Mein Vater pflegte Sommer und Winter um 4 Uhr morgens aufzustehen. Er achtete streng darauf, da? er sich nicht vier Ellen von seinem Bette entfernte, ohne sich die H?nde zu waschen. Ehe er den ersten Bissen zum Munde führte, verrichtete er in behaglicher Stimmung die Früh-Morgengebete, und begab sich dann in sein Arbeitszimmer. Es hatte an den W?nden viele F?cher, in denen zahlreiche Talmudfolianten aller Arten und Zeiten aneinander gereiht standen, in guter Gemeinschaft mit sonstigen talmudischen und hebr?ischen Werken der jüdischen Literatur.
Darunter gab es alte, seltene Drucke, auf die mein Vater stolz war. Au?er einem Schreibtisch stand in diesem Raum noch ein hoher, schmaler Tisch, ?St?nder? genannt, davor ein bequemer Lehnstuhl und eine Fu?bank.
Mein Vater begab sich also in sein Zimmer, lie? sich gem?chlich im Stuhl nieder, schob die von dem Diener bereits angezündeten Kerzen n?her und schlug den gro?en Folianten auf, der noch von gestern abend wie wartend dalag und begann in dem bekannten Singsang zu ?lernen?. So gingen die Stunden bis sieben Uhr morgens hin. Dann trank er seinen Tee und ging in die Synagoge zum Morgengebet.
In meinem Elternhause wurde die Tageszeit nach den drei t?glichen Gottesdiensten eingeteilt und benannt: so sagte man ?vor? oder ?nach dem Dawenen?, (Beten), für die vorgerücktere Zeit ?vor? oder ?nach Minche? (Vorabendgebet); die Zeit der Abendd?mmerung wurde mit ?zwischen Minche und Maariw? bezeichnet. In ?hnlicher Weise wurden die Jahreszeiten nach den Feiertagen benannt; so hie? es ?vor? oder ?nach Chanuka?, ?vor? oder ?nach Purim? usw.
Mein Vater kam um zehn Uhr vom Bethause zurück. Erst dann begannen die gesch?ftlichen Arbeiten. Es kamen und gingen viele Menschen, Juden und Christen, die Gesch?ftsführer, die Kommis, Gesch?ftsfreunde usw., die er bis zur Mittagszeit - es wurde um ein Uhr gegessen - abfertigte. Nach Tisch ein kurzes Schl?fchen, hierauf nahm er seinen Tee. Dann fanden sich auch schon Freunde ein, mit denen er über den Talmud, literarische Fragen und über Tagesereignisse sprach.
So schrieb mein Vater im Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einen Beitrag zu den ?Eyen Jankow?, den er ?Kuntres? (Kunom Beissim) benannte, und im Anfang der fünfziger Jahre hat er eine umfangreiche Sammlung seiner Kommentare zu dem ganzen Talmud herausgegeben unter dem Namen ?Minchas Jehuda?. Beide Werke hat er keinem Verleger zum Verkauf überlassen, und nur an seine Freunde, Bekannte, seine Kinder und haupts?chlich an viele ?Bote midraschim?, (Lehrh?user) in Ru?land verteilt. Das jüdische Schrifttum und die meisten seiner Verfasser von damals und noch viele Jahrhunderte zuvor, auch der Talmud, haben den gro?en Fehler begangen, da? sie die Daten oft au?er acht lie?en und sie nicht genau angaben. So hat beispielsweise mein Vater in seinem letzten Werke seinen Stammbaum gegeben, der sehr viel Rabbiner und Gaonim, angefangen von seinem Gro?vater bis zehn Generationen weiter hinauf z?hlte, aber bei keinem das Jahr seines Lebens und Todes verzeichnet. Was galt das Leben des Einzelnen, wenn nur das Talmudstudium eine Pflanzst?tte hatte!
So empfand mein Vater, der getreu wie seine Ahnen der Lehre und dem Gottesdienst sich weihte ...
Das Minche gdole (Vorabendgebet) verrichtete er gew?hnlich zu Hause und sehr früh. Zu Maariw ging er wieder in die Synagoge, von der er gegen neun Uhr nach Hause kam zum Abendbrot. Er blieb gleich beim Tisch sitzen, unterhielt sich mit uns über dies und jenes. Er interessierte sich für alles, was im Hause vorging, was uns Kinder betraf, manchmal für den Fortgang unseres Unterrichts. (Den jüdischen Lehrer, Melamed und Schreiber, wie auch den Lehrer der polnischen und russischen Sprache pflegte meine Mutter zu besorgen.) Meinem Vater wurden da alle Haus- und Stadtereignisse mitgeteilt, w?hrend er seinerseits uns alles erz?hlte, was er in der Synagoge geh?rt hatte und was dort er?rtert worden war. Dies war für uns die beste Unterhaltung und was er erz?hlte, die interessanteste Zeitung. Man nannte diese mündlichen Ueberlieferungen ?pantoflowe gazeta?. Zeitungen, wie wir sie heute besitzen, gab es damals nur wenige, und sie waren nicht für jedermann erreichbar.
Meines Vaters impulsive Natur nahm alle Ereignisse mit starker Ergriffenheit auf, die sich auch seiner Umgebung mitteilte. Wir Kinder lauschten bei Tisch gespannt seinen klugen Reden. Er erz?hlte uns von berühmten M?nnern, von ihren Taten, von ihrer religi?sen Lebensweise, den jüdischen Gesetzen, und wir liebten und sch?tzten ihn und stellten ihn h?her als alle Menschen, die wir damals kannten. An zwei Namen, die er uns genannt, erinnere ich mich noch. Der eine hie? Reb Selmele, der andere Reb Heschele. Reb Selmele besch?ftigte sich so eifrig mit dem Talmudstudium, da? er oft zu essen, zu trinken und zu schlafen verga?. Er wurde schwach, mager und bleich, und seine besorgte Mutter flehte ihn an, seine Mahlzeiten einzunehmen. Aber es half nichts. Da gebrauchte die Mutter ihre Autorit?t: sie erschien eines Tages in seinem Studierzimmerchen mit einem Stück Kuchen in der Hand und befahl ihm, zu essen; zugleich sagte sie ihm, da? er jeden Tag um diese Stunde von ihr ein Stück Kuchen bekommen würde, das er essen mü?te. Der junge Mann fügte sich in den Willen der Mutter; ehe er aber zu essen begann, rezitierte er den Talmudabschnitt: ?Kabed ow weem?, die Gebote von der Verehrung von Vater und Mutter.
Der zweite, Reb Heschele, war schon als Kind sehr klug und witzig, Eigenschaften, die ihm auch bei all seiner gro?en Gelehrsamkeit bis in die sp?teren Lebensjahre verblieben. Ihm war das Cheder ein Greuel mitsamt dem Rebben und dem Behelfer, der ihn t?glich gewaltsam fortführte, obwohl er sich mit H?nden und Fü?en str?ubte; denn er war ein sehr lebhaftes Kind und liebte die Freiheit. Eines Tages fragte ihn sein Vater ohne jede Strenge, warum er denn so ungern ins Cheder ginge. ?Ich fühle mich beleidigt?, erwiderte er, ?da? der Behelfer mich so ohne jede Achtung mitschleppt. Warum schickt man dir, wenn man dich haben will, einen Boten, der dich h?flich bittet, der Einladung zu folgen?? Und du antwortest manchmal: ?Gut, ich komme!? oder manchmal auch: ?Ich danke, gleich wie gewesen (d. h. wenn du willst, gehst du, sonst eben nicht).? Der Vater versprach ihm, ihn auch einladen zu lassen und teilte das dem Behelfer mit. Als dieser nun anderen Tages den Kleinen freundlich einlud, antwortete er: ?Gleich wie gewesen!? - Ein andermal zog er beide Strümpfe auf denselben Fu?, um den Behelfer recht lange nach dem zweiten suchen zu lassen.
Meine Eltern waren biedere, gottesfürchtige, tief religi?se, menschenfreundliche Leute von vornehmem Charakter. So war überhaupt der vorherrschende Typus unter den damaligen Juden, deren Lebensaufgabe vor allem die Gottes- und die N?chstenliebe war. Der gr??ere Teil des Tages verging mit dem Talmudstudium. Den Gesch?ften widmete man nur bestimmte Stunden, obgleich die Gesch?fte meines Vaters oft hundert tausende Rubel betrafen. Er geh?rte, wie auch mein Gro?vater, der Klasse der Podraziki (Unternehmer) an, die in der ersten H?lfte des vorigen Jahrhunderts in Ru?land eine gro?e Rolle spielten, da sie gro?e Gesch?fte mit der russischen Regierung machten, wie die übernahme von Festungs-, Chaussee- und Kanalbauten und die Lieferungen für die Armee. Mein Vater und mein Gro?vater geh?rten zu den angesehensten dieser Unternehmer, da sie sich durch absolute Ehrlichkeit auszeichneten.[A]
Wir bewohnten in der Stadt Brest ein gro?es Haus mit vielen, reich ausgestatteten R?umen; wir hatten Equipage und teure Pferde. Meine Mutter und die ?lteren Schwestern besa?en auch viel Schmuck und sch?ne, kostbare Kleider. Unser Haus lag abseits von der Stadt. Man mu?te erst eine lange Brücke, die die Flüsse Bug und Muchawiez überspannte, passieren und kam dann an vielen kleinen H?usern vorbei. Dann mu?te man sich nach rechts wenden, eine Strecke von etwa 100 Faden geradeaus gehen - und man stand vor unserem Haus. Das Haus war gelb angestrichen und hatte grüne Fensterladen. In der Fassade besa? es ein gro?es, venetianisches Fenster, neben dem zu jeder Seite noch zwei Fenster waren. Davor lag ein schmaler, von einem Holzstacket umgebener Blumengarten. Das Haus trug ein hohes Schindeldach.
Das ganze Anwesen samt Gemüsegarten war von einer Reihe hoher Silberpappeln eingeschlossen, was dem Hause das Aussehen eines litauischen Herrensitzes gab.
Das jüdische Familienleben in der ersten H?lfte des vorigen Jahrhunderts war in meinem Elternhaus, wie bei anderen, sehr friedlich, angenehm, ernst und klug. Es pr?gte sich mir und meinen Zeitgenossen tief und unverge?lich ein. Es war kein Chaos von Sitten, Gebr?uchen und Systemen, wie jetzt in den jüdischen H?usern. Das jüdische Leben von damals hatte einen ausgeglichenen Stil, trug einen ernsten, den einzig würdigen jüdischen Stempel. Darum sind uns die Traditionen des elterlichen Hauses so heilig und teuer bis auf den heutigen Tag geblieben! Wir aber mu?ten viel Leid erdulden, bis wir notgedrungen uns in unserem eigenen Hause einer ganz anderen Lebensweise unterwarfen, die unseren Kindern wohl wenig erbauliche und noch weniger angenehme Erinnerungen aus ihrem elterlichen Hause hinterlassen wird!
Liebe, Milde und doch Bestimmtheit waren die Erziehungsmittel der Eltern. Und ein gut W?rtchen half über manche Schwierigkeit hinweg.
Eine Episode:
Eines Morgens fand mich mein Vater, der von der Stadt zurückkehrte, allein und weinend auf der Stra?e. Ich glaube, eine Gespielin hatte mir die Puppe fortgenommen. Er wurde b?se, da? ich ohne Begleitung umherlief und fragte ?rgerlich, warum ich weinte. Ich war aber von meinem gro?en Schmerz so erfüllt, da? ich keine Antwort zu geben vermochte und noch heftiger zu schluchzen begann. Da wurde mein Vater erst recht zornig und rief: ?Warte nur, die Rute wird dich antworten lehren!? Er ergriff meine Hand und zog mich rasch ins Haus. Der Vater lie? sich eine Rute geben und machte Anstalten, mich zu prügeln. Ich war ganz still geworden und sah verblüfft zum Vater hinauf - ich wurde nie mit der Rute bestraft - und sagte überrascht: ?Ich bin ja Pessele!? Ich war der festen überzeugung, da? mein Vater mich nicht erkannt und sich geirrt hatte.
Und diesem selbstbewu?ten Verhalten hatte ich es zu verdanken, da? ich von der Rute verschont blieb. Alle Umstehenden lachten und baten für mich um Nachsicht.
Ich besch?ftigte mich mit Vorliebe im Gemüsegarten beim Ausgraben der Kartoffeln und anderer Gemüse; ich bat mir von den halberfrorenen Weibern bald den Spaten, bald die Harke aus und hantierte damit flink, bis die scharfe, kalte Herbstluft mich mahnte, geschwind ins Haus zu laufen. Nachdem alles Gemüse aus unserem Garten eingekellert war, wurde noch viel auf dem Markt eingekauft. Dann ging's an die sehr wichtige Arbeit - an das Einlegen von Sauerkohl, womit in jedem Herbst viele arme Frauen volle acht Tage besch?ftigt waren. Nach den jüdischen Vorschriften ist es streng geboten, die Würmchen, die im Gemüse und in den Früchten, besonders aber im Kohl nisten, sorgsam zu entfernen; und so wurde von jedem Kohlkopf Blatt um Blatt abgenommen, gegen das Licht gehalten und genau untersucht. Meine fromme Mutter war in der Erfüllung der Vorschriften sehr peinlich und pflegte, wenn der Kohl besonders geraten und von der besten Sorte war und wenig Würmer hatte, den Frauen eine besondere Belohnung für jeden gefundenen Wurm zu geben, denn sie war immer in Sorge, da? die Frauen bei der Arbeit nicht genügend aufmerksam waren. Ich sah auch hier gern zu wie bei der Arbeit im Gemüsegarten, weil die Frauen dabei allerlei Volkslieder sangen, die mich tief ergriffen und mich schmerzlich weinen, aber auch h?ufig herzlich lachen machten. Viele dieser Lieder sind mir bis jetzt im Ged?chtnis geblieben und sind mir teuer!
Es war ein geruhiges Leben!
Wir leben jetzt in dem Zeitalter von Dampf und Elektrizit?t viel schneller, so will es mir scheinen. Das hastige Treiben der Maschinen hat auch auf den menschlichen Geist eingewirkt. Wir erfassen manches viel rascher und begreifen ohne Mühe so viele komplizierte Dinge, indes man früher die einfachste Tatsache nicht begreifen konnte. Ich entsinne mich eines Beispiels, das mir im Ged?chtnis geblieben ist und das ich hier anführen will. In den vierziger Jahren baute mein Gro?vater für die Regierung die Chaussee von Brest nach Bobruisk. Auf der Strecke befanden sich Berge, T?ler und Sümpfe, so da? eine Wagenreise volle zwei Tage dauerte, w?hrend man dieselbe Tour auf der Chaussee bequem in einem Tage sollte zurücklegen k?nnen. Alles sprach natürlich von dem für jene Zeit gro?en Unternehmen, aber es fanden sich selbst in den h?heren Gesellschaftskreisen Skeptiker, die ihre Zweifel ?u?erten und sagten: ?Solange sich die Menschen erinnern, waren zwei Tage n?tig, um den Weg, von Brest in Lithauen nach Bobruisk zurückzulegen, und da kommt Reb Zimel Epstein und erz?hlt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkürzen. Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine Tasche stecken??
In der zweiten H?lfte des 17. Jahrhunderts waren die Wege in Litauen und in manchen Teilen Ru?lands überhaupt noch wüst. Endlose Steppen, Sümpfe, teilweise noch Urwald dehnten sich meilenweit, bis die gro?e Kaiserin Catharina II. auf beiden Seiten mit Birkenb?umen bepflanzte Landstra?en anlegen lie?. Die Seitenwege waren aber sowohl für die Fu?g?nger, die man als Boten von Ort zu Ort sandte, sowie für die in Schlitten und Wagen Reisenden noch sehr gef?hrlich, besonders im Winter durch den tiefen Schnee. Zur überwindung dieser Gefahren wurde die Pferdepost eingeführt. Dazu geh?rte die Troika, das Dreigespann, der Postkutscher, Jamschezik genannt, ein halbwilder, schwerf?lliger, immer betrunkener Bauer, der bei seinem Pferde lebte und starb. Viel gebraucht wurde auch die Kibitka, ein plumpes W?gelchen, dessen vier schwere R?der zwei breite Holzstangen verbanden, auf denen ein aus Brettern zusammengesetzter, halb überdeckter Korb ruhte, oder die Telega, ein ebenso plumpes W?gelchen ohne Verdeck. Das Geschirr der Pferde bestand aus grobem Leder, das mit Messingblech reich verziert war. Das mittlere Pferd hatte über dem Kopfe ein Krummholz, in dessen Mitte eine m?chtige Glocke hing. Einen ebenso schwerf?lligen, echt russischen Charakter wie das Gef?hrt hatten die etwa 20-25 Werst von, einander entfernt liegenden Poststationen. Eine gro?e Stube mit wei?getünchten W?nden, ein gro?m?chtiger, mit schwarzem Wachstuch bezogener Divan, der lange, h?lzerne, auch mit Wachstuch benagelte Tisch, darauf der hohe, schmale, schmutzige, mit grünem Schimmel überzogene Samowar und ein schwarzes, verr?uchertes Teebrett mit blinden, unsauberen Gl?sern. Der hohe magere, immer, selbst am Mittag, schlaftrunkene, ungewaschene und ungek?mmte Stationschef in seiner unsauberen Vizeuniform mit den blinden Messingkn?pfen vervollkommnete das typische Bild, das mir heute nach 65 Jahren noch lebhaft vor Augen steht. - Von dieser Einrichtung konnten indes nur die reicheren Leute Gebrauch frischen, namentlich die h?heren Milit?rs und Kouriere, die zu Pferde Botschaften von den Hauptst?dten nach einer Gouvernementsstadt übermittelten, wozu man sich jetzt des Telephons und Telegraphen bedient.
Das gew?hnliche Publikum bediente sich eines einfachen, mit Leinwand bespannten Wagens, der von zwei oder drei Pferden gezogen wurde. Das bessere Publikum benutzte den. Tarantass, eine halbbedeckte Kutsche, die auf zwei dicken Holzstangen ruhte, oder den Fürgon, eine ganz mit Leder überdeckte Kutsche mit einer Tür in der Mitte. Nicht selten wurden diese Fuhrwerke samt den Passagieren auf freiem Felde vom Schneesturm verschüttet. - Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde durch den Bau der Chausseen diesen übelst?nden abgeholfen. Nun hemmte kein Berg, kein Sumpf, kein Wald das schnelle Vorw?rtskommen, und auf gradlinigem, ebenen Wege gingen die Fuhrwerke dahin. Die Sicherheit wurde dadurch erh?ht, da? au?er den Poststationen in regelm??igen Abst?nden Wachh?uschen mit W?chtern eingerichtet wurden. Das nun schon bequemere Reisen machte das Volk beweglicher. Handel und Verkehr entwickelten sich erstaunlich rasch und schon am Anfang der vierziger Jahre zeigte sich das Bedürfnis nach einem schnelleren Verkehrsmittel. Da wurde dann die Einrichtung der sogenannten Diligence getroffen, ein bequemer Wagen mit zwei Abteilungen, der zw?lf bis fünfzehn Personen zu einem m??igen Preis t?glich von Ort zu Ort führte. Er war mit drei Pferden bespannt und wurde von dem Postillon gelenkt, der eine eigenartige Uniform trug und auf seiner Trompete eine traditionelle Weise blies. In Russisch-Polen nannte man dieses Verkehrsmittel nach dem Unternehmer ?Stenkelerke?, in Ostpreu?en ?Journalière?. Man war im allgemeinen sehr mit dieser Einrichtung zufrieden und glaubte, nie etwas Besseres finden zu k?nnen. Gleichwohl wusste man schon um die Mitte der fünfziger Jahre auch in Ru?land von der Erfindung der Eisenbahn, und anfangs der 60er Jahre konnte man auch schon im Zarenreich weite Strecken per Dampf zurücklegen. In den vierziger Jahren brauchte man mit Postpferden sieben Tage, um eine Entfernung von 800 Werst zu überwinden, wofür in den sechziger Jahren mit der Eisenbahn drei?ig Stunden ausreichten.
Nicht minder bedeutsam war die Entwicklung des Verkehrswesens innerhalb der St?dte: im Anfang ein elendes Korbw?gelchen auf h?lzernen R?dern, von einem mit Stricken angeschirrten Pferde langsam gezogen, für das ?Volk?, und zwar nur für zwei Personen; für das bessere Publikum die sogenannte Droschke oder ?Lineika?, die heute noch existiert: ein Lederkorb auf h?ngenden Ressorts, zwei Deichselstangen, zwischen die ein Pferd mit einem Krummholz über dem Kopfe eingespannt war. In der Lineika war für acht Personen Platz, auf einem langen Sitze sa?en auf jeder Seite vier Personen, Rücken an Rücken. Diese Gef?hrte schüttelten und rüttelten auf dem holprigen Pflaster die Passagiere lange Zeit, und wurden erst allm?hlich so weit verbessert, da? die Droschke auf liegenden, niederen Ressorts angebracht und der Sitz mit Federkissen versehen wurde, bis schlie?lich die Gummireifen um die R?der dem Schütteln ein Ende machten und anstelle der Kissen bequeme, breite Sofasitze traten.
Ende der siebziger Jahre wurde die Stra?en-Pferdebahn eingeführt und die ersten Velocipede tauchten auf, bis in den neunziger Jahren die elektrische Tramway eine weitere Vervollkommnung brachte, die dann nur wieder durch das Automobil übertrumpft wurde.
Der Wegebau - der ja erst die Vervollkommnung der Verkehrsmittel erm?glichte, wurde in Form von Submissionen vergeben. Jeden Sp?therbst, veranstaltete die russische Regierung in Brest die Torgy, d. h. die Vergebung der Bauarbeiten und Lieferungen. Aus diesem Anla? kam gew?hnlich mein Gro?vater aus Warschau zu uns. Auch aus anderen: St?dten trafen viele ?Padradziki? ein. Zu des Gro?vaters Empfang wurden gro?e Anstalten getroffen; mein Vater wurde, durch Estafette, reitende Eilboten, die auf jeder Poststation das Pferd wechselten, von dem Tag seines Eintreffens vorher genau benachrichtigt. Schon am Morgen des betreffenden Tages waren alle im Hause und besonders wir Kinder voller Ungeduld und Erwartung. Zur bestimmten Stunde begaben wir uns auf den Paradebalkon oder auch auf den Korridor, um da zwischen den S?ulen eine geeignete Stelle zu finden, damit uns der Gro?vater zu allererst bemerke. Aller Augen waren auf die nahe Brücke gerichtet. Die Erwartung hatte den h?chsten Grad der Spannung erreicht. Endlich rasselte es auf der Brücke, und wir sahen die gro?e, viersitzige Equipage des Gro?vaters, von vier Postpferden gezogen. (Aber auch von unseren Blicken m?chtig angezogen.) Jeder von uns streckte sich kerzengrade und strich sich das Haar von der Stirn und die Herzen pochten ...
Der Wagen hielt nun endlich vor dem Balkon. Ein hoher, hagerer, blonder Diener, in einem Lakaienmantel, mit einigen aufeinander folgenden Kragen, sprang vom Bock, ?ffnete den Wagenschlag und half dem Gro?vater heraus. Er war ein ehrwürdiger, stattlicher Greis, dem Aussehen nach noch ziemlich rüstig, mit langem, grauen Bart, hoher breiter Stirn, gro?en ausdrucksvollen Augen von strengem Blick. Doch sein v?terliches Auge ruhte mit Stolz und Z?rtlichkeit auf seinem Sohne. Es erfreute das Herz des alten Mannes vollends, da? unser Vater trotz seiner vielfachen Gesch?fte noch immer Zeit genug fand, flei?ig den Talmud zu studieren. Wie oft pflegte der Greis zu sagen, er beneide meinen Vater um sein gro?es, talmudisches Wissen und um die Mu?e, die er für das Studium finde.
Meine Mutter wurde vom Gro?vater zuerst begrü?t, aber ohne H?ndedruck. Meinen Vater, meinen ?lteren Bruder und meine Schw?ger umarmte er; zu meinen ?lteren Schwestern und zu uns Kindern wandte er sich mit den Worten: ?Was macht Ihr, Kinderchen?? Aber diese wenigen Worte waren hinreichend, uns vor Freude hüpfen zu machen. Von dem ganzen Schwarm, der sich auf dem Balkon befand, begleitet, begab sich dann der Gro?vater ins Haus.
Wir kleinen Kinder durften nicht gleich in die festlich geschmückten R?ume eintreten. Wir nahmen daher unseren Rückweg durch die Tür links und gelangten durch den Hauptkorridor in unser Zimmer. Meine ?lteren Schwestern hatten schon das Recht, die ersten Stunden mit dem Gro?vater und den Eltern zusammen zu bleiben und sich an der Besprechung der Gesch?ftsangelegenheiten zu beteiligen. Wir Kleinen wurden erst am darauffolgenden Morgen von der Mutter zum Gro?vater geführt, der uns z?rtlich Haar und Wange streichelte. Doch kam es selten zu einem Ku?. Er lie? uns durch seinen Diener die guten Warschauer Bonbons und Apfelsinen, die er uns mitgebracht hatte, geben. Unsere ?Audienz? w?hrte jedoch nur wenige Minuten. Wir kü?ten die wei?e, kr?ftige Hand, die er uns reichte, wünschten dem von uns so geliebten und hochgesch?tzten Manne einen ?guten Morgen?, verbeugten uns und entfernten uns, ohne ein überflüssiges Wort an ihn zu richten.
So lange der Gro?vater bei uns weilte, war im Hause ein Hin- und Herlaufen, ein L?rmen, ein Kommen und Gehen von G?sten und Gesch?ftsfreunden, im Hofe ein Ein- und Ausfahren von Equipagen und Droschken. Das Mittagbrot wurde sp?ter als sonst genommen. Man deckte im gelben Salon den gro?en Tisch aus dem E?zimmer; das ganze Silber-, Kristall- und Porzellangeschirr wurde verwendet, und die G?nge und die L?nge der Tafel hatten eine ungew?hnliche Ausdehnung, da viele G?ste geladen waren. Von meiner ?lteren Schwester bis zur jüngsten fand niemand an dem langen Tische Platz. Es wurde für uns zu unserer gr??ten Freude im E?zimmer ein besonderer Tisch hergerichtet, wo unsere Njanja (Kinderw?rterin) Marjascha bediente - ein dralles, rotwangiges M?dchen mit schwarzen, dicken Z?pfen und einem roten Tuch, das sie turbanartig um den Kopf gewickelt hatte. Meine ?ltere Schwester Chasche Feige brachte uns selbst schmackhafte Gerichte, Kuchen usw. von der gro?en Tafel herüber. Wir waren von der strengen Disziplin, die drüben herrschte, befreit und genossen, auf uns selbst angewiesen, die vollkommenste Freiheit.
Am Abend fanden sich noch andere G?ste ein, darunter viele Christen, hochgestellte M?nner vom Milit?r, Ingenieure, Baukommiss?re, mit denen der Gro?vater Preference spielte. Ein reiches Dessert wurde aufgetragen, wovon wir Kinder wieder unseren gerechten Anteil erhielten; und wenn wir von der Mutter noch die Erlaubnis bekamen, damit auf den Ofen im E?zimmer zu klettern und dort Licht anzuzünden, verlangten wir vom Schicksal nichts mehr. Denn auf dem Ofen war es so traulich, so gemütlich, dort, wo selbst am Tage ein Halbdunkel herrschte, wo sich in einem Winkel unsere Puppen mit ihren Bettchen, Kleidern und allerlei Blecht?pfe, Schüsseln und dergleichen befanden. Marjascha leistete uns immer Gesellschaft, und sie wu?te so interessante M?rchen zu erz?hlen. Ach, das war der Ort, wo wir Kinder die Welt umher verga?en, mochte es unten in den pr?chtigen R?umen noch so munter zugehen: wir waren hier wunschlos-glücklich. Meine Mutter gestattete aber nur ungern den Auszug auf den Ofen; denn der Weg hinauf war unsicher: man mu?te den einen Fu? in eine eigens dazu gemachte Vertiefung setzen und sich mit dem zweiten in der Luft rasch hinaufschwingen, wobei man oft das Gleichgewicht verlor und kopfabw?rts auf die Diele stürzte. Auch oben fehlte es nicht an Gefahren; neugierig auf das Treiben im E?zimmer, streckten wir die K?pfe über den Ofenrand hinaus, der andere Teil des K?rpers schwebte fast in der Luft. Erst wenn eine auf die Diele stürzte, wurden wir uns bewu?t, in welcher Gefahr wir ?schwebten?. Dennoch erwirkten wir oft die Erlaubnis, uns für einen ganzen Abend auf dem ersehnten Pl?tzchen niederzulassen. Der Ofen bildete dort oben ein ger?umiges Viereck, in dem man nicht stehend, sondern blo? sitzend oder liegend Platz hatte. Denn die Decke war sehr niedrig.
In den Zimmern unten ging es ziemlich lebhaft zu. Nachdem man den Tee und das Dessert eingenommen hatte, wurde noch viel von Gesch?ften gesprochen.
Es war ein reges Treiben, und die Ruhe kehrte erst wieder bei uns ein, wenn der Gro?vater alle Gesch?fte geordnet hatte. Der Gro?vater hatte die Ausführung der Festungsbauten in Brest übernommen, für die mein Vater viele, viele Millionen mit seinen Initialen J. E. gestempelter Ziegel liefern mu?te. Wir bekamen zum Abschied sch?ne Gold- und Silbermünzen. Der Gro?vater reiste ab. Im Hause wurde es wieder still wie nach einer Hochzeit in den vierziger Jahren (nicht etwa wie nach einer in den achtziger Jahren!).
Kurze Zeit darauf nahte ein neuer, lieber Gast - das Makkab?erfest (Chanuka) mit all seinen munteren und aufregenden Ereignissen. Schon am Sonnabend vorher mu?te die Chanukalampe geputzt bereit stehen. Beim Putzen waren wir Kinder zugegen, beschauten jedes einzelne Teilchen und erg?tzten uns daran. Die Lampe war aus Silberdraht geflochten und hatte die Form eines Sofas. Die Lehne trug einen Adler, über welchem ein V?gelchen in natürlicher Gr??e mit einer Miniaturkrone auf dem K?pfchen sa?. An beiden Seiten des Sofas befanden sich kleine R?hren, in denen Wachskerzchen staken, w?hrend auf dem Sitze acht Miniaturkrügchen standen, die ?l enthielten - zur Erinnerung an den kleinen ?lkrug, den man einst, wie die Sage erz?hlt, im Tempel zu Jerusalem nach der Vertreibung der Feinde durch die Makkab?er gefunden und der für volle acht Tage zur Beleuchtung des Tempels hingereicht hatte. Zur Erinnerung an dieses Wunder feiern die Juden allj?hrlich auch durch Anzünden von Lichtern und ?llampen das Makkab?erfest, das in erster Reihe ein Siegesfest ist. - Der erste Chanuka-Abend wurde von uns Kindern mit Herzklopfen erwartet. Der Vater verrichtete sein Abendgebet, w?hrend unsere Mutter in das erste Krügchen ?l eingo?, den Docht in die R?hrchen einzog, zwei Wachskerzen in die zu beiden Seiten befindlichen kleinen Leuchter und einen in die Krone des V?gelchens steckte. Wir Kinder standen um sie herum und verfolgten jede ihrer Bewegungen mit Andacht! Der Vater vollzog die rituelle Handlung: das Anzünden des ersten Lichtes an der Chanukalampe. Er sprach das vorgeschriebene Gebet, steckte dabei ein dünnes Wachskerzchen an, womit er im ersten ?lkrügchen den Docht anzündete. Jetzt begann der Feierabend, denn arbeiten durfte man nicht, so lange das ?l im Krügchen brannte.
War das ein Jubel bei uns Kindern! Denn auch wir durften an diesem Abend Karten spielen. Wir holten unsere paar Kupfermünzen hervor und hielten uns für Million?re. Wir setzten uns um den Tisch, und unsere kleinen Cousinen gesellten sich auch zu uns. Indes bildeten unsere Eltern, die erwachsenen Geschwister und einige Bekannte, die zu Besuch gekommen waren, einen gr??eren Kreis. Am fünften Abend dieser Woche sandte meine Mutter Einladungen an alle unsere Verwandten und Bekannten. An diesem Abend erhielten wir Kinder auch von der Mutter das so sehnlich erwartete Chanukageld, das gew?hnlich in neun gl?nzenden Kupfermünzen bestand. Man blieb an diesem Abend sp?ter auf als gew?hnlich, spielte auch l?nger Karten, und es wurde ein reiches Abendbrot geboten, bei dem die sogenannten Latkes[B] das Hauptgericht bildete. Latkes sind eine Art Flinsen aus Buchweizenmehl mit G?nsefett und Honig; sie werden aber auch aus Weizenmehl mit Hefe, eingemachten Früchten und Zucker zubereitet und sind sehr schmackhaft. Als Getr?nk gab es eine Art Kaltschale, aus Bier, ?l und ein wenig Zucker bestehend. Dazu kam Schwarzbrot, klein geschnitten, mit Zucker und Ingwer bestreuter Zwieback. G?nsebraten wurde gereicht mit allen m?glichen Beilagen, gesalzenen und sauren, unter denen der Sauerkohl und die Gurken nicht fehlen durften. Endlich ein reiches Dessert von Konfitüren und Früchten, wobei Keller und Vorratskammer viel einbü?ten. Die G?ste musterten, beurteilten und lobten die Speisen.
Das Ergebnis des Kartenspielens konnte man auf unseren Gesichtern lesen; mancher verlor sein ganzes Chanukageld und bemühte sich, die Tr?nen zu verbergen. Es blieb nur ein Trost: die Hoffnung, da? solche Spielabende sich wiederholen werden. Dann wandte sich das Glück und füllte wieder die leere B?rse.
An solchen Abenden stellte mein Vater sogar das ?Lernen? im Talmud ein und gesellte sich zu den Spielenden, obgleich er, wie meine Mutter, keine Idee vom Kartenspiel hatte. Sehr beliebt war auch das ?Dreidlspiel?, auch goor genannt. Das Dreidl wurde eigens aus Blei gegossen. Es hat eine würfel?hnliche Form. Unten war eine Spitze, so da? der ?Apparat? wie ein Kreisel gedreht werden konnte. Auf jeder der Seitenfl?chen war ein Buchstabe markiert. Fiel das Dreidl auf ?, so hatte der Spieler verloren. Bei ? blieb der Einsatz stehen. Fiel es auf ?, so konnte er die H?lfte des Einsatzes nehmen. Wenn das Dreidl aber auf ? fiel, so war ?goor?; der Würfler konnte den ganzen Einsatz einstreichen.
Nach der Chanuka-Woche kam das Leben in unserem Hause wieder ins alte Geleise. Es sei denn, da? Einquartierung die Ruhe wieder st?rte: Besuch eines hochgestellten Milit?r- oder Zivilbeamten. Die Festung in Brest besa? damals noch keinen Palast, und das Haus meiner Eltern war reich und bequem eingerichtet. Der damalige Kommandant Piatkin, der mit meinem Vater befreundet war, pflegte hohe G?ste in unserem Hause einzulogieren. Mancher kann ich mich noch sehr gut erinnern, z. B. des Fürsten Bebutow aus Grusinien im Kaukasus, der sp?ter in Warschau einen hohen Posten bekleidete. Er wohnte sehr lange bei uns, war zu uns Kindern freundlich und gegen alle sehr zuvorkommend. Oft brachte er uns, w?hrend wir im Blumengarten vor den Fenstern spielten, Bonbons und Honigkuchen, und unterhielt sich mit uns gemütlich in russischer Sprache. Er hatte einen Diener, der Johann hie?. Er war lang und hager, hatte eine Habichtsnase und mandelf?rmig geschnittene, schwarze, glühende Augen, kletterte wie eine Katze bis zur ?u?ersten Spitze der h?chsten Pappel, machte kunstvoll die Dschigetowka burduk, indem er sich von seinem im raschesten Lauf hinstürmenden, feurigen Pferde bis zur Erde herabneigte, um eine kleine Münze aufzuheben. Er war recht j?hzornig; man durfte ihn nicht reizen oder ihm in den Weg kommen, wenn er aufgeregt war, denn er führte immer einen Dolch bei sich. So hat er einen Hund, der ihm einmal vor den Fü?en lief, mit dem Dolch entzwei gehauen. Ein anderes Mal hat er einen Hahn im Fluge aufgefangen und ihm mit den H?nden den Kopf vom Rumpfe heruntergerissen. Wir Kinder fürchteten ihn sehr.
Der zweite Gast, dessen ich mich noch entsinnen kann, war der damalige Gouverneur von Grodno, Doppelmeyer, der oft nach Brest kam und stets bei uns wohnte. Er war ein sehr leutseliger, starker, blonder Herr, der bei uns als guter Freund aufgenommen wurde. Er hielt es für seine Pflicht, meinen Eltern, so oft er kam, eine Visite zu machen. Geschah dies an einem Freitag Abend, so wurde er mit einem Stück Pfefferfisch regaliert, den er mit gro?em Appetit verzehrte. Auch dem sch?nen geflochtenen Schabbes-(Sabbat) Strietzel lie? er volle Gerechtigkeit widerfahren. Es mu? ein wohlgef?lliges Bild gewesen sein, wenn alle meine Geschwister mit ihren jungen, blühenden Gesichtern und meine Eltern um den Tisch sa?en. Denn der Gouverneur sagte viel Schmeichelhaftes darüber und beglückwünschte meine Eltern. Er unterhielt sich mit meinem Vater über mancherlei ernste Angelegenheiten und blieb plaudernd bis zum Ende der Mahlzeit: Der Verkehr zwischen Juden und Christen war damals noch nicht durch den Antisemitismus vergiftet ...
Unter den G?sten meines Vaterhauses war auch ein kleines, jüdisches M?nnchen, das allj?hrlich im Hochsommer zu uns kam und einige Wochen bei uns weilte. Er geh?rte der Sekte ?Dower min hachai? an, d, h. die nichts vom Lebendigen Genie?enden; die man jetzt Vegetarier nennt. Er hielt diese Vorschriften aber so strenge inne, da? er nicht einmal von dem Geschirr a?, das auch nur einmal zu Fleischspeisen benutzt worden war. Meine fromme Mutter pflegte selbst für ihn die Speisen zuzubereiten, eine Suppe aus sauren, roten Rüben oder Sauerampfer, Grützbrei ohne jeden Fettzusatz, nur mit etwas Baum?l zubereitet; ferner Nüsse in Honig, oder Rettig in Honig mit Ingwer gekocht, Tee und schwarzen Kaffee. - Er war ein stiller, h?chst bescheidener Mann und wurde von uns allen sehr verehrt, insbesondere auch von meinem Vater, der mit ihm in seinem Kabinett über die Folianten gebeugt zu sitzen und zu disputieren pflegte.
Das Leben im Winter hatte für mich einen besonderen Reiz. Gerade wenn es tüchtig schneite, liebte ich es, drau?en herum zu spazieren. In der D?mmerstunde, wenn ich zu frieren anfing, schlich ich mich in den ?Flügel?, so hie? das Seitengeb?ude im Hofe, wo meine verheirateten Schwestern mit ihren M?nnern und Kindern lebten. Mein Besuch dort galt der Njanja (Kinderw?rterin) des kleinen Sohnes meiner Schwester. Die Njanja erz?hlte mir oft sehr interessante M?rchen und sang sehr sch?ne Liedchen. Ich fand sie gew?hnlich an der Wiege sitzend, die sie mit einem Fu? in Bewegung hielt, w?hrend ihre gerunzelten, blau-gelben H?nde an einem dunkelgrauen, groben Wollstrumpf strickten. Ich kroch mit H?nden und Fü?en auf das Bett, auf dem sie sa?, und bat mit allerlei Schmeichelworten, sie solle mir den Strumpf zum Stricken geben.
?Nein?, grinste sie, ?du wirst wie gestern nur wieder die Maschen fallen lassen. Geh weg von mir!?
?Chainke, Jubinke?, begann ich aufs Neue, ?wenn Ihr mir nicht den Strumpf gebt, so singt mir von den Liedelach, die Ihr singt, wenn Ihr Berele einschl?fert.?
Gr?mlich antwortete sie: ?Mir ist nicht zum Singen.?
?Seid Ihr krank, Chainke?? fragte ich sie besorgt.
?La? mich in Ruh?, schrie sie aufspringend. Aber ich lie? mich von dieser ihr eigenen Laune nicht abschrecken und wiederholte meine Bitte, die ich durch Küsse ihrer faltigen Wangen und Streicheln ihres runzeligen Halses unterstützte.
?Mischelaches!? (Gottesplage) schrie sie auf, ?um von dir poter zi weren (um dich los zu werden), werd' ich dir schon singen.?
Ich setzte mich zurecht, als ob sie ohne meine Vorbereitung nicht singen k?nnte und lauschte.
Und sie sang:
?Patschen, patschen Küchalach,
Kaufen, kaufen Schichalach,
Schichalach kaufen,
In Cheider (Schule) wet das Kind laufen,
Laufen wet es in den Cheider,
Lernen wet es gur Kiseider (der Reihe nach)
Wet es oblernen etliche Schures (einige Zeilen)
Wet man heren gute Bsures (gute Nachrichten h?ren)
Bsures toiwes (gute) zu zuheren
Abi dem Oilom (Publikum) a Eize zu geben (Rat zu geben),
Eine Eize zu geben mit viel Mailes (gute Eigenschaften)
Wet das Kind paskenen Scheiles (Fragen über koscher und treife und andere talmudische Fragen entscheiden)
Scheiles wet es paskenen.
Drosches wet es darschenen (talmudische Reden halten)
Wet men ihm schicken die gildene Pischkele, (wird man ihm schicken eine goldene Dose)
Un a Streimele (Festtagspelzmütze)?
?Ach, wie sch?n, wie sch?n?, rief ich, Beifall klatschend, ?Aber Ihr werdet mir noch, Chainke, ein zweites Liedele singen.?
?Was is dus heint far a Mischelaches (Gottesplage) auf mir gekummen!? Sie sprang schreiend auf vom Sitz, so da? eine Stricknadel in die Wiege fiel und die Maschen von ihr herabglitten. Nun zweifelte ich nicht, da? ich heute nichts mehr zu h?ren bekommen würde. Ich blieb still sitzen, bis sie brummend und grimmig den Strumpf in Ordnung gebracht hatte; sie sah mich mit wütenden Blicken von der Seite her an, als verst?nde es sich von selbst, da? ich Schuld an dem Unfall hatte. Ich regte mich nicht. Und da sie in meinen Mienen das Bekenntnis meiner Schuld fand, wurde sie wieder vers?hnt. - Freilich trug auch mein Versprechen, ihr etwas von meinem Vesperbrot zu bringen, zur Besserung ihrer Laune bei. Um mich los zu werden, sang sie mir noch ein zweites Lied:
?Schlaf mein Kind in Ruh,
Mach deine koschere (reine) ?ugelach zu.
Unter dem Kinds Wiegele
Steht a wei?e Ziegele,
Die Ziegele is gefohren handeln,
Rosinkes (Rosinen) mit Mandeln.
Das is die beste S'choire (Ware)
Berele wird lernen Toire
Toire, Toire im Kepele (K?pfchen)
Kasche (Brei) Kasche im Tepele (T?pfchen)
Broit (Brot) mit Butter schmieren
Der Tate (Vater) mit der Mame (Mutter) Berele zu der Chupe (Trauung) führen.?
Es ist bezeichnend, da? der Jude damals selbst in den Wiegenliedern nur vom Thoralernen, Cheidergehen phantasierte - und nicht von Jagd, Hunden, Pferden, Dolchen, Krieg.
Chainke begeisterte sich an ihrem Gesange selbst recht sehr und sang mir noch mehrere Liedchen. Eins m?chte ich hier noch anführen:
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Brenselie
As der Tate schlugt die Mamme
Reissen die Kinderlach Krie -
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Pomeranzen
As der Tate kuscht die Mamme,
Gehen die Kinderlach tanzen.
Sicher animierte sie zu dieser Zugabe die Aussicht auf mein Vesperbrot. Inzwischen war es recht dunkel geworden. Ich lief eilig über den Hof ins Hauptgeb?ude zurück, wo meine Geschwister schon tüchtig dem Vesperbrot zusprachen. Unser Kinderm?dchen Marjascha konnte mit dem Brotschneiden und dem Aufstreichen von eingemachten Stachelbeeren - unserem Lieblingsgericht - gar nicht fertig werden. Ich bekam meinen Teil und husch! war ich schon wieder auf dem Wege zum Flügelgeb?ude, wo ich von der mir jetzt geneigten S?ngerin viel freundlicher als zuvor behandelt wurde. Und wir verzehrten gemeinschaftlich mit Behagen den Leckerbissen..... -
.... Die gr??ere H?lfte des Winters war vorüber, und das Purimfest mit seinen aufregenden Freuden, mit den vielen Beschenkungen stand vor der Tür. Damals war es unerl??lich, für unsere Cousinen und Nichten Handarbeiten zum Scholachmones (gesandte Geschenke) anzufertigen. Wir arbeiteten Tage und N?chte mit gro?em Eifer, und als nun alles fertig war, erg?tzten wir uns bei dem Gedanken, wie die Beschenkten vor Bewunderung beinahe neidisch auf unsere Geschicklichkeit sein würden. Der ersehnte Purimtag rückte immer n?her. Am Vortag war Esthertanes (der K?nigin Esther Fasttag), an dem alle ?lteren Familienmitglieder fasteten. Schmackhafte Purimb?ckereien wurden von meinen Schwestern im Hause bereitet. Die Hauptrolle spielten die Hamantaschen (dreieckige Mohnkuchen) und die Monelach (in Honig gekochter Mohn). Gerieten sie gut, so versprach man sich ein gutes Jahr. Wir Kinder durften auch bei dieser Arbeit helfen, konnten wir doch bei dieser Gelegenheit nach Herzenslust naschen. Der ganze Tag verging ohne die üblichen Mahlzeiten. Aber wie gro? war die Lust, sich am Abend unter die gro?en mischen zu dürfen und die gebackenen, gebratenen und gekochten Herrlichkeiten verzehren zu k?nnen! Und erst die freudige Aussicht auf den n?chsten Tag! Am Abend wurde zu Hause gebetet. Nachher fand sich eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein. Hierauf wurde die M'gilla Esther (das Buch Esther) vorgelesen. Und so oft der verha?te Name Haman vorkam, stampften die M?nner mit den Fü?en, und die Jugend l?rmte mit den schrillen Gragers (Schnarren). Mein Vater ?rgerte sich darüber und verbot es. Aber es half nichts: jedes Jahr tat man es wieder.
Erst nach dem Ablesen der M'gilla, das oft bis acht oder neun Uhr abends dauerte, begab man sich ins E?zimmer, und lie? sich die appetitlichen Speisen, die in reicher Fülle auf dem Tisch standen, gut schmecken. Jeder bediente sich, so rasch er konnte, um den laut protestierenden Magen, der doch mehr als 20 Stunden keine Nahrung erhalten hatte, zu befriedigen.
Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages konnten wir Kinder vor Aufregung nicht mehr schlafen und riefen einander noch in den Betten zu: ?Was ist heute?? - ?Purim!? lautete die frohlockende Antwort. Und nun kleidete man sich so rasch wie m?glich an. Die freudige Erwartung verwandelte sich in Ungeduld. Wir wünschten, der Morgen m?ge doch endlich schon zum Nachmittag werden, da wurden ja die Scholachmones abgeschickt und empfangen.
Mein Vater und die jungen Leute kamen aus dem Bethause, wo ein Halbfeiertagsgottesdienst abgehalten und wieder die M'gilla vorgelesen worden war. Das Mittagmahl wurde zu früher Stunde genommen (es bestand aus den vier traditionellen G?ngen: Fische, Suppe mit den unvermeidlichen Haman-Ohren, d. h. dreieckige Kreppchen, Truthahn und Gemüse), um die zweite Mahlzeit, die Sude (Festmahl), die eigentlich am Purimfest die Hauptrolle spielte, noch vor Abend beginnen zu k?nnen. Dabei gibt sich der Jude, - so will es der Gebrauch - der wahren oder der vermeintlichen Freude hin und darf sich einen kleinen Rausch antrinken. So viel ich mich zu erinnern wei?, ist jeder Jude an diesem Tage munter und fr?hlich, er g?nnt sich gutes Essen und Trinken und bemüht sich schon Tage vorher, für den Schmaus viel Geld aufzutreiben.
Uns Kinder besch?ftigte nur der Gedanke an das Abschicken und Empfangen des Scholachmones. Endlich kam die wichtige Stunde, da alle fertigen Geschenke auf ein Teebrett gelegt wurden. Dem Dienstm?dchen wurde eingesch?rft, welches Geschenk für den und jenen bestimmt sei. Mit besorgter, vor Aufregung bebender Stimme wurde ihr verboten, sich unterwegs aufzuhalten oder mit jemand zu sprechen, nicht einmal im Vorübergehen. Sie sollte direkt zu unseren Tanten gehen. Selbst die Art, wie sie das Teebrett mit den Geschenken auf den Tisch setzen müsse, und wie sie jedem sein Geschenk auszuh?ndigen habe, wurde ihr genau angegeben. Dabei stellten wir uns lebhaft die Ausrufe des Entzückens vor, die unsere Arbeiten hervorlocken würden. Und wir zeigten wiederholt dem M?dchen jedes Stück. Endlich ging das M?dchen fort und gelangte glücklich an Ort und Stelle.
?Bist du von den Kindern der Muhme geschickt?? eilten dem M?dchen dort die Kinder, hastig fragend, entgegen - denn ebenso wie bei uns, war man auch dort aufgeregt und ungeduldig gewesen.
?Ja!? stammelte das bestürmte M?dchen, das kaum die Wohnstube erreichen konnte, da ihr alle l?rmend und fragend folgten. Sie bem?chtigten sich endlich des Tablettes, stürzten sich auf die Geschenke, um alles zu besichtigen, zu beurteilen und zu bewundern. Das unbeholfene M?dchen tat nicht so, wie wir befohlen hatten, da sich die Beschenkten die Sachen, ohne zu fragen, selber nahmen. Dann machten sich die Kinder daran, die für uns bestimmten Geschenke abzusenden. Das geschah in der n?chsten Viertelstunde. Die arme Botin aber, welche mit solchem Jubel empfangen worden war, ging fast unbemerkt, ganz still fort und wurde von uns dann mit der gleichen Ungeduld und Spannung ausgefragt, ob man drüben sehr erstaunt gewesen, und welche Meinung über unsere Geschenke ge?u?ert worden sei. Nun empfingen wir von unseren Cousinen die Gegengeschenke, welche unsere Erwartungen weit übertrafen oder - auch nicht. Bei ihrer Entgegennahme mu?ten wir an uns halten, ruhig zu bleiben. Wir durften uns vor der Botin nicht so ungeduldig und so neugierig zeigen, wie wir es tats?chlich waren; denn die Mutter hatte uns streng befohlen, ein ruhiges, würdiges Benehmen an den Tag zu legen.
Inzwischen wurden allerhand Purimspiele (Szenen aus der biblischen Geschichte, haupts?chlich aber mit einem Motiv aus dem Buch Esther) vorgeführt. Die erste Szene brachte das Achaschweros (K?nig Artaxerxes)-Spiel nach der Migilla, diejenige, in der der K?nig, Haman, Mardechai und die K?nigin Esther die Hauptrollen hatten. Gew?hnlich gab ein junger Bursche in Damenkleidern die K?nigin Esther, die von uns mit neugierig erregten Augen verfolgt und angestaunt wurde. Die Kleidung der anderen Darsteller zeichnete sich nicht durch besondere Reinlichkeit und Eleganz aus. Der dreieckige Hut mit dem Federbusch, die Epauletten und das Portepee waren aus dunkelblauem und wei?gelbem Pappendeckel verfertigt. Die Aufführung dauerte l?nger als eine Stunde, und wir folgten ihr mit dem gr??ten Interesse. Dann kam das Josefsspiel, dessen interessanteste Szenen der Bibel entlehnt sind. Bei allen Stücken wurde viel gesungen. Ich erinnere mich genau der Melodieen - und des komischen Tanzes, den Zirele Waans, eine Frau aus dem Volke, und ein armer Mann, Lemele Futt, aufführten. Sie tanzten und sangen dazu im Jargon. Wir kicherten heimlich über die grotesken Gestalten und ihre eckigen Bewegungen.
Am amüsantesten für uns Kinder war das sogenannte Lied von der Kose (Ziege). Ein Fell mit einem Ziegenkopf wurde von einem Mann, der darin stak, auf zwei St?cken gehalten. Der Ziegenhals war mit allerlei bunten Glasperlen und Korallen, Silber- und Messingmünzen, Schellen und noch vielem anderen schimmernden, blinkenden Zeug behangen. Auf den beiden H?rnern waren zwei gr??ere Gl?ckchen befestigt, die bei jeder Kopfwendung schrill erklangen und sich mit dem anderen bimmelnden Tand zu einer seltsamen ?Musik? vereinigten. Der gute Mann im Ziegenfell machte allerhand Bewegungen, er tanzte, sprang hoch und nieder. Das Singen besorgte mit lustiger, heiserer Stimme der Führer der Kose (Ziege).
Das Liedchen lautet:
Afen hoichen Barg, afen grünem grus, (gras)
Stehn a por Deutschen mit die lange Beitschen.
Hoiche manen seinen mir
Kürze kleider gehen mir.
Owinu Meilach (Unser Vater, K?nig)
Dus Harz is üns freilach. (fr?hlich)
Freilach wellen mir sein
Trinken wellen mir Wein.
Wein wellen mir trinken
Kreplach wellen mir essen
Un Gott wellen mir nit vergessen.
Der S?nger war ein hagerer, langer, blonder Bursche, der das ganze Jahr in unserer Ziegelfabrik Lehm transportierte und den Spitznamen die ?Kose? trug. Für uns kleine Kinder war das Schauspiel voller Erg?tzlichkeiten. Aber wir konnten uns dennoch eines gewissen Angstgefühles nicht ganz erwehren und flüchteten uns auch bald, nachdem sie erschienen, auf den Ofen im E?zimmer, von dem aus wir die Vorg?nge mit mehr Sicherheit überschauen konnten. Und da sahen wir mit Interesse, wie ?die Kose? ein Glas Branntwein hinuntergo?, das unsere Mutter ihr an den Mund gebracht hatte, dann steckte die Mutter ihr einen gro?en Purim-Mohnkuchen in den Mund, welchen die Kose, wie uns schien, im Nu verschluckte. Zu einer festen Ansicht, ob es denn wirklich eine Ziege war, oder ob ein Mensch darin stak, kamen wir nicht. Die Sache erschien uns durchaus r?tselhaft....
Der Scherz wurde laut belacht, und der Lehmführer wurde mit einem guten Trinkgelde verabschiedet, wofür er mit komischen Geb?rden dankte und alle segnete. Die vorgeführten Szenen fanden im Speisezimmer statt und wurden durch die vielen Boten, die Scholachmones brachten, oft unterbrochen. Die Boten harrten der Auftr?ge meiner Mutter, welche für die Abschickung der Gegengeschenke Anordnungen traf. Auf dem langen Tisch befanden sich verschiedene Sorten teuren Weines, englisches Porter, die besten Lik?re, Rum, Kognak, Bonbons, Apfelsinen, Zitronen, marinierter Lachs. Diese edlen Dinge verteilte meine Mutter und meine ?lteren Schwestern unaufh?rlich auf Teller, Schüsseln und Tablette. Es gab kein bestimmtes Ma?, keine bestimmte Zahl. Eine Sendung bestand gew?hnlich aus einer Flasche Wein oder englischem Porter und einem Stück Lachs, aus Fischen und einigen Apfelsinen oder Zitronen. Ein so zusammengestelltes Geschenk war zumeist einem Herrn zugedacht. Die Geschenke für Frauen bildeten Kuchen, Früchte und Bonbons. Die Leute niederen Standes erhielten Honigkuchen, Nüsse, ?pfel auf einem Teller, der mit einem roten Taschentuch überdeckt war, dessen Enden nach unten zusammengeknotet wurden. Ich erinnere mich lebhaft eines aufregenden Vorfalles am Purim. Meine Mutter hatte vergessen, einem Hausfreunde Scholachmones zurückzuschicken.[C] Das fiel ihr erst sp?t nachts ein, und sie konnte vor ?rger darüber nicht einschlafen. Am frühen Morgen kleidete sie sich rasch an und begab sich zu dem Freunde, um ihn um Verzeihung zu bitten und zu beteuern, da? der Irrtum nicht aus Geringsch?tzung, sondern aus Verge?lichkeit geschehen w?re. Die Versicherung war n?tig, denn der Freund hatte sich tats?chlich zurückgesetzt und verletzt gefühlt. Von solcher Wichtigkeit und Bedeutung war damals jeder jüdische Gebrauch!
Die Boten kamen und gingen, und so verflossen die Nachmittagsstunden von eins bis sechs Uhr, die uns Kindern lauter Naschwerk und Leckerbissen brachten. Diese Zeit pflegte der Vater für sein Nachmittagsschl?fchen zu verwenden. Als er aufstand, erwartete ihn bereits der dampfende Samowar mit dem duftenden Tee auf dem Tisch. Sodann verrichtete er das Vorabendgebet. Denn die Sude (Festmahl) stand nahe bevor. (Nach der Vorschrift mu? diese noch vor Abend beginnen.)
Der gro?e Kronleuchter im gelben Salon wurde angesteckt. Alle Wachskerzen in den Wandleuchtern brannten. Auch die übrigen Zimmer waren hell erleuchtet. Die Tafel wurde aufs neue mit allen erdenklichen kalten, schmackhaften Speisen besetzt. Besondere Sorgfalt wurde an diesem Abend auf die Getr?nke verwendet, was in unserem Hause sonst nicht üblich war. Fast schien es, als s?he es unser Vater als gutes und gottgef?lliges Werk an, wenn sich jemand am Purim ein R?uschchen antrank.
Wir Kinder führten an diesem Abend eine Posse auf, in der meine ?ltere Schwester und ich die Kleider der Njanja und der K?chin benützten. Sie waren natürlich zu lang und zu breit und schleppten nach. Meine Schwester stellte eine Mutter dar, ich ihre Tochter, deren Gatte sie mit einem Kinde in Armut verlassen hatte. Gute Menschen sollten uns nun helfen, den Mann aufzusuchen, denn sonst mu?te ich eine ?Agune? bleiben (d. h. ich durfte nicht mehr heiraten) und mu?te seine Rückkehr abwarten. Auf die Frage, woher wir k?men, hatten wir mit verstellter Stimme geantwortet: ?Aus Krupziki.? Unser Benehmen und unsere Haltung waren so ruhig und ernst, da? selbst unsere Mutter uns im ersten Augenblick nicht erkannte, geschweige die G?ste. Der Vater rief aus: ?Wie hat sich der Diener unterstanden, diese Leute ins Speisezimmer hereinzulassen, worin G?ste sind? Was ist das für eine Bel?stigung?? Wir baten um Almosen in Geld oder in Speisen, wir w?ren hungrig und h?tten heute noch nichts gegessen - das alles sprachen wir im echtesten Jargon. Unsere Bitte um Speise und Trank wurde bald erfüllt, man lud uns ein, am Tisch Platz zu nehmen. Wir taten es mit gespielter Befangenheit, und wir begafften und bewunderten alles, was man uns vorsetzte und sparten nicht mit Seufzern, was die Tischgenossen zum Kichern brachte. Wir waren so gut vermummt, der abenteuerliche Kopfputz war so tief in die Stirn gerückt, da? wir den Scherz unerkannt bis zu Ende führen konnten.
Wie ich mich seit meiner zartesten Jugend bis in die sp?teste Zeit erinnern kann, wurde am Purimfest bei uns zu Hause immer bis zum Tagesanbruch viel gegessen, getrunken und gelacht. Es herrschte Heiterkeit bis zur Ausgelassenheit. Alle sonst verbotenen Streiche und Possen waren gestattet. Jede Disziplin bei Tische war aufgehoben. Das Fest lie? die beste Erinnerung zurück und auch greifbare Andenken: eine hübsche Halsbinde, ein kleines Parfum-Flacon, das man immer wieder in den H?nden hin- und herwandte, um das Etikett, das man schon auswendig kannte, wieder mit erneutem Vergnügen zu lesen. Lange wurde das Fl?schchen in der Kommode verwahrt, bis es bei einer wichtigen und passenden Gelegenheit zur Benutzung kam.
Schon am darauffolgenden Tage, am Schuschan-Purim, hielt meine Mutter mit der K?chin langen Rat über die gro?en Vorbereitungen zum Pesach (Osterfest). Die wichtigste Speise, rote Rüben zum Einlegen für den ?Borscht? in einem ?gekascherten? Fa?, wurde schon an diesem Tag angesetzt. Nach einigen Tagen erschien auch schon Wichne, die Mehlverk?uferin, in ihrem unvermeidlichen Pelz und brachte allerlei Mehlproben für die Mazzes. Meine Mutter beriet sich mit meiner ?lteren Schwester beim Prüfen des Mehles, man knetete aus den Proben einen Teig und buk kleine dünne Pl?tzchen, bis die Wahl auf eine erprobte Mehlgattung fiel. Einen Tag vor Rosch-Chodesch (Neumond) Nissan mu?te meine ?ltere Schwester einen Sack n?hen (denn die Mutter traute der K?chin nicht, da? sie das auch genügend sauber machen würde) und das mu?te vorsichtig in einer gewissen Entfernung von Brot oder Grütze geschehen: Meine Mutter war in allen diesen Vorbereitungen zum Osterfest so peinlich, da? die K?chin darob oft au?er sich geriet und grob wurde.
Meine ?lteren Schwestern bereiteten für die Feiertage moderne, hübsche Putzsachen vor. Schneider, Schuster und Putzmacherinnen fingen an, h?ufige Besucher in unserem Hause zu werden, mit denen die Saisonangelegenheiten gar oft überlaut er?rtert wurden. Rosch-Chodesch Nissan rückte heran, und nun begann man mit dem Backen der Mazzes. Diese Arbeit bildete eine Aufgabe in der h?uslichen Wirtschaft, mit der sich alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, besch?ftigten. Schon am Vortage, ganz früh am Morgen, erschien Wichne, die Mehlfrau, mit dem S?ckel Mehl unter dem Pelz, der diesmal vorn mit einer langen, bis an den Hals reichenden Schürze bedeckt war. Den wei?en, aus dünner Leinwand verfertigten Sack brachte meine Schwester ins Speisezimmer, wohin auch Wichne mit dem Mehl folgte. Wir Kinder durften natürlich auch da nicht fehlen, um and?chtig die abgemessenen T?pfe Mehl mitz?hlen zu helfen. So und so viel T?pfe wurden gez?hlt; der Sack wurde verbunden, in einen Winkel des E?zimmers gestellt, und sehr sorgf?ltig mit einem wei?en Leintuch bedeckt. Uns Kindern wurde streng verboten, mit Brot oder sonstigen Speisen in die N?he zu kommen, was wir ganz begreiflich fanden. Am n?chsten Morgen erschien das unentbehrliche Faktotum, die Aufwartefrau, die den Spitznamen Meschia Cheziche führte, dieselbe, die schon zu Beginn des Herbstes als Aufseherin bei allen h?uslichen Arbeiten fungierte. Ihr ganzes praktisches Wissen bew?hrte sich haupts?chlich beim Einlegen von Kohl und beim Einkellern von Gemüse. Sie lebte mit ihrem Mann in einer Lehmhütte bei unserer Ziegelfabrik, für die er Lehm transportierte, hielt sich aber die meiste Zeit bei uns auf. Sie war wirklich eine treue Seele, die sich für jedes von uns Kindern aufgeopfert h?tte. Ich sah sie nie anders als in einem zerlumpten, blaugestreiften Kattunkleid und in einem Paar sehr gro?er Schuhe, die ihr bei jedem Schritt von den auch im Sommer beinahe erfrorenen Fü?en herabfielen. Das braun-blau erfrorene Gesicht, war mit einem ehemals wei?en Kattuntuch umwickelt, ein schmaler roter Wollstreifen um die Stirn gebunden und zwei Enden eines Schleiers hingen wie Flügel im Nacken. Die kleinen, tief in den Kopf gesunkenen matten Augen drückten immer Wohlwollen und Dankbarkeit aus. Der ungeheuer breite Mund mit den schmalen Lippen schien nur die Worte sprechen zu k?nnen: ?Gute Leut', erw?rmt mich und gebt mir etwas zu essen.?
Meine Schwestern lie?en jeden Herbst einen wattierten Rock und andere warme Kleidungsstücke für sie anfertigen. Es scheiterte aber jeder Versuch, dieses g?nzlich durchfrorene Wesen zu erw?rmen. Also Meschia Cheziche kam; zuerst erhielt sie in der Küche einen Teller voll hei?er Grützsuppe, und nachdem sie ges?ttigt war und sich etwas erw?rmt hatte, schlich sie zur Tür des Speisezimmers, streckte den Kopf zur halbge?ffneten Tür herein und meldete sich. Meine Mutter befahl ihr, sich ordentlich zu waschen; dann zog man der hageren Gestalt ein langes, wei?es Hemd über ihre Kleider und der Kopfputz wurde mit einem wei?en Leinentuch, das auch den breiten Mund bedeckte, umwunden. In diesem Aufzug, der ihr ein gespensterhaftes Aussehen verlieh, mu?te sie nun das Mehl für die Mazzes durchsieben. Nachdem sie meine Mutter mit den Worten gesegnet hatte: ?Derlebts über a Juhr (künftiges Jahr) mit Eurem Mann und Kinderlach in gro?en Freuden!? begann sie ein Sieb nach dem anderen auf den vorbereiteten Tisch zu schütten. Welch ein erg?tzlicher Anblick, diese Erscheinung bei der Arbeit zu sehen! Wir Kinder standen in gemessener Entfernung und sahen aufmerksam zu. Meschia Cheziche war das Sprechen streng untersagt, damit kein Tr?pfchen aus ihrem Munde in das Mehl falle. Nach beendigter Arbeit blieb sie die Nacht in der Küche, und am frühen Morgen scheuerte sie die gro?en roten Kisten, in denen das ganze Jahr reine W?sche aufbewahrt wurde, und, obgleich sie nie mit Speisen in Berührung kamen, fa?te sie mit kr?ftigen H?nden an und wusch sie gründlich, damit sie in tadelloser Reinheit die Mazzes aufn?hmen. Dann kamen die Holztische und die B?nke an die Reihe, die ebenfalls die Kraft des von Meschia Cheziche geführten Scheuerbesens zu fühlen bekamen. Auch die vielen Dutzende Rollh?lzer, Blechplatten, die ebenso gründlich gereinigt wurden, wurden nicht verschont. Erbarmungslos rieb und scheuerte man auch zwei gro?e Messingbecken, legte rotglühende Eisenst?be darein und schüttete erst kochendes, dann kaltes Wasser so lange darauf, - ein solches Reinigen nennen die Juden. ?Kaschern? - bis das Wasser überlief; sp?ter wurden sie noch einmal gescheuert und dann blank geputzt, da? sie funkelten.
Das Wichtigste beim Mazzesbacken ist das Wasserholen vom Brunnen oder Flu?, was als gro?e Mizwe (gottgef?llige Handlung) gilt. Das Geschirr zum Mazzeswasser besteht aus zwei gro?en Holzschaffeln, die mit grauer Leinwand überspannt waren, einem Eimer mit einem gro?en Sch?pfer und zwei gro?en Stangen. Das fehlende Geschirr wurde natürlich neu erg?nzt. Nachdem noch die gro?e Küche im Hof gereinigt, die Ziegel des Backofens durchglüht und ?gekaschert? waren, wurde viel trockenes, harziges Holz, das unser bew?hrter alter W?chter Feiwele den ganzen Winter über zu diesem Zweck gesammelt hatte, in die Küche gebracht. Am Vorabend vor Rosch-Chodesch Nissan gab es im Hof vor dem Brunnen oder am nahen Flu? ein seltsames Schauspiel: Mein Vater, meine Schw?ger begaben sich in eigener Person, die Wasserschaffeln auf den langen Stangen tragend, zum Brunnen oder Flu?, um Wasser zu holen und es nach der gro?en Küche zu bringen, wo die Schaffeln auf eine mit Heu bedeckte Bank gestellt wurden. Die Mutter und wir Kinder liefen dem seltsamen Zuge bald voran; bald hinterdrein. Die jungen M?nner waren dabei vergnügt und munter. Mein Vater hingegen war ernst, denn diese Br?uche waren ihm als eine gottgef?llige Handlung heilig. Meine Schw?ger brachten auch den wohlverwahrten, verhüllten Sack Mehl in die gro?e Küche. Meschia Cheziche blieb die Nacht da, um rechtzeitig am n?chsten Morgen den Ofen zu heizen. Alle gingen zeitig zu Bette, um beim Beginn des Mazzebackens früh zugegen sein zu k?nnen.
Ich dr?ngte mich am n?chsten Morgen gleich an den Ofen und sah mit gro?em Interesse zu, wie gewandt eine alte Frau die runden, dünnen Mazzen in den Ofen schob, die halbgebackenen zur Seite rückte, die ganz fertigen mit beiden H?nden sammelte und in einen Korb auf der nahe bei stehenden Bank warf, ohne da? auch nur eine einzige zerbrach, trotzdem sie so dünn und zerbrechlich waren. Mir wurde bald eine Besch?ftigung zugewiesen: ich sollte die geschnittenen Stücke Teig den mit Rollh?lzern bewaffneten Weibern reichen, die um den langen, mit Blechplatten bedeckten Tisch standen. Meine ?ltere Schwester hatte mich immer im Frühaufstehen übertroffen; auch jetzt erz?hlte sie mir mit Stolz, da? sie schon viele Mazzen aufgerollt habe, die sogar schon gebacken seien. Ich war mit mir sehr unzufrieden, schalt mich selber eine Langschl?ferin und suchte mich nun um so nützlicher zu machen. Ich beruhigte mich erst dann über das sp?te Aufstehen, als mich das viele Umherlaufen und Herumstehen tüchtig ermüdet hatte. Ich wusch mir die H?nde und ging in die zweite Kammer, wo der Teig geknetet wurde. Da stand eine Frau über ein funkelndes Messingbecken gebeugt und knetete, ohne einen Laut von sich zu geben, ein Stück Teig nach dem andern aus abgemessenem Mehl und Wasser. Ich machte mich auch da nützlich, indem ich mir von dem kleinen Jungen, der das Wasser in das Mehl zu gie?en hatte, den gro?en Sch?pfer ausbat und seine Arbeit bed?chtig und still ausführte, hie und da die knetende Frau ansehend, die über den Kleidern gleich Meschia Cheziche ein langes, wei?es Hemd trug und eine Schürze, die in der Taille nicht eingeschnürt war. Kopf und Mund waren mit wei?en Tüchern verbunden, ebenso wie bei Meschia Cheziche. Ich half mit, bis mich die Müdigkeit übermannte.
Das Backen der Mazzen dauerte fast zwei Tage. Meine Mutter ging unermüdlich umher und besah von Zeit zu Zeit die Rollh?lzer, mit denen die Frauen die Mazzes rollten, um den angeklebten Teig abzukratzen; bei dieser Arbeit halfen meine Schw?ger und mein Bruder, die mit kleinen Stückchen Glasscherben bewaffnet waren. Die Teilchen mu?ten entfernt werden, weil der angeklebte Teig bereits Chomez (d. h. ges?uerter Teig ist), und somit in den Mazzenteig (der unges?uert ist), nicht eingeknetet werden darf. Auch beim ?R?deln? der Mazzen halfen die jungen M?nner mit; und es fiel keinem ein, eine solche Arbeit für unpassend zu halten, da alles, was Pesach und besonders die Mazzen betraf, als eine religi?se Handlung betrachtet wurde. Am darauffolgenden Tage untersuchte meine Mutter alle Mazzen, deren es oft mehrere Tausend gab, ob sich nicht etwa darunter eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene befand. Denn eine solche war schon Chomez und mu?te beseitigt werden.
In strenger Ordnung legte man nun die tadellosen Mazzen reihenweise in die gro?en roten Kisten, die mit einem wei?en Tuch bedeckt wurden. Meine Mutter hatte unter dem Tuche eine Mazze vorgenommen und ohne sie anzusehen, sogar mit geschlossenen Augen, die H?lfte abgebrochen, indem sie ein frommes, eigens für diese Handlung festgesetztes Gebet leise hersagte. Dann warf sie dieses Stück Mazze wieder, ohne es anzusehen, in die Flammen. Diesen Gebrauch nannte man ?Challe nehmen?; er soll wahrscheinlich an das Brandopfer der biblischen Zeiten erinnern.
Die n?chste Zeit bis Pesach verging in endlosen Vorbereitungen für die Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag des Erew-Pesach heran. Da erreichte die Arbeit ihren H?hepunkt! Am Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das Bedike-Chomez, d. h. das Fortschaffen des ges?uerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab sich meine Mutter in die Küche, lie? sich von der K?chin einen h?lzernen L?ffel und einige G?nsefedern geben, wickelte um beides einen wei?en Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenst?nde sollten Abends bei einer religi?sen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chomez durch das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den Federn in den L?ffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spa?, vorher überall Krümelchen anzuh?ufen, worüber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gew?hnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt wurden. So untersuchte er nun gründlich die Fenster, und die Mutter mu?te sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu schaffen, denn das Gesetz gebot, da? alles Brot, das auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im L?ffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem H?ngeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen k?nnte. Man ging zeitig schlafen, um am n?chsten Morgen recht früh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chomez im Hause eines religi?sen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh geweckt und sollten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht für diesen Morgen ist hei? gesottene Milch mit Wei?brot. Doch war selbst zu dieser frühen Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. ?Und nun rasch, rasch!?, trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft a? doppelt so viel als sonst, denn es durfte ja nichts vom Chomez zurückbleiben. Wir Kinder machten allerhand Sp??e und verabschiedeten uns dann für volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren Porzellanservice an bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und dann mu?te alles in gro?e Kisten gepackt und auf den Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem Pesachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit wei?em Papier bedeckt. Der gro?e Speisetisch wurde auseinandergezogen, mit einem wei?en Tuch oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen L?nge ausgezogene Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die mit kleinen N?geln befestigt wurde. Nach dieser Prozedur durfte erst das Pesachgeschirr ausgepackt werden, das wir Kinder mit so gro?er Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seine bestimmte Kaus (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -b?nke zum Kaschern aufgestellt waren. Man bego? den Tisch oder die Bank mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenst?nde. Au?er diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Gro?artigeres: der Vater erschien n?mlich in der Küchentür mit dem Chomez von gestern in der Rechten und lie? Feiwele, den alten W?chter, Ziegelsteine und trockene Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf. Mein Vater legte den L?ffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den Scheiterhaufen und lie? das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin und her, um uns, wenn irgend m?glich, dabei nützlich zu machen. Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Fl?mmchen nach dem anderen züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrieen: ?Seht, seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon ...? Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den L?ffel, und es dauerte nicht l?nger als 10 Minuten, so war das Autodafé des Chomez vollzogen. Mein Vater verlie? nicht eher den Schauplatz, als bis alle überbleibsel des Scheiterhaufens wegger?umt waren, denn nach der Vorschrift darf man selbst auf die Asche nicht treten, auch wenn es ?Nutzen oder Vergnügen? br?chte.
Wir Kinder sprangen von da in das E?zimmer, wo ?Schimen, der Meschores? (der Diener) mit dem Auspacken des Pesachgeschirrs besch?ftigt war. Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kausses (Weinbecherchen) Besitz ergreifen, da schmunzelte der Bocher (Junge) schalkhaft und meinte, da? wir dazu noch nicht geh?rig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgiltiger Miene erkl?rte er, da? wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. ?Wieso gekaschert?? fragten wir. ?Ja, ja?, versetzte unser Peiniger, ?Ihr mü?t hei?e, glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann erst dürft Ihr dieses Geschirr anrühren.? Wir fanden keine Antwort und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie beriet eben mit der K?chin die Bereitung des Indian-Vogels, eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem Brett, und die K?chin hielt ihn mit beiden H?nden fest, als wenn er davonfliegen wollte, w?hrend die Mutter, mit einem gro?en Küchenmesser bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der Bank, lag auf einem neu abgehobelten Brett in seiner ganzen L?nge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln, Teller, Gabeln, L?ffel befanden, ferner ein gro?er Korb Eier, ein Topf Mazzesmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem sp?ter die schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob Simon Recht h?tte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glühenden Steindlach im Mund erpre?te uns ein leises Schluchzen und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern l?ngst aufgefallen und, halb verwundert, halb ?rgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt w?ren. Da erz?hlten wir mit kl?glicher Stimme, in halben S?tzen, was der b?se Schimen uns gesagt hatte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie pl?tzlich auf: ?Was für glühende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit hei?em Wasser begossen?? Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis: Sie lie? Schimen sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschw?tzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann w?ren wir würdig, unsere Kausses in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins E?zimmer und halfen nun das Geschirr abwischen.
Unter diesen und ?hnlichen Arbeiten verging der halbe Tag, bis unsere gesunden Magen daran erinnerten, da? wir seit 9 Uhr morgens nichts gegessen hatten. Wir wu?ten im voraus, was man uns geben würde. Man brachte den gro?en Gonscher (eine sehr breite Flasche) mit sü?em Meth, den meine Mutter so meisterhaft zu kochen verstand, und ein volles Sieb mit Mazzes: bis zu diesem Tage waren sie in strenger Verwahrung gewesen, da vor den Feiertagen Mazzes zu essen bei frommen Juden nicht erlaubt ist. Man füllte also unsere Kausses mit Meth und wir machten uns an die Mazzes. Ein Stück nach dem andern wurde in Meth getaucht und verschwand rasch, von unseren gesunden Z?hnen wie zwischen Mühlsteinen zermalmt.
Die Mutter kam endlich aus der Küche herein. Auch mein ?lterer Bruder erschien und brachte ?pfel, Wallnüsse und Zimt. Aus diesen Materialien bereitete er, indem er alles in einem M?rser zerstie?, Charauses, d. i. eine Masse, welche wie Tonlehm aussieht und abends auf den Sedertisch kommt. Der ?Lehm? soll daran erinnern, da? unsere Vorfahren in Egypten für den Pharao Ziegelsteine kneteten.
Nachdem mein Bruder mit dieser Arbeit fertig war, lie? die Mutter den E?tisch in den gelben Salon tragen und in seiner ganzen L?nge vor dem Sopha aufstellen. Sie bedeckte ihn dann mit einem wei?en Damasttischtuch, das nach beiden Seiten bis zur Diele reichte. Dann lie? sie den Diener das Porzellan- und Kristallgeschirr bringen, ordnete es und ging selbst an den Schrank, der das ganze Silbergeschirr enthielt. Der Diener stellte auf das gro?e silberne Tablet die Becher und Kannen, die sehr sch?n gearbeitet waren. Namentlich eine Kanne war besonders kunstvoll durch Intarsien aus Elfenbein, die mythologische Figuren darstellten. Der Deckel und das Gef?? waren aus massivem Golde. Mein Vater hatte einige hundert Rubel für das Kunstwerk bezahlt. Eine andere ziemlich gro?e Kanne war aus getriebenem Silber. Daneben standen gro?e und kleine Becher, deren Boden franz?sische Münzen bildeten.
Bald kam auch die Obsth?ndlerin (Gereziche) mit dem frischen grünen Salat, der an diesem Abend, dem Seder-Abend, eine wichtige Rolle spielte. Der Diener brachte aus der Küche eine Schüssel voll hartgesottener Eier, einen Teller frisch geriebenen Meerrettig (Moraur genannt), - ein Symbol, das an die Bitterkeit der Verh?ltnisse erinnern sollte, unter denen unsere Vorfahren in Egypten gelebt hatten. Dann einige gebratene Stückchen Fleisch, die sogenannte Seroa, zur Erinnerung an die Pesach Korben, d. h. Osteropfer im Tempel zu Jerusalem; ferner einen Teller mit Salzwasser und einige Schmure-Mazze (gehütete Mazzes[D]). Alle diese Speisen bedeckte meine Mutter mit einem wei?en Tuch. Nur den Salat lie? sie unbedeckt, als sollte er das eint?nige Wei? des Tischtuches beleben, w?hrend der rote, funkelnde Wein in der Kristallkaraffe sich in den gl?nzend geputzten Silberleuchtern und in jedem Kristallglas vielf?ltig wiederspiegelte. W?hrend meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier besch?ftigt war, kam der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur Kr?nung des Werkes lie? die Mutter noch einige Daunenkissen und eine wei?e Piquédecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen Ruhesitz, das sogenannte Hessebett[E], ein ?hnliches wurde auf zwei Stühlen für die jungen M?nner neben ihren Sitzpl?tzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit.
Die Abendd?mmer stiegen langsam hernieder. Die Theestunde nahte. Wir tranken und schlürften das duftende Getr?nk mit besonderem Behagen, denn er schmeckte in der festlichen Umgebung ganz besonders gut. Alles blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gef??e in Verwendung.
Nun gings an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch selbstbewu?t. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre, tiefe Religiosit?t, Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Sch?pfer für die Gnade, da? er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte erleben lassen. - Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adelige Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort ?adelige Abkunft? sp?ttisch l?cheln, als g?be es keinen jüdischen Adel! Freilich hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus K?nigspal?sten für Heldentaten auf der gro?en Landstra?e erworben. Den jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, da? zu diesen Tugenden auch ?u?erer Reichtum und Würden kamen.
Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit beiden H?nden. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir in Erinnerung, der einen gro?en, gelben Brillanten in der Mitte hatte, den in l?nglicher Form drei Reihen wei?er Brillanten umschlossen.
Nun erschienen meine ?lteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz. Man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch Turnüre besa?, die den jugendlichen K?rper verunstalteten.[F] Auch meine vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.
Wir M?dchen hatten schon im Alter von zw?lf Jahren die Pflicht, am Vorabend der Festtage und des Sabbaths Kerzen anzuzünden. So versammelten wir uns alle um den Tisch. Wir glühten in freudiger Erwartung des Sederabends. Alle Kerzen brannten. Vor dem Sitze des Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man ?Manischtane?-Kerzen nannte nach den sogenannten vier Fragen, die das jüngste Kind am Tisch stellt. Denn Lampen kannte man zu jener Zeit überhaupt noch nicht. Ich sa? noch in den vierziger Jahren an den langen Winterabenden mit meinen Schwestern bei einer Talgkerze, und wir haben, ohne die geringste Unbequemlichkeit zu empfinden, dabei unsere Schulaufgaben gemacht oder bis in die sp?te Nacht die spannende Erz?hlung von dem Prinzen Bowe mit seinem treuen, gefleckten Hund gelesen. Die Beschaffenheit der Talgkerze mit ihrem dicken Docht machte den h?ufigen Gebrauch der Lichtputzschere n?tig, die heute als arch?ologische Seltenheit zu betrachten ist. - Eine bessere Beleuchtung erreichte man durch Spirmazet-Kerzen oder ?llampen. Aber beide waren nur für die Reichen. Der Bürger erlaubte sich solchen Luxus nicht. Gegen Ende der vierziger Jahre kam die Stearinkerze auf, die schon ein etwas helleres Licht gab und die Talgkerze in den Hintergrund dr?ngte. In den sechziger Jahren kam mit der geistigen Erleuchtung auch die hellbrennende Petroleumlampe. Das war ein Jubel, den das ganze Volk im Land aus Freude darüber anstimmte. Alles glaubte, da? damit, wie bei den Fuhrwerken, das letzte Wort für die Bequemlichkeit der Menschen gesprochen sei. Alle Welt schaffte sich Lampen an und lie? sich unterrichten, wie sie zu behandeln seien, wieviel Petroleum hineinzugie?en sei, wie breit, lang und dick der Docht sein müsse. Auch dazu gab es eine Schere, die aber der Kerzenputzschere nicht gleich war. In den ersten paar Jahren nach Einführung der Lampen wurden selbst die Leuchter ganz abgeschafft. - Auch die Bauern, denen bisher der Pechspahn[G] oder Kahanez[H] als Beleuchtung gedient hatte, schafften sich jetzt Lampen an. Zwar war das Licht der damaligen Petroleumlampe mit der gelbr?tlichen Flamme grell und dem Auge unangenehm, nichtsdestoweniger arbeiteten die Lampenfabriken unaufh?rlich. Unz?hlige Millionen Pud Petroleum flossen in das russische Reich. Und die Herrschaft der Petroleumlampe bestand bis zu den
achtziger Jahren, gegen deren Ende sie schon durch das Gas verdr?ngt wurde: eine neue Aufregung unter der Bev?lkerung! Freilich diente diese Erfindung nur der Stadt für die Stra?enbeleuchtung und den Reichen für ihre H?user. Mit prahlerischem L?cheln drehte der gro?st?dtische Hausherr den Hahn zur Gasbeleuchtung in seinem Kabinet auf, um seinen Gast aus der Provinz mit der pl?tzlichen Helle zu überfluten. In der ersten Zeit kostete die neue Erfindung auch noch viele Menschenleben; die R?hren der Stra?enbeleuchtung platzten und waren undicht und in den H?usern erstickten viele durch ausstr?mendes Gas, wenn die Gash?hne w?hrend der Nacht nicht fest geschlossen waren. Erst viel sp?ter hielt dann die Elektrizit?t ihren Einzug und überstrahlte mit ihrer Helle und Bequemlichkeit die bisherige künstliche Beleuchtung.
Die Sedertafel gl?nzte und strahlte. Der Meschores (Diener) hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete feierliches Selbstbewu?tsein, als bediente er an diesem Abend aus Liebenswürdigkeit, Gef?lligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken mit der Kanne und viele Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem Ton, mit dem er laut ?Gut Jom-Tow? (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er lie? meinen Bruder s?mtliche Hagadas[I] bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf nahmen wir am Tische Platz und zwar in der Reihenfolge des Alters. Heute durfte auch ?Schimen, der Meschores?, an einer Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, da? an diesem Abend alle gleich sind - Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters war würdevoll; seine gro?en, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die m?chtige, breite Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut gepflegte Bart vervollst?ndigte das ehrwürdige, patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern, sowie allen anderen gegenüber, fl??te, obwohl er erst vierzig Jahre z?hlte, Ehrfurcht ein, als w?re er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf sein ?u?eres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem schwarzen langen Atlaskaftan. Er war der L?nge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Kn?pfe angebracht war. Die Kleidung vervollst?ndigte eine teure pelzverbr?mte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasgürtel um die Lenden. Von dem feinen wei?en Leinenhemd war blo? der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den schwarzen luxuri?sen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulard-Taschentuch fehlte nicht. Meine ?lteren Schw?ger kleideten sich wie der Vater; bei meinem jüngeren machte sich schon die europ?ische Mode geltend, indem er eine schwarze Sammetweste mit einer goldenen Uhrkette trug. Auch mein ?ltester Bruder, ein kluges, aufgewecktes Kind mit gro?en, grauen, schw?rmerischen Augen, wiewohl erst zw?lf Jahre alt, kleidete sich wie die ?lteren Herren. Bei der Anfertigung der Kleider war besonders wegen des ?Schatnes? Bedacht zu nehmen. Es ist nach dem jüdischen Gesetze verboten, Wollstoffe zu tragen, die mit Zwirn gen?ht waren, ferner auf gepolsterte M?bel, Equipagensitze sich zu setzen, die mit Tuch bedeckt waren und mit F?den gen?ht. Ein Pelz, der mit Zwirn gen?ht, war, durfte nicht mit Tuch bedeckt sein. Meines Vaters Pelze waren mit Seide zusammengen?ht. Einmal ertappte man den Schneider, da? er Zwirn verwendet hatte, und er mu?te Stück für Stück auftrennen und alles wieder mit Cordonetseide zusammenn?hen.
Mein Vater lie? sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte seine pr?chtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren M?nnern die Becher, w?hrend unsere ?ltere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverst?ndlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer wei?en Serviette bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre M?nner, w?hrend die Becher der anderen Tischgenossen mit sü?em Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die H?he und sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die m?nnlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei Tische zu fragen hat. Diese lauten: ?Warum essen wir an allen Abenden des Jahres ges?uertes und unges?uertes Brot, heute aber blo? unges?uertes?? usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter Stimme aus der Hagade lesend: ?Awodim hojinu.? ... ?Knechte waren wir bei Pharao in Mizraim und h?tte uns damals Gott der Allgütige in seiner Allmacht nicht erl?st, und w?ren wir nicht von dort ausgezogen, w?ren wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte w?ren, so ist es dennoch unsere Pflicht, vom Auszug aus ?gypten zu erz?hlen.?
Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tr?nen aus - er konnte und durfte seinem Sch?pfer gewi? aus vollem Herzen danken, wenn er seinen Blick über die sch?ne Tafelrunde schweifen lie? und die junge, hübsche Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasa?en, sah! Er durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen Fürsten betrachten.
Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefa?t sind, dann nach oftmaligem H?ndewaschen die Erkl?rung, warum wir an diesem Abend die vielen bitteren Kr?uter essen. Es ist zur Erinnerung daran, da? unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und da? sie, durch die Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kr?uter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten die eine H?lfte unter das Polster zum ?Aphikomon? (Nachspeise) und die andere H?lfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen als ?Mauze? (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). Dann a? man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in Charausses getunkt so rasch als m?glich verschluckt wird, da dies ohne Mazzen geschehen mu?. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig zwischen zwei Mazzesstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend den Meerrettig geh?rig zu spüren; und wir mu?ten mit Tr?nen in den Augen zugeben, da? das Leben unserer Vorfahren in ?gypten bitter war. Sp?ter wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzemehlkl??chen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder Tischgenosse ein Stück von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man go? sich Wasser über die H?nde, was man ?Majim Acheraunim? nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gew?hnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt wurde. Am Schlu? des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem lauten ?Amen? ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal wurde auch die gro?e silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte der Tafel aufgestellt und für den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch findet in den kabbalistischen Schriften seine Erkl?rung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl i?t oder trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) sch?dlich oder es kann zum mindesten sch?dlich wirken. Daher mu? bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.
Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, da? der Prophet Elia ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne und wenn sich die ?u?erste Schicht an der Oberfl?che leise bewegte, waren wir überzeugt, da? der Prophet anwesend war und uns überrieselte es kalt und hei?. S?mtliche Becher wurden gefüllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu ?ffnen. Nun begann man das Kapitel ?sch'fauch chamos'cho? zu rezitieren; hierauf folgten die Schlu?kapitel des Hallel. Und zum Schlu? das allegorische Liedchen ?chadgadjo, chadgadjo?, ?Ein Zicklein, ein Zicklein?. Mit diesen und ?hnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschlu?. Jeder hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenusses. Meine ?lteren und jüngeren Schwestern verlie?en eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von T?nen und Worten wirkte auf das Kindergemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben T?nen gesungen, wobei sich mein ?lterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unverge?lich meiner Seele eingepr?gt, da? ich den Anfang noch heute, an meinem sp?ten Lebensabend, auswendig kann. Was g?be ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so sch?n singen h?ren zu k?nnen! Auch meine Mutter pflegte gew?hnlich noch bei Tische zu bleiben.
Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber bemerkte, wie müd und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte noch inst?ndiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, da? ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu scheinen und kroch auf einen im Winkel stehenden gro?en Armstuhl und h?rte mit wahrem Seelengenu? dem Gesange zu. Bis zum Schlu? hielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Drau?en strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause, wie sch?n bist du! - - -
Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an, und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese bereits erwarteten. Wir hüpften und tanzten und sangen: ?Der Frühling ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha!?
Die Frauen und M?nner des Hauses waren bereits seit dem frühen Morgen in der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen wurde, ein Gebet, welches das konservative, jüdische Volk noch immer inbrünstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren au?er dem Bereich seiner n?chsten Interessen liegt, da? das Korn auf dem Felde durch den Himmelstau gedeihen m?ge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten jüdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Tr?nen nicht sparen.
Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal j?hrlich den Himmel um Tau und Regen für die Felder anfleht, wird gewi? noch einmal sein eigenes Land besitzen.
Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im Blute sitzt, gebietet doch das jüdische Gesetz, erst einen Weingarten zu pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst zu heiraten!
Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich auch schon G?ste ein, welche ihre Jomtow - (Feiertags-) Besuche machten und mit allerlei Sü?igkeiten und mit Wein bewirtet wurden.
Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen G?ngen: dem obligaten, gefüllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten Gemüsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an diesem Feiertage blo? tr?umen kann. Diese fetten, sü?en Gerichte, wozu noch die Pfefferfische und die üppigen Kn?del (Kl??chen) kamen, steigerten den Durst auf das h?chste. Es wurde reichlich darauf guter, alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Küchen, auf dem Heuboden, w?hrend wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern, die bei unserem Hause lagen, in v?lliger Freiheit tummelten und mit den Nachbarkindern um Nüsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken. Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das Sphirez?hlen.[K]
Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend, der Sedertisch hergerichtet werden mu?te. Dieser zweite Abend hatte für uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war üblich, die Kinder auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jüngste Mitglied der Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir heute unges?uertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus ?gypten ausführlicher als es die Hagade tut, mit den ?lteren und jüngeren Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns ?pfel und Nüsse zum Spielen. Wir waren sehr vergnügt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach. Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise - besonders der Salat - trug den Charakter des Müden, Verwelkten. Blo? der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.
An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem üppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brühe oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rüben) und gekochtem Geflügel. Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gew?hnlich mit Ungeduld nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die Sederfeier beendet sein mu?. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schlu? der zweiten H?lfte des Seders wurde wieder das Hohelied bis weit über Mitternacht hinaus gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schlu? anh?rte.
Die folgenden vier Tage hei?en Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an denen das Leben fast wie an einem gew?hnlichen Tage hinflie?t und fast alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an gew?hnlichen Feiertagen: es kamen viele G?ste zum Tee, zum Mittag- und Abendessen.
Viele Mühe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gef??e. Mehr als einmal gab es ?rger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow (Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine stattliche Anzahl von Hühnern und ?Indians? (Puten) lagen koscher gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gew?ssert und gesalzen, da erschien meine Mutter in der Küche, nahm ein gro?es Messer und untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das Geflügel gem?stet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so da? das Geflügel für Passah unbrauchbar w?re. Und richtig! Sie fand ein Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine Leidensgef?hrten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr ?rgerlich, sah die K?chin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und rief: ?Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des Geflügels? Du h?ttest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott für die Gnade, da? ich das Haferk?rnchen gefunden habe, sonst h?ttest du uns alle mit Chomez gefüttert!?
Mühe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflügel wurde beseitigt und anderes mu?te geschlachtet, geputzt und koscher gemacht werden! Man denke sich den ?rger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war vorgerückt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren ?rger ein Gefühl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Sünde bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften für den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit frühzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an ebensoviel Hühnern und Indianv?geln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut dagegen protestierten!
Es geschah auch einmal in diesen Tagen, da? der Diener der K?chin eine gew?hnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten Fische auf der Schüssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet in Zorn und ?rger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwürfe zu h?ren. Der Vorfall erfüllte das ganze Haus mit L?rm und gerechter Wut; und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische berührt! Der Vater, die Mutter, der Melamed a?en blo? von den Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, w?hrend die übrigen Hausgenossen die gew?hnlichen Mazzes verzehrten.
Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achtt?gige Qu?lerei mit dem Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so geduldig und piet?tvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der D?mmerstunde des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spa? und schrien: ?Kommt zum chomezigen Borchu!? (Das erste Wort des Abendgebetes.)
Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am E?tisch stehend, Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein und dankte Gott dafür, da? er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von einander geschieden hat. Am Schlu? des Gebetes leerte er den Becher, go? den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefüllten wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene, brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten lie? und l?schte dann im Rest des Weines das Licht aus.
Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frühling mit seinen Freuden, den lustigen Spielen im Freien nahm für uns Kinder seinen Anfang. Im Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den letzten Topf und die letzte Schüssel aus allen Ecken und Winkeln zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores, holte abends die gro?en Kisten vom Boden herunter und packte alles ein, so da? am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mühe veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die übriggebliebenen Mazzes durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jüdischen H?usern pflegte man eine einzige, gro?e, runde Mazze an einem Schnürchen an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum n?chsten Pesach h?ngen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die verschiedenen Arten von Grützen untersucht, ob sich nicht in der achtt?gigen ?Schonzeit? etwa Milben entwickelt h?tten, da es um diese Zeit in unserer Gegend schon sehr hei? war. Bei uns freilich wurde die vorj?hrige Grütze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder frische Grütze gab - sich chodisch-essen war für diesen Brauch der terminus technicus.
Die ersten Frühlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrückten Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), w?hrend der jede Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe anzulegen, selbst bei drückender Hitze ein Flu?bad zu nehmen, war in meinem Elternhause streng verp?nt. Nur am Freitag durfte man, nachdem der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle Schmucksachen, wie Perlenschnüre und die gestickte Stirnbinde wurden beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgenützte Kleider. Meine Eltern und meine Geschwister enthielten sich w?hrend der Sphirezeit im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Sp??e, und sie lachten und scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nüsse, wenn wir sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu z?hlen. Das Erinnern war überflüssig, denn sie verga? nie zu z?hlen, wie viele Tage und Wochen in der Sphire abgelaufen sind. - - -
Der Frühling hatte für mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in der N?he unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in der heitersten Laune umher und pflückte eine Butterblume nach der anderen und freute mich über jede junge Blüte. Ich wand mit Hilfe meiner steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen Kr?nze, für die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte Vergi?meinnicht holte. Wir bekr?nzten uns die K?pfe und gingen so geschmückt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer Nachbarskinder Streifzüge in die Gebüsche, welche den hohen Berg neben unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus diesen machten wir lange Schnüre und schmückten uns damit. Bei diesen Streifzügen verga? ich oft, nach Hause zurückzukehren, und meine Mutter geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mu?te mich suchen.
Zu meinen Lieblingspl?tzchen geh?rte der einsame Heuboden, wo das duftende junge Heu in Massen aufgeh?uft lag. Ich grub mir da eine Art H?hle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem Lieblingsk?tzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen, wickelte es in meine Schürze, zog es am Ohr und schrie hinein: ?K?tzele, willst du Kasche?? (Brei). Und das gemarterte Tierchen ri? sein Ohr aus meiner Hand los, schüttelte sich, was ich als ?Nein? deutete; dann nahm ich das zweite Ohr und schrie hinein: ?Willst du vielleicht Kugel?? (ein fettes Sabbathgericht). Und das K?tzchen stie? ein lautes Miauen aus, welches ich als ein ?Ja? deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich nicht lange, ich beugte mich über die Bretter vor, und warf den Pferden durch die gro?en ?ffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren K?pfen herunter, das sie gierig verschlangen.
Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch Feld und Gebüsch und dem gef?hrlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende zu setzen, beschlo? meine Mutter, mich in den Cheder zu geben (Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen, bei dem meine ?ltere Schwester hebr?ischen Unterricht hatte.
An einem sch?nen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich pl?tzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins E?zimmer gerufen. Da sa? bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter sagte, sich zu ihm wendend: ?Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder.? In meiner Schüchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. ?Aber dein K?tzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen?, sagte Reb Leser zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich für ihn einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir damit zur H?lfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was wohl jetzt mit meinem K?tzchen und den anderen Herrlichkeiten werden solle. Ich h?rte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: ?Also Dienstag wird sie der Behelfer in den Cheder abholen.? Er wünschte ?gute Nacht? und verschwand in der D?mmerung. Und nun hie? es Abschied nehmen von den lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners T?chterlein, das so hübsche T?pfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so erfinderisch war und Jentke - wie oft sa?en wir dort, am Ende des gro?en Gartenzaunes auf dem gro?en Holzklotz so traulich beisammen und erz?hlten uns traurige und heitere M?rchen, da? wir bitter weinen oder herzlich lachen mu?ten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu müssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu sehen, tr?stete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester am frühen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar früher auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mu?te mich zuerst waschen und ankleiden, ich mu?te sogar auf meine Schwester warten.
Der erste Schultag!....
Der ?Unterbehelfer? erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen, dünnen, blonden Locken vor den gro?en Eselsohren und einem ungeheuer breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug n?mlich seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der gr??ten Hitze in die Stirn gedrückt hatte, als w?re sie für alle Ewigkeit auf seinem Kopfe festgewachsen. Seine übrige Kleidung konnte man auch nicht gerade luxuri?s nennen. Von der Fu?bekleidung war der eine Schuh so gro?, da? er ihn bei jedem Schritt verlor, w?hrend der andere so knapp sa?, da? er das zweite Bein hinkend nachschleppen mu?te; offenbar geh?rten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Kr?hwinkel) und hie? Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Küche trat, zu deren halb offener Tür ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade sein Frühstück bekommen; er a? n?mlich bei uns ?T?ge?, wie man es damals hie?, d. i. an jedem Tag in der Woche a? er bei den Eltern eines anderen Schülers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mu?te lachen über ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just auf die ?u?erste Kante der Küchenbank plump hinsetzte, so da? sich das andere Ende in die H?he hob und er, der Bocher, in seiner ganzen L?nge ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mürrische K?chin mu?te da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: ?Nun mit dem rechten Fu?!? Unterwegs bildete er meist die Arrièregarde, wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte er sich als unser tapferer Beschützer bew?hren.
Die Gelegenheit dazu bot ein wütender Hund, der uns anfiel und verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschützer um - aber der erste, der j?mmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen, aber er war der bessere Renner - wir erreichten ihn nicht. Meine Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das Sprüchlein, wie ein Gebet:
?Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?
Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),
Werden dich zerrei?en.
Hintale, Hintale, willst mich bei?en?
Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerrei?en.
Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,
Ich bin Jankow, du bist Esau!?
Der Spruch mu?te rasch, in einem Atem und ohne da? man sich von der Stelle rührte, hergesagt werden. Wir waren fest überzeugt, da? der Hund still werden und uns passieren lassen würde....
Unser ?bew?hrter? Führer wartete auf seinem Platze, wo er sich in Sicherheit fühlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erkl?rte mir auf dem Wege alles, was mir neu und merkwürdig schien. Wir sahen viele Buden, Kr?mergestelle und mu?ten uns durch die Menschenmassen hindurchdr?ngen, bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.
Das H?uschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen. Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die nur sp?rlich das Tageslicht einlie?en. Das H?uschen war von einer Prisbe (Erdbank) umgeben, auf der ich meine künftigen Mitschülerinnen, die ungef?hr in meinem und meiner ?lteren Schwester Alter standen, bei verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit gro?en Augen an. Wir blieben vor der Eingangstür stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie ?ffnete die Tür, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich erfa?te sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen bildete ein halb verfaultes Stück Holz, das ganz tief eingesunken in dem Lehmboden lag. Ich mu?te das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu fühlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen Schritt vorw?rts. Meine Schwester ermahnte mich, da? ich nicht über die zum Boden führende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein Wasserfa?, an dessen Rand der gro?e h?lzerne Wassersch?pfer lag, der uns Kinder sp?ter immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tür, die statt der Klinke einen h?lzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie eine Glasur war. Meine Schwester ?ffnete die Tür, sie trat in den Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade stehen. Beim ersten Schritt stie?en wir auf eine Bank, die mit einem langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und Gebetbücher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine ?hnliche Bank, die bis an die Wand reichte. Ich überlasse es der Phantasie des Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed, thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit Herrscherblicken das ganze Gebiet übersehen.
Reb Leser war kr?ftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er sa?, in seiner ganzen Breite und H?he. Seine wasserblauen, gro?en, hervorstehenden Augen, vor denen sich fortw?hrend ein paar kleine graue Pees (Ohrl?ckchen) bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten Selbstbewu?tsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgem??: kurze, an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strümpfe, gigantische Schuhe; seine Hemd?rmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine Sammetk?ppchen auf dem gro?en Kopf vervollst?ndigte die damalige Tracht seines Standes.
Am anderen Ende des Tisches sa?, stets in gebückter Haltung, der Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den H?nden (das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben für Buchstaben, Zeile für Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben Vorgetragene mit den Schülerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst, hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung waren.
Wir blieben also stehen, wir mu?ten auf demselben Fleck stehen bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf: ?Ah!? Dann fa?te er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und setzte mich neben sich hin. Die Schülerinnen kamen inzwischen hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war, suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schützend zu mir hin. Angst, Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortw?hrend ?ngstlich hinaufsah, das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch den wütenden Hund, schnürten mir die Kehle zu, und ich wu?te nichts Besseres anzufangen, als pl?tzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich sch?mte mich und machte mir im stillen Vorwürfe, allein ich konnte mich nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir versprach, da? heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich k?nne mit den Schülerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir zusprach, desto reichlicher flossen meine Tr?nen. Der Rebbe erriet endlich, da? es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten, und er stampfte mit seinen gro?en Fü?en auf, da? alles erbebte und er schrie: ?Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so etwas noch nicht gesehen?? Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen Richtungen und nahmen schlie?lich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren. Meine Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich mitnehmen. Ich aber lie? mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile h?rte ich, da? unser ritterlicher Begleiter Welwel vermi?t und mit Ungeduld erwartet wurde, da er für fast alle Schülerinnen das Mittagessen holte. Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sph?re besch?ftigt und hatte gar nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen würden. Der sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir: Welwel trug Krüge, T?pfe, Schüsselchen, Gl?ser, L?ffel verschiedener Gattungen und Gr??en, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die T?pfe und Krüge waren an seinem langen breiten Gürtel, fest um den Leib gebunden und reichten bis weit über die Hüfte. Das Brot plazierte der erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die gefüllten Schüsselchen hatte er übereinander gestellt, drückte sie auf dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien Hand. Das Dessert, das aus Nüssen, ?pfeln, gekochten Bohnen und Erbsen bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerüstet, bewegte sich ?das Schiff der Stadt? langsam seinem Ziele, dem Cheder, entgegen. Es war ihm tats?chlich nicht m?glich, sich irgendwo hinzusetzen.
Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit, worauf er klagend erz?hlte, wo und wie lange er auf das Essen hatte warten müssen. ?Gib geschwind die zinnernen Schüsseln und die Blechl?ffel her?, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl ausgeführt. Der Rebbe schüttete unser Mittagsessen in eine Schüssel, und ich bekam einen Blechl?ffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch hatte, was bedeuten sollte, da? er ?milchig? war, d. h. nur für Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den L?ffel mehrere Male in den H?nden hin und her und konnte mich nicht entschlie?en, damit aus der Schüssel zu sch?pfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem wei?en Porzellanteller und mit diesem blechernen L?ffel soll ich essen? Wieder kamen mir die Tr?nen in die Augen, und der Hals war mir wie zugeschnürt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal den Grund meiner Tr?nen nicht erkl?ren! Meine Schwester aber war praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenüber behielt sie durch das ganze Leben). Sie griff tüchtig zu, führte einen L?ffel nach dem andern zum Mund und lie? sichs gut schmecken. Als sie einigerma?en satt war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die Antwort schuldig, denn ich fühlte, da? mir bei den ersten Worten die Tr?nen noch wilder aus den Augen stürzen mu?ten. Ich bezwang mich aber und sch?pfte einen L?ffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen Tr?nen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekr?nkt hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzüge des Essens im Cheder, im Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir w?hrend der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf den gro?en Holzsch?pfer auf dem Wasserfa? aufmerksam, den ich benutzen sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schülerin an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach, dann ging es rasch nach Hause.
Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, da? ich meiner Njanja nur wenig erz?hlen konnte. Ich trank meinen Tee und schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am n?chsten Morgen mit einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, da? der Cheder-Behelfer m?glichst rasch kommen m?ge, damit ich nur die Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen k?nnte. Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pünktlich, und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.
Und nun benahm ich mich auch schon anders.
Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, sp?ter spielte ich mit den anderen Schülerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fühlte ich mich schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule.
Au?er der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes, finsteres Durchgangsloch, - jede andere Bezeichnung dafür w?re unrichtig - in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die über einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges T?chterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte, stie? unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenw?sche waren keineswegs sauber zu nennen. Aber man mu? mit allem zufrieden sein, hei?t es, und die Bewohner dieser verfallenen Hütte waren es im vollsten Sinne des Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, da? ihre ?Altinke? (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb. Man behütete und pflegte sie und schützte sie wie den Augapfel. Am Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O] und ein Heele (auch eine Art von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer mystischen Aufschrift versehen war). Das B?ndchen, an dem diese Dinge und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der best?ndigen N?sse vom Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes. Dieses kleine, unglückliche Gesch?pf lag meist in der Wiege, da Feige, so hie? die Rebbezin, allerlei Gesch?fte auf eigene Faust führen mu?te, wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen, Leckerbissen, die ihr die Schülerinnen t?glich abkauften. Besonders waren es die Gluckhenne mit ihren Küchlein, die ihr viel zu schaffen machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem Arm herumzutragen. T?glich w?hlte sie eine andere der Schülerinnen, die ihr in allen h?uslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich ihr Kind (was ich übrigens mit gro?em Vergnügen tat), bald half ich ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen schieben mu?te; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern (mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern über die Augen strich).
Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte ungew?hnlich lange Arme, einen langen, dünnen Hals, der einen Pferdekopf trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dünne Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem L?cheln verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur H?lfte den Mund und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen Pferdez?hne und vor allem die Zahnlücken bewirkten, da? die Worte aus ihrem Munde nicht sehr sch?n klangen. Aber das hinderte sie weiter nicht, ihre ganze Umgebung vom frühen Morgen bis zum sp?ten Abend von dem Vorhandensein ihres ungeschw?chten Sprechorgans zu überzeugen. Auch ich sollte bald erfahren, da? mit der Rebbezin nicht zu spa?en war, und ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schlie?en lie?. Mein K?tzchen hatte ich zu Hause lassen müssen, ich verschmerzte es zu Beginn, weil ich an den Hühnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brütenden Henne und sah zu, wie sie mit ausgebreiteten Flügeln behutsam auf den Eiern sa?. Ihr Auge drückte w?hrend dieser Zeit fast eine menschliche Z?rtlichkeit aus. Das Tier sa? geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und sie fütterte. So geschah es einmal, da? ich mich zur Gluckhenne beugte, um sie wegzutragen und zu füttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von ihrem Sitz aus und erschrak über die M?glichkeit, da? ich die Henne aufscheuchen und da? sie am Ende wegfliegen k?nnte. Die Eier würden kalt und nicht mehr ausgebrütet werden k?nnen. Behende sprang Feige zu mir, erfa?te mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskr?ften: ?Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg!? (fort von hier). Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entri? sich tats?chlich meinen H?nden und wandte ihren raschen Flug nach der Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein dreieckiges F?cherchen, darauf lie? sich die Henne nieder, sah mit lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und lie? ein Andenken an ihren kurzen Aufenthalt zurück; dann flog sie, mit den Flügeln schlagend, auf das Fach, wo die Zinnteller und Schüsseln standen, warf alles um, was natürlich viel L?rm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf, wo sie sich endlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schüler mit lautem Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung fa?te, und da er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mu?te, schalt und fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Eheh?lfte schwur er hoch und teuer, er werde alle ihre Hühner schlachten. Das sollte sogar schon morgen geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darüber und verteidigte bei offener Tür ihre Schützlinge. Sie brachte Argumente vor, die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen lie?en. Schlie?lich meinte sie, ihr Mann h?tte überhaupt kein Recht, die Hühner zum Tode zu verurteilen. Ihre gl?nzende Verteidigungsrede war wohl hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den kürzeren zog und zum Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gespr?chen im Cheder und im sogenannten ?Schmolen G?ssel? (schmalen G??chen). Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner Njanja viel zu erz?hlen....
Wenn Reb Leser schlie?lich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewu?tsein eines Mannes, dessen Würde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im schmolen G?ssel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits des Teiches, sehr popul?r! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein ?Ajin hora? (b?ses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zu diesem Zwecke ein Kleidungsstück des ?Befallenen?, etwa ein Strümpfchen oder ein Leibchen, flüsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das genügte, um das Kind genesen zu machen, ohne da? er es pers?nlich gesehen h?tte. Dem überbringer wurden die Gegenst?nde mit den Worten zurückgegeben: ?Es wird schon gesund werden.? Hatte jemand Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zw?lf Uhr nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann sicher, da? der Schmerz aufh?ren würde - eventuell freilich erst nach langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen Rückenschmerzen litt, mu?te sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser, der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fu? auf den Rücken des Kranken für einen Augenblick und der Kranke war genesen!
Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest überzeugt, da? sie viel Milch geben würde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach l?ngerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen vermochte vieles zu bewirken.
Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das Schadchengesch?ft viel mehr Geld ein. Diese T?tigkeit warf ihm beinahe so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, da? sie gew?hnlich bei einem Gl?schen Schnaps vor sich ging. Je nach dem Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und - Feinde. Von den letzteren gab es mehr!.. Reb Leser lie? sich darob keine grauen Haare wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Gesch?ft in seinen Mu?estunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da der Jude von damals, nachdem er vierundzwanzig Stunden geruht hatte, in der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war vielleicht gut, da? Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden konnte....
Der denkwürdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere des Cheders zu verleiden und mich st?rker für die Spiele drau?en zu interessieren. Ich erreichte in manchem eine gro?e Fertigkeit - so im Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter Würfel bediente; im Nüsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar. Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen.
Es wurde so viel gespielt, da? wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck unseres Schulbesuches verga?en.
Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fu?. Mein besonderer Liebling war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes M?nnchen mit einem grüngelben Ziegengesicht und bl?den Ziegenaugen, die den Zug des Gequ?lten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden. Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und schrieen übermütig: ?In schaul! In schaul!? und begleiteten ihn eine Strecke. Er erschien n?mlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch übrig gebliebenen Lungenkraft schreiend: ?In schaul! In schaul!?, die Gemeinde zusammen. Dann stemmte er die H?nde in die Seiten und konnte lange vor Husten nicht zu Atem kommen. übrigens hatte er noch eine andere Besch?ftigung; an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den jüdischen Kr?mern und ermahnte sie, die L?den rasch zu schlie?en. Und vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches (Frühgebet w?hrend der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest).
Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schülerinnen nicht fassen und drau?en vor der Tür verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so mu?ten wir uns mit unseren Würfel- und Nüssespielen in eines der vielen Vorh?uschen in der gegenüber dem Cheder befindlichen gro?en Synagoge flüchten, wo es immer kühl und ger?umig war. Ich entsinne mich, da? ich nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die Abteilung zu betreten, in der die M?nner zu beten pflegten. Der gro?e Raum mit den vielen B?nken und Tischen war imposant. In der Mitte der Synagoge befand sich ein viereckiger erh?hter Platz, der von einem niederen, geschnitzten Gel?nder umgeben war; auf dieser Erh?hung stand ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim ?Leienen? lagen. Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Türen zum Oren-hakodesch führten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verh?ngt, in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten dieses jüdischen Paniers standen in Lebensgr??e zwei L?wen aus Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der ?stlichen Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenpl?tze für die ?ltesten und angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die ?Matan b'sseisser Puschke?, d.h. die Büchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein Lieblingswunsch in Erfüllung gegangen oder ein besonderes Glück widerfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz im geheimen etwas in diese Büchse. Au?en war nur ein kleiner Spalt in einer Nische der Mauer zu sehen. In diese ?ffnung warfen die Spender ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ?ngstlich zu vergewissern, da? auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab. All diese seltsame Pracht erfüllte das Kindergemüt mit Ehrfurcht und Scheu.
Meine Begleiterinnen erz?hlten mir, geheimnisvoll flüsternd, da? sich hinter den hohen Türen des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer thaures (heilige Rollen) befinde und da? von da ein unterirdischer Gang nach Jerusalem führe. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom (H?lle) befreiten R'schoim (Sünder), um allerlei Schabernack zu treiben. Noch andere, ?hnliche M?rchen erh?hten meine angstvolle Scheu. Ganz besonders wirkte auf mich das M?rchen vom ?lehmenen Goilem? (Ton-Figur) ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine gro?e Figur aus Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen versahen und flüsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, da? sie anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mu?te man ihr bis ins einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: ?Geh zur Tür, ergreife die Klinke, drücke sie nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, geh in das Haus in jener Stra?e, drücke die Klinke nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein Freund sitzt, sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen.? Auch der Rückweg mu?te der Figur Schritt für Schritt genau beschrieben werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein Trottel; und noch heute ist im jüdischen Volke die Bezeichnung: ?Du bist ein lehmener Goilem? ein Schimpfwort.
Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den gro?en Raum zu betreten, aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfa?t, weinend und schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder hinzugehen.
Ich sehe noch jetzt im Geiste den sch?nen, majest?tischen Bau im altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte.
Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt wurde, mu?te auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein, den man fand, wies auf frühere Jahrhunderte zurück, auf die Tage Saul Wahls, der für eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum K?nig gew?hlt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine verstorbene Frau Deborah erbaut.
* * *
Lilienthal.
Von der hohen Altersstufe aus, die ein gütiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rückblick auf die für die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der drei?iger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glück an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die gro?zügigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeiführten.
Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religi?sen K?mpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schlie?lich den gro?en Fortschritt beobachtet hat, der darf und mu? seiner Bewunderung für die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die zumeist unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europ?isch gebildete M?nner gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an ?u?eren Ehren und Titeln nicht fehlt.
Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines gro?en Ereignisses vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich pl?tzlich das Gerücht, den Chedarim (jüdischen Volksschulen) stehe eine gründliche Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im jüdischen Jargon Unterricht erteilten, werde künftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in diese Sprache übersetzen k?nnten.
Dieses Gerücht brachte den ?lteren M?nnern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, da? das Hebr?ische, das Wort Gottes, wohl allm?hlich vernachl?ssigt werden sollte. Die Jüngeren aber, darunter meine beiden ?lteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flüsternd über die kommende Neugestaltung zu sprechen.
Die Melamdim waren einfach verzweifelt ...
Eines Tages brachte mein Vater, vom Vorabendgebet zurückkehrend, aus der Synagoge die hochinteressante Mitteilung, da? das unl?ngst aufgetauchte Gerücht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal, sei vom Ministerium für Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Ru?land zu bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prüfen, sich über die Melamdim zu informieren, in deren H?nden der Unterricht der jüdischen Jugend lag; in Petersburg sei ein gro?artiger Reformplan entworfen worden und mit den Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen Vater, der strenggl?ubig war, betrübte jedoch eine bevorstehende Reform nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets über die schlechte Unterrichtsweise in den jüdischen Schulen von Brest und wünschte mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete.
In der Tat war mit der Aufgabe, westeurop?ische Bildung unter den Juden zu verbreiten, der Inspektor der Rigaer Volksschulen, Dr. phil. Lilienthal, betraut worden, weil er europ?isch gebildeter Jude und zugleich mit der hebr?ischen Sprache vertraut war und einiges talmudische Wissen besa?.
Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, da? er sich zun?chst mit den angesehensten, jüdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die w?hrend ihres ganzen Lebens in engster Fühlung mit dem Volke standen. So wandte er sich an den berühmten Rabbi Reb Mendele Libawitzer, das Haupt der Chassidim-Sekte, die mehr als 100 000 Anh?nger in Litauen und Kleinru?land z?hlte. Er hoffte, diese Autorit?t für seine kulturellen Reformen gewinnen zu k?nnen. Ebenso eindringlich bemühte er sich um Reb Chaim Woloshiner, den Leiter der dortigen Jeschiwa. Beide M?nner berief der Minister nach Petersburg zur Beratung.
Einen Erfolg hatte Lilienthal damit nicht, denn die gro?e Menge der Anh?nger des Libawitzer Rabbi lie?en aus Furcht ihren verg?tterten Rabbi diesem Rufe nicht folgen, da sie erfahren hatten, da? es sich um gro?e Reformen im Talmud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eifern, unbekümmert um die Folgen (cf. Zeitschrift Woschod 1903).
In Petersburg war man entrüstet, aber Reb Mendele wurde nur mit einem kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Woloshiner weigerte sich auch, dem Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen Alter: die Reise nach Petersburg sei für ihn zu beschwerlich. Er empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen; und so trat Dr. Lilienthal die Reise nach dem Niederlassungsgebiete der Juden an. -
Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater die Kunde brachte, Dr. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort, eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, dem Doktor einen Besuch abstatten.
Meine Mutter ?u?erte ihr nicht geringes Erstaunen über diese Absicht; der Vater erkl?rte ihr kurz und bündig: Wenn er selbst die jungen Leute nicht zu Dr. Lilienthal führen werde, so f?nden sie schon selbst den Weg. Ich glaube aber, das war blo? eine Ausrede: mein Vater war selbst sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu machen, um so rasch wie m?glich Genaueres über die bevorstehende Umw?lzung im Schulwesen zu erfahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser ganzen Angelegenheit tiefer und sch?rfer als das meines Vaters, was sich in der Folge auch best?tigt hat.
Den Jubel der jungen M?nner zu schildern, da? sie bald den interessanten Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unm?glich. Besonders glücklich war mein ?lterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und ungew?hnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermüdlichen Flei? besa?. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines Rabbiners inne. - - -
Der Besuch bei Dr. Lilienthal war vorüber. Mein Vater hat viel, sehr viel erfahren: Erstens: Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen und deutsch lesen zu k?nnen; ferner ist der Melamed verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen und endlich darf der Melamed mit den Schülern, die bereits im Talmud Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba Mezia (Feldschaden), Baba Kama (Wechselrecht), Baba Basra (Baugesetze).
Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch seinem Auftrag gem?? viele Chedarim. Er war entsetzt und niedergedrückt von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber überrascht und entzückt von der semitischen Rassenreinheit der Z?glinge, insbesondere von ihren schwarzen, klugen Augen. Er war auch Zeuge einer Szene, die ihn tief bewegt hat, denn er überzeugte sich, von welch gro?er Wichtigkeit für jeden Juden, selbst für die ?rmsten, der Unterricht der Kinder ist. Dr. Lilienthal besuchte eines Tages ein Stadt-Cheder und bemerkte, da? sowohl der Melamed, als auch die Schüler aufgeregt ein unbestimmtes Etwas erwarteten. Bald darauf trat in das Cheder ein ?rmlich gekleideter Jude ein, der seinen Knaben im Alter von etwa sechs Jahren, in einen gro?en Talles[Q] ganz eingewickelt, auf dem Arm trug. Dem Vater folgte die Mutter auf den Fersen. Beide weinten vor Freude und aufrichtiger Dankbarkeit gegen Gott, da? er sie diesen sch?nen, bedeutungsvollen Augenblick hatte erleben lassen, ihren Sohn zum erstenmal in das Cheder bringen zu k?nnen. Die Schar der Schüler stürmte von drau?en herein, um dem Vorgang gaffend beizuwohnen. Der Melamed rief den Fremden ein lautes Scholem aleichem (Friede mit euch!) entgegen, stand von seinem Sitz auf und nahm den Helden dieser Szene in seine Arme, seinen neuen Schüler. Nun wurde der Kleine auf den Tisch gestellt, und er weinte beinahe vor überraschung und Aufregung. Hierauf setzte man ihn auf die n?chste Bank, und da erhielt er vor allem Kuchen, Nüsse, Rosinen und Naschwerk, wovon die glückliche Mutter eine Schürze voll mitgebracht hatte. Alle Zuschauer gratulierten den glückseligen Eltern zum ersten Schulgang ihres Sohnes. Der Melamed setzte sich zu dem Kleinen, ergriff das auf eine Kartontafel aufgeklebte gedruckte Alef-Beis (Alphabet), legte es vor den Kleinen hin, nahm sodann das gro?e Deitelholz zur Hand, und nun segnete er den Anfang des Unterrichts mit dem Wunsche ein: Der Junge m?ge zu Thora-Lernen (d. h. Gelehrsamkeit), zu Chupe (Trauung) und zu Maassim-towim (guten Taten) erzogen werden. ?Amen? sagten die Eltern und alle Umstehenden. Hierauf zeigte der Melamed dem angehenden Schüler zum ersten Male das ?Alef? (?A?), und nachdem der Junge das wie ein Papagei einige Male nachgesagt hatte, auch das ?Beis? (?B?) und dann auch das ?Gimel? (?G?). Die freudestrahlende Mutter hatte alle Anwesenden vergessen. Sie fühlte sich in den Himmel versetzt. Mit vollen H?nden verteilte sie die mitgebrachten Leckerbissen, wobei ein Malach (Engel) dem künftigen Gelehrten für jeden Buchstaben das Beste und Schmackhafteste von der H?he herab, gerade vor seine Nase warf. In solcher Weise begann der Knabe mit seinem sechsten Lebensjahr seine Schulpflicht zu erfüllen.....
W?hrend seines Brester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal t?glich viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich westeurop?ische Bildung anzueignen. Er gab ihnen nützliche Ratschl?ge, schilderte ihnen in sch?nen Bildern ihre eigene Zukunft als M?nner der Bildung und gewann sich damit die Herzen der empf?nglichen Jugend, die wohl auf religi?sem Gebiete den Br?uchen der Eltern treu blieb, sonst aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen Anschauungen der ?lteren Generation entfernte - das charakteristische Merkmal der Lilienthalschen Epoche!
Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine Mission zu erfüllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk begrü?te ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angesehensten Juden mit den gr??ten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde eine Assiphe (allgemeine Versammlung) einberufen, in der er wichtige Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie führten in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt der Minister für Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende alle Juden Ru?lands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann würden sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum Scheitern bringen. Denn n?hme man dem Juden seine Religion, so wankte der feste Boden unter seinen Fü?en und er sei verloren. Seine eigenen Kinder würden sich gegen ihn emp?ren. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), da? er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, da? er nur das Beste für die Juden anstrebe. Schlie?lich gelang es ihm, die Versammelten zu beruhigen.
Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische Hochschule) in h?chster Blüte stand, kam er in Erfüllung des ministeriellen Auftrages.
Jeschiba ist eine Lehranstalt für erwachsene Jünglinge, die in dem Talmudwissen bald zur h?chsten Stufe gelangt und zur Rabbinerstelle reif sind. Solche Talmudlehranstalten gab es damals drei, in Woloschin, in Mir und in Minsk. Für diese Anstalten wird noch bis jetzt von der gesamten Judenschaft gesammelt. In einer jeden dieser Anstalten bekamen dann mehr als 200 Jünglinge ihren Unterricht. Ein besonders gro?es Geb?ude mit einigen gro?en, ger?umigen Zimmern! Ein ?Haupt?, eine Art Direktor, ein gro?er Talmudist, ein religi?ser, kluger, sehr ehrlicher Mann leitet diese Anstalt, w?hrend viele Melamdim - erprobte Talmudisten - den jungen Leuten Unterricht erteilen. Das Kontingent der Schüler besteht aus allen Klassen des jüdischen Volks, meistens aus der mittleren Klasse, deren bares Kapital das geistige Verm?chtnis ausmacht. Diese leben meistenteils auf Kosten der Anstalt. Junge Leute aus reichen Kreisen sind hier auch zahlreich vertreten, meist sind es schon verheiratete M?nner, die, V?ter einiger Kinder, auf eigene Kosten hier leben. Mein Vater selbst hatte schon drei Kinder, w?hrend er in der Woloschiner Jeschiba das ganze Jahr ?lernte?. Nur zu den Feiertagen kam er nach Hause.
In Woloschin musste Lilienthal, um die Gemüter zu bes?nftigen, wiederholt beschw?ren, da? er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe n?her zu führen, fern stünde. - - - - - - - - - - - -
In aller Stille nahm unter den Juden Ru?lands die Kulturbewegung ihren Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geistige Arbeit begann. Es kostete wenig Zeit und verh?ltnism??ig geringe Mühe, die angedeuteten Reformen durchzuführen. Eine erfrischende Luft wehte durch die jüdische Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russisch-jüdischen Orte.
Ich habe schon erz?hlt, wie gro? der Jubel meiner Schwager über die bevorstehenden Reformen war. Aber sie mu?ten an sich halten, um sich nicht zu verraten und meine Mutter nicht zu verletzen, die ihr prophetisches Urteil über diese Wandlung hatte. Indessen waren meine Schwager nicht die einzigen in Brest, die sich für die westeurop?ische Kultur begeisterten. Es gab auch eine Gruppe von mehr als 20 jungen M?nnern, welche die Lilienthalsche Bewegung sehr ernst nahmen und in ihrem Kreise eifrig für die Sache wirkten - stie?en sie auf einen beschr?nkten Menschen, so waren sie der Ansicht, da? es schlie?lich auch genügen würde, wenn dieser wenigstens eine Adresse in russischer Sprache schreiben k?nnte.
Man darf nicht vergessen, da? die Kenntnisse meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen in den europ?ischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die deutsche Sprache war ihnen gel?ufiger. Sie hatten eine Ahnung von der klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die niedere, jüdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen oder eine europ?ische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein dürftiges Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der jüdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; w?hrend der P?bel ein Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den M?rkten mit den Dorfbewohnern bedienten.
Tiefgreifend konnten die Umw?lzungen erst werden durch die Begründung in neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in Wilna und Schitomir. Die ersten Schüler waren zumeist junge Leute, die sich alle Mühe gegeben hatten, bei Er?ffnung der Schulen aufgenommen zu werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne K?mpfe in der Familie m?glich. Wem es nicht leicht wurde, der ri? sich von Weib und Kind los und flüchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit gl?nzendem Resultate studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter vom Geiste nennen, ?rzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter, die teils in Ru?land, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt und wirkt in Ru?land ein Professor der orientalischen Sprachen, der seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich sp?ter in dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft. Auch den jüdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden, talmudischen Kenntnisse nicht gehindert - vielleicht haben sie sogar dazu beigetragen, in der Mathematik berühmt zu werden. - Die Mehrzahl der Z?glinge in den neuen Rabbinerschulen waren früher Talmudisten. Sie lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die goldene Medaille, ebenso diejenigen, die sp?ter die Universit?t besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute, geistige übung, wozu noch die Wi?begier, der temperamentvolle Charakter und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. - - - - - - - - - - - -
Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander sitzend. ?Die Bücher werden schon zu finden sein?, sagte mein wi?begieriger, ?lterer Schwager. ?Wir müssen nur darauf bedacht sein, vom Talmudlernen Zeit für unser neues Studium zu erübrigen, ohne die Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ...?, worauf der andere in seiner phlegmatischen Weise antwortete: ?Ja, gewi?! Wenn du zu studieren beginnst, halte ich auch mit.? Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur.
Einige Zeit darauf gab es mehrere st?rende Zwischenf?lle, die der Komik nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei Dr. Lilienthal fest überzeugt, da? ein neues, fremdes Element in ihr Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Ru?land, eingezogen sei, wobei das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward sehr traurig. Unauff?llig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die n?tigen Lehrbücher verschafft und zu studieren begonnen, was natürlich auf Kosten des Talmudstudiums geschehen mu?te. ?u?erlich blieben sie ruhig und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu besch?ftigen. Doch konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den gro?en Talmudsfolianten nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im letzteren erfüllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die jüdische Jugend mit Begeisterung, w?hrend die Prinzessin von Wolfenbüttel - zumal bei den jüdischen Frauen - Sympathie und Mitleid erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jüngeren M?nnern als Vorbild. Die nüchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in der Büchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht.
Mein Vater lie? seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit unbenützt vorübergehen, von ihm und seiner wichtigen und gro?en Aufgabe zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die gro?artigen Reformen zu er?rtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gespr?chen, lobte, da? endlich auf dem Gebiete des Unterrichts der jüdischen Jugend Ordnung geschaffen werden sollte, grollte aber doch, da? Dr. Lilienthal so gottlos gesprochen habe, da? man die früher erw?hnten Talmudabschnitte der jüdischen Jugend entziehen müsse, und man sich gegebenenfalls nicht nach den Talmudgesetzen richten solle.
... Es war eines Morgens in dem denkwürdigen Sommer des Jahres 1842, als meine Schwager, ohne zu ahnen, da? jemand sie h?ren k?nnte, die neuen Bücher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der Kehila Orlo, der genial war und gro?e talmudische Kenntnisse besa?, laut schreiend über einen Satz im ?Don Carlos? disputierten. Um einer immerhin m?glichen überraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich überzeugen zu k?nnen, da? ihre qu?lenden Gedanken doch unbegründet seien, und da? der Teufel in Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht v?llig ihrer Schwiegers?hne bem?chtigt h?tte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer führte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder stehen, lauschte und h?rte mit Freude, wie flei?ig drin gelernt wurde. Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tür n?herte und aufmerksamer horchte, erfa?te sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von Entt?uschung und ?rger verst?rte ihre Gesichtszüge. Von ?Omar abaje?, mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, h?rte sie nichts. Blo? Marquis Posa, Herzog Alba usw.
?Sind es also wirklich nur die sündigen Büchlech, mit denen sich die jungen Leute befassen?? dachte sie mit einem gro?en Weh im Herzen.
Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte. Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, ?ffnete die Tür und blieb wortlos vor ?rger auf der Schwelle stehen. Beim Ger?usche der sich ?ffnenden Türe wandten die drei überraschten die K?pfe um, und sie h?tten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt h?tte. Ihre erste Bewegung war, da? sie s?mtliche Bücher unter den Tisch gleiten lie?en; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen sogar weh, da? diese ?Büchlech? ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die Herrschaft über sich und rief laut: ?O Himmel, ich soll in meinem eigenen Hause das Wort Gottes so verh?hnt sehen! In demselben Nigen (Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verh?hnt ihr ihn jetzt durch das Lesen dieser apikorssischen (abtrünnigen) Büchlech!! Und auch Ihr, Reb Herschel, Ihr habt es auch n?tig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrünniger) werden, wie meine jungen Leute?? Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, da? ihre Fü?e ihr schier den Dienst versagten. Die jungen M?nner blieben stumm; ihre nach links dem Fenster zugewendeten K?pfe waren unbeweglich. Da keine Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter einigerma?en, und sie entfernte sich schweigend.
Es verging nicht lange Zeit, da überraschte sie meinen ?lteren Schwager allein bei dem neuen Studium. Es war am frühen Morgen desselben Sommers. Der Berg in der N?he unseres Hauses stand noch in düsterem Nebel. Ich befand mich zuf?llig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen. Sie ging zum gro?en Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause befand und blieb erstaunt stehen. ?Wer steht dort?? sprach sie wie zu sich selbst - oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar Schritte und sagte mit lauter Stimme: ?Doch, doch, ich glaube David (mein ?lterer Schwager) ist es! Was tut er dort??, rief sie aus und n?herte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine gro?e alte Pappel stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Gürtelenden lose übereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein; seine Brust war entbl??t, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war ganz hinter das Ohr geraten, w?hrend die andere sich auf der Wange wie eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetk?ppchen zeigte reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Fü?e staken in den Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor K?lte und N?sse zitternden Gestalt. Die rechte Hand arbeitete kr?ftig, sie beseitigte die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne Ekel in ein K?stchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick mu? recht komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb belustigt: ?Wos tust du do??
?Gur nischt? (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in seiner Arbeit st?ren zu lassen.
?Wos is do im K?stchen auf der Erd?? fragte die Mutter weiter.
?Gur nischt!? meinte der überraschte Naturforscher.
?Warum biste so früh do?? forschte meine Mutter.
?Früh! S'es gur nischt früh!? antwortete der junge Mann in der Hoffnung, sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das nützte nichts, denn die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne ?rger auch ein Buch neben dem K?stchen. Nun begriff sie, da? beides einem und demselben Zwecke diente, und sie verwünschte im Stillen Dr. Lilienthal. Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrübten Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte rasch das Weite, indem er alles als Beute zurücklie?. Bei der Flucht verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstücke hielt er mit beiden H?nden fest. Meine Mutter n?herte sich rasch der Pappel, blickte in das K?stchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gew?hnliche Fliege, einen Maik?fer, ein Marienk?ferchen (?Gottes Kühele?), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere Insekten auf Stecknadeln gespie?t. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es h?tten tun k?nnen, auf die Frage hin: ?Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?? Sie erschrak aber f?rmlich, als sie das Buch in die H?nde nahm und darin neben den Erkl?rungen auch die Abbildungen von einigen Insekten erblickte. Der Zufall wollte es, da? ihr Blick auf einem ?h?uslichen Insekt? haften blieb, das gemütlich hingestreckt dalag - sie schüttelte sich vor Ekel. - Da? die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schlie?lich das Vergnügen an Lektüre, sie selbst war in der hebr?ischen Literatur sehr belesen; allein, da? sich jemand und gar ihre Schwiegers?hne dafür interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Fü?e der Maik?fer oder welche Augen ein grüner Wurm hat, das konnte sie nicht verstehen! Sie ergriff die Troph?en des am frühen Morgen gewonnenen Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurück, den wenige Minuten vorher der flüchtige Held genommen und auf dem er den einen Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurückgelassen hatte. Sie nahm auch den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der Sache erfuhr, lachte er herzlich. -
Solche Szenen spielten sich nicht blo? in unserem Hause ab: alle anderen Genossen meiner Schwager hatten ?hnliche oder noch gr??ere Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. - Meinem Schwager David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem St?dtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darüber freuten sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wu?ten ihn nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Sp?ter hatte man gro?e Mühe, ihn zur Rückkehr nach Brest zu bewegen.
Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie w?hlten sich ein stilles Pl?tzchen, das zwischen den Hügeln, unserem Hause genügend fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um über manches Buch zu debattieren, Beschlüsse über die brennende Frage der Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles flei?igen Bemühens und einer ungew?hnlichen Wi?begierde unter dieser Jugend ging in der ersten Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Pers?nlichkeit hervor, obgleich wir den gro?en Verdiensten meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die manche Wege ebneten, bezeichnen müssen: Hierdurch wurde der kommenden Generation die M?glichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und manches Vorurteil beseitigt.
Die erw?hnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche ihre jugendkr?ftigen H?nde nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein ?lterer Schwager bemühte sich trotz seines gro?en Flei?es und aller F?higkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel bei?en sollte, zu finden - an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europ?ischen Versuche. Er h?tte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel H?heres für sich und die Gesellschaft leisten k?nnen. Mein jüngerer Schwager konnte vom Apfel genie?en und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen gebildeter Mann, w?hrend Reb Herschel, der Melamed, nach dem erw?hnten Apfel der Erkenntnis seine plebejischen H?nde ausstreckte, ihn ergriff und einen tiefen Bi? tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er sich aus einem ?Orler Menschen? in einen interessanten, gebildeten Herrn Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jüdische Jugend von Brest geno? von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut, hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Früchte getragen. Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erw?hlt hatten....
Wenn aber Dr. Lilienthal so reiche Erfolge hatte, so geschah es nur, weil der geistige Boden in Ru?land sehr gut vorbereitet war: Das jüdische Kind m?nnlichen Geschlechtes (nicht aber die M?dchen) wurde damals von frühester Jugend an zum Lernen angehalten und sp?ter, im Knabenalter schon, mit scholastischem Gespinst, mit vielen talmudischen Spitzfindigkeiten und ernster Lebensanschauung bekannt gemacht. Da kein anderes Studium ablenkte, so konnte der jugendliche Schüler sich t?glich dem Studium des Talmuds ganz hingeben. Unterhaltung fand er auch nur zu Hause im Familienkreise (daher auch die Anh?nglichkeit), sowie in dem bescheidenen Familienleben seiner Kameraden. Die zahllosen Vergnügungen von heute kannte die damalige Jugend nicht. Und so war damals der Jude schon in seinem Jünglingsalter in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn auch einseitiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er an seiner Tradition und seiner Religion, die für ihn die Moral, die Ethik - die ganze Welt in sich schlossen. Seine Bibel bot ihm hinreichendes Wissen in der Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der christlichen Aera herunter; seine Propheten adelten seinen Geist, erg?tzten seine Seele, verliehen ihr Schwung, erfüllten sie mit Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jüdischen Mannes, das Selbstbewu?tsein, fa?te schon in seiner Jugend Wurzel - was die Andersgl?ubigen mit Dünkel und Frechheit zu bezeichnen pflegen. Die Ethik der jüdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene Lebensanschauung machten den damaligen Juden frühzeitig zum Denker und Philosophen, der auch die Sch?nheit in seiner Religion fand. Das jüdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der übrigen Welt, aber nicht wild wie die Insulaner. Es war hier auf der Insel glücklich, wo es für sich allein die Welt des Geistigen besa?: seinen Glauben, seine Tradition, die ihm allen Genu? im zeitlichen Leben gew?hrte. Und die Hoffnung auf ein künftiges Leben lie? ihn die Leiden des gegenw?rtigen ertragen. Aus diesem geistigen Reich konnte ihn keine menschliche Macht verjagen. Hier war er Herr und Meister.
Die Sturm- und Drangperiode des damaligen jüdischen Jünglings vollzog sich auf der Schulbank. Keine Revolution, keine Liebesabenteuer rissen ihn von seinem beschaulichen Wege fort; auch das Gesch?ft nicht, denn es galt den Eltern als heilige Pflicht, für den Sohn bis weit über die Jünglingsjahre, selbst nachdem er schon Ehemann und Familienvater war, zu sorgen, da es h?chstes Glück war, wenn der junge Ehemann ununterbrochen den Talmud studierte. Unter diesem Gesichtspunkte w?hlten wohlhabende Leute für ihre T?chter und ihre S?hne: die Braut mu?te vor allem hübsch von Gestalt, klug und gesittet sein. In erster Reihe aber eine ?Bas towim?, d. h. die Tochter eines gelehrten und religi?sen Mannes. Ich kann beteuern, da? die Wahl der Eltern, die nicht von dem Gott Mammon beirrt war, selten ein Fehlgriff war. Im gro?en und ganzen gab es damals, wie ich mich zu entsinnen wei?, viele sehr glückliche Ehen, in denen die Sittlichkeit der jungen Eheleute dem Bunde Weihe verlieh und für immer die Treue sicherte. Keine Entt?uschungen, keine übers?ttigung, kein Hasten nach Ver?nderung st?rten die Eintracht des Paares, und der wahre g?ttliche Funke der Liebe n?hrte die heilige Flamme auf dem h?uslichen Herd, die Flamme, die kein Sturm im Leben auszul?schen vermochte. Und in den trüben Tagen des Herbstes oder gar in den kalten, kurzen, einsamen Wintertagen - im hohen Alter, wenn das Feuer l?ngst ausgebrannt ist, w?rmt und erh?lt dieser unter der Asche noch glimmende Funke die oft frierende Seele.
Wenn an diesem geheiligten Eheleben die Aufkl?rung rüttelte und manches kostbare Gut zerbrach, so vergesse man nicht, da? das zu starke Licht der europ?ischen Bildung zu schnell ohne die milde Vermittlung der D?mmerung hereinbrach und die verblüffte Jugend blendete. Waren doch die ersten Adepten der Bildung schon gereifte M?nner, die bis zu diesem Augenblick ein fast asketisches Leben geführt hatten. -
* * *
Es war ein sch?nes Bild ...
Es war ein sch?nes Bild, als Kaiser Nicolaus I. inmitten einer gl?nzenden Suite stand. Seine von Gesundheit strotzende, hohe Figur ragte über seine Umgebung hoch hervor. Seine milit?rische Paradeuniform, der fest anliegende Frack mit hochrotem Tuchbesatz und Manschetten, die Brust mit vielen Ordenssternen dekoriert, die massiven Epaulettes, die blaue, breite Sch?rpe quer über der Brust, das Portepee mit dem Degen an der linken Seite, der quer auf dem Kopf sitzende Dreispitzhut mit dem wuchtigen, wei?en Federbusch verlieh der martialischen Gestalt ein ganz au?ergew?hnliches Aussehen. Sein Gesicht mit den regelm??igen Zügen, dem glattrasierten Doppelkinn, mit dem vollen, blonden Backenbart drückte eine wohlwollende, ja eine freudige Erregung aus, auch die energisch blitzenden, grauen Augen leuchteten, w?hrend die stramme milit?rische Haltung das hohe Selbstbewu?tsein ausdrückte. Zu seiner Rechten stand der Kronprinz Alexander II., der damals, im Jahre 1835, noch ein junger Mann war. Er war von hohem, massigen K?rperbau und hatte im Gegensatz zu Kaiser Nicolaus I., der lichtblondes Kopf- und Barthaar hatte, rabenschwarzes Haar, einen schmalen schwarzen Lippenbart und Augen von gleicher Farbe. Sein ganzes Wesen umleuchteten Milde und Freundlichkeit; keine Spur von dem Selbstbewu?tsein seines kaiserlichen Vaters! - Der Kronprinz hatte schon damals, wie ich mich noch jetzt gut erinnern kann, alle Herzen der umstehenden Menschenmenge für sich gewonnen. Und diese Sympathie rechtfertigte er 1861 als Befreier der Leibeigenen.
Umgeben von zahlreichen Gener?len, Adjutanten, Ingenieuren, standen die Fürsten auf dem sogenannten Tatarischen Berge. Der glatte, grüne Rasen lag wie ein Samtteppich vor ihren Fü?en; und die dunkelblaue Himmelskuppel überw?lbte dieses imposante Bild. Die Sonne übergo? es mit einem Meer von Licht, das sich in den Brillantenorden der goldgestickten Beamtenuniformen in tausend Regenbogenfarben brach.
Dieses gl?nzende Schauspiel erschien uns Kindern wie ein Luftgebilde, da wir neben unserem elterlichen Hause, etwa hundert Faden von dem obengenannten Berge entfernt, standen. - Der Kaiser Nikolaus I. zeigte mit seiner rechten Hand nach verschiedenen Richtungen. Aus den eifrigen Debatten der Herrschaften konnte die umstehende Menge ahnen, da? eine wichtige Frage besprochen wurde: bald wurde ein General, bald ein Adjutant vom Berge heruntergeschickt, der unser Haus beschaute und musterte, die grüne Wiese, die um Haus und Garten lag, mit einem Saschen (russisches Ma? = 1 Faden) ma? und dann zum Rapport auf den Berg zurückeilte.
Die gaffende Volksmenge ersch?pfte sich in tausend Vermutungen und gab jeder Handbewegung des Kaisers tausend Bedeutungen, - nur nicht die richtige. Endlich erfuhr man, da? das ganze Terrain der alten Stadt Brest für eine Festung erster Klasse von Kaiser Nicolaus I. bestimmt worden war! Die ganze Tragweite dieses Projektes sollte jedem Stadtbürger bald klar werden.
Wenige Monate nach der oben geschilderten Begebenheit wurden die Hausbesitzer der Stadt Brest-Litauen durch einen kaiserlichen Ukas benachrichtigt, da? alle durch eine eigens zu diesem Zwecke eingesetzte Kommission ihre H?user absch?tzen lassen sollten. Die Regierung würde eine Abstandsumme zahlen und au?erdem ein Terrain vier Werst, das ist 1,5-2 englische Meilen, von der Altstadt entfernt zur Verfügung stellen. Die Nachricht wurde mit Schrecken aufgenommen. Eine gewisse Ahnung schlich sich in die Gemüter der Bürger, da? ihr Ruin bevorstand! - Für meine Eltern wurde dieses Projekt zur Katastrophe!... Denn nicht nur unser pr?chtiges Haus, sondern auch die gro?e Ziegelfabrik, die zwei Werst hinter der Stadt stand, sollte niedergerissen werden. Diese Ziegelei warf jeden Sommer gro?e Summen ab, da mein Vater die Lieferung vieler Millionen Ziegelsteine für die schon begonnenen, gro?en Kasernenbauten übernommen hatte. - Nur schwer konnte mein Vater den ersten Schreck über den neuen Befehl verwinden. Aber er beruhigte sich wie die übrigen Hausbesitzer der Stadt bei der kaiserlichen Versicherung, da? die Regierung für alle Sch?den aufkommen würde. - Die Absch?tzungskommission, welche die Regierung einsetzte, sollte den Wert aller H?user der Stadt Brest-Litowsk bestimmen, und die Regierung versprach sehr ehrlich und gut zu bezahlen. - Da schickte der Teufel einen seiner H?llenboten in Gestalt eines Winkeladvokaten. Jude von Geburt, war er sehr bef?higt, Prozesse zu führen, Bittschriften in russischer Sprache abzufassen, was in den drei?iger Jahren des vorigen Jahrhunderts in dem noch vorwiegend polnischen Litauen nur wenige Begnadete vermochten. Bei diesen guten Eigenschaften aber war dieser Mensch ein Ausbund der gemeinsten Gewissenlosigkeit. Dieses Subjekt wu?te bald das Vertrauen der gesamten Hausbesitzer, wie auch der Schatzkommission zu gewinnen, und alle beeilten sich, ihr Hab und Gut, das zumeist in dem Besitz ihres Hauses bestand, in seine H?nde zu legen, damit er ihre Interessen vor der Kommission vertreten sollte. - Es dauerte jedoch nicht lange, so entzweite er sich mit beiden Parteien und denunzierte bei einer h?heren Instanz, da? alle Sch?tzungen der Kommission falsch seien! Da? in dieser Denunziation ein Kern Wahrheit lag, bezweifle ich nicht. Die Interessen meiner armen Eltern aber wurden durch diesen Racheakt unschuldigerweise schwer getroffen. Da mein Vater seine Sache vor der Absch?tzungskommission selbst vertrat, und der Winkeladvokat nicht auf seine Kosten kam, so wurde auch mein Vater ein Opfer der Angebereien. Es dauerte nicht mehr lange, als von einer h?heren Regierungsinstanz der Befehl erging, die Absch?tzung der H?user einzustellen, bis eine neue Untersuchungskommission kommen würde! Da erhob sich ein allgemeines Jammern! Ein jeder Hausbesitzer wu?te nun schon, da? er seine Besitzung verlieren würde. Und jetzt h?rten wir Kinder kein anderes Gespr?ch mehr im Hause, sei es unter den Familienmitgliedern oder mit G?sten, als über das bevorstehende Niederrei?en unseres pr?chtigen Hauses und der Ziegelei. Und jedes Wort war getr?nkt mit der Wut über den verruchten Winkeladvokaten David, ?den Schwarzen?, der über die Stadt Brest-Litauen so schwere Not heraufbeschworen hatte. Infolge der Denunziation von Rosenbaum (das war sein Familienname) kam nach kurzer Zeit ein zweiter Befehl, da? jeder Hausbesitzer sein eigenes Haus auf eigene Kosten demolieren sollte, um noch schneller Platz zu schaffen, andernfalls würde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Man setzte einen sehr nahen Termin an, bis zu dem die H?user niedergerissen sein mu?ten. Die Zeit reichte kaum aus, eine Wohnung in der Neustadt zu beschaffen. Von Neubauten konnte natürlich nicht mehr die Rede sein. Die Reichen waren nicht weniger ratlos als die Armen. Wer bares Geld auftreiben konnte, beeilte sich und zahlte das Dreifache, um sich eine neue Wohnung zu mieten. Aber ihrer waren nur ein Vierteil der gro?en Zahl Einwohner der alten Stadt Brest-Litauen; die gro?e Masse blieb tats?chlich ohne Obdach!
Die Beratungen über den Kauf eines Hauses in der Neustadt Brest-Litauen und der bevorstehende Umzug gaben uns Kindern viele Anregungen und Besch?ftigung. Mich fror bei dem Gedanken, da? ich mich bald von meinen getreuen Gespielinnen im Cheder und in unserer Nachbarschaft aus der Vorstadt (Samuchawicz) trennen müsse, mit denen wir so traulich gespielt, und da? ich nun die trauten Winkel in ihren H?usern und dem unsrigen verlassen sollte. Ich hatte so stark wie jeder Erwachsene in unserem Hause das Gefühl, da? das ganze Leben meiner geliebten Eltern eine totale Umw?lzung erfahren müsse. Wir hofften jedoch, da?, wenn die Untersuchung die Verlogenheit der Denunziation erwiese, alle Sch?den ersetzt würden.
Allein diese Untersuchung dauerte nicht mehr und nicht weniger als fünfzehn Jahre!... Zeit genug, einen Teil der Hausbesitzer aus ihren eigenen Wohnungen zu verjagen, zu berauben und ins gr??te Elend zu stürzen!
Viele wurden zu Bettlern, viele wanderten aus!
Noch jetzt steht mir eine herzzerrei?ende Szene jener traurigen Zeiten vor Augen, die mich mit Schauder erfüllt! Es war an einem Herbsttage jenes schrecklichen Jahres 1836, als der bew?lkte Himmel wie zerschmolzenes Blei über der Erde und über den Seelen der Stadtbürger von Brest-Litauen hing. Der Nordwind blies kalt und jagte den Stra?enstaub, der die gelben, abgefallenen Bl?tter der B?ume wirbelnd vor sich her trieb, den Fu?g?ngern in die Augen. Ich befand mich gerade mit meiner Mutter auf dem Heimwege nach der Vorstadt (Samuchawicz). Wir mu?ten die kleinen, armseligen H?uschen der Nachbarschaft passieren. Da h?rten wir ein Durcheinandersprechen von Jüdisch und Russisch, ein Zanken in Russisch, ein Schimpfen in jüdischem Jargon und ein lautes Weinen. Meine Mutter trat, mich an der Hand führend, n?her. Es war eine ergreifende Trag?die, die sich vor uns abspielte. Der festgesetzte Termin für die R?umung war abgelaufen. Da aber die Einwohner des Hauses noch kein Obdach gefunden hatten, so glaubten die Unglücklichen, da? sie noch in ihrem alten Heim würden bleiben k?nnen. Aber sie irrten sich. Die Polizei schickte ihre Beamten mit dem Befehl, auf die R?umung zu dr?ngen und im Falle des Widerstandes die Hausbesitzer buchst?blich aus ihren H?usern zu verjagen! Dieser harte Befehl wurde gerade ausgeführt, als wir in das H?uschen eintraten. Die Wirtin, eine kranke, abgeh?rmte, magere Frau mit verzerrtem Gesicht packte ihr Hab und Gut in einen alten, grün angestrichenen Kasten. Ihr hochbetagter Mann hielt das kleinste Kind auf seinem Arm. Neben ihm standen noch zwei Kinder, ein Junge von etwa neun Jahren und ein M?dchen von sechs Jahren, deren H?ndchen und nackte Fü?e blaurot gefroren zitterten, denn die dürren Leiber waren nur mit Lumpen bedeckt. Auf dem Tische lag ein halber Laib Brot. Im Ofen brannten, vielmehr r?ucherten, einige Holzscheite, auf denen das armselige Mahl kochte. Die Familie wollte gerade essen, da erschien der H?llenbote und erkl?rte, da? hier für die Einwohner kein Raum mehr sei. Ja selbst diesen einen Tag sollten sie nicht wagen, hier zu bleiben.
Da war keine Zeit mehr für das Mahl, und rasch ging es an das Zusammenpacken und Zusammenraffen! Selbst in der ?rmsten Wirtschaft haben so manche Stücke, so lange sie von ihrem Fleckchen nicht entfernt werden, noch ihren Wert. Wenn man sie aber von ihrem Orte rückt, zerf?llt, zerbricht das abgenutzte Zeug. Und wohin sollten diese Armen ihre armselige Habe bringen, wenn sie noch kein Obdach hatten? Waren sie doch jetzt kaum imstande, eine kleine Komerne (Schlafstelle) zu mieten.
Die Frau füllte unter Seufzern, Klagen, Schreien und Fluchen ihren Kasten zur H?lfte mit ihren Armseligkeiten und nahm dann die Kleine vom Arm ihres Mannes. Der Alte aber begann nun, seine Sch?tze einzupacken - die gro?en und kleinen Folianten des Talmuds, die Gebetbücher, die damals jeder Jude, mochte er noch so arm sein, besa? - und dieser Mann war ein Hausbesitzer! Bald kam die Chanukalampe an die Reihe, die vier messingnen Sabbathleuchter der Frau, der H?ngeleuchter, die Schabbeskleider, der lange Kaftan, der seidene Gürtel und der Streimel (Pelzmütze). Das übrige Hausger?t, das Wasserfa?, der wurmstichige E?tisch, h?lzerne B?nke, mehrere Holzstangen usw. wurden auf die Diele geworfen, und die Armen stolperten einmal über das andere darüber. Es war furchtbar! - Meine Mutter stand mit mir an der Tür und sprach diesen Unglücklichen Mut und Gottvertrauen zu und suchte auch die Wut des Polizisten zu d?mpfen, der dann auch bald fortging.
Meine Mutter erinnerte an die Bilder, die, im Trubel vergessen, an der Wand hingen. Da waren Moses mit den heiligen Tafeln auf dem Berge Sinai, Jacob mit seinen zw?lf S?hnen, die zw?lf St?mme des jüdischen Volkes, und ein Bild der Menorah, jenes siebenarmigen Leuchters, der im Tempel zu Jerusalem stand. ?Misrach? war dem Bilde aufgedruckt (auf deutsch Osten), denn nach Osten gerichtet stand jeder Jude beim Gebet. In ?hnlichen Bildern suchte der damalige Jude seine Tradition, seine einstige Glanzperiode seiner Nachkommenschaft zu erhalten! - Der Wirt erhob bei dieser Ermahnung seine Augen, wollte die Bilder herunternehmen, aber die Wirtin schrie mit tr?nenerstickter Stimme zu ihm hinüber: ?Sollen sie hier bleiben, diese Bilder!! Wozu haben wir sie schon n?tig in der Komerne? Es ist aus mit uns! Ich bin nicht mehr Wirtin; du nicht mehr Wirt; wir haben kein eigenes Winkelchen mehr; sollen auch diese Bilder zum Teufel gehen, wie unser Hab und Gut! O Gott, warum hast du mich diesen Churben (Zerst?rung) erleben lassen!?
Der Alte packte geduldig weiter. Und als er seine traurige Arbeit zu Ende gebracht hatte, holte er einen Bauernwagen und lud seine Habe auf: den grüngestrichenen Kasten, der das wichtigste Ger?t in sich barg, die langen h?lzernen Stangen und das Bettzeug, worin man die drei vor K?lte zitternden Kinder bettete. Eine zerlumpte, wattierte Decke wurde über den Plunder geworfen. - Der Mann, als der st?rkere Teil, hatte noch den Mut, sich in den wüsten R?umen umzuschauen, fand aber nichts mehr, das fortzubringen sich gelohnt h?tte; dann hob er mit Fassung und beherzt die Fenster, die Türen und Fensterl?den aus den Angeln und trug sie auf den Wagen. ?Dafür werde ich doch einiges Geld bekommen?, sagte er.
Verlassen stand das Haus ohne Türen, ohne Fenster da - wie eine Witwe. Ein Anblick, noch viel packender als der einer Brandst?tte. Die Wolken schauen hoch hinein, und der Herbstwind jagt heulend durch die toten R?ume.
Und langsam führte über die ungepflasterte Landstra?e das bis zu den R?dern in den Kot eingesunkene Gef?hrt die gebrochenen, verzweifelten Insassen in eine hoffnungslose Zukunft nach der Neustadt.
Meine Mutter rief den Armen ein inniges ?Gotthelf? auf den Weg. Die Wirtin gab ein ?Seid gesund? zurück. Der Mann weinte. Die Kinder aber begleiteten mit lautem Geschrei diese Szene, keiner dachte daran, sie zu beruhigen, denn die Trauer dieses Momentes umschnürte alles Sinnen. Auch ich fühlte, da? hier sich ein furchtbares Geschick vollzog, und Tr?ne um Tr?ne quoll mir aus den Augen.
Daheim erz?hlte meine Mutter die eben erlebte Szene, und Schwermut legte sich auf alle Hausgenossen. Ein jeder hatte das schmerzhafte Empfinden, da? uns bald, vielleicht schon morgen, ein ?hnliches Schicksal kommen k?nnte.
Meine verheirateten Schwestern wu?ten wohl, da? sie fernerhin nicht mit den Eltern zusammen wohnen konnten, da der Vater sein ganzes Verm?gen mit den liegenden Gütern verlieren würde. Sie mu?ten daran denken, sich selbst Wohnungen einzurichten. Eine neue Aufgabe, die ihnen bis jetzt fremd und unbekannt war, trotzdem eine jede schon eine Familie, einige Kinder hatte. So sorgenlos, so gemütlich war hier im Elternhause das Leben mit Mann und Kinderchen. Und nun sollte alles anders werden! - Die Sorge legte sich wie zentnerschwerer Stein auf aller Herzen, obwohl die Beh?rde im Vergleich zu den anderen Stadtbürgern meinen Vater in dieser schrecklichen Zeit ohne jede Strenge behandelte. Von Zeit zu Zeit nur fragte man ihn, wann er nach der Neustadt ziehen würde, worauf er nur sagen konnte, da? er noch kein Haus gekauft h?tte. Aber auf die Dauer konnten uns die Beamten selbst beim besten Willen nicht in der Altstadt wohnen lassen.
Eines Morgens kam mein Vater aus der Neustadt und erkl?rte, er wolle vorl?ufig nur eine Wohnung mieten. Er hatte auch eine gefunden; die Mutter solle sie sich ansehen. Wenn sie ihr gefiele, so k?nnten wir schon in kurzer Zeit nach der Neustadt übersiedeln. Ich h?rte mit gr??tem Interesse zu. Trotz der traurigen Szenen bei der übersiedelung unserer Nachbarn empfand ich doch eine gewisse, frohe Erregung bei dem Gedanken an die gro?en, bevorstehenden Ver?nderungen. Wo die Erwachsenen schaudernd an die Mühe und Unbequemlichkeit eines Umzuges denken, hat es für Kinder besonderen Reiz und Behagen, in eine neue Wohnung zu ziehen. Vor den leeren R?umen m?chte der Gro?e fliehen, indessen jedes Kind mit Lust darin umherspringt und lustig auf das Echo seiner lauten Worte lauscht.
Meine Mutter begab sich mit einer der ?lteren T?chter auf die Neustadt und besah die Wohnung. Sie mu?te ihr gefallen.
Und bald ging es ans Packen und Zusammenr?umen. Viele Stücke unseres reichen Mobiliars mu?ten verkauft werden, da die kleinen R?ume in der Neustadt sie nicht alle h?tten aufnehmen k?nnen. An einem Dienstag sollte der Umzug nach der Neustadt vor sich gehen. Zuerst sollten meine verheirateten Schwestern mit ihren Familien übersiedeln.
Der festgesetzte Tag kam heran. Wir frühstückten noch alle beisammen - zum letzten Male! - am elterlichen Familientische. Alle schwiegen beredt, übermannt von Gefühlen, die sich durch Worte schwer ausdrücken lassen! Die Trauer dieses Momentes war inhaltsreich. Die neue Situation war schwerer als ein Feuerschaden zu ertragen. Hier waltet die Wucht der Elemente - die Hand, die wir anbeten, auch wenn sie zerst?rt! Aber Haus und Hof in dem besten Zustande zu verlassen und aus trauter Heimlichkeit der Ungewi?heit einer dunkeln Zukunft entgegen zu gehen, ist die Qual aller Qualen!...
Nach dem Frühstück wurden die Wagen aufgeladen mit den M?beln meiner Schwestern. Meine ?ltere Schwester, Chenje Malke Günzburg, wurde behutsam auf die Stra?e geführt, da sie erst vor kurzem ein T?chterchen geboren hatte. Das kleine, zarte Wesen wurde in Polsterchen, Deckchen eingebettet und in den Wagen gebracht, wo noch die zwei ?lteren Kinderchen sa?en. Als w?re es gestern gewesen, steht mir das Bild vor Augen, wie die alte Kinderw?rterin Raschke das Kindchen in den leeren Zimmern aus der Wiege hob, um es meiner Schwester in den Wagen zu bringen; viele hei?e Tr?nen liefen ihr die gerunzelten Wangen herunter....
Von diesem Tage an h?rte das patriarchalische Leben im Hause meiner geliebten Eltern auf! Es l?ste sich ein Glied des Hauses nach dem anderen ab.... Es kamen weit andere Zeiten, als wir bis jetzt gelebt hatten und niemals wieder kamen wir Kinder so alle unter des Vaters unumschr?nkter Leitung zusammen.
* * *
In jenen Tagen war es auch, da der jüdische Friedhof nach der Neustadt überführt wurde. Mit Bestürzung und Entsetzen vernahm die jüdische Gemeinde in Brest, da? die Erde, in der viele Tausend Menschengebeine seit Jahrhunderten ruhten, für die projektierten Festungsbauten verwendet und da? der alte Gottesacker mit seinen uralten Gedenksteinen demoliert werden sollte. War die Zerst?rung der Altstadt von Brest ein finanzieller Ruin, so wirkte diese Kunde von der Entweihung der Gr?ber geradezu vernichtend auf die Gemüter. Vergebens waren alle Bemühungen, Bittschriften, das Flehen, man m?ge die Toten ruhen lassen. Umsonst, die Beh?rde blieb unerbittlich wie das Schicksal und befahl die R?umung des Friedhofes.
Und es geschah.
Die ganze jüdische Bev?lkerung mit dem Rabbiner, Reb L. Katzenellenbogen an der Spitze, vermehrte ihre Gebete und die Fasttage. Es half alles nichts. Man mu?te sich schlie?lich dem grausamen Befehl fügen. Es wurde ein Tag festgesetzt, an dem dieses noch nie erlebte Leichenbeg?ngnis von vielen Tausenden vorsichgehen sollte. Die ganze Judengemeinde, jung und alt, reich und arm, fastete an diesem Tage. Jeder wollte an der schweren Arbeit teilnehmen. Nachdem die M?nner, auch viele Frauen, in der Synagoge in der frühen Morgenstunde - es war an einem Montag, wie ich mich entsinne - mit zerknirschtem Herzen gebetet hatten und der Abschnitt in der heiligen Rolle vorgelesen war, begab sich die Gemeinde auf den alten Gottesacker und verrichtete auch da Gebete. Man las Psalmen, bat die Toten um Vergebung, wie es sonst bei Bestattungen üblich und ging an das traurige Werk.
Einer der schrecklichsten Flüche bei den Juden lautete: ?Die Erde soll deine Gebeine herauswerfen!? Und so sah man den furchtbaren Fluch an diesen Gebeinen sich vollziehen!...
Schon einige Tage vorher hatte man S?ckchen aus grauer Leinwand angefertigt, die dazu bestimmt waren, die überreste der Toten aufzunehmen. Und diese kleinen S?ckchen genügten vollkommen, den ganzen Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so selbstbewu?t, so uners?ttlich, so unermüdlich im Wünschen und Begehren war - das alles wurde nun zu einem H?uflein Staub, kaum eine Last für eine Hand.
Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der aufgeschaufelten Gr?ber in die S?ckchen zu schütten, mit einem dicken Bindfaden zu verschnüren und dieselben auf die bereitstehenden Wagen zu schichten. Hier gab es keinen Unterschied, Rang und gesellschaftliche Stellung kamen nicht in Betracht. Alle waren gleich. Die ganze Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht eine Familie um einen Angeh?rigen, sondern eine ganze Bev?lkerung um ihre gesch?ndeten Toten.
Endlich waren alle Gr?ber ausgehoben, viele Wagen mit dem leichten und doch zentnerschweren Inhalt beladen und mit schwarzen Tüchern bedeckt. Der Kantor stimmte ein Gebet an, sagte Kadisch (das übliche Totengebet), und der gro?e Kondukt setzte sich in Bewegung. Viele folgten dem Zuge den langen Weg von der Altstadt in die Neustadt barfu?. Ein solches Leichenbeg?ngnis war noch nicht dagewesen. Die Regierung hatte Milit?r gestellt als Ehreneskorte, zum Teil vielleicht auch darum, weil unter den ausgegrabenen Leichen sich viele Opfer einer gro?en Epidemie befanden. Die Soldaten schritten mit geschultertem Gewehr dicht neben den Wagen; die Bürgerscharen folgten in tiefem Schweigen.
Auf dem neuangelegten Friedhof, bei dem Dorf Bereswke - sechs Werst von der Altstadt - wurden die S?ckchen mit den Gebeinen derjenigen, auf deren Gr?bern man keine Leichensteine vorgefunden hatte, in Massengr?ber versenkt, w?hrend die überreste der anderen in einzelnen Gr?bern beerdigt wurden, auf die man die alten Steine wieder setzte. Da kann man noch heute die hebr?ischen Inschriften lesen, die einige Jahrhunderte zurückführen. Der Grabstein des Rabbiners Abraham Katzenellenbogen lautet in der übersetzung:
?Hier ruht der gro?e Rabbi, unser Gaon und Lehrer
Abraham ben David des gewesenen Rabbiners in Brest,
Litauen, gestorben 1742.?
Auf einem anderen Leichenstein liest man:
??ffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten!
Hier ruht der berühmte Gaon, der heimgegangene Josef
ben Abraham, sein Andenken sei gesegnet. M?ge seine
Seele im Reiche des Ewig-Lebenden aufgenommen sein!?
Die Jahreszahl ist verwischt. Auf einem anderen Steine steht:
?Hier ruht der au?erordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger, unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am Vorabend des Vers?hnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist unverg?nglich.?[T]
Es dunkelte bereits, als die Massen-Beerdigung auf dem neuen Friedhof zu Ende war. Nach dem vollbrachten Werk zerstreute sich die Menge wieder lautlos.
An diesem Abend herrschte in unserem Hause gro?e Trauer. Meine Eltern standen unter dem tiefen Eindruck dieses schweren Tages.
Im Innersten bewegt, waren sie stumm und in sich gekehrt. Es wurde nicht gesprochen, man h?rte keinen Laut. Alle waren mit ihren Gedanken über den Tod und die Verg?nglichkeit des irdischen Lebens besch?ftigt.
Die Stadt Brest konnte an diesem Tage viele Heilige aufz?hlen, die alles Irdische verga?en und dessen Verg?nglichkeit erkannten.
Vielleicht, da? dieser schwere Tag sich l?hmend auf die Schwungkraft meines teuren Vaters legte. Er hat sich eigentlich von dem schweren Schlage, der ihn von seiner Scholle ri?, nie recht erholt.
Nach fünfzehn Jahren vieler schwerer Prozesse bekam mein Vater von der Regierung eine ansehnliche Summe Geldes für seine liegenden Güter. Aber er war ein alter Mann, seinen Gesch?ften entfremdet und ein rechter Bankdrücker geworden - ein Gelehrter, dessen T?tigkeit nur in seinem Studierzimmer an Talmudfolianten fruchtbar werden konnte.
Es gab wohl noch mancherlei Auftr?ge für den Festungsbau. Aber es war, als w?re der Vater aus seiner Wurzelerde herausgerissen - es wollten keine Früchte mehr reifen.
* * *