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Peter Camenzind

Peter Camenzind

Author: : Hermann Hesse
Genre: Literature
Peter Camenzind by Hermann Hesse

Chapter 1 No.1

Im Anfang war der Mythus. Wie der gro?e Gott in den Seelen der Inder, Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in jedes Kindes Seele t?glich wieder.

Wie der See und die Berge und die B?che meiner Heimat hie?en, wu?te ich noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen Lichtern durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die j?hen Berge, und in ihren h?chsten Ritzen die blanken Schneescharten und kleinen, winzigen Wasserf?lle, und an ihrem Fu? die schr?gen, lichten Matten, mit Obstb?umen, Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine arme, kleine Seele so leer und still und wartend lag, schrieben die Geister des Sees und der Berge ihre sch?nen kühnen Taten auf sie. Die starren W?nde und Flühen sprachen trotzig und ehrfürchtig von Zeiten, deren S?hne sie sind und deren Wundmale sie tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde barst und sich bog und aus ihrem gequ?lten Leibe in st?hnender Werdenot Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge dr?ngten sich brüllend und krachend empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten, Zwillingsberge rangen in verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg und den Bruder beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen Zeiten her da und dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel, weggedr?ngte und gespaltene Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der Wassersturz hausgro?e Bl?cke nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie mit m?chtigem Schlage tief in weiche Matten ein.

Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu verstehen, wenn man ihre j?hen W?nde sah, Schicht um Schicht geknickt, verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. ?Wir haben Schauerliches gelitten," sagten sie, ?und wir leiden noch." Aber sie sagten es stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute.

Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie k?mpfen, mit Wasser und Sturm, in den schauerlichen Vorfrühlingsn?chten, wenn der erbitterte F?hn um ihre alten H?upter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren Flanken rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen N?chten, finster, atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die zerspaltenen Wetterw?nde und H?rner entgegen und spannten alle Kraft in trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde lie?en sie das grausige Rollen der Wut und Angst vernehmen, und durch alle fernsten Rüfenen klang gebrochen und zornig ihr schreckliches St?hnen wieder.

Und ich sah Matten und H?nge und erdige Felsritzen mit Gr?sern, Blumen, Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige, ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge, farbig und harmlos an ihren St?tten. Ich befühlte sie, betrachtete sie, roch ihren Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der Anblick der B?ume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen, seine besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten werfen. Sie schienen mir, als Einsiedler und K?mpfer, den Bergen n?her verwandt, denn jeder von ihnen, zumal die h?her am Berge stehenden, hatte seinen stillen, z?hen Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und Gestein. Jeder hatte seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und davon trug jeder seine eigene Gestalt und besondere Wunden. Es gab F?hren, denen der Sturm nur auf einer einzigen Seite ?ste zu haben erlaubte, und solche, deren rote St?mme sich wie Schlangen um überh?ngende Felsen gebogen hatten, soda? Baum und Fels eins das andere an sich drückte und erhielt. Sie sahen mich wie kriegerische M?nner an und erweckten Scheu und Ehrfurcht in meinem Herzen.

Unsere M?nner und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet und wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen gleich B?umen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und sie nicht weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen F?hren.

Unser D?rflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei Bergvorsprünge geklemmten schr?gen Fl?che am See. Ein Weg führt nach dem nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten Nachbarort, die übrigen am See gelegenen D?rfer erreicht man zu Wasser. Unsere H?user sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes Alter, es kommen fast niemals Neubauten vor und die alten H?uslein werden je nach Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal ein Stück am Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher einmal etwa zur Stubenwand geh?rt haben, findet man jetzt als Sparren im Dach und wenn sie auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum Verbrennen sind, so kommen sie das n?chste mal beim Flicken des Stalls oder Heubodens oder als Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. ?hnlich ist es mit den darin Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle mit, tritt dann z?gernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht schlie?lich ins Dunkel unter, ohne da? viel Aufsehens davon gemacht würde. Wer nach jahrelanger Fremde zu uns heimkehrt, findet nichts ver?ndert, als da? ein paar alte D?cher erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber es sind andere Greise da, welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen Namen tragen, dasselbe dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und Gebahren sich von den indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.

Unsrer Gemeinde mangelte eine h?ufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens von au?en her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast alle untereinander aufs engste verschw?gert und reichlich drei Viertel tragen den Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht auf den Kirchhofkreuzen, prangt an den H?usern in ?lfarbe oder in derber Schnitzarbeit und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern und auf den Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand gemalt: ?Dieses Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind," doch ging das nicht meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgro?vater an; und wenn ich auch vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so wei? ich doch, da? wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn anders es bis dorthin noch steht und ein Dach über hat.

Ungeachtet der scheinbaren Eint?nigkeit gab es dennoch in unsrer Bürgerschaft B?se und Gute, Vornehme und Geringe, M?chtige und Niedrige und neben manchen Klugen eine erg?tzliche kleine Sammlung von Narren, die Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der gro?en Welt und da Gro?e und Kleine, Schlaumeier und Narren unl?slich untereinander verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut und bornierter Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so da? unser Leben für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum bot. Nur lag ein ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewu?ter Bedrücktheit darüber. Das Abh?ngigsein von den Naturm?chten und die Kümmerlichkeit eines arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten unsrem ohnehin alternden Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben, der zu den scharfen, schroffen Gesichtern zwar nicht übel pa?te, sonst aber keinerlei Früchte zeitigte, wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war man froh an den paar Narren, welche zwar noch still und ernsthaft genug waren, aber doch einige Farbe und einige Gelegenheit zu Gel?chter und Spott hereinbrachten. Wenn einer von ihnen durch einen neuen Streich von sich reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten über die faltigen, braunen Gesichter der S?hne Nimikons und zur Lust am Spa?e selber kam noch als feine pharis?ische Würze der Genu? der eigenen überlegenheit, welche vor Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen oder Fehltritten sicher zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen Gerechten und Sündern standen und von beiden gern das Annehmliche mitgenossen h?tten, geh?rte auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit seliger Unruhe erfüllt h?tte, und er schwankte alsdann zwischen der teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewu?tsein der eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.

Zu den Narren selbst geh?rte mein Oheim Konrad, ohne da? er deshalb etwa meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben h?tte. Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist umgetrieben, um den die andern ihn ruhig h?tten beneiden dürfen. Aber freilich glückte ihm nichts. Da? er, statt darüber den Kopf h?ngen zu lassen und tatlos tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei ein merkwürdig lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen Unternehmungen hatte, war gewi? ein Vorzug, wurde ihm aber als l?cherliche Sonderbarkeit angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten Hanswürsten der Gemeinde z?hlte. Meines Vaters Verh?ltnis zu ihm war ein dauerndes hin und her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue Projekt seines Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und Aufregung, die er vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und Anspielungen zu verstecken trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges sicher zu sein glaubte und den Gro?artigen zu spielen begann, lie? er sich jedesmal hinrei?en und schlo? sich dem Genialen in spekulierender Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche Mi?erfolg da war, über den der Oheim die Achseln zuckte, w?hrend der Vater im Zorn ihn mit Hohn und Beleidigung übergo? und monatelang keines Blickes und Wortes mehr würdigte.

Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel- und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt und da? unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem windigen Sp?tsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in scheuer Ahnung einer m?glichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch mir zu meiner gro?en Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des B?ckers Fü?li begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf unserem Kiesplatz und in den G?rtchen und wohnte dem unerh?rten Spektakel bei. Seeabw?rts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mu?te der Beck rudern, bis das Boot in die Bise geriet, sein Segel bl?hte und stolz davonjagte. Wir sahen es bewundernd um den n?chsten Bergvorsprung entschwinden und richteten uns darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger zu begrü?en und uns unserer h?hnischen Aftergedanken zu sch?men. Als jedoch in der Nacht das Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer waren mehr tot als lebendig und der B?ckerssohn hustete und meinte: ?Ihr seid um ein Hauptvergnügen gekommen, leichtlich h?tte es auf den Sonntag zwei Leichenschm?use geben k?nnen." Mein Vater mu?te zwei neue Planken in den Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen Fl?che gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas eilig hatte, nach: ?Mu?t Segel nehmen, Konrad!" Mein Vater fra? den ?rger in sich hinein und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah er beiseite und spuckte in gro?en Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher Verachtung. Das dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem feuersicheren Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder unendlichen Spott auf den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler zu stehen kam. Wehe dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern wagte! Lange sp?ter, als einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter einmal so beil?ufig, es w?re doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte Geld noch da w?re. Der Vater wurde dunkelrot bis an den Hals, aber er bezwang sich und sagte nur: ?Ich wollt', ich h?tt' es an einem einzigen Sonntag versoffen."

Am Ende jedes Winters kam der F?hn mit seinem tieft?nigen Gebrause, das der ?lpler mit Zittern und Entsetzen h?rt und nach welchem er in der Fremde mit verzehrendem Heimweh dürstet.

Wenn der F?hn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus M?nner und Weiber, Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird in ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt pl?tzlich hastige, wei?e Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unh?rbar friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich rückt die ganze Landschaft ?ngstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst in entrückter Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen z?hlen und von D?rfern, die sonst nur als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet man jetzt D?cher, Giebel und Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten und H?user, wie eine furchtsame Herde. Und dann beginnt das grollende Sausen, das Zittern im Boden. Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit wie Rauch durch die Luft dahingetrieben, und fortw?hrend, zumal in den N?chten, h?rt man den verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine kleine Zeit sp?ter redet sich dann die Nachricht von verschütteten B?chen, zerschlagenen H?usern, zerbrochenen K?hnen und vermi?ten V?tern und Brüdern durch die D?rfer.

In Kinderzeiten fürchtete ich den F?hn und ha?te ihn sogar. Mit dem Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Emp?rer, den Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so herrlich, wie er voll Leben, überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf begann, stürmend, lachend und st?hnend, wie er heulend durch die Schluchten hetzte, den Schnee von den Bergen fra? und die z?hen alten F?hren mit rauhen H?nden bog und zum Seufzen brachte. Sp?ter vertiefte ich meine Liebe und begrü?te nun im F?hn den sü?en, sch?nen, allzureichen Süden, welchem immer wieder Str?me von Lust, W?rme und Sch?nheit entquellen, um sich an den Bergen zu zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu verbluten. Es gibt nichts Seltsameres und K?stlicheres als das sü?e F?hnfieber, das in der F?hnzeit die Menschen der Bergl?nder und namentlich die Frauen überf?llt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. Das ist der Süden, der sich dem spr?den, ?rmeren Norden immer wieder stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpend?rfern verkündigt, da? jetzt an den nahen, purpurnen Seen Welschlands schon wieder Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.

Alsdann, wenn der F?hn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen zerlaufen sind, dann kommt das Sch?nste. Dann recken sich berghinan auf allen Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die Schneegipfel und Gletscher in ihren H?hen und der See wird blau und warm und spiegelt Sonne und Wolkenzüge wieder.

Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen. Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie nie über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen hat, dem t?nt sie sein Leben lang nach, sü? und stark und furchtbar, und ihrem Bann entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der kann jahrelang Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem alten Herrgott aufr?umen, - wenn er den F?hn wieder einmal spürt oder h?rt eine Laue durch's Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er denkt an Gott und ans Sterben.

An meines Vaters H?uschen grenzte ein umz?unter, winziger Garten. Es gedieh dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, au?erdem hatte die Mutter eine rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei Monatrosenst?cke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden hoffnungslos und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stie? ein noch kleinerer, kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei besch?digte F?sser, einige Bretter und Pf?hle, und unten im Wasser lag unser Weidling angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und geteert wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Ged?chtnis geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem G?rtchen taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war ?lglatt, blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn umdünstet, und auf dem kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und ?lfarbe. Auch nachher duftete der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch nach Teer. So oft ich, viele Jahre sp?ter, irgendwo am Meere den eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem gemischten Duft in die Nase bekam, trat mir sogleich unser Seepl?tzlein vor's Auge, und ich sah wieder den Vater in Hemd?rmeln mit dem Pinsel hantieren, sah die bl?ulichen W?lkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen und die blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen zeigte mein Vater eine ungew?hnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler von sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes auf den Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung, Camenzind m?chte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.

Da? die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gef?rdert oder gest?rt h?tten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide H?nde voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewi? mit nichts auf der Welt so wenig besch?ftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine paar Obstb?ume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffel?ckerlein zu bestellen und nach dem Heu zu sehen. Ungef?hr alle paar Wochen aber nahm er mich abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend mit mir auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich alsdann ein seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel, ohne da? der Vater oder ich selbst genauer gewu?t h?tte wofür. Es waren stille Opfer am Altar der Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits oder Geschrei meinerseits dargebracht, als schuldiger Tribut an eine geheimnisvolle Macht. Immer wenn ich in sp?teren Jahren einmal vom ?blinden Schicksal" reden h?rte, fielen diese mysteri?sen Szenen mir wieder ein und schienen mir eine überaus plastische Darstellung jenes Begriffs zu sein. Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater dabei die schlichte P?dagogik, die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem es uns hie und da aus heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns überlassen bleibt nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die oberen M?chte herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir sich nie oder nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne die wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute mich an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbst?ndiger trat ich den Versuchen meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die unbegreifliche und verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende Gaben vereinigt: eine ungew?hnliche K?rperkraft und eine leider nicht geringere Arbeitsscheu. Der Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn und Mithelfer aus mir zu machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen um die mir auferlegten Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für keinen der antiken Heroen so viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu jenen berühmten, l?stigen Arbeiten gezwungen ward. Einstweilen kannte ich nichts Sch?neres als mich auf Felsen und Matten oder am Wasser mü?igg?ngerisch herumzutreiben.

Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erz?hlten mir und erzogen mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend Menschen und Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem gl?nzenden See und den traurigen F?hren und sonnigen Felsen vorzog, waren die Wolken.

Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das sch?ner ist als Wolken sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, sie sind Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die Seelen von Neugeborenen, sie sind sch?n, reich und spendend wie gute Engel, sie sind dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. Sie schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend wei? mit goldenem Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bl?ulichen Farben. Sie schleichen finster und langsam wie M?rder, sie jagen sausend kopfüber wie rasende Reiter, sie h?ngen traurig und tr?umend in bleichen H?hen wie schwermütige Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die Formen von segnenden Engeln, sie gleichen drohenden H?nden, flatternden Segeln, wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der armen Erde als sch?ne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angeh?rig - Tr?ume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen Himmel schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, Verlangens und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag und sehnend und trotzig h?ngen, so h?ngen zag und sehnend und trotzig die Seelen der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.

O, die Wolken, die sch?nen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes Kind und liebte sie, schaute sie an und wu?te nicht, da? auch ich als eine Wolke durch's Leben gehen würde - wandernd, überall fremd, schwebend zwischen Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe Freundinnen und Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so nicken wir einander zu, grü?en uns und verweilen einen Augenblick Aug' in Auge. Auch verga? ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen, ihre Farben, ihre Züge, ihre Spiele, Reigen, T?nze und Rasten, und ihre seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.

Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger H?he kommend, und sucht sich einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus. Neidisch sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich gierend am Berg empor und überf?llt sie pl?tzlich wütend und tosend. Sie wirft der sch?nen Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen, h?hnt sie, krakehlt sie an, m?chte sie verjagen. Eine Weile ist die Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und manchmal steigt sie kopfschüttelnd, leise und h?hnisch wieder in ihre H?he zurück. Manchmal aber sammelt sie pl?tzlich ihre ge?ngsteten Freundinnen um sich her, enthüllt ihr blendend fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit kühler Hand zurück. Er zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren Sitz weitum in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen Mulden und Kuppel klar und gl?nzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.

In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der Sch?nheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes Geheimnis bewegte.

Bald kam auch die Zeit, da? ich mich den Wolken n?hern, zwischen sie treten und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr alt, als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fu? unser D?rflein Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken und die Sch?nheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und Schneewasser, grüngl?serne Gletscher, scheu?liche Mur?nen, und über allem wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen H?hen eng umdr?ngt war, dann vergi?t er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein gro?er, breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag. Schon beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten Schroffen und Felsw?nde so überw?ltigend gro? zu finden. Und nun sah ich, vom Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel pl?tzlich die ungeheure Weite auf mich herein dringen. So fabelhaft gro? war also die Welt! Unser ganzes Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller Fleck. Gipfel, die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele Stunden weit auseinander.

Da fing ich an zu ahnen, da? ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und da? da drau?en Berge stehen und fallen und gro?e Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht die leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewu?tem Streben m?chtig jener gro?en Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die Sch?nheit und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für endlose Fernen sie wanderten.

Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude. Ich aber, nachdem ich mit dem ersten gro?en Staunen fertig war, brüllte vor Lust und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war mein erstes, unartikuliertes Lied an die Sch?nheit. Ich war auf einen dr?hnenden Widerhall gefa?t, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen H?hen spurlos wie ein schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr besch?mt und hielt mich still.

Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam ein Ereignis um das andere. Zun?chst nahm man mich des ?fteren auf Bergfahrten mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar beklommener Wollust in die gro?en Geheimnisse der H?hen ein. Darauf ward ich zum Gaishirten ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gew?hnlich meine Tiere trieb, gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem Enzian und hellrotem Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in der Welt. Das Dorf war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über Felsen weg ein schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die Blumen in lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf den spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Gel?ut der Ziegenglocken t?nte ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der W?rme, staunte den wei?en W?lklein nach und jodelte halblaut vor mich hin, bis die Gaisen meine Tr?gheit bemerkten und sich allerlei verbotene Streiche und Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den ersten Wochen einen herben Ri? in meine Ph?akenherrlichkeit, als ich mit einer verlaufenen Gais zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot und mir tat der Sch?del weh, au?erdem ward ich j?mmerlich geprügelt, lief meinen Alten davon und ward unter Beschw?rungen und Wehklagen wieder eingebracht.

Leichtlich h?tten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein k?nnen. Dann w?re dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit ungeschehen geblieben. Ich h?tte vermutlich irgend eine Base geheiratet oder l?ge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es w?re auch nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das Geschehene mit Ungeschehenem zu vergleichen.

Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsd?rfer Kloster. Nun war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich indessen nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit und ging auf eigene Faust in den Berg.

N?chste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und wartet auf denjenigen, der den sch?nen Brief geschrieben hat. Mir ward etwas b?nglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, da? er mich bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in Gunst und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, da? ich lernen und sp?ter studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der Vater lie? sich überzeugen, und so geh?rte nun auch meine Zukunft zu den gef?hrlichen Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem Segelschiff und den vielen ?hnlichen Phantastereien.

Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spa? und ich dachte nicht daran, da? das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und sch?ne Jahre kosten k?nne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein Vater h?tte mich zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres vorw?rts und rückw?rts auswendig gekonnt h?tte. Aber der kluge Mann hatte mir auf den Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und Kardinaluntugend meine unbesiegbare Tr?gheit hauste. Ich entrann, wo es nur gehen wollte, der Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach oder lag seitw?rts versteckt an der Halde, las, tr?umte und faulenzte. In dieser Erkenntnis gab er mich schlie?lich weg.

Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die Mutter war ehedem sch?n gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war gro?, überaus kr?ftig, flei?ig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und an K?rperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause, sondern lie? das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgro?, hatte dünne und fast zarte Glieder und einen hartn?ckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht, das von heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten war. Dazu kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so oft er die Brauen bewegte, und gab ihm ein gr?mlich leidendes Aussehen; es schien dann, als versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und sei selber ohne Hoffnung je darauf zu kommen. Man h?tte eine gewisse Melancholie an ihm wahrnehmen k?nnen, aber niemand achtete darauf, denn die Bewohner unsrer Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe des Gemüts befangen, dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das mühselige Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.

Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine ?ngstlichkeit vor festen Entschlie?ungen, die Unf?higkeit mit Geld zu wirtschaften und die Kunst viel und mit überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir in jenem zarten Alter noch nicht. ?u?erlich hab ich vom Vater die Augen und den Mund, von der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und K?rperbau und die z?he Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich ins Leben zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und den Hang zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange au?erhalb der Heimat bei Fremden herumzuschlagen, w?re es schon besser gewesen, statt dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn mitzubringen.

So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bew?hrt, denn ich ging und stand in der Welt seither auf eigenen Fü?en. Dennoch mu? irgend etwas gefehlt haben, das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte. Denn ich kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden marschieren oder rudern und n?tigenfalls einen Mann freih?ndig erschlagen, zum Lebenskünstler aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe einseitige Umgang mit der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig soziale F?higkeiten in mir aufkommen lassen und noch jetzt sind meine Tr?ume ein merkwürdiger Beweis dafür, wie sehr ich leider einem rein animalischen Leben zuneige. Ich tr?ume n?mlich sehr oft, ich liege am Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und empfinde dabei ein so gewaltiges Wohlbehagen, da? ich beim Erwachen den Wiederbesitz meiner Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz, sondern lediglich mit Bedauern wahrnehme.

Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand wei?, warum. Es gibt kein unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.

Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftstr?ume, Stunden voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier meine angeborene Tr?gheit hervor, trug mir allerlei ?rger und Strafen ein und wich dann irgend einem neuen Enthusiasmus.

?Peter Camenzind," sprach mein Griechischlehrer, ?du bist ein Trotzkopf und Einsp?nner und wirst dir noch einmal den harten Sch?del einrennen." Ich betrachtete den feisten Brillentr?ger, h?rte seine Rede an und fand ihn komisch.

?Peter Camenzind," sprach der Mathematiklehrer, ?du bist ein Genie im Faullenzen und ich bedaure, da? es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null. Ich sch?tze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb." Ich sah ihn an, bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.

?Peter Camenzind," sagte einmal der Geschichtsprofessor, ?du bist kein guter Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden. Du bist faul, aber du wei?t Gro?es und Kleines zu unterscheiden."

Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorw?rts und hatte meinen Platz über der Mitte. Da? die Schule und die Schulwissenschaft ein unzul?ngliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf sp?ter. Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die K?mpfe der V?lker und die bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.

Noch st?rker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte gern einen Freund haben.

Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre ?lter als ich, namens Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und dazusein, trug den Kopf m?nnlich fest und ernst und sprach nicht viel mit seinen Kameraden. An ihm blickte ich monatelang mit gro?er Verehrung empor, hielt mich auf der Stra?e hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm bemerkt zu werden. Ich war auf jeden Spie?bürger eifersüchtig, den er grü?te, und auf jedes Haus, in das ich ihn eintreten oder aus dem ich ihn kommen sah. Aber ich war zwei Klassen hinter ihm zurück und er fühlte sich vermutlich der seinigen schon überlegen. Es ist nie ein Wort zwischen uns gewechselt worden. Statt seiner schlo? sich ohne mein Zutun ein kleiner, kr?nklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich, schüchtern und unbegabt, hatte aber sch?ne, leidende Augen und Gesichtszüge. Weil er schw?chlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse viel Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen Beschützer. Bald ward er so krank, da? er die Schule nicht mehr besuchen konnte. Er fehlte mir nicht und ich verga? ihn rasch.

Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler, Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig g?nnerhaft gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn in seinem Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die griechischen Aufgaben und lie? mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir manchmal miteinander spazieren und müssen dann wie B?r und Wiesel ausgesehen haben. Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie Verlegene, und ich h?rte zu, lachte und war froh einen so burschikosen Freund zu haben.

Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun rief er: ?Ratet wer das ist!" und begann laut ein paar Homerverse zu lesen. Dabei kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein ?ngstliches Lesen, meine oberl?ndisch rauhe Aussprache, und auch meine st?ndige Geberde der Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schlie?en des linken Auges. Es sah sich sehr komisch an und war so witzig und lieblos als m?glich gemacht.

Als er das Buch schlo? und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte meine ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige pr?gnant zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer bemerkte das Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen Freundes, welcher obendrein sein Liebling war.

?Wer hat dich so zugerichtet?"

?Der Camenzind."

?Camenzind vortreten! Ist das wahr?"

?Jawohl."

?Warum hast du ihn geschlagen?"

Keine Antwort.

?Hast du keinen Grund dazu gehabt?"

?Nein."

Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge heraus so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.

?Sch?mst du dich nicht? Was soll das hei?en?"

?Das soll hei?en, da? der dort ein gemeiner Kerl ist und da? ich ihn verachte. Und ein Feigling ist er auch noch."

So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger und ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen müssen. Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither sich einige mal ver?ndert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.

Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war sch?n und ich bin stolz darauf, da? ich mein Leben lang immer nur in sehr sch?ne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt, erz?hle ich ein andermal. Sie hie? R?si Girtanner und ist heute noch der Liebe ganz anderer M?nner, als ich bin, würdig.

Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich lie? mich mit meinen Kameraden in tolle Raufh?ndel ein, fühlte mich stolz als besten Ringer, Ballschl?ger, Wettl?ufer und Ruderer, und war nebenher best?ndig schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es war einfach die sü?e Schwermut des Vorfrühlings, die mich st?rker als andere anfa?te, so da? ich Freude an traurigen Vorstellungen, an Todesgedanken und an pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch der Kamerad, der mir Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu lesen gab. Es war eigentlich kein Lesen mehr, - ich go? in die leeren Verse mein volles Herz, ich litt mit, dichtete mit und geriet in ein lyrisches Schw?rmen hinein, das mir vermutlich zu Gesichte stand wie dem Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller ?sch?nen Literatur" keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann Goethe und Shakespeare, und pl?tzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu einer gro?en Gottheit geworden.

Mit sü?em Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft eines Lebens entgegen str?men, das nie auf Erden gewesen und doch wahrhaftig war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen und seine Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der Dachbodenkammer, wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und das trockene Klappern der daneben nistenden St?rche drang, gingen die Menschen Goethes und Shakespeares bei mir ein und aus. Das G?ttliche und L?cherliche alles Menschenwesens ging mir auf: das R?tsel unseres zwiesp?ltigen, unb?ndigen Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte und das m?chtige Wunder des Geistes, der unsre kurzen Tage verkl?rt und durch die Kraft des Erkennens unser kleines Dasein in den Kreis des Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den Kopf durch die schmale Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf D?cher und schmale Gassen scheinen, h?rte verwundert die kleinen Ger?usche der Arbeit und Allt?glichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und Geheimnisvolle meines von gro?en Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein sonderbar sch?nes M?rchen mich umgeben. Und allm?hlich, je mehr ich las und je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf D?cher, Gassen und Alltag ergriff, tauchte des ?fteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte auf mich, da? ich einen Teil ihrer Sch?tze h?be, den Schleier des Zuf?lligen und Gemeinen davon l?se und das Entdeckte durch Dichterkraft dem Untergang entrei?e und verewige.

Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allm?hlich einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erz?hlungen an. Sie sind untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die notwendige erste, gro?e Entt?uschung ein. Ich hatte schon begonnen mit meinen Erstlingsgedichten aufzur?umen und meine Schreiberei überhaupt mit Mi?trauen zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar B?nde Gottfried Keller in die H?nde fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal hintereinander las. Da sah ich in pl?tzlicher Erkenntnis, wie fern meine unreifen Tr?umereien der echten, herben, wahrhaftigen Kunst gewesen waren, verbrannte meine Gedichte und Novellen und blickte nüchtern und traurig mit peinlichen Katzenjammergefühlen in die Welt.

Chapter 2 No.2

Um von der Liebe zu reden, - darin bin ich zeitlebens ein Knabe geblieben. Für mich ist die Liebe zu Frauen immer ein reinigendes Anbeten gewesen, eine steile Flamme meiner Trübe entlodert, Beterh?nde zu blauen Himmeln emporgestreckt. Von der Mutter her und auch aus eigenem, undeutlichem Gefühl verehrte ich die Frauen insgesamt als ein fremdes, sch?nes und r?tselhaftes Geschlecht, das uns durch eine angeborene Sch?nheit und Einheitlichkeit des Wesens überlegen ist und das wir heilig halten müssen, weil es gleich Sternen und blauen Bergh?hen uns ferne ist und Gott n?her zu sein scheint.

Da das rauhe Leben seinen reichlichen Senf dazu gab, hat die Frauenliebe mir soviel Bitteres als Sü?es eingebracht; zwar blieben die Frauen auf dem hohen Sockel stehen, mir aber verwandelte sich die feierliche Rolle des anbetenden Priesters allzuleicht in die peinlich-komische des genarrten Narren.

R?si Girtanner begegnete mir fast jeden Tag, wenn ich zu Tische ging. Eine Jungfer von siebzehn Jahren, fest und biegsam gewachsen. Aus dem schmalen, br?unlich frischen Gesicht sprach die stille beseelte Sch?nheit, welche ihre Mutter zur Stunde noch besa? und welche vor ihr Ahne und Urahne gehabt hatte. Aus diesem alten, vornehmen und gesegneten Haus war von Geschlecht zu Geschlecht eine gro?e, schmucke Reihe von Frauen ausgegangen, jede still und vornehm, jede frisch, adlig und von fehlerloser Sch?nheit. Es gibt von einem unbekannten Meister ein M?dchenbildnis aus der Familie der Fugger, im sechzehnten Jahrhundert gemalt und eines der k?stlichsten Bilder, die meine Augen gesehen haben. So ?hnlich waren die Girtannerschen Frauen und so war auch R?si.

Das alles wu?te ich damals freilich nicht. Ich sah sie nur in ihrer stillen, heiteren Würde schreiten und fühlte das Adelige ihres schlichten Wesens. Dann sa? ich Abends nachsinnend in der D?mmerung, bis es mir gelang, ihre Erscheinung mir klar und gegenw?rtig vorzustellen, und dann lief ein sü?es heimliches Grausen über meine knabenhafte Seele. In B?lde kam es aber, da? diese Augenblicke der Lust sich trübten und mir bittere Schmerzen machten. Ich empfand pl?tzlich, wie fremd sie mir sei, mich nicht kenne noch mir nachfrage, und da? mein sch?nes Traumbild ein Diebstahl an ihrem seligen Wesen sei. Und eben wenn ich das so scharf und peinigend fühlte, sah ich ihr Bild immer für Augenblicke so wahr und atmend lebendig vor Augen, da? eine dunkle, warme Woge mein Herz überflutete und mir bis in die fernsten Pulse seltsam wehe tat.

Bei Tage geschah es mitten in einer Lehrstunde oder mitten in einem heftigen Raufen, da? die Woge wiederkam. Dann schlo? ich die Augen, lie? die H?nde sinken und fühlte mich in einen lauen Abgrund gleiten, bis mich der Aufruf des Lehrers oder der Faustschlag eines Kameraden erweckte. Ich entzog mich, lief ins Freie und staunte mit wunderlicher Tr?umerei in die Welt. Nun sah ich pl?tzlich, wie sch?n und farbig alles war, wie Licht und Atem durch alle Dinge flo?, wie klargrün der Flu? und wie rot die D?cher und wie blau die Berge waren. Diese mich umgebende Sch?nheit zerstreute mich aber nicht, sondern ich geno? sie still und traurig. Je sch?ner alles war, desto fremder schien es mir, der ich keinen Teil daran hatte und au?erhalb stand. Darüber fanden meine dumpfen Gedanken den Weg zu R?si zurück: Wenn ich in dieser Stunde stürbe, sie würde es nicht wissen, nicht danach fragen, nicht darüber betrübt sein!

Dennoch verlangte mich nicht danach von ihr bemerkt zu werden. Ich h?tte gern etwas Unerh?rtes für sie getan oder ihr geschenkt, ohne da? sie gewu?t h?tte von wem es kam.

Und ich tat auch vieles für sie. Es kam eben eine kurze Ferienzeit und ich ward nach Hause geschickt. Dort leistete ich t?glich allerlei Kraftstücke, alles in meiner Meinung R?si zu Ehren. Einen schwierigen Gipfel erstieg ich von der steilsten Seite. Auf dem See machte ich übertriebene Fahrten im Weidling, gro?e Entfernungen in knapper Zeit. Nach einer solchen Fahrt, da ich ausgebrannt und verhungert zurück kam, fiel mir ein, bis zum Abend ohne Speise und Trank zu bleiben. Alles für R?si Girtanner. Ich trug ihren Namen und Lobpreis auf entlegene Grate und in nie besuchte Klüfte.

Zugleich bü?te dabei meine in der Schulstube verhockte Jugend ihre Lust. Die Schultern gingen mir m?chtig auseinander, Gesicht und Nacken ward braun und überall dehnten sich und schwollen die Muskeln.

Am vorletzten Ferientag brachte ich meiner Liebe ein mühseliges Blumenopfer. Zwar wu?te ich an mehreren verlockenden H?ngen auf schmalen Erdb?ndern Edelwei? stehen, aber diese duft- und farblose, krankhafte Silberblüte war mit stets seelenlos und wenig sch?n erschienen. Dafür kannte ich ein paar vereinsamte Alpenrosenbüsche, in die Furche einer kühnen Fluh verweht, sp?tblühend und verlockend schwer zu erreichen. Nun, es mu?te gehen. Und da denn der Jugend und Liebe nichts unm?glich ist, gelangte ich mit zerschundenen H?nden und krampfigen Schenkeln schlie?lich zum Ziel. Juchezen konnte ich in meiner bangen Lage nicht, aber das Herz jodelte und l?rmte mir vor Lust, als ich vorsichtig die z?hen Zweige durchschnitt und die Beute in den H?nden hielt. Zurück mu?te ich, die Blumen im Mund, rücklings klettern und Gott allein wei?, wie ich frecher Knabe heil den Fu? der Wand erreichte. Am ganzen Berg war die Blüte der Alpenrosen lang vorüber, ich hatte die letzten Zweige des Jahres knospend und zarterblühend in der Hand.

Andern Tags hielt ich die Blumen w?hrend der ganzen fünfstündigen Reise in den H?nden. Anfangs schlug das Herz mir m?chtig der Stadt der sch?nen R?si entgegen; je ferner aber das Hochgebirge ward, desto st?rker zog die eingeborene Liebe mich zurück. Ich erinnere mich so gut an jene Eisenbahnfahrt! Der Sennalpstock war schon lange unsichtbar, nun sanken aber auch die zackigen Vorberge einer um den andern hinab und jeder l?ste sich mit feinem Wehgefühl von meinem Herzen. Nun waren alle heimischen Berge versunken und eine breite, niedere, hellgrüne Landschaft dr?ngte sich hervor. Das hatte mich bei meiner ersten Reise gar nicht berührt. Diesmal aber ergriff mich Unruhe, Angst und Trauer, als w?re ich verurteilt weiter in immer flachere L?nder hinein zu fahren und die Berge und das Bürgerrecht der Heimat unwiderbringlich zu verlieren. Zugleich sah ich immer das sch?ne, schmale Gesicht der R?si vor mir stehen, so fein und fremd und kühl und meiner unbekümmert, da? mir Erbitterung und Schmerz den Atem verhielt. Vor den Fenstern glitten hintereinander die frohen, sauberen Ortschaften mit schlanken Türmen und wei?en Giebeln vorüber und Menschen stiegen aus und ein, redeten, grü?ten, lachten, rauchten und machten Witze, - lauter fr?hliche Unterl?nder, gewandte, freimütige und polierte Leute, und ich schwerer Bursch vom Oberland sa? stumm und traurig und verbissen damitten. Ich fühlte, da? ich nicht mehr heimisch war. Ich empfand, da? ich den Bergen für immer entrissen war und doch nie werden würde wie ein Unterl?nder, nie so froh, so gewandt, so glatt und sicher. So einer wie diese würde sich immer über mich lustig machen, so einer würde die Girtanner einmal heiraten und so einer würde mir immer im Weg und um einen Schritt voraus sein.

Solche Gedanken brachte ich mit zur Stadt. Dort stieg ich nach der ersten Begrü?ung auf den Dachboden, ?ffnete meine Kiste und entnahm ihr einen gro?en Bogen Papier. Es war nicht vom feinsten und als ich meine Alpenrosen darein gewickelt und das Paket mit einem extra von Hause mitgebrachten Bindfaden verschnürt hatte, sah es gar nicht wie eine Liebesgabe aus. Ernsthaft trug ich es in die Stra?e, wo der Advokat Girtanner wohnte, und im ersten günstigen Augenblick trat ich durchs offene Tor, sah mich in der abendlich halblichten Hausflur ein wenig um und legte mein unf?rmliches Bündel auf der breiten, herrschaftlichen Treppe ab.

Niemand sah mich und ich erfuhr nie, ob R?si meinen Gru? zu sehen bekommen habe. Aber ich war an Flühen geklettert und hatte mein Leben gewagt, um einen Zweig Rosen auf die Treppe ihres Hauses zu legen, und darin lag etwas Sü?es, Traurigfrohes, Poetisches, das mir wohltat und das ich noch heut empfinde. Nur in gottlosen Stunden scheint es mir zuweilen, als sei jenes Rosenabenteuer so gut wie alle meine sp?teren Liebesgeschichten eine Donquichotterie gewesen.

Diese meine erste Liebe fand nie einen Abschlu?, sondern verklang fragend und unerl?st in meine Jugendjahre und lief neben meinen sp?teren Verliebtheiten wie eine stille ?ltere Schwester mit. Immer noch kann ich mir nichts nobleres, reineres und sch?neres vorstellen als jene junge, wohlgeborene und stillblickende Patrizierin. Und als ich manche Jahre sp?ter auf einer historischen Ausstellung in München jenes namenlose, r?tselhaft liebliche Bildnis der Fuggertochter sah, erschien mir, es stehe meine ganze schw?rmerische, traurige Jugend vor mir und schaue mich aus unergründlichen Augen tief und verloren an.

Indessen h?utete ich mich langsam und bed?chtig und ward allm?hlich vollends zum Jüngling. Meine damals angefertigte Photographie zeigt einen knochigen, hochgewachsenen Bauernbuben in schlechten Schülerkleidern, mit etwas matten Augen und unfertigen, lümmelhaften Gliedma?en. Nur der Kopf hat etwas Frühfertiges und Festes. Mit einer Art von Erstaunen sah ich mich die Manieren der Knabenzeit ablegen und erwartete mit dunkler Vorfreude die Studentenzeit.

Ich sollte in Zürich studieren und für den Fall besonderer Leistungen hatten meine G?nner die M?glichkeit einer Studienreise erw?hnt. All das erschien mir wie ein sch?nes, klassisches Bild: Eine ernst freundliche Laube mit den Büsten Homers und Platos, ich darin sitzend über Folianten gebückt, und auf allen Seiten ein weiter, klarer Blick auf Stadt, See, Berge und sch?ne Fernen. Mein Wesen war nüchterner und doch schwungvoller geworden und ich freute mich des zukünftigen Glückes mit der festen Zuversicht seiner würdig befunden zu werden.

Im letzten Schuljahr fesselte mich das Studium des Italienischen und die erste Bekanntschaft mit den alten Novellisten, deren gründlicheres Kennenlernen ich mir als erste Liebhaberarbeit für die Zürcher Semester vorbehielt. Dann kam der Tag, da ich meinen Lehrern und dem Hausvater Adieu sagte, meine kleine Kiste packte und vernagelte und mit wohliger Wehmut abschiednehmend um das Haus der R?si strich.

Die Ferienzeit, die nun folgte, gab mir einen bitteren Vorschmack vom Leben und zerri? mir die sch?nen Traumflügel schnell und rauh. Zun?chst fand ich die Mutter krank. Sie lag zu Bett, redete fast gar nichts und machte auch von meinem Kommen kein Aufhebens. Wehleidig war ich nicht, aber es schmerzte mich doch, meiner Freude und meinem jungen Stolz gar kein Echo zu finden. Alsdann erkl?rte mir mein Vater, da? er zwar nichts dagegen habe, wenn ich nun studieren wolle, da? er aber nicht verm?ge mir Geld dazu zu geben. Wenn das kleine Stipendium nicht reiche, müsse ich eben sehen mir das N?tige zu verdienen. In meinem Alter habe er schon l?ngst eigenes Brot gegessen u. s. w.

Auch mit Wandern, Rudern und Bergsteigen war es diesmal nicht viel, denn ich mu?te in Haus und Feld mitarbeiten und an den freien halben Tagen hatte ich zu nichts Lust, nicht einmal zum Lesen. Es emp?rte und ermüdete mich zu sehen, wie das gemeine t?gliche Leben breitm?ulig sein Recht forderte und alles fra?, was ich von überflu? und übermut mitgebracht hatte. übrigens war mein Vater, als er die Geldfrage einmal vom Herzen hatte, nach seiner Art zwar rauh und kurz, aber nicht unfreundlich gegen mich, doch hatte ich keine Freude daran. Auch da? meine Schulbildung und meine Bücher ihm einen stillen, halbver?chtlichen Respekt einfl??ten, st?rte mich und tat mir leid. Und dann dachte ich auch oft an R?si und hatte wieder das b?se, rechthaberische Gefühl meines bauernhaften Unverm?gens, je in der ?Welt" einen sicheren und beweglichen Mann abzugeben. Ich besann mich sogar tagelang, ob es nicht besser sei dazubleiben und mein Latein und meine Hoffnungen im z?hen, trüben Zwang des armseligen heimischen Lebens zu vergessen. Gequ?lt und verdrossen ging ich umher und fand auch am Bett der kranken Mutter nicht Trost noch Ruhe. Das Bild jener Traumlaube mit der Homerbüste erschien h?hnisch wieder und ich zerst?rte es und go? allen Grimm und alle Feindseligkeit meines zerplagten Wesens darüber. Die Wochen wurden unausstehlich lang, als sollte ich an diese hoffnungslose Zeit des ?rgers und Zwiespalts meine ganze Jugend verlieren.

War ich erstaunt und emp?rt gewesen, das Leben meine glückliche Tr?umerei so rasch und gründlich zerst?ren zu sehen, so kam ich nun in die Lage zu erstaunen, wie pl?tzlich und m?chtig auch der jetzigen Qu?lerei ein überwinder erwuchs. Das Leben hatte mir seine graue Werktagsseite gezeigt, nun trat es pl?tzlich mit seinen ewigen Tiefen vor mein befangenes Auge und belud meine Jugend mit einer schlichten, m?chtigen Erfahrung.

Früh am Morgen eines hei?en Sommertags litt ich im Bette Durst und stand auf, um in die Küche zu gehen, wo stets eine Kufe frischen Wassers stand. Dabei mu?te ich durchs Schlafzimmer der Eltern gehen, wo mir das sonderbare St?hnen der Mutter auffiel. Ich trat an ihr Bett, doch sah sie mich nicht und gab keine Antwort, sondern st?hnte trocken und angstvoll vor sich hin, zuckte mit den Lidern und war bl?ulich bla? im Gesicht. Dies erschreckte mich nicht sonderlich, obwohl mir etwas ?ngstlich wurde. Aber dann sah ich ihre beiden H?nde auf den Laken liegen, still und wie schlafende Geschwister. An diesen H?nden sah ich, da? meine Mutter im Sterben lag, denn sie waren schon so seltsam todmüde und willenlos, wie sie kein Lebender hat. Ich verga? meinen Durst, kniete neben dem Lager nieder, legte der Kranken die Hand auf die Stirn und suchte ihren Blick. Da er mich traf, war er gut und ohne Qual, aber nahe am Erl?schen. Es fiel mir nicht ein, da? ich den Vater wecken müsse, der nebenan mit hartem Atmen schlief. So kniete ich denn nahezu zwei Stunden und sah meine Mutter den Tod erleiden. Sie litt ihn stille, ernst und tapfer, wie es ihrer Art zukam, und hat mir ein gutes Vorbild gegeben.

Das Stüblein war stille und füllte sich langsam mit der Helle des heraufsteigenden Morgens; Haus und Dorf lag schlafend und ich hatte Mu?e, in Gedanken die Seele eines Sterbenden zu begleiten, über Haus und Dorf und See und Schneegipfel hinweg in die kühle Freiheit eines reinen Frühmorgenhimmels hinein. Schmerz fühlte ich wenig, denn ich war voll Staunen und Ehrfurcht zusehen zu dürfen, wie ein gro?es R?tsel sich l?ste und wie der Ring eines Lebens sich mit leisem Erzittern schlo?. Auch war die klaglose Tapferkeit der Scheidenden so erhaben, da? von ihrer herben Glorie ein kühlend klarer Strahl auch in meine Seele fiel. Da? der Vater daneben schlief, da? kein Priester da war, da? weder Sakrament noch Gebet die heimkehrende Seele heiligend begleitete, empfand ich nicht. Ich spürte nur einen schauernden Hauch der Ewigkeit durch die d?mmernde Stube fluten und sich mit meinem Wesen vermischen.

Im letzten Augenblick, die Augen waren schon erloschen, kü?te ich zum ersten mal in meinem Leben meiner Mutter kühlen, welken Mund. Dann überlief die fremde Kühle der Berührung mich mit pl?tzlichem Grausen, ich setzte mich auf den Rand des Bettes und fühlte, da? mir langsam und z?gernd eine gro?e Tr?ne um die andere über Wangen, Kinn und H?nde lief.

Bald darauf erwachte der Vater, sah mich dasitzen und rief mich schlaftrunken an, was es g?be. Ich wollte ihm Antwort geben, konnte aber nichts sagen, sondern ging aus der Stube, kam wie im Traum in meine Kammer und zog langsam und unbewu?t meine Kleider an. Bald erschien der Alte bei mir.

?Die Mutter ist tot," sagte er. ?Hast du's gewu?t?"

Ich nickte.

?Warum hast du mich schlafen lassen? Und kein Priester ist dagewesen! Dich soll doch -" er tat einen schweren Fluch.

Da tat irgend etwas in meinem Kopf mir weh, wie wenn eine Ader gesprungen w?re. Ich trat auf ihn zu und nahm ihn fest bei beiden H?nden - er war an St?rke ein Knabe gegen mich, und sah ihm ins Gesicht. Sagen konnte ich nichts, aber er ward still und beklommen und als wir darauf beide zur Mutter hinüber gingen, ergriff auch ihn die Gewalt des Todes und machte sein Gesicht fremd und feierlich. Dann bückte er sich über die Tote und begann ganz leise und kindlich zu klagen, fast wie ein Vogel, in hohen schwachen T?nen. Ich ging weg und brachte den Nachbarn die Nachricht. Sie h?rten mich an, stellten keine Fragen, sondern gaben mir die Hand und boten unsrem verwaisten Haushalt ihre Hilfe an. Einer lief den Weg ins Kloster, um einen Pater zu holen, und da ich heimkehrte, war schon eine Nachbarin in unsrem Stall und versorgte die Kuh.

Der Hochwürdige kam, und fast alle Frauen des Orts kamen, alles geschah pünktlich und richtig wie von selber, sogar der Sarg ward ohne unser Zutun besorgt und ich konnte zum erstenmal deutlich sehen, wie gut es in schweren Lagen ist, heimisch zu sein und einer kleinen, sicheren Gemeinschaft anzugeh?ren. Am andern Tage h?tte ich mir das vielleicht noch tiefer überlegen sollen

Als n?mlich der Sarg gesegnet und versenkt und die wunderliche Schar wehmütig altmodischer, borstiger Cylinderhüte verschwunden war, auch der meines Alten, jeder in seine Schachtel und seinen Schrank, da wandelte meinen armen Vater eine Schw?che an. Er begann pl?tzlich sich selbst zu bemitleiden und hielt mir in sonderbaren, gro?enteils biblischen Redewendungen sein Elend vor, da? er nun, da sein Weib begraben sei, auch noch seinen Sohn verlieren und in die Fremde fahren sehen müsse. Es nahm kein Ende, ich h?rte erschrocken zu und war beinahe bereit, ihm das Dableiben zu versprechen.

In diesem Augenblick, ich hatte schon zur Antwort angesetzt, geschah mir etwas Merkwürdiges. Es erschien mir pl?tzlich, in einer einzigen Sekunde, alles das, was ich von klein auf gedacht und erwünscht und sehnlich erhofft hatte, zusammengedr?ngt vor einem pl?tzlich aufgetanen innerlichen Auge. Ich sah gro?e, sch?ne Arbeiten auf mich warten, zu lesende Bücher und zu schreibende Bücher. Ich h?rte den F?hn gehen und sah ferne, selige Seeen und Ufer in südlichen Farben ergl?nzend liegen. Ich sah Menschen mit klugen, geistigen Gesichtern wandeln und sch?ne, feine Frauen, sah Stra?en laufen und P?sse über Alpen führen und Eisenbahnen durch L?nder hasten, alles zugleich und jedes doch für sich und deutlich, und hinter allem die unbegrenzte Ferne eines klaren Horizontes, von treibenden Flugwolken durchschnitten. Lernen, schaffen, schauen, wandern - die ganze Fülle des Lebens gl?nzte in flüchtigem Silberblick vor meinem Auge auf, und wieder wie in Knabenzeiten zitterte etwas in mir mit unbewu?t m?chtigem Zwang der gro?en Weite der Welt entgegen.

Ich schwieg und lie? den Vater reden, schüttelte nur den Kopf und wartete, bis sein Ungestüm ermüdete. Das geschah erst am Abend. Nun erkl?rte ich ihm meinen festen Entschlu? zu studieren und meine künftige Heimat im Reich des Geistes zu suchen, von ihm aber keine Unterstützungen zu begehren. Er drang denn auch nicht weiter in mich und sah mich nur wehleidig und kopfschüttelnd an. Denn auch er begriff, da? ich von jetzt an eigene Wege gehen und seinem Leben schnell vollends fremd werden würde. Als ich heute beim Schreiben mich des Tages erinnerte, sah ich meinen Vater wieder so wie er an jenem Abend im Stuhl beim Fenster sa?. Sein scharfer, kluger Bauernkopf steht unbeweglich auf dem dünnen Hals, das kurze Haar beginnt zu grauen und in den harten, strengen Zügen k?mpft mit der z?hen M?nnlichkeit das Leid und das hereinbrechende Alter.

Von ihm und von meinem damaligen Aufenthalt unter seinem Dach bleibt mir noch ein kleines, nicht unwichtiges Ereignis zu erz?hlen. In der letzten Woche vor meiner Abreise setzte eines Abends mein Vater seine Mütze auf und nahm den Türgriff in die Hand. ?Wo gehst du hin?" fragte ich. ?Geht's dich was an?" sagte er. ?K?nntest mir's auch sagen, wenn's nichts Unrechtes ist," meinte ich. Da lachte er und rief: ?Kannst auch mitkommen, bist ja keiner von den Kleinsten mehr." So ging ich denn mit. Ins Wirtshaus. Ein paar Bauern sa?en da vor einem Krug Hallauer, zwei fremde Fuhrleute tranken Absinth, ein Tisch voll junger Burschen spielte Ja? und spektakelte m?chtig.

Ich war gewohnt zuweilen ein Glas Wein zu trinken, doch war es nun zum ersten Mal da? ich ohne Not ein Schankhaus betrat. Da? mein Vater ein gediegener Zecher sei, wu?te ich vom H?rensagen. Er trank viel und gut und dadurch blieb sein Hauswesen, ohne da? er es sonst ernstlich vernachl?ssigt h?tte, immer in einer hoffnungslosen Kümmerlichkeit stecken. Es fiel mir auf, wie viel Achtung ihm von Wirt und G?sten gezeigt wurde. Er lie? einen Liter Waadtl?nder bringen, hie? mich einschenken und belehrte mich darüber, wie das zu machen sei. Man müsse niedrig einschenken, dann den Strahl m??ig verl?ngern und zum Schlu? die Flasche wieder so tief als m?glich senken. Darauf begann er von verschiedenen Weinen zu erz?hlen, die er kannte und die er bei seltenen Gelegenheiten, wenn er etwa einmal zur Stadt oder ins Welsche hinüber kam, zu genie?en pflegte. Er sprach mit ernster Achtung vom tiefroten Veltliner, von welchem er drei Arten unterschied. Hierauf kam er mit leiserer, eindringender Stimme auf gewisse Waadtl?nder Flaschenweine zu sprechen. Fast flüsternd und mit der Miene eines M?rchenerz?hlers berichtete er zuletzt vom Wein von Neuchatel. Von diesem g?be es Jahrg?nge, deren Schaum beim Einschenken im Glase einen Stern bilde. Und er zeichnete den Stern mit angefeuchtetem Zeigefinger auf den Tisch. Dann versank er in ungeheuerliche Mutma?ungen über das Wesen und den Geschmack des Champagners, den er nie getrunken hatte und von welchem er glaubte, da? eine Flasche davon zwei Mann stocksternhagelbetrunken mache.

Verstummend und nachdenklich zündete er sich eine Pfeife an. Dabei bemerkte er, da? ich nichts zu rauchen habe, und gab mir zehn Rappen für Cigarren. Und dann sa?en wir einander gegenüber, bliesen uns den Rauch ins Gesicht und tranken langsam schlürfend den ersten Liter leer. Der gelbe, pikante Waadtl?nder schmeckte mir vorzüglich. Allm?hlich wagten die Bauern am Nebentisch sich mit ins Gespr?ch und schlie?lich siedelte einer nach dem andern r?uspernd und vorsichtig zu uns über. Bald kam auch ich in den Mittelpunkt und es zeigte sich, da? mein Ruf als Bergsteiger noch nicht vergessen war. Allerlei verwegene Aufstiege und tolle Abstürze, in mythische Nebel gehüllt, wurden erz?hlt, bestritten und verteidigt. Mittlerweile waren wir schon fast mit dem zweiten Liter fertig und mir sauste das Blut in den Augen. Ganz gegen meine Natur begann ich laut zu prahlen und erz?hlte auch die freche Kletterei an der oberen Sennalpstockwand, wo ich die Alpenrosen für R?si Girtanner geholt hatte. Man glaubte mir nicht, ich beteuerte, man lachte, ich ward zornig. Ich forderte jeden der mir nicht glaubte, zum Ringen heraus und lie? merken, da? ich zur Not sie alle miteinander zu zwingen denke. Da ging ein altes, krummes B?uerlein in die Kredenz, brachte einen gro?en Steingutkrug und legte ihn der L?nge nach auf den Tisch.

?Ich will dir was sagen," lachte er. ?Wenn du so stark bist, so hau den Krug mit der Faust zusammen. Dann zahlen wir dir so viel Wein, als er fa?t. Wenn du es nicht kannst, zahlst aber du den Wein."

Mein Vater stimmte sogleich zu. Also stand ich auf, wickelte mein Taschentuch um die Hand und schlug. Die zwei ersten Schl?ge taten keine Wirkung. Beim dritten ging der Krug in Stücke. ?Zahlen!" rief mein Vater und gl?nzte vor Wonne, der Alte schien einverstanden. ?Gut," sagte er, ?ich zahl' Wein, soviel in den Krug geht. Wird aber nimmer viel sein." Freilich fa?te der Scherben keinen Schoppen mehr und ich hatte zum Schmerz im Arm noch den Spott. Auch mein Vater lachte mich jetzt aus.

?Nun, so hast du gewonnen," schrie ich, schenkte den Scherben aus unsrer Flasche voll und go? ihn dem Alten über den Kopf. Nun waren wir wieder die Sieger und hatten den Beifall der G?ste.

Derlei starke Scherze wurden noch mehr getrieben. Dann schleppte mein Vater mich nach Hause und wir polterten aufgeregt und unwirsch durch die Stube, in welcher vor noch nicht drei Wochen der Sarg der Mutter gestanden hatte. Ich schlief wie ein Toter und war am Morgen ganz verwüstet und zerbrochen. Der Vater spottete, war munter und heiter und freute sich sichtlich seiner überlegenheit. Ich aber schwor im stillen, nie mehr zu zechen, und wartete sehnlichst auf den Tag der Abreise.

Der Tag kam und ich reiste ab, den Schwur aber habe ich nicht gehalten. Der gelbe Waadtl?nder, der tiefrote Veltliner, der Neuenburger Sternwein und viele andere Weine sind mir seither bekannt und gute Freunde geworden.

Chapter 3 No.3

Aus der nüchternen und drückenden Luft der Heimat herausgekommen, tat ich gro?e Flügelschl?ge der Wonne und Freiheit. Wenn ich sonst im Leben je und je zu kurz gekommen bin, so habe ich doch die absonderliche, schw?rmerische Lust der Jugendzeit reich und rein genossen. Gleich einem jungen Krieger, der am blühenden Waldrand rastet, lebte ich in seliger Unruhe zwischen Kampf und Get?ndel; und wie ein ahnungsvoller Seher stand ich an dunkeln Abgründen, dem Brausen gro?er Str?me und Stürme lauschend und die Seele gerüstet den Zusammenklang der Dinge und die Harmonie alles Lebens zu vernehmen.

Tief und beglückt trank ich aus den vollen Bechern der Jugend, litt in der Stille sü?e Leiden um sch?ne, scheu verehrte Frauen und kostete das edelste Jugendglück einer m?nnlich frohen, reinen Freundschaft bis zum Grunde.

In einem neuen Bukskinanzug und mit einer kleinen Kiste voll Bücher und sonstiger Habe kam ich angefahren, bereit mir ein Stück Welt zu erobern und so bald als m?glich den Rauhbeinen daheim zu beweisen, da? ich aus einem anderen Holze als die übrigen Camenzinde geschnitten sei. Drei wundervolle Jahre wohnte ich in derselben weithinblickenden, windigen Mansarde, lernte, dichtete, sehnte mich und fühlte alle Sch?nheit der Erde mich mit warmer N?he umgeben. Nicht jeden Tag hatte ich etwas Warmes zu essen, aber jeden Tag und jede Nacht und jede Stunde sang und lachte und weinte mir das Herz, einer starken Freude voll, und hielt das liebe Leben hei? und sehnlich an sich gedrückt.

Zürich war die erste gro?e Stadt, die ich grüner Peter zu sehen bekam, und ein paar Wochen lang machte ich best?ndig gro?e Augen. Das st?dtische Leben aufrichtig zu bewundern oder zu beneiden, fiel mir zwar nicht ein - darin war ich eben ein Bauer; aber ich hatte Freude an dem Vielerlei der Stra?en, H?user und Menschen. Ich beschaute die von Wagen belebten Gassen, die Schiffl?nde, Pl?tze, G?rten, Prunkbauten und Kirchen; ich sah flei?ige Leute in Scharen zur Arbeit laufen, sah Studenten bummeln, Vornehme ausfahren, Gecken sich brüsten, Fremde umherschlendern. Die modisch eleganten, hoff?rtigen Weiber der Reichen kamen mir wie Pfauen im Hühnerhofe vor, hübsch, stolz und ein wenig l?cherlich. Schüchtern war ich eigentlich nicht, nur steif und trotzig, und ich zweifelte nicht, da? ich ganz der Kerl dazu sei, dies rege Leben der St?dte gründlich kennen zu lernen und sp?ter selber einmal meinen sicheren Platz darin zu finden.

Die Jugend traf mich an in der Gestalt eines sch?nen, jungen Menschen, der in derselben Stadt studierte und im ersten Stockwerk meines Hauses zwei hübsche Zimmer gemietet hatte. Jeden Tag h?rte ich ihn unten Klavier spielen und spürte dabei zum erstenmal etwas vom Zauber der Musik, der weiblichsten und sü?esten Kunst. Dann sah ich den hübschen Jungen das Haus verlassen, ein Buch oder Notenheft in der Linken, in der Rechten die Cigarette, deren Rauch hinter seinem biegsam schlanken Gang verwirbelte. Mich zog eine scheue Liebe zu ihm hin, doch blieb ich abgesondert und fürchtete mich mit einem Menschen Umgang zu haben, neben dessen leichtem, freiem und wohlhabendem Wesen meine Armut und mein Mangel an Lebensart mich nur demütigen würde. Da kam er selber zu mir. Eines Abends klopfte es an meiner Tür und ich erschrak ein wenig; denn ich hatte noch nie Besuch bei mir gesehen. Der sch?ne Student trat ein, gab mir die Hand, nannte seinen Namen und tat so frei und fr?hlich, als w?ren wir alte Bekannte.

?Ich wollte fragen ob Sie nicht Lust h?tten ein wenig mit mir zu musizieren," sagte er freundlich. Aber ich hatte in meinem Leben nie ein Instrument berührt. Ich sagte ihm das und fügte hinzu, da? ich au?er Jodeln keinerlei Künste verstehe, doch habe mir sein Klavierspiel oft sch?n und verlockend heraufgeklungen.

?Wie man sich t?uschen kann!" rief er lustig. ?Ihrem ?u?eren nach h?tte ich geschworen, Sie seien Musiker. Merkwürdig! Aber Sie k?nnen jodeln? O bitte, jodeln Sie doch einmal! Ich h?re es ums Leben gern."

Ich war ganz bestürzt und erkl?rte ihm, da? ich so auf Verlangen und in der Stube drin durchaus nicht jodeln k?nne. Das müsse auf einem Berge oder mindestens im Freien und ganz aus eigener Lust geschehen.

?Dann jodeln Sie also auf einem Berge! Vielleicht morgen? Ich bitte Sie sehr darum. Wir k?nnten etwa gegen Abend miteinander ausfliegen. Wir bummeln und plaudern ein wenig, droben jodeln Sie dann, und nachher essen wir in irgend einem Dorf zu Nacht. Sie haben doch Zeit?"

O ja, Zeit genug. Ich sagte eilig zu. Und dann bat ich ihn, mir etwas vorzuspielen, und stieg mit ihm in seine sch?ne, gro?e Wohnung hinunter. Ein paar modern eingerahmte Bilder, das Klavier, eine gewisse zierliche Unordnung und ein feiner Cigarettenduft erzeugten in dem hübschen Raum eine Art von freier und behaglicher Eleganz und wohnlicher Stimmung, die mir ganz neu war. Richard setzte sich ans Klavier und spielte ein paar Takte.

?Sie kennen das, nicht wahr?" nickte er herüber und sah prachtvoll aus, wie er so vom Spielen weg den hübschen Kopf herüberbog und mich gl?nzend ansah.

?Nein," sagte ich, ?ich kenne nichts."

?Es ist Wagner," rief er zurück, ?aus den Meistersingern," und spielte weiter. Es klang leicht und kr?ftig, sehnsüchtig und heiter, und umflo? mich wie ein laues, erregendes Bad. Zugleich betrachtete ich mit heimlicher Lust den schlanken Nacken und Rücken des Spielers und seine wei?en Musikerh?nde, und dabei überlief mich dasselbe scheue und bewundernde Gefühl von Z?rtlichkeit und Achtung, mit dem ich früher jenen dunkelhaarigen Schüler betrachtet hatte, zusammen mit der schüchternen Ahnung, dieser sch?ne vornehme Mensch würde vielleicht wirklich mein Freund werden und meine alten, nicht vergessenen Wünsche nach einer solchen Freundschaft wahr machen.

Tags darauf holte ich ihn ab. Langsam und plaudernd erstiegen wir einen m??igen Hügel, überschauten Stadt, See und G?rten und genossen die satte Sch?nheit des Vorabends.

?Und nun jodeln Sie!" rief Richard. ?Wenn Sie sich immer noch genieren, so drehen Sie mir den Rücken zu. Aber bitte, laut!"

Er konnte zufrieden sein. Ich jodelte wütend und frohlockend in die rosige Abendweite hinein, in allen Tonarten und Brechungen. Als ich aufh?rte, wollte er etwas sagen, hielt aber sogleich wieder inne und deutete horchend gegen die Berge. Von einer fernen H?he her kam Antwort, leise, langgezogen und schwellend, der Gru? eines Hirten oder Wanderers, und wir h?rten still und freudig zu. W?hrend dieses gemeinsamen Stehens und Lauschens überrann mich mit k?stlichem Schauer die Empfindung, zum erstenmal neben einem Freunde zu stehen und so zu zweien in sch?ne, rosig verw?lkte Lebensweiten zu blicken. Der abendliche See begann sein weiches Farbenspiel und kurz vor Sonnenuntergang sah ich aus zerflie?endem Gedünste ein paar trotzige, frech gezackte Alpengipfel hervortreten.

?Dort ist meine Heimat," sagte ich. ?Die mittlere Schroffe ist die rote Fluh, rechts das Geishorn, links und weiter entfernt der runde Sennalpstock. Ich war zehn Jahr und drei Wochen alt, als ich zum erstenmal auf dieser breiten Kuppe stand."

Ich strengte die Augen an, um etwa noch einen der südlicheren Gipfel zu ersp?hen. Nach einer Weile sagte Richard etwas, das ich nicht verstand.

?Was sagten Sie?" fragte ich.

?Ich sage, da? ich nun wei?, welche Kunst Sie treiben."

?Welche denn?"

?Sie sind Dichter."

Da wurde ich rot und ?rgerlich und war zugleich erstaunt, wie er das erraten habe.

?Nein," rief ich, ?ein Dichter bin ich nicht. Ich habe zwar auf der Schule Verse gemacht, aber nun schon lang keine mehr."

?Darf ich die einmal sehen?"

?Sie sind verbrannt. Aber Sie dürften sie doch nicht sehen, auch wenn ich sie noch h?tte."

?Es waren gewi? sehr moderne Sachen, mit viel Nietzsche drin?"

?Was ist das?"

?Nietzsche? Ja gro?er Gott, kennen Sie den nicht?"

?Nein. Woher soll ich ihn kennen?"

Nun war er entzückt, da? ich Nietzsche nicht kannte. Ich aber wurde ?rgerlich und fragte, über wieviel Gletscher er schon gegangen sei. Als er sagte über keinen, tat ich darüber ebenso sp?ttisch erstaunt wie er vorher über mich. Da legte er mir die Hand auf den Arm und sagte ganz ernst: ?Sie sind empfindlich. Aber Sie wissen ja selber gar nicht, was für ein beneidenswert unverdorbener Mensch Sie sind und wie wenig solche es gibt. Sehen Sie, in einem Jahr oder zwei werden Sie Nietzsche und all den Kram ja auch kennen, viel besser als ich, da Sie gründlicher und gescheiter sind. Aber gerade so, wie Sie jetzt sind, hab ich Sie gern. Sie kennen Nietzsche nicht und Wagner nicht, aber Sie sind viel auf Schneebergen gewesen und haben so ein tüchtiges Oberl?ndergesicht. Und ganz gewi? sind Sie auch ein Dichter. Ich kann das am Blick und an der Stirn sehen."

Auch das, da? er so freimütig und ungeniert mich betrachtete und seine Meinung herausplauderte, erstaunte mich und kam mir ungew?hnlich vor.

Noch viel erstaunter und glücklicher war ich aber, als er acht Tage sp?ter in einem vielbesuchten Biergarten Brüderschaft mit mir schlo?, vor allen Leuten aufsprang, mich kü?te und umfa?te und mit mir wie verrückt um den Tisch herum tanzte.

?Was werden die Leute denken!" warnte ich ihn schüchtern.

?Sie werden denken: die zwei sind au?erordentlich glücklich oder ganz au?erordentlich besoffen; die meisten aber werden gar nichts denken."

überhaupt schien Richard mir oft, obwohl er ?lter, klüger, besser erzogen und in allem beschlagener und raffinierter war als ich, doch im Vergleich mit mir das reine Kind zu sein. Auf der Stra?e machte er halbwüchsigen Schulm?dchen feierlich-sp?ttisch den Hof, die ernsthaftesten Klavierstücke unterbrach er unerwartet mit v?llig kindischen Witzen, und als wir einmal Spa?es halber in eine Kirche gegangen waren, sagte er pl?tzlich mitten w?hrend der Predigt nachdenklich und wichtig zu mir: ?Du, findest du nicht, der Pfarrer sieht aus wie ein Kaninchengreis?" Der Vergleich traf zu, ich fand aber, er h?tte mir das auch nachher mitteilen k?nnen, und sagte ihm das.

?Wenn es doch richtig war!" schmollte er. ?Bis nachher h?tte ich es wahrscheinlich wieder vergessen."

Da? seine Witze keineswegs immer geistreich waren, h?ufig sogar nur auf das Citieren eines Buschverses hinausliefen, st?rte weder mich noch andere, denn was wir an ihm liebten und bewunderten, war nicht Witz und Geist, sondern die unbezwingliche Heiterkeit seines lichten, kindlichen Wesens, welche jeden Augenblick hervorbrach und ihn mit einer leichten, fr?hlichen Atmosph?re umgab. Sie konnte sich in einer Geberde, in einem leisen Lachen, in einem fidelen Blicke ?u?ern, aber lange sich verbergen konnte sie nicht. Ich bin überzeugt, da? er auch im Schlaf zuweilen lachen oder eine Geste der Heiterkeit machen mu?te.

Richard brachte mich h?ufig mit andern jungen Leuten zusammen, Studenten, Musikanten, Malern, Literaten, allerlei Ausl?ndern, denn was an interessanten, kunstliebenden und aparten Personen in der Stadt herumlief, geriet in seinen Umgang. Es waren manche ernste und heftig ringende Geister dabei, Philosophen, ?sthetiker und Sozialisten, und von vielen konnte ich ein gutes Stück lernen. Kenntnisse aus den verschiedensten Gebieten flogen mir stückweise an, ich erg?nzte und las viel nebenher, und so gewann ich allm?hlich eine gewisse Vorstellung von dem, was die regsamsten K?pfe der Zeit plagte und bannte, und bekam einen wohlt?tig anspornenden Einblick in die geistige Internationale. Ihre Wünsche, Ahnungen, Arbeiten und Ideale waren mir anziehend und verst?ndlich, ohne da? ein starker eigener Trieb mich gen?tigt h?tte, für oder wider mitzustreiten. Bei den meisten fand ich alle Energie des Gedankens und der Leidenschaft auf Zust?nde und Einrichtungen der Gesellschaft, des Staates, der Wissenschaften, der Künste, der Lehrmethoden gerichtet, die wenigsten aber schienen mir das Bedürfnis zu kennen, ohne ?u?eren Zweck an sich selber zu bauen und ihr pers?nliches Verh?ltnis zur Zeit und Ewigkeit zu kl?ren. Auch in mir selber lag dieser Trieb noch zumeist im Halbschlummer.

Freundschaften schlo? ich keine mehr, da ich Richard ausschlie?lich und mit Eifersucht liebte. Auch den Frauen, mit denen er viel und vertraut umging, suchte ich ihn zu entziehen. Die kleinsten mit ihm getroffenen Verabredungen hielt ich peinlich genau und war empfindlich, wenn er mich warten lie?. Einmal bat er mich, ihn zu einer bestimmten Stunde zum Rudern abzuholen. Ich kam, fand ihn aber nicht zuhause und wartete drei Stunden vergebens auf sein Kommen. Tags darauf warf ich ihm seine Nachl?ssigkeit heftig vor.

?Warum bist du denn nicht einfach allein rudern gegangen?" lachte er verwundert. ?Ich hatte die Sache ganz vergessen; das ist doch schlie?lich kein Unglück."

?Ich bin gewohnt mein Wort pünktlich zu halten," antwortete ich heftig. ?Aber freilich bin ich auch daran gew?hnt, da? du dir wenig daraus machst, mich irgendwo auf dich warten zu wissen. Wenn man so viele Freunde hat wie du!"

Er sah mich mit ma?losem Erstaunen an.

?Ja, so ernst nimmst du jede Bagatelle?"

?Meine Freundschaft ist mir keine Bagatelle."

?Dies Wort drang ihm in die Natur,

So da? er schleunigst Bessrung schwur,"

zitierte Richard feierlich, fa?te mich um den Kopf, rieb nach orientalischem Liebesbrauch seine Nasenspitze an der meinen und liebkoste mich, bis ich ?rgerlich lachend mich ihm entzog; die Freundschaft aber war wieder heil.

In meiner Mansarde lagen in entlehnten, oft kostbaren B?nden die modernen Philosophen, Dichter und Kritiker, literarische Revuen aus Deutschland und Frankreich, neue Theaterstücke, Pariser Feuilletons und Wiener Mode?stheten. Ernster und liebevoller als mit diesen rasch gelesenen Sachen besch?ftigte ich mich mit meinen altitalienischen Novellisten und mit historischen Studien. Mein Wunsch war, baldm?glichst die Philologie beiseite zu legen und einzig Geschichte zu studieren. Neben Werken über Gesamtgeschichte und historische Methode las ich namentlich Quellen und Monographieen über die Zeit des Sp?tmittelalters in Italien und Frankreich. Dabei lernte ich zum erstenmal meinen Liebling unter den Menschen, Franz von Assisi, den seligsten und g?ttlichsten aller Heiligen, genauer kennen. Und so ward mein Traum, in dem ich die Fülle des Lebens und Geistes vor mir er?ffnet gesehen hatte, t?glich wahr und erw?rmte mir das Herz mit Ehrgeiz, Freude und Jugendeitelkeit. Im H?rsaal nahm mich die ernste, etwas herbe und gelegentlich etwas langweilige Wissenschaft in Anspruch. Zuhause kehrte ich bei den heimelig frommen oder schauerlichen Geschichten des Mittelalters oder bei den behaglichen alten Novellisten ein, deren sch?ne und wohlige Welt mich wie ein schattiger, d?mmernder M?rchenwinkel umschlo?, oder ich fühlte die wilde Woge moderner Ideale und Leidenschaften über mich weg rollen. Dazwischen h?rte ich Musik, lachte mit Richard, nahm an den Zusammenkünften seiner Freunde Teil, verkehrte mit Franzosen, Deutschen, Russen, h?rte sonderbare moderne Bücher vorlesen, trat da und dort in die Ateliers der Maler oder wohnte Abendgesellschaften bei, in denen eine Menge aufgeregter und unklarer junger Geister erschien und mich wie ein phantastischer Karneval umgab.

Eines Sonntags besuchte Richard mit mir eine kleine Ausstellung neuer Gem?lde. Mein Freund blieb vor einem Bilde stehen, das eine Alp mit ein paar Ziegen vorstellte. Es war flei?ig und nett gemalt, aber ein wenig altmodisch und eigentlich ohne rechten künstlerischen Kern. Man sieht in jedem beliebigen Salon genug solche hübsche, wenig bedeutende Bildchen. Immerhin erfreute es mich als eine ziemlich treue Darstellung der heimatlichen Almen. Ich fragte Richard, was ihn denn an dem Bildchen anziehe.

?Das hier," sagte er und deutete auf den Malernamen in der Ecke. Ich konnte die rotbraunen Buchstaben nicht entziffern. ?Das Bild," sagte Richard, ?ist keine gro?e Leistung. Es gibt sch?nere. Aber es gibt keine sch?nere Malerin als die, die das gemacht hat. Sie hei?t Erminia Aglietti und wenn du willst, k?nnen wir morgen zu ihr gehen und ihr sagen, sie sei eine gro?e Malerin."

?Kennst du sie?"

?Jawohl. Wenn ihre Bilder so sch?n w?ren wie sie selber, dann w?re sie schon lange reich und würde keine mehr malen. Sie tut es n?mlich ohne Lust und nur, weil sie zuf?llig nichts anderes gelernt hat, wovon sie leben k?nnte."

Richard verga? die Sache wieder und kam erst ein paar Wochen sp?ter darauf zurück.

?Ich bin gestern der Aglietti begegnet. Wir wollten sie ja eigentlich neulich schon besuchen. Also komm! Du hast doch einen reinen Kragen? Sie sieht n?mlich darauf."

Der Kragen war rein und wir gingen zusammen zur Aglietti, ich mit einigem inneren Widerstreben, denn der freie, etwas burschikose Verkehr Richards und seiner Kameraden mit Malweibern und Studentinnen hatte mir nie gefallen. Die M?nner waren dabei ziemlich rücksichtslos, bald grob, bald ironisch; die M?dchen aber waren praktisch, klug und gerissen und nirgends war etwas von dem verkl?renden Duft zu merken, in welchem ich die Frauen gerne sah und verehrte.

Etwas befangen trat ich in das Atelier. Mit der Luft der Malerwerkst?tten war ich zwar wohl vertraut, doch betrat ich jetzt zum erstenmal ein Frauenatelier. Es sah recht nüchtern und sehr ordentlich aus. Drei oder vier fertige Bilder hingen in Rahmen, eines stand noch kaum ganz untermalt auf der Staffelei. Den Rest der W?nde bedeckten sehr saubere, appetitlich aussehende Bleistiftskizzen und ein halbleerer Bücherschrank. Die Malerin nahm unsre Begrü?ung kühl entgegen. Sie legte den Pinsel weg und lehnte sich im Malschurz gegen den Schrank und es sah aus, als verl?re sie nicht gerne viel Zeit an uns.

Richard machte ihr ungeheuerliche Komplimente über das ausgestellte Bild. Sie lachte ihn aus und verbat es sich.

?Aber Fr?ulein, ich konnte ja im Sinn haben das Bild zu kaufen! übrigens sind die Kühe darauf von einer Wahrheit -"

?Es sind ja Ziegen," sagte sie ruhig.

?Ziegen? Natürlich Ziegen! Von einem Studium, wollte ich sagen, das mich verblüfft hat. Es sind Ziegen, wie sie leben, so recht ziegenm??ig. Fragen Sie meinen Freund Camenzind, der selbst ein Sohn der Berge ist; er wird mir Recht geben."

Hier fühlte ich, w?hrend ich verlegen und belustigt dem Geschw?tz zuh?rte, mich vom Blick der Malerin überflogen und gemustert. Sie sah mich lange und unbefangen an.

?Sie sind Oberl?nder?"

?Ja, Fr?ulein."

?Man sieht es. Nun, und was halten Sie von meinen Ziegen?"

?O, sie sind gewi? sehr gut. Wenigstens hab' ich sie nicht für Kühe gehalten wie Richard."

?Sehr gütig. Sie sind Musiker?"

?Nein, Student."

Weiter sprach sie kein Wort mit mir und ich fand nun Ruhe, sie zu betrachten. Die Gestalt war durch den langen Schurz verdeckt und entstellt, und das Gesicht erschien mir nicht sch?n. Der Schnitt war scharf und knapp, die Augen ein wenig streng, das Haar reich, schwarz und weich; was mich st?rte und fast abstie?, war die Farbe des Gesichts. Sie erinnerte mich schlechterdings an Gorgonzola und ich w?re nicht erstaunt gewesen, grüne Ritzen darin zu finden. Ich hatte noch nie diese welsche Bl?sse gesehen und jetzt, im ungünstigen morgendlichen Atelierlicht, sah sie erschreckend steinern aus - nicht wie Marmor, sondern wie ein verwitternder, sehr gebleichter Stein. Ich war auch nicht gewohnt, ein Frauengesicht auf seine Formen zu prüfen, sondern pflegte in solchen noch in etwas knabenhafter Weise mehr nach Schmelz, nach Rosigem, nach Liebreiz zu suchen.

Auch Richard war vom heutigen Besuch verstimmt. Desto mehr war ich erstaunt oder eigentlich erschrocken, als er mir nach einiger Zeit mitteilte, die Aglietti w?re froh mich zeichnen zu dürfen. Es handle sich nur um ein paar Skizzen, das Gesicht brauche sie nicht, aber meine breite Figur habe etwas Typisches.

Ehe weiter hiervon die Rede war, kam ein anderes kleines Ereignis, das mein ganzes Leben ge?ndert und für Jahre meine Zukunft bestimmt hat. Eines Morgens, da ich erwachte, war ich Schriftsteller geworden.

Auf das Dr?ngen Richards hatte ich, rein als Stilübungen, gelegentlich Typen aus unsrem Kreis, kleine Erlebnisse, Gespr?che und anderes skizzenhaft und m?glichst treu dargestellt, auch einige Essays über Literarisches und Historisches geschrieben.

Eines Morgens nun, ich lag noch im Bette, trat Richard bei mir ein und legte fünfunddrei?ig Franken auf meine Bettdecke. ?Das geh?rt dir," sagte er im Gesch?ftston. Endlich, als ich im Fragen alle Vermutungen ersch?pft hatte, zog er ein Zeitungsblatt aus der Tasche und zeigte mir darin eine meiner kleinen Novellen abgedruckt. Er hatte mehrere meiner Manuskripte abgeschrieben, einem ihm befreundeten Redakteur gebracht und in aller Stille für mich verkauft. Das erste, was gedruckt war, samt dem Honorar dafür hielt ich nun in H?nden.

Mir war nie so sonderbar zu mut. Eigentlich ?rgerte ich mich über Richards Vorsehungspielen, aber der sü?e erste Schreiberstolz und das sch?ne Geld und der Gedanke an einen etwaigen kleinen Literatenruhm war doch st?rker und überwog schlie?lich.

In einem Café brachte mich mein Freund mit dem Redakteur zusammen. Er bat, die ihm von Richard gezeigten anderen Arbeiten behalten zu dürfen und lud mich ein, ihm je und je neue zu schicken. Es sei ein eigener Ton in meinen Sachen, besonders in den historischen, deren er gerne mehr bekomme und die er mir ordentlich bezahlen wolle. Nun sah ich erst die Wichtigkeit der Sache. Ich würde nicht nur t?glich ordentlich essen und meine kleinen Schulden bezahlen, sondern auch das Zwangsstudium wegwerfen und vielleicht in B?lde, auf meinem Lieblingsfelde arbeitend, ganz vom eigenen Erwerbe leben k?nnen.

Einstweilen bekam ich von jenem Redakteur einen Sto? neuer Bücher zum Rezensieren ins Haus geschickt. Ich fra? mich durch und hatte wochenlang damit zu tun; da aber die Honorare erst zu Ende des Quartals f?llig waren und ich in Aussicht auf dieselben besser als sonst gelebt hatte, sah ich mich eines Tages der letzten Rappen ledig und konnte wieder einmal eine Hungerkur antreten. Ein paar Tage hielt ich bei Brot und Kaffee in meiner Bude aus, dann trieb mich der Hunger in eine Speisehalle. Ich nahm drei von den Rezensionsb?nden mit, um sie als Pfand für die Zeche dortzulassen. Beim Antiquar hatte ich sie schon vergeblich anzubringen versucht. Das Essen war vorzüglich, beim schwarzen Kaffee aber ward mir etwas ?ngstlich ums Herz. Zaghaft gestand ich der Kellnerin, ich h?tte kein Geld, wolle aber die Bücher als Pfand dalassen. Sie nahm eines davon, einen Band Gedichte, in die Hand, bl?tterte neugierig darin herum und fragte, ob sie das lesen dürfe. Sie lese so gern, k?nne aber nie zu Büchern kommen. Ich fühlte, da? ich gerettet sei und schlug ihr vor, die drei B?ndchen an Zahlungsstatt für das Essen zu behalten. Sie ging darauf ein und hat mir nach und nach für siebzehn Franken Bücher auf diese Weise abgenommen. Für kleinere Gedichtb?nde beanspruchte ich etwa einen K?se mit Brot, für Romane dasselbe mit Wein, einzelne Novellen galten nur eine Tasse Kaffee mit Brot. Soweit ich mich erinnere, waren es meist geringe Sachen in krampfhaft neumodischem Stil und das gutmütige M?dchen mag von der modernen deutschen Literatur einen sonderbaren Eindruck erhalten haben. Ich erinnere mich mit Vergnügen an jene Vormittage, da ich im Schwei? meines Angesichts schnell noch einen Band im Galopp zu Ende las und ein paar Zeilen darüber schrieb, um ihn zur Mittagszeit fertig zu haben und etwas E?bares dafür erhalten zu k?nnen. Vor Richard suchte ich meine Geldn?te sorgf?ltig zu verbergen, da ich mich unn?tiger Weise ihrer sch?mte und seine Hilfe nur ungern und stets nur für ganz kurze Fristen annehmen mochte.

Für einen Dichter hielt ich mich nicht. Was ich gelegentlich schrieb, war Feuilleton, nicht Dichtung. Im stillen trug ich aber die geheimgehaltene Hoffnung, es werde mir eines Tages gegeben werden eine Dichtung zu schaffen, ein gro?es, kühnes Lied der Sehnsucht und des Lebens.

Der fr?hlich klare Spiegel meiner Seele wurde zuweilen von einer Art von Schwermut verschattet, doch einstweilen nicht ernstlich gest?rt. Sie kam zuweilen für einen Tag oder eine Nacht, als eine tr?umende, einsiedlerische Trauer, verschwand wieder spurlos und kehrte nach Wochen oder Monaten zurück. Ich ward an sie allm?hlich wie an eine vertraute Freundin gew?hnt und empfand sie nicht qu?lend, sondern nur als ein unruhiges Müdesein, das seine eigene Sü?igkeit hatte. Wenn sie mich nachts befiel, lag ich statt zu schlafen stundenlang im Fenster, sah den schwarzen See, die auf den bleichen Himmel gezeichneten Silhouetten der Berge und darüber die sch?nen Sterne. Dann ergriff mich oft ein ?ngstlich sü?es, starkes Gefühl, als s?he all diese n?chtige Sch?nheit mich mit einem gerechten Vorwurf an. Als sehnten sich Sterne, Berge und See nach Einem, der ihre Sch?nheit und das Leiden ihres stummen Daseins verstünde und ausspr?che, und als w?re ich dieser Eine und als w?re dies mein wahrer Beruf, der stummen Natur in Dichtungen Ausdruck zu gew?hren. Auf welche Weise das m?glich w?re darüber dachte ich niemals nach, sondern fühlte nur die sch?ne, ernste Nacht ungeduldig in stummem Verlangen auf mich warten. Auch schrieb ich nie etwas in solcher Stimmung. Doch spürte ich gegen diese dunkeln Stimmen ein Gefühl der Verantwortung und trat gew?hnlich nach solchen N?chten mehrt?gige einsame Fu?wanderungen an. Es schien mir, ich k?nnte damit der Erde, die sich in stummem Flehen mir anbot, ein wenig Liebe erweisen, über welche Vorstellung ich dann selbst wieder lachte. Diese Wanderungen wurden eine Grundlage meines sp?teren Lebens; einen gro?en Teil der seitherigen Jahre habe ich als Wanderer verbracht, auf wochen- und monatelangen Touren durch mehrere L?nder. Ich gew?hnte mich daran, mit wenig Geld und einem Stück Brot in der Tasche weit zu marschieren, tagelang einsam unterwegs zu sein und h?ufig im Freien zu n?chtigen.

Die Malerin hatte ich über der Schriftstellerei ganz vergessen. Da kam ein Zettel von ihr: ?Ein paar Freunde und Freundinnen werden am Donnerstag zum Tee bei mir sein. Bitte kommen Sie auch und bringen Sie Ihren Freund mit."

Wir gingen hin und fanden eine kleine Künstlerkolonie beisammen. Es waren fast lauter Unberühmte, Vergessene, Erfolglose, was für mich etwas Rührendes hatte, obwohl alle ganz zufrieden und fidel schienen. Man bekam Tee, Butterbrot, Schinken und Salat. Da ich keine Bekannten dort fand und ohnehin nicht gespr?chig war, gab ich meinem Hunger nach und a? etwa eine halbe Stunde lang still und ausdauernd, w?hrend die andern nur erst Tee nippten und schwatzten. Als diese nun, einer um den andern, auch ein wenig zugreifen wollten, zeigte es sich, da? ich fast den ganzen Schinkenvorrat allein verzehrt hatte. Ich war des trüglichen Glaubens gewesen, es stehe mindestens noch eine zweite Platte in Reserve. Da man nun leise lachte und ich einige ironische Blicke einheimste, wurde ich wütend und verwünschte die Italienerin samt ihrem Schinken. Ich stand auf und entschuldigte mich kurz bei ihr, erkl?rte ein andermal mein Abendessen selber mitbringen zu wollen, und griff nach meinem Hütlein.

Da nahm die Aglietti mir den Hut aus der Hand, sah mich erstaunt und ruhig an und bat mich ernstlich, dazubleiben. Auf ihr Gesicht fiel das Licht einer Stehlampe, durch den Florschirm gem??igt, und da sah ich mitten in meinem ?rger mit pl?tzlich begreifendem Auge die wunderbare, reife Sch?nheit dieser Frau. Ich erschien mir auf einmal sehr unartig und dumm und nahm wie ein gema?regelter Schuljunge in einer abseitigen Ecke Platz. Dort blieb ich sitzen und bl?tterte in einem Album vom Comersee. Die andern tranken Tee, gingen hin und her, lachten und redeten durcheinander, und irgendwo im Hintergrund h?rte man Geigen und ein Cello stimmen. Ein Vorhang wurde zurückgeschlagen und man sah vier junge Leute vor improvisierten Pulten sitzen, bereit ein Streichquartett aufzuführen. In diesem Augenblicke trat die Malerin zu mir, stellte eine Tasse Tee vor mir aufs Tischchen, nickte mir gütig zu und nahm neben mir Platz. Das Quartett begann und dauerte lang, aber ich h?rte nichts davon, sondern staunte mit runden Augen die schlanke, feine, sch?ngekleidete Dame an, an deren Sch?nheit ich gezweifelt und deren Vorr?te ich aufgegessen hatte. Mit Freude und Angst erinnerte ich mich daran, da? sie mich hatte zeichnen wollen. Dann dachte ich an R?si Girtanner, an die Besteigung der Alpenrosenwand, an die Geschichte der Schneek?nigin, die mir jetzt alle nur wie eine Vorbereitung auf diesen heutigen Augenblick erschienen.

Als die Musik zu Ende war, ging die Malerin nicht, wie ich gefürchtet hatte, wieder weg, sondern blieb ruhig sitzen und fing mit mir zu plaudern an. Sie gratulierte mir zu einer Novelle, die sie in der Zeitung gesehen hatte. Sie scherzte über Richard, um den sich ein paar junge M?dchen dr?ngten und dessen sorgloses Gel?chter zuweilen alle anderen Stimmen überklang. Dann bat sie wieder, mich zeichnen zu dürfen. Da hatte ich einen Einfall. Unvermittelt führte ich das Gespr?ch italienisch fort und erntete dafür nicht nur einen fr?hlich überraschten Blick ihrer lebhaften Südl?nderaugen, sondern hatte den k?stlichen Genu? sie ihre Sprache reden zu h?ren, die Sprache, die ihrem Mund und ihren Augen und ihrer Gestalt entsprach, die wohllaute, elegante, raschflie?ende lingua Toscana mit einem entzückenden leichten Anflug von Tessinerwelsch. Ich selbst sprach weder sch?n noch flie?end, doch st?rte es mich nicht. Andern Tags sollte ich kommen, um von ihr gezeichnet zu werden.

?A rivederla," sagte ich beim Abschied und verbeugte mich so tief ich konnte.

?A rivederci domani," l?chelte sie und nickte.

Von ihrem Hause weg schritt ich immerzu weiter, bis die Stra?e einen Hügelkamm erreichte und pl?tzlich das dunkle Land sch?n und n?chtig vor mit ruhte. Ein einzelnes Boot mit roter Laterne strich über den See und warf ein paar flackernde Scharlachstreifen auf das schwarze Wasser, aus welchem sonst nur da und dort ein vereinzelter schmaler Wellenkamm mit dünnem, silberfahlem Umri? hervortrat. In einem nahen Garten war Mandolinenspiel und Gel?chter. Der Himmel war fast zur H?lfte verhangen und über die Hügel lief ein starker, warmer Wind.

Und wie der Wind die ?ste der Obstb?ume und die schwarzen Kronen der Kastanien liebkoste, bestürmte und beugte, da? sie st?hnten und lachten und zitterten, so spielte mit mir die Leidenschaft. Auf dem Kamm des Hügels kniete ich, legte mich auf die Erde, sprang auf und st?hnte, stampfte den Boden, warf den Hut von mir, wühlte mit dem Gesicht im Gras, rüttelte an den Baumst?mmen, weinte, lachte, schluchzte, tobte, sch?mte mich, war selig und todbeklommen. Nach einer Stunde war alles in mir abgespannt und in einer trüben Schwüle erstickt. Ich dachte nichts, beschlo? nichts, fühlte nichts; traumwandelnd stieg ich den Hügel hinab, schweifte durch die halbe Stadt, sah in einer abgelegenen Stra?e noch eine sp?te kleine Schenke offen, trat willenlos ein, trank zwei Liter Waadtl?nder und kam gegen Morgen schauderhaft betrunken nach Hause.

Am folgenden Nachmittag war Fr?ulein Aglietti ganz erschrocken, als ich zu ihr kam.

?Was ist mit Ihnen? Sind Sie krank? Sie sehen ja ganz zerst?rt aus."

?Nichts von Belang," sagte ich. ?Mir scheint, ich war heute Nacht sehr betrunken, das ist alles. Bitte beginnen Sie nur!"

Ich ward auf einen Stuhl gesetzt und gebeten, mich ruhig zu halten. Das tat ich auch, denn ich schlummerte in B?lde ein und habe jenen ganzen Nachmittag im Atelier verschlafen. Es kam vermutlich vom Terpentingeruch der Malerwerkst?tte, da? ich tr?umte, unser Nachen zuhaus werde frischgestrichen. Ich lag im Kies daneben und sah meinen Vater mit Topf und Pinsel hantieren; auch die Mutter war da und als ich sie fragte, ob sie denn nicht gestorben sei, sagte sie leise: ?Nein, denn wenn ich nicht daw?re, würdest du am Ende der gleiche Lump werden wie dein Papa."

Als ich erwachte, fiel ich vom Stuhl und fand mich mit Erstaunen in die Werkstatt der Erminia Aglietti versetzt. Sie selbst sah ich nicht, h?rte sie aber im Nebenstüblein mit Tassen und Besteck klappern und schlo? daraus, da? es Abendessenszeit sein müsse.

?Sind Sie wach?" rief sie herüber.

?Jawohl. Hab' ich lang geschlafen?"

?Vier Stunden. Sch?men Sie sich nicht?"

?O doch. Aber ich hatte einen so sch?nen Traum."

?Erz?hlen Sie!"

?Ja, wenn Sie herauskommen und mir verzeihen."

Sie kam heraus, doch wollte sie mit der Verzeihung noch warten, bis ich meinen Traum erz?hlt h?tte. Also erz?hlte ich, und über dem Traumerz?hlen geriet ich tief in die vergessene Kinderzeit hinein, und als ich schwieg und es schon v?llig dunkel geworden war, hatte ich ihr und mir selber meine ganze Kindheitsgeschichte erz?hlt. Sie gab mir die Hand, strich mir den zerknitterten Rock zurecht, lud mich ein morgen wieder zum Zeichnen zu kommen und ich fühlte, da? sie auch meine heutige Unart begriffen und verziehen habe.

In den n?chsten Tagen sa? ich ihr Stunde um Stunde. Es wurde dabei fast gar nichts gesprochen, ich sa? oder stand ruhig und wie verzaubert da, h?rte den weichen Strich der Zeichenkohle, sog den leichten ?lfarbegeruch ein und hatte keine andere Empfindung als da? ich in der N?he der von mir geliebten Frau war und ihren Blick best?ndig auf mir ruhen wu?te. Das wei?e Atelierlicht flo? an den W?nden hin, ein paar schl?frige Fliegen sumsten an den Scheiben und nebenan im Stübchen sang die Spiritusflamme, denn ich bekam nach jeder Sitzung eine Tasse Kaffee serviert.

Zuhause dachte ich oft über Erminia nach. Es berührte oder verminderte meine Leidenschaft gar nicht, da? ich ihre Kunst nicht verehren konnte. Sie selbst war so sch?n, gütig, klar und sicher; was gingen mich ihre Bilder an? Ich fand vielmehr in ihrer flei?igen Arbeit etwas Heroisches. Die Frau im Kampf ums Leben, eine stille, duldende und tapfere Heldin. übrigens gibt es nichts Erfolgloseres als das Nachdenken über jemand, den man liebt. Solche Gedankeng?nge sind wie gewisse Volks- und Soldatenlieder, worin tausenderlei Dinge vorkommen, der Refrain aber hartn?ckig wiederkehrt, auch wo er durchaus nicht pa?t.

So ist denn auch das Bild der sch?nen Italienerin, das ich im Ged?chtnis trage, zwar nicht unklar, aber doch ohne die vielen kleinen Linien und Züge, die man an Fremden oft viel besser sieht als an Nahestehenden. Ich wei? nicht mehr, welche Frisur sie trug, wie sie sich kleidete u. s. w., nicht einmal ob sie eigentlich gro? oder klein von Gestalt war. Wenn ich an sie denke, sehe ich einen dunkelhaarigen, edel geformten Frauenkopf, ein paar scharfblickende, nicht sehr gro?e Augen in einem bleichen, lebendigen Gesicht und einen vollendet sch?n geschwungenen, schmalen Mund von herber Reife. Wenn ich an sie denke und an jene ganze verliebte Zeit, dann erinnere ich mich stets nur jenes Abends auf dem Hügel, wo der warme Wind seeüber wogte und wo ich weinte, jubelte und berserkerte. Und eines anderen Abends, von dem ich nun erz?hlen will.

Mir war klar geworden, da? ich der Malerin irgendwie Gest?ndnisse machen und um sie werben müsse. W?re sie mir fern gestanden, so h?tte ich sie ruhig weiterhin verehrt und verschwiegene Schmerzen um sie gelitten. Aber sie fast t?glich zu sehen, mit ihr zu reden, ihr die Hand zu geben und ihr Haus zu betreten, stets mit dem Stachel im Herzen, hielt ich nicht lange aus.

Es ward ein kleines Sommerfest von Künstlern und ihren Freunden veranstaltet. Es war am See, in einem hübschen Garten, ein reifer, weichlich lauer Hochsommerabend. Wir tranken Wein und Eiswasser, h?rten der Musik zu und betrachteten die roten Papierlampen, die in langen Guirlanden zwischen den B?umen hingen. Es wurde geplaudert, gespottet, gelacht und schlie?lich gesungen. Irgend ein lausiger Malerjüngling spielte den Romantischen, trug ein kühnes Barett, lag rücklings am Gel?nder hingestreckt und t?ndelte mit einer langhalsigen Guitarre. Die paar bedeutenderen Künstler fehlten entweder oder sa?en ungesehen im Kreis der ?lteren beiseite. Von den Frauenzimmern waren ein paar jüngere in lichten Sommerkleidern erschienen, die andern trieben sich in den gewohnten saloppen Kostümen herum. Namentlich fiel mir eine ?ltere, h??liche Studentin widerlich auf, sie trug einen M?nnerstrohhut auf den verschnittenen Haaren, rauchte Cigarren, trank tüchtig Wein und sprach laut und viel. Richard war wie gew?hnlich bei den jungen M?dchen. Ich war trotz aller Erregung kühl, trank wenig und wartete auf die Aglietti, die mir versprochen hatte sich heute von mir rudern zu lassen. Sie kam denn auch, schenkte mir ein paar Blumen und stieg mit mir in den kleinen Nachen.

Der See war glatt wie ?l und n?chtig farblos. Ich trieb den leichten Nachen rasch in die stille Seebreite weit hinaus, und sah immerfort mir gegenüber die schlanke Frau bequem und zufrieden im Steuersitz lehnen. Der hohe Himmel war noch blau und trieb langsam einen matten Stern um den andern hervor, am Ufer war da und dort Musik und Gartenlustbarkeit. Mit leisem Gurgeln nahm das tr?ge Wasser die Ruder auf, andere Boote schwammen da und dort dunkel und kaum mehr sichtbar auf der stillen Fl?che, ich achtete aber wenig darauf, sondern hing mit unverwandten Blicken an der Steurerin und trug meine geplante Liebeserkl?rung wie einen schweren Eisenring um's bange Herz. Das Sch?ne und Poetische der ganzen abendlichen Szenerie, das Sitzen im Kahn, die Sterne, der laue ruhige See und alles das be?ngstigte mich, denn es kam mir vor wie eine sch?ne Theaterdekoration, in deren Mitte ich eine sentimentale Szene agieren müsse. In meiner Angst und beklemmt durch die tiefe Stille, denn wir schwiegen beide, ruderte ich mit Macht drauf los.

?Wie stark Sie sind!" sagte die Malerin nachdenklich.

?Meinen Sie dick?" fragte ich.

?Nein, ich meine die Muskeln," lachte sie.

?Ja, stark bin ich schon."

Dies war kein geeigneter Anfang. Traurig und ?rgerlich ruderte ich weiter. Nach einer Weile bat ich sie, mir etwas aus ihrem Leben zu erz?hlen.

?Was m?chten Sie denn h?ren?"

?Alles," sagte ich. ?Am liebsten eine Liebesgeschichte. Dann erz?hle ich Ihnen nachher auch eine von mir, meine einzige. Sie ist sehr kurz und sch?n und wird Sie amüsieren."

?Was Sie sagen! Erz?hlen Sie doch!"

?Nein, erst Sie! Sie wissen ohnehin schon viel mehr von mir als ich von Ihnen. Ich m?chte wissen, ob Sie jemals richtig verliebt waren oder ob Sie, wie ich fürchte, dafür viel zu klug und hochmütig sind."

Erminia besann sich eine Weile.

?Das ist wieder eine von Ihren romantischen Ideen," sagte sie, ?sich hier in der Nacht auf dem schwarzen Wasser von einer Frau Geschichten erz?hlen zu lassen. Ich kann das aber leider nicht. Ihr Dichter seid gew?hnt, für alles hübsche Worte zu haben und denen, die weniger von ihren Empfindungen reden, gleich gar kein Herz zuzutrauen. In mir haben Sie sich get?uscht, denn ich glaube nicht, da? man heftiger und st?rker lieben kann als ich es tue. Ich liebe einen Mann, der an eine andere Frau gebunden ist, und er liebt mich nicht weniger; doch wissen wir beide nicht, ob es je m?glich sein wird, da? wir zusammenkommen. Wir schreiben uns und wir treffen uns auch zuweilen . . . ."

?Darf ich Sie fragen, ob diese Liebe Sie glücklich macht, oder elend, oder beides?"

?Ach, die Liebe ist nicht da um uns glücklich zu machen. Ich glaube sie ist da, um uns zu zeigen, wie stark wir im Leiden und Tragen sein k?nnen."

Das verstand ich und konnte nicht hindern, da? mir etwas wie ein leises St?hnen statt der Antwort vom Munde kam.

Sie h?rte es.

?Ah," sagte sie, ?kennen Sie das auch schon? Sie sind noch so jung! Wollen Sie mir nun auch beichten? Aber nur wenn Sie wirklich wollen -."

?Ein andermal vielleicht, Fr?ulein Aglietti. Mir ist heute ohnehin windig zu mut, und es tut mir leid, da? ich vielleicht auch Ihnen die Stimmung getrübt habe. Wollen wir umkehren?"

?Wie Sie wollen. Wie weit sind wir eigentlich?"

Ich gab keine Antwort mehr, sondern stemmte die Ruder rauschend gegen das Wasser, wendete und zog an, als w?re die Bise im Anzug. Das Boot strich eilig über die Fl?che und mitten in dem Wirbel von Jammer und Scham, der in mir kochte, fühlte ich wie mir der Schwei? in gro?en Tropfen übers Gesicht lief, und fror zugleich. Wenn ich vollends daran dachte, wie nahe ich daran gewesen war den knieenden Bittsteller und mütterlich-freundlich abgewiesenen Liebhaber zu spielen, lief mir ein Schaudern durchs Mark. Das wenigstens war mir erspart geblieben, mit dem übrigen Jammer galt es nun sich abzufinden. Ich ruderte wie besessen heimw?rts.

Das sch?ne Fr?ulein war einigerma?en befremdet, als ich am Ufer kurzen Abschied nahm und sie allein lie?.

Der See war so glatt, die Musik so fr?hlich und die Papierlaternen so festlich rot wie zuvor, mir aber schien das alles jetzt dumm und l?cherlich. Namentlich die Musik. Den Sammetrock, der noch immer seine Guitarre prahlerisch am breiten Seidenbande trug, h?tte ich am liebsten zu Brei geschlagen. Und Feuerwerk stand auch noch bevor. Es war so kindisch!

Ich entlehnte von Richard ein paar Franken, setzte den Hut ins Genick und begann zu marschieren, vor die Stadt hinaus und weiter, eine Stunde um die andere, bis mich schl?ferte. Ich legte mich in eine Wiese, wachte aber nach einer Stunde tauna?, steif und fr?stelnd wieder auf und ging ins n?chste Dorf. Es war früh am Morgen. Kleeschnitter zogen durch die staubige Gasse, verschlafene Knechte glotzten aus den Stalltüren, b?uerliche Sommerarbeitsamkeit gab sich allerorten kund. Du h?ttest Bauer bleiben sollen, sagte ich mir, strich besch?mt durchs Dorf und lief ermüdet weiter, bis die erste Sonnenw?rme mir eine Rast erlaubte. Am Rand eines jungen Buchenstandes warf ich mich ins dürre Raingras und schlief in der warmen Sonne bis tief in den Sp?tnachmittag hinein. Als ich erwachte, den Kopf voll Wiesenduft und die Glieder so wohlig schwer wie sie nur nach langem Liegen auf Gottes lieber Erde sind, da kam mir das Fest und die Bootfahrt und alles das fern, traurig und halbverklungen vor wie ein vor Monaten gelesener Roman.

Ich blieb drei Tage fort, lie? mir die Sonne auf den Pelz brennen und überlegte mir, ob ich nicht in einem Strich heimw?rts wandern und meinem Vater beim ?hmden helfen sollte.

Freilich war damit der Schmerz noch lange nicht abgetan. Nach meiner Rückkehr in die Stadt floh ich anfangs den Anblick der Malerin wie die Pest, doch ging das nicht lange an, und so oft sie mich sp?ter ansah und anredete, stieg mir das Elend in die Kehle.

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