Wie Siegfried jung war, zu Mime in die Lehre kam, den Drachen erlegte und den Nibelungenschatz gewann
Wenn ihr den Rhein hinunterwandert, immer tiefer ins niederrheinische Land hinein, seht ihr aus der schweigenden Ebene eine altertümliche Stadt sich erheben, die zu tr?umen scheint. Xanten ist sie gehei?en, und sie tr?umt von ihrer gro?en Vergangenheit. Von alten, stolzen Zeiten, da noch ein K?nig hier herrschte weit bis nach Niederland hinein, da noch die Drachenschiffe nordischer Seer?uber vom Meere heraufkamen in den Rhein, und des K?nigs starke Ritter, die auf den Rheinwiesen ihre Rosse im Turniere tummelten, die Feinde erschlugen und ers?uften, da? es eine wilde Lust war. Hei, wie in den Heldentagen die Trompeten jauchzten, die Schwerter blitzten und die Schilde krachten, als k?mpfte ein herrlich Gewitter rheinauf und rheinab.
Das war die Zeit, da dem K?nig Siegmund und seiner K?nigin Siegelinde ein Sohn geboren wurde, und weil nach hei?en Siegen Friede herrschte, so nannten sie ihn Siegfried.
Wie ein junger Baum, den die G?rtner mit Flei? und Liebe hüten, wuchs der Knabe auf. Spielend lernte er die Aufgaben, die seine Lehrer ihm stellten, und war als Kind schon so klugen und hellen Geistes wie wenige vor ihm und nach ihm. Das tat, da? er nach den Schulstunden nicht in den Stuben hockte und sich nicht an Mutters Schürzenband h?ngte, sondern wie ein rechter Knabe, der ein ganzer Mann zu werden wünscht, durch Wiesen und W?lder rannte, die Stimmen aller Tiere erforschte und die Geschichten, die der Wald erz?hlt und die Wellen des Rheines raunen. So wurde nicht nur sein K?rper st?hlern und biegsam wie eine gute Klinge, sondern auch sein Blick wurde scharf und sein Geh?r hell und sein Denken rasch und sicher.
Mit zehn Jahren ritt er den wildesten Hengst ohne Zügel und Zaum, beschlich ihn auf der Weide, warf sich auf seinen Rücken und b?ndigte den rasend Dahinstürmenden mit eisernem Griff in die M?hne. Denn Furcht war ihm fremd, und wer furchtlos ist, bleibt Sieger im Leben.
Mit zw?lf Jahren besiegte er alle Edelknappen und Waffenknechte seines Vaters, und mit vierzehn Jahren ritt er heimlich zum Turnier der starken Ritter, mit geschlossenem Helmvisier, damit sie nicht wü?ten, da? es der Knabe Siegfried sei und sie ihn wegen seiner Jugend von der Bahn verwiesen, legte den Speer ein, den er sich aus dem Stamme einer jungen Esche geschnitzt hatte, und warf die stolzen Ritter aus dem Sattel, da? sie aus ihren Panzerstücken herausgesch?lt werden mu?ten, wie gesottene Krebse aus ihren Schalen.
Da trat er vor seinen Vater, den K?nig, und bat ihn: ?La?t mich in die Welt, Herr Vater, überall hin, wo Feinde sind und es für eine gute Sache zu fechten gilt.?
Der K?nig aber sprach: ?Die Kraft allein tut's nicht, um die Feinde zu b?ndigen, sondern ein weiser Sinn, der aus Feinden Freunde macht und dem Lande die Segnungen des Friedens beschert. Werde ?lter, mein Sohn, und du wirst mir meine Worte danken.?
Siegfried aber dachte: ?Er hat gut reden, der Herr Vater, denn sein Bart ist heute grau, und die Tage, in denen er selber mit Schwert und Speer auf die Feinde rannte, liegen hinter ihm. Wenn es Abend ist, kommen die Harfner in die Halle und singen von K?nig Siegmunds Taten. Da ist es leicht für ihn, zu verzichten und anderen vom Verzicht zu reden.?
Und er ging bekümmert umher und wu?te nicht aus noch ein mit seinem wachsenden Jugendmut.
An einem stürmischen Herbstabend hatte er sich wieder in die Halle geschlichen, in der K?nig Siegmund, von seinen Rittern umgeben, thronte und das Trinkhorn kreisen lie?. Der S?nger sa? mit der Harfe auf den Stufen des Thrones. Er sang von den K?mpfen der G?tter und Menschen. Von den Helden sang er, die das Land befreit hatten von R?ubern und Drachen. Von den Mutigen und Starken, die mit dem blanken Schwert ein K?nigreich erobert und die sch?nste Prinzessin zur Frau gewonnen hatten. Und er sang das alte Lied von den Goldsch?tzen des Zwergenk?nigs Nibelung, die von Fafner, dem greulichen Lindwurm, im Berge gehütet wurden und der erobernden Heldenfaust harrten.
Da ward's dem lauschenden Knaben hei? und hoch zu Sinn, und er fand in der Nacht keinen Schlaf und stand auf, kleidete sich an und trat vors Burgtor. Hui, ri? ihm der Sturmwind die Mütze vom Kopf, und er lief mit dem Sturmwind um die Wette, sie zu fangen, und jagte durch die schauernden Wiesen in die nachtdunklen W?lder hinein, die sich unerme?lich dehnten und in denen es schrie, jauchzte und winselte von tausend Stimmen der Nacht.
Siegfried aber lachte, da? es durch den Wald hallte, denn das gefiel ihm wohl. Und er packte einen jungen Eichbaum, bog ihn nieder, ri? ihn mitsamt der Wurzel aus und erschlug mit ihm, was sich in der Finsternis gegen ihn warf: einen schnaufenden Eber mit glei?enden Hauern, ein gewaltiges Einhorn mit glühenden Augen und eine Schlange, deren Lindwurmkopf rote Flammen und giftgrüne D?mpfe spie.
Und Siegfried schrie in den Sturm hinein: ?Das ist ein Leben! Ha, das ist ein Leben!?
Die Nebel brodelten auf, zerfetzten sich in den Kronen der B?ume und lie?en den d?mmernden Tag in den Wald hinein. Siegfried schaute sich um. Er mu?te über die Grenze in ein fremdes Land geraten sein, denn er fand sich nicht mehr zurecht. Das machte ihn noch einmal von Herzen lachen, denn nun konnte er wohl seine Tapferkeit vor den Menschen beweisen. Aber wie er weiter und weiter durch Dickicht und Gestrüpp den Weg sich bahnte, verspürte er pl?tzlich einen Hunger, der immer grimmiger in ihm wütete. Da lugte er, wo er den h?chsten Baum f?nde, und kletterte bis in den Wipfel, Ausschau nach einer Menschensiedelung zu halten, und seine scharfen Augen entdeckten bald den Rauch einer Hütte, die an einem flie?enden Wasser in einer Waldlichtung lag. Dorthin sprang er in weiten S?tzen.
Es stand ein Schmied vor der Tür, und Siegfried staunte ihn an. Denn der Mann hatte einen schweren, kurzgefügten K?rper mit einem gro?en H?cker zwischen den Schultern und einen verwitterten Kopf. Da? ein Mensch so h??lich sein konnte, tat dem sch?nen Knaben leid, und er wünschte dem verwachsenen Schmied recht fr?hlich einen guten Morgen.
Gerade hatte der Kleine mit Armen, die stark waren wie Hebeb?ume, einen Eisenbalken auf den Ambo? gew?lzt, als Siegfried ihn anrief. Er richtete sein wirrb?rtiges Gesicht auf, packte einen ungefügen Hammer und fragte: ?Was willst du hier??
?Ei,? rief Siegfried, ?was wird ein nüchterner Magen wollen? Eine Morgensuppe will er, wie sie dort auf Eurem Herde so appetitlich duftet.?
?Hand weg,? sagte drohend der Schmied. ?Mü?igg?nger brauchen nicht zu essen.?
?Ich will's Euch wohl beweisen, ob ich das Essen verdiene,? zürnte Siegfried. ?Habt Ihr was zu schaffen für mich??
Der Schmied reichte ihm den ungefügen Hammer und wies auf den Eisenbalken, der über dem Ambo? lag.
?Wenn dein Arm so stark ist wie dein Mundwerk -?
Da hob Siegfried wütend den Hammer und lie? ihn auf den Eisenbalken niedersausen, da? der in Stücken durch die Lüfte flog und der Ambo? eine Klafter tief in die Erde fuhr.
?Was ist das für ein Kinderspielzeug?? rief der starke Siegfried. ?Gebt mir M?nnerarbeit!?
Mit weitge?ffneten Augen starrte der Schmied auf den Zornigen. ?Nun k?nnt Ihr mich morden, Jungherr, denn Ihr habt die Waffe in der Hand.?
Siegfrieds Zorn aber war schon verraucht. ?Da habt Ihr sie wieder. Ich k?mpfe nicht mit Waffenlosen. Auch scheint die Natur Euch Armen so schwer mi?handelt zu haben, da? man Euch mit Liebe begegnen mu?.?
Der Mi?gestaltete sah ihn noch immer an. Aber in seinen Augen war ein warmes Aufleuchten.
?Reicht mir die Hand. Ihr k?nnt nur Siegfried sein, der junge Held, von dessen St?rke schon heute die S?nger Kunde tun. Nun aber wei? ich, da? Ihr in Wahrheit ein Ritter seid. Denn Ihr habt ein reines und gütiges Herz.?
?Und wer seid Ihr?? fragte Siegfried.
?Ich bin Mime, der Schmied. Bleibt bei mir, so lange es Euch gef?llt, und ich will Euch viele Künste lehren.?
Da blieb Siegfried bei Mime im Walde und wu?te nicht, da? es ein Jahr ward und ein zweites und drittes, so lief die Zeit dahin wie ein Wunder und wurde von Meister und Schüler weidlich genützt. War Siegfried als Knabe stark gewesen, so wurde er als Jüngling ein Hüne an Kraft und doch geschmeidig wie der schnellfü?igste Hirsch. Er lernte den B?ren mit den F?usten fangen und ihn am Bratfeuer ohne Messer und Spie? zerrei?en und zerlegen. Das frische Blut trank er wie einen Becher Rotwein und geno? zum Wildbret eine Fülle von saftigen Wurzeln und Kr?utern, die ihn vor jeder Krankheit bewahrten. T?glich aber unterrichtete ihn Mime in der h?chsten Kunst des Waffenhandwerks und lehrte ihn die feinsten Handgriffe und die Vollendung in Ansturm und Abwehr, so da? ein einzelner leicht ein Dutzend best?nde.
Es stand ein Ro? im Stall, das stammte von den Rossen Wotans, auf denen einst die Walküren ritten, und hie? Grane. Das schenkte Mime seinem Z?gling. Und Helm und Panzer schmiedete er ihm und ein Schwert, das durch h?rtestes Eisen schnitt wie durch einen Butterklo?, und das Schwert hie? Balmung. Wie da Siegfrieds Augen leuchteten!
?Vater Mime,? fragte er, ?weshalb macht Ihr mich so reich??
Und der Mi?gestaltete sprach: ?La? es dir gefallen, mein junger Held. Keiner auf der Welt hat mir Liebe geschenkt als du. Ist es da nicht verst?ndlich, da? ich dir auf meine Art davon zurückgeben m?chte??
Siegfried err?tete. ?Ich habe es nicht um Lohn getan.?
Und der Schmied sprach weiter: ?Gerade deshalb bist du des Lohnes würdig. Aber ich wei?, da? deine junge Ritterseele nicht nach Lohn giert, der dir ohne Kampf und Zutun in den Scho? f?llt. Den echten Mann erfreut nur der Besitz, den er sich selbst erobert hat. Deshalb schuf ich dir nur die Waffen. Dein Werk sei nun, den Schatz zu gewinnen. Und jetzt h?re mich an.?
Da erz?hlte Mime, der Schmied:
?Es war ein K?nig mit Namen Nibelung, der besa? den reichsten Schatz der Erde an Gold und Edelgestein. Mein Bruder Fafner und ich gewannen ihn durch List; doch als es zwischen uns zur Teilung kommen sollte, h?hnte mich der arge Bruder wegen meiner Mi?gestalt und bedrohte mein Leben. Da entfloh ich vor dem Treulosen und bü?te in dieser Waldesein?de meine Habgier. Fafner aber hielt sich von Stund an für reicher und m?chtiger als die G?tter in Walhalla, erzürnte die Himmlischen und wurde zur Strafe in einen scheu?lichen Lindwurm verwandelt. Wo sich am Rhein das Land der Sieben Berge erstreckt, gewahrst du den steil zum Strome abstürzenden Felsen, der seine Wohnung bildet. Hier hütet der Drache seine Sch?tze, tief in einer Felsenburg, in der tausend gefangene Nibelungenritter die Wache halten. Und das gefr??ige Untier, das schon seinen Goldhunger nicht zu stillen vermochte, wirft sich auf die Bauern des Gebirges und verschlingt sie bei lebendigem Leibe, immer w?hnend, es schl?nge Gold. Nun mach du dich auf, mein Sohn, bestehe das Abenteuer und gewinne den Schatz. Aber hüte dich vor dem Ring, den der Drache an der Klaue tr?gt. Nibelung trug ihn und verfluchte ihn, als er ihm von Fafner entrissen wurde. Vergrabe ihn tief im Bauche der Erde oder wirf ihn ins Meer, wo sein Schlund am schw?rzesten g?hnt.?
Das versprach Siegfried, lie? sich von Mime wappnen und das Schwert gürten, nahm mit Ku? und Umarmung Abschied von seinem Pflegevater, bestieg das Ro? Grane und ritt singend in die Welt.
So aber sah Siegfried aus, als er, Mann geworden, singend auszog, ein Held zu werden: Um Hauptesl?nge überragte er die Menschen. Goldrot flog ihm das Haar um den Kopf, als h?tte er die Sonne in seinen Locken gefangen. Stahlblau blickten seine Augen, und so froh und weich ihr Glanz in guten Tagen zu sein vermochte, so dr?uend und blitzend konnten sie funkeln und flammen, schien dem Helden eine Sache nicht recht. Wohlgebildet war sein K?rper, da? es den Frauen eine Wonne wurde, ihn zu schauen, sein Arm eisern und seine Schenkel von unermüdlicher Kraft auf dem Pferderücken und im Weitsprung hinter der Wurfscheibe her.
Wohin er kam, staunten die Leute dem jugendsch?nen Recken nach, und sein Bild machte aller Herzen fr?hlich. Er aber zog singend durch die Lande, als w?re er der Frühling.
So nahte er sich dem Siebengebirge und sah den Drachenfels wie eine Festung über dem Strome lagern.
?Ei, mein Ro? Grane,? rief er lachend, ?wollen wir heute noch den Strau? wagen? Verschiebe nicht auf morgen, was du heute noch verrichten kannst.? Und das edle Ro? Grane flog wie ein Pfeil ins Gebirge hinein.
Immer dunkler und dichter wurden die W?lder. Kein Mensch war hier gegangen seit Jahren und Jahren. Unheimlich lastete die Einsamkeit, und ger?uschlos fast, als verstünde es die Gefahr, setzte das Ro? Grane Huf vor Huf.
Da lag die kahle H?he des Felsen.
Das Ro? erschauerte. Ein Dampf quoll auf, der in St??en den Himmel verfinsterte, und ein giftiger Brodem erfüllte die Luft und stach in die Lungen.
Siegfried zog das Helmband fester und lockerte den gewaltigen Eschenspeer, der von der Spitze bis zum Schaft mit zweischneidigem Eisen beschlagen war. Mit der Linken tastete er nach seinem guten Schwert Balmung, strich beruhigend seinem Pferde über den Kopf und lenkte es behutsam um einen Felssturz.
Da lag das Untier, an die hundert Fu? lang, mit dem Kopfe eines Krokodils, den Krallen eines L?wen und dem schuppigen Schwanze eines fürchterlichen Wurmes. Es schlief.
?Pfui,? sagte Siegfried und h?tte gern das Wort zurückgenommen. Denn vom Klange seiner Stimme war der Drache erwacht, glotzte aus vorquellenden Augen den tollkühnen Ritter an, ?ffnete den Rachen und - lachte ein grausenerregendes Lachen.
Das erbitterte den Helden, denn er spürte den Hohn.
?Schlie?e den Schnabel, du Vieh!? rief er zornig. ?Dein Atem riecht übel. Warte, ich sperr' ihn dir!?
Und er bog den Arm zurück, sprengte vor und schleuderte den eisenbeschlagenen Speer dem Drachen ins Maul, da? nur noch das Ende des Schaftes hervorwippte. Das Untier aber erhob sich, würgte und spie den Speer mit solcher Wucht zurück gegen Siegfrieds auffangenden Schild, da? sich das Ro? auf die Hinterbeine setzte und sich überschlagen h?tte, w?re Siegfrieds zwingende Hand nicht so stark gewesen. Jetzt aber ging der Drache zum Angriff vor. Er brüllte, da? die Felsen erdr?hnten und das Gestein ringsum zersprang. Und bei jedem Atemzug schossen lodernde Flammen aus seinem Rachen, da? der Held vor Hitze schier glaubte verkommen zu müssen. Den Gaul ri? er herum, um dem sengenden Qualm zu entgehen. Da holte der Lindwurm mit dem Schuppenschwanze zum Schlage aus. Aber das Ro? Grane stieg hoch und schwang sich wie ein Vogel über den Rücken des Ungetüms, hinüber und wieder herüber, wie die Schl?ge des Schwanzes fielen, und Siegfried holte sein Schwert Balmung aus der Scheide, und pl?tzlich beugte er sich vom Rücken des springenden Rosses tief hinab, der Stahl pfiff durch die Luft und durchhieb den Schwanz des Untiers, da? er losgetrennt gegen die Felswand klatschte. Heulend fuhr der Drache in die H?he, und ein Prankenschlag traf den Steigbügel und ri? Siegfried vom Pferd.
?Ich will's dir vergelten, du Nimmersatt.? rief der Held und sprang zu Fu? den Drachen an. Aber die Glut, die ihm entgegenstr?mte, war so furchtbar, da? ihm die Panzerschnallen schmolzen und der Harnisch von seinem K?rper fiel. ?So ist's bequemer,? lachte grimmig der Held und lie? den Balmung wie einen Wirbel tanzen. Schon lief ihm der Schwei? in Str?men über den Leib, schon fühlte er das Mark im Arm verdorren vor der h?llischen Hitze, und immer noch war der Drache überm?chtig. Da gewahrte er an der Klaue des Lindwurms einen blitzenden Ring, den Ring des K?nigs Nibelung. Und er nahm seine letzte Kraft zusammen, duckte sich, sprang vor, warf sich an des Untiers Kehle und durchschlug mit sausendem Querhieb die zum Schlag erhobene Tatze, da? die Krallen mit dem Ringe in die Steine flogen.
Einen einzigen Schrei tat der Drache. Einen Schrei, wie ein Verdammter schreit. Und brach in seinem Blute tot zusammen.
Held Siegfried stützte sich auf seinen Schwertknauf. Die Zunge lag ihm trocken im Munde. Einen Trunk mu?te er tun, wollte er nicht verdursten, und er beugte sich über das Drachenblut und sch?pfte mit der Hand. Als er aber die Hand zurückzog, war sie, soweit er sie in das Blut getaucht hatte, wie mit einer Hornhaut überzogen. Da erkannte sein scharfer Sinn sofort das Wunder, und er warf die Kleider ab und badete den ganzen Leib in dem Blute, so, da? sein ganzer K?rper h?rnern wurde und undurchdringlich für Hieb und Stich. Nur zwischen den Schulterbl?ttern blieb eine kleine Stelle frei. Ein Lindenblatt hatte sich im Walde gel?st und war ihm beim Baden angeflogen.
Siegfried badet im Blut des Drachens
Angetan mit seinen Kleidern, das Schwert Balmung in der Hand, schritt der Held zum Eingang der Felsenburg. Mit dem Fu? stie? er an die abgehauene Klaue, und als er den Ring blitzen sah, bückte er sich, zog ihn von der Kralle und streifte lachend das Kleinod an seinen Finger. ?Aufgemacht!? rief er und schlug mit dem Schwert gegen das Eisentor.
Blitzschnell ?ffnete sich das Tor, und ein Hagel von Schwerthieben fiel auf den Recken nieder, da? er des Todes gewesen w?re, h?tte ihn die h?rnerne Haut nicht geschützt. Hageldicht fielen die Hiebe, und doch gewahrte er niemanden, der sie schlug. Da griff er blindlings geradeaus und nach rechts und nach links, und pl?tzlich hielt er einen Bart in seiner Faust und fühlte wohl, da? er an dem Barte einen Menschen herumschwang, und er schlug diesen unsichtbaren Menschen gegen die steinernen Torpfosten, bis eine Stimme kl?glich um Erbarmen bat.
?Zeig' dich,? rief Siegfried, ?oder ich fresse dich an diesem Bart mit Stumpf und Stiel.?
Da rieselte es wie ein Nebel zu seinen Fü?en nieder, und er hielt in den H?nden einen eisengeschienten, kriegerischen Zwerg, der an seinem eigenen Barte zappelte.
?Wer bist du?? befragte ihn Siegfried. ?Und was machte dich unsichtbar??
Und der Zwerg st?hnte: ?Ich hei?e Alberich und bin der Führer der Nibelungenritter, die der greuliche Fafner sich dienstbar machte. Wenn ich Euch schlug, tat ich, was meine Pflicht mir gebot. Habt ein Einsehen deshalb, so Ihr selber ein Ritter seid. Und ich weise Euch die Tarnkappe, die ihren Tr?ger unsichtbar macht vor den Menschen.?
?Schw?re mir,? sagte Siegfried, ?da? du fortan in Treuen mein Dienstmann sein willst mit deinen Rittern, und ich will euch ritterbürtig halten. Schw?re getrost. Denn ich habe euch von eurem Bedrücker befreit.?
Da beugte Alberich das Knie, überreichte die Tarnkappe und schwur sich mit seinen Mannen Siegfried in die Hand. Und die tausend Nibelungenritter eilten herbei, schlugen Schilder und Schwerter zusammen und huldigten ihrem Befreier und ritterlichen Herrn mit brausendem Jauchzen.
Alberich aber führte Siegfried durch die gewaltigen Schatzkammern und wies ihm den Nibelungenhort, der so reich war an Gold und Edelgestein, da? es mehr als hundert Leiterwagen bedurft h?tte, um ihn von dannen zu führen.
Wie Siegfried da fr?hlich lachte!
Wie Siegfried durch die Waberlohe zu Brunhild drang, sich mit der Befreiten verlobte, ihr Island eroberte und sich zürnend von ihr wandte
Eine Woche nur hatte Siegfried auf der Burg des Drachenfelsen gerastet, und schon schien ihm die Zeit unertr?glich lang. Denn sein junger Sinn stand ihm nach Taten und hielt Ruhe und Bequemlichkeit nur würdig des Alters, das befriedigt auf die getane Arbeit zurückschauen kann. Darum entbot er den Nibelungenführer Alberich zu sich und besprach sich mit dem kundigen Manne.
?Die Welt ist voll von Plagen und Kriegsn?ten,? sagte er, ?und wartet auf den Befreier. Ich aber liege bei meinen Reichtümern und stehle Gott den Tag ab. Das ist Schw?chlings Art und nicht die meine. Weist mir ein würdiges Abenteuer, Freund Alberich.?
Da antwortete der kriegerische Zwerg: ?Nehmt uns mit, Herr, und wir erk?mpfen Euch den ganzen Erdball.?
Siegfried aber schüttelte die Locken. ?Das w?re mir eine Heldentat, meine Leute für mich k?mpfen zu lassen und mir der anderen Lorbeeren um den Helm zu winden. Erst will ich mir meinen eigenen Namen verdienen, bevor ich andere führe und leite. Nennt mir ein Abenteuer, so schwer, da? kein zweiter Mensch es untern?hme, und ich will es bestehen oder ruhmreich unterliegen.?
Lange sann Alberich vor sich hin. Dann hob er den behelmten Kopf und sah dem Helden in die Augen.
?Ihr habt mich zwar weidlich beim Barte gezaust, als Ihr mich gefangen nahmt,? begann er, ?und mein Leib ist immer noch rot und blau, so schlugt Ihr mich wider die Türpfosten. Aber Ihr habt doch mich und die Meinen aus der Sklaverei des greulichen Fafner errettet und ritterlich behandelt und gehalten, so da? es mir leid um Euch w?re, Euch in ein todbringendes Abenteuer verwickelt zu sehen.?
?Nennt es mir,? dr?ngte der Held. ?Wenn Ehre und Ruhm dabei zu gewinnen ist, darf keine Gefahr uns schrecken. Das ist kein Mann, der sich nicht selber einsetzt.?
?Mein edler, junger Herr,? sprach Alberich, ?ich will es Euch nennen, weil ich Euch bewundere. Und - weil ich keinem die herrlichste Beute g?nne als Euch. Ich wei? die sch?nste Frau, die je vom Himmel auf die Erde kam.?
?Wo ist sie und wie hei?t sie?? rief Siegfried rasch.
?Brunhild hei?t sie,? sagte der Zwerg, ?und war eine der Walküren, der starken Schlachtenjungfrauen, die einst die im Kampfe gefallenen Helden auf ihren Rossen in den Himmel Walhalla trugen. Weil sie ungehorsam gewesen war und wider g?ttliches Gebot einen ihr lieben Helden gegen den Tod geschützt hatte, liegt sie auf einem einsamen Berge im Zauberschlaf, und der Berg ist eingehüllt von der Waberlohe, das ist ein loderndes Flammenmeer, und nur der Starke, der furchtlos hindurchreitet, kann sie erwecken und zum Weibe gewinnen.?
Wie Siegfrieds Augen leuchteten und seine Brust sich m?chtig hob! Kaum vermochte der Kühne seine Ungeduld zu meistern.
?Wo geht der Weg, Alberich? Noch heute versuch' ich den Ritt.?
?Stammt Euer Ro? Grane nicht von den Walkürenrossen?? fragte der Zwerg. ?Ist es so, so wird es den Weg finden.?
Da nahm Siegfried Abschied von den tausend Nibelungenrittern, setzte Alberich zum Verwalter seiner Sch?tze ein und rief sein Ro? Grane. Sein Schwert Balmung hing ihm an der Seite, und in einer Ledertasche führte er die unsichtbar machende Tarnkappe mit sich. ?Grane,? sagte der Held, und das edle Tier spitzte die Ohren, ?Grane, wei?t du den Brunhildfelsen, wo deine Brüder und Schwestern im Stalle stehen? Trage mich hin, Grane, wir wollen sie befreien und die sch?ne Jungfrau vor allem.?
Da wieherte das Pferd hellauf vor Freude und umsprang in wilden S?tzen seinen Herrn. Der aber schwang sich behend auf des Pferdes Rücken, und das Ro? war mit seinem Reiter den Augen der Nachblickenden entschwunden, bevor sie sich von ihrem Staunen erholt hatten.
Wie die Windsbraut jagte das Ro? dahin. Die Locken flogen Siegfried um die Stirn, und er schlug sich vor Freude klatschend auf den Schenkel. Durch Berge und W?lder ging es im gestreckten Lauf, Str?me und Seen wurden durchschwommen und alle Hindernisse im sausenden Sprunge genommen. Den ganzen Tag jagte Grane mit Siegfried dahin und die ganze Nacht, und als der frühe Morgen d?mmerte, hob sich in weiter Ein?de ein Berg vor ihnen, der eine einzige Feuersbrunst schien. Das wogte und wallte vom Fu? bis zum Gipfel in Flammen und Gischt.
Mit bebenden Flanken stand das Ro?. Aber Siegfried zog sich die Tarnkappe über den Kopf, die Ro? und Reiter vor dem Feuer hütete, packte sein scharfes Schwert, gab Grane die Sporen und sprengte in die Glut hinein. Mit m?chtigen Hieben schuf er sich Bahn durch das brennende Dickicht, durch mannshohe Dornenhecken schlug er sich einen Weg, und so oft sie wieder zusammenrückten und ihn zu ersticken drohten, sein Mut und seine Kraft erlahmten nicht, und das brennende Gestrüpp flog unter seinem Schwert wie Feuergarben nach links und nach rechts. ?Spring an, Grane!? rief der Held, ?spring an! Bei? zu, Balmung! Hei, mein gutes Schwert, bei? zu!? Und in gewaltigen S?tzen sprengte das Ro? aufw?rts, keuchend und st?hnend, Funken und Flammen unter seinen Hufen. Und der Stahl Balmung zischte und blitzte, zerbi? Eichenst?mme wie dünne Ruten und hielt die Bahn frei, bevor sich die lodernde Wildnis wieder schlie?en konnte. Der Gipfel des Berges war erreicht. Ein ragendes Tor stie? Siegfried mit dem Schwertknauf ein. Da donnerte es rings um den Himmel herum minutenlang, und als das letzte Rollen des Donners verhallt war, waren die Flammen des Berges erloschen, und der Wald grünte und blühte in der goldenen Morgensonne.
Siegfried zog sich die Tarnkappe vom Haupt. Sein Gesicht glühte, und die Adern lagen ihm wie Stricke auf der Stirn. ?Das war, bei Gott, nicht leicht,? stie? er, nach Atem ringend, hervor, schüttelte die Locken und sprang vom Pferde. Neben seinem Rosse Grane kniete er hin, das Auge auf die goldene Morgensonne gerichtet, und dankte dem Himmel für die sichtbare Behütung.
Dann nahm er Grane beim Zügel und schritt durch das Tor.
Da lag auf mauerumgürtetem Platze eine gro?e, wunderbar sch?ne Frau, gepanzert und behelmt, angeschmiedet auf einem eisernen Lager. Wie eine Schlafende lag sie mit geschlossenen Augen.
Leise trat Siegfried heran und beugte sich über sie. Nie glaubte er Herrlicheres geschaut zu haben. Denn wie eine Kriegsg?ttin war diese Frau anzusehen, von m?chtigem K?rperbau und doch von Antlitz sch?n und stolz wie eine hehre Jungfrau. Nachtschwarz fielen ihr die Locken um die Wangen, und der Mund blühte rot und sehnsüchtig.
Siegfried tritt an das Lager Brunhilds
Behutsam nahm Siegfried sein Schwert, und der Balmung durchschnitt die Eisenfesseln, als w?ren es weiche Stricke gewesen. Da dehnte die heldische Jungfrau traumbefangen ihre Glieder. Und Siegfried beugte sich tiefer über sie und kü?te sie sacht auf den Mund.
Gro? und weit ?ffnete die Jungfrau ihre Augen. Dunkel waren sie wie ihr nachtschwarzes Gelock, und sie erwachten aus dem Traum und gewannen Leben und Feuer.
?Wer bist du, Held?? sprachen ihre Lippen. ?Und wo kommst du her??
Und der Held antwortete und war noch immer über sie gebeugt: ?Ich bin Siegfried, Siegmunds Sohn und gebürtig aus Xanten am Niederrhein.?
?Was trieb dich, o Siegfried, dies Wagestück zu bestehen??
?Der Wunsch, o Brunhild, dich zu befreien und dich zu gewinnen.?
Sie stützte sich auf ihre starken Arme und richtete sich auf. Ihr Blick schweifte durch das offene Tor den Berg hinab.
?Das Feuer ist erloschen,? sagte sie leise und atmete tief. ?Und der furchtbare Bannspruch ist mit ihm erloschen.?
Sie sprang auf die Fü?e, da? ihr Panzer klirrte, reckte die Arme und streckte den Leib. ?Frei! Frei!?
Und Siegfried stand neben ihr, staunte ihres Leibes Kraft und Sch?nheit an und wu?te nichts zu sagen.
Da wendete sie den Kopf nach ihm, gewahrte sein bewunderndes Auge, gewahrte seine Reckengestalt und err?tete tief.
?Blicke mich nicht so an, o Held.?
?Du bist so sch?n, o Brunhild.?
?Nur wer mein Gemahl w?re, dürfte mich so anschauen. Und es gibt keinen Mann auf Erden, der so stark ist, da? er mich bezw?nge.?
?Wehr' dich,? lachte Siegfried, trat auf sie zu und schlo? sie in seine Arme, da? sie sich nicht regen konnte. Aber der Zorn flammte aus ihren Augen und f?rbte ihre Wangen.
?Gib mich frei,? stie? sie hervor, ?oder es k?nnte dich reuen.?
?Hab' nimmer gelernt, was Furcht ist,? lachte der Held und kü?te sie auf den zornigen Mund.
?Du Unband,? st?hnte sie, aber nun lachte auch sie.
?Siehst du wohl,? sagte Siegfried, ?es geht schon an. Nun küsse auch du mich einmal.?
Sie glaubte seine Arme gelockert und sprang pl?tzlich gegen ihn an, da? es ihn fast umgeworfen h?tte. Aber nun umschlang er sie, da? sich ihr Panzer bog und ihr der Atem in der Kehle stockte. ?Ist das dein Ku?, du Wilde? So will ich dich wohl auf deine Weise wieder küssen, wenn dir das eher gef?llt.?
Da hob sie, von seiner Kraft und seinem Lachen bezwungen, den Kopf und kü?te ihn.
Und allsogleich lie? er von ihr ab, bog das Knie und huldigte ihr ritterlich.
Das Blitzen ihrer Augen schwand, und ihr Blick wurde weich und frauenhaft. Ihre Hand spielte in seinen Locken.
?Mein Held,? sagte sie und atmete tief. ?Mein Held und Befreier.?
?Danke mir besser, o, ich bitte dich, Brunhild.?
?Was k?nntest du Besseres begehren als meine Freundschaft??
Und Siegfried sprang vom Boden auf und rief: ?Dich selber! Werde mein Weib!?
Lange sann Brunhild in die Ferne hinaus. Dann sprach sie:
?Fern im Nordmeer liegt ein Inselreich. Wie eine unbezwingbare Festung steigt es aus der wildrollenden See. Eine Kette von feuerspeienden Bergen umgürtet es, und kochend hei?e Flüsse zischen ins schwarzblaue Meer. Island hei?t das Land, das nie bezwungene, und mir geh?rte es, bis mich der Spruch des zürnenden Gottvaters hierher und in Ketten in die wabernde Lohe warf. Seit ich fern bin, ist Island unterjocht. Du willst mich zum Weibe, Siegfried? Wo ist dein Brautgeschenk? Ich will es dir nennen und will die Deine sein, so du es mir schaffst: Nimm Island mit stürmender Hand für mich. Setze mich wieder auf den Thron meiner Heimat. Ich kann mich nur als K?nigin dir schenken und nicht als Magd.?
So sprach die stolze Frau, und Siegfried, hingerissen von der Gr??e ihrer Sprache, gelobte es ihr in die Hand und zog den Ring Nibelungs von seinem Finger und steckte ihn ihr an als Verlobungsring.
Auf dem Ringe aber lastete der Fluch, von dem Mime gesprochen hatte, als Siegfried auszog, den Lindwurm zu erlegen, der Fluch Nibelungs, der den Tr?ger des Ringes sich überheben l??t in wachsendem Ehrgeiz und nimmersatten Wünschen. Und Siegfried hatte Mimes Warnung vergessen, als er den Ring an Brunhilds Finger schob. -
Im Stalle des Bergfrieds stand Brunhilds Walkürenro?. Und bei ihm stand Grane und leckte ihm z?rtlich den Hals.
?Hoho, mein guter Geno?,? rief Siegfried, ?hast du den Kameraden gefunden? Nun, wenn es auch gar so schnell wieder auf die Reise geht, ihr bleibt zusammen. Gef?llt euch das??
Da wieherten die Rosse vor Vergnügen und lie?en sich willig satteln und z?umen.
Und Siegfried hob mit starken Armen Brunhild in den Sattel, da? sie im stillen aufjauchzte über seine Kraft, und er selber schwang sich auf Granes Rücken, schaute nach dem Stand der Sonne, versicherte sich der Himmelsrichtung und ritt mit Brunhild den Berg hinab. In der Ebene aber lie?en sie den G?ulen die Zügel, da? sie Seite an Seite dahinstoben wie Falken im Revier.
Als die Sterne aufstiegen, suchte Siegfrieds scharfes Auge aus den Figuren der Gestirne den Polarstern heraus und ritt ihm nach gen Norden. Und je mehr sie sich dem Meere n?herten, desto heller und st?rker hub Siegfried zu singen an. So ritten sie Tage und N?chte, vom Rheine zur Wesermündung, und eines Morgens rauschte machtvoll hinter den Dünen her die Melodie des Meeres in Siegfrieds Lied.
Ein seefestes Schiff fanden sie, und der Held gab dem Schiffer eine breite, goldene Armspange als F?hrlohn und versprach ihm mit ritterlichem Handschlag einen Schild, angefüllt mit gemünztem Gold, so er ihn, Brunhild und die Rosse in kürzester Frist hinüberbr?chte nach Island. Da spannte der Schiffer die braunen Segel, und Siegfried packte das Steuer. Am Mast waren die Rosse angebunden, und Brunhild sa? vorn am Bugspriet des Schiffes, durchforschte die wilde See und rief ihrem Steuermann die Richtung zu.
Hui, warf sich der Sturm in die Segel und jagte das Schiff durch die Wellenberge, da? es im Gischt verschwand. Aber Siegfrieds Faust hielt das Steuer umklammert, und ob das Schiff in den Fugen krachte und der Mast sich bog unter den schier berstenwollenden Segeln, er handhabte das Steuer mit eisernen Griffen und warf das Schiff über die Wasserschlünde, als tummelte er seinen Renner über Hecken und Gr?ben.
Und der Sturm schrie mit gellenden Stimmen, und Siegfried schrie nicht minder in den Sturm hinein, und seine Locken flatterten wie hei?e Sonne um seinen Kopf: ?Heia, heia! Es ist eine Lust zu leben!?
Dann lugte Brunhild über die Schulter nach dem Helden, und er schien ihr begehrenswert vor allen M?nnern und ein erlesen Werkzeug für ihren weitschweifenden Ehrgeiz.
Tage und N?chte tobte der Sturm, drang vom Steuer her Siegfrieds helles Singen. An einem Morgen aber gewahrten sie an der Brandung, da? sie Island nahe waren. Da stellte Siegfried das Singen ein und tastete nach seinem Schwert.
In den Hafen fuhren sie ein, und gewappnete M?nner eilten herbei, ihnen die Landung zu wehren. Siegfried aber packte das Tau, mit dem er das Schiff am Lande befestigen wollte, und sprang mit j?hem Satze unter sie, da? sie von dannen stoben und nicht anders vermeinten, als der leibhaftige Teufel s??e ihnen im Nacken. Nun warf der Schiffer die Planke ans Ufer, und Siegfried holte Brunhild herüber und die stampfenden Rosse. Wohl gerüstet ritten sie vor die Burg des K?nigs, und alles Volk str?mte auf die Mauern.
?Der K?nig soll kommen!? rief Siegfried befehlend, und man rannte, dem K?nig die seltsame M?r zu künden.
In schwarzen Panzer geschient, ritt der K?nig auf schwarzem Streitro? vor das Tor.
?Frecher Fremdling,? schalt er drohend, ?welcher Sprache erkühnst du dich? Ich werde die Fische mit deinem Leichnam m?sten.?
Siegfrieds Adern schwollen auf der Stirn. Doch beherrschte er sich.
?Sitz' ab,? gebot er, ?denn du bist nur ein Empork?mmling und hast deiner K?nigin demütig zu Fu?e zu nahen. Brunhild ist heimgekommen. Sitz' ab, sage ich dir noch einmal, nimm die Krone vom Helm und trage sie ihr an den Steigbügel.?
Da ri? der K?nig wutschnaubend sein Visier herab, senkte den riesigen Speer und sprengte gegen Siegfried an. Der trug Balmung nackt in der Hand, trieb Grane mit einem Schenkeldruck an, hob den guten Stahl und trennte mit wagerechtem Hieb den Speer vom Faustkorbe. Mit aller Kraft warf der K?nig den Gaul herum, um das schirmende Burgtor zu erreichen. Aber Granes schneller Flug holte den Streithengst ein, Steigbügel klirrte an Steigbügel, und Siegfried warf seinem Ro? die Zügel über den Kopf, umklammerte mit den Schenkeln Granes Bug, streckte die freien H?nde nach dem weit zurückweichenden K?nig aus, umarmte ihn wie mit Zangen, ri? ihn im Dahinjagen aus dem Sattel und schleuderte ihn vor Brunhilds Fü?e, wo er liegen blieb, ohne sich im Leben noch einmal zu erheben.
?Sagte ich dir nicht,? rief der zürnende Held, ?da? du deiner K?nigin zu Fu? nahen solltest??
Vom Pferde sprang er, hob die Krone auf und drückte sie Brunhild ins Haar. Und wandte sich wieder der Burgmauer zu und rief zum Volke hinauf: ?Sehet hier eure K?nigin, die heimgekehrt ist, eure Treue zu erproben. Kommet heraus auf euren schnellsten Sohlen und huldigt ihr, so euch an ihrer Huld gelegen ist.?
Da kamen sie in langem Zuge, mit Fahnen und Musikanten, bogen das Knie und boten auf goldener Schüssel Brot und Salz, in goldenem Becher den Willkommtrunk.
Stolz und erhaben sa? Brunhild zu Pferde, die Krone im Haar. Und sie nahm von dem Brot und dem Salz mit k?niglicher Geb?rde und netzte ihre Lippen an dem Becher und reichte ihn huldvoll Siegfried dar, der ihn lachend nahm und ihn bis zur Nagelprobe leerte. Das Volk aber klatschte dem starken und frohen Helden begeisterten Beifall.
Hocherhobenen Hauptes zog Brunhild in die K?nigsburg, heiteren Auges Siegfried neben ihr.
Acht Tage ordnete Brunhild die Regierungsgesch?fte, und Siegfried lie? sie fr?hlich gew?hren. Am neunten Tage aber trat er vor sie hin, kü?te ihre sch?nen H?nde und fragte nach dem Tage der Hochzeit.
Brunhild schlug die Augen nieder. Ihr Blick fiel auf den glitzernden Ring des Nibelung an ihrer Hand.
?Mein Held,? begann sie, ?dieses Reich ist nur klein und allzu klein für unseren Heldensinn. Dein Vater Siegmund aber lebt und kann noch lange regieren.?
?Das wünsche ich ihm von Gottes gn?digster Huld,? sagte der Held.
?Nun wohl denn,? fuhr die K?nigin fort, ?nimm meine besten Schiffe, meine besten Ritter und Mannen, segle nach Norge hinüber und nach D?nemark, bekriege die L?nder und gründe dir ein gro?es Nordlandreich.?
Siegfried schaute auf. Dann l?chelte er.
?Du willst mich auf die Probe stellen. Ich bin kein seer?ubernder Wiking, sondern ein Ritter. Und Norge und D?nemark leben in Frieden mit uns. Sprich also, wann soll die Hochzeit sein??
Brunhild aber antwortete: ?Sobald du heimgekommen bist mit den Kronen von Norge und D?nemark.?
Da merkte der Held, da? ihr Sinn hochfahrend geworden war, und er suchte in der K?nigin das liebende Weib zu wecken.
?Brunhild, gedenke, da? wir Verlobte sind. Ich will kein Mannweib an meiner Seite, sondern die sü?e Genossin, die sich der Taten ihres Mannes freut und seinen wilden Kopf in ihrem Scho?e zur Ruhe bettet. O la? mich nach all den hei?en Schlachtges?ngen dir von Liebe singen und singe mir wieder von Liebe, damit ich wei?, für welchen Reichtum ich drau?en k?mpfe, und doppelt scharf den Balmung schwinge.?
Hohnvoll lachte sie über ihn hinweg.
?Hier ist kein Asyl für Ermattete und Bresthafte. Eine K?nigin schenkt sich nur einem K?nig. La? dein Schwert für dich reden und nicht deine Zunge.?
Siegfrieds Stirn zog sich zusammen. Hochaufgerichtet stand er vor Brunhild und ma? sie mit blitzenden Augen. Dann wandte er sich und schritt zum Strande.
Da lag noch der Schiffer, der sie hergebracht hatte, und wartete auf günstigen Wind.
?Fahr zu,? gebot ihm Siegfried, ?ich nehme wieder das Steuer.?
Auf der Burgmauer stand Brunhild, pr?chtig zu schauen in ihres Leibes Sch?nheit und den reichen Gew?ndern aus Purpur und Gold. Wie die herrliche Mitternachtssonne war sie anzusehen unter ihren dienenden Frauen. Nun hob sie die Hand.
?Siegfried,? rief sie voll k?niglichen Bewu?tseins, ?Siegfried, ich harr' deiner Wiederkehr!?
Wie Siegfried gen Worms kam und für K?nig Gunther die D?nen und Sachsen schlug
Durch das schwarze Nordmeer war Siegfried gefahren und durch das blaue Meer des Südens. An den sonnigen Küsten des Landes Italia hatte er die Sarazenen bekriegt und sie mit blutigen K?pfen heimgesandt in ihre wilde afrikanische Heimat. über die Alpen war er geritten durch die Eiswelt der Gletscher hindurch und hatte die Riesen geb?ndigt, die von den Bergen die Lawinen rollten. überall, wo es galt, die Menschen von ihren Unterdrückern zu befreien, hatte Siegfrieds Schwert geleuchtet durch alle Lande und Meere. Doch so sehr der Ruhm seines Namens anschwoll und den Erdball erfüllte, aus seinem Herzen war der Frohsinn gewichen, seit ihn eine Frau, seit ihn Brunhild entt?uscht hatte.
So kehrte er nach Jahren in deutsche Lande zurück und kam mit Rittern und Mannen an den Rhein.
Als er die Ufer des geliebten Stromes entlang ritt, befiel ihn das Heimweh. Und er sagte zu sich selber: ?K?nnte ich doch einmal ausruhen und, wie andere Recken pflegen, den Kopf in lieben Scho? legen. Da? mir das nicht beschieden ist, macht mich traurig. Denn wo habe ich eine Heimat? Von Xanten bis ins Niederland herrscht mein Vater K?nig Siegmund, und hier am Rhein gebieten die Burgundenfürsten. Fern vom Rhein aber mag ich nicht leben.?
Und er ritt weiter und w?lzte viele Pl?ne in seinem Kopfe. Bis er gen Worms kam, dem Sitz des Burgundenk?nigs Gunther und seiner Brüder Gernot und Geiselher. Als er die reiche Landschaft sah, schlug ihm das Herz hoch, und heimatlich ward ihm zu Sinn. Da gedachte er, vor Gunther hinzutreten und ihm einen Teil seines Landes abzukaufen gegen ein goldbeladenes Rheinschiff, oder aber, falls ihm der K?nig den Handel abschlüge, Gunther und die Seinen in ehrlichem Zweikampf herauszufordern um Leben und Güter.
In seinem Thronsaal sa? K?nig Gunther. Hochgewachsen war er, fast wie Siegfried gro?, und in den Kampfspielen bewandert wie kaum ein zweiter. Aber ein strenger Hochmut lag auf seinen Zügen und hei?e Herrschbegier. Ein kr?ftiger Degen war Gernot, sein Bruder, ein ritterlicher und tapferer Mann. Der jüngste Bruder aber, Geiselher, war fast noch ein Kind, mit blondem Gelock, blauen, schw?rmerischen Augen und einem Herzen voll lachender Begeisterung.
Um den Thron herum sa?en und standen die Gro?en des Landes.
Da war vor allem Hagen von Tronje, der Oheim der Burgundenfürsten, ein hagerer und knochiger Mann mit finsterem, schwarzb?rtigem Antlitz. Nur ein Auge besa? er, das blitzte scharf und sp?hend unter der buschigen Braue. Das andere hatte er verloren, als er als Geisel aus dem Hunnenlande heimgekehrt war und auf der Landstra?e seinen Gesellen Walther überfallen wollte. Als erster Ratgeber stand Hagen dem Throne am n?chsten, und seine eifersüchtige Seele kannte nichts anderes als die Gr??e und Macht seiner Herren. So war er gleich furchtbar in der Treue zu seinen Fürsten wie in seinem Ha? gegen alle Widersacher.
Da waren ferner Hagens Bruder Dankwart, ein wilder Recke, der blindlings seines Bruders Willen tat; Herr Ortwein von Metz, ein hei?blütiger Haudegen, dem das Schwert so locker sa? wie die Zunge und der ein Schwestersohn Hagens war; Herr Volker von Alzey, der die Fiedel so hei? und lieblich erklingen lassen konnte, wie er lustig und nimmermüd den Degen pfeifen lie?; Ritter Rumold, der der Oberküchenmeister hie?; Ritter Hunold, dem das Amt des Mundschenken oblag; Ritter Sindold, der Herold; und manch ein anderer.
Und K?nig Gunther hob lauschend und mi?vergnügt den Kopf und sprach:
?Was ist das für ein L?rmen am Rhein? Wei? das Volk nicht, da? es sich ruhig zu verhalten hat, wenn die Fürsten mit ihren R?ten niedersitzen? Der Herold gehe und erforsche die Ursache.?
Da ging der Ritter Sindold eilends hinaus und kam eilends wieder.
?K?nig Gunther,? berichtete er hastig, ?ein fremder Recke ist angelangt mit Rittern und Mannen, und das Volk str?mt zusammen von weit und breit, den herrlich im Sattel sitzenden Mann zu bewundern und nicht minder sein und seiner Leute kostbares Rüstzeug und Gewand.?
?Was schiert mich Rüstzeug und Gewand,? eiferte Gunther. ?Den Namen will ich wissen.?
Und Sindold mu?te bekennen, da? er ihm unbekannt sei und keiner ihn wisse.
Da erhob sich K?nig Gunther von seinem Thron und schritt schnell zum Fenster, und seine Brüder und R?te mit ihm. Aber so sehr sie auch schauten, keiner konnte ein Zeichen finden, an dem er den Helden erkundete, und Gunthers Zorn war gro?.
?Erlaubt mir ein Wort,? sprach endlich Hagen. ?Mir ist von meinen weiten Fahrten kein Ritter der Christen und Heiden unbekannt geblieben, und wen ich nicht selber sah, von dem h?rte ich doch sagen. Dieser aber, so deucht mich, kann nach Wuchs, Muskelkraft und vollendetem Anstand kein anderer sein als der gewaltige Siegfried vom Niederrhein.?
Da wurde es still im Saal, und jeder gedachte des Helden ruhmreicher Taten. Bis endlich Gunther sprach: ?Was mag ihn hergeführt haben? Und sollen wir ihn als Freund oder als Feind empfangen??
?Ich rate,? sagte der verschlagene Hagen, ?ihm freundlich entgegenzukommen. K?nnen wir ihn zum Freunde gewinnen, so wird er uns in manchen Dingen nutzbar sein k?nnen, denn seine Macht und sein Reichtum reichen weit. Bedenket wohl, da? er den Lindwurm erschlug und dadurch in den Besitz der unerme?lichen Sch?tze des Nibelungenhortes kam.?
?Ich fürchte,? entgegnete Gunther, ?es wird ihm wenig an unserer Freundschaft gelegen sein, da er so selbstherrlich und unangemeldet in unser Land kommt.?
Hagen von Tronje l?chelte. ?Ich wei?, wie man solche Falken z?hmt. Held Siegfried, der st?rkste Mann der Welt, hat ein knabenhaftes Herz, weich und sehnsüchtig, wenn ihn der wilde Zorn nicht bedr?ngt. Lasset uns damit rechnen und klug und behutsam zu Werke gehen. Sehet, wie er sich stattlich vom Pferde schwingt! Wir wollen ihm entgegengehen und ihn wie einen edlen Herrn an der Schwelle des Saales empfangen.?
Ungern tat es Gunther, aber die Klugheit war gr??er als sein Hochmut, und er empfing den fremden Gast mit ausgestreckter Hand im Türbogen der Halle.
K?nig Gunther hei?t Siegfried willkommen
?Willkommen, Held Siegfried, im Burgundenlande. Nehmt Quartier, und wenn Ihr Euch geruht und mit Speise und Trank gekr?ftigt habt, so erscheint aufs neue unter uns und tut uns zu wissen, welcher glückliche Umstand uns einen so vieledlen Gast beschert hat.?
?Ihr seid Gunther, der K?nig,? sprach Siegfried ernst. ?Und da Ihr wisset, wer ich bin, so ziemt es mir nicht, Gastfreundschaft von Euch anzunehmen, die Ihr sp?ter vielleicht gern ungeschehen machen m?chtet.?
?Was k?nnte das wohl sein,? rief Gunther erstaunt, ?das imstande w?re, Euch uns unlieb zu machen??
?K?nig Gunther,? entgegnete Siegfried, ?es liegt in Eurer Hand. Euer Reich ist so gro?, da? Ihr es kaum übersehen, geschweige denn all Eure Grenzen schützen k?nnt. Schon rüsten im Osten die gottlosen Hunnen zu neuem Kriegszug, und im Norden rührt sich der ewig unruhige D?ne und sein Bruder, der Sachse. Wie wollt Ihr Euch allein da helfen? Mich aber hat t?dliches Heimweh an den Rhein zurückgetrieben, und wenn ich nicht daran sterben will, mu? ich am Rheine bleiben. So biete ich Euch denn für einen Teil Eurer Lande des Goldes so viel, als Ihr begehrt, dazu meine Freundschaft und mein Schwert gegen alle anrückenden Feinde.?
Er schwieg. Und alle im Kreise standen betroffen.
Da rief der vorschnelle Herr Ortwein von Metz:
?Ei, ist das Euer einziges Gebot? Da Ihr als Kaufmann kommt, mü?t Ihr den Handel verstehen mit Zu und Ab!?
Siegfried sah über den Vorlauten hinweg. Doch als K?nig Gunther seinen Mann nicht tadelte, f?rbte sich sein Gesicht.
?Ich trage noch einen zweiten Vorschlag mit mir,? sagte er mit lauter Stimme. ?Wollt Ihr lieber um die Lande mit mir fechten als handeln, so ist jeder von Euch, zu Pferd und zu Fu?, mit Schwert oder Speer, vor meinen Waffen zum Zweikampf willkommen.?
Das Schwert fuhr Herrn Ortwein aus der Scheide. ?Glaubt Ihr, Ihr sprecht mit Memmen? Kommt her, wenn Ihr m?gt!?
?Herr Ortwein,? rief Hagen, ?wer erlaubt Euch, das Schwert zu ziehen, bevor der K?nig befiehlt?? Und des K?nigs Brüder Gernot und Geiselher liefen und trugen Sorge, da? das Schwert in der Scheide verschwand. Hagen aber raunte seinem Herrn Gunther zu: ?Gewinnet Zeit, damit wir die Frage zu unseren Gunsten l?sen!?
Ein sü?es L?cheln glitt um K?nig Gunthers Mund, als er auf Siegfried zutrat und des Helden H?nde fa?te. ?Ihr seid mir lieb, Held Siegfried, und Euch meinen Freund zu nennen, k?nnte mir mehr wert sein als die H?lfte meines Reiches. Aber sagt Euch selber, da? Euer Vorschlag pl?tzlich und unerwartet kam und Euer ritterlicher Sinn uns Zeit lassen mu?, in Ruhe und Gesetztheit zu prüfen und zu überlegen. Betrachtet Euch also hier zu Hause, und wir werden in den folgenden Tagen mit Euch gemeinsam das Rechte finden.?
Damit winkte er Hunold, dem Mundschenk, und Hunold brachte ein reich mit Gold und funkelnden Steinen besetztes Büffelhorn, mit rheinischem Wein gefüllt, und K?nig Gunther trank es Siegfried zu auf Frieden und Freundschaft. Da verneigte sich Siegfried bes?nftigt und h?flich, nahm das Horn und leerte es in kr?ftigen Zügen. Und der lang entbehrte Wein vom Rheine machte ihn fr?hlich und gütigen Sinnes.
Schon erschien Rumold, der Oberküchenmeister, in der Tür und meldete das Mahl. Und die Fürsten und Herren gingen guter Dinge in den Speisesaal, und Siegfried sa? zu seiten Gunthers auf erhabenem Thronsessel, und sein Herz war so voll Sonne und Heiterkeit wie seit Jahren nicht.
In der Nacht aber sa? Hagen lange noch bei seinem Herrn Gunther und beriet mit ihm, wie man Siegfrieds Schwert und Sch?tze für sich gewinnen k?nne, ohne eines Pfennigs Gegenwert.
?Er mu? Kriemhild sehen, Eure liebliche Schwester,? sagte Hagen endlich und erhob sich, weil schon der Morgen graute. ?Die Liebe z?hmt und macht zum Sklaven.?
So sprach der grimme Hagen, der unbeweibt geblieben war wie Gunther, sein Herr.
Und von Stund an wich Hagen nicht mehr von Siegfrieds Seite. Er rühmte des Helden Kraft, wenn er im Turnier dahergesprengt kam wie der Sonnengott und mit seiner schlanken Lanze die Burgundenritter aus dem Sattel hob, als w?ren sie ohne Gewicht. Und er sprach bedauernden Tones davon, da? nicht ein Geschlecht von Siegfriedss?hnen Namen und Art fortpflanzte zum Heile und zur Freude der Menschheit. ?Es mü?te eine K?nigstochter sein, sch?n wie keine zweite unter der Sonne und dem Mond, von mildem Stolz und z?rtlichem Gemüt, die nichts anderes wü?te, als ihrem Herrn in Liebe zu gefallen und sein Herz mit Glück zu erfüllen. Doch wo g?be es eine, die Siegfrieds würdig w?re. O ja, eine wohl wü?te ich, die eine Einzige, aber K?nig Gunther und seine Brüder g?ben wohl eher ihr ganzes Reich her als dieses Kleinod, ihre Schwester.?
?Wie hei?t sie?? fragte Siegfried.
?Kriemhild hei?t sie,? sprach Hagen von Tronje, ?und ist schlank und fein, mit blauen Sonnen in den Augen. Und wenn sie ihr Blondhaar l?st, steht sie in einem Mantel da aus lichten, flie?enden Sonnenstrahlen. Der wallt ihr bis auf die schmalen Fü?e und verhüllt neidisch die Sch?nheit ihres Leibes.?
?Ich m?chte sie wohl sehen, wenn sie so lieblich ist,? sagte Siegfried und ritt tr?umerisch hindann.
Und in seinen Tr?umen sah er die Frau, die er aus der wabernden Lohe befreit hatte, die seinen Verlobungsring trug, der er ihr Heimatland fern im brüllenden Nordmeer zurückgewonnen hatte, und die für all seine heischende Liebe unempf?nglich gewesen war in ihrem überhebenden Hochmut. Das stolze Mannweib Brunhild.
Da wurde die Sehnsucht überm?chtig in ihm nach echter und rechter Minne. Und jetzt war er es oft, der zu Hagen sprach: ?Erz?hlet mir doch von Kriemhild.?
Wieder sa?en die Fürsten und Herren in der Halle, horchten auf Herrn Volkers, des ritterlichen Spielmanns Weisen und tranken aus goldenen Bechern. Und Volkers Fiedelbogen klang so sü? von Frauenliebe und Rittertat, da? es Siegfried weich und wild zugleich ums Herze wurde. ?K?nig Gunther,? sagte er leise und atmete schwer, ?Ihr habt eine Schwester, Kriemhild gehei?en.?
Verlegen blickte Gunther in seinen Becher. Die Werbung kam ihm zu früh, und noch hatte der Gast auf seine Pl?ne nicht verzichtet.
?Sie ist fast noch ein Kind,? entgegnete er ausweichend, ?wenn auch an Gestalt und Anmut die blühendste Jungfrau.?
?Gestattet mir,? bat Siegfried, ?da? ich ihr meine Ehrfurcht erweise. Ich sah sie noch nie.?
Und Gunther antwortete: ?Sie ist scheu und zeigt sich nur unter M?nnern, wenn es gilt, einen Sieger zu kr?nzen.?
?Ha,? rief Siegfried ungestüm, ?den Sieger will ich schon schaffen, ich habe lange genug geruht!?
Erbleichend gewahrte Gunther des Helden aufsteigende Wildheit. Schon wollte er Hagen zur Hilfe zu sich winken, da schollen Stimmen vom Gange her, und der Herold lief, die Ursache zu erforschen. ?Herr K?nig,? rief er, als er zurückkehrte, und seine Stimme war erregt, ?es sind Sendboten gekommen von K?nig Lüdegast von D?nemark und K?nig Lüdeger von Sachsen und heischen, vor Euer Angesicht geführt zu werden.?
?Das ist der Krieg,? sagte Hagen von Tronje.
?Ich will ihre Botschaft h?ren,? gebot K?nig Gunther und packte die Lehnen seines Thronsessels.
Da wurden die Boten vom Herold hereingeführt, und auf einen Wink Gunthers begannen sie ihren Spruch.
?Unsere Herren und K?nige Lüdegast und Lüdeger haben uns hergesandt, weil Eure Grenzen, die an die unsern sto?en, sie beleidigen. Sie lassen Euch Krieg ansagen und werden ins Land rücken mit drei?igtausend Rittern und Gewappneten, Eure Burgen brechen und Eure St?dte nehmen, so Ihr nicht schleunigst um Frieden bittet und nach ihrem Willen tut, die Grenzen regelt und gebührend Kriegszins zahlt. Das sollen wir Euch, K?nig Gunther, und Euren Brüdern vermelden von K?nig Lüdegast und K?nig Lüdeger.?
Und wieder winkte Gunther, da? man die Boten hinausführe und bewirte.
?Was tun wir?? fragte er, als die Boten drau?en waren, und sah Hagen an.
Und mürrisch entgegnete der Tronjer: ?Wir sind nicht vorbereitet und k?nnten in der Eile nicht mehr als ein paar Tausende ins Feld bringen. Was ist das gegen die furchtbare überzahl??
?So sollen wir nachgeben?? fragte Gunther und zerbi? seine Lippen. Und atemlos sa?en die Ritter und wu?ten nicht, wie sie der drohenden Gefahr begegnen sollten.
Da tat Siegfried den Mund auf und lachte in die beklommene Stille sein fr?hlichstes Lachen. ?Herr K?nig Gunther,? rief er, ?vor wenigen Minuten erst versprach ich Euch, einen Sieger zu schaffen. Die Gelegenheit ist da. Gebt mir diese Herren hier mit und tausend Mann, und ich werde den D?nen und Sachsen das Wiederkommen verleiden. Auf! Ruft die Boten in den Saal! Ich will meinen Kranz!?
?Und ich?? rief K?nig Gunther. ?Was soll ich inzwischen verrichten??
?Ihr regiert das Land und sorgt, da? alle beruhigt unter Eurem Schutze leben.?
Da sprang Hagen zum K?nige und redete ihm zu. Und Gunther lie? die Boten in den Saal zurückrufen.
Majest?tisch sa? der K?nig, und hochmütigen Tones sprach er:
?Reitet geschwind heim, und wenn euch eure Herren fragen, weshalb ihr eure Pferde nicht besser geschont h?ttet, so sollt ihr ihnen antworten: Weil uns die Burgunden schon auf den Fersen waren! Fahrt wohl!?
Da stoben die Sendboten der D?nen und Sachsen mit verh?ngten Zügeln von dannen. Siegfried aber und die Burgundenrecken prüften Harnische und Helme, Schwerter und Speere, prüften Sattel und Zaumzeug und lie?en die Hufe der Pferde mit frischen Eisen beschlagen. Auf gut beschirrten Wagen wurde der Proviant verladen und manch ein F??lein kr?ftigen Weins. Und ehe die Woche zu Ende war, ritt Siegfried mit Gernot und Hagen und den andern Burgundenrittern, gefolgt von tausend Mannen, ins Feld. Herr Volker aber, der feurige Spielmann, führte die Fahne.
Durch Hessen hindurch ging der rasche Zug ins Sachsenland hinein. K?nig Lüdeger aber war schon mit seinem Heere zu seinem Bruder Lüdegast gesto?en, so da? an der d?nischen Grenze an die vierzigtausend Streiter beisammen waren.
?Ordnet unsere Tausend,? gebot Siegfried dem grimmigen Tronjer, ?und stellt vor jedes Hundert einen Recken, da? er den andern das wütende Beispiel gebe. Den Tro? la?t zurück. Werden wir auf dem Felde totgeschlagen, so brauchen wir nicht mehr zu essen. Siegen wir aber, so sollen uns die Vorr?te der Feinde nicht schlechter munden. Ich werde jetzt einmal auf Kundschaft reiten.?
Mit vorsichtigen Hufen trabte Grane durchs Feld. In der Ferne dehnte sich das riesige Lager der Feinde. Und als Siegfried n?her kam, sah er einen goldgeschirrten Reiter die Schildwacht halten. Das war der D?nenk?nig Lüdegast.
Siegfried legte die Lanze ein. Aber schon hatte der D?ne ihn erblickt, den Speer eingesetzt und den Schild gehoben. Die Rosse griffen aus, da? die Ackerschollen flogen, und so heftig war der Anprall der zornigen Gegner, da? die Lanzen an den Schilden bis auf den Faustgriff zersplitterten. Wortlos griffen die beiden Führer nach den Schwertern, doch bevor Siegfried den Balmung aus der Scheide hatte, schlug ihm der riesige D?ne schon so fürchterliche Hiebe über den Helm, da? dem Helden schier H?ren und Sehen vergehen wollte. Nun aber hatte er den Balmung frei, und ein gespenstischer Kampf hob an auf der einsamen, n?chtigen Heide.
Kein Wort wurde gesprochen. Nur das Stampfen der Rosse, das Klirren der Harnische, das Sausen der Schwerter scholl. Mit einem Schlage spaltete Siegfried des K?nigs Lüdegast Schild. Der nahm die Stücke und schmetterte sie Siegfried an den Kopf. Der Held aber in wildem Grimm schlug noch einmal zu. Da flog des D?nenk?nigs Harnisch in Fetzen. Und als der D?ne den Streitkolben packte und ihn in rasenden Hieben auf Siegfried niedersausen lie?, tat Siegfried den dritten Schlag, der den D?nenk?nig blutend vom Pferde warf. Da gab sich Lüdegast in Siegfrieds Hand, und der Held nahm ihn als ritterlichen Gefangenen und führte ihn zu den Burgunden. Hei, wie die Herren und Mannen Siegfrieds Lob sangen und allen der Mut m?chtig emporwuchs, trotz der Vierzigtausend, die gegen sie standen!
Kaum lugte die frühe Morgensonne über den Horizont, da sahen sie das Feld lebendig werden. So weit das Auge reichte, erblickte man nichts als Schlachthaufen hinter Schlachthaufen, Reiter und Fu?volk.
?Fürchtet euch nicht,? rief Siegfried den Seinen zu. ?Wenn das Korn dicht steht, m?ht es sich am leichtesten!? Und er lie? Herrn Volker, den Spielmann, die Fahne entrollen. ?Mir nach!? schrie Siegfried, gab Grane die Sporen und stürzte sich mitten in die Feinde. In den Bügeln stand er aufrecht, da? alle ihn sehen konnten, und nach links und nach rechts hieb er mit gewaltigem Arme eine Bresche und dann eine Gasse und wütete bald mitten in den feindlichen Haufen. Hinter ihm jagte Volker mit der Fahne und pfiff ein Liebeslied zu seinen schneidigen Hieben. Und links und rechts brachen Gernot in die Heerhaufen und der grimmige Hagen, dessen Einauge funkelte, und der nur mit dem Streitkolben malmend in die Menge schlug, und Dankwart, der blindlings dreinhieb ohne Furcht um sein Leben, Herr Ortwein von Metz, der zu jedem Schlag ein Fluchwort spendete, und die Herren Sindold, Hunold und Rumold, mit zusammengebissenen Z?hnen und bei?enden Schwertern.
Wie das Ro? Grane seinen Reiter trug! In den Rücken der Feinde war Siegfried gelangt, und er warf jauchzend den Gaul herum und bahnte sich mit dem blutigen Schwert eine zweite Gasse, Tote und St?hnende hinter sich lassend. Wieder hatte er die Heerhaufen durchbrochen, und wieder ri? er sein Ro? herum. Da warf sich der Sachsenk?nig Lüdeger gegen ihn mit so wilder Wucht, da? sich Grane überschlug und Siegfried mit sich niederri?. Aber schon war Grane auf den Beinen und Siegfried im Sattel, und die Wut über den Sturz machte ihn doppelt furchtbar.
?Seid Ihr der Teufel?? schrie Lüdeger und wehrte sich wie ein Verzweifelter.
Und Siegfried schrie zurück: ?Riechst du den Schwefelstank, so schwitzt ihn deine Angst!? Und er fegte des K?nigs Helm und seinen Harnisch, da? kein Teil am andern blieb. Da gab sich ermattet Lüdeger in Siegfrieds ritterliche Haft, und der Held packte den Gefangenen und zeigte ihn dem Heere der Sachsen und D?nen vor. Und es ward ein wildes Flüchten.
Die Burgunden setzten ihnen nach und griffen an Beute und Gefangenen, was ihre H?nde fassen konnten. Der am besten Berittene aber wurde abgesandt, K?nig Gunther die Siegesbotschaft nach Worms zu bringen.
Als der Bote an den Rhein kam, stand die liebliche Kriemhild am Fenster ihrer Kemenate. ?Sieg!? rief ihr der Reiter zu und schwenkte seinen Helm.
Weit beugte sich Kriemhild zum Fenster hinaus. ?Nennt mir den Tapfersten, Mann!?
?Siegfried - Siegfried!? scholl es zurück.
Da spürte Kriemhild, da? ihr glühendes Rot über Hals und Wangen rann, denn sie hatte viele Lieder vernommen von dem herrlichen Helden und war ihm in der Stille zugetan, ohne ihn je erschaut zu haben. -
Nach Wochen kamen die Burgunden mit den gefangenen K?nigen heim und unerme?licher Beute. Gunther ging ihnen entgegen, und als Siegfried vom Pferde sprang, umarmte und kü?te er ihn.
?Nie werde ich es Euch vergessen,? sprach K?nig Gunther, ?was Ihr für mich vollbrachtet.?
Und sie sa?en in der Halle beim Mahle, und die Heimgekehrten hieben in die Schüsseln, als ob es in die Feinde ging, und die Trinkh?rner, gefüllt mit rheinischem Wein, machten immer wieder die Runde. Da bat Siegfried, da? man die gefangenen K?nige teilnehmen lasse, und man führte sie herein.
?W?hlt Euren Teil an der Beute, mein tapferer Siegfried,? rief K?nig Gunther und schwenkte ihm das Trinkhorn zu.
?So w?hle ich mir,? sprach der Held, ?die beiden Herren Lüdegast und Lüdeger und schenke ihnen die Freiheit, denn sie haben sich wie die L?wen geschlagen.?
Nicht gern h?rte K?nig Gunther den Wunsch, aber er mu?te ihn gew?hren, und die Kunde von Siegfrieds ritterlichem Sinn lief bald in die Frauenkemenate, und Kriemhild vernahm sie mit Freuden.
?Morgen,? flüsterte sie vor sich hin, und ihre Wangen brannten, ?morgen werde ich ihn kr?nzen und sein Angesicht schauen.?
Da schlief die K?nigstochter nicht eine Stunde in der Nacht.