Eine Kuh fra? am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.
Als die Gro?mutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein Fünfzehnkopekenstück, zum Vernaschen geschenkt.
Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein Volksfest statt; es werden dabei Kwa?, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und Eis feilgeboten. Petka war ein gro?er Liebhaber von Stachelbeeren und a? leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war also wirklich gro?. W?hrend der ganzen Nacht behielt er die Münze in der Hand.
Als die Gro?mutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte, war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, seine Schuhe gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und wie oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Gro?mutter die Mütze aufprobiert! Petka hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher hatte er einen Strohhut getragen, als er aber Schüler einer St?dtischen Schule geworden war, hatte ihm die Gro?mutter diese Mütze gekauft. Er hat seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt und sich seine schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberkn?pfen am Kragen zurechtgezupft; blo? mit der Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose ist zwar rein gewaschen - Gro?mutter selbst hat sie gewaschen und gebügelt -, aber sie ist zu kurz: von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites Stück zu sehen; Petka w?chst aber noch, und die Hose ist in der W?sche eingelaufen.
?Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Gro?mutter!? begrü?t Petka die Gro?mutter, auf einem Bein hüpfend.
?Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!? Gro?mutter ist nach dem Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.
Wenn die Gro?mutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer furchtbar viel Zeit dazu - so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte erst die Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die Kohle einige Holzsp?ne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing, noch einige Kohlen nachzulegen; das machte sie wohl zweimal. Petka schüttete aber nie die Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit Kohle voll, zündete einige Sp?ne an, legte noch etwas Kohle auf, und der Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, zu summen.
?Du bist ein gescheiter Junge!? wiederholte die Gro?mutter. Sie freute sich, da? der Samowar auf dem Tisch stand und summte und da? sie jetzt in aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen konnte.
Gro?mutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchg?ngerin; sie vers?umte keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.
Gro?mutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu dr?ngen an: sie wollten sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.
Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewi? noch nicht den Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister st?nden noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie s??en wohl noch in der warmen Stube und tr?nken Tee.
Gro?mutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten es sehr einfach: zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Gro?mutter; der Alten fiel es zwar recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort aus besser sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.
?Wenn du nicht gehst, geh ich allein!? Petka setzte seine Mütze mit dem Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.
Gro?mutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man k?nne ihn im Gedr?nge leicht zertreten.
?Man wird dich zertreten, Petuschok.?
?Nein, Gro?mutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Gro?mutter, jetzt gehe ich!?
Gro?mutter hat Angst und ist zugleich gekr?nkt: sie gingen doch jedes Jahr zusammen hin - Petka voraus und hinter ihm die Gro?mutter in ihrem alten Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Gro?mutter spannte ihren Schirm niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der Spitze, so da? der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gem?chlich ihren Tee trinken!
Was ist da zu machen? Der Junge l??t sich nicht halten!
Petka geht allein fort.
Der Morgen ist sch?n kühl, der Tag wird nicht so hei? werden. Ob Petka vom lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias, dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat - die Leute werden es in der Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die Priester werden leichten und trockenen Fu?es gehen, und auch die Chors?nger werden es angenehm haben.
Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er sich dafür kaufen und au?erdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen. Petka lauschte; irgendwo l?uteten die Glocken, aber es war noch sehr weit. Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man l?utete in den Kirchen, an denen sie vorüberzog.
?Man l?utet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola - es ist ein sch?nes L?uten!? dachte Petka. Und da erblickte er pl?tzlich eine Kuh.
Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine sch?ne, wohlgen?hrte, rote Kuh.
Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das ?Braunchen?, wie Gro?mutter sie zu nennen pflegte.
?Guten Tag, Braunchen!? Petka kam hüpfend n?her und streckte seine Hand aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne, das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus der Hand, die Kuh leckte es mit der Zunge auf, stie? einmal auf und verschluckte es.
Kurz und gut - weg war es.
Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht wieder zum Vorschein k?me . . . Nein, verschwunden war sein silbernes Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.
Mit leeren H?nden ging nun Petka zur Eliaskirche.
Sollte er umkehren und der Gro?mutter alles erz?hlen? Gro?mutter würde wohl sagen: ?Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir die Kuh gefressen!? Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken. Sie würde noch sagen: ?Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken? Das fri?t ja doch die Kuh!? Nein, es ist doch besser, der Gro?mutter nichts zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Gro?mutter etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Gro?mutter sagen, da? er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen hat . . . Und wenn Gro?mutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig - spottbillig sind sie, sagt Gro?mutter selbst. Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja nicht fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber er hat kein Fünfzehnkopekenstück mehr: die Kuh hat es aufgefressen!
?Was bist du für eine Kuh!? sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten Braunchen. ?Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so sch?n rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . . hundert Portionen!?
Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine M?glichkeit: Gro?mutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte Gro?mutter eines hernehmen? Das Geld w?chst nicht auf der Stra?e, pflegt Gro?mutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.
Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit frischgem?htem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder sonst noch hie?en. Die Fü?e glitten im Grase aus, und Petka brachte es fertig, sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer mit seiner Gro?mutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das aufgefressene Fünfzehnkopekenstück und schlo? die Augen: ganz klar, ganz deutlich fühlte er die Erde und das Gras unter seinen Fü?en; er fühlte sich pl?tzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo Glockenblumen blühen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum Troiza-Sergius-Kloster.
Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und suchten sich ein Pl?tzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das L?uten klang immer n?her, es schien schon aus der n?chsten N?he, von der Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich get?uscht, es war noch sehr weit: man l?utete erst bei Kosmas und Damian.
Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich einmal, wenn er gro? ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann ebenso sch?n schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt aber benetzte es ihm Gro?mutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit Kwa?.
Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession und der Gro?mutter.
?Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden?, dachte er ab und zu an sein unglückseliges Geldstück. ?Es kann gar nicht verlorengehen!?
Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in welcher Kirche gerade gel?utet wurde; von der Prozession kamen sie auf den Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,1) wie Gro?mutter den Jungen zu nennen pflegte.
Nun kam auch Gro?mutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mari? Opferung in den Baraschi begannen zu l?uten, die Prozession kam immer n?her, die schweren Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann l?utete es in der Eliaskirche, und Petka war vollkommen getr?stet.
?Gro?mutter wird mir ein anderes Geldstück schenken, und wenn sie mir keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.?
Gro?mutter hatte niemand au?er Petka. Petka ist ihr Gro?neffe, der Sohn ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist g?nzlich heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den Goujon-Werken; er verlie? auch diese Stellung und geriet schlie?lich unter das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bev?lkert.
Er besuchte, wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Gro?mutter, um sie um Geld zu bitten. Gro?mutter hatte vor dem Neffen gro?e Angst und nannte ihn ?den R?uber?.
Petka wohnt mit der Gro?mutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall, in der N?he der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Gro?mutter noch bei Kr?ften gewesen war, hatte sie nie mü?ig dagesessen und über nichts zu klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Wei?brot zu Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr arbeiten. Gro?mutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt, als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen sie ab und zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschu? von der Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine St?dtische Schule aufgenommen. Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Gro?mutter Iljinischna Sundukow; auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit Mühe und Not schl?gt sie sich mit ihrem Petka durch.
Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin, mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Gro?mutter. Als die Smetanins starben, mietete Gro?mutter mit Petka die Kellerstube. Gro?mutter hat früher ein anderes, gr??eres Zimmer gehabt, in dem jetzt Stubenmaler wohnen.
Gro?mutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade l??t sich nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade - davon wei? aber nur die Gro?mutter allein - sind ein silberner Teeglasuntersatz mit Weintraubenmuster und zwei silberne L?ffel mit Blumengravierung und schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das er nach Gro?mutters Tode erben wird. Gro?mutter hat auch einen Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür f?llt sofort ganz heraus: nur Gro?mutter allein versteht es, in ein bestimmtes Loch einen Stift hineinzustecken, so da? die Tür auf den richtigen Platz kommt und der Schrank sich wieder schlie?en l??t. Gro?mutter besitzt auch noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd, ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Abs?tze und ein Stück Leinwand verwahrt: das alles bleibt für ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrünke hinein: der Schlingel glaubte, es würde Gro?mutter Freude machen, wenn sie im Jenseits von den Kohlstrünken naschen k?nnte. Ein kleines Sofa steht auch noch da: von au?en betrachtet, ist es noch ganz anst?ndig, wenn man sich aber ungeschickt draufsetzt, so st??t man sich an einer Holzleiste. Im Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst h?ngen mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone ?Die Moskauer Wundert?ter?: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo stehen nebeneinander - Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und Johannes in einem wei?en Gewand -, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem Moskauer Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt, und über den Heiligen ein dunkler Wald, die ?Mutter-Ein?de? mit zerklüfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka h?lt sie für Feuerberge. Es ist eine uralte Ikone. Daneben steht eine zweite auf Goldgrund gemalte Ikone: ?Die vier Marienfeste?. Sie stellt die vier Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, Mari? Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild f?llt fast auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Kn?uel: ein Kn?uel Stricke, ein Kn?uel Bindfaden und ein Kn?uel bunter Schnüre: w?hrend vieler Jahre hat Gro?mutter sie aufgespart. Schlie?lich existiert noch eine Truthenne - das ist ihre ganze Habe.
Gro?mutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt wie die Gro?mutter. Gro?mutters ?Herr Jesus? kann sie zwar nicht nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben hat sie alles gelernt, alles erfa?t.
Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren gew?hnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen bes?t war. Die Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.
Die Hühner des Diakons haben H?hnchen, die Katze Puschok hat K?tzchen, aber die Truthenne hat nichts - wie kommt das? fragte sich Petka mehr als einmal.
Auch die Gro?mutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:
?Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so g?be es H?hnchen!?
?Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es H?hnchen!? sagte sich auch Petka.
?Gro?mutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt??
?Gott geb's!?
?Was geschieht dann weiter?? prüfte der kluge Petka die Gro?mutter.
?Dann setzt sie sich hin.?
?Wie setzt sie sich hin, Gro?mutter??
?Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.? Gro?mutter kauerte hin wie die Truthenne. ?Einundzwanzig Tage, das sind genau drei Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen mu?, steht sie auf und das auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truth?hnchen heraus.?
?Gro?mutter, wo werden wir das H?hnchen hintun??
?Es wird bei uns wohnen.?
?Gro?mutter, wir werden es in einen K?fig tun, und es wird wie eine Nachtigall singen, ja, Gro?mutter??
?Ja, Petuschok, es wird ein kleines H?hnchen sein, ganz gelb, mit einem Sch?pfchen.?
?Gro?mutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja, Gro?mutter??
?Was f?llt dir ein, Petuschok!?
?Wir werden fliegen, Gro?mutter, wir werden mit dem H?hnchen in dem Luftballon wohnen. Ja??
Gro?mutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Gro?mutter hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen würden: er, das H?hnchen und die Gro?mutter.
?Ich bin damit nicht einverstanden?, sagte die Gro?mutter. ?Ich will hier unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.?
?Gro?mutter?, Petka dachte nur an seine Sachen und h?rte die Gro?mutter nicht. ?Alles kommt doch vom Ei??
?M?ge Gott ihr doch eins schenken!? Gro?mutter wollte so schrecklich gern, da? die Truthenne legte, und sie dachte an das H?hnchen mit derselben Sehnsucht wie Petka.
Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück mehr, er brauchte nur das kalikutische H?hnchen. Aber wo sollte er ein Ei hernehmen, wie k?nnte er es einrichten, da? Gott der Truthenne ein Ei schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truth?hnchen kommt?
?Ich k?nnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen?, überlegte sich Petka. ?Der Diakon hat viele Hühner, und seine Hühner legen viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!? Petka hatte schon in des Diakons Kiste hineingeschaut. ?Datum und Monat sind auf jedem Ei verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen müssen. Und Gro?mutter? Wie wird sie ohne mich leben?? - ?Ich lebe nur für dich, Petuschok, sonst w?re es für mich l?ngst Zeit zu sterben!? - pflegt Gro?mutter zu sagen. ?Nein, vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!?
Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Gro?mutter wollte einmal ihrem Petuschok eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte blo? zwei Eier mit: das dritte versteckte er und sagte der Gro?mutter, er habe es zerbrochen.
?Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das Ei hast du zerbrochen!? Das zerbrochene Ei tat der Gro?mutter furchtbar leid.
Petka h?tte wohl sonst die Eierspeise vor ?rger gar nicht angerührt; aber jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus dem auch ein H?hnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll nur Gro?mutter sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei, wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar kein Ei l?ge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.
Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?
?Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!? Petka kauerte hin, starrte auf die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu regen, von dem einen hartn?ckigen Gedanken, dem einen hei?en Wunsch, der einen Bitte beseelt: ?Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!?
Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf das Ei.
Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der Truthenne, von dem einen hartn?ckigen Gedanken, von dem einen hei?en Wunsch beseelt . . .
Die Truthenne sa? ruhig und fest auf dem Hühnerei.
Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne sa? ruhig und fest auf dem Hühnerei.
Sollte er es der Gro?mutter sagen? Nein, Gro?mutter wird es schon selber sehen. Wie wird sie sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen sieht!
Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er pa?te auf die Truthenne auf und wartete auf die Gro?mutter. Gro?mutter kam in den Schuppen, um der Truthenne ihr Futter zu geben.
?Gepriesen sei der Sch?pfer!? flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne sa? auf einem Ei!
Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen, auch Gro?mutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte nicht einschlafen: er wartete immer, da? Gro?mutter etwas von der Truthenne sagen werde. Auch Gro?mutter w?lzte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie hatte gro?e Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete aber, das Glück zu berufen.
Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schlie?lich doch nicht aus. ?Petuschok!? rief die Gro?mutter.
?Gro?mutter!? Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.
?Du schl?fst noch nicht, Petuschok??
?Was willst du, Gro?mutter??
?Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!? Gro?mutter fing sogar zu lachen an und keuchte vor Freude. ?Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .?
?Sie sitzt, Gro?mutter??
?Ja, Petuschok, sie sitzt . . .? Gro?mutter sagte es mit schwacher Stimme und bekam einen Hustenanfall.
?O Gro?mutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein H?hnchen??
?Ein Truth?hnchen, ein kalikutisches H?hnchen?, flüsterte die Gro?mutter, als ob im kalikutischen H?hnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von ihrem und Petkas Leben l?ge.
?Wird es bei uns wohnen??
?Gewi?, Petuschok, wo denn sonst??
?Wir werden es doch nicht aufessen, Gro?mutter??
Gro?mutter antwortete nicht mehr, Gro?mutter war schon eingeschlafen, beglückt und erfreut durch die g?ttliche Gnade, durch den Gedanken an das kalikutische H?hnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen sollte.
Das ?ll?mpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den ?Vier Marienfesten?: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mari? Erscheinung - und vor den ?Moskauer Wundert?tern?: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der ?Mutter-Ein?de? glühten im Lichte der Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.
?Gro?mutter, ich werde das H?hnchen lieben!? Petka-Petuschok, Gro?mutters H?hnchen, schlief mit diesen Worten ein.
Jeden Tag, ganz gleich, ob es n?tig war oder nicht, schaute Gro?mutter in den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr erwiesene Gnade und z?hlte die Tage. Auch Petka z?hlte die Tage und war nicht weniger aufgeregt als die Gro?mutter; er lie? seinen Drachen nicht mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und verga?, da? er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei w?re. Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgem?? auf das Ei gesetzt hatte, sa? auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, da? sie, seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern hatte? Oder daher, da? Petka durch seinen Willen wirkte oder Gro?mutters Gebet Geh?r gefunden hatte - jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden immer blasser.
Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.
Petka konnte nicht mehr schlafen: ?Und wenn kein H?hnchen herauskommt, wenn es ein taubes Ei ist?? Wie konnte er auch schlafen? Jeden Morgen, sobald es tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.
?Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!? sang Petka, auf einem Beine hüpfend. Drau?en im Schuppen und auch in Gro?mutters Stube hauchte er das H?hnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im H?hnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Gro?mutters Leben l?ge.
?Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!? Gro?mutter konnte sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.
Sch?n hat es Atja in Kljutschi gehabt: so sch?n, da? er, wenn die Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Ged?chtnis huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergi?t; der Alte Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben, Zensuren und Pausen, alle Lehrer - vom ?Deutschen? Iwan Martynytsch bis zum Sch?nschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und sogar seine Busenfreunde - Romaschka und Charpik -, alles versinkt und verschwindet, als w?re es nie gewesen, als h?tte es überhaupt niemals etwas anderes in der W
elt gegeben als das Dorf Kljutschi.
?Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon?, sagt sich Atja. Er legt das verha?te Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.
Oder er erwacht mitten in der Nacht - es genügt auch das leiseste Ger?usch: jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt -, und dann ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium bei seinem Gro?vater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und der ?hren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu k?nnen. Der Schlaf will aber nicht kommen. H?tte er nur Flügel oder den fliegenden Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi fortfliegen.
Das Kirchdorf liegt auf einer Anh?he. Unten steht die wei?e Kirche. Der Kirche gegenüber liegt das Haus des Gro?vaters mit dem Garten und den Bienenst?cken. Gleich hinter dem Zaun flie?t der Flu? vorbei. Kossa hei?t der Flu?. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind Felder. Und dann kommt wieder eine Anh?he, und dann zieht sich viele Werst weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von keiner Axt berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigerma?en durchkommen, aber der Mensch mu? schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die W?lfe k?nnen den Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die W?lfe.
Auf dem wei?en Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unz?hlige. Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das L?uten der ausgel?uteten kleinen Kirchenglocken? Oder h?ngen sie so am alten Gro?vater? Die Schwalben wissen viel und k?nnen sich wohl an vieles erinnern: wie der Gro?vater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:
?Atja ist wieder da?, rufen die Schwalben. ?Wie furchtbar gro? ist er über den Winter geworden!?
Ziegen und Schafe, Kühe und K?lber, Schweine und Pferde, G?nse und Truthühner - alle wissen sofort, da? Atja wieder da ist. Tiere und V?gel sind ja verst?ndig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.
Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell f?hrt, in einem Tag nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut einen Pfiff und die kr?ftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, da? man kaum Zeit hat, die Tore zu ?ffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den Stra?en stehen aber statt der langweiligen Werstpf?hle Wotjakenm?dchen in seidengestickten wei?en Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck. Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die T?ne der Schalmei schweben grü?end über den K?pfen dahin; und der Wind, der aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge, Gl?ckchen! Das Gl?ckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der Mühlendamm erdr?hnt unter den R?dern; da ist der Hegeforst, der heilige Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige Bruder Inmars, des Sch?pfers von Himmel, Erde und Sonne? ?Er lebt!? flüstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy - der alte wotjakische Friedhof. Wenn man im Dorf das Gl?ckchen h?rt, rennen alle hinaus: Panja und Sascha kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude pl?tzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hündchen Griwna beginnt zu winseln. Gro?vater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.
Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen. Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es gar keine Scheu.
?Guten Tag, H?schen! Gib sch?n die Pfote!?
Das H?schen hat ihn schon erkannt und miaut.
Da ist auch schon der Gro?vater: er konnte es nicht l?nger aushalten, hat die Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.
Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergie?t und die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und l?uft zum Flu? baden. Und dann beginnt sein Arbeitstag: er mu? den Dünger hinausfahren. Erst wenn der Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen Kranz aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Gro?vater sagt aber:
?Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!?
?Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Gro?vater!? sagt darauf Atja lachend. Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, wei?en Z?hne, und man m?chte ihn immer lachen sehen.
Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am betreffenden Tage auf dem Abrei?kalender steht. Bauernregeln und Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens arabische M?rchen aus Tausendundeine Nacht. Gro?vater h?rt gern zu.
?Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.?
?Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in Petersburg vernascht, Gro?vater! Ich habe mir für das Geld auch ein Nilpferd angesehen?, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.
Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit flie?t dahin wie der Flu?.
Nun ist auch schon der ?Neunte Freitag? angebrochen. Das Volk str?mt in Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.
Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn im Traume gesehen: er kam wei? gekleidet aus der Speisekammer heraus und sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft, da? sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja a? auch die Portion des Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür: da mu? man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem Angeln beginnen k?nnte!
Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Flu? bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden begleiten und ihm vor dem Einschlafen M?rchen oder sonst etwas erz?hlen; dann schl?ft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg auf den Friedhof hinaustr?gt, l?uft Atja jedesmal hinaus und lauscht dem Trauergel?ute. Der Kirchenw?chter Kostja schaufelt die Gr?ber und l?utet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschl?ge; die ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und unheimlicher; der zehnte dr?hnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm herabstürzten.
Heiliger Gott, Heiliger Starker,
Heiliger Unsterblicher,
Sei uns gn?dig!
Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unm?glich den Küstern anpassen; die Küster sind ja einer ?lter als der andere!
?Mein junger Psalmleser?, sagt Gro?vater anerkennend, ?morgen müssen wir nach Polom zu einem Dankgottesdienst.?
Und Atja begleitet seinen Gro?vater in die D?rfer und Kirchd?rfer, h?lt mit ihm Gottesdienste ab und i?t Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er ?lter wird, so wird er auch Geistlicher sein wie der Gro?vater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das Haar scheren dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm reichen; und er wird es nicht in zwei Z?pfe flechten wie der Gro?vater, sondern in zweiundzwanzig.
Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den gro?en Reisekorb. Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er einen so gro?en Brachsen gefangen, da? keine Pfanne gro? genug war, um ihn zu braten; man k?nnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.
An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es aber im Gartenhaus gar nicht sch?n aus. Aber man kann doch nicht wegen der Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die B?ume und schreit so durchdringend auf, da? nicht nur die Dohlen davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm sich irgendwohin verkriechen m?chten, zum Beispiel in das alte Badehaus. Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der Onkel zu schreien.
?Gro?vater, die Bienen singen!? meldet Atja.
Nun l??t man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Gro?vater, Onkel Arkadi, die Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten, bis die K?nigin ausfliegt. Sobald die K?nigin heraus ist, rennen sie alle wie ein Bienenschwarm über Beete und Str?ucher, springen über Z?une und laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank, nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.
Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der ?Seher? Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele G?ste kommen. Die Patin b?ckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, da? man für ihn alles hingeben m?chte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?
Auf der Dorfstra?e tanzen die Wotjakenm?dchen einen Reigen. Sie stellen sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Abs?tzen im Takte stampfend, zu den eint?nigen Kl?ngen der Balalaika. So geht es lange langsam im Kreise herum; pl?tzlich schwingen sie die Arme, flattern wie V?gel auf und wechseln die Pl?tze. Und dann gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.
Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied. Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen hineinspringen, sich mit den M?dchen im Kreise drehen und, wenn sie aufflattern, um die Pl?tze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschl?ge, und da krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.
?Die Toten geben den Neugeborenen die Seele?, sagt Kusmitsch.
?Wenn man doch einmal zusehen k?nnte, wie sie das machen?, denkt sich Atja.
Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit vielen Jahren beim Gro?vater als eine Art Kirchenw?chter. Atja erfuhr von ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde zusammengetroffen.
Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Polje?. Polje? liebt es, die Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Polje? trieb sich darum ohne Besch?ftigung umher; er ist ganz mager, kaum gr??er als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er hatte furchtbar lange Z?hne, und vor seinen Fü?en lag ein Haufen abgenagter wei?er Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief schnell davon: mit dem ist nicht zu spa?en, der fri?t einen im Nu auf! Und wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und tr?gt auf der Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfü?e: zottig und mit Hufen. Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo a? auch wirklich davon.
Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er wei? aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im Frühjahr das Wasser steigt und die D?mme zerrei?t, wei? Atja sehr gut, was das zu bedeuten hat.
?Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen k?nnte!? tr?umt Atja. ?Die Wasserprinzessin ist so sch?n, und die Meerprinzessin ist noch sch?ner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .?