Ich bin in Fürth geboren und aufgewachsen, einer vorwiegend protestantischen Fabrikstadt des mittleren Franken, in der es eine zahlreiche Gemeinde gewerbs- und handelstreibender Juden gab. Das Verh?ltnis der Zahl der Juden zur übrigen Bev?lkerung war etwa 1:12.
Der überlieferung nach ist es eine der ?ltesten Judengemeinden Deutschlands. Schon im neunten Jahrhundert sollen dort jüdische Siedlungen bestanden haben. Vermehrung und Blüte trat wahrscheinlich erst zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein, als die Juden aus dem benachbarten Nürnberg vertrieben wurden. Sp?ter wendete sich auch vom Rhein her ein Flüchtlingsstrom der aus Spanien verjagten Juden nach Franken, und unter ihnen vermute ich meine Vorfahren mütterlicherseits, die im Maintal in der N?he von Würzburg seit Jahrhunderten dorfans?ssig waren, so wie die von v?terlicher Seite in Fürth, Roth am Sand, Schwabach, Bamberg und Zirndorf.
Beziehung zu Boden, Klima und Volk mu? also den Generationen, die durch drei?ig oder vierzig Jahrzehnte hier hausten, in Fleisch und Bein übergegangen sein, obgleich sie diesen Einflüssen entgegenstrebten und als Fremdk?rper vom Volksorganismus ausgeschieden waren. Drückende Beschr?nkungen, wie das Matrikelgesetz, das Verbot der Freizügigkeit und der freien Berufswahl waren noch bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in Kraft. Der Vater meiner Mutter, ein Mann von Bildung und edler Anlage, verblutete an ihnen. Da? finsterer Sektengeist, Ghettotrotz und Ghettoangst dadurch immer frische Nahrung erhielten, versteht sich am Rande.
Als ich geboren wurde, zwei Jahre nach dem Deutsch-Franz?sischen Krieg, war für die deutschen Juden der bürgerliche Tag l?ngst angebrochen. Im Parlament k?mpfte die liberale Partei bereits für die Zulassung der Juden zu den Staats?mtern, eine Anma?ung, die auch bei den aufgekl?rtesten Deutschen Entrüstung hervorrief. ?Ich liebe die Juden, aber regieren will ich mich von ihnen nicht lassen?, schrieb zum Beispiel ein Mann wie Theodor Fontane damals an einen Freund.
Von Pferch und Helotentum spürte ich also in meiner Jugend nichts mehr. Auf der einen Seite hatte man sich eingelebt, auf der andern sich gew?hnt. Wirtschaftlicher Aufschwung begünstigte die Duldsamkeit. Ich erinnere mich, da? mein Vater bei irgendeiner Gelegenheit mit freudiger Genugtuung sagte: ?Wir leben im Zeitalter der Toleranz!? Das Wort Toleranz machte mir in Gedanken viel zu schaffen; es fl??te mir Respekt ein, und ich beargw?hnte es, ohne da? ich seine Bedeutung begriff.
In Kleidung, Sprache und Lebensform war die Anpassung durchaus vollzogen. Die Schule, die ich besuchte, war staatlich und ?ffentlich. Man wohnte unter Christen, verkehrte mit Christen, und für die fortgeschrittenen Juden, zu denen mein Vater sich z?hlte, gab es eine jüdische Gemeinde nur im Sinn des Kultus und der Tradition; jener wich vor dem verführerischen und m?chtigen modernen Wesen mehr und mehr ins Konventikelhafte zurück, in heimliche, abgekehrte, frenetische Gruppen; diese wurde Sage, schlie?lich nur Wort und leere Hülse.
Mein Vater war kleiner Kaufmann, dem es auf keine Weise wie den meisten seiner Glaubens- und Altersgenossen gelingen wollte, Reichtümer zu erwerben. Er hatte in Gesch?ften eine unglückliche Hand. Er war ein wenig Phantast und hatte immer seine fixe Idee, die ihn der Biegsamkeit der Geldmacher beraubte. Er tr?umte von gro?en Spekulationen und gro?en Unternehmungen, aber was er angriff, schlug fehl. Seine Geistesrichtung war die sentimental-freiheitliche, laues Nachzüglertum der M?rzrevolution, das seine verw?sserten Tendenzen ins neue Reich getragen hatte. Ich entsinne mich aus meiner Kindheit eines leidenschaftlichen Disputs zwischen ihm und einem seiner Vettern über Ferdinand Lassalle, von dem er wie vom Gottseibeiuns sprach; aber ich entsinne mich auch, da? er manchmal am Abend rührende Lieder zur Gitarre sang. Das war noch in der guten Zeit, als ihn die Sorgen noch nicht gebrochen hatten. Er liebte Schiller und sprach mit Hochachtung von Gutzkow. Auf einer seiner Reisen hatte er in einem thüringischen Badeort zusammen mit Gutzkow an der G?stetafel gespeist; er erz?hlte oft mit Stolz davon, und in sp?teren Jahren, als meine K?mpfe um den Schriftstellerberuf ihn erbitterten, sagte er mir einmal, um vermessene Ambitionen zurückzuweisen, als deren Beute er mich sah: ?Was bildest du dir ein? Einen Gutzkow kannst du doch nie erreichen!?
Mitte der achtziger Jahre gründete er eine Fabrik in kleinem Stil, mit geringem Kapital, das er mühselig zusammengeborgt hatte, aber mit gro?en Hoffnungen. Nach wenigen Jahren machte er Bankrott und wurde dann Versicherungsagent, eine T?tigkeit, die trotz unermüdlicher Anstrengung ihn mit den Seinen kaum über Wasser hielt und ihn au?erdem mit dem Gefühl einer gescheiterten Existenz belud. Er hat sein ganzes Leben lang schwer gearbeitet; als ich, drei?igj?hrig, den Sechsundfünfzigj?hrigen für einige Wochen zu Gast bitten konnte, zeigte er eine best?ndige stumme Verwunderung, und beim Abschied sagte er zu mir: ?Es waren die ersten Ferien meines Lebens!? Nach Hause zurückgekehrt, starb er, acht Tage nachher.
Meine Mutter starb, als ich neun Jahre alt war. Sie war eine Sch?nheit, von blondem Typus, sehr sanft, sehr schweigsam. Es wurde mir oft erz?hlt, da? Fremde, die sich in der Stadt aufhielten, durch den Ruf ihrer Sch?nheit neugierig gemacht, sie zu sehen begehrten. Es wurde mir auch erz?hlt, da? ihre Jugendliebe ein Christ gewesen sei, ein Maschinenmeister aus Ulm. Es sind noch Briefe von ihr vorhanden, in denen eine kindlich-volkshafte Schwermut atmet, Poesie der Traurigkeit. Ich entsinne mich noch gut, welche Bestürzung ihr unerwarteter Tod hervorrief, und wie die halbe Stadt ihrem Sarg zum Friedhof folgte.
Beide Menschen, mein Vater und meine Mutter, obwohl gegeneinander sehr verschieden geartet, hatten ein Gemeinsames darin, da? sie ihrer Zeit nicht gem?? waren. Sie kamen von der Romantik her, der Vater als geistiger Sp?tling, die Mutter im Gemüt davon verdunkelt und beschwert. Bei der Mutter ?u?erte es sich naturhaft und führte eine tragische Lebensstimmung herbei, beim Vater drang es in das Motorische und war von einem grundlosen, alle Sachverhalte verh?ngnisvoll verschleiernden Optimismus begleitet, der ihm Entt?uschung über Entt?uschung brachte und seinen Mut und seine Kraft zerst?rte.
Die meinem Judentum geltenden Anfeindungen, die ich in der Kindheit und ersten Jugend erfuhr, gingen mir, wie mich dünkt, nicht besonders nahe, da ich herausfühlte, da? sie weniger die Person als die Gemeinschaft trafen. Ein h?hnischer Zuruf von Gassenjungen, ein giftiger Blick, absch?tzige Miene, gewisse wiederkehrende Ver?chtlichkeit, das war allt?glich. Aber ich merkte, da? meine Person, sobald sie au?erhalb der Gemeinschaft auftrat, das hei?t sobald die Beziehung nicht mehr gewu?t wurde, von Sticheleien und Feindseligkeit fast v?llig verschont blieb. Mit den Jahren immer mehr.
Mein Gesichtstypus bezichtigte mich nicht als Jude, mein Gehaben nicht, mein Idiom nicht. Ich hatte eine gerade Nase und war still und bescheiden. Das klingt als Argument primitiv, aber der diesen Erfahrungen Fernstehende kann schwerlich ermessen, wie primitiv Nichtjuden in der Beurteilung dessen sind, was jüdisch ist, und was sie für jüdisch halten. Wo ihnen nicht das Zerrbild entgegentritt, schweigt ihr Instinkt, und ich habe immer gefunden, da? der Rassenha?, den sie sich einreden oder einreden lassen, von den gr?bsten ?u?erlichkeiten gen?hrt wird, und da? sie infolgedessen über die wirkliche Gefahr in einer ganz falschen Richtung orientiert sind. Die Geh?ssigsten waren darin die Stumpfesten.
Das zun?chst nur als Andeutung. Was die Gemeinschaft anlangt, so fühlte ich mit ihr keinerlei tieferen Zusammenhang. Religion war eine Disziplin und keine erfreuliche. Sie wurde von einem seelenlosen Manne seelenlos gelehrt. Sein b?ses, eitles, altes Gesicht erscheint mir noch jetzt bisweilen im Traum. Sonderbarerweise habe ich selten von einem humanen oder liebenswürdigen jüdischen Religionslehrer geh?rt, die meisten sind kalte Eiferer und halb l?cherliche Figuren. Dieser, wie alle, bl?ute Formeln ein, antiquierte hebr?ische Gebete, die ohne eigentliche Kenntnis der Sprache mechanisch übersetzt wurden, Abseitiges, Unlebendiges, Mumien von Begriffen. Positiven Ertrag gab nur die Lektüre des Alten Testaments, aber auch da fehlte die Erleuchtung, vom Gegenstand wie vom Interpreten her. Vorgang und Gestalt wirkten im Einzelnen, Episodischen, das Ganze zeigte sich starr, oft absurd, ja unmenschlich und war durch keine h?here Anschauung gel?utert. Vom Neuen Testament brach bisweilen ein Strahl herüber wie Lichtschein durch eine verschlossene Tür, und Neugier mischte sich mit unbestimmtem Grauen. Jene ewigen Bilder und Mythen befruchteten meine Phantasie erst, als ich in ein privates, sozusagen psychologisches Verh?ltnis zu ihnen treten konnte, ein Proze?, der sie individualisierte, im Sinne der Aufkl?rung geistig machte, oder im Sinne der Romantik stofflich, je nachdem, in jedem Falle von der Religion abl?ste.
Um den Gottesdienst war es noch übler bestellt. Er war lediglich Betrieb, Versammlung ohne Weihe, ger?uschvolle übung eingefleischter Gebr?uche ohne Symbolik, Drill. Der fortgeschrittene Teil der Gemeinde hatte eine moderne Synagoge gebaut, eines jener H?user im quasi-byzantinischen Stil, wie man in den meisten deutschen St?dten eines findet, und deren parvenühafte Pr?chtigkeit über die fehlende Gemütsmacht des religi?sen Kultus nicht hinwegt?uschen kann. Mir war da alles hohler L?rm, Ert?tung der Andacht, Mi?brauch gro?er Worte, unbegründete Lamentation, unbegründet, weil im Widerspruch mit sichtbarem Wohlleben und herzhafter Weltlichkeit stehend; überhebung, Pfafferei und Zelotismus. Die einzige Erquickung waren die deutschen Predigten eines sehr stattlichen blonden Rabbiners, den ich verehrte.
Die Konservativen und Altgl?ubigen hielten ihren Dienst in den sogenannten Schulen ab, kleinen Gottesh?usern, oft nur Stuben in einer entlegenen Winkelgasse. Da sah man noch K?pfe und Gestalten, wie sie Rembrandt gezeichnet hat, fanatische Gesichter, Augen voll Askese und glühend im Ged?chtnis unvergessener Verfolgungen. Auf ihren Lippen wurden die strengen Gebete, Anruf und Verfluchung, wirklich, die lastbeladenen Schultern sprachen von generationenalter Demut und Entbehrung, die ehrwürdigen Gebr?uche wurden in entschlossener Hingabe buchstabentreu erfüllt, die Erwartung des Messias war ungebrochener, wenn auch dumpfer Glaube. Aufschwung war auch unter ihnen nicht, Trost oder Innigkeit, oder Glanz oder Menschlichkeit, oder Freude, aber überzeugung und Leidenschaft war unerbittliche Regel und Gemeinschaft.
In eine solche Schule mu?te ich nach dem Tode meiner Mutter, als neunj?hriger Knabe, jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Abend mit Sonnenuntergang, am Sabbat und an Feiertagen auch nachmittags ein Jahr hindurch gehen, um als Erstgeborener vor der Gebetsgemeinde das Kaddisch zu sagen. Zehn m?nnliche Personen über dreizehn Jahren mu?ten zu dem Zweck versammelt sein, doch waren es meist alte, uralte Leute, die übriggebliebenen einer früheren Welt. Es war hart, an Wintermorgen bei Schnee und K?lte, im Sommer um fünf Uhr und früher noch, eine Pflicht zu üben, die aufgen?tigt und befohlen war, deren Bedeutung ich nicht begriff oder begreifen mochte. Es gab sich niemand die Mühe, sie dem Geist zu verkl?ren und so die Gefahr zu bannen, da? durch die Befolgung eines als grausam empfundenen Brauches das Bild der Mutter, obschon nur vorübergehend, getrübt wurde. Dazu kam, da? im v?terlichen Hause, besonders nach der zweiten Verheiratung des Vaters, von einer religi?sen Bindung und Erziehung nicht die Rede war. Gewisse ?u?erliche Vorschriften wurden eingehalten, mehr aus Rücksicht auf Ruf und Verwandte, aus Furcht und Gew?hnung, als aus Trieb und Zugeh?rigkeit. Fest- und Fasttage galten als heilig. Der Sabbat hatte noch einen Rest seines urtümlichen Gehalts, die Gesetze für die Küche wurden noch geachtet. Aber mit der wachsenden Schwere des Brotkampfes und dem Eindringen der neuen Zeit verloren sich auch diese Gebote einer von der Andersgl?ubigen unterschiedenen Führung. Man wagte die Fessel nicht ganz abzustreifen; man bekannte sich zu den Religionsgenossen, obwohl von Genossenschaft wie von Religion kaum noch Spuren geblieben waren. Genau betrachtet war man Jude nur dem Namen nach und durch die Feindseligkeit, Fremdheit oder Ablehnung der christlichen Umwelt, die sich ihrerseits hierzu auch nur auf ein Wort, auf Phrase, auf falschen Tatbestand stützte. Wozu war man also noch Jude, und was war der Sinn davon? Diese Frage wurde immer unabweisbarer für mich, und niemand konnte sie beantworten.
Es war ein trübes Medium zwischen mir und allen geistigen und bürgerlichen Dingen. Bei jedem Schritt nach vorw?rts stie? ich auf Hemmnisse und Verschleierungen, nach keiner Richtung hin war offener Weg. Wenn ich sagte, da? ich von Pferch und Helotentum nichts spürte, so bezieht sich das natürlich nur auf die rechtliche Konstruktion des Lebens, auf das individuelle Sicherheitsgefühl, innerhalb dessen sich das Tun und Lassen des einzelnen Menschen reguliert. Sind diese beiden Faktoren einmal gegeben und zugestanden, so wird von ungleich h?herer Wichtigkeit für ihn die Frage, wie er sich zur Allgemeinheit verh?lt und wie die Allgemeinheit zu ihm. Daraus erw?chst ihm die Erkenntnis seiner Lebensaufgabe und, je nach der Entscheidung, die Kraft zu ihrer Erfüllung. An diesem Punkt begann denn auch mein Leiden.
Der jüdische Gott war Schemen für mich, sowohl in seiner alttestamentarischen Gestalt, unvers?hnlicher Zürner und Züchtiger, als auch in der opportunistisch abgekl?rten der modernen Synagoge. Erschreckend sein Bild in den K?pfen der Strenggl?ubigen, nichtssagend in den Andeutungen der Halbrenegaten und Verlegenheitsbekenner.
Wenn meine kindlich-philosophischen Spekulationen den Gottesbegriff zu fassen versuchten, einsames Denken und sp?ter Gespr?che mit einem Freund, entstand ein pantheistisches Wesen ohne Gesicht, ohne Charakter, ohne Tiefe, Resultat von Zeitphrasen, beschworen allein durch das Verlangen nach einer tragenden Idee. In dem Ma?, wie diese Idee sich als unbefriedigend erwies, sei es durch ihre Mittelm??igkeit, sei es durch ihre geahnte Verbrauchtheit, geriet ich in einen nicht minder billigen und flüssigen Atheismus, der der Epoche noch gem??er war, dieser Zeit heilloser Verflachung und Verdünnung, die mit verstandener wie mit mi?verstandener Wissenschaft Idolatrie trieb und ihre ganze Gedankensph?re durch Bildung verf?lschte.
Es war keine leitende Hand für mich da, kein Führer, kein Lehrer. Ich verlor mich in mannigfacher Hinsicht, auch indem ich nach Halt und Gewicht dort suchte, wo der wahrhafte Mensch ihrer entraten kann. Ich hatte mich in einer sowohl entseelten wie auch entsinnlichten Ordnung zurechtzufinden. Ein derartiger Zustand der Welt bedingt entweder die Zweckhaftigkeit bis in den kalten Rausch der Hirne hinein, oder die Phantasie ger?t in überschwellende Bewegung, und das Gemüt verliert den Mittelpunkt. W?re ich nicht als fragender Mensch in sehr frühen Jahren nachhaltig eingeschüchtert worden, so h?tte ich Brücken und überg?nge finden k?nnen. Konventionen w?ren wichtig gewesen, leichte und respektierte Formen. Die Mutter war zu bald aus dem Kreis geschwunden, den Vater beraubten Tagesplage und Existenzangst immer mehr des Aufblicks. Er ertrug kaum die auf ihn gerichteten Augen seiner Kinder, denn der Umstand, da? die unabl?ssige Plage ihm, ihm allein, wie er w?hnte, keinen Erfolg brachte, erfüllte ihn mit Scham, und er sah immer aus wie vom b?sen Gewissen gequ?lt. Es war uns geradezu verboten zu fragen, und übertretung wurde zuweilen streng geahndet. Daher auch wuchs inneres Unkraut ohne Schranke bei mir. Ich erinnere mich, da? ich in krankhafter Weise an Gespensterfurcht litt, an Menschenfurcht, an Dingfurcht, an Traumfurcht, da? in allem, was mich umgab, eine dunkle Bezauberungsmacht wirkte, stets unheilvoll, stets dem Verh?ngnis zugekehrt, stets darin best?rkt. Ich war oft in einem alten Hause Gast bei einem alten Ehepaare; der Mann war ein Gelehrter; im Zimmer stand ein Bücherschrank, hinter dessen Glastüre die Werke Spinozas in zahlreichen Ausgaben eigentümliche Verlockung auf mich ausübten. Als ich eines Tages die Frau bat, mir einen Band zu geben, sagte sie mit sibyllenhafter Düsterkeit, wer diese Bücher lese, werde wahnsinnig. Lange noch behielt der Name Spinoza in meinem Ged?chtnis den Klang und Sinn dieser Worte. So ?hnlich war es auch mit allem Frohen, Spielm??igen, Festlichen, das zu mir wollte, zu dem ich wollte. Es wurde abgedr?ngt, verd?chtigt, verfinstert. Lust durfte nicht sein.
Wir hatten in der Zeit nach dem Tode der Mutter eine treue Magd, die mich gern hatte. Des Abends kauerte sie gew?hnlich vor der Herdstelle und erz?hlte uns Geschichten. Ich entsinne mich, da? sie einmal, als ich ihr besonders ergriffen gelauscht hatte, mich in den Arm nahm und sagte: ?Aus dir k?nnt' ein guter Christ werden, du hast ein christliches Herz!? Ich entsinne mich auch, da? mir dieses Wort Schrecken erregte. Erstens, weil es eine stumme Verurteilung des Judeseins enthielt und damit Nahrung für bereits vorhandene Grübeleien wurde, zweitens, weil der Begriff Christ damals noch ein unheimlicher für mich war, halb atavistisch, halb lebensbang Brennpunkt feindlicher Elemente.
In demselben Gefühl befangen ging ich an Kirchen vorbei, an Bildern des Gekreuzigten, an Kirchh?fen und christlichen Priestern. Uneingestandenen Anziehungen strebten ungewu?te Bluterfahrungen entgegen. Dazu kam das erhorchte Wort eines Erwachsenen, Wort der Klage, der Kritik, der Verfemung, Ausdruck wiederkehrender typischer Erlebnisse, warnend und signalgebend in Redensarten wie im t?glichen Geschehen. Von der andern Seite wieder genügte ein prüfender Blick, ein Achselzucken, ein geringsch?tziges L?cheln, abwartende Geste und Haltung sogar, um Vorsicht zu gebieten und an Unüberbrückbares zu mahnen.
Worin aber das Unüberbrückbare bestand, konnte ich nicht ergründen. Auch als ich sp?ter das Wesentliche daran erfa?te, wies ich es für meine Person fürs erste zurück. In der Kindheit waren ich und meine Geschwister so verwirkt in das Alltagsleben der christlichen Handwerker- und Kleinbürgerwelt, da? wir dort unsere Gespielen hatten, unsere G?nner, Zuflucht in Stunden der Verlassenheit; in Wohnungen der Goldschl?ger, der Schreiner, der Schuster, der B?cker gingen wir aus und ein, am Christfestabend durften wir zur Bescherung kommen und wurden mitbeschenkt. Aber Wachsamkeit und Fremdheit blieben. Ich war Gast, und sie feierten Feste, an denen ich keinen Teil hatte.
Nun war aber das Bestreben meiner Natur gerade darauf gerichtet, nicht Gast zu sein, nicht als Gast betrachtet zu werden. Als gerufener nicht, als aus Mitleid und Gutmütigkeit geduldeter noch weniger, als einer, der aufgenommen wird, weil man seine Art und Herkunft zu ignorieren sich entschlie?t, erst recht nicht. Angeboren war mir das Verlangen, in einer gewissen Fülle des mich umgebenden Menschlichen aufzugehen.
Da aber dies Verlangen nicht nur nicht gestillt, sondern mit zunehmenden Jahren der Ri? immer klaffender wurde zwischen meiner ungestümen Forderung und ihrer Gew?hrung, so h?tte ich mich verlieren, schlie?lich mich selbst aufgeben müssen, wenn nicht zwei Ph?nomene rettend in mein Leben getreten w?ren: die Landschaft und das Wort.