frau wird in der Gravidit?t vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genie?en, weil deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das von ihr gen?hrte Kind übergehen k?nnten. Es macht für die magische Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger, bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe verknüpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unver?ndert durch Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens bem?chtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgf?ltig an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so wird er gewi? in n?chster N?he eines Feuers aufgeh?ngt werden, damit die Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. Plinius r?t in seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben, solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat; der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. Francis Bacon erw?hnt in seiner Natural History den allgemein gültigen Glauben, da? das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das Instrument von da an sorgf?ltig rein halten, damit die Wunde nicht in Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale englische Wochenschrift, stie? sich eine Frau namens Matilda Henry in Norwich zuf?llig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hie? sie ihre Tochter, den Nagel gut ein?len, in der Erwartung, da? ihr dann nichts geschehen k?nne. Sie selbst starb einige Tage sp?ter an Wundstarrkrampf(96), infolge dieser verschobenen Antisepsis.

Die Beispiele der letzteren Gruppe erl?utern, was Frazer als kontagi?se Magie von der imitativen sondert. Was in ihnen als wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die ?hnlichkeit, sondern der Zusammenhang im Raum, die Kontiguit?t, wenigstens die vorgestellte Kontiguit?t, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber ?hnlichkeit und Kontiguit?t die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorg?nge sind, stellt sich als Erkl?rung für all die Tollheit der magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation heraus. Man sieht, wie zutreffend sich Tylors oben zitierte Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion for a real one, oder wie es fast gleichlautend Frazer ausgedrückt hat: men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence imagined that the control which they have, or seem to have, over their thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over things(97).

Es wird dann zun?chst befremdend wirken, da? diese einleuchtende Erkl?rung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen werden konnte(98). Bei n?herer überlegung mu? man aber dem Einwand Recht geben, da? die Assoziationstheorie der Magie blo? die Wege aufkl?rt, welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, n?mlich nicht das Mi?verst?ndnis, welches sie psychologische Gesetze an die Stelle natürlicher setzen hei?t. Es bedarf hier offenbar eines dynamischen Moments, aber w?hrend die Suche nach einem solchen die Kritiker der Frazerschen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine befriedigende Aufkl?rung der Magie zu geben, wenn man nur die Assoziationstheorie derselben weiterführen und vertiefen will.

Betrachten wir zun?chst den einfacheren und bedeutsameren Fall der imitativen Magie. Nach Frazer kann diese allein geübt werden, w?hrend die kontagi?se Magie in der Regel die imitative voraussetzt(99). Die Motive, welche zur Ausübung der Magie dr?ngen, sind leicht zu erkennen, es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun blo? anzunehmen, da? der primitive Mensch ein gro?artiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche hat. Im Grund mu? all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur darum geschehen, weil er es will. So ist anf?nglich blo? sein Wunsch das Betonte.

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen befindet, aber motorisch noch nicht leistungsf?hig ist, haben wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, da? es seine Wünsche zun?chst wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane herstellen l??t(100). Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein anderer Weg. An seinem Wunsch h?ngt ein motorischer Impuls, der Wille, und dieser – der sp?ter im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz der Erde ver?ndern wird – wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so da? man sie gleichsam durch motorische Halluzination erleben kann. Eine solche Darstellung des befriedigten Wunsches ist dem Spiele der Kinder v?llig vergleichbar, welches bei diesen die rein sensorische Technik der Befriedigung abl?st. Wenn Spiel und imitative Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nicht ein Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verst?ndliche Folge der überwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abh?ngigen Willens und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an diesen Mitteln erst wird ihm die übersch?tzung seiner psychischen Akte evident. Nun hat es den Anschein, als w?re es nichts anderes als die magische Handlung, die kraft ihrer ?hnlichkeit mit dem Gewünschten dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen, wohl aber auf sp?teren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt werden, aber das psychische Ph?nomen des Zweifels als Ausdruck einer Verdr?ngungsneigung bereits m?glich ist. Dann werden die Menschen zugeben, da? die Beschw?rungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht der Glaube an sie dabei ist, und da? auch die Zauberkraft des Gebets versagt, wenn keine Fr?mmigkeit dahinter wirkt(101).

Die M?glichkeit einer auf der Kontiguit?tsassoziation beruhenden kontagi?sen Magie wird uns dann zeigen, da? sich die psychische Wertsch?tzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte, die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt eine allgemeine übersch?tzung der seelischen Vorg?nge, das hei?t eine Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die Beziehung von Realit?t und Denken als solche übersch?tzung des letzteren erscheinen mu?. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurück; was mit den letzteren vorgenommen wird, mu? sich auch an den ersteren ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Entfernungen kennt, das r?umlich Entlegenste wie das zeitlich Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewu?tseinsakt zusammenbringt, wird auch die magische Welt sich telepathisch über die r?umliche Distanz hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenw?rtigen behandeln. Das Spiegelbild der Innenwelt mu? im animistischen Zeitalter jenes andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen.

Heben wir übrigens hervor, da? die beiden Prinzipien der Assoziation – ?hnlichkeit und Kontiguit?t – in der h?heren Einheit der Berührung zusammentreffen. Kontiguit?tsassoziation ist Berührung im direkten, ?hnlichkeitsassoziation solche im übertragenen Sinne. Eine von uns noch nicht erfa?te Identit?t im psychischen Vorgang wird wohl durch den Gebrauch des n?mlichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt. Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse des Tabu herausstellte(102).

Zusammenfassend k?nnen wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie, die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der ?Allmacht der Gedanken?.

3.

Die Bezeichnung ?Allmacht der Gedanken? habe ich von einem hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen, dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung m?glich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verst?ndigkeit zu erweisen(103). Er hatte sich dieses Wort gepr?gt zur Begründung aller jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen h?tte; erkundigte er sich pl?tzlich nach dem Befinden eines lange vermi?ten Bekannten, so mu?te er h?ren, da? dieser eben gestorben sei, so da? er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar gemacht; stie? er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, da? dieser bald darauf starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von den meisten dieser F?lle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst mitteilen, wie der t?uschende Anschein entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen abergl?ubischen Erwartungen zu best?rken(104). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, meist gegen ihre bessere Einsicht, abergl?ubisch.

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven Denkweise sind hier dem Bewu?tsein am n?chsten. Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das n?mliche bei den anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realit?t des Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung ma?gebend. Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die ?neurotische W?hrung? gilt, das hei?t nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen wirksam, dessen übereinstimmung mit der ?u?eren Realit?t aber nebens?chlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anf?llen und fixiert durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so zugetragen haben, allerdings in letzter Aufl?sung auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das Schuldbewu?tsein der Neurotiker würde man ebenso schlecht verstehen, wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewu?tsein gedrückt sein, das einem Massenm?rder wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupul?seste Genosse benehmen und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet; es fu?t auf den intensiven und h?ufigen Todeswünschen, die sich in ihm unbewu?t gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begründet, insofern unbewu?te Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die übersch?tzung der seelischen Vorg?nge gegen die Realit?t, als unbeschr?nkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm Unbewu?te bewu?t macht, so wird er nicht glauben k?nnen, da? Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, b?se Wünsche zu ?u?ern, als ob sie infolge dieser ?u?erung in Erfüllung gehen mü?ten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben bet?tigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine blo?en Gedanken die Au?enwelt zu ver?ndern vermeint.

Die prim?ren Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, da? diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem steht nach Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie; wir haben geh?rt, da? auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des D?monenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der ?hnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter den Bedingungen der Neurose gew?hnlich durch die Verschiebung auf irgend ein Kleinstes, eine an sich h?chst geringfügige Aktion entstellt(105). Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen m?glichst weit entfernt, als Zauber gegen b?se Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie m?glichst getreu nachahmen, zu enden.

Wenn wir die vorhin erw?hnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen Weltanschauungen annehmen, in welcher die animistische Phase von der religi?sen, diese von der wissenschaftlichen abgel?st wird, wird es uns nicht schwer, die Schicksale der ?Allmacht der Gedanken? durch diese Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst die Allmacht zu; im religi?sen hat er sie den G?ttern abgetreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er beh?lt sich vor, die G?tter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven Allmachtglaubens weiter.

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidin?ser Strebungen im Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten Anf?ngen der Kindheit, hat sich zun?chst eine wichtige Unterscheidung ergeben, die in den ?Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905? niedergelegt ist. Die ?u?erungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein ?u?eres Objekt. Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualit?t arbeiten jede für sich auf Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen K?rper. Dies Stadium hei?t das des Autoerotismus, es wird von dem der Objektwahl abgel?st.

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckm??ig, ja als unabweisbar gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder, wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr aufdr?ngt, haben die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein ?u?eres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit Rücksicht auf sp?ter zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses Zustandes hei?en wir das neue Stadium das des Narzi?mus. Die Person verh?lt sich so, als w?re sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und die libidin?sen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht von einander zu sondern.

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzi?tischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht m?glich ist, so ahnen wir doch bereits, da? die narzi?tische Organisation nie mehr v?llig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissem Ma?e narzi?tisch, auch nachdem er ?u?ere Objekte für seine Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und k?nnen wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die psychologisch so merkwürdigen Zust?nde von Verliebtheit, die Normalvorbilder der Psychosen, entsprechen dem h?chsten Stande dieser Emanationen im Vergleich zum Niveau der Ichliebe.

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochsch?tzung der psychischen Aktionen – die wir von unserem Standpunkt aus eine übersch?tzung hei?en – bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung zum Narzi?mus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Ma?e sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die M?glichkeit der Weltbeherrschung und die Unzug?nglichkeit gegen die leicht zu machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in der Welt belehren k?nnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein betr?chtliches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdr?ngung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorg?nge herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden F?llen dieselben sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidin?ser überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzi?mus, Allmacht der Gedanken(106).

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein Zeugnis für den Narzi?mus erblicken dürfen, so k?nnen wir den Versuch wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den Stadien der libidin?sen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase dem Narzi?mus, die religi?se Phase jener Stufe der Objektfindung, welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter Anpassung an die Realit?t sein Objekt in der Au?enwelt sucht(107).

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die ?Allmacht der Gedanken? erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein kommt es noch vor, da? ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der Befriedigung ?hnliches macht, und da? dieses Spielen – dank der künstlerischen Illusion – Affektwirkungen hervorruft, als w?re es etwas Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewi? nicht als l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von Tendenzen, die heute zum gro?en Teil erloschen sind. Unter diesen lassen sich mancherlei magische Absichten vermuten(108).

4.

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus, war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, da? man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen mu?, um sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen natürlich und selbstgewi?; er wu?te, wie die Dinge der Welt sind, n?mlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf vorbereitet, zu finden, da? der primitive Mensch Strukturverh?ltnisse seiner eigenen Psyche in die Au?enwelt verlegte(109), und dürfen anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der Dinge lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen.

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen müssen, w?hrend auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen werden k?nnen. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher und ?lter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet. Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von R. R. Marett zusammen, welcher ein pr?animistisches Stadium dem Animismus vorhergehen l??t, dessen Charakter am besten durch den Namen Animatismus (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Pr?animismus zu sagen, da man noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen entbehrte(110).

W?hrend die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbeh?lt, hat der Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er beh?lt ja die magische Technik bei.

Die Geister und D?monen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde, nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen(111); er macht seine Affektbesetzungen zu Personen, bev?lkert mit ihnen die Welt, und findet nun seine inneren seelischen Vorg?nge au?er seiner wieder, ganz ?hnlich wie der geistreiche Paranoiker Schreber, der die Bindungen und L?sungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten ?Gottesstrahlen? gespiegelt fand(112).

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse(113) dem Problem ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorg?nge nach au?en zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber getrauen, da? diese Neigung dort eine Verst?rkung erf?hrt, wo die Projektion den Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann k?nnen sie offenbar nicht alle allm?chtig werden. Der Krankheitsproze? der Paranoia bedient sich tats?chlich des Mechanismus der Projektion, um solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der vorbildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung, den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern Angeh?rigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns besonders geeignet scheinen, die Sch?pfung von Projektionsgebilden zu motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren zusammen, welche die b?sen Geister für die erstgeborenen unter den Geistern erkl?ren und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem Eindruck des Todes auf die überlebenden ableiten. Wir machen nur den einen Unterschied, da? wir nicht das intellektuelle Problem voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen diese Situation den überlebenden stürzt.

Die erste theoretische Leistung des Menschen – die Sch?pfung der Geister – würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten sittlichen Beschr?nkungen, denen er sich unterwirft, die Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts für die Gleichzeitigkeit der Entstehung pr?judizieren. Wenn es wirklich die Situation des überlebenden gegen den Toten war, die den primitiven Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn n?tigte, einen Teil seiner Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien Willkür seines Handelns zu opfern, so w?ren diese Kultursch?pfungen eine erste Anerkennung der ?ν?γκη, die sich dem menschlichen Narzi?mus widersetzt. Der Primitive würde sich vor der übermacht des Todes beugen mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben, k?nnen wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psychologischen Struktur in der Projektionssch?pfung der Seelen und Geister seine Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, da? die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der sp?teren v?llig immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffa?t, auf deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Ver?nderungen des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualit?t – nach einem Ausdruck von H. Spencer(114) – ist bereits identisch mit jenem Dualismus, der sich, in der uns gel?ufigen Trennung von Geist und K?rper kundgibt, und dessen unzerst?rbare sprachliche ?u?erungen wir z. B. in der Beschreibung des Ohnm?chtigen oder Rasenden: er sei nicht bei sich, erkennen(115).

Was wir so, ganz ?hnlich wie der Primitive, in die ?u?ere Realit?t projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewu?tsein gegeben, pr?sent ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe latent ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz unbewu?ter Seelenvorg?nge neben den bewu?ten(116). Man k?nnte sagen, der ?Geist? einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter Analyse auf deren F?higkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie der Wahrnehmung entzogen sind.

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der heutigen Vorstellung der ?Seele? erwarten dürfen, da? ihre Abgrenzung vom anderen Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen der bewu?ten und der unbewu?ten Seelent?tigkeit zieht. Die animistische Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre F?higkeit, den K?rper zu verlassen, dauernd oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen, dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewu?tseins erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der pers?nlichen Erscheinung verborgen h?lt, mahnt an das Unbewu?te; die Unver?nderlichkeit und Unzerst?rbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewu?ten, sondern den unbewu?ten Vorg?ngen zu, und diese betrachten wir auch als die eigentlichen Tr?ger der seelischen T?tigkeit.

* * *

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste vollst?ndige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des ?Systems? immer von neuem vorführen. Wir tr?umen in der Nacht und haben es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann aber auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen, eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stück seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, da? nicht irgendwo eine Absurdit?t, ein Ri? im Gefüge zum Vorschein k?me. Wenn wir den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, da? die inkonstante und ungleichm??ige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas für das Verst?ndnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenh?ngend und geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken ist aufgegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast regelm??ig hat, au?er der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung derselben stattgefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder weniger unabh?ngig ist. Wir sagen abschlie?end, das, was durch die Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte ?sekund?re Bearbeitung?, deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende Zusammenhangslosigkeit und Unverst?ndlichkeit zu Gunsten eines neuen ?Sinnes? zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekund?re Bearbeitung erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken.

Die sekund?re Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist ein vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems. Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung, Zusammenhang und Verst?ndlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung oder des Denkens, dessen sie sich bem?chtigt, und scheut sich nicht, einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer Umst?nde den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Paranoia) ist die Systembildung das Sinnf?lligste, sie beherrscht das Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen F?llen k?nnen wir dann nachweisen, da? eine Umordnung des psychischen Materials zu einem neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, da? jedes der Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken l??t, eine Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems – also eventuell eine wahnhafte – und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich wirksame, reale, anerkennen müssen.

Zur Erl?uterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung über das Tabu erw?hnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die sch?nsten übereinstimmungen mit dem Tabu der Maori zeigen(117). Die Neurose dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des unbewu?ten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische Phobie gilt aber der Erw?hnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann v?llig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewu?ter Sorge wird. Eines Tages h?rt sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, macht sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese Messer für alle Zeiten aus dem Wege r?umen, denn sie habe entdeckt, da? neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von S?rgen, Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in eine unl?sbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir dürfen sicher sein, da? die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot der Rasiermesser nach Hause gebracht h?tte. Denn es h?tte dazu hingereicht, da? sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen, einer Person in Trauerkleidung oder einer Tr?gerin eines Leichenkranzes begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, da? sie für andere F?lle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hie? es eben, es sei ein ?besserer Tag? gewesen. Die wirkliche Ursache des Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit Leichtigkeit erraten, ihr Str?uben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, ihr Mann k?nne sich mit dem gesch?rften Rasiermesser den Hals abschneiden.

In ganz ?hnlicher Weise vervollst?ndigt und detailliert sich eine Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewu?ten Wunsches und der Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewu?ten Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist, dr?ngt diesem einmal er?ffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu und bringt sich in zweckm??iger Neuordnung im Rahmen der Gehst?rung unter. Es w?re also ein vergebliches, eigentlich ein t?richtes Beginnen, wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar. Sch?rfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die ?rgsten Inkonsequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen auch die Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus.

* * *

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns besch?ftigenden System des Animismus, so schlie?en wir aus unseren Einsichten über andere psychologische Systeme, da? die Motivierung einer einzelnen Sitte oder Vorschrift durch den ?Aberglauben? auch bei den Primitiven nicht die einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der Verpflichtung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht anders m?glich, als da? jede Vorschrift und jede T?tigkeit eine systematische Begründung erhalte, welche wir heute eine ?abergl?ubische? hei?en. ?Aberglaube? ist wie ?Angst?, wie ?Traum?, wie ?D?mon?, eine der psychologischen Vorl?ufigkeiten, die vor der psychoanalytischen Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, da? dem Seelenleben und der Kulturh?he der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher vorenthalten wurde.

Betrachtet man die Triebverdr?ngung als ein Ma? des erreichten Kulturniveaus, so mu? man zugestehen, da? auch unter dem animistischen System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit Unrecht ihrer abergl?ubischen Motivierung wegen gering sch?tzt. Wenn wir h?ren, da? Krieger eines wilden Volksstammes sich die gr??te Keuschheit und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad begeben(118), so wird uns die Erkl?rung nahegelegt, da? sie ihren Unrat beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht bem?chtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und für ihre Enthaltsamkeit sollen wir analoge abergl?ubische Motivierungen vermuten. Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, da? der wilde Krieger sich solche Beschr?nkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und feindseliger Regungen im vollen Ausma?e zu gestatten. Dasselbe gilt für die zahlreichen F?lle von sexueller Beschr?nkung, solange man mit schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten besch?ftigt ist(119). Mag sich die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf Triebbefriedigung gr??ere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen Rationalisierung derselben nicht zu vernachl?ssigen. Wenn die M?nner eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschr?nkungen unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende, sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben wird. Doch geh?rt wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, da? jenes in die Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimw?rtsdenken, die Sehnsucht der Abwesenden, ist, und da? hinter diesen Einkleidungen die gute psychologische Einsicht steckt, die M?nner werden ihr Bestes nur dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische Motivierung, ausgesprochen, da? die eheliche Untreue der Frau die Bemühungen des in verantwortlicher T?tigkeit abwesenden Mannes zum Scheitern bringt.

Die unz?hligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden w?hrend ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergl?ubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale Begründung. Aber es w?re unrecht, die M?glichkeit zu übersehen, da? diese Blutscheu hier auch ?sthetischen und hygienischen Absichten dient, die sich in allen F?llen mit magischen Motivierungen drapieren mü?ten.

Wir t?uschen uns wohl nicht darüber, da? wir uns durch solche Erkl?rungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, da? wir den heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen T?tigkeiten zumuten, die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es k?nnte uns mit der Psychologie dieser V?lker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr untersch?tzt haben.

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerkl?rten Tabuvorschriften gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufkl?rung zul??t. Bei vielen wilden V?lkern ist es unter verschiedenen Verh?ltnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im Hause zu halten(120). Frazer zitiert einen deutschen Aberglauben, da? man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe. Gott und die Engel k?nnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu nicht die Ahnung gewisser ?Symptomhandlungen? erkennen, zu denen die scharfe Waffe durch unbewu?te b?se Regungen gebraucht werden k?nnte?

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