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Semper der Jüngling

Semper der Jüngling

Author: : Otto Ernst Schmidt
Genre: Literature
Semper der Jüngling by Otto Ernst Schmidt

Chapter 1 Kapitel.

Handelt von Balladen und Pr?paranden, Gendarmen und hebr?ischen Handschriften, zum Glück auch von Pr?parandinnen.

Asmus Semper, der halbwegs sechzehnj?hrige Schüler des Hamburger Pr?parandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr T?nnings, der Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen und von dem ein Gerücht ging, da? er vor sieben Jahren den einen Mundwinkel zu dem Versuch eines L?chelns verzogen habe, Herr T?nnings also hatte soeben verkündet, da? u. a. auch Asmus Semper eine Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das hei?t: eine Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuh?ren dürfen, und dafür bekam er noch obendrein ein j?hrliches Gehalt von dreihundertundsechzig Mark! Jeden Morgen sollt' er aus n?chster N?he hineinhorchen dürfen in die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe Wunder sollt' er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung aufnimmt, w?chst und sich vollendet!

Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld, wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner Eltern freute er sich, da? ihm die Augen hei? wurden. Er wollt' es ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht mehr halten, und weil er wu?te, was seine Mutter am meisten freute, rief er: ?Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!?

Im n?chsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der ansto?enden Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: ?Freude war in Trojas Hallen!? Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm nicht zuvorkommen k?nne, rief er: ?La?, Mutter, la?, ich will es Vater sagen! – Ich krieg' eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig Mark das Jahr!?

Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen auf der Welt der liebste war: in dem wei?umwallten Jupiterantlitz Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die ganze Welt.

?Ach nein – es ist ja wohl nicht m?glich!? rief der Vater, indem er den Kopf zurückwarf.

?Ganz gewi?!? rief Asmus. ?Nun verdiene ich mehr, als wenn ich Handwerker geworden w?re. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und das geb' ich natürlich alles euch!?

Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war, und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell auf, ohne da? man einen Ton geh?rt h?tte, und unz?hlige Tabakbl?tter verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen; aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen, und dann die Sorge, dann der Krieg mit den D?nen, dann seine Tr?umerei und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da stand sie vor ihm, fünfzehnj?hrig, rotwangig – nichts war verloren; denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen dasselbe.

Rebekka aber, als sie von ?sieben Mark die Woche? h?rte, verga? all ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und go? einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, da? eine m?chtige Wolke wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.

Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich and?chtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so gesund, da? Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: ?Halt, mein Junge, du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer gemacht!?

Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater: ?La? doch den Jungen essen!? und trat seine Ansprüche an die Allgemeinheit ab.

Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer, Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und vergilbten ?Faust? vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein über das rechte und bewegte die Lippen und l?chelte. Und alle waren still, und Asmus wu?te: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich, es w?hrte nicht lange, da klang es durch den Raum:

?Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,

Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst

Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –?

- - - - - - - - - - -

In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer gro?en, h??lichen Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelb?umen fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. ?Ich habe zuviel Glück,? dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich liegen sah. Gew?hnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als wenn es d?chte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste n?mlich, was er tun mu?te, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle Schüler aufschreiben, die zu sp?t kamen. So hatte sich Asmus das Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder M?dchen den letzten Glockenschlag vers?umte, obwohl es ihm bei den M?dchen mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, da? man noch ein wenig Geduld mit ihm haben m?chte, und ihm heimlich ein paar Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ?ngstlich zurück und rief: ?Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!? – aber als deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, da? man ihn für eine Beh?rde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes, von Regen durchn??tes M?gdelein, das weinte.

?Warum weinst du?? fragte Asmus.

?Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter 'rausgeschmissen.?

?Warum das denn??

?Och, er is all wieder duhn (betrunken).?

?So früh schon??

?Ja, er s?uft immer 'rum.?

Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?

?Geh' nur zu,? sagte er. Das war ja selbstverst?ndlich, da? man die nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, da? sie fror. Und dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne Jacke fuhr.

Von nun an fragte er ?fter nach dem Grunde der Versp?tung, und er notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man mu? alle aufschreiben oder keinen. Und nun lie? er alle vorbeilaufen und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann mit seinem Sohne ertrank. Das Sch?nste an dieser Ballade war eine Refrainstrophe, die mit den Zeilen schlo?:

?Drunten klingt verworrner Klang,

T?nt es nicht wie Grabgesang??

Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus jener Tage ohne weiteres sch?n.

?Warum notieren Sie nicht die Zusp?tkommenden?? fragte schlie?lich der Oberlehrer.

?Ich mag das nicht,? sagte Asmus verlegen.

?Ja, danach geht es nicht,? rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des Kulturgendarmen wurde eingezogen.

Der Oberlehrer sch?tzte den jungen Semper wegen anderer F?higkeiten. Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, mu?te er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit den Hebeprotokollen ?kollationieren? und endlose Kolonnen von Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Pr?paranden da: zwei junge M?dchen und drei junge ?M?nner?, sie alle mu?ten Protokolle schreiben und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer, dessen Handschrift man zun?chst immer für hebr?ische Schriftzeichen hielt; erst nach und nach kam man dahinter, da? es die bekannten deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen Sch?nheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die Verhei?ungen des Herrn R?sing, seines alten Lehrers ein, der jeden Morgen gesagt hatte: ?Jungens, schafft euch 'ne sch?ne Handschrift an; wer 'ne sch?ne Handschrift hat, kommt überall fort!?

Freilich: sein Sch?nheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Pr?parandinnen, die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in der Brust, und der Schmerz kam daher, da? er sich sagte: Ich kann ja noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in unschuldiger, aber flei?iger Weise mit den beiden M?dchen. Asmus dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner vollkommenen T?lpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber. ?Ja,? sagte Asmus, der nahe dem Ofen sa?, ?hier sitzt man wie die Sau am Spie?; denn er hatte das Gefühl, da? eine kraftvolle Ausdrucksweise den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den K?pfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern k?nnen. Sie denken: das ist ein Bauernt?lpel, sagte sich Asmus, und fühlte, da? er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen err?te. Und die m?nnlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux, betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf von Rousseaus ?Emile? die Rede war, da zeigte sich, da? nur Asmus wu?te, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten Male sehe.

Chapter 2 Kapitel. No.2

Wie Asmus im Vorhof der P?dagogik weilen durfte, wie er eine andere Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün nicht hinaustrampeln wollte.

Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das letzte Protokoll ?auf dem Laufenden? war, durften auch die übrigen Pr?paranden in die Klasse gehen und hospitieren. Welch' ein Glück, dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften Offenbarung entgegen. Aber zun?chst kam er an einen Lehrer, der es liebte, die Kinder so still zu besch?ftigen, da? sie ihn m?glichst wenig bel?stigten, und der sich, w?hrend die Schüler schrieben und rechneten, mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverh?ltnisse, über seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt. Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun mu?ten die Kinder die zugeh?rigen Verse hersagen, z. B.:

6×6 sind 36

In die gro?e Schlackwurst bei?' ich

oder

8×9 sind 72

Dieser Knabe übergibt sich,

aber der gute Mann bedachte gar nicht, da? sich die Worte ?bei?' ich? ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer Verwechslung einen Esel, zerri? sich vor Aufregung und lie? die kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.

?Bei dem kann ich auch nichts lernen,? sagte Asmus zu jenem Mitpr?paranden mit der hebr?ischen Handschrift, und dieser sah ihn ob solcher Anma?ung mit grenzenloser Verwunderung an.

Und schlie?lich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit einem Fu? im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er unbewu?t die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg, wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber er h?tte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fu? auf den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal Finken und Apfelblüte seine Sinne nach au?en zu locken vermochten, alle Ungeduld half ihm nichts; er mu?te warten.

Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er hatte ja in der Pr?parandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht: Das mu? man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten Stunde, im Sch?pfungsbericht, trennte er die Erz?hlung des Jehovisten von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und vor den Augen des jungen Semper zerri? ein vielj?hriger Nebel. Also hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last, hatten ihn gequ?lt, ge?ngstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewu?t. Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche Wissenschaft zur Bibel zu sagen wu?te, das kannte er, und er trug es frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, da? er kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es m?chte ihm ein Wort des Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim sa?, dann konnte er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest hing alles mit ehernen Klammern zusammen.

Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach au?er seinen Vortr?gen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verl?ngerte fast jede Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Tr?gheit noch Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, h?tte nicht einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten sie in ihm das lautere Gef?? einer gro?en Kraft. W?hrend zweier Jahre brauchte er wohl nie die Worte ?Wahrheit? und ?Gerechtigkeit?, und doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft will, der mu? wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie dieser.

Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule waren es w?chentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Ha? gegen diese sogenannte ?Religion? hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule hatte die ?Religion? die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt. Die Giftpflanzen und Ranunculus ficaria – das war die Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit, das Pr?parandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal w?chentlich mit drolligen Koboldschritten der naturselige ?Papa Hamann? herein; er schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so gro? war wie er selbst, und sein Gesicht gl?nzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit ansto?ender Zunge sagte: ?Heute meine Herren, hab' ich Ihnen etwath[1] ganth Bethondereth mitgebracht!?

Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder zur Weihnacht überrascht, und Asmus h?rte zum erstenmal vom Bau und vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er wolle die Pflanzen im w?rtlichsten Sinne verschlingen, so versessen war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des guten Papas einigerma?en an der Oberfl?che; er sprach allerlei vom Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wu?te er eigentlich selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des Alten so v?terlich und fr?hlich und mit so wundervollen Redeblumen geschmückt!

?Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,? sagte Papa Hamann zum Beispiel, ?dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von Angethicht zu Angethicht zu thehen!?

Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie sprach, so sagte er:

?Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfl?ntthchen; andere dagegen thind h?thlich und widerlich!?

Und darin hatte er recht, einige von diesen Pr?parandinnen, die in einer ansto?enden Stra?e unterrichtet wurden, waren wirklich ganz reizende Pfl?nzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm lie?en es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege heimw?rts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen anmutsvollen Gang, und ein sch?ner Gang griff Asmussen ans Herz.

Auf andern Wegen schw?rmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge durchaus nicht zu mi?fallen; sie verfielen wenigstens aus einer zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und tr?umendes Hinschlendern; aber sei es nun, da? irgendwo ein Jüngling dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, da? sich unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preu?en und aus dem franz?sischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen Pr?paranden ?grüne Jungen?. Man war sich sofort darüber einig, da? man sich das mit fünfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten lassen k?nne und da? der einmütige Austritt aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei. Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen für m?glich, da? die Eltern sich von der Auffassung des Direktors nicht wesentlich entfernen m?chten. Am dritten Tage endlich beschlo? man, die unqualifizierbare ?u?erung des Direktors auf dessen preu?ische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.

Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der Tr?ger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die Wandtafel einen Pfahl, der einen preu?ischen Adler trug, und dazu eine Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich l?chelnd den schwarzwei?en Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur Klasse: ?Da k?nnen Se lange schie?en, bis Se den runterkriegen ...? und wandte sich seinen Gesch?ften zu.

Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler mu?te die Zahl nennen:

?Amenemha III.??

?2200.?

?Vertreibung der Hyksos??

?1580.?

?Durch wen??

?Durch Thutmosis.?

?Amenophis??

?1500.?

Oder Herr Rothgrün nannte die Zahl und der Schüler das geschichtliche Faktum, was genau ebenso bildend und interessant war. So ging es die ganze Stunde hindurch; denn fortfahren in der Geschichte konnte Herr Rothgrün nicht, weil er heute nichts wu?te.

?Er war wieder mal nicht pr?pariert,? sagten die Pr?paranden, als er fort war.

In der n?chsten Geschichtsstunde begann Herr Rothgrün nach effektvollem Eintritt und imperatorenhafter Besteigung des Katheders von neuem:

?Phul??

?770.?

?Tiglat Pilesar??

?740.?

Und so fort über ?gypter, Ph?nizier, Israeliten, Meder, Perser, Griechen und R?mer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl wu?te, war gescheit, wer sie nicht wu?te, dumm.

Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er die n?chste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen langatmigen Hasser, der sich auch bei den sp?testen Examinibus derer erinnerte, die ihm einmal mi?fallen hatten. Asmus und einige andere waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei ?unm?nnlich?. Man solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen Unterricht beschweren.

?Ja, willst du das tun?? riefen einige h?hnend.

?Ich gehe mit,? sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da sagte Asmus: ?Allein will ich auch nicht.?

?Semper will artig Kind spielen,? spottete einer.

?Du bist ein Esel!? rief Asmus. ?Trampeln tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich natürlich mit.?

[1] th sprich wie das englische th.

Chapter 3 Kapitel. No.3

Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt mu?te.

Die n?chste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann: ?Tiglat Pilesar??

?740,? sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender Donner klang.

Herr Rothgrün wurde wei?.

?Was soll das?? rief er.

Keine Antwort.

?Was soll das hei?en??

Eisiges Schweigen.

?Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was das bedeuten soll?? schrie der Lehrer.

Niemand rührte sich.

?Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu melden, da? ich durch ein unerkl?rliches Ger?usch im Unterricht gest?rt worden bin.?

Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er wu?te wohl, da? der einen sehr direkten Schlu? auf seinen Unterricht ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: ?Unterrichtet nur gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.? Auch erkl?rte sich Herr Rothgrün das ?unerkl?rliche Ger?usch? sehr schnell und richtig; er begann sofort zu erz?hlen; diesmal erz?hlte er freilich noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen beherrschte, aber von der n?chsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er wollte, so konnte er's vielleicht am besten von allen Lehrern der Anstalt.

Geschichte h?ren oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht, da? er an die Geschichte geglaubt h?tte, – er glaubte die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner ?Faust?-Lektüre wu?te er sehr wohl:

?Die Zeiten der Vergangenheit

Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Was ihr den Geist der Zeiten hei?t,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

Darin die Zeiten sich bespiegeln.?

und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mu?te man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mu?te man vor allem von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon h?rte man so gut wie nichts. Kaum da? einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Da? man aus der Geschichte etwas lernen k?nne, das glaubte er nicht. Aber lange Zeitl?ufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er h?rte und las. Er sah ein Jahrhundert, da stille M?nche in stiller Zelle sa?en und vom Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll gl?ubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land, indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte W?lder schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Me?gew?nder, da k?nigliche V?ter bü?end vor unnatürlichen S?hnen knieten und lange Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum ?Lügenfeld?. Dann gab es eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute und blinkende Ritter und düstere M?nche, M?nner und Weiber, Greise und Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger M?nches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen S?ulen eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren Glaubensges?nge hinausklangen in einen grauen und feuchten Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die Wolken über den Erdboden dahin, da? die Menschen nur gebückt dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz aller Kriege und aller gro?en Revolution wie eine friedsame Stadt mit winkelig-sauberen G??chen, wo aus schnurrig gegiebelten H?usern Gelehrte mit Z?pfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die Stra?e schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen K?nigsberger Professors zu streiten.

So h?rte, so sah er die Geschichtserz?hlungen des Herrn Rothgrün. Aber dann mu?te dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte w?hrend eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg hinein und erz?hlte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre wu?te. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufh?uften, absonderlich die Gro?taten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenh?ngen. Bei Herrn Stahmer sah er keine vision?ren Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude w?rmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh' es der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit fliegender Feder zwanzig, drei?ig Quartseiten voll, und wohl zehnmal mu?te ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter tupfen, er m?ge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich Asmus: In der Geschichte mu? man alles wissen, sonst wei? man nichts. Und etwas Gr??eres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber eine Sache ganz wissen, das ist Aufkl?rung, Befreiung. Dann wird Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, ein Guckloch nach der Au?enwelt. Als er sp?ter in der ?Systematischen P?dagogik? das ?non multa sed multum? bis zum Ekel wiederk?uen mu?te, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und niemals befolgte.

Das und manches andere im heiligen Tempel des Pr?parandeums war nun wohl gut und sch?n; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen Gewerbeschule genommen werden mu?ten. Sie waren so schlecht, da? sie sogar den Charakter verdarben.

Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfl?che. (Bis dahin hatte es auf einer Grundfl?che gestanden.)

Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den Lehrer.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere Seitenfl?che.

Asmus dachte: Aller Anfang ist ?de, und zeichnete den Klotz zum dritten Male.

Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte dann den Klotz auf die gro?e Seitenfl?che.

Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte sind sü?, und portr?tierte das interessante Holz zum vierten Male.

Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.

Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete dann das rechtsstehende Prisma.

Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das Prisma etwas nach links.

Per aspera ad astra, dachte Semper und machte auch das.

Hierauf nahm der ?Lehrer? das Prisma und stellte es Sempern wieder gerade vor die Nase, aber ?über Eck?, so da? man drei Fl?chen auf einmal sah.

?Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,? sagte sich Asmus, betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel l?ngeren Blick und machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.

In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es gab überall nur Holz und Gips. Der gr??te Künstler unter den Schülern zeichnete einen pomp?sen Blumenstrau? – von Gips. In der ganzen Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, erfreuendes Objekt.

Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander sa?en. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die H?nde stützte und ihn anglotzte und ang?hnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer zwischen zwei Worten g?hnte: ?Ich kann – dreihundertfünfundneunzig Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.?

?Das h?lt kein Nilpferd aus,? antwortete Asmus.

?Sagten Sie etwas?? fragte Herr Semmelhaack.

?Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.?

Zum n?chsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich mit Augenschmerzen.

Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr T?nnings mit dem steifen Halskragen: ?Ja, dann müssen Sie ein ?rztliches Attest beibringen.?

Also mu?te Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbeh?rde.

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