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Sturmzeichen

Sturmzeichen

Author: : Richard Skowronnek
Genre: Literature
Dieses eBook: "Sturmzeichen (Historischer Roman)" ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Richard Skowronnek (1862-1932) war ein deutscher Journalist, Dramaturg und Schriftsteller. Seine Romane Sturmzeichen und Das grosse Feuer waren überaus erfolgreich. Aus dem Buch: "Neuer Sieg der Bulgaren ... die Türken in vollem Rückzuge ... zweitausend Tote, fünftausend Verwundete ... Das neueste, das neueste, das allerneueste Extrablatt ..." Gellend schrillte die laute Knabenstimme über den in vornehmer Ruhe liegenden Königsplatz, der Portier des Großen Generalstabes verließ seine Loge und trat durch die schwere Flügeltür auf die schon in abendlichen Dämmer getauchte Straße hinaus. "Kostenpunkt, Kleener?" und er griff in die Tasche. "For Sie, Herr Jeneral, jratis! Kinder unter zehn Jahren und Militär von' Feldwebel abwärts man bloß de Hälfte ..." Der kecke Junge in der Uniform einer großen Berliner Zeitung zog das oberste Blatt von dem hohen Stapel, den er im linken Arme trug, und rannte weiter: "Neuer Sieg der Bulgaren ... die Türken in vollem Rückzuge ... zweitausend Tote ... fünftausend Verwundete ..." Der Alte in dem würdigen dunkelblauen Uniformrocke befestigte umständlich einen schwarzen Hornkneifer vor den weitsichtigen Augen und entfaltete das noch feuchte Zeitungsblatt..."

Chapter 1 No.1

?Neuer Sieg der Bulgaren ... die Türken in vollem Rückzuge ... zweitausend Tote, fünftausend Verwundete ... Das neueste, das neueste, das allerneueste Extrablatt ...?

Gellend schrillte die laute Knabenstimme über den in vornehmer Ruhe liegenden K?nigsplatz, der Portier des Gro?en Generalstabes verlie? seine Loge und trat durch die schwere Flügeltür auf die schon in abendlichen D?mmer getauchte Stra?e hinaus.

?Kostenpunkt, Kleener?? und er griff in die Tasche.

?For Sie, Herr Jeneral, jratis! Kinder unter zehn Jahren und Milit?r von' Feldwebel abw?rts man blo? de H?lfte ...?

Der kecke Junge in der Uniform einer gro?en Berliner Zeitung zog das oberste Blatt von dem hohen Stapel, den er im linken Arme trug, und rannte weiter: ?Neuer Sieg der Bulgaren ... die Türken in vollem Rückzuge ... zweitausend Tote ... fünftausend Verwundete ...?

Der Alte in dem würdigen dunkelblauen Uniformrocke befestigte umst?ndlich einen schwarzen Hornkneifer vor den weitsichtigen Augen und entfaltete das noch feuchte Zeitungsblatt.

?Sofia, 19. Juni. (Telegramm unseres nach dem Kriegsschauplatze entsandten Spezialkorrespondenten.) Sicheren Berichten zufolge, die aus dem Hauptquartier hierher gelangt sind, ist gestern den siegreichen bulgarischen Waffen ein neuer Erfolg beschieden gewesen. Der Division Radulowitsch ist es gelungen, den Feind aus seiner stark befestigten Stellung auf den H?hen von Koprülü-Burgas zu vertreiben. Die Türken verloren zweitausend Tote und fünftausend Verwundete, die Verluste auf bulgarischer Seite werden als gering bezeichnet. Die geschlagene türkische Armee befindet sich in vollem Rückzuge auf ...? Der alte Herr unterbrach sich, rückte das Blatt ein wenig n?her an die Augen ... ?Wie hei?t das? I der Deuwel soll diese pollakschen Namen aussprechen!?

Eine Sprengmaschine kam die Stra?e entlang, drei Jungen hinterher in hohen Stiefeln und grauen Leinenr?cken führten mit eingestemmten Schiebern das rieselnde Wasser über den feuchtgl?nzenden Asphalt, bis es leise gurgelnd in den neben dem Trottoir liegenden Eisengittern verschwand. Der Führer der Kolonne, der mit einem langgestielten Besen der ausgiebigen Reinigung den letzten Schliff verlieh, fa?te milit?risch salutierend an die Schirmmütze und trat n?her.

?Jehorsamst juten Abend, Herr Feldwebel! Wat Neues??

?I wo doch! Ejalwech dieselbe Jeschichte. Heut' haben zur Abwechslung mal wieder de Bulgaren jesiegt. Morjen kommen de Türken und demangtieren die Meldung. Die Blase da unten lügt doller wie die Franzosen Anno 70!?

?Sie meinen also, det alles, was in die Zeitungen geschrieben wird, is nich wahr??

?Na det jerade nich, 'n bi?ken wat wird schon dran sind. Nur sie iebertreiben ... m?chtig! Aus jeder kleenen Priegelei machen se gleich 'ne Schlacht. Jeradeso wie mein Kollege Fielitz aus 'n Kriegsministerium. Der is Angler. Und jeder fingerlange Pl?tz, den er in' Liepnitzsee f?ngt an' Sonntag, is hinterher 'n Hecht. Auf 'n linken Oberarm hat er schon 'ne dicke Hornhaut, weil er jedesmal mit de rechte Hand hinschl?gt, wie lang det der Hecht gewesen is.?

?Und meinen Se nu, Herr Feldwebel, det wir in diese balkanischen Wirren ooch reinverwickelt werden k?nnten??

Der alte Herr strich den schneewei?en Kaiser-Wilhelm-Bart auseinander und versetzte streng: ?Det is Amtsgeheimnis, mein Lieber! Darieber mu? man den Mund halten k?nnen, vastehn Se??

Der Beamte der Stra?enreinigung nahm unwillkürlich die Hacken zusammen.

?Entschuld'gen Se jietigst, Herr Feldwebel! Nur jedetmal, wenn ick hier an't Jeneralstabsjeb?ude vorbeikomm' – ick hab' n?mlich hier den Rejong um 'n K?nigsplatz – ja also, da mu? ick immer denken, die da drin, die wissen't. Und wenn man vier kleene J?ren zu Haus hat und 'ne kranke Frau, da macht man sich doch Jedanken. Wer ern?hrt denn nu det kleene Jewürm, wenn ick einrücken mu???

?Na, da wird doch for jesorgt werden!?

?Kann sein, kann aber ooch nich sein! Und diese Unjewi?heit is beinah' so schlimm, wie wenn's schon wirklich Krieg w?r. Sie, Herr Feldwebel, merken das nich so, weil Se immer pünktlich Ihr Jehalt kriegen, aber ich! Ich bin n?mlich abends Logenschlie?er ins Joethetheater. In zweiten Rang. Hundeleer, sag ick Ihnen! Keen Mensch hat Jeld! Wenn se sich amüsieren wollen – for zehn Fennje in Kientopp. Vor zwee Jahren ha'ck noch mindestens 'n Taler einjenommen an Trinkjeld. Heute nich fufzig Fennje! ... Und det stand neulich sehr richtig in de Zeitung: Wenn de drückende Furcht vor'n Krieje nich von den Schultern des Volkes jenommen wird, steuern wir rettungslos den wirtschaftlichen Unterjang entjejen!?

Der alte Herr schob zwei Finger der Rechten zwischen die Kn?pfe seiner Uniform und reckte sich.

?Janz sch?n, aber wie denken sich das nu die Herrschaften in der Zeitung? Soll vielleicht Seine Majest?t an de Litfa?s?ulen kleben lassen: 'V?lker Europas, beruhigt Euch! Unsere heilijsten Jüter sind nich in Jefahr, wenn diese Mauseratzenfaller da unten sich mit de Türken 'rumprügeln!'??

Der st?dtische Reinigungsbeamte schüttelte den Kopf.

?Nee, Litfa?s?ule w?r' ja nich jerade n?tig. Nur, wenn er mal wieder 'ne Ansprache h?lt, bei 'n Dineh oder so ... Und wenn er blo? 'ne Ahnung h?tt, wie gro? de Uffrejung in' janzen Volke is! ... Man kommt aus 'n Theater nach Hause um halb zw?lf ... Um fünf in der Früh mu? man schon wieder dastehen bei Kolonne, ja ... man zieht sich auf de Treppe de Stiebeln aus, um de Olle nich uffzuwecken, aber se liejt da mit jlockenklare Oogen! Und se schnüffelt mit de Neese, um de Tr?nen runterzuschlucken: 'Jott sei Dank, det Du man wieder da bist, Heinrich!' 'Na, wieso denn? Meenste, ick w?r' unter'n Rollwagen jeraten?' 'Nee, det nich, aber wejen Mobilmachung! De Schultzen drieben in Jrienkramkeller hat aus 'n Abendblatt vorjelesen, wir mü?ten jetzt ooch das Schwert ziehen, wenn de Russen jejen unsere Bundesbrieder, de Oesterreicher, losjehn würden.' 'Quatsch,' sag' ick natierlich, aber innerlich is mir jarnich so. 'Unser Friedenskaiser wird doch nich uff eenmal Krieg anfangen?' 'Nee,' sagt sie, 'er nich, aber die andern! Und wat mach' ick krankes Wurm denn nachher mit die vier J?ren, wenn se Dir dotschie?en? Ick steck' zehn Jroschen in' Jasautomaten, la? de Kleenen Schnaps trinken, und denn den Hahn uff.'?

Der alte Feldwebel legte ihm die Hand auf die Schulter.

?Na, na, na, beruhijen Se man det Frauchen! Und mit det Dotschie?en is es nicht so ?ngstlich! Sehen Se mich an! Vierundsechzig, Sechsundsechzig und Siebzig hab' ich mitjemacht, zweiunddrei?ig Jefechte und Schlachten. Darunter Düppeler Schanzen und St. Privat! Wat is mir passiert? De Dejenscheide haben se mir abgeschossen, so da? ick meinen Paddenspicker barfu? tragen mu?t'! Wat aber ihre sonstigen Beklemmungen sind, da sagen Se ihr, Se h?tten mit mir jesprochen! Nach meinen Informationen – wenn nich janz wat Dolles passiert – is an Krieg nich zu denken! Wir halten das scharfgeschliffene Schwert in der Scheide und unser Pulver trocken!?

?Na denn, Jott jebe, det es nich losjeht ...?

Durch die halbge?ffnete Flügeltür kam raschen Schrittes ein junger Offizier in Generalstabsuniform. Sein offenes, frisches Gesicht, in dem ein paar kluge blaue Augen standen, hatte etwas ungemein Liebenswürdiges und Sympathisches. Er hob h?flich die Hand an den Mützenschirm.

?Pardon, meine Herren, wenn ich st?re ... Sagen Sie mal, lieber Schmidt, ist Herr Hauptmann von Sternheimb schon gegangen??

Der Alte nahm die Hacken zusammen.

?Nein, Herr Hauptmann, ich h?tte es sonst sehen müssen.?

?Also ich gehe langsam voran, da drüben an der Litfa??ule werde ich warten. Guten Abend.?

?Jehorsamst guten Abend, Herr Hauptmann! Werd's ausrichten ...?

Der Beamte der Stra?enreinigung sah dem davonschreitenden Offizier wohlgef?llig nach.

?'n nobler Herr! Haben Se jeh?rt, Herr Feldwebel? 'Pardong, meine Herren,' hat er jesagt! Aber det so wat schon Hauptmann is ... ick hatt' jedacht, da kommt 'n janz junger Leutnant!?

?Ja,? sagte der alte Herr, und in seinem Ton klang liebevolle Bewunderung mit, ?so wat von Karriere war ooch noch nich da! Een K?ppken – det wird mal so sicher Kommandierender General, wie zwei mal zwei vier is! Zum Herbst is er hier fertig, dann kriegt er in der Front 'ne Schwadron, weil er doch früher Kavallerist war, und dann kommt er nach zwei Jahren zurück in' Jeneralstab!?

?I der Tausend! Wie hee?t er denn??

?Jaston Baron Foucar von Kerdesac!?

?Det klingt ja so franz?s'sch!?

?Is et ooch! Aus 'ne alte franz?sische Refugiehfamilje!?

Der Beamte der Stra?enreinigung schüttelte bedenklich den Kopf.

?Und denn in preu?'schen Jeneralstab? Wo er an alle Jeheimnisse 'ran kann und so??

Der alte Herr brauste zornig auf.

?Se werden sich Unannehmlichkeiten zuziehn, vastehn Se? Und haben Sie 'ne Ahnung! Mein Hauptmann Anno Siebzig hie? Baron de Saint-Villiers! Ooch 'n franz?sischer Name, aber er jing druff wie Blücher!?

Hauptmann von Foucar stand wartend an der Litfa?s?ule, las mechanisch die bunten Zettel, die das Vergnügungsprogramm der Reichshauptstadt enthielten, für Leute, die Zeit hatten. Und unwillkürlich mu?te er denken, fast fünf Jahre lebte er nun schon in Berlin, mit einer einzigen kurzen Unterbrechung, und von alledem, was sich da anpries, kannte er herzlich wenig. Früher, auf der Akademie, war er doch noch ab und zu einmal ins Theater gekommen, jetzt aber, seit er zum Gro?en Generalstabe kommandiert war, schluckte einen der Dienst mit Haut und Haaren auf. Ein bi?chen einseitig wurde man dabei und vielleicht auch reichlich weltfremd, aber das war nicht zu ?ndern.

Hinter ihm erklang das Rasseln eines S?bels, ein sporenklirrender Tritt. Er wandte sich um, statt des erwarteten Kameraden kam sein Abteilungschef gegangen. Ein hochgewachsener, hagerer Herr mit einem bartlosen Gelehrtengesicht, dem ein paar scharfblickende Augen unter buschigen Brauen einen Zug st?hlerner Energie verliehen.

Oberst Wegener hob zwei Finger der Rechten in die H?he des Mützenschirmes.

?Na, lieber Hauptmann, studieren Sie, in welches Theater Sie gehen wollen?? Die breite Aussprache einzelner Vokale verriet den geborenen Ostpreu?en.

Gaston von Foucar erwiderte respektvoll den Gru? seines Vorgesetzten.

?Dazu dürfte es schon zu sp?t sein, Herr Oberst!?

?Ja, n?chstens wird man sich in der alten Bude sein Bett aufschlagen müssen. Und, passen Sie auf, es kommt noch doller. Von Montag an werden wir – wie nennt man es doch in den Fabriken – ja richtig, Nachtschichten einlegen müssen! Na, wie ist's nun? Kommen Sie mit? Wenn ich nicht irre, haben wir denselben Weg nach dem Westen.?

?Sehr wohl, Herr Oberst.? Er nahm die Respektseite seines Chefs: ?Und es ist natürlich keine Neugierde – meinen Herr Oberst, da? dieses erh?hte Arbeitspensum unserer Abteilung nicht blo? eine Art von notwendiger Vorsichtsma?regel ist? Da? diesmal ein bestimmter Entschlu? dahinter steht??

Oberst Wegener hob die hageren Schultern.

?Ich habe den Befehl, für drei Armeekorps, die – entgegen dem bisherigen Mobilmachungsplan – nach Osten geschmissen werden sollen, die n?tigen Bef?rderungsmittel und Fahrpl?ne auszurechnen. Mehr wei? ich auch nicht, aber aus allerhand Anzeichen schlie?e ich, da? es diesmal endlich Ernst werden k?nnte. Es riecht sehr sengerig.?

?Na, Gott sei Dank!?

?Nicht wahr? Es w?re Zeit, da? die Herrschaften da drau?en einmal sehen würden, da? unsere Armee nicht blo? 'ne Vogelscheuche ist, der die Spatzen auf der Nase 'rumhopsen dürfen!?

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, der Oberst musterte den neben ihm schreitenden Untergebenen mit einem gewissen Wohlgefallen.

?Sagen Sie mal, lieber Foucar, Sie waren wohl nicht sehr begeistert, als man Sie für das letzte halbe Jahr in meine Abteilung verschmetterte??

?Wenn ich ganz ehrlich sein soll, Herr Oberst, ich war in der Tat ein bi?chen beteppert.?

?Kann ich verstehen. Den ganzen Tag Fahrpl?ne schmieden, Waggons 'ranschaffen und Anschlu?zeiten ausrechnen ...?

?Sehr wohl, Herr Oberst! Die erste Woche war ich auch ganz trostlos. Wenn ich abends 'rauskam, war mein Gehirn wie Brei von dem unabl?ssigen Rechnen, und ich schimpfte m?chtig. Dann aber ging mir der Seifensieder auf. Ich sah mit einem Male die gro?zügigen Linien in unserer Arbeit, ich empfand – m?chte ich sagen – mit einer gewissen Ehrfurcht ihre Wichtigkeit für den Erfolg des Schlages, zu dem der Feldherr ausholt. Ich will mal aufs Geratewohl sagen, in Modrilewo in Ostpreu?en sollen genau zwei Tage nach der Mobilmachung drei Regimenter Infanterie, ein Regiment Artillerie und – meinetwegen – die Gumbinner Ulanen stehen. Aber sie sind nicht da. Der Offizier in der Eisenbahnabteilung des Generalstabes hat ein paar Augenblicke lang ged?st ... in der Berechnung der Fahrplanzeiten hat sich ihm ein Fehler eingeschlichen, der auch bei der Revision nicht entdeckt wird. Das Verh?ngnis ist da! Also da, meine ich, mu? man mit Respekt auch an diese Arbeit herangehen, in jedem Augenblick an die gro?e Verantwortlichkeit denken, und dann f?ngt sie – merkwürdigerweise – auf einmal an zu schmecken!?

Um die bartlosen Lippen des Chefs flog ein L?cheln, er deutete auf die schmale Ledermappe, die sein Begleiter unter dem linken Arm trug.

?Na, und da haben Sie, genu?süchtiger Mensch, eine Portion davon über Sonntag nach Hause genommen??

?Nicht für mich, Herr Oberst. Ich habe zuf?lligerweise heute abend Schlu? machen k?nnen. Aber mein Nachbar, Oberleutnant Wentorp, mu?te morgen zu dem Begr?bnis einer alten Tante nach Frankfurt an der Oder.?

Der Oberst brummte etwas vor sich hin, was wie ?vielleicht auch Verlobung mit 'ner jungen Cousine? klang, und laut fügte er hinzu: ?Da haben Sie sich die Arbeit also gutmütigerweise aufh?ngen lassen!?

?Was sollte ich machen, Herr Oberst? Sie mu? doch nun einmal bis Montag früh fertig sein!?

?Wenn der Herr Wentorp in der Woche sich mehr 'rangehalten h?tte ... na sch?n!? Und wieder nach einer kurzen Pause fragte er weiter: ?Nach dem Man?ver – wenn mit Gottes Hilfe nichts dazwischen kommt – werden Sie nun wieder in die Front kommandiert. Sie m?chten natürlich zu ihrem alten Regiment zurück, zu den Karlsburger Ulanen??

?Nein, Herr Oberst, ich m?chte gerne an die Grenze nach Osten. Speziell nach Ostpreu?en. Ich habe mal in der Eisenbahn einen Roman gelesen, der dort spielte. Vielleicht mu?te man von den begeisterten Schilderungen ein wenig auf das Konto der Heimatsliebe setzen, die den Verfasser beseelte ... aber seit der Zeit habe ich eine gewisse Sehnsucht nach diesem Land der dunklen W?lder und blauen Seen. Nur, wo ich nicht die geringste Protektion habe, keine Stelle wei?, an der ich eine bescheidene Bitte vortragen k?nnte ...?

Der Oberst hob, ein wenig argw?hnisch, den Kopf. Wenn das ein ?Schuster? war, war es jedenfalls ein sehr geschickter ... aber nein, aus jahrelanger Praxis besa? er ein Ohr, das für diese Sorte von streberischen Schmeichlern besonders gesch?rft war.

?So, so, nach Ostpreu?en! Ich kann Ihnen sagen, auch die Menschen dort sind kein übler Schlag. Es lohnt sich, sie n?her kennen zu lernen. Und wenn Sie sich an einen gewissen Oberst Wegener wenden wollten ...?

?Ach Gott, Herr Oberst ...?

Der Chef lachte kurz auf.

?Ne, ne, man nicht so voreilig. Der Oberst Wegener ist blo? ein kleines Kirchenlicht, aber wenn's n?tig ist, kennt er gewisse Schleichwege von hinten 'rum. Und der Kommandeur von den Ordensburger Dragonern ist ein guter Freund von ihm, in zirka fünf Wochen will der einen seiner Schwadronchefs abs?gen, sp?testens, hat er mir geschrieben, in fünf Wochen. Also würden Sie sehr beleidigt sein, wenn Sie ausnahmsweise schon vor dem Man?ver hier aus der Rechnerei 'rauskommen würden??

?Ach Gott, Herr Oberst ..., und ich wei? wirklich nicht ...?

?Ne, ne, ich wei? ja noch gar nicht, ob's auch einschnappen wird! Und, was ich fragen wollte, hat der Dichter da, von dem Sie vorhin sprachen, auch was über die ostpreu?ischen M?dels geschrieben??

?Einen Hymnus, Herr Oberst!?

?Da hat er recht! Und Sie sind doch hoffentlich noch frei??

Der Hauptmann von Foucar lachte.

?Ganz und gar! Der k?nigliche Dienst l??t einem ja keine Zeit ...?

?Na, denn verplempern Sie sich auch nicht etwa noch in den letzten Wochen! Und lassen Sie sich nicht beirren, wenn nachher in Ordensburg die kleinen Margellchen 'Kartoffelkeeilchen' sagen und 'Aerbsen mit Sp?ck' ... Das ist nur ein kleines Sommerspro?chen, tut der übrigen Sch?nheit keinen Eintrag. Aber jetzt adieu ... ich sehe da ein leeres Auto kommen, und eben f?llt mir ein, meine Frau hat für heute abend ein paar G?ste geladen.? Er grü?te rasch und ging mit langen Schritten über den Stra?endamm.

?He, Chauffeur, Uhlandstra?e 51!? Und im Einsteigen rief er zurück: ?Sehen Sie, lieber Foucar, manchmal geht's auch ohne Protektion! Man mu? nur vor die rechte Schmiede kommen ...?

Gaston von Foucar winkte mit der Hand einen respektvollen Gru?, und es stieg ihm hei? in den Augenwinkeln empor. Welch ein pr?chtiger Mensch, sein sonst so verschlossener und wortkarger Chef! Die angebliche Gesellschaft zu Hause war doch nichts weiter als ein Vorwand, sich den Dankesbezeigungen seines Untergebenen zu entziehen! Na, das lie? sich ja am Montag im Bureau nachholen, oder besser noch, man bewies seinen Dank mit der Tat. Arbeitete diese letzten Wochen noch sch?rfer als bisher, damit der Oberst auch sah, da? er seine Gunst keinem Unwürdigen zugewandt hatte. Ein unb?ndiges Glücksgefühl schwellte seine Brust. In fünf Wochen war er drau?en, wieder in der Front! Sauste an der Spitze einer Schwadron – seiner Schwadron – über das Blachfeld, den blanken S?bel in der Faust ... Wenn das Glück gut war, gleich über die Grenze, in Feindesland ... Wahrhaftig, Zeit war es, da? das deutsche Vaterland sich einmal darauf besann, das Schwert aus der Scheide fliegen zu lassen und mit m?chtigen Schl?gen um sich zu hauen. Die Herrschaften rechts und links bildeten sich sonst wom?glich ein, es w?re eine eingerostete alte Plempe, auch kein Stahl mehr, sondern ein mit Stanniol beklebter Waschlappen ... eia, das sollte eine Entt?uschung geben! ... Und mitten in aller Freude flog es ihm durch den Sinn, von welchen Zuf?lligkeiten doch Menschenschicksale gelenkt wurden. Wenn er sich aus irgendeinem Grunde ein paar Minuten l?nger bei der Arbeit aufgehalten h?tte, w?re die so folgenreiche Begegnung mit dem Chef doch niemals zustande gekommen.

Also hatte er mal wieder Glück gehabt, richtiges Soldatenglück, und eigentlich h?tte es sich geh?rt, auf dieses fr?hliche Ereignis eine gute Flasche zu setzen. Aber schlie?lich, wenn er auch in das Restaurant fuhr, in dem er sich ab und zu mit einigen Herren seiner Abteilung traf, so nahe stand ihm keiner von ihnen, da? er h?tte sagen k?nnen: ?Kommen Sie, ich mu? Ihnen bei 'nem Glas Sekt erz?hlen, was ich eben für einen Riesendusel entwickelt habe ...? So etwas verwahrte man am besten still im eigenen Busen, wenn es bei dem anderen nicht sehr gut aufgehoben war ... Und dann war da auch die nun mal übernommene Arbeit, und schlie?lich konnte man die gute Flasche auch für sich allein zu Hause trinken, der kleinen alten Dame im Schwabel?ndle einen Gru? schicken ... Sie war doch die einzige, die sich ehrlich freute, wenn ihr Junge wieder 'mal Glück gehabt hatte. Die S-Bahn kam gefahren, bremste an der Haltestelle, er stieg auf ... es ging über den Gro?en Stern nach Hause.

Auf dem Hinterperron des Anh?ngewagens stand ein kleiner junger Herr in modisch geschnittenem Sommerpaletot. Er lüftete grü?end den Hut, an seinem rechten Handgelenk blitzte ein goldenes Kettenarmband. Hauptmann von Foucar erwiderte den Gru?, aber konnte sich nicht entsinnen, wo er den Herrn kennen gelernt haben mochte. Der stellte sich ihm gegenüber: ?Herr Hauptmann besinnen sich wohl nicht mehr auf mich??

?Ich mu? in der Tat sagen, so im Augenblick ...?

Der kleine Herr lüftete wieder seinen Hut.

?Ich hatte vor einiger Zeit einmal im Pschorr die Ehre ... Segebrecht von den Malchower Dragonern.?

?Ach so, jetzt natürlich ... Sie sind wohl wieder mal zum Rennen hier??

?Ja, ich reite morgen im Grunewald den Marghilan meines Regimentskameraden Hollenbeck. Wenn ich Herrn Hauptmann einen Tip geben darf: da ist auf Sieg und Platz eine ganz anst?ndige Quote zu landen.?

?Danke verbindlichst, aber ich glaube kaum, da? ich morgen Zeit finden werde ...?

Der Kleine griff eifrig in die Tasche.

?Nun, für alle F?lle – wenn ich mir gestatten darf – ein Tribünenbillett ...?

?Aber, ich bitte sehr, dafür werden Sie doch sicher eine bessere Verwendung haben.?

?Nein, wahrhaftig nicht ... ich habe es zudem selbst geschenkt gekriegt.?

?Nun denn, sch?nsten Dank? – Gaston von Foucar schob das Billett unter den Aermelaufschlag seines Ueberrockes – ?und Weidmannsheil für morgen!?

Der Malchower Dragoner klappte die Hacken zusammen.

?Weidmannsdank, Herr Hauptmann! Und merken Sie sich den Namen Marghilan im Fortuna-Jagdrennen. Es ist das vorletzte. Herr Hauptmann k?nnen getrost ein Pfund auf meine Chance riskieren. Es gibt todsicher zwanzigfaches Geld, denn au?er mir hat niemand eine Ahnung, da? der Gaul so grobe Klasse ist! Na und schlie?lich, der Steuermann, der draufsitzt, ist doch auch kein Neuling zwischen den bunten Flaggen.?

Gaston mu?te unwillkürlich l?cheln. Wie siegesgewi? der kleine Dragoner dastand ...

?Na, wenn die Sache so absolut sicher ist ... Aber wie soll ich mich nun für den zu erwartenden Riesengewinn revanchieren??

?Indem Herr Hauptmann mir ebenfalls einen kleinen Tip geben.? Der junge Offizier trat ein wenig n?her und sprach halblaut: ?Unsereins da in der Provinz hat doch keinen Schimmer, was wirklich passiert ... also glauben Herr Hauptmann, da? es Krieg geben wird?? Es war dieselbe Frage, die in diesen aufgeregten und schweren Zeiten auf aller Lippen stand.

Gaston zuckte mit den Achseln.

?Da fragen Sie mich zuviel, Herr Segebrecht. Das kann kein Mensch in diesem Augenblick wissen.?

?Nun, ich meine, die Herren im Generalstabe k?nnen doch aus den ihnen zugewiesenen Arbeiten immerhin einige Schlu?folgerungen ziehen.?

?Ganz recht, aber Sie übersch?tzen mich. Ich bin in dem Riesenbetrieb nur ein ganz kleines R?dchen, das an dem ihm zugewiesenen Platze mechanisch sein Pensum herunterschnurrt.?

Der kleine Dragoner machte ein etwas niedergeschlagenes Gesicht.

?Herr Hauptmann wollen blo? nicht! Und da kommt man nun übermorgen zurück in das kleine Nest, alles bestürmt einen mit Fragen, der Kommandeur an der Spitze: 'Na, Segebrecht, haben Sie in Berlin was Neues geh?rt? Wann reiten wir nun?' Da steht man denn ganz bl?d da ... Und zum Schwindeln ist die Sache selbst doch viel zu ernst.?

?Ganz gewi?! Vor allem viel zu ernst, um mit einigen leichtfertig hingesprochenen Redensarten allerhand Befürchtungen oder Hoffnungen zu wecken. Empfehlen Sie mich Ihrem Herrn Kommandeur, unbekannterweise, und es l?gen durchaus keine Anzeichen vor, aus denen man schlie?en k?nnte, der Krieg w?re n?her als sonst in all den letzten Jahren. Es wird scharf gearbeitet natürlich.?

Der Wagen hielt auf der Corneliusbrücke, der Malchower Dragoner streckte seinem Gegenüber respektvoll die Hand entgegen.

?Hei?en Dank, Herr Hauptmann! Man wei? doch jetzt Bescheid, und es wird meinem Kommandeur riesig imponieren, wenn ich ihm auf Grund so autoritativer Auskunft ein Exposé über unsere ausw?rtige Lage hinschmettern kann – aus dem Handgelenk! ... Aber jetzt müssen Herr Hauptmann mich entschuldigen, ich habe in der N?he noch einen Besuch in Familie zu erledigen.?

Er stieg eilig aus, und Gaston sah ihm l?chelnd nach. Die ?Familie? schien in einer schlanken jungen Dame zu bestehen, die vom Brückengel?nder her mit ausgestreckter Hand auf ihn zutrat. Ein netter kleiner K?fer war's, und er hatte recht, der Malchower Dragoner! Ein paar weiche M?dchenlippen waren kurzweiliger als ein muffig riechendes Aktenstück, in dem endlose Zahlenreihen umzurechnen waren. Und wer mochte wissen, wer auf dem besseren Wege war, der ehrgeizige Arbeiter, der sich kaum eine Pause des Verschnaufens g?nnte auf dem steilen Wege zum Ziel, oder der sorglos dahinlebende Leutnant? Kein M?del am Wege, dem er nicht keck den Hof machte, kein Trunk im Glase, den er verschm?hte. Wenn die Stunde schlug, hatte er wenigstens etwas genossen vom Leben! Und die Kugel, die geflogen kam, machte keinen Unterschied. Ob der Sch?del da sich mit hochfliegenden Pl?nen trug, oder ob hinter ihm leichtfertige Gedanken wohnten, Spiel, Weiber, Rennen und Jagen.

Das Blut ging ihm unruhiger als sonst durch die Adern. Als er jedoch zu Hause war, setzte sich der Hauptmann von Foucar hinter das Aktenstück. In ein paar Stunden glaubte er fertig zu sein, aber der Oberleutnant Wentorp, der angeblich in Frankfurt an der Oder eine alte Tante begrub, hatte von seiner kameradschaftlichen Gef?lligkeit einen etwas ausgiebigen Gebrauch gemacht. Das war die Arbeit von zwei Tagen, die er ihm da aufgehalst hatte.

Sein Bursche, ein biederer Schwab von den Karlsburger Ulanen, erschien in der Stubentür.

?Habe der Herr Hauptmann sonscht noch Befehle??

?Ja, H?berle. Brühen Sie mir einen kr?ftigen Tee auf, es wird heut wohl wieder mal eine lange Nacht geben.?

?Befehl, Herr Hauptmann.?

Chapter 2 No.2

Ueber der weiten Bahn im Grunewald schien die helle Sommersonne, zauberte schimmernde Reflexe auf den grünen Rasen und die bunten Toiletten, die den weiten Platz vor den Tribünen füllten. Ab und zu brachte ein leichter Wind den würzigen Duft der hohen Kiefern herüber, die die riesige Bahn ums?umten, überall in der Runde mit ihren dunklen, gezackten Kronen den Ausblick schlossen.

Als Gaston von Foucar sein Billett am Eingange vorzeigte, kam von den Tribünen her ein wirres Durcheinander von Schreien und lauten Zurufen: ?Mohnblüte macht's ... Mohnblüte ... feste, Bullock ... feste ...,? und schlie?lich ein einziges, wüstes Ger?usch, in dem nichts mehr zu unterscheiden war. J?h danach eine kurze Pause, dann wieder wie ein übers Feld rollender Donner: ?Mohnblüte ... Bullock ... Mohnblüte ...?

Er schlenderte langsam der Tribüne zu. Anscheinend hatte er den Anfang vers?umt, die ersten Rennen waren schon geritten. Im Grunde interessierte ihn nur das vorletzte. So stumpf wurde man im t?glichen Dienst, da? man kaum noch teilnahm an den K?mpfen auf dem grünen Rasen, die jedes Reiterherz doch h?her schlagen lassen mu?ten. Aus der aufgezogenen Nummer an dem hohen, wei?en Gestell und aus dem Programm ersah er, da? die Graditzerin ?Mohnblüte? ein Lot von vierzehn, zum Teil in England gezogenen Pferden geschlagen hatte. Das war ja ganz erfreulich, gewi?, aber er sah doch mit einem leisen Kopfschütteln zu, wie das elegante Tribünenpublikum dem in schwarz-wei?em Dre? zur Wage zurückreitenden Jockei eine Huldigung bereitete wie einem aus siegreicher Schlacht heimkehrenden Feldherrn. Wenn die Damen aus so unbetr?chtlichem Anla? schon mit begeisterten Schreien Blumen warfen, Schirme schwenkten und dem blasiert l?chelnden Jockei im Sattel die Hand schüttelten, welche Steigerung gab es da noch, wenn irgend eine gro?e Tat zu kr?nen war im Dienste des Vaterlandes? Rissen sie sich da die Kleider herunter und warfen sie die nackten Leiber vor die Rossehufe? Ungesund war das alles, hysterische Uebertriebenheit, die sich kein Ma? zu finden wu?te.

Er ging durch die Gruppen, die sich um die Erfrischungsstellen dr?ngten, die Kassen des Totalisators stürmten. Ueberall fieberte es von Erregung. Die Kapelle der Gardedragoner im Musikpavillon intonierte ein milit?risches Potpourri, das mit dem alten Schlachtgesang anfing: ?Ich bin ein Preu?e, kennt ihr meine Farben ... die Fahne schwebt mir schwarz und wei? voran.? Ein Teil des Publikums sang mit ... wie eine Entweihung kam es ihm vor.

Die Hauptrennen waren gelaufen, der Himmel verfinsterte sich pl?tzlich, ein leichter Sommerregen strich über die Flur. Da nahm die geputzte Menge Rei?aus. Nur die Wenigen blieben zurück, die an dem Ausgange der letzten Ereignisse interessiert waren. Er mitten darunter – er hatte dem Malchower Dragoner ja versprochen, ein Goldstück auf – wie hie? der Gaul doch gleich? – ja, richtig, auf Marghilan zu setzen.

Das Pfund ging verloren, der hochbeinige Schinder zeigte schon am Start das Gelüst, seitw?rts auszubrechen. Vor dem Wassergraben streikte er, war weder mit Peitsche noch Sporn hinüberzubringen. Da machte sich der Hauptmann von Foucar auf den Weg. Und er l?chelte. Das Selbstvertrauen des kleinen Dragoners war ein wenig gr??er als sein reiterisches K?nnen gewesen. Auf solch einen Riesengaul geh?rte einer, der st?rker war, der diesem Verbrecher den Herrn und Meister zeigte, mit Faust und Schenkeln. An den Tribünen ging er vorbei, über den zweiten und dritten Platz, wo Gentlemen ohne Hemdkragen, laut streitend, den Gewinn der Wettgenossenschaft verrechneten. Die Treppe hinauf zu dem Restaurant. Laute Musik – in dem weiten, von einen Glasdache überdeckten Raume kein Platz mehr frei.

An einem langen, dichtbesetzten Tische in der N?he des Einganges reckte sich ein blauer Aermel in die H?he, besetzt von Silberlitzen. Ein Landsberger Husar, der mit ihm zusammen die Akademie besucht hatte. Leider mit mangelhaftem Erfolge, nicht mal zur h?heren Adjutantur hatte es gereicht. Er diente in der Front weiter als ein mi?vergnügter alter Oberleutnant.

?Holla, Foucar, suchen Sie jemanden??

?Nur einen Platz, um ein Kotelett zu essen! Ich komme fast um vor Hunger.?

?Na, denn hierher, ran! Wenn wir ein bi?chen zusammenrücken, geht's schon!?

Er zw?ngte sich durch die engen Stuhlreihen. Der Landsberger Husar sagte laut mit einer vorstellenden Handbewegung: ?Herr Hauptmann Baron von Foucar vom Gro?en Generalstab ... Frau Rheinthaler – noch vor kurzem eine unserer gefeiertsten Bühnenkünstlerinnen – Herr Rheinthaler. Die anderen Herrschaften m?gen sich gef?lligst selbst ...?

Die in der N?he sitzenden Herren murmelten mit leichter Verneigung einen Namen, die übrige Gesellschaft nahm kaum Notiz von dem neuen Tischgenossen. Ein Kellner brachte einen Stuhl herbei, Hauptmann von Foucar schob sich neben den Landsberger Husar. Ihm gegenüber sa? Frau Rheinthaler, eine junge Dame von etwa sechs- oder siebenundzwanzig Jahren in einem raffiniert einfachen hellen Kleide, das alle Vorzüge ihrer ein wenig üppigen Figur zur Geltung brachte. Aus einem schmalen, mit Venetianerspitzen besetzten Ausschnitte hob sich ein prachtvoller Hals, darüber ein klassisch sch?nes Gesicht ... gro?e, dunkle Augen, deren Iris leicht bl?ulich schimmerte, eine gerade, feine Nase mit beweglichen Flügeln und unter einer wahren Flut dunkelblonden Haares ein paar rosige kleine Ohren. Alles ein wenig zurechtgemacht. Unter den gro?en Augen ein leichter Strich, die Lippen und Ohrl?ppchen ein bi?chen zu rot, aber das Ganze von frappierender Wirkung. Eins jener Gesichter, nach denen man sich unwillkürlich umsah, wenn man ihnen in der Menge der gleichgültigen begegnete.

Frau Rheinthaler hob in komischem Zorn die Hummergabel gegen den Landsberger Husar: ?Sie B?sewicht! Müssen Sie denn immer gleich verraten, da? ich früher einmal beim Theater war?? Der neben ihr sitzende Gatte, ein hagerer Herr mit starker Hakennase und eingefallener Brust, führte hüstelnd die knochige Hand zum Munde: ?Sei friedlich, liebe Josepha, in fünf Minuten h?ttest Du es dem Herrn Hauptmann da drüben ganz von selbst erz?hlt.? Und zu Herrn von Foucar gewendet, fragte er: ?Sind Sie Theaterhabitué? Nicht ... na, dann mu? ich noch einmal vorstellen ...? Er wies leicht auf die Gattin: ?Pepi Hohenthal, vor einigen Jahren die entzückendste Dame de chez Maxim, die es je gegeben hat. Als ich ihr mit Selbstmord drohte, wenn sie ihre himmlischen Fu?gelenke noch fernerhin jedem Laffen zur Bewunderung preisg?be, der vier Mark fünfzig Entree bezahlte, hatte sie Mitleid und heiratete mich. Ihr Interesse am Theater beschr?nkt sich jetzt nur noch auf einige Gastspiele in der Proszeniumsloge bei den Premieren. Da wartet sie, bis die frühere Kollegin auftritt, sich nach dem Herzen greift und vor Aerger gelb und grün wird.? Er hob sein Glas mit eisgekühlter Erdbeerbowle und trank der Gattin l?chelnd zu.

Die Umsitzenden brachen in Lachen aus, Herrn von Foucar wurde es ein wenig unbehaglich zumute, an eine solche Unterhaltung war er nicht gew?hnt. Sein Nachbar aber stie? ihn unter dem Tisch mit dem Fu? an und raunte ihm zu: ?Blo? keine verwunderten Augen machen, sind in ihrer Art ganz famose Leutchen und führen das gastfreieste Haus im ganzen Westen ...? Er nickte dazu. Was ging es ihn an? Heute hatte er diese Menschen kennen gelernt, morgen sah er sie nicht mehr.

Die Unterhaltung am Tische wurde allgemein, man er?rterte die Ereignisse des Renntages, und Gaston von Foucar erfuhr, da? Herr Rheinthaler dem Sport nicht nur als Zuschauer huldigte, sondern Besitzer eines namhaften Stalles war. Zwei seiner Pferde hatten an der Hauptkonkurrenz des Tages teilgenommen, das eine als Schrittmacher, das andere als erkl?rter Sieger, beide aber h?tten durch die Schuld der Jockeis unter den Unplacierten geendet. Der Landsberger Husar erkl?rte seinem Gegenüber eifrig, welche Fehler zu dem Verluste des Rennens geführt h?tten, Frau Rheinthaler schob ihren Teller zur Seite und legte die sch?nen Arme auf den Tisch.

?Sie sind wohl fremd in Berlin, Herr Hauptmann??

Gaston verneigte sich leicht. ?Wie man's nehmen will, gn?dige Frau. Ich bin schon einige Jahre hier. Zuerst auf Akademie, jetzt im Generalstab. Aber ich habe mich nicht viel um Anschlu? bemüht. Ich hatte n?mlich immer reichlich zu arbeiten.?

?Interessieren Sie sich für den Sport??

?Natürlich! Jeder Kavallerist mu? sich dafür interessieren. Die Hindernisrennen sind gewisserma?en die letzte hohe Schule für unsere Reiteroffiziere. Aus den auf dem grünen Rasen gewonnenen Erfahrungen ...?

Frau Rheinthaler schnitt ihm mit einer geringsch?tzigen Handbewegung die Rede ab.

?Ah was! Wegen der Wetten reiten doch blo? die meisten von Ihnen, und nachher wird gespielt. Manchmal, wenn ich schon wieder aufsteh', sitzen sie noch mit meinem Mann zusammen im Herrenzimmer. Schrecklich – er ruiniert sich dabei. Nicht mit dem Geld. Da kann er verspielen, so viel er will, aber mit der Gesundheit h?lt er's nicht aus. Er hat einen schlimmen Herzfehler, und seine Lungen sind angegriffen. Der Doktor meint, jeden Tag k?nnt's eine Katastrophe geben, wenn er's so weiter treibt, er aber lacht blo? dazu. Er allein mü?t doch am besten wissen, was ihm gut w?r ... Und wenn er mal zusammengeklappt ist, eine halbe Wochen zu Bett liegen mu?, geht's hinterher um so ?rger los. Auf alle Rennpl?tze schleppt er mich, nicht nur in Deutschland, und die N?chte sitzt er mit den Karten in der Hand. Ich aber ... für mich ist das alles entsetzlich. Bei den Rennen langweil ich mich zum Sterben, versteh partout nicht, wie man sich drum aufregen kann, ob eins von die R?sser schneller lauft als das andere.?

Frau Josepha machte eine kleine Pause, tippte ihren Gatten auf den Arm: ?Du Fritzerl, bitt sch?n, a Zigaretten.?

Herr Rheinthaler hielt ihr die Dose hin, ohne sich umzusehen oder sein Gespr?ch mit dem Landsberger Husaren zu unterbrechen. Gaston von Foucar aber fragte sich verwundert: Weshalb erz?hlt mir die Frau blo? das alles? Vor kaum einer Viertelstunde hab ich sie kennen gelernt, und sie breitet vor mir Intimit?ten aus, die man sonst doch für sich beh?lt.

Frau Josepha hatte sich die Zigarette angesteckt und sprach weiter. Mit einer leicht verschleierten, aber angenehm klingenden Stimme, der die leise wienerische F?rbung einen eigentümlichen Reiz verlieh. Und sie nahm das Gespr?ch genau an dem Punkte wieder auf, an dem sie es abgebrochen hatte.

?Ja, also ... stumpfsinnig kann man bei diesem Leben werden. Und man sehnt sich nach den Zeiten zurück, wo man noch Interessen hatte. Nicht eine bl?de Rolle zweihundertmal nacheinander zu spielen, Abend für Abend, sondern neue Aufgaben zu gestalten. Ich war n?mlich nicht nur in Berlin am Theater, sondern früher in Wien, und da spielten wir mit wechselndem Repertoire, Ibsen, Strindberg, Shaw, und man fand doch einen Widerhall, wenn man was geleistet hatte. Die ganze Stadt sprach von so einer neuen Rolle. Wie ich z. B. die Hedda Gabler kreiert hatte ...?

Herr Rheinthaler wandte sich halb um, das letzte schien er geh?rt zu haben.

?Entschuldige, liebe Josepha, ich m?chte nur meine Zigaretten wieder haben.? Und mit einem leicht sp?ttischen L?cheln fügte er hinzu: ?Sie k?nnen nachher zu Hause die Kritiken lesen, Herr Hauptmann. Es war ph?nomenal, ganz Wien war begeistert, hingerissen, verrückt. Ein Jüngling erscho? sich an der Theaterkasse, weil er zu der zweiten Vorstellung keinen Platz mehr kriegen konnte, und im Gemeinderat stellte ein Abgeordneter den Antrag, der g?ttlichen Darstellerin der Hedda Gabler schon jetzt ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in sichere Aussicht zu stellen, natürlich gratis und franko.?

Frau Josepha blies gleichmütig einen kunstvollen Ring aus ihrer Zigarette, hob ein wenig die vollen Schultern und machte zu ihrem Gegenüber eine bezeichnende Geste: ?Da, sehen Sie? Wenn wir uns nur gegenseitig frozzeln k?nnen! Aber im Ernst: Ich m?cht nicht, da? Sie glauben, ich schwatz Ihnen da was vor! Wollen Sie heute abend unser Gast sein? Es sind nur ein paar Leute da. Es gibt auch blo? eine Tasse Kaffee, eine Zigarette und vielleicht, wenn die Stimmung danach ist, ein bisserl Musik.?

Gaston verneigte sich leicht: ?Sehr liebenswürdig, gn?dige Frau, aber ich habe zu Hause eine Arbeit liegen, die ich unbedingt bis morgen früh ...?

Herr Rheinthaler fiel ihm ins Wort: ?Keine Ausflüchte, Herr Baron! Das Vaterland wird nicht in Gefahr geraten, wenn Sie sich zur Abwechslung mal keine Schlachtpl?ne ausdenken! Und jetzt auch nicht mehr lang gefackelt! Die Autos stehen unten. Kellner, zahlen!?

Es folgte ein allgemeiner Aufbruch. Herr von Foucar gedachte, sich auf dem Wege zum Ausgange unauff?llig zu entfernen. Da traf ihn ein bittender Blick aus Frau Josephas Augen, und er ging mit.

An der Garderobe fand er Gelegenheit, den Landsberger Husar für ein paar kurze Minuten beiseite zu nehmen.

?Sie, Wodersen, sagen Sie mal ...?

Der Kleine hob die Hand: ?Wei? schon! Sie wollen mich anp?beln, da? ich Sie in diese Gesellschaft da verschleppt habe! Glauben Sie mir, es ist nicht die schlechteste. Der Mann f?llt einem mit seinen ein bi?chen saloppen Manieren ja auf die Nerven. Aber er macht von seinem immensen Reichtum den denkbar vernünftigsten Gebrauch. Zwei Jahre hat er h?chstens noch zu leben – da lebt er eben, wie's ihm Vergnügen macht. Rennen, Jagd, Kartenspielen. Namentlich das letzte. Wenn er zehn Stunden beim Poker gesessen hat, und sein Arzt macht ihm Vorwürfe, zuckt er mit den Achseln. Er sollte lieber seinen Scharfsinn anstrengen, einen neuen Spieltisch zu erfinden, für Leute, die nicht mehr viel Zeit haben. Mit dem Mischen und Kartengeben gingen jedesmal drei kostbare Minuten verloren.?

?Nun, und die Frau??

?Ach, weil sie Ihnen gleich in der ersten Viertelstunde anvertraut hat, was man sich manchmal erst nach l?ngerer Bekanntschaft erz?hlt? Ich hab mit halbem Ohr hingeh?rt – da brauchen Sie sich nichts drauf einzubilden! Das ist ihr gerade so durch den Kopf geschossen, und da mu?te sie es aussprechen. Wenn sie zum Beispiel gefunden h?tte, da? Ihre Frisur Sie nicht kleidet, h?tte sie's vielleicht ebenso gesagt.?

?Aber das ist doch ...?

?Ein bi?chen unerzogen, wollen Sie sagen? Ich wei? nicht! Ich werd' aus der Frau nicht klug. Manchmal glaube ich, es ist bei ihr eine Art von Koketterie, manchmal, sie ist so unbedingt wahrheitsliebend, da? sie es verschm?ht, anders zu sprechen, als sie im Augenblick gerade denkt. In einer Art von souver?ner Unbekümmertheit wie eine Naturkraft, m?chte ich sagen, die nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Na, Sie werden sich ja selbst ein Urteil bilden k?nnen, wenn Sie von jetzt an ?fter in dem Rheinthalerschen Hause verkehren.?

?Ich denke nicht daran,? sagte er lachend. Der kleine Husar aber zuckte mit einem leichten Seufzer die Achseln.

?Ich kenne manche, die so ?hnlich gesprochen haben wie Sie ... aber so ziemlich alle bisher sind wiedergekommen.?

Ein Diener in dunkler Livree hatte Frau Josephas Hütchen in einer Lederschachtel verwahrt, sie trat in Automantel und Kapuze auf Gaston zu.

?Sie fahren neben mir, Herr Hauptmann! Ich steuere meinen Wagen selbst, aber Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich hab' mich selbst viel zu lieb, als da? ich eine Unvorsichtigkeit begehen k?nnte.? Und, als sie nebeneinander die Treppe hinuntergingen, sah sie ihn l?chelnd an.

?Na, wie war nun der Steckbrief, den Herr von Wodersen Ihnen über mich gegeben hat??

?Fishing?? fragte er zurück.

In ihrer wei?en Stirn erschienen ein paar senkrechte F?ltchen.

?Ich wünsche nie, Komplimente zu h?ren. Merken Sie sich das, bitte, wenn wir gute Freunde werden wollen!? Und da trieb ihn eine seltsame Lust, genau so aufrichtig zu sprechen, wie sie.

?Gn?dige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, sagen zu dürfen, da? ich dazu keine Zeit haben werde. Ich habe viel zu viel zu arbeiten, um daneben irgend welche Freundschaften pflegen zu k?nnen. Wenn ich jetzt mit Ihnen fahre, weil ich zu h?flich war, die Einladung Ihres Herrn Gemahls abzulehnen, so kostet das mich meinen wohlverdienten Schlaf. Die Arbeit, von der ich vorhin sprach, mu? morgen früh fertig sein.?

Frau Josepha blickte, ein wenig verwundert, auf.

?Und deswegen entschuldigen Sie sich? Herr von Wodersen hat mir schon erz?hlt, wie viel Sie zu arbeiten haben, vorhin, wie Sie mir auf dem Rennplatz auffielen ...?

?Ich? Und wodurch, wenn ich fragen darf??

Sie err?tete ein wenig.

?Das sag' ich Ihnen ein andermal! Na, und nun der Steckbrief.?

?Ja, gn?dige Frau, ich wei? nicht ... also gut, ich hatte mich gewundert, da? Sie so rückhaltlos zu mir sprachen. Ueber Dinge, die man sonst ... na, und da versuchte Herr von Wodersen, mir das zu erkl?ren. Ich h?tte mir darauf nichts einzubilden, weil Sie immer aussprechen würden, was Sie gerade denken. Aus unbedingter Wahrheitsliebe oder – ich wei? nicht recht mehr – aus Bequemlichkeit ...?

Frau Josepha sah sinnend geradeaus.

?Ich wei? es selbst nicht. Als Kind hab' ich vielleicht zu wenig Schl?g' gekriegt. Ich war ein arg verzogener Fratz ... Aber in einem hat er unrecht, der Herr von Wodersen n?mlich: Sie dürfen sich doch was drauf einbilden! Ich war furchtbar ?rgerlich und verstimmt. Jeder andere h?tte Grobheiten zu h?ren gekriegt, aber bei Ihnen war mir's halt so, als mü?t' ich Ihnen erkl?ren, weshalb ich so verstimmt war ...?

?Komisch,? mu?te er unwillkürlich denken, ?das eitle kleine Frauenzimmer da bildet sich wahrhaftig ein, es w?re so etwas wie der Mittelpunkt der Welt.?

Frau Josepha setzte sich hinter das Steuer, er nahm zu ihrer Linken Platz, der Chauffeur drehte die Kurbel an und sprang auf den langen Seitentritt.

?Wir haben nur ein paar Minuten zu fahren,? sagte sie, lenkte den schweren Wagen durch eine Lücke der die breite Heerstra?e entlangziehenden Fuhrwerke in freie Bahn. ?Und auf das, was Sie eben gedacht haben, antwort' ich Ihnen zu Hause. Jetzt mu? ich aufpassen ...?

Sie brach ab. Eine Droschke kam angejagt, deren Lenker anscheinend die Gewalt über sein R??lein verloren hatte. Haarscharf bog das Auto an den schleudernden R?dern vorbei. Da verfiel sie zornig in ihren heimatlichen Dialekt: ?Kruzitürk'n, h?tt grad no g'fehlt! A Schlamperei is das, und, Karl,? rief sie dem Chauffeur zu, ?merken S' sich die Nummer von der Droschken! So a Kerl, dem a lahme Zieg'n durchgehn tut, mu? den Fahrschein verlieren.?

Die Villa Rheinthaler lag in einer Seitenstra?e der K?nigsallee, inmitten eines gro?en Parkes, den dichtes Buschwerk und ein hohes Eisengitter gegen zudringlichen Einblick der Vorübergehenden verschlossen. Schlanke Kiefern hoben sich aus weiten Rasenpl?tzen, seltene Zierb?ume vereinigten sich zu Gruppen, aus einem Teppich bunter Blumenbeete sprang der m?chtige Strahl einer Font?ne. Als die Autos in die Auffahrtsrampe lenkten, eilte ein halb Dutzend Diener herbei, die Ankommenden in Empfang zu nehmen.

?So,? sagte Frau Josepha, ?jetzt entschuldigen Sie mich ein paar Minuten. Ich bin gleich wieder da, will mich nur ein bi?chen hübsch machen. Für Sie!?

?Noch hübscher?? fragte er kecker, als es sonst in seiner ein wenig schwerf?lligen Art lag.

?M?glichst hübsch,? erwiderte sie l?chelnd, ?um einen Spartaner seinen strengen Grunds?tzen abwendig zu machen.?

Da folgte er ihr in das Haus, ganz unsicher, was er von alledem halten sollte. Glaubte diese, anscheinend über die Ma?en verw?hnte junge Frau vielleicht, er w?re mit ein paar liebenswürdigen Redensarten einzufangen? Um nachher in ihrem Hofstaat einherzutraben, wie etwa der kleine Landsberger Husar ...

Die weite Halle füllte sich mit G?sten. In den beiden Automobilen von dem Grunewaldrestaurant mochte etwa ein Dutzend mitgekommen sein, die übrigen, mehr als zwanzig, hatten anscheinend schon auf die Heimkehr der Wirte gewartet. Auf dem in der Mitte stehenden Billard war eine Boulepartie im Gange. Die vier Spieler protestierten, teils scherzhaft, teils im Ernst gegen die St?rung. In einer Ecke bearbeitete ein Jüngling in wei?em Tennisdre? das Klavier, zwei, drei Paare tanzten Tango. Alles schwatzte durcheinander, ein dicker Herr fuchtelte mit dem Arm in der Luft und rief laut: ?Heda, Wirtschaft! Whisky und Soda! Ich komm' fast um vor Durst ...?

?Doller Betrieb, was??

Gaston blickte auf, der Hausherr stand neben ihm.

Er verneigte sich h?flich.

?Wohl dem, der ein so gastfreies Haus zu führen vermag.?

?Haus? Schon mehr ein Restaurant! Sehen Sie den Dicken da, der so nach Whisky brüllt? Das ist der gewerbsm??ige Spieler Leopold David! Wenn ich ihn ansehe, fehlen mir ungef?hr dreimalhunderttausend Mark. Ich bin seiner eisernen Ruhe nicht gewachsen, aber gerade das reizt mich ... und, was wollte ich doch sagen? Ja richtig – so geht das hier jeden Sonntag zu. In der Woche weniger. Da ladet meine Frau mir nur meine st?ndige Pokerpartie ein, weil ich keinen Klub besuchen kann. Hier drin n?mlich ist alles kaput? – er schlug sich mit der Faust gegen die Brust, ein kurzer, trockener Husten folgte danach, er sprach nur mit Mühe weiter: ?Ja, also, was spielen Sie? Gar nichts? Das ist sehr bedauerlich! Was wollen Sie da mal als pensionierte Exzellenz machen? Ich lebe nur, wenn ich Karten in der Hand habe. Im Sarge gedenk' ich die 'Teufelspatience' zu legen, die geht erst am Jüngsten Tag auf. Na denn, auf Wiedersehen. Herr David winkt mir, die Partie kommt in Gang. Sie entschuldigen mich wohl ... jeder amüsiert sich hier auf seine eigene Fasson. Wenn Sie flirten wollen, es ist alles da! Nicht wie bei armen Leuten ... Wenden Sie sich nur an meine Frau, die wird's Ihnen aussuchen. Erst vorige Woche hat sie eine Verlobung gestiftet, und der Br?utigam konnte lachen. Die einzige Tochter von Martin Neudecker ... zwei Millionen bar auf den Tisch des Hauses, nach dem Ableben des hochverehrten Papas und Erblassers das Vierfache. Und so was Aehnliches l?uft hier noch in mehreren Exemplaren herum, zum Beispiel die reichere, dafür jedoch h??lichere Cousine der eben genannten, christlichen Jungfrau und Braut – aber jetzt entschuldigen Sie mich wohl wirklich. Wenn Sie Durst oder Hunger haben, brauchen Sie nur zu klingeln.?

Gaston fühlte einen feuchtkalten H?ndedruck und stand allein. Allein in einem Haufen von Menschen, die ihn nichts angingen, und deren Gebaren ihm fremdartig vorkam, wie aus einer anderen Welt. Es war ja ganz interessant, da mal hineinzublicken, aber damit auch holla ... Und jetzt h?tte er sich still entfernen k?nnen, niemand achtete auf ihn. Nur es reizte ihn, zu erfahren, ob Frau Josepha wirklich erraten haben mochte, was er vor dem Besteigen des Autos gedacht hatte.

Der Jüngling am Klavier intonierte pl?tzlich den Einzugsmarsch aus dem ?Tannh?user?, oben auf der Treppe, die von der Halle zu einer Galerie führte, erschien Frau Josepha. In einem Kleid aus duftigem, wei?em Stoff, das Hals und Schultern frei lie?, eine gro?e, purpurdunkle Rose vor der Brust. In dem hoch aufgesteckten Haar blitzte ein Diadem aus Brillanten und Rubinen ... wie eine K?nigin stand sie da, lie? ihre Blicke gleichgültig über die Menge da unten schweifen. Er sah hinauf, da winkte sie mit dem F?cher, lachte und rief etwas hinab, was er bei der dr?hnenden Musik nicht verstand. Nur ein gewisser Stolz erfüllte ihn, als die in der N?he Stehenden ihn verwundert anblickten. Irgendwoher aus der Menge kam eine fettige Stimme in unverf?lschtem Dialekt: ?Da schau her, a neuches Schweinderl in Frau Circes Hofstaat! Noch schaut's aus wie a Mensch, aber gib Obacht – in a paar T?g wird's zu grunzen anfangen ...?

Brüllendes Gel?chter ringsum, die Zornr?te stieg ihm ins Gesicht. Aber t?richt w?re es gewesen, zu zeigen, da? er sich getroffen fühlte, oder gar den Rückzug anzutreten. Nur eins war natürlich klar: heute war er zum ersten- und letztenmal in der Villa Rheinthaler gewesen ...

Frau Josepha kam langsam die Treppe hinab und ging durch die Menge wie eine Fürstin, die Cercle hielt. Hie und da sprach sie eine Dame oder einen Herrn an, endlich stand sie vor Gaston.

?Das ist nett von Ihnen, da? Sie geblieben sind. Und bin ich jetzt sch?n genug, da? Sie ab und zu mal wiederkommen werden? Wenn Ihr strenger Dienst es erlaubt??

Er bi? sich auf die Lippen und verneigte sich stumm. Wollte sie ihn l?cherlich machen vor den anderen, oder warf sie sich ihm an den Hals?

Frau Josepha wartete einen Augenblick auf die Antwort, dann sprach sie l?chelnd weiter.

?In einer Stunde wird das Auto vor der Tür stehen – es ist nicht viel anders, als h?tten Sie ein wenig l?nger beim Nachtmahl gesessen. Inzwischen gestatten Sie, da? ich Sie ein bisserl bekannt mache.? Sie sah sich um, winkte einer jungen Dame, die von einem Kreise von Courmachern umringt war: ?Ach, liebe Magda ...?

Die junge Dame, eine Rotblondine mit mageren Schultern, blickte auf.

?Was denn, liebe Josepha??

?Gestatte, da? ich Dir Herrn Hauptmann von ... pardon, wie war doch gleich der Name??

?Von Foucar ...?

?Herr Hauptmann von Foucar – Fr?ulein Magda Neudecker! Sie werden viele Berührungspunkte haben, meine Herrschaften, in der beiderseitigen ernsten Lebensauffassung ...?

Frau Josepha neigte l?chelnd den Kopf mit den schweren Flechten und dem funkelnden Diadem und schritt zu der n?chsten Gruppe. Die junge Dame trat einen Schritt n?her und kniff die kurzsichtigen Augen zusammen.

?Wie ich sehe, Herr Hauptmann, geh?ren Sie zum Generalstab, nach Ihrer Uniform zu schlie?en. Ja, da wird gearbeitet, das wei? ich von einem Vetter, einem Grafen Krottenburg – er hat eine Cousine von mir geheiratet. Wissen Sie, von der 'anderen' Linie der Neudecker ... wenn Sie in der Berliner Gesellschaft ein bi?chen Bescheid wissen, werden Sie sich auskennen.?

?Keine Ahnung, mein gn?diges Fr?ulein ...?

?So, nicht? Na, mir widerstrebt es ... lassen Sie sich das von unserer Wirtin erkl?ren, gelegentlich ... nur so viel, mein Vetter Krottenburg hatte eine kleine Entt?uschung zu verzeichnen infolge einer falschen Auskunft – es war wieder einmal eine Verwechslung passiert mit der anderen Neudeckerschen Linie ... aber ja, was die ernsthafte Lebensauffassung anbetrifft, da finden Sie in mir eine kongeniale Seele.?

So sprach sie noch eine Weile lang selbstgef?llig fort, ihre Zunge lief wie das Rad eines Scherenschleifers, und Gaston fühlte ordentlich, wie sie ihn dabei mit prüfenden Blicken betrachtete. Ob es sich wohl lohnte, vom Standpunkt einer Millionenerbin aus, diesen neuen Bewerber, den man ihr vorgeführt hatte, ein wenig n?her kennen zu lernen.

Als er sich nach schroffer Verneigung umwandte und zum Ausgang schritt, begegnete ihm Frau Josepha mit einem, wie ihm scheinen wollte, spitzbübischen L?cheln in den Augenwinkeln.

?Was denn? Doch nicht etwa schon fort? Das Auto, das Sie heimbringen soll, ist noch nicht vorgefahren. Es fehlt noch eine halbe Stunde – genau auf neun hab' ich's befohlen. Und ich hab' Sie noch was zu fragen.?

Sie deutete auf eine offenstehende Tür, die zu einem hell erleuchteten, saalartigen Zimmer führte. Er neigte den Kopf und folgte. Was lag schlie?lich an der halben Stunde?

In einer Ecke stand ein runder Pokertisch, von einer gro?en H?ngelampe bestrahlt. Die sieben Pl?tze waren besetzt, hinter den Stühlen standen ein paar schweigsame Zuschauer. Ein klapperndes Ger?usch von Zeit zu Zeit, wenn die beinernen Chips in die Mittelschale flogen, die notwendigen Erkl?rungen im Spiel wurden nur halblaut gegeben. Einer der Herren wandte den Kopf, eine Hakennase stand über einem Paar flackernder Augen.

?Na, Baronchen, amüsieren Sie sich??

?Danke, ausgezeichnet!?

?Um so besser!? ... Ein heiseres Lachen folgte: ?Et quant à moi, ma chérie ... unberufen – ein Festschie?en! Aujourd'hui j'ai une veine comme un ...?

Ein einziger an dem runden Tische belachte die zynische Bemerkung: der dicke Herr David, den der Hausherr vorhin als gewerbsm??igen Spieler bezeichnet hatte. Die anderen blickten nicht einmal auf, griffen mit gespannten Gesichtern nach ihren Karten. Frau Josepha aber zog die Augenbrauen zusammen. Sie seufzte leicht auf und wies auf einen breiten Klubsessel.

?Da bitt sch?n! Und wollen's was zum Trinken haben? Nicht ... na denn ...? Sie setzte sich ebenfalls, kreuzte die kleinen Fü?e in den Atlasschuhen und legte die wei?schimmernden Arme auf das dunkelrote Leder der Seitenlehnen. Kein Schmuck st?rte die prachtvoll verlaufende Linie bis zu dem feinen Handgelenk, nur an den schlanken Fingern funkelten ein paar Ringe.

?Alsdann ... ich hatte versprochen, ich würd' Ihnen sagen, was Sie gedacht haben, eh' da? wir eingestiegen sind. Sie haben gedacht: 'Hat die Frau einen Gr??enwahn! Bildet sich ein, alles auf dieser Welt dreht sich um sie.' Stimmt das??

?So ?hnlich!?

?Na, sehen Sie! Und jetzt will ich Ihnen erkl?ren, wieso ich mir das einbild'. N?mlich erstens denkt jede Frau so, die ein bisserl hübsch ist, und zweitens, bei mir ist das immer so gewesen, in der Welt, die um mich 'rum war. Schon als Kind ... Mein Vater betete mich an, jede Ungezogenheit von mir war ein geistvolles Aper?u, und ich ... als siebenj?hriges M?del hab ich schon drauf gespitzt, ob die Leute auf der Gassen sich nach mir umschauten! Und sp?ter beim Theater – wie ich dahin gekommen bin, ist eine Geschichte für sich – ja, Sie dürfen's wirklich glauben, ganz Wien war in mich n?rrisch! Jeden Tag Blumen und Geschenke von ganz unbekannten Menschen, und alle Wochen fast ein Heiratsantrag. Wissen's, die Leuteln da unten sind leichter beweglich als hier oben ... also schlie?lich auch ein – na, sagen wir mal, ein sehr ein hochstehender junger Herr. Ein Bürscherl noch, aber ein sehr hochgeborenes. Ich lacht' ihn aus, aber er kam wieder, wollt' auf all' seine Titel verzichten, wenn ich nur Ja sagen würd' ... Ein paar Tage drauf teilt mir mein Direktor mit, er k?nnt' meinen Kontrakt nicht verl?ngern. Aha, sagt' ich, und ich wei? schon, weshalb. Z'wegen h?here Rücksichten! ... Und da w?r' ich beinahe tück'sch geworden, h?tt' den Herrn Verwandten von dem hochgeborenen Bürscherl doch noch den Streich gespielt! Aber ich besann mich, ich hatt' ein Beispiel vor Augen, auch von so einer morganatischen Ehe ... also nach Berlin. Geheult hab' ich ... in Wien taten die Herren Rezensenten Feuilletons über mich schreiben, hier erwischt' ich bei der fünfzigsten Aufführung ein Notizerl von zwei Zeilen. Da kam mein Mann. Das hei?t, er wurd's erst sp?ter ... Herr Fritz Rheinthaler. Zuerst lud er mich mit einem prachtvollen Ring aus Brillanten und Smaragden ein, ich m?chte bei dem n?chsten seiner 'berühmten Herrenabende' mitwirken. Als ich ihm den Ring zurückschickte, kam er pers?nlich. Ich lie? ihn nicht vor ... er kam aber jeden Tag wieder ... drei Wochen danach hatte ich eingewilligt, seine Frau zu werden. Eigentlich wegen einem guten Witz. Er hatte mir n?mlich geschrieben, er selbst w?r' h??lich. Aber er h?tte das sch?nste Haus in Berlin, die sch?nsten Autos und Pferde, nur die sch?nste Frau t?t' ihm noch fehlen ... Da mu?t' ich lachen ...?

Frau Josepha machte eine kleine Pause, strich sich über die Stirn und sah nachdenklich auf ihre Fu?spitzen.

?Ja, so hab' ich ihn halt genommen. Auch weil er mir ein bisserl leid tat ... Na, und jetzt –? Sie blickte wieder auf – ?jetzt ist die Reih' an Ihnen. Aber hübsch ausführlich, bitt' ich mir aus!?

Er schrak unwillkürlich zusammen. Zuerst hatte er aufmerksam zugeh?rt, dann war es wie ein sachtes D?mmern gekommen. In einem gro?en Garten blühten tausend Rosen, und die allersch?nste, eine tief purpurfarbene, neigte sich ihm zu.

?Ich, gn?dige Frau? Von mir ist wenig zu erz?hlen. Zum mindesten nichts, was Sie interessieren k?nnte.?

Sie machte eine kurze Handbewegung.

?Ah ... gehn's! Wenn man so ausschaut wie Sie ... Aber Sie haben ganz recht! Sie brauchen nicht mit Erlebnissen zu renommieren, das spürt man als Frau. Aber nur eins m?cht' ich gern wissen: wer ist denn augenblicklich die Glückliche??

Er err?tete bis unter die Haarwurzeln, und es klang unwilliger, als er beabsichtigt hatte: ?Gn?digste Frau, ich mu? gestehen, über solche Dinge habe ich noch nie zu einer Dame ...?

?Ah was, zu mir k?nnen's sprechen wie zu einem Bub'n ...?

?Nun denn, in meiner allerersten Leutnantszeit hatte ich ein paar kurze wilde Wochen. Die liegen hinter mir. Und ich glaube, ich hatte heute schon einmal Gelegenheit, auszusprechen, ich h?tte nicht einmal für die Freundschaft Zeit. Geschweige denn für irgend welche leichtfertigen Abenteuer!?

Frau Josepha lachte leise auf.

?Alsdann, wenn ich noch ein junges M?del w?r', in Sie t?t ich mich unrettbar verlieben! Aber jetzt will ich mal wieder ganz gesetzt sein: so schrecklich viel müssen Sie arbeiten??

?Ich mu? nicht, es ist mein freier Wille. Tausende machen sich ihre Karriere leichter.?

An dem Spieltisch wurde es ein wenig lauter, man sprach lebhaft durcheinander. Herr Rheinthaler wandte sich auf seinem Stuhle um: ?Du, Josepha, das h?ttest Du eben sehen sollen! So 'was war überhaupt noch nicht da ... drei Vierer gegeneinander, und ich kaufe zu Coeur A?, K?nig, Dame, Bube die Zehn – royal flush! Also, Sie dürfen mir heute überhaupt nicht fort, Herr Hauptmann, Sie sind meine Maskotte.?

Gaston erhob sich, ein pl?tzlicher Widerwille war in ihm aufgestiegen. Gegen die frivole Gesellschaft hier und die Frau, deren ganzes Gehabe doch darauf ausging, ihn listig zu umgarnen, zu einem Spielzeug zu machen für ihre Launen einer gewesenen Theaterprinzessin.

?Ich bedaure sehr, Herr Rheinthaler, ich habe zu Hause noch eine dringliche Arbeit zu erledigen. Gn?dige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen.?

Er klappte die sporenbewehrten Hacken zusammen, Herr Rheinthaler winkte mit der Hand: ?Auf Wiedersehen denn.? Frau Josepha sah ihn ordentlich erschreckt an.

?Ja, aber wieso denn? Es ist doch noch nicht neun Uhr, und ich wollt' Sie noch so vieles fragen.?

?Ich m?chte gern ein paar Schritte laufen. Die ganze Woche habe ich kaum Zeit, am frühen Morgen meine beiden G?ule zu bewegen.?

Sie bi? sich auf die Unterlippe.

?Dann will ich Sie nicht l?nger zurückhalten.?

Auf dem Vorflur gesellte sich der Landsberger Husar zu ihm, schnallte ebenfalls um und setzte die Mütze auf.

?Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stück zusammen. Ich habe in einem spontan entrierten Bac zwei Mille verloren. Das ist für den einzigen Sohn eines kümmerlich lebenden Agrariers reichlich genug.?

?Sagen Sie mal,? – Gaston deutete zurück – ?das Haus da ist wohl so eine Art von Mausefalle? Wie man's in den Romanen liest: die sch?ne Frau als Lockmittel, und den G?sten werden die Unkosten abgekn?pft??

Der Kleine blieb entrüstet stehen.

?Foucar, ich glaube – entschuldigen Sie den harten Ausdruck – Sie sind nicht recht bei Trost! Wissen Sie, was eine Kohlengrube ist??

?Ich denke ...?

?Na, davon besitzt Herr Rheinthaler ungef?hr ein Dutzend. Die n?tigen Hüttenwerke dazu – sein Gro?vater schon war einer der reichsten M?nner von ganz Schlesien, sein Vater hat das Verm?gen verdreifacht, und nun kann er sich noch so viel Mühe geben, er kriegt's nicht einmal fertig, die H?lfte seiner Zinsen auszugeben! Und die Frau? Wissen Sie, was die für eine Geborene ist? Eine richtige Baronin Nadanyi! Aus der morganatischen Ehe eines Prinzen von Leuchtenfels, der in ?sterreichischen Diensten stand, mit einer Dame aus b?hmischem Adel. Und das sind keine Theaterm?rchen, ich selbst habe die Dokumente gesehen! Wie so etwas zur Bühne kommen konnte, wollen Sie fragen? Die Mutter war früh gestorben, sie kam mit sechzehn Jahren ins Kloster. Da brannte sie durch. Ein sch?ngeistiger Pater hatte sie verrückt gemacht, weil sie Corneillesche Verse deklamierte, da? sich's anh?rte wie Musik. Ihr Herr Papa hatte keine Autorit?t, war auch wohl in den H?nden irgend einer Dame, die ihn ebenfalls morganatisch zu heiraten gedachte ... kurz, sie setzte es durch. Ein paar Jahre war sie an ?sterreichischen Provinzbühnen, dann kam sie nach Wien. Feierte beispiellose Triumphe ...?

?Ich wei?,? sagte er l?chelnd. ?Sie hat es mir vorhin erz?hlt.?

?Ah nein, lieber Foucar, nicht so ironisch! Ich habe die Kritiken gelesen. Es war fabelhaft! Hier in Berlin erlebte sie ja nachher eine Entt?uschung.?

?Aber sie hat sich mit Herrn Rheinthaler getr?stet! Erz?hlte sie mir auch vorhin. Na und nun wollen wir von etwas anderem reden. Müssen Sie noch heute nach Landsberg zurück??

?Nein, ich hab', Gott sei Dank, drei Tage Urlaub erwischt. Aber jetzt erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie wirklich so eine kaltschn?uzige Natur, oder verstellen Sie sich blo???

?Wie meinen Sie das??

?Nun, Sie haben heute eine der sch?nsten lebenden Frauen kennen gelernt ... Unsinn, die sch?nste Frau überhaupt! Sie hatten den Dusel, von ihr ausgezeichnet zu werden, und jetzt sagen Sie gewisserma?en, na wenn schon??

?Ah nein, das nicht! Es hat mich sehr lebhaft interessiert, eine Sorte von Menschen kennen zu lernen, die mir bisher fremd war. Menschen, die den einzigen Trieb in sich haben, schrankenlos ihren Gelüsten zu folgen, für die der Begriff Arbeit nicht zu existieren scheint, und die sich infolgedessen viel zu viel mit dem eigenen Ich besch?ftigen. Dafür hab' ich mal in einer Zeitung ein recht nettes Wort gelesen, das darauf anzuwenden w?re: 'Die janze Richtung pa?t mir nicht!' Es ist etwas in diesem Betrieb, da str?ubt sich mein Empfinden als Offizier und Edelmann dagegen. Es ist muffig! Treibhausatmosph?re, in die unsereins nicht hineingeh?rt.?

Der Kleine neben ihm st?hnte auf.

?Herrgott, was sind Sie zu beneiden! Haben Sie vielleicht eine kleine Eismaschine in der Brust? Ich bin seit einem halben Jahr ein bi?chen verrückt. Ich mu? das mal aussprechen, Sie werden es auch natürlich für sich behalten ...?

?Aber selbstverst?ndlich ...?

?Also die Frau ... ich glaube, ich schie? mich ihretwegen noch einmal tot. Sie hat etwas, was mich toll macht und meine Sinne reizt, irgend ein Fluidum, das auch ihre unerh?rten Erfolge beim Theater erkl?rt ... jeden Abend ausverkauft, aber nur wenige Damen im Publikum, lauter Herren.?

?Vielleicht mü?ten Sie blo? ein bi?chen forscher 'rangehen, lieber Wodersen. Nur dem Kühnen blüht das Glück.?

Der Landsberger Husar stie? unwillig mit der S?belscheide auf die Steinfliesen des Trottoirs.

?Sprechen Sie nicht so leichtfertig, Herr von Foucar! Das hei?t, pardon ... Sie kennen die Dame ja erst seit ein paar Stunden. Ich schw?re Ihnen, sie ist ihrem Manne unverbrüchlich treu. Das wei? ich genau, denn ich lasse sie beobachten. Lachen Sie nicht ... ich lasse sie t?glich beobachten und bekomme t?glich meinen Bericht. Es würde mich wahnsinnig machen, wenn ich verdursten sollte, w?hrend ein anderer ... na, ist gut! Und immer laufe ich um ein R?tsel herum, wie um ein Haus, zu dem kein Eingang zu finden ist ... weshalb hat sie nur diesen Menschen genommen??

?Um sich gl?nzend zu versorgen, vielleicht??

?Unsinn. Sie verfügt nach dem Tode ihres Vaters selbst über ein recht betr?chtliches Verm?gen.?

?Nun, vielleicht aus Mitleid??

?Auch das stimmt nicht. Wenn er seine Anf?lle hat, betritt sie nicht mit einem Fu? das Krankenzimmer.?

?Na, dann wei? ich wahrhaftig nicht. M?chte mir auch nicht den Kopf darüber zerbrechen.?

Ein paar hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann fing der Kleine wieder an:

?Bei ihm kann ich's verstehen. Er m?chte in seinen paar letzten Jahren noch alles an Genu? an sich rei?en, was auf dieser Welt zu haben ist. Wenn damals der Riesendiamant in Südafrika verk?uflich gewesen w?re – er h?tte ihn gekauft. So macht er's mit allem, was seiner Gier erreichbar ist.?

?Kann ich bis zu einem gewissen Grade begreifen. Aber unverst?ndlich ist es mir, da? er dieses mühsam errungene Juwel so schlecht behandelt. Pfui Deuwel noch einmal! Zum Ohrfeigen! ...?

Herr von Wodersen ballte die Faust.

?Ich war schon ?fter drauf und dran. Aber man darf sich doch an so einem kl?glichen Jammergestell nicht vergreifen. Und wer will sich in die Empfindungen eines so degenerierten Menschen hineinversetzen? Eines Menschen, der genau wei?, da? er in kurzer Frist ins Gras bei?en mu?? Vielleicht ist das noch der letzte Reiz für ihn, zu besudeln, was andere auf den Knien anbeten würden ... Na, gute Nacht! Ich sehe dort an der Ecke ein Auto stehen. Ich fahr' nach meinem Hotel, zieh' mich um und geh' noch irgend wohin, mich bet?uben. Haben Sie Lust, mitzukommen??

?Danke! Ich, im Gegenteil, brauche heute noch mein bi?chen Grips. Aber eins noch: Weshalb gaben Sie mir heute abend in dem Grunewaldrestaurant eine so wesentlich andere Auskunft über diese sch?tzenswerte Familie Rheinthaler??

?Weil ... na also sch?n, auf die Gefahr hin, da? Sie ein bi?chen gr??enwahnsinnig werden – Frau Josepha hatte mir schon auf der Rennbahn befohlen, Sie heranzuschleifen. Sie waren ihr aufgefallen, und zwar gleich so, da? ich es mit der Eifersucht kriegte. Da hatte ich mich zuerst natürlich geweigert. Dann aber, als Sie in das Restaurant kamen, hatte sie mit ihren scharfen Augen Sie sofort entdeckt, ich mu?te gehorchen. Und nachher, als Sie mich beiseite nahmen, konnte ich Ihnen doch nicht gut raten: 'Drücken Sie sich wieder, so rasch als m?glich! Wenn Sie in kurzen vierzehn Tagen nicht ebenso ein trauriger Bonze werden wollen wie ich –' Da h?tten Sie mich doch für leicht verrückt halten müssen! Ekelhaft ist das alles, nicht wahr? Na, gute Nacht, Foucar, und auf Wiedersehen morgen abend oder sp?testens n?chsten Sonntag.?

?Gute Nacht, Wodersen! Wenn Sie aber meinen sollten, in der Villa Rheinthaler, fürchte ich, wird aus dem Wiedersehen nichts werden!?

?Ich lege Ihnen hundert zu eins, bis n?chsten Sonntag sind Sie dagewesen!?

?Und ich bin nicht habsüchtig genug, Sie beim Wort zu nehmen: der Ausgang der Wette würde nur in meinem Belieben stehen. Aber da wir schon dabei sind, ein paar von den Klappen hochzuziehen da innen, die man sonst vor anderen geschlossen h?lt, ja, da m?chte ich bemerken, da? ich einige altmodische Grunds?tze habe. Einer davon lautet, man soll nicht in eine Ehe einbrechen, auch wenn sie noch so schlecht verwahrt ist! Oder die Tür sperrangelweit offen steht.?

Der Kleine sah ihn fast feindselig an.

?Sie tun ja ganz so, als brauchten Sie nur den Finger auszustrecken, und ...?

Er fiel ihm ins Wort: ?Das ist ein Mi?verst?ndnis. Ich sprach im Augenblick ganz allgemein ... nichts lag mir ferner, als der von Ihnen verehrten Dame irgendwie zu nahe zu treten.?

?Dann ist's gut – danke. Was aber unsere Wette angeht ...?

?Also, wenn Sie Ihr Geld durchaus los werden wollen: ein gutes Sektfrühstück! Jeder von uns darf ein paar G?ste mitbringen.?

?Abgemacht! Und wir werden ja sehen, wer das Frühstück bezahlt.?

Herr von Wodersen stieg in das Auto, er rief ihm lachend nach: ?Immer derjenichte, welcher verloren hat ...? und ging langsam seiner Wohnung zu. Sie lag in der Rankestra?e, wegen der bequemen Verbindung zu seiner t?glichen Dienststelle. Er hatte reichlich Zeit, die Ereignisse des Nachmittags noch einmal zu überdenken. Und da überkam ihn fast ein Gefühl der Mi?achtung gegen den kleinen Husaren ... Schlapp war es, sich so widerstandslos einer – im letzten Grunde doch verbrecherischen – Leidenschaft hinzugeben! Da mu?te man sich einfach bei den Ohren nehmen, holla, bis hierher und nicht weiter! Und die Zeiten der Troubadoure waren doch vorüber ... ein Ziel mu?te man sich ausrichten, nach dem man strebte, da war Minnedienst vom Uebel!

Er stieg die drei Treppen zu seiner Wohnung empor, im Vorzimmer machte er Licht und trat vor den Spiegel. Kopfschüttelnd betrachtete er sein Bild. Unsinn, es sah noch genau so aus wie sonst. Keine Spur eines interessanten ?Helden?, ein nüchterner preu?ischer Offizier, der keinen anderen Ehrgeiz kannte, als an dem Platze, auf den man ihn gestellt hatte, vollauf seine Pflicht zu tun ...

Er entsann sich, da? er nicht immer so gefestigt gewesen war wie heute, ein paar Wochen in seiner frühesten Leutnantszeit gehabt hatte, wo er beinahe unter die R?der gekommen w?re ... Wegen eines raffinierten kleinen Frauenzimmers, das er – im Notfall unter Einsetzung der eigenen Existenz – aus dem ?Sumpfe? zu erretten gedachte, in den es schuldlos geraten war. Auf der Bühne eines vorst?dtischen Gartenlokals sang sie in langem Schleppkleide sentimentale Lieder, von der letzten Rose und dem Vergi?meinnicht am Bachesrand. Heute mu?te er darüber l?cheln, aber damals war er so unsinnig verliebt gewesen, da? ihn das Herz an allen Ecken und Enden drückte. Und als die sentimentale S?ngerin, die bei dem vorst?dtischen Publikum vielen Beifall fand, ihm bei einer Flasche sauren Mosels ihr Vertrauen schenkte, da war sein Entschlu? gefa?t. Heilige Ehrenpflicht war es, die wegen eines einzigen Fehltritts von den grausamen Eltern Versto?ene vor dem Untergange zu bewahren, und kurz entschlossen bot er ihr Herz und Hand. Sie begnügte sich vorl?ufig mit dem gr??ten Teile seines monatlichen Wechsels, aber Gott allein mochte wissen, zu welchen t?richten Streichen ihn seine Verliebtheit getrieben h?tte, wenn ihn nicht einer der ?lteren Regimentskameraden in eine Art von Gewaltkur genommen h?tte. Er lud ihn zu einem gr??eren ?Budenfest mit Damen?, ersuchte ihn aber, erst ein paar Stunden nach dem offiziellen Anfange zu erscheinen. Unter den ?Damen? befand sich auch seine sentimentale S?ngerin, aber sie schien sehr lustig, drehte sich auf dem Tisch in einem uns?glich frechen Tanz, und als er sie entsetzt anstarrte, schlug sie ihm mit der Fu?spitze die Mütze vom Kopf. Da schossen ihm die hellen Tr?nen in die Augen vor grimmem Weh, dann aber stieg ihm der Ekel empor in den Hals ...

Also diese Art tempor?ren Wahnsinns um ein Weib hatte er auch durchgemacht am eigenen Leibe. Da war es wohl ein wenig ungerecht, sich über den Landsberger Husaren wie ein Pharis?er zu erheben. Bei dem einen entwickelten sich die Hemmungsgefühle, die den Menschen vor Torheiten bewahren, früher, bei dem andern sp?ter. Und schlie?lich, wer wollte sagen, was er tun oder lassen würde, wenn ihm eines Tages die Leidenschaft wie ein Feuerbrand in die Seele schlug? ...

Er holte die Arbeit aus dem sicheren Verschlusse des Schreibtisches, aber in den ersten Stunden wollte sie nicht recht schmecken. Ein paar wei?e Arme st?rten ihn ab und zu zwischen den Zahlenreihen und eine tiefpurpurne Rose. Und manchmal besch?ftigte ihn der Gedanke, was er wohl beginnen würde, wenn das Schicksal ihm so unerme?liche Reichtümer in den Scho? geworfen h?tte wie diesem Manne, der als ein Gezeichneter des Todes sich von Genu? zu Genu? schleppte. Da mu?te er l?cheln. Beim besten Willen gelang es ihm nicht, viel mehr zu verbrauchen, als ihm jetzt schon im Jahre zur Verfügung stand. H?chstens ein schnittiges Juckergespann h?tte er sich noch angeschafft und einen aus allerbestem Blute stammenden englischen Hunter, der eine mannshohe Mauer wie ein leichtes Hindernis sprang. Weiter reichten seine Wünsche nicht, und die konnte er bei einiger Einschr?nkung in der kleinen Garnison da fern im Osten auch aus eigenen Mitteln bestreiten. Vierhundert Mark im Monat neben seinem Gehalt als Rittmeister. Damit heirateten andere und unterhielten eine Familie. Seine Gedanken flogen der nahen Zukunft voraus. Wie hatte der Oberst Wegener gestern gesagt? ?Verplempern Sie sich nicht, ehe Sie die kleinen ostpreu?ischen M?dels kennen gelernt haben!? Na, da war nicht viel Gefahr. Das kleine Abenteuer heute war gewisserma?en eine Probe aufs Exempel gewesen. Ein anderer h?tte vielleicht schon lichterloh gebrannt unter den Augen der sch?nen Frau Rheinthaler – er hatte sich als der standhafte Zinnsoldat erwiesen. Nur die für den Oberleutnant Wentorp übernommene Arbeit machte bei diesen irrlichterierenden Gedanken keine sonderlichen Fortschritte.

Der Sommermorgen blaute schon zum Fenster hinein, als er mit einem Ausatmen die Feder aus der Hand legen durfte. Er ?ffnete die Flügel und lehnte sich hinaus. Auf dem obersten Knaufe des turmartigen Aufbaues an dem Eckhause drüben sa? eine Amsel und sang in die heilige Morgenstille ein sehnsüchtiges Liebeslied. Nur ganz von ferne kam ein leises, rhythmisch auf- und abschwellendes Ger?usch. Der Atem der noch schlafenden Riesenstadt. Und da überfiel ihn eine seltsam schwermütige Stimmung. Ganz einsam stand er in der weiten Welt, au?er der gebrechlichen alten Dame daheim kein Mensch, der sich um ihn sorgte. Keinen wirklichen Freund unter den vielen Kameraden, dem man sich in vertraulicher Stunde ganz aufschlo?, der in der Not für einen eintrat, wie für sich selbst. Vielleicht lag es daran, da? ihm die F?higkeit abging, eine sich entspinnende Bekanntschaft bis zur Freundschaft zu pflegen. Immer hatte sich ihm im letzten Augenblick da innen eine Wand emporgeschoben, über die er nicht hinauskonnte. Und wenn er jetzt in nicht allzu langer Zeit nach dem Osten ging, ri? sein Scheiden in den Kreis, der sich ein paarmal in der Woche zu versammeln pflegte, keine Lücke. H?chstens, da? der eine oder andere mit einer gewissen Bitterkeit bemerkte: ?Na ja, er hat's wieder einmal geschafft, der kaltnasige Streber! Kriegt seine Schwadron au?er der Tour, überspringt ein Dutzend Vorderm?nner, der Schuster!?

Ein Vers flog ihm durch den Sinn, den er mal vor Jahren in einem Gedichtbuche gelesen hatte:

Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben,

Da? ich am Morgen weitergeh –

Sie konnten's halten nach Belieben,

Von einer aber tut's mir weh – – –

Das letzte stimmte nicht recht, nicht ein einziges kleines M?del in dem ganzen gro?en Berlin dachte an ihn, wenn er sich anschickte, Abschied zu nehmen. Von gar manchen seiner unverheirateten Kameraden wu?te er, da? sie in den Vierteln im Norden eine sü?e kleine Verschwiegenheit hatten, mit der sie im R?uberzivil am Sonntag irgendwohin über Land fuhren. Er war immer nur als ein Packesel dahingetrabt, dem die anderen Arbeit aufhalsten. Wie dieser freche Schlot von Wentorp, dem er in ein paar Stunden wegen der angeblich verstorbenen Tante einen Sack voll Grobheiten zu sagen gedachte. Er selbst hatte keine Zeit für t?richte T?ndeleien, ging auf dem Heimweg gleichgültig gradeaus den Kurfürstendamm hinunter, wenn er es auch zuweilen fühlte, da? ihm ein paar blaue oder braune M?dchenaugen wohlgef?llig folgten. Und noch etwas anderes hielt ihn zurück ... ein gewisses, hochgesinntes Spartanertum. Schlechtbehütete junge M?dchen aus gutem Hause schienen ihm die meisten, die da mit bl?nkernden Augen um sich sahen. Den Frevel mochten andere begehen ... wenn ihn das Blut trieb, folgte er einigen lustigen Kameraden. Irgendwohin, wo nichts mehr zu verderben war ... Da war es ganz natürlich, da? man einsam verblieb, trotzdem die sch?ne Frau Rheinthaler noch vor wenigen Stunden gesagt hatte, man s?he wie einer aus, der seine tausend Abenteuer mit diskretem L?cheln verschwiege. Wahrscheinlich achtete sie ihn jetzt gering, weil er so ehrlich widersprochen hatte, und wieder war eine Chance verscherzt, die andere vielleicht skrupellos wahrgenommen h?tten. Es wurde ihm hei? bei dem Gedanken. Als ihn endlich die Müdigkeit übermannte, lag er noch eine ganze Weile mit offenen Augen. Die aller Hemmungen bare Phantasie in dem D?mmerzustand zwischen Wachen und Tr?umen zauberte ihm allerhand lockende Bilder vor ...

Chapter 3 No.3

Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten, denen man nur mit erh?hter Anspannung des Pflichtbewu?tseins gewachsen war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins Bureau. Minuten für das Frühstück, eine Viertelstunde fürs Mittagessen ...

ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis aufs letzte Tüpfelchen stimmen mu?te, und immer dabei das niederdrückende Gefühl, das Ganze w?re nicht viel anders als eine spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als h?tte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der ?politische Horizont? verfinsterte sich, ?Krieg, es gibt Krieg,? lief es durch alle Gassen. Das gro?e Haus am K?nigsplatze glich jedem Wissenden als eine rastlos im stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung sich in einem langhinzündenden Schlage entlud ... Da endlich ein Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer schweren Mensur: ?Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit ...? Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen St?dten und D?rfern. Die Tausende flossen zusammen in gr??ere Rinnsale, und schlie?lich schieden sie sich in zwei gewaltige Str?me nach Westen und Osten ...

Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die übrigen.

?Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu dürfen, wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majest?t brauchen nur auf den Knopf zu drücken, um sich davon zu überzeugen. Na denn: Guten Abend allerseits ...?

Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, da? der im Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerh?rt langen Rede aufgeschwungen hatte.

Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein Weinrestaurant in der Franz?sischen Stra?e, um dort einer guten Flasche den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder sch?umenden Sekt irgendwo, wo es Musik gab und fesche M?del. Aus der einen Flasche wurden mehrere, man entschied sich für den ?unsoliden Lebenswandel?. Wer mochte wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da schlugen auch ernsthafte Leute mal über die Str?nge ...

In dem eleganten Ballokal in der J?gerstra?e war ?gro?er Betrieb?. Alle verfügbaren Pl?tze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... über den wei?en Hemdbrüsten gebr?unte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn ... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-, Schmirgel- oder sonstige Kommando für ein paar kurze Wochen nach Berlin geführt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse, ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkürlich zum Mitsingen herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie, Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, L?rm und übersch?umender Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.

Einer der Kameraden verhandelte mit dem ?Herrn Direktor? über die Frage, für fünf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum Tanzsaal, ein schlankes blondes M?del stie? ihn an.

?Du, d?s' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne halbe Stunde.?

Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ... wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein F?cher, und ein paar Augen lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flüchtig zurückgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der sch?nen Frau Rheinthaler ersp?ht. Er legte die H?nde an den Mund und rief etwas herunter, in dem L?rm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich für ein paar Minuten bei seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen führte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel, kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich w?re es doch seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh benommen. Aber Frau Josepha lie? es ihn nicht entgelten, streckte ihm mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.

?Grü? Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen zu dürfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die Gottlosen??

Er beugte sich über die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: ?Ein Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen, aber Sie, gn?dige Frau??

Frau Josepha zuckte mit den Achseln.

?Meinen's, ich tu's zu meinem Vergnügen? Die neueste Marotte meines Mannes. Aber, Fritz, m?chtest Du nicht ...?

Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der Loge sa?en, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: ?Nicht wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im Generalstab??

?Zu dienen ...?

?Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen??

?Pardon, diese Ausdrücke sind mir unverst?ndlich.?

Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt eine Grimasse.

?Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir w?ren sie auch unverst?ndlich geblieben, diese Ausdrücke – da h?tte ich viel Geld erspart! Also ich wollte fragen, ob man jetzt an der B?rse auf Hausse oder Baisse spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen würde, k?nnte man einen hübschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.?

Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher auf seine Seite brachte.

?Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn Kriegsminister. Aber ich fürchte, auch der k?nnte Ihnen keine ganz sichere Auskunft geben.?

Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen hatte, stand auf.

?I mu? eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ...? Er fühlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.

?Bitte sehr, sich durch mich nicht st?ren zu lassen! Meine Kameraden, mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.?

Frau Josepha stand auf, drückte den glattrasierten Herrn auf seinen Platz zurück.

?Sie kommen noch früh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu werden ... und erlauben's mal ...? Sie trat aus der Loge, raffte ihr Kleid mit beiden H?nden und machte vor Gaston einen leichten Knix.

?Für mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten übrig. 'Damenwahl' hat der Ma?tre unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann??

Er trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück.

?Um Gottes willen, gn?dige Frau, das geht doch nicht ...?

?Ah was ...? Sie warf den Kopf in den Nacken. ?Es geht schon in einem hin, und mir ist halt gerad' so zumut.?

Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam aufreizendem Rhythmus. Er mu?te aus einer bekannten Operette stammen, die meisten der T?nzerinnen in phantastischen Hüten und fliegenden Seidenf?hnchen sangen zu der Melodie den Text: ?Wo steht denn das geschrieben, da? man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald Leichtere, bald Schwerere ...? Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich in seinen Arm, er führte sie die erste Runde, als wenn er auf dem Hofballe im Wei?en Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen w?re. Da spürte er einen leichten Druck, seine T?nzerin schmiegte sich n?her an ihn, und er griff zu. Schlie?lich war er doch kein S?ulenheiliger, und er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und zum ersten Male sah er, wie sch?n die Frau eigentlich war, die, anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurückgelegt, die Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht ge?ffneten Lippen blitzten die wei?en Z?hne, und die feinen Nasenflügel zitterten. Da ging ihm das erhitzte Blut mit der kühlen Ueberlegung durch, mitten im dichtesten Gewühl beugte er sich nach vorn, pre?te eine Sekunde lang seine Lippen auf den schneewei?en Hals, da wo er sich aus dem spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, lie? die Arme sinken: ?Bitte, führen Sie mich wieder nach oben!?

Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.

?Sind Sie mir b?se, gn?dige Frau??

Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine kleine Haarstr?hne aus dem Gesicht.

?Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur ...? Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch durch die geschlossene Hand.

?Na, was denn, wenn ich fragen darf??

Sie schüttelte den Kopf mit den schweren Z?pfen, auf denen ein merkwürdiges Geflecht thronte aus gelbem Stroh und schwarzen Spitzen, mit einem kostbaren Marabou an der Rückseite, der wie ein Helmbusch in die H?he ragte.

?Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.?

Da fühlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.

?Gn?dige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten Male ein bi?chen wieder losgelassen, da hei?t es, die Stunde genie?en. Wer wei?, morgen ?ndern sich vielleicht die Dispositionen, und die Rechnerei f?ngt von neuem an. Oder es geht endlich los, die b?sen Bleikugeln pfeifen, und man kü?t keinen wei?en Frauenhals mehr, sondern die kalte, schwarze Erde.?

Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.

?Um Gottes willen, h?ren's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens ab und zu einmal an mich gedacht??

Da antwortete er ehrlich: ?Wie sollte ich wohl, gn?dige Frau? An dem ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich viel mit Ihnen besch?ftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstündigen Normalarbeitstag eingeführt, und – Sie wissen vielleicht – bei den Milit?rsoldaten ist's noch nicht üblich, in solchen F?llen durch Streiken eine h?here Gewinnbeteiligung zu erzwingen.?

Sie nickte zufrieden.

?Jetzt sind Sie wieder wie damals ...? Und pl?tzlich lachte sie auf: ?Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verw?hnte Magda Neudecker behandelt haben!?

?Gn?dige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mi?stimmung. Das Ungeh?rige meiner Antwort wurde mir erst sp?ter klar ...?

?Ungeh?rig? ...? Frau Josepha schüttelte den Kopf.

?Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein Raffinierter: Fr?ulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der Tiergartenstra?e Besuch machen, k?nnen Sie in acht Tagen die hold err?tende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was schon eine Million bedeutet??

Er verneigte sich l?chelnd.

?Vielleicht, gn?dige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen Zuschu?! Den brauche ich blo? mit zehn zu multiplizieren – Sie werden mir zugeben, ein l?cherlich kleiner Koeffizient – ja, und ich kriege einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle Zugabe von Fr?ulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht, mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschlie?en.?

Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die H?nde wie ein paar gute Kameraden.

Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit dem glattrasierten Gesicht sa? ein junges M?dchen in einer Balltoilette aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entbl??t, auf dem gef?rbten Haar ein gro?er Hut mit wallenden Federn. Sie wu?te, da? man sie in eine sogenannte anst?ndige Gesellschaft geladen hatte ... Das war neuerdings ja Mode geworden, da? die Damen aus dem Westen in Begleitung ihrer Herren die ?ffentlichen Balls?le besuchten. Und damit nicht genug, bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber mengte, den fra?en die Schweine. Und sie sprach unfl?tige Gemeinheiten, Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet h?tte, weil man dort einen gewissen ?u?eren Anstand bewahrte ... hier aber die Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie gebrauchte.

Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugeh?rt, jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende Fensternische. Ein Kellner in wei?er Jacke kaum herzugelaufen, s?uberte eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.

?Bitt' sch?n, hier die Weinkarte.?

?Sekt,? entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte, hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.

?Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der legt sich nicht den geringsten Zwang auf.? Sie deutete auf den in der Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, da? er sich gerade über den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck in den Augen zwischen die gebrannten Halsl?ckchen kü?te. Ein paar feine Puderst?ubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge sprang auf, fl??te ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich nicht. Und feindselig sagte sie: ?Recht geschieht ihm! Wenn er nur endlich a mal dabei bleiben t?t ...?

Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.

?Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht mehr gesehen haben, hat sich vieles hier ge?ndert. Das traurige Gestell da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr, eine Gr??e von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im Theater die R?ckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl. Ich immer dabei, denn das w?r ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht dabei w?r', die Demütigung nicht schlucken t?t ...?

?Ah pfui Teufel!? Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig auf den Tisch, da? ihm der Stiel in der Hand zerbrach. ?Und das lassen Sie sich gefallen??

Sie nickte, ihre Augen wurden pl?tzlich ganz dunkel.

?Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das wird für ihn schlimmer sein, als t?t' ihn einer mit glühenden Zangen kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig wird's werden ...?

Sie leerte durstig ihr Glas.

?So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Blo? da? ich vor der Person da nicht so steh, als w?r' ich auf einmal eine Bettlerin ... Kein Mensch t?t mehr den Kopf nach mir wenden.?

Er zog die schmale Hand, die sie ihm über den Tisch entgegenstreckte, an die Lippen.

?Ueberwindung, gn?dige Frau? Vielleicht w?re Furcht das Richtigere ... Furcht, da? aus dem Spiel Ernst werden k?nnte! Ich bin schlie?lich nicht blo? ein auf zwei Fü?en gehendes Bündel von Grunds?tzen, sondern daneben auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals, nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu bringen, ich m?chte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...? Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich zu ihm über den schmalen Tisch, so da? er ihren Atem spürte.

?Ist ja alles nicht wahr, aber sch?n Dank! Wenn man die Gulden nicht kriegen kann, mu? man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt will ich Ihnen ein Gest?ndnis machen, aber das dürfen Sie Wort für Wort glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, spürte ich ein ganz seltsames Gefühl ... wie eine pl?tzliche Erkenntnis: den da h?tt'st ein paar Jahre früher kennen lernen müssen, dann h?tt' vielleicht aus dir was werden k?nnen! So aber, das Leben, das ich jetzt führ' ...? Sie brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es feucht.

Da stieg es ihm hei? im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne entzündeten sich.

?Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben würde, Frau Josepha??

Sie schüttelte den Kopf.

?Es w?r' nicht gut! Nicht gut für uns beide.?

?Und wenn ich's nun schon w?re??

?Dann ...? Sie atmete tief aus ... ?Dann w?r's halt unser Schicksal! Und vielleicht w?r's auch noch Zeit, sich zu dem zurückzufinden, was man früher war.?

Sie legte ihm die Hand über den Arm, er erschauerte leicht unter der Berührung, sie blickten sich in die Augen.

?Frau Josepha, ich bin ein schwerf?lliger Gesell. Ich kann keine sch?nen Worte machen ... ich geh?r' Ihnen von dieser Stunde an.?

?Du lieber Bub' ...?

Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten B?lle, mit denen man sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke, rief aus der Loge herüber: ?Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so was lassen Sie sich gefallen??

Herr Rheinthaler wandte sich l?ssig um, seine Augen blickten schon ein wenig verglast vom reichlichen Trunk.

?Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schlu? – also gehen wir weiter!?

Frau Josepha erhob sich.

?Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht in der Stimmung.?

?Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... N?mlich, pa? auf, die junge Dame, die da vorhin auf Deinem Platz sa?, erz?hlte von einem Café in der Ackerstra?e. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Für einen Taler tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen – Fr?ulein Sandori will für ihren n?chsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch selbstverst?ndlich mit, Herr Hauptmann??

?Ich bedauere lebhaft!?

?Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder müssen Sie sich heute wieder Schlachtpl?ne ausdenken??

?Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht m?glich, ein derartiges Lokal zu besuchen.?

?Na, dann k?nnen wir ja auch wo anders hingehen??

Frau Josepha schüttelte den Kopf.

?Ich fahre nach Hause!?

Herr Rheinthaler verbarg mühsam den aufsteigenden Aerger.

?Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir k?nnen unsere G?ste doch nicht einfach so stehen lassen.?

Fr?ulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei Reihen blendend wei?er Perlenz?hne, zu klein und zu regelm??ig, um echt zu sein.

?Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin nur ruhig nach Hause, Rheinthaler. Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schlie?lich auch nach der Ackerstra?e hinfinden, nicht wahr, Doktorchen?? Sie hakte sich in den Arm eines schwarzb?rtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.

Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.

?Also, Josepha, jetzt sei vernünftig! Ich kann Dich doch nicht allein fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde??

?Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber la? Dich durch mich nicht st?ren! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!?

Fr?ulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.

?Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht doch die ganze Reise, da? die beiden da uns versetzen wollen!?

Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprühenden Augen einen Schritt auf die andere zu.

?Sie! Da? i mi net verge?'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, da? ich Ihnen darauf was antwort'. Ich t?t' mich ja erniedrigen, wenn ich mich mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!?

In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die K?pfe. Das M?del, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam vorbei und blieb lachend stehen.

?Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt – mit 'ne Sektpulle über'n Kopp, det schafft am besten.?

Gaston von Foucar bi? die Z?hne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot Josepha den Arm.

?Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, gn?dige Frau??

Sie gingen an den Logen vorüber, die breite Treppe hinunter, an der Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig au?er Atem, ein.

?Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Fr?ulein Sandori ist au?er sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung bittest ...?

Gaston fühlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange geübte Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.

?Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu einem gewissen Grade bin ich an dem ?rgerlichen Auftritt beteiligt. Ich habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen Vergnügungen, aber die Bemerkung dieses Fr?uleins Sandori war eine freche Verd?chtigung. Die Dame mü?te also wohl zuerst um Entschuldigung bitten, wenn Sie überhaupt eine solche Staatsaktion für notwendig halten sollten.?

In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine M?glichkeit, mit leidlichem Anstande zu Fr?ulein Sandori zurückkehren zu k?nnen.

?Da haben Sie recht! So etwas mu? man am besten mit Stillschweigen übergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen – verlassen Sie sich d'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden! Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...?

Mitten in aller Erregung mu?te Gaston auflachen.

?Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen??

Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden zu haben.

?Selbstverst?ndlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich mu? die Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt morgen ganz Berlin davon. Sie vers?umen nicht viel ... das Auto f?hrt rasch, in dreiviertel Stunden k?nnen Sie wieder zurück in der Stadt sein.?

Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen lassen.

?Kommen Sie, Herr Hauptmann!? Ihren Gatten sah sie mit einem merkwürdigen Blick an: ?Na, alsdann adieu, Fritz.?

?Du bist mir doch nicht b?s, Peperl??

?I bewahre, komm nur nicht zu sp?t nach Haus.?

Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den Garderobenraum trat: ?Es ist alles in sch?nster Ordnung, meine Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstra?e, teuerste Freundin ...?

Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha sa? mit zusammengezogenen Augenbrauen, pl?tzlich schluchzte sie auf, pre?te das feine Batisttuch, das sie in der Hand knüllte, gegen den Mund.

?O, wie schimpflich ist das alles! Und wie müssen Sie mich verachten, da? ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit über ...?

Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide H?nde.

?Das ist ein bi?chen t?richt, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas anderes ... Ich stehe neben Ihnen.?

Sie rückte n?her an ihn, sah ihm in die Augen.

?Das ist nicht blo? so im Augenblick und morgen ist alles wieder verflogen??

?Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.?

Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.

?Du, überleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurück. Auf der Antwort jetzt baut sich meine ganze Zukunft auf!?

Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rücken.

?Unsere Zukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein Knabe, der morgen vergi?t, was er heute geschworen hat??

Da bot sie ihm durstig die Lippen ...

Das Auto passierte eine hell erleuchtete Stra?enkreuzung, sie l?ste sich hastig aus der Umarmung.

?Sei nicht b?s, aber ich mu? vorsichtig sein. Er l??t mich beobachten, an jeder Ecke k?nnen seine Spione stehen. Die beiden Lackeln da vorn, der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.?

Ein h??licher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also vielleicht die ?unverbrüchliche Treue?, von der damals der Herr von Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?

Frau Josepha hatte sich rückw?rts gegen die Polster gelehnt, schlang ihren weichen Arm in den seinigen.

?Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel n?her 'ran, da? ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt h?r' fein zu ... Ich schw?r' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' au?er Dir noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts dafür, da? ich Dich so sp?t kennen gelernt hab' ... Als Du damals im Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber meine alte Kinderfrau hat mich getr?stet. In den Karten hat gestanden, ich würd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'hüt Di Gott ... tr?um' von mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...?

So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berührten ihre weichen Lippen sein Ohr.

Das Auto hielt, der Diener ?ffnete den Schlag. Sie stieg aus.

?Sch?n Dank, Herr Hauptmann, für die liebenswürdige Begleitung. Karl, Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen zurück. Ich brauche Sie noch heute.?

?Zu Befehl, gn?dige Frau.?

Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter dem Geleit eines Dieners in die ge?ffnete Haustür, der Wagenschlag flog zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Stra?e hinaus.

?Rankestra?e hundertsechzehn!? rief er zum offenen Fenster hinaus und lehnte sich in die Polster zurück. Der Kopf war ihm benommen, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnsüchtiges Gefühl war in seiner Brust. Noch hundert Meilen h?tte er so dahinfahren m?gen wie vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des Wagens füllte. Erst ganz allm?hlich wurde er nüchterner ...

Das also eben war die Entscheidung über sein Schicksal gewesen. Unausl?slich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher gesehen hatte ... von der er nichts weiter wu?te als das wenige, was sie selbst und der Landsberger Husar damals erz?hlt hatten. Wie ein Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so kühl abw?genden Art so rasche Entschlüsse hatte fassen k?nnen. Wenn er einmal in mü?iger Stunde davon getr?umt hatte, wie es sich wohl abspielen würde, wenn er sich den guten Kameraden fürs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines vorgeschwebt, ein langsames scheues Ann?hern ... Irgendwo auf einem Fest im Grünen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles anders gekommen. Im hei?en Atem einer j?h emporlodernden Leidenschaft ... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach Prinzipien zurecht, man mu?te das Glück nehmen, wie man es fand. Und nun galt es, einige klare Entschlüsse zu fassen. Morgen vormittag depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: ?Liebes Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zukünftige Tochter. Ich wei?, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis ...? Ja, wie zum Teufel, wie fa?te man das am besten in Worte? ... ?Bis die unwürdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gel?st ist!? Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mütterchen die Depesche las. ?So, so, mei Büble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt??

?Ganz zuf?llig in dem Restaurant einer Rennbahn.?

?Und wo habt Ihr Euch verlobt??

Da stockte ihm zun?chst die Zunge: ?In einem ?ffentlichen Ballokal. Auch ganz zuf?llig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.?

Das alte Frauchen nahm die Brille ab.

?So, so, mei Büble! Und darauf willst Du Dein Lebensglück aufbaue? Das ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein ausgewachsener Mann, mu?t selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ... Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...?

?Mu? ich es selbstverst?ndlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und, sieh mal, man mu? an Au?ergew?hnliches nicht den Alltagsma?stab legen. Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden Fü?en zugleich mu? man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur da? hier eben alle Garantien vorhanden sind, da? es gut ausgeht. Sie ist von ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten ausschildern – Du mu?t sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst die paar unumg?nglichen Widerw?rtigkeiten der Scheidung überwunden haben ...?

Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag ?ffnete, ein reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfu? lag eine Depesche. Er ri? sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des verglimmenden Zündh?lzchens: ?Gratuliere zur fünften Schwadron Ordensburger Dragoner! Wegener.?

Eine ganze Weile sa? er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen, stumpfen Verwunderung, da? der Chef sein vor Wochen gegebenes Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mu?te er sich dafür bedanken. Wie sehr er gejubelt h?tte, da? sich ihm sein sehnlichster Wunsch so rasch erfüllte, und da? er bei dieser au?erordentlichen Auszeichnung sich eines Gefühls der Besch?mung nicht erwehren k?nnte, weil er n?mlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfüllte. Er w?re heute nicht mehr frei, h?tte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von jetzt an zur Seite stehen mü?te. Da erwiderte der gütige Chef wohl mit einem Lachen: ?Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen! Das war damals nur ein kleines Scherzchen von mir. Und ich sch?tze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit Liebe, aber auch mit Vorsicht gew?hlt. Eine junge Dame, die Sie im Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz pr?sentieren k?nnen ...? Und er mu?te darauf sagen: ?Verzeihung, Herr Oberst, das wei? ich noch nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich wei? heute noch nicht einmal, ob ich nicht gen?tigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen, wenn ich das ihr gegebene Versprechen einl?sen soll.?

Da schrie es pl?tzlich in ihm auf, verrückt war das, was er in dieser letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der für eine kurze Weile in seine Haut geschlüpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit Menschenschicksalen spielte ... dem ein bi?chen Mitleid, ein pl?tzliches Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich für das ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, da? er keinen Augenblick z?gern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu l?sen.

Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen zerri? er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den Papierkorb. Wie und womit sollte er seine pl?tzliche Sinnes?nderung erkl?ren? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: ?Ich bin doch kein Knabe mehr, der morgen vergi?t, was er heute geschworen hat.? Sollte er schreiben: ?Gn?dige Frau, als ich das sprach, war ich verrückt oder betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, mu? ich Sie bitten, mir mein Wort zurückzugeben?? Zorn und Scham trieben ihm das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einl?sen konnte, hatte man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der für die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt nichts mehr zu suchen! Und ein l?ngst vergessenes Bild trat pl?tzlich vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag da mit durchschossener Schl?fe, weil es sein verpf?ndetes Wort nicht hatte halten k?nnen. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern gesessen.

Da st?hnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den H?nden. Heute h?tte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn vor dem j?hen Schritte ins Dunkle zurück, da? die Frau, der er sein Wort gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als ein t?ndelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die Zucht über sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie w?hrend den Tanzes aus den Hals kü?te, hatte sie ja selbst gesagt, in ihren Kreisen n?hme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen, eine bodenlose Unversch?mtheit war ...

Gegen Morgen mu?te ihn wohl die Müdigkeit übermannt haben. Als Gaston von Foucar aus einem von wirren Tr?umen erfüllten Schlafe erwachte, schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem Bett, mit einem Briefe in der Hand.

?Herr Hauptmann werde gütigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will sofort Antwort habe.?

Gaston richtete sich im Bett auf.

?Was für ein altes Weib??

?Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer, schaut aus wie eine von dene Schpreew?ldlerinne, und der Herr Hauptmann t?t scho wisse, von wem da? das Briefle w?r'.?

?Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir die erste Garnitur Ueberrock zurecht!?

?B'fehl, Herr Hauptmann!?

Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine ganze Weile lang den Brief unschlüssig in der Hand. Mit einem Schlage war ihm die Erinnerung zurückgekehrt, und ein Gefühl des Ekels vor sich selbst schnürte ihm die Kehle zusammen. K?rperliches Unbehagen nach dem ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und nagender Vorwürfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.

Mit zitternder Hand ri? er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf.

?Mein Liebstes!

In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht ohne Gru? lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war. Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen würde, w?re es nicht wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen hattest, und die selige Gewi?heit zog in mein Herz, da? Du mir geh?rst und ich Dir, für immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein neues Leben gehen zu dürfen, die Seligkeit ist so gro?, da? ich sie kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich umher!

Mit dem Widerw?rtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich verschonen, auch all das Ueble und H??liche soll Dir fernbleiben, was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist. Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.

Heute nachmittag um fünf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal von Dir h?ren, da? Du mich lieb hast. Dann aber müssen wir für eine ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die Tr?nen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran denke, da? wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen, aber auf unseren zukünftigen Bund soll kein h??licher Schatten fallen. Kein Gezischel und kein h?misches Gerede soll sich erheben dürfen. Da? wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen was an!

Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin, überbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mündlich Bescheid, ob ich Dich um fünf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem verschlossenen Schreibtisch nicht zurück.

Ich umarme Dich und küsse Deine lieben, blauen Augen, die es mir zuerst angetan hatten bei Dir. Ich z?hle die Minuten, bis Du bei mir bist.

Josepha.?

Unwillkürlich regte sich in Gastons Brust etwas von dem Gefühl, das er in der vergangenen Nacht empfunden hatte, als er die sch?ne Frau im Wagen heimgeleitete. In dem Briefe da war etwas, das ihn seltsam ans Herz rührte ... Und da? er sich mit Skrupeln plagte, wo andere, die das Leben leichter nahmen, mit beiden H?nden zugegriffen h?tten, lag vielleicht nur an seiner übergro?en Gewissenhaftigkeit. An einer schier schulmeisterlichen Strenge, mit der er noch immer sich selbst erzog. Der Landsberger Husar, Herr von Wodersen, war gewi? ein Offizier und Edelmann von untadeliger Gesinnung. Der aber würde ohne ein Wimperzucken sein Seelenheil verpf?nden, wenn er in diesem Augenblick an seiner Stelle stehen dürfte! Und die Befürchtung, er mü?te seine Karriere aufgeben, wenn er eine gewesene Schauspielerin heiratete, hielt bei n?herem Ueberlegen nicht stand. Da lie? sich mit einigem guten Willen zu einer kleinen Vertuschung ein Ausweg finden. In dem kleinen ostpreu?ischen St?dtchen da oben an der Grenze gab es wohl keinen Menschen, der Josepha auf der Bühne gesehen hatte. Da war sie nichts anderes als die geborene Baronesse Nadanyi, die nach schuldlos geschiedener Ehe den Rittmeister von Foucar heiratete. Wenn er sich aber in dem Regiment erst die gesellschaftliche und dienstliche Stellung geschaffen hatte, die ihm bei seinen F?higkeiten sicher war, sollte wohl niemand auf den Gedanken kommen, da? bei seiner Verheiratung irgend etwas zu bem?keln w?re. Na, und nachher richtete man sich miteinander ein, so gut es eben ging. Und was heute wie eine Art von Zwang aussah nach dem gegebenen Wort, wurde vielleicht eine ehrliche Zuneigung, auf der man sein Leben aufbauen konnte. Ein fester Entschlu? aber mu?te endlich gefa?t werden.

Er griff nach der Klingel, sein Bursche betrat das Zimmer.

?Herr Hauptmann befehle??

?Sagen Sie der Alten drau?en, ich la? mich ihrer gn?digen Frau bestens empfehlen. Ich werde heute nachmittag um fünf meine Aufwartung machen.?

Der Bursche schüttelte den Kopf.

?Sell geht nit, Herr Hauptmann! Das alt Weible will partout den Herrn Hauptmann pers?nlich schpreche.?

?Na, dann soll sie gef?lligst warten, bis ich mich angezogen habe!?

?Befehl, Herr Hauptmann!?

Gaston sprang mit beiden Fü?en aus dem Bett, wusch und kleidete sich rascher an als sonst. Als er aber den Rock zukn?pfte, überfiel ihn eine eigentümliche Beklommenheit. Als ginge er einem hochnotpeinlichen Examen entgegen, so war ihm pl?tzlich zumut.

Er ?ffnete die Tür zum Vorzimmer: ?Darf ich bitten??

Eine seltsam gekleidete alte Frau erhob sich, trat einen Schritt n?her. Unter einem bunten Kopftuch stand ein schneewei?er Scheitel. Die Fü?e steckten in schwarzen Schnürschuhen, in der Rechten trug sie einen derben Schirm, auf den sie sich stützte, als wenn ihr das Stehen schwer fiele. Aus dunklen Augen sah sie Gaston prüfend an. Schlie?lich seufzte sie leicht auf und kam langsam ins Zimmer. Gaston schlo? hinter ihr die Tür.

?Sie wollten mich pers?nlich sprechen??

?Ja, Herr Hauptmann,? sagte sie, ?und sehen! Damals als Sie zum ersten Male bei uns waren, hatte ich keine Gelegenheit.?

Sie sprach ein ganz korrektes Deutsch, nur in der harten Betonung gewisser Vokale verriet sich ein slawischer Anklang.

Gaston wurde es unter den musternden Blicken unbehaglich zumute.

?Sie stehen zu Frau Rheinthaler wohl in einem besonders vertrauten Verh?ltnis??

?Ihre Mutter war zu eitel, da hab' ich sie gen?hrt. Seit sie zum ersten Male in meinen Arm gelegt wurde, habe ich sie nicht mehr verlassen.?

?Na, das ist sehr nett von Ihnen!? Ihm fiel im Augenblick nichts anderes ein als diese banale Wendung. Und, mit einem Versuche zu scherzen, fügte er hinzu: ?Sie sehen mich so prüfend an. Gefalle ich Ihnen nicht??

Sie zuckte mit den Achseln.

?Darauf kommt es nicht an. Nur eins: Sie haben ihren Brief gelesen. Danach mu?te ich fast eine halbe Stunde warten! Haben Sie so lange Zeit gebraucht, sich Ihre Antwort zu überlegen??

Gaston fuhr mit gemachtem Unwillen auf.

?H?tte ich Sie vielleicht im Schlafzimmer empfangen sollen? Ich mu?te mich doch erst anziehen!?

Sie schüttelte den Kopf, ohne die forschenden Augen von seinem Gesicht zu wenden.

?Ich bin ein altes Weib, vor mir brauchten Sie sich nicht zu genieren. Und es ist schon richtig. Sie sehen nicht aus wie einer, der sich vor Freude nicht zu lassen wei?! Aber ich werde ihr was vorlügen. Sie würde sterben, wenn ich ihr die Wahrheit sagen wollte! Seit dem ersten Tag, wo sie mir von Ihnen erz?hlte, ist sie krank. Erst als ich ausgekundschaftet hatte, da? Sie es mit keiner anderen hielten, da? Sie frühmorgens in das gro?e rote Haus am K?nigsplatz fuhren und erst sp?t in der Nacht wieder heimkehrten, beruhigte sie sich.?

Gaston richtete sich auf. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung weiterzuführen, bei der er wie auf einem Armesünderb?nklein sa?.

?Es ist genug. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, ich werde mir erlauben, um fünf Uhr bei ihr zu sein!?

?Weiter soll ich ihr nichts ausrichten??

?Nein!?

Die Alte trat n?her, umklammerte seinen Arm.

?Lieber, guter Herr, seien Sie nicht b?se. Ich mü?te mich ja selbst verfluchen, wenn ich mir sagen mü?te, ich h?tte etwas bei Ihnen verfehlt. Nur, weil ich sie so sehr liebe, da? ich mein Herzblut verspritzen k?nnte für sie, meine ich immer, allen anderen mü?te es ebenso gehen. Also, Herr, sagen Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich mich vor meinem Kind nicht so zu verstellen brauch' ...?

Gaston machte sich unwillig los.

?Aber, meine Verehrteste, wer mutet Ihnen denn zu, da? Sie sich verstellen sollen! Richten Sie der gn?digen Frau einen sch?nen Gru? von mir aus! Alles, was unsere Zukunft angeht, werde ich heute nachmittag pers?nlich mit ihr besprechen.?

?Dazu wird vielleicht keine Gelegenheit sein. Heute nacht hatten wir alles gepackt, um fortzugehen. Da kam der Herr nach Hause, von der anderen. Wie er unsere Vorbereitungen sah, gab es einen schrecklichen Anfall. Ich glaubte, es ging schon zu Ende, aber er erholte sich wieder. Dann hat er geweint und gebettelt, sich die Haare gerissen und geschworen, er würde der anderen den Laufpa? geben. Die Josepha hat ihm nicht geantwortet, und jetzt l??t er sie nicht aus den Augen. Sitzt in seinem Stuhl und spricht kein Wort, bettelt nur immer mit den Augen.?

Gaston wandte sich ab, uns?glich widerw?rtig war das alles.

?Na, dann sagen Sie Ihrer Herrin, es tut mir leid, aber unter diesen Umst?nden kann ich keinen Fu? in das Haus ihres Mannes setzen! Sie wird mir das nachfühlen.?

Die Alte hob die dürre Hand.

?Um Gottes willen, Herr, das geht nicht! Sie wartet auf Sie wie auf den Heiland. Um Sie noch einmal zu sehen und daraus Mut zu sch?pfen für alles, was ihr noch bevorsteht. Wollen Sie ihr da dies kleine Opfer nicht bringen??

?Es ist gut,? sagte er mit einem Aufatmen, ?ich komme! Und da es unter all den Umst?nden wohl keinen anderen Weg gibt – richten Sie ihr etwas aus, was ich ihr sonst pers?nlich gesagt h?tte. Ich setze allerdings dabei voraus, da? ich Ihnen vollkommen vertrauen darf.?

Die Alte reckte ihre hagere Gestalt, über ihr vertrocknetes Gesicht flog ein heller Schein.

?Sie vertraut mir, das mu? Ihnen genug sein. Wie an einer Mutter h?ngt sie an mir.?

?Nun denn ... Also sagen Sie der gn?digen Frau, ich h?tte heute meine Versetzung in die Front bekommen. In ein kleines Nest an der russischen Grenze. Ob ich nach Berlin zurückkehre, h?ngt nicht von mir allein ab. Ich hoffe es, aber ich wei? es nicht bestimmt. Es kann ebenso gut sein, da? ich dort unten für immer bleiben mu?. Ich bitte die gn?dige Frau daher, sie m?chte es sich noch einmal reiflich überlegen. Ob sie mir dorthin folgen will, in die engen und beschr?nkten Verh?ltnisse ...?

Um die welken Lippen der Alten flog ein bitteres L?cheln.

?Ich verstehe! Sie m?chten sich's noch einmal überlegen. Aber das geht nicht an, sie würde es nicht verwinden. Und nun h?ren Sie mir gut zu! Ich leide es nicht, da? Sie ihr wehe tun. Strafen wird die heilige Mutter Gottes Sie, wenn Sie Ihr Wort brechen, und ich werde ihr Werkzeug sein. Ich schw?re Ihnen, Sie k?nnen an das Ende der Welt fliehen, ich werde Sie erreichen!? Hochaufgerichtet stand sie da, die dunklen Augen in dem gelben Gesicht blitzten in fanatischem Glanz.

Gaston hatte ihr ?rgerlich ins Wort fallen wollen, aber die Alte war nicht zu beirren. Da lie? er sie aussprechen. Ueber die Drohung zum Schlu? mu?te er lachen. Sie war auch überflüssig, er hatte sich ja l?ngst schon entschieden. Nur es war etwas in ihm, was ihn trieb, genau so ehrlich zu sprechen wie die andere da, die ihrer Herrin in blinder Treue ergeben war.

?Sie haben richtig geraten, Frau ... Frau ...?

?Ursula hei?' ich,? fiel die Alte ein, ?Ursula Blazitschek aus Deutsch-Brod in B?hmen.?

?Also, Frau Ursula, sagen Sie Ihrer Herrin, da? ich heute nacht noch gewissenhaft mit mir zu Rate gegangen bin. Da? ich auch heute noch überlegte, ob ich sie nicht bitten sollte, mir mein Wort wieder zurückzugeben. Das ist jetzt anders geworden. Nach dem Brief da ... nicht nach Ihren Drohungen. Die würden mich nicht einen Schritt weiter treiben, als ich zu gehen entschlossen w?re. Ich habe vieles zu überwinden, aber ich hoffe, es wird mir gelingen. Ich will ihr die Treue halten, mehr kann ich heute nicht versprechen. Wenn sie damit zufrieden ist, soll sie mir folgen. Gott gebe, da? es ihr und mir zum Guten ausschl?gt.?

Die Alte beugte sich hinab. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie den Scho? seines Ueberrockes an die Lippen gezogen.

?Dank, Herr! Jetzt wird sich alles zum besten wenden. Nur ihr werde ich nicht alles wiedersagen, was wir gesprochen haben. Wozu soll sie sich mit Zweifeln betrüben? Sie hat genug gelitten in dieser Zeit! Um Euer Glück aber ist mir nicht bange ... Und jetzt, Gott befohlen, Herr! Ich werde zusehen, ob es nicht m?glich sein wird, da? Ihr Euch heute nachmittag für ein paar Minuten allein sehen k?nnt.?

Sie knixte und ging eilig hinaus, ohne sich umzublicken. Ein paar Augenblicke war ihm zumute, als ginge das alles nicht ihn an, sondern einen Fremden. Wie in einem Theater kam er sich vor, in dem sich allerhand seltsame Geschehnisse abspielten. Wenn der Vorhang fiel, war die T?uschung vorüber. Man zog sich den Paletot an und trat wieder in die Wirklichkeit hinaus. Er schüttelte den Kopf und begann nachzudenken. Ein Mann, der sich fest in der Hand zu halten glaubte, trieb willenlos in dem Strom des Schicksals, Zuf?lle bestimmten ihm den Weg, blinde und alberne Zuf?lle, die j?hlings einfielen, wie eine aus verkehrter Richtung in die Segel schie?ende B?e. Einen Tag sp?ter war die Arbeit fertig, und er h?tte die Frau, die jetzt sein Schicksal wurde, vielleicht nie wiedergesehen. Oder der Hauptmann Sternheimb, der gestern die Arrangements des lustigen Abends besorgte, w?re auf die Idee gekommen, ein anderes Ballokal für den Nachtbummel vorzuschlagen. Verrückt konnte man werden, wenn man darüber nachdachte.

Der Bursche brachte das Frühstück herein, Gaston stürzte hastig eine Tasse Tee hinunter. Es war h?chste Zeit, sich in den Dienst zu begeben. Und allm?hlich mu?te er sich auch in eine Art von Freudengefühl hineinsteigern, damit seine Danksagung bei dem Oberst Wegener nicht der n?tigen W?rme entbehrte. Aber es gelang nicht. Immer mu?te er denken, da? er in den so hei? ersehnten neuen Wirkungskreis nicht eine lockende Hoffnung mitnahm, sondern eine drückende Last – – –

Der Oberst war sehr guter Laune, als er seinen Schützling empfing. Nur hatte er wenig Zeit, denn er war zum Vortrage befohlen worden, konnte jeden Augenblick abgerufen werden. Er ordnete Papiere und Akten, als Gaston in sein Zimmer trat.

?Na, lieber Foucar, wie ist Ihnen jetzt zumute?? rief er ihm entgegen. ?Freuen Sie sich??

?Au?erordentlich! Und ich wei? gar nicht, wie ich Herrn Oberst für all die Güte und Fürsorge ...?

?Ist schon gut, ich freue mich mit, da? ich's hab' zurechtschieben k?nnen. Haupts?chlich für den Ordensburger Kommandeur. Der kann Leute wie Sie gebrauchen. Ich hab's Ihnen wohl schon neulich gesagt, er ist ein guter Freund von mir, der Oberstleutnant Harbrecht – noch von der Kriegsschule her. Ich hab' ihn um ein paar Nasenl?ngen überholt ... na sch?n. Grü?en Sie ihn von mir! Und sagen Sie ihm im Vertrauen, er soll den alten S?bel schleifen. Es liegt eine verdammt schwüle Spannung in der Atmosph?re.?

Gaston atmete tief auf. Und jetzt kam endlich die Freude über ihn. Das war vielleicht die L?sung aus all der Wirrsal, in die ihn diese vergangene Nacht gestürzt hatte.

?Glauben Herr Oberst wirklich??

Der Chef zuckte mit den Achseln.

?Ich vermute nur! Ich habe mich in dieser Zeit schon so oft mit meinen Prophezeiungen blamiert. Vielleicht hei?t's morgen, wieder 'rin in die Kartoffeln! Aber wo der Oberstleutnant Harbrecht mit seinen Dragonern an der Seite sozusagen am dransten ist, kann's nicht schaden, wenn er noch sch?rfer aufpa?t als sonst. Ich glaube, unsere Herren Nachbarn im Osten werden sich im Ernstfalle nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Sie haben um Szuczin, Grajewo, und wie die Nester alle sonst hei?en m?gen, einen ganz anst?ndigen Pulk Kosaken versammelt, und unsere Grenze bis zu dem masurischen Seendefilee ist offen. In einer Nacht k?nnen sie bis L?tzen reiten.?

?Ich danke Herrn Oberst für die Mitteilung. Ich werde es Herrn Oberstleutnant Harbrecht ausrichten.?

?Na, dem erz?hlen Sie mit dem letzten keine Neuigkeiten, der wei? in seinem Kram Bescheid. Das war mehr für Sie, damit Sie sich gleich zu Anfang bei ihm ein bi?chen nett einführen k?nnen!?

?Herzlichen Dank, Herr Oberst. Ich hatte inzwischen auch schon Gelegenheit genommen, mich wenigstens oberfl?chlich über die dortigen Verh?ltnisse zu unterrichten. Herr Major Nahmacher hatte die Güte, mir auf meine Bitte das einschl?gige Material in seinem Bureau für eine Stunde zur Einsicht zu überlassen.?

Der Chef nickte wohlgef?llig.

?Um so besser! Aber jetzt einen kleinen Tropfen Wermut in den Becher der Freude: Urlaub is nich! Wenn die Zeiten wider Erwarten ruhig bleiben sollten, nach dem Man?ver.?

?Sehr wohl, Herr Oberst. Ich hatte sowieso nicht darauf gerechnet. Jetzt natürlich erst recht nicht, ich mü?te mich ja sch?men. Und ich habe hier nicht viel zu besorgen. Ein paar Abschiedsbesuche. Die ?rgste Zeitvers?umnis w?re die neue Uniform. Sonst k?nnte ich schon heute abend reisen.?

Der Oberst Wegener lachte laut auf.

?So doll ist das Vaterland nun nicht in Gefahr! Die Russen werden ja nicht gleich morgen anfangen.?

Eine Ordonnanz betrat das Zimmer, stand an der Tür stramm.

?Was' los??

?Exzellenz erwarten den Herrn Oberst.?

?Es ist gut, ich komme sofort!?

Der Chef griff nach seiner Mappe.

?Tut mir leid, lieber Foucar, ich h?tte gerne noch ein Weilchen mit Ihnen geplaudert. Von meinem lieben Ostpreu?en. Ich hab' da 'ne Masse Verwandte, denen k?nnen Sie Grü?e bestellen! Die Leitners in Prawdowen, die Ahrens in Sarken, den Reichs- und Landtagsabgeordneten Gorski auf Kalinzinnen ... mit einem himmlischen Kerl von Tochter. Ich alter Esel, als ich das letzte Mal auf Urlaub war, verscho? mich in das M?del, da? meine gute Alte beinahe eifersüchtig wurde ... Na, das soll natürlich kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Von diesen herrlichen Edelfohlen l?uft da auf dem Lande noch eine ganze Masse herum. Also, jetzt Schlu?, lieber Foucar, und adieu!? Er schüttelte seinem gewesenen Untergebenen kr?ftig die Hand: ?Alles Gute auf den Weg, und schreiben Sie mir mal!?

Gaston fühlte es hei? im Herzen aufsteigen. Ganz unwillkürlich beugte er sich über die Hand, die seine Rechte hielt. Wie die Hand eines Vaters kam sie ihm vor.

Der Oberst machte eine rasche Bewegung.

?Unsinn,? sagte er, aber seine Stimme klang ein wenig rauh. ?Ich hatte vom ersten Tage an ein Auge auf Sie geworfen, um Sie für mein geliebtes altes Regiment und die Heimat einzuheimsen. Und jetzt Schlu? ... Gott befohlen!? Er wandte sich ab, ging eilig zur Tür hinaus. Gaston aber stand noch eine Weile allein, ehe er sich in sein Zimmer zurückbegab. Er fühlte sich bedrückt von diesem Vertrauen und kam sich nicht mehr so sauber vor wie früher.

Sein alter Stubenkamerad, Hauptmann von Sternheimb, hob bei seinem Eintritt den Kopf.

?Sie, Foucar, hier in der Abteilung hat sich eine seltsame M?r verbreitet. Die Herren im Nachbarzimmer haben es deutlich geh?rt: der Alte soll ein paarmal gelacht haben, w?hrend Sie Audienz bei ihm hatten. Richtig gelacht. Also das ist ein so merkwürdiges Vorkommnis ... Morgen haben wir entweder Erdbeben oder Krieg nach drei Fronten.?

?Vielleicht habe ich ihm einen guten Witz erz?hlt.?

Herr von Sternheimb lachte.

?So sehen Sie aus! Aber, wenn es nicht indiskret ist: Was wollten Sie eigentlich bei ihm? So feierlich im besten Ueberrock, mit Zylinderhut und S?bel??

?Mich abmelden! Ich bin als Rittmeister zu den Ordensburger Dragonern versetzt worden.?

Hauptmann von Sternheimb sprang auf.

?Mann Gottes, und das sagen Sie mit so einer Leichenbittermiene? Sausen wieder mal über ein paar Dutzend Vorderm?nner weg – unter anderen auch über mich – kommen in die Front, w?hrend wir hier wie die Kulis im Schwitzkasten sitzen müssen. Die hohe Dame, die da unten in der kleinen süddeutschen Residenz Ihre Schicksale lenkt, scheint wieder einmal recht t?tig gewesen zu sein.?

Gaston verf?rbte sich.

?Wie meinen Sie das, Herr von Sternheimb??

Der andere wurde ein wenig verlegen.

?Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgefahren. Aber es geht hier unter uns eine Legende, Sie erfreuten sich da unten in Süddeutschland, noch von Ihrem seligen Herrn Vater her, ganz besonders guter Beziehungen.?

?Das ist ein Irrtum. Mein Papa ist gestorben, als ich kaum ein Jahr alt war. Ich habe mir mein bi?chen Weg allein gemacht, ohne jede Protektion! Die Versetzung jetzt zu so ungew?hnlicher Zeit verdanke ich unserem Abteilungschef. Er hat sie mir selbst angetragen!?

Herr von Sternheimb l?chelte vielsagend.

?Er schien Ihnen schon immer wohlgewogen zu sein. Na dann: gratuliere herzlichst!?

Gaston runzelte die Stirn. So wie der hier, dachten alle übrigen. Kameradschaft existierte doch nur dort, wo einer den anderen nicht zu beneiden hatte.

?Ich hatte die Absicht, die Herren in unserer Abteilung heute abend zu einem Abschiedstrunk zu laden. Bitte, empfehlen Sie mich ihnen! Ich mu? früher in Ordensburg antreten, als ich gedacht hatte. Nach der Stichprobe hier eben zu schlie?en, wird man mir ja auch nicht allzu viel Tr?nen nachweinen.?

Herr von Sternheimb machte eine l?ssige Handbewegung.

?Ihre eigene Schuld, Herr von Foucar! Sie haben sich ja immer von uns zurückgezogen. Gestern kriegten wir eine Art von Erkl?rung und verziehen Ihnen mit schn?dem Neid im Herzen. Minnedienst geht vor Kameradschaft.?

?Wie meinen Sie das?? fragte er, ein wenig unsicher.

?Na, das feuchte Weib, mit dem Sie allein im Auto nach Hause gondelten. Donnerwetter noch mal, war das 'ne pomp?se Erscheinung! Und anscheinend eine Klasse für sich. Eigenes Auto mit Chauffeur und Diener.?

?Herr von Sternheimb, ich mache Sie darauf aufmerksam. Sie sprechen von einer Dame der Gesellschaft!?

?Ah, pardon! Der Ansicht war ich n?mlich auch, als wir nachher noch bei einem Gl?schen Pilsner beisammensa?en, aber der lange Bledow hatte zuf?llig neben Ihnen getanzt und ganz deutlich gesehen, wie Sie Ihrer Partnerin einen z?rtlichen Ku? auf den schneewei?en Schwanenhals applizierten! Das gab er natürlich unter allgemeiner Heiterkeit zum besten.?

Gaston wandte sich ab und bi? sich auf die Lippen. Herr von Sternheimb trat n?her und legte ihm die Hand auf den Arm.

?Na, Foucar, nichts für ungut! Wollen nicht im Aerger auseinandergehen. Wir haben in der Zeit hier doch immer sehr brav zusammengehalten! Und soll ich vielleicht noch feierlich erkl?ren, da? ich nicht die geringste Absicht hatte, der Dame zu nahe zu treten??

?Ist nicht n?tig,? erwiderte er mühsam. ?Nach den Beobachtungen, die Herr von Bledow gemacht hatte, konnte es sehr wohl den Anschein haben ... also erledigt!?

Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.

?Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerührt haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bi?chen ungew?hnlich, da? eine Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen M?dchen mischt.?

?Ist ja schon gut,? sagte Gaston gequ?lt, ?wollen die Sache nicht unnütz breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwürfe zu machen hat, bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde 'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also, ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Da? ich mir nachher diese unbegreifliche Unversch?mtheit erlaubte, dafür kann sie nichts. Ich mu? gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie würden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung – gelegentlich einmal – eine Aufkl?rung geben würden.?

?Aber natürlich! Herzlich gerne,? beeilte sich der andere zu versichern. ?Wir hatten ja alle gestern ein bi?chen scharf getrunken. Wenn man da einer sch?nen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer solchen Umgebung ... na, das l??t sich begreifen. Sie scheint es Ihnen ja auch nicht übelgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergnügt in das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergnügen! aber Sie h?rten nicht mehr.?

?Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst h?tte ich dem Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also dann adieu, Sternheimb.?

?Adieu, lieber Foucar, grü?en Sie mir das liebe alte Nest da an der Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst vielleicht wieder. Ich habe da einen weitl?ufigen Vetter, der hebt mir immer ein paar gute Rehb?cke auf. Sie kennen ihn übrigens auch. Vor 'nem Jahr ungef?hr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswürdig, den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei, von den K?nigsberger Kürassieren.?

?Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und hoffentlich auf Wiedersehen.?

?Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.?

Als Gaston nach der Erledigung der üblichen Formalit?ten und den notwendigen Abmeldungen das gro?e Geb?ude am K?nigsplatz verlie?, würgte ihn etwas am Halse.

Ganz erb?rmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mu?te die Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frühen Morgen zurechtgelegt hatte, als k?nnte er mit Frau Josepha in dem kleinen St?dtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, da? dort niemand hinkommen k?nnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gespr?ch eben mit dem Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.

Zwei Dinge gab es nur, zwischen denen er zu w?hlen hatte: seine Karriere als Soldat oder die Frau. Da mu?te man hart sein, alle sentimentalen Regungen über die linke Schulter werfen und sich frei machen!

Und schlie?lich, wenn man sich die ganze Angelegenheit jetzt einmal im klaren Tageslichte besah, was war denn Gro?es geschehen? Eines jener hysterischen Weibchen, die in Berlin zu Tausenden herumliefen, hatte sich in ihn verliebt. Sah in ihm den Retter aus aller Not und – mal das Ding beim richtigen Namen genannt – warf sich ihm an den Hals. Er hatte sich einfangen lassen in der seltsam gesteigerten Stimmung der Nacht. Jetzt war es wieder heller Tag, und da kam man zur Besinnung. Richtete seinen Weg nach vernünftigen Ueberlegungen, statt nach unklaren und halb trunkenen Empfindungen. Wenn es dabei auch nicht ohne eine gewisse Brutalit?t abging. Das war gesunder Selbsterhaltungstrieb!

Und unwillkürlich mu?te er denken, ein anderer an seiner Stelle h?tte vielleicht skrupellos die Gelegenheit benutzt, die sch?ne Frau zu seiner M?tresse zu machen. Er aber, in dem Respekt, den nur von einer Mutter erzogene M?nner vor allem hegten, was Weib hie?, er hatte gleich sich selbst eingesetzt und seinen Namen. Da stand denn doch Gewinn zu Verlust in einem zu argen Mi?verh?ltnis. Und wenn er wenigstens noch eine Spur von Liebe empfunden h?tte! Aber nichts, rein gar nichts als ein bi?chen Mitleid.

Er st?hnte auf und ballte im hastigen Dahinschreiten die Faust: Schwerenot noch einmal, das war nicht genug, um darauf ein Mannesschicksal aufzubauen! Er konnte sich an diesem Mitleid doch nicht einfangen lassen wie an einem Strick. Da mu?te man sich losrei?en mit ein paar kurzen Worten heute nachmittag und nach dem Abschied nicht rückw?rts schauen. Auch nicht grübeln und sich selber Moralpauken halten. Eine dunkle Stunde, an die er nicht ohne eine gewisse Scham zurückdachte, hatte schlie?lich jeder in seinem Leben. Das mu?te man nicht tragisch nehmen. Namentlich, wenn es um eine Frauenzimmerangelegenheit ging. Da gab es ein bi?chen Geflenn und Gepl?rre, man plagte sich selbst eine Weile lang mit Gewissensbissen, schimpfte sich mal Schweinehund – wenn's gar zu arg wurde, bet?ubte man sich mit einer guten Flasche. Und dann kam die liebe Zeit, brachte allm?hlich Vergessenheit. Man mu?te sich nur von gewissen altfr?nkischen Vorstellungen losmachen. Da? Wort Wort war! Ob man es nun einem Manne abgegeben hatte oder einem Weibe, in der Trunkenheit oder bei vollkommen klaren Sinnen.

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