Die Jugend Mozarts.
Der Vater dieses au?erordentlichen Genies, Leopold Mozart, war der Sohn eines Buchbinders zu Augsburg; er studirte zu Salzburg, und kam im Jahre 1743 als Hofmusikus in die fürstl. Kapelle. Sein Talent verbunden mit einem rechtschaffenen Charakter verschaffte ihm 1762 die Stelle des zweiten Kapellmeisters. Er war mit Anna Bertlinn verheurathet; beyde waren von einer so vortheilhaften K?rpergestalt, da? man sie zu ihrer Zeit für das sch?nste Ehepaar in Salzburg hielt.
Leopold Mozart besch?ftigte sich mit dem Hofdienste, die übrigen Stunden wendete er auf Komposition und Violinunterweisung. Welch ein vorzüglicher Kenner dieses Instruments er gewesen sey, beweiset die allgemein bekannte Violinschule, die er 1766 herausgab, und die im Jahre 1770, und zu unserer Zeit das drittemal in Wien aufgelegt wurde.
Er zeugte 7 Kinder; aber nur 2 blieben am Leben; ein M?dchen und ein Knabe. Der Sohn der im Jahr 1756 am 27sten J?nner gebohren ward, hie? Wolfgang Gottlieb, oder Amadeus; die Schwester, die ?lter war, Maria Anna.
Da der Vater bald an den beyden Kindern ein vorzügliches Talent zur Musik bemerkte, so gab er alle Lektionen und ausw?rtige Gesch?fte au?er seinem Dienste auf, und widmete sich ausschlie?lich der musikalischen Erziehung dieses Kinderpaares.
Dieser vortrefflichen Leitung mu? der ungew?hnlich hohe Grad der Vollkommenheit, zu dem Mozarts Genie sich so bald empor schwang, zugeschrieben werden. Die Natur vermag freylich viel – aber verwahrlost, oder zu einer andern Richtung gezwungen, verliert sie vieles von ihrer ursprünglichen Kraft. Auf die ersten Ideenreihen und Eindrücke kommt es bekannterma?en bey der Erziehung der Kinder am meisten an; denke man sich nun ein so gro?es natürliches Talent, als Mozart besa?, in so günstigen Umst?nden, so wird man bald von dem Erstaunen, in welches uns das Unbegreifliche seiner Aeu?erungen und Begebenheiten versetzt, zurück kommen, und den Thatsachen, die ich zu erz?hlen im Begriffe bin, gern Glauben beimessen. Die ersten Eindrücke, die sein Ohr auffa?te, waren Harmonien und Gesang; Musik waren die ersten Worte und Ideen, die er begriff! So mu?te der himmlische Funke, den die Gottheit in den Busen dieses den T?nen geweihten Knaben gelegt hatte, sehr früh aufwachen und in helle Flammen schlagen. Die gründlichen Kenntnisse seines sorgsamen Vaters kamen überall dem aufwachenden Genie entgegen; so wuchs er auf, so reifte er schneller, als die blo?e Natur zu reifen vermag.
Mozart war eben 3 Jahr alt, als seine 7 j?hrige Schwester den ersten Unterricht auf dem Klaviere bekam; und hier ?u?erte sich zuerst das Genie des Knaben. Er setzte sich oft freywillig zu dem Klavier und besch?ftigte sich stundenlang mit der Zusammenstimmung der Terzen, die er dann, wenn er sie fand, anschlug, und in lebhafte Freude ausbrach. Nun fing also der Vater an ihm leichte Stücke spielend beyzubringen; und er fand zu seinem freudevollen Erstaunen, da? der Schüler alle menschliche Erwartung übertraf; er lernte gew?hnlich in einer Stunde ein Menuet, oder ein Liedchen, und trug es dann mit dem angemessenen Ausdrucke vor.
Jeder Leser wird es wahrscheinlich finden, wenn ich sage, da? der kleine Mozart, das lebhafteste Temperament, und ein sehr z?rtliches Gefühl hatte. Seinen kindischen Spielen ergab er sich mit einer Innigkeit, die ihn auf alles übrige vergessen lie?, und Liebe für alle Personen die um ihn waren, oder sich mit ihm abgaben war sein herrschender Hang; er fragte jeden, der mit ihm umgieng, ob er ihn lieb habe, und vergo? gleich Z?hren, wenn man es scherzweise verneinte.
Ueberhaupt ergab sich Mozart schon als Kind und Knabe allen Dingen und Personen, an denen sein Geist Interesse fand, mit der ganzen warmen und lebhaften Innigkeit, deren ein so zartorganisirter Mensch f?hig ist. Dieser Zug blieb stets auch an dem Manne das unterscheidende Merkmal – und war oft sein Unglück.
Im 6ten Jahre kam er schon in der Musik so weit, da? er selbst kleine Stücke auf dem Klavier komponirte, die dann sein Vater in Noten setzen mu?te. Von diesem Zeitpunkte an empfand er nichts so lebhaft, als T?ne, und jede andere Spielerey, die sonst Kinder freut, war ihm gleichgiltig, sobald nicht Musik dabey war.
Die t?glichen Fortschritte die er darinn machte, setzten oft den Vater, der doch best?ndig um ihn war, und jeden Schritt beobachtete, in das überraschendeste Erstaunen; denn es waren nicht Fortschritte eines gew?hnlichen geschickten Lehrlings, sondern Riesenschritte eines Genies, dessen Gr??e selbst sein Vater und Erzieher nicht ahnden konnte, weil seine Entwickelung und Aeu?erung auch den gr??ten Erwartungen zuvor kam. Folgende Begebenheit, die auch Schlichtegroll in seinem Nekrolog erz?hlt, und die mir von mehreren Personen best?ttiget wurde, mag zum Beweise dienen.
Als Wolfgang ungef?hr im 6ten Jahre seines Alters war, kam einst sein Vater, aus der Kapelle mit einem Freunde nach Hause zurück; sie trafen den kleinen Tonkünstler mit der Feder in der Hand besch?ftiget an. Der Vater fragte ihn was er denn mache.
Wolfg. Ein Conzert fürs Klavier.
Vat. La? sehen; das wird wohl was Sauberes seyn.
Wolfg. Es ist noch nicht fertig.
Nun nahm es der Vater in die Hand, und fand ein Geschmiere von Noten und ausgewischten Tintenflecken; denn der kleine Komponist wu?te mit der Feder noch nicht recht umzugehen; er tauchte sie zu tief in der Tinte ein und machte dann freylich immer Flecke auf das Papier, die er mit der Hand auswischte, und so weiter darauf fortschrieb. Als aber der Vater etwas aufmerksamer die Komposition betrachtete, blieb sein Blick vom angenehmen Erstaunen und einer unbeschreiblichen Rührung darauf gefesselt, und helle Thr?nen der Freude traten in seine Augen.
Sehen Sie Freund! sprach er dann l?chelnd, wie alles richtig und nach den Regeln gesetzt ist; nur kann man es nicht brauchen, weil es so schwer ist, da? es sich nicht spielen l??t.
Wolfg. Dafür ist es auch ein Konzert; man mu? so lange exerzieren, bis man es heraus bringt. Sehen Sie, so mu? es gehen.
Hier fieng er es an zu spielen, konnte aber auch selbst kaum so viel vorbringen, als man erkennen konnte, was seine Gedanken gewesen sind. Denn er hatte die Meynung, ein Conzert spielen, und Mirakel wirken sey alles eins.
Zu dieser Zeit hatte es der Knabe schon so weit in der Musik gebracht, da? der Vater ohne Bedenken auch das Ausland zum Zeugen der au?erordentlichen Talente seines Sohnes machen konnte.
Die erste Reise, die er mit ihm und seiner Schwester unternahm, war nach München, im Jahre 1762. Hier spielte Wolfgang vor dem Churfürsten ein Conzert, und erndete sammt seiner Schwester die gr??te Bewunderung ein.
Die zweyte Reise geschah im Herbste des nemlichen Jahres, also auch im 6ten Jahre seines Alters nach Wien, wo die beyden kleinen Virtuosen dem kaiserlichen Hof vorgestellet wurden.
Eine verehrungswürdige Dame, die damals am Hofe war, versicherte mich, da? beyde Kinder ein allgemeines Erstaunen erregt haben; man konnte kaum seinen Augen und Ohren trauen, wenn sie sich produzirten. Vorzüglich hat der verewigte Sch?tzer der Künste, Kaiser Franz I. an dem kleinen Hexenmeister, (wie er ihn scherzweise nannte,) viel Wohlgefallen gefunden. Er unterhielt sich vielmal mit ihm. Alle Anekdoten die Herr Schlichtegroll bey dieser Gelegenheit erz?hlet, sind mir als wahr best?ttiget worden.
Der Kaiser hat unter andern mit ihm gescherzt, es seye wohl keine so au?erordentliche Kunst zu spielen; wenn man auf die Klaviatur schauen kann, aber bey verdeckter Klaviatur – das w?re etwas? Mozart war damit nicht in Verlegenheit gesetzt: er l??t sich die Klaviatur bedecken und spielt eben so gut, wie vorher.
Auch die? sey noch nichts besonderes, versetzte der Kaiser, wenn man mit allen Fingern spielt; aber mit einem einzigen zu spielen, das w?r erst Kunst.
Auch diese Zumuthung machte den Knaben nichts weniger als verlegen – er versuchte es mit Entschlossenheit auf der Stelle, und spielte zur Verwunderung mehrere Stücke auf diese Art mit Nettigkeit aus. Schon damals ?u?erte er einen Charakterzug, der ihm stets eigen geblieben ist; nemlich die Verachtung alles Lobes der Gro?en, und eine gewisse Abneigung vor Ihnen, wenn sie nicht Kenner zugleich waren, zu spielen. Mu?te er es dennoch, so spielte er nichts als T?ndeleyen, Tanzstücke u. d. gl. unbedeutende Sachen. Aber, wenn Kenner zugegen waren, so war er ganz Feuer und Aufmerksamkeit.
Diese Eigenheit behielt er bis zu seinem Tode, wie wir es bey seinem dreymaligen Aufenthalt in Prag sehr oft erfahren haben.
So geschah es auch damals bey dem Kaiser Franz. Als er sich zum Klavier setzte um ein Konzert zu spielen, und der Kaiser bey ihm stand, sagte Mozart: ?Ist Herr Wagenseil nicht hier? der versteht es.? Wagenseil kam, und der kleine Virtuose sagte: ?Ich spiele ein Conzert von Ihnen, Sie müssen mir umwenden.?
Auch folgende Anekdote kann vielleicht zu seiner Schilderung beitragen.
Unter allen Erzherzoginnen nahm ihn Antoinette, die nachmalige K?niginn von Frankreich am meisten ein, und er hatte eine besondere Z?rtlichkeit für sie. Als er einst in den Zimmern der h?chstseligen Kaiserinn Maria Theresia war, und von den kleinen Prinzen und Prinzessinnen herum geführt wurde, hatte er das Unglück, des Gehens am gegl?tteten Fu?boden ungewohnt, zu fallen. Niemand war gesch?ftiger ihm beyzuspringen und aufzuhelfen, als die kleine Erzherzoginn Antoinette; die? rührte sein kleines Herz so sehr, da? er gerade zu der Monarchin eilte, und mit viel Begeisterung die Güte des Herzens dieser Prinzessinn erhob. Wer h?tte einem solchen Kinde nicht gut werden sollen?
Die beyspiellose Fertigkeit, mit welcher er das Klavier behandelte, und der hohe Grad der Kenntni? der Kunst, die er in einem Alter erreichte, wo Kinder sonst noch kaum einen Kunsttrieb ?u?ern, war bewundernswürdig genug; ja es lie? sich wohl kaum etwas Gr??ers erwarten. Aber der wunderbare Geist der T?ne, der in ihn von dem Sch?pfer gelegt ward, schritt alle gew?hnliche Schranken über, und ging, da er einmal erwacht war, allem Unterrichte voran. Was man ihn lehren wollte, das war seinem Geiste schon wie bekannt, und er schien sich nur daran zu besinnen!
Der Unterricht diente ihm also nur als Reizmittel, und zur Berichtigung des Geschmackes.
Mozart spielte bisher kein anderes Instrument als das Klavier; aber er konnte auch schon geigen, bevor es sein Vater wahrnahm, oder ihm irgend eine Anweisung auf der Violine gegeben hatte. Ich will den Vorfall, der dieses offenbarte mit den Worten des Nekrologes erz?hlen. – ?Mozart hatte aus Wien eine kleine Geige mitgebracht, die er dort geschenkt bekommen hatte. Kurz als die Familie wieder nach Salzburg zurück gekehrt war, kam Wenzl ein geschickter Geiger und Anf?nger in der Komposition zu dem Vater Mozart, und bath sich dessen Erinnerungen über 6 Trios aus, die er w?hrend der Abwesenheit der Mozartischen Familie gesetzt hatte.?
?Schachtner, ein noch lebender Hoftrompeter in Salzburg, den der kleine Mozart besonders liebte, war eben gegenw?rtig. Der Vater,? so erz?hlte dieser glaubwürdige Augenzeuge, ?spielte mit der Viola den Ba?, Wenzl die erste Violin, und ich sollte die zweyte spielen. Der kleine Wolfgang bath, da? er doch die zweyte Violin spielen dürfte. Aber der Vater verwie? ihm seine kindische Bitte, weil er noch keine ordentliche Anweisung auf der Violin gehabt h?tte und daher unm?glich etwas Gutes herausbringen k?nnte. Der Kleine erwiederte, da?, um die 2te Violin zu spielen man es ja wohl nicht erst gelernet zu haben brauche; aber der Vater hie? ihn halb in Unwillen davon gehen und ihn nicht weiter st?ren. Der Kleine fing an bitterlich zu weinen, und lief mit seiner kleinen Geige davon. Ich bath, man m?chte ihn doch mit mir spielen lassen; endlich willigte der Vater ein, und sagte zu ihm: Nun so geige nur mit Herrn Schachtner, jedoch so stille, da? man dich nicht h?re, sonst mu?t du gleich fort. Wir spielten und der kleine Mozart geigte mit mir, doch bald bemerkte ich, da? ich da ganz überflüssig sey. Ich legte meine Geige weg und sah den Vater an, dem bey dieser Scene Thr?nen der gerührten Z?rtlichkeit aus dem v?terlichen Auge über die Wangen rollten. So spielte Wolfgang alle 6 Trios durch. Nach deren Endigung wurde er durch unsern Beyfall so kühn, da? er behauptete, auch die erste Violin spielen zu k?nnen. Wir machten zum Scherz einen Versuch, und mu?ten herzlich lachen, als er auch diese, wiewohl mit lauter unrechten und unregelm??igen Applikaturen, doch aber so spielte, da? er nie v?llig stecken blieb.?
Mit welcher bewundernswürdigen Genauigkeit sein Ohr auch den feinsten Unterschied der T?ne ma?, wie unglaublich sicher sein Ged?chtni? T?ne behielt, beweiset folgender Vorfall, der sich fast um gleiche Zeit ereignete.
Schachtner, der erw?hnte Freund des Mozartschen Hauses, und der Liebling des kleinen Wolfgangs, besa? eine Violin, die dieser ihres sanften Tones wegen vorzüglich liebte, und die Buttergeige nannte. Er spielte eines Tages darauf. In einigen Tagen kam Schachtner wieder, und traf den Wolfgang auf seiner eigenen kleinen Geige phantasirend an.
?Was macht ihre Buttergeige?? sagte Wolfgang und fuhr in seiner Phantasie fort. Nach einer kleinen Pause, wo er sich auf etwas zu besinnen schien, sagte er weiter:
Wenn sie aber nur ihre Geige immer in gleicher Stimmung lie?en; sie war das letztemal, als ich auf ihr spielte, um einen Viertelton tiefer, als meine da. Man l?chelte über diese dreiste Behauptung in einer Sache, wo das geübteste Künstlerohr kaum einen Unterschied zu bemerken im Stande ist.
Der Vater aber, der schon oft durch ?hnliche Aeu?erungen des gro?en Tongefühls seines Sohnes überrascht wurde, h?lt es der Mühe werth die Angabe zu prüfen. Die Geige wird gebracht, und zum allgemeinen Erstaunen traf die Angabe mathematisch richtig ein.
Bey allen diesen Fertigkeiten, bey diesem au?erordentlich gro?en Talent, besa? der kleine Mozart einen Flei?, der für seinen zarten K?rperbau vielleicht zu gro? war. Man mu?te ihn Abends vom Klavier wegrufen, oft mit Ernst wegjagen, sonst h?tte ihn die aufgehende Sonne vielleicht noch bey demselben angetroffen.
Diese Vergessenheit seiner selbst, wenn er sich mit Musik besch?ftigte, blieb ihm bis an sein Ende eigen; er sa? t?glich am Fortepiano bis in die sp?te Nacht. Ein sicheres Kennzeichen des Genies, welches seinen Gegenstand immer mit der ganzen Kraft der Seele umfa?te, und seiner selbst verga?.
Man darf jedoch nicht glauben, da? er nicht auch zu andern Sachen f?hig war; alles was er lernte, begriff er leicht, und ergab sich dem Gegenstande mit einem Eifer und Feuer, dessen Grund in seiner empfindsamen Organisation lag. So bemahlte er Stühle, Tische und den Fu?boden mit Ziffern, als er rechnen lernte, und dachte und redete von nichts andern, als von arithmetischen Aufgaben; er ward nach der Zeit einer der geübtesten Rechenmeister.
Dabey war er so gehorsam und nachgiebig gegen seine Eltern, da? man nie sinnlicher Strafen bedurfte, und da? er selbst keine E?waare ohne Erlaubni? des Vaters annahm oder verzehrte.
Sobald sein gro?es Talent etwas bekannt wurde, so mu?te er oft ganze Tage sich vor Fremden h?ren lassen: und doch zeigte er nie Unwillen, wenn ihn der Befehl seines Vaters wieder an das Klavier gehen hie?. Gegen seine Gespielen war er immer voll Freundlichkeit und Wohlwollen, und hieng an ihnen mit der ganzen gro?en Z?rtlichkeit seines Herzen; selbst in kindischen Unterhaltungen zeigte sich sein Geist der Musik, von der immer etwas mit dabey seyn mu?te.
Im siebenten Jahre seines Alters, das ist, im Jahr 1763 machte Mozart mit seinen beyden Kindern die erste gr??ere musikalische Reise in Deutschland. Durch diese wurde der Ruhm des jungen Meisters allgemein verbreitet. Er zeigte seine Talente und Fertigkeiten vorzüglich in München, wo er auch ein Violin-Konzert vor dem Churfürsten spielte und dazu aus dem Kopfe pr?ambulirte; dann in Augsburg, Manheim, Mainz, Frankfurt, Koblenz, K?lln, Achen und Brüssel.
Von da giengen sie im November nach Frankreich, wo sich die Familie 21 Wochen aufhielt. Zu Versailles lie? sich der kleine 8 j?hrige Mozart in der k?nigl. Kapelle vor dem K?nige und dem ganzen Hofe auf der Orgel h?ren. Man sch?tzte zu dieser Zeit sein Orgelspiel noch h?her als das Klavierspiel.
In Paris gaben sie zwei Akademien fürs Publikum, wovon die Folge war, da? alsogleich der Vater sammt den beyden Kindern in Kupfer gestochen erschienen, und da? man allgemein in Bewunderung und Lobeserhebung derselben wetteiferte. Hier gab auch Wolfgang Mozart seine ersten Kompositionen in Stich heraus. Das erste Werk dedicirte er der Madame Viktoire, der zweyten Tochter des K?nigs, das andere der Gr?finn Tesse. Es sind Sonaten für das Klavier.
Von Paris ging die Familie den 10. April 1764 nach England. Noch in demselben Monate lie?en sich die Kinder vor der k?niglichen Familie h?ren; so auch im folgenden, wobei zugleich Mozart auf der Orgel des K?nigs spielen mu?te. Darauf gaben sie ein gro?es Konzert für das Publikum zu ihrem Besten; ein anderes zum Nutzen des Hospitals der W?chnerinnen: in beyden waren alle Sinfonien von der Komposition des Sohnes. Dann spielten sie noch einmal vor dem K?nig und dem vornehmsten Adel.
Der ungew?hnliche Beyfall und die Bewunderung, zu welcher solche Wundertalente das Publikum überall hingerissen haben, waren für den jungen Mozart Antrieb und Reiz sich immer vollkommener zu machen. Er sang auch mit der gr??ten Empfindung Arien – und es war gewi? ein rührendes Schauspiel dieses kleine Virtuosenpaar auf 2 Klavieren konzertieren, oder im Gesange wetteifern zu h?ren! der Sohn war schon so weit in der Kunst gekommen, da? er die schwersten Stücke von den gr??ten Meistern vom Blatte wegspielen konnte; in Paris und London legte man ihm Sachen vom H?ndel und Bach vor, die er mit Akkuratesse und dem angemessenen Vortrage zur Verwunderung jedes Kenners vom Blatt wegspielte.
Als er bei dem K?nige von England spielte, legte man ihm unter andern einen blo?en Ba? vor, wozu er auf der Stelle eine vortreffliche Melodie erfand und zugleich vortrug.
W?hrend dieses Aufenthalts in England schrieb er 6 Klavier-Sonaten, die er in London stechen lie? und der K?nigin dedizirte.
Den Sommer des Jahrs 1765 brachte die Familie in Flandern, Brabant und Holland zu. W?hrend einer gef?hrlichen Krankheit, (Blattern waren es), welche die beyden Kinder einige Monathe lang auf das Krankenbette fesselte, fing Wolfgang andere 6 Klavier-Sonaten an; und als er sie nach der Krankheit vollendet hatte, lie? er sie stechen, und dedizirte sie der Prinzessin von Nassau-Weilburg. In dieser Krankheit zeigte sich die immer rege Th?tigkeit seines harmonischen Geistes sehr auffallend: denn da er das Bette nicht verlassen durfte, so mu?te man ihm ein Brett über das Lager richten, auf welchem er schreiben konnte; und selbst als seine kleinen Finger noch voll Pocken waren, konnte man ihn kaum vom Spielen und Schreiben abhalten. Diese Anekdote ist aus dem Munde eines sehr glaubwürdigen Zeugen.
Zu dem Installationsfeste des Prinzen von Oranien, im Anfange des Jahrs 1766, setzte der junge Mozart einige Sinfonien, Variationen und Arien.
Nachdem er einigemal bey dem Erbstatthalter gespielt hatte, gieng die Familie wieder nach Frankreich, blieb einige Zeit in Paris, und reiste über Lyon und die Schweiz nach Schwaben, wo sie einige Zeit in Donaueschingen bey dem Fürsten von Fürstenberg verweilten, und dann zu Ende des Jahrs 1766 nach einer Abwesenheit von 3 Jahren wieder in Salzburg eintrafen.
Hier blieb nun die Mozartische Familie mehr als ein Jahr in Ruhe. Diesen Zeitraum der Musse wendete der junge Künstler auf das h?here Studium der Komposition, deren gr??te Tiefen er nun bald ergründet hatte. Emmanuel Bach, Hasse und H?ndel waren seine M?nner – ihre Werke sein unabl?ssiges Studium! Er vernachl?ssigte auch nicht die alten italienischen Meister, deren Vorzüge in Rücksicht der Melodie und der Gründlichkeit des Satzes so auffallend gegen die heutigen Italiener abstechen. So schritt er immer n?her zu der Stufe der Vollkommenheit, auf der ihn bald darauf die Welt als eine seltene Erscheinung erblickte.
Im folgenden Jahre 1768 gieng Mozart nach Wien und spielte vor dem Kaiser Joseph, der dem 12 j?hrigen Knaben den Auftrag gab, eine Opera buffa zu schreiben. Sie hie? La finta semplice, und erhielt den Beyfall des Kapellmeisters Hasse und Metastasios, wurde aber nicht aufgeführt.
Bey diesem Aufenthalte zu Wien war er oft bey dem Dichter Metastasio, der ihn sehr liebte, bey dem Kapellmeister Hasse und dem Fürsten Kaunitz; hier gab man ihm oft die erste beste italienische Arie, zu welcher Wolfgang auf der Stelle in Gegenwart aller Anwesenden die Musik mit allen Instrumenten setzte. Dieses Faktum best?ttigen mehrere noch lebende verehrungswürdige Zeugen, aus deren Mund ich die Anekdote geh?rt habe.
Zu der Einweihung der Kirche des Waisenhauses, welche zu dieser Zeit gefeyert wurde, komponirte der zw?lfj?hrige Meister Mozart die Kirchenmusik, und dirigirte ihre Aufführung in Gegenwart des ganzen kaiserlichen Hofes.
Das Jahr 1769 brachte er mit seinem Vater in Salzburg zu, theils in vollkommener Erlernung der italienischen Sprache, theils in der Fortsetzung des h?hern Studium seiner Kunst. In demselben Jahre wurde er zum Konzertmeister bey dem Salzburgischen Hofe ernannt.
Mozart hatte nun die ansehnlichsten L?nder Europens gesehen; der Ruhm seines gro?en, früh gereiften Künstlertalents blühte bereits von den Ufern der Donau bis zur Seine und der Themse hin; aber er war noch nicht in dem Vaterlande der Musik gewesen. Italiens Beyfall und Bewunderung mu?te erst der Urkunde seines Ruhmes das Siegel aufdrücken. Auch war es seinem nach Vollkommenheit strebenden Geiste daran gelegen, die Blüthe der Tonkunst – den Gesang in seinem natürlichen Boden zu beobachten, und die vielen gro?en M?nner, die damals noch Italiens Ruhm in der Musik stützten, zu kennen – und von ihnen zu lernen.
Im Dezember des n?mlichen Jahres verlie? also Mozart blos in Begleitung seines Vaters, Salzburg. Sein erster Aufenthalt war Inspruck, wo er in einer Akademie bey dem Grafen Künigl ein Konzert primi vista mit vieler Leichtigkeit spielte. Von da giengen sie nach Mailand.
Hatte in Frankreich und England sein gro?es Genie und die seltenen Kunst-Fertigkeiten Bewunderung erregt, so war es in Italien feuriger Enthusiasmus, mit dem man ihn aufnahm und erhob! Selbst der m?chtige Nationalstolz, und das Vorurtheil des Ultramontanismus wich besiegt von den gl?nzenden Talenten des 12 j?hrigen Knaben; er schien eine Erscheinung vom Himmel, ein h?herer Genius der Tonkunst zu seyn!
So gro? war die Ueberlegenheit seines Genies, da? ihm zu Mailand nach einigen ?ffentlichen Proben seiner Kunst, gleich die Scrittura zu der Opera seria für den künftigen Karneval 1771 gegeben ward. Von da reisete er schon im M?rz 1770 nach Bologna – eine Stadt die nebst Neapel den gr??ten Ruhm der Musik hatte.
Hier fand der junge Künstler einen enthusiastischen Bewunderer an dem berühmten Kapellmeister Pater Martini,[1] dem gr??ten Kontrapunktisten und einem berühmten Schriftsteller in der Musik. Künstler von wahrem Verdienst ehren einander überall! Auch haben es die Italiener nicht nur an Mozart, sondern auch an unserm Landsmann Misliweczek bewiesen, da? sie gro?e Talente, wenn sie auch au?er Italien entsprossen sind, zu sch?tzen verstehen. Wie gro? war die Achtung, in der dieser berühmte B?hme in Neapel und Rom stand?
Abbate Martini war nebst den andern Kapellmeistern au?er sich vor Bewunderung, als der junge Mozart über jedes Fugenthema, das ihm Martini hinschrieb, die geh?rige Eintheilung und Disposition nach der ganzen Strenge der Kunst angab, und die Fuge augenblicklich auf dem Klavier ausführte.
Zu Florenz fand man bey seiner Gegenwart alles, was der Ruf von seinen Talenten sagte, zu gering, als Mozart bey dem Marchese Ligneville ebenfalls einem gro?en Kontrapunktisten, jedes angegebene Thema auf der Stelle vortrefflich ausführte – jede vorgelegte Fuge, mit einer Leichtigkeit vom Blatte wegspielte, als h?tte er sie selbst komponirt. Und wie wahr es ist, da? treffliche Geister einander verstehen und ihre Verwandschaft bald anerkennen, zeuget die Bekanntschaft, die Mozart hier in Florenz mit einem jungen Engl?nder Thomas Linley, einem Knaben von 14 Jahren gemacht hatte. Er war der Schüler des berühmten Violonisten Nardini, schon selbst Virtuose und Meister seines Instrumentes. Sie wurden bald innige vertraute Freunde; ihre Freundschaft aber war nicht Knaben Anh?nglichkeit, sondern die Z?rtlichkeit zweyer tieffühlenden, übereinstimmenden Seelen! sie achteten sich als Künstler, und führten sich auf wie M?nner! Wie bitter war ihnen der Tag ihrer Trennung? Linley brachte Mozarten am Tage der Abreise noch ein Gedicht, das er von der Dichterin Corilla auf ihn hatte verfertigen lassen, schied unter vielen Umarmungen und Thr?nen von ihm, und begleitete seinen Wagen unter best?ndigen Aeu?erungen der z?rtlichsten Betrübni? bis vor die Stadt.
Von Florenz reisete Vater und Sohn nach Rom; sie kamen eben in der Charwoche an. Hier hatte nun Mozart Gelegenheit genug die vielen Meisterstücke der erhabensten Kirchenmusik zu h?ren, die in dieser heiligen Zeit bey der ernsten Feyer der Welterl?sung aufgeführt werden. Den ersten Rang darunter verdiente das berühmte Miserere, welches Mittwochs und Freytags diese Woche in der sixtinischen Kapelle blos von Vokalstimmen gesungen wird, und das in dem erhabenen, feyerlichen Kirchengesange das non plus ultra der Kunst seyn soll; so zwar da? es den p?pstlichen Musikern unter der Strafe der Exkommunikation verbothen ward, eine Kopie davon zu machen.
Die? gab dem jungen Mozart den Gedanken ein, bei der Anh?rung desselben recht aufmerksam zu seyn, und es dann zu Hause aus dem Ged?chtnisse aufzuschreiben. Es gelang ihm über alle Erwartung; er nahm den Aufsatz am Charfreytage zur Wiederholung desselben mit, um im Stande zu seyn Verbesserungen zu machen, und das Mangelhafte zu erg?nzen.
Bald verbreitete sich der Ruf davon in Rom, und erregte allgemeines Aufsehen und Erstaunen; besonders, da es Mozart in einer Akademie aufführte, wobey der Kastrat Christophori zugegen war, welcher es in der Kapelle gesungen hatte, und durch sein Erstaunen Mozarts Triumph vollkommen machte.
Wer es einsieht, welchen Aufwand von Kunst eine so vielstimmige, kritische Choralmusik erfodert, der wird mit Recht durch diese Begebenheit in Erstaunen gesetzt. Welch ein Ohr, Ged?chtni?, Tongefühl – welche Kenntni? des Satzes war das, die verm?gend war, ein solches Werk sogleich zu fassen und so vollkommen zu behalten? Die? zu k?nnen, mu?te ein h?heres Ma? von Kr?ften vorhanden seyn, als man gew?hnlich anzutreffen pflegt.
In Neapel, wohin er sich aus Rom begab, fand Mozart nicht weniger Bewunderer, als in den andern St?dten Italiens; denn jeder unbefangene Zuh?rer mu?te seinem Genie huldigen. Mozart ri? sp?ter als Mann mit der Allgewalt seiner Kunst jedes gefühlvolle Herz hin: was mu?te den Zuh?rern in Italien geschehen, die einen Knaben sahen und den vollendetesten Künstler h?rten? – Sie hielten ihn für einen Zauberer: der war nun Mozart freylich: aber die magische Kraft lag nicht in seinem Ringe, wie man in Neapel w?hnte; denn als er ihn auf Verlangen der Zuh?rer weglegte, war sein Spiel nicht weniger bezaubernd, als zu vor. Man denke sich nun das Erstaunen und die Bewunderung der lebhaften Italiener? Von Neapel kehrte Mozart, mit einem Rufe, der nur selten einem Künstler vorangeht, nach Rom zurück. Der Papst durch alle die Wunder der Kunst aufmerksam gemacht, wollte den jungen Kapellmeister sehen. Er ward ihm vorgestellt, und erhielt das Kreuz und Breve als Ritter militiae auratae.
Auf seiner Rückreise von Rom nach Mayland, hielt er sich wieder eine kurze Zeit zu Bologna auf, wo er mit einstimmiger Wahl als Mitglied und Maestro der philharmonischen Akademie aufgenommen wurde. Zur Prüfung bekam er eine vierstimmige Fuge im Kirchenstil auszuarbeiten; man schlo? ihn deshalb in ein Zimmer ganz allein ein. Er war damit in einer halben Stunde fertig und erhielt das Diplom.
In allen diesen St?dten wurden ihm Opern-Akkorde für den n?chsten Fasching angetragen; da er aber bereits für Mailand versprochen war, so mu?te er sie alle ausschlagen. Daher eilte er dahin zu kommen. Seine Oper unter dem Titel: Mitridate kam noch zu Ende des Jahres 1770, den 26. Dezember auf die Scene; sie erhielt allgemeinen Beyfall und ward zwanzigmal nacheinander aufgeführt. Eben darum wurde mit ihm alsogleich schriftlichen Akkord auf die Opera seria für den Karneval von 1773 eingegangen. Sie hie?, Lucio Sulla und erhielt einen noch gr??ern Beyfall als Mitridate, denn sie wurde 26mal ohne Unterbrechen aufgeführt.
Auf seiner Rückreise aus Italien im J. 1771, besuchte er noch Venedig und Verona; hier überreichte man ihm auch das Diplom als Mitglied der philharmonischen Gesellschaft.[2] So kam er nach einem Aufenthalte von mehr als 15 Monaten in Italien, nach Salzburg zurück. Die Ausbeute dieser langen Reise war ein Schatz neuer Kenntnisse und Ideen, ein gel?uterter Geschmack und die Bewunderung einer Nation, die von der Natur selbst zur Richterin in der Tonkunst berufen zu seyn schien.
Bey seiner Ankunft in Salzburg fand Mozart einen Brief von dem Grafen Firmian aus Mayland, worinn ihm dieser im Namen der Kaiserin Maria Theresia den Auftrag machte, die gro?e theatralische Serenate zur Verm?hlung des Erzherzogs Ferdinand zu schreiben.[3] Zu diesem Feste schrieb Hasse, der ?lteste unter den Kapellmeistern die Opera, und Mozart, der jüngste unter ihnen, die Serenate; die Kaiserin schien das so mit Absicht angeordnet zu haben! Diese Serenate hie?: Ascanio in Alba; w?hrend der Feyerlichkeit ward immer mit der Oper und der Serenate abgewechselt. Bey der Wahl des neuen Erzbischofs von Salzburg, 1772, schrieb Mozart auch eine theatralische Serenate, betitelt: Lo sogno di Scipione.
Einige Reisen die Mozart im Jahre 1773 und 1774 nach Wien und München machte, gaben die Gelegenheit zu mehreren Meisterwerken der Tonkunst; hieher geh?rt die komische Oper: La finta Giardiniera, und mehrere Messen für die Münchner Hofkapelle.
Im Jahre 1775 schrieb Mozart in Salzburg die Serenate il re pastore, welche au?erordentlich gefiel, und unter diejenigen ?ltern Werke Mozarts geh?rt, die auch jetzt noch ihren gro?en Werth haben; denn er hatte darinn schon den hohen Geist ahnden lassen, der in seinen sp?tern Kunstwerken herrscht. Dahin geh?rt das Oratorium der büssende David, welches unter die besten Werke dieser Art geh?rt, und auch jetzt noch von Kennern bewundert wird.
Fu?noten:
[1] Anmerkung: Ohne meine Erinnerung werden die Leser einsehen, da? dieser Martini mit dem Opernkomponisten Martini, dem Verfasser der Cosa rara, nicht zu verwechseln sey.
[2] Anmerkung. Alle diese Diplome, so wie das Kreuz des p?pstl. Ordens, bewahret die Wittwe zum Andenken.
[3] Serenaten waren eine Gattung Kantaten, denen zum Grunde ein dramatisches Sujet gelegt war; sie hatten also Aehnlichkeiten mit den Oratorien.
Mozart als Mann.
Diesen Zeitpunkt, das hei?t, sein 20stes Lebensjahr k?nnen wir für die Epoche seiner Vollendung als Meister annehmen; denn von nun an zeigte er sich immer als ein solcher im gl?nzendesten Lichte, und mit einer entscheidenden Ueberlegenheit des Geschmackes und Genies; alle seine Werke, die er seit dem geliefert hat, sind klassisch und erwarben ihm die Krone der Unsterblichkeit. Wir fahren in der Erz?hlung seiner Lebensbegebenheiten fort, und werden die vorzüglichsten seiner Werke, aus dieser Lebensperiode, in einem besondern Abschnitte rezensiren.
Mozarts Ruhm war nun gegründet. Jede gro?e Stadt, die er zu dem Schauplatze seiner Talente gemacht h?tte, würde ihn mit Freude aufgenommen, und seine Werke mit Entzücken angeh?rt haben. Zu einer solchen Erwartung berechtigte ihn im hohen Ma?e die gro?e Wirkung, die sein zweifaches gleich gro?es Talent, des Klavierspielers und Kompositors jedesmal und überall auf das Publikum gemacht hatte.
Unter diesen St?dten war wohl Paris der angemessenste Platz für das Genie Mozarts; um so mehr, da seine Kunst dort ein schon begeistertes Publikum gefunden h?tte. Aber er hatte keinen Geschmack an der franz?sischen Musik; über die? war sein gerader Charakter zu Intriguen und Kabalen nicht gemacht, die auf diesem gro?en Tummelplatze menschlicher Leidenschaften auch die Künste mit ihren Schlangenwindungen umstrickten. Er kam also von der letzten Reise, die er im Jahre 1777 mit seiner Mutter nach Paris zu dem Endzwecke gemacht hatte, bald wieder, aber allein zurück; denn sie starb dort.[4] Auch die? mag seinem gefühlvollen Herzen den Aufenthalt in Paris verleidet haben. Zu Ende des Jahres 1778 war er schon wieder in Salzburg.
Der Bayerische Hof, der schon so oft Zeuge seines Künstlertalentes war, und insbesondere der damalige Churfürst, der gro?e Sch?tzer aller sch?nen Künste, liebte Mozarts Musik im hohen Grade. Er bekam daher den Auftrag für den Fasching vom 1781 in München eine Opera seria zu schreiben.
Da schuf Mozart das erhabene Werk, die Oper Idomeneo; worinn eine Gedankenfülle, eine W?rme der Empfindung herrscht, die sich nur von der Jugendkraft eines genialischen Tonkünstlers wie Mozart erwarten lie?. Diesen Aufenthalt in München rechnete Mozart unter die angenehmsten Tage seines Lebens und verga? nie auf die gef?llige Freundschaft, die er da von so vielen M?nnern vom Verdienst geno?.
Aus München ward er durch einen Auftrag seines Erzbischofs nach Wien berufen: und von dieser Zeit an, das hei?t von seinem 25sten Jahre, lebte er in dieser Kaiserstadt, die eben so sehr durch den entschiedenen Hang des Publikums zur Musik, als auch durch die Menge vortrefflicher Tonkünstler, für Mozarts Geist wichtig seyn mu?te.
Von hier aus verbreiteten sich seine erstaunenswürdigen Kompositionen zun?chst nach B?hmen, dann in das übrige Deutschland, und gaben dem Geschmacke in der Musik einen gro?en Schwung, eine neue Richtung, die aber seine zeitherigen Nachahmer verzerren und verderben.
Sein Spiel auf dem Pianoforte fand zuerst Bewunderer und Liebhaber; denn obschon Wien mehrere gro?e Meister dieses Instrumentes, des Lieblinges des Publikums z?hlte, so kam doch keiner unserm Mozart gleich. Eine bewundernswürdige Geschwindigkeit, die man besonders in Rücksicht der linken Hand oder des Basses einzig nennen konnte, Feinheit und Delikatesse, der sch?nste, redendeste Ausdruck und ein Gefühl, das unwiderstehlich zum Herzen drang, sind die Vorzüge seines Spieles gewesen, die gepaart mit seiner Gedankenfülle, mit der tiefen Kenntni? der Komposition natürlich jeden H?rer hinrei?en, und Mozarten zu dem gr??ten Klavierspieler seiner Zeit erheben mu?ten.
Seine Klavierkompositionen aller Art, Sonaten, Variationen, Konzerte, wurden bald allgemein bekannt und beliebt. Man ward bey jedem neu erschienenen Werke überrascht durch die Neuheit des Stiles, und der Gedanken – man staunte über die H?he, zu der sich die Musik durch seine Werke so schnell empor schwang!
In Wien fand Mozart einen Tonkünstler, dessen Genie dem seinigen am ?hnlichsten war; ich meine den berühmten Sch?pfer der Alzeste und Iphigenie, Ritter von Gluck, einen B?hmen von Geburt. Der Umgang mit ihm und das unabl?ssige Studium seiner erhabenen Werke gab Mozarten viel Nahrung, und hatte Einflu? auf seine Opernkompositionen. Auch wurde Mozart bald der innigste Verehrer des gro?en, unvergleichlichen Joseph Haydn, der schon damals der Stolz der Tonkunst war, und nun, nachdem Mozart nicht mehr ist, unser einzige Liebling, unsere Wonne bleibt. Mozart nannte ihn oft seinen Lehrer.
Bald nachdem Mozart seinen Aufenthalt in Wien aufgeschlagen hatte, fa?te der unverge?liche Kaiser Joseph II. den Gedanken, der eines deutschen Kaisers so würdig war, den Geschmack an italienischen Opern durch die Unterstützung deutscher Singspiele und S?nger zu verdr?ngen, und für das Vaterl?ndische mehr zu stimmen. Er versammelte daher die besten S?nger und S?ngerinnen, und lie? von Mozart eine deutsche Oper setzen. Für diese Virtuosen schrieb Mozart das allgemein bekannte, allgemein beliebte Singspiel, die Entführung aus dem Serail in dem Jahre 1782.
Sie machte allgemeines Aufsehen; und die schlauen Italiener sahen bald ein, da? ein solcher Kopf für ihr welsches Geklingel bald gef?hrlich werden dürfte. Der Neid erwachte nun mit der ganzen Sch?rfe des italienischen Giftes! Der Monarch der im Grunde von der neuen tiefeindringenden Musik entzückt war, sagte doch zu Mozart: ?Gewaltig viel Noten lieber Mozart!?
?Gerade so viel, Eure Majest?t, als n?thig ist,? versetzte dieser mit jenem edlen Stolze, und der Freymüthigkeit, die gro?en Geistern so gut anstehet. Er sah es ein, da? die? nicht eigenes Urtheil, sondern nachgesagt war.
Ich darf hier nicht verschweigen, da? Mozart zu der Zeit, als er diese Oper schrieb, Konstanza Weber, seine nachmahlige Gemahlin, die Schwester der berühmten S?ngerin Lang, liebte und eben Br?utigam war. Den Einflu?, den diese Seelenstimmung auf die Komposition dieser Oper haben mu?te, wird jedermann erkennen, der sie geh?rt hat; denn wer wei? es nicht, wie voll sü?er Gefühle, voll schmachtender Liebe sie ist?
Ich kann den Beyfall und die Sensation, die sie in Wien erregte, nicht aus eigener Erfahrung beschreiben – aber ich bin Zeuge des Enthusiasmus gewesen, den sie bey ihrer Aufführung in Prag in Kennern und Nichtkennern verursachte! Es war, als wenn das, was man hier bisher geh?rt und gekannt hatte, keine Musik gewesen w?re! Alles war hingerissen – alles staunte über die neuen Harmonien, über die originellen, bisher ungeh?rten S?tze der Blasinstrumente. Nun fingen die B?hmen an seine Kompositionen zu suchen; und in eben dem Jahre h?rte man schon in allen bessern musikalischen Akademien, Mozarts Klavierstücke und Sinfonien. Von nun an war die Vorliebe der B?hmen für seine Werke entschieden! Die gr??ten Kenner und Künstler unserer Vaterstadt, waren auch Mozarts gr??te Bewunderer, die feurigsten Verkündiger seines Ruhmes.[5]
Mozart lebte bisher, ungeachtet seines gro?en Ruhmes ohne Anstellung, also ohne bestimmte Einkünfte. Klavier-Unterricht, und abonnirte Konzerte für einen geschlossenen Cirkel des hohen Adels waren noch die ausgiebigsten Quellen seiner Einkünfte, wobey sich in einer Stadt, wie Wien, sicher nichts ersparen lie?.
In dieser Periode schrieb er die sch?nsten Sachen für das Klavier: Sonaten mit und ohne Begleitung, Konzerte, die nun in jedermanns H?nden sind.
Im Jahre 1785 gab er 6 meisterhafte Violin-Quartetten im Stich heraus, mit einer Dedikation an seinen Freund den Kapellmeister Joseph Haydn, die ein sch?ner Abdruck seiner Hochachtung für diesen gro?en Mann ist; und so wie dieselbe den Ruhm Haydns, durch die Huldigungen eines Künstlers wie Mozart, vermehrt: eben so sehr gereicht sie diesem zur Ehre, und macht uns das Herz eines Mannes liebenswürdig, dessen Talent Bewunderung heischt.
Gewi?, Mozart h?tte mit keinem Werke einen Joseph Haydn besser ehren k?nnen, als mit diesen Quartetten, die ein Schatz der sch?nsten Gedanken, und das Muster und eine Schule der Komposition sind. In den Augen des Kenners ist dies Werk eben so viel werth, als jede Opernkomposition Mozarts. Alles darinn ist durchgedacht, und vollendet! – Man sieht es diesen Quartetten an, da? er sich die Mühe gab Haydns Beyfall zu verdienen.
Eben zu der Zeit machte das franz?sische Lustspiel von Beaumarchais, Figaro sein Glück und kam auf alle Theater. Mozart ward vom Kaiser Joseph dazu bestimmt, diesem Lustspiele, nachdem es in ein Singspiel umgegossen ward, auch auf dem italienischen Operntheater durch seine Musik Celebrit?t zu verschaffen. Es wurde in Wien von der italienischen Opern-Gesellschaft aufgeführt. Wenn es wahr ist, was man allgemein als wahr erz?hlt, und was sich bei so vielen glaubwürdigen Zeugen freylich nicht in Zweifel ziehen l??t, da? die S?nger, aus Ha?, Neid und niedriger Kabale bey der ersten Vorstellung durch vorsetzliche Fehler sich alle Mühe gegeben haben die Oper zu stürzen: so kann der Leser daraus schlie?en, wie sehr diese Faktion die Ueberlegenheit des Genies in Mozart fürchtete, und wie wahr es sey, was ich kurz vorher bey Gelegenheit der Entführung aus dem Serail bemerkt habe. Dieser feige Bund verdienstloser Menschen blieb bis an das frühe Ende des unsterblichen Künstlers in voller Th?tigkeit ihn zu hassen, zu verl?umden, und seine Kunst herabzusetzen. Welchen Kampf hatte Mozarts Geist zu bestehen, bis er vollkommen triumphirte?
Man erz?hlt, da? die S?nger durch eine ernste Warnung des seligen Monarchen zu ihrer Pflicht gewiesen werden mu?ten, da Mozart voll Bestürzung zwischen dem 2ten Akte zu Ihm in die Loge kam und Ihn darauf aufmerksam machte.
So wie jedes seiner Werke in B?hmen nach seinem wahren Werthe erkannt und gesch?tzt wurde: so geschah es auch mit dieser Oper. Sie wurde im Jahre 1786 von der Bondinischen Gesellschaft in Prag auf das Theater gebracht und gleich bey der ersten Vorstellung mit einem Beyfall aufgenommen, der nur mit demjenigen, welchen die Zauberfl?te nachher erhielt, verglichen werden kann. Es ist die strengste Wahrheit, wenn ich sage, da? diese Oper fast ohne Unterbrechen diesen ganzen Winter gespielt ward, und da? sie den traurigen Umst?nden des Unternehmers vollkommen aufgeholfen hatte. Der Enthusiasmus, den sie bei dem Publikum erregte, war bisher ohne Beyspiel; man konnte sich nicht genug daran satt h?ren. Sie wurde bald von einem unserer besten Meister, Herrn Kucharz in einen guten Klavier-Auszug gebracht, in blasende Parthieen, ins Quintett für Kammermusik, in teutsche T?nze verwandelt: kurz Figaros Ges?nge wiederhallten auf den G?ssen, in G?rten, ja selbst der Harfenist auf der Bierbank mu?te sein non piu andrai t?nen lassen, wenn er geh?rt werden wollte. Diese Erscheinung hat freylich gr??tentheils in der Vortrefflichkeit des Werkes ihren Grund; aber nur ein Publikum, welches so viel Sinn für das wahre Sch?ne in der Tonkunst und so viel gründliche Kenner unter sich besitzt, konnte den Werth einer solchen Kunst auf der Stelle empfinden; dazu geh?rt auch das unvergleiche Orchester der damaligen Oper, welches die Ideen Mozarts so genau und flei?ig auszuführen verstand. Denn auf diese verdienten M?nner, die zwar gr??tentheils keine Konzertisten, aber desto gründlichere Kenner und Orchestersubjekte waren, machte die neue Harmonie und der feurige Gang des Gesanges den ersten und tiefsten Eindruck! Der nunmehr verstorbene rühmlich bekannte Orchester-Direktor Strobach versicherte oft, da? er sammt seinem Personale bey der jedesmaligen Vorstellung so sehr ins Feuer gerathe, da? er trotz der mühsamen Arbeit mit Vergnügen von vorne wieder anfangen würde.
Die Bewunderung für den Verfasser dieser Musik gieng so weit, da? einer unserer edelsten Kavaliere und Kenner der Musik, Graf Johann Joseph Thun, der selbst eine vortreffliche Kapelle unterhielt, ihn nach Prag zu kommen einlud, und ihm Wohnung, Kost und alle Bequemlichkeiten in seinem Hause anboth. Mozart war zu sehr über die Wirkung erfreut, die seine Musik auf die B?hmen machte – zu begierig eine Nation von einem solchen Musikgefühle kennen zu lernen, als da? er die Gelegenheit nicht mit Freuden ergriffen h?tte. Er kam im Februar 1787 nach Prag: am Tage seiner Ankunft wurde Figaro gegeben, und Mozart erschien darinn. Alsogleich verbreitete sich der Ruf von seiner Anwesenheit im Parterre, und so wie die Sinfonie zu Ende gieng, klatschte ihm das ganze Publikum Beyfall und Bewillkommen zu.
Er lie? sich dann auf allgemeines Verlangen in einer gro?en musikalischen Akademie im Operntheater auf dem Pianoforte h?ren. Nie sah man noch das Theater so voll Menschen, als bey dieser Gelegenheit; nie ein st?rkeres, einstimmiges Entzücken, als sein g?ttliches Spiel erweckte. Wir wu?ten in der That nicht, was wir mehr bewundern sollten, ob die au?erordentliche Komposition, oder das au?erordentliche Spiel; beydes zusammen bewirkte einen Totaleindruck auf unsere Seelen, welcher einer sü?en Bezauberung glich! Aber dieser Zustand l?sete sich dann, als Mozart zu Ende der Akademie allein auf dem Pianoforte mehr als eine halbe Stunde phantasirte und unser Entzücken auf den h?chsten Grad gespannt hatte, in laute überstr?mende Beyfalls?u?erung auf. Und in der That übertraf dieses Phantasiren alles, was man sich vom Klavierspiele vorstellen konnte, da der h?chste Grad der Kompositionskunst mit der vollkommensten Fertigkeit im Spiele vereinigt ward. Gewi?, so wie diese Akademie für die Prager die einzige ihrer Art war, so z?hlte Mozart diesen Tag zu den sch?nsten seines Lebens.
Die Sinfonien, die er für diese Gelegenheit setzte, sind wahre Meisterstücke des Instrumentalsatzes, voll überraschender Ueberg?nge und haben einen raschen, feurigen Gang, so, da? sie alsogleich die Seele zur Erwartung irgend etwas Erhabenen stimmen. Die? gilt besonders von der gro?en Sinfonie in D dur und Es, die noch immer ein Lieblingsstück des Prager Publikums sind, obschon sie wohl hundertmal geh?rt waren.
Der Opernunternehmer Bondini schlo? zugleich mit Mozart den Akkord zu einer neuen Oper für die Prager Bühne auf den n?chsten Winter, welche dieser gerne übernahm, weil er erfahren hatte, wie gut die B?hmen seine Musik zu sch?tzen und auszuführen verstanden. Die? ?u?erte er oft gegen seine Prager Freunde: er war überhaupt gern in Prag, wo ihn ein gefühlvolles Publikum, und wahre Freunde so zu sagen auf den H?nden trugen. – Dem Opernorchester dankte er in einem Briefe an den damaligen Direktor Herrn Strobach sehr verbindlich, und schrieb seiner geschickten Ausführung den gr??ten Theil des Beyfalls zu, den seine Musik in Prag erhalten hatte.[6] Dieser Zug seines Herzens, so unbedeutend er scheint, ist sehr sch?n; er giebt einen Beweis, da? Stolz, Eigendünkel oder Undankbarkeit seine Fehler nicht waren, wie man es so h?ufig an viel geringern Virtuosen wahrnimmt.
In dem nemlichen Jahre 1787 gegen den Winter kam Mozart verm?g seines Akkords wieder nach Prag, und vollendete da die Krone aller seiner Meisterwerke, die Oper: Il dissoluto punito, oder Don Giovanni.
Die B?hmen sind stolz darauf, da? er durch eine so erhabene und aus der Tiefe seines Genies gesch?pfte Musik ihren guten Geschmack erkannte und ehrte. ?Don Juan ist für Prag geschrieben? – mehr braucht man nicht zu sagen, um zu beweisen, welchen hohen Begriff Mozart von dem musikalischen Sinne der B?hmen hatte. Es gelang ihm auch vollkommen diesen Sinn zu treffen und zu rühren; denn keine Oper hat sich hier in einem gleichen Wohlgefallen so lange auf dem Theater erhalten, als Don Juan. Es sind nunmehr 21 Jahre, seit sie gegeben wird, und noch immer h?rt man sie mit Vergnügen, noch immer lockt sie zahlreiche Versammlung in das Parterre. Kurz Don Juan ist die Lieblingsoper des bessern Publikum in Prag. Als Mozart bey der ersten Vorstellung derselben an dem Klavier im Orchester erschien, empfing ihn das ganze bis zum Erdrücken volle Theater mit einem allgemeinen Beyfallklatschen. Ueberhaupt bekam Mozart in Prag bey jeder Gelegenheit gro?e und unzweydeutige Beweise der Hochachtung und Bewunderung, welche gewi? ehrenvoll waren, weil nicht Vorurtheil oder Mode, sondern reines Gefühl seiner Kunst daran Theil hatte. Man liebte und bewunderte seine sch?nen Werke; wie konnte man gegen die Person ihres gro?en Sch?pfers gleichgültig bleiben?
In dem Jahre 1789 im Monat December schrieb Mozart das italienische komische Singspiel, Cosi fan tutte, oder die Schule der Liebenden; man wundert sich allgemein, wie der gro?e Geist sich herablassen konnte, an ein so elendes Machwerk von Text seine himmlisch sü?en Melodien zu verschwenden. Es stand nicht in seiner Gewalt, den Auftrag abzulehnen, und der Text ward ihm ausdrücklich aufgetragen. – In diese Periode f?llt auch seine Reise über Leipzig und Dresden nach Berlin.[7] Der gro?e Ruf seines Namens gieng ihm voran, und man fand sich nirgends in der Erwartung get?uscht, die er überall erregt hatte. Der damalige K?nig von Preu?en, ein freygebiger Kenner und Freund der Tonkunst, ward ganz für ihn eingenommen; und gab ihm ausgezeichnete Beweise seiner Achtung. Wie wahrhaft und daurend dieselbe gewesen sey, beweiset die k?nigliche Gro?muth, mit welcher dieser Monarch sp?ter die Wittwe Mozart in Berlin aufnahm und unterstützte.
Mozart war bis jetzo ohne Anstellung, ohne sichere Einkünfte. So bekannt auch sein Talent war, so sehr man seine Kompositionen suchte: so wenig dachte man daran ihn zu belohnen, und zu unterstützen. Er hatte zwar oft betr?chtliche Einnahmen gemacht; aber bei der Unsicherheit und Unordnung der Einkünfte, bei den h?ufigen Kindbetten, den langwierigen Krankheiten seiner Gattin, in einer Stadt wie Wien, mu?te Mozart doch im eigentlichen Verstande darben. Er beschlo? daher die Stadt zu verlassen, wo sich keine Stelle für einen Kopf wie Mozart fand. Sein Plan war nach England zu gehen, wo er ein besseres Schicksal um so mehr erwarten konnte, als ihm oft von da Einladungen und lockende Antr?ge gemacht wurden.
Alles war zur Abreise fertig, als ihm Kaiser Joseph den Titel eines kaiserlichen Kammerkomponisten mit einem Jahrgehalt von 800 Gulden und der Zusicherung ertheilte, da? auf ihn in der Zukunft Bedacht genommen werden würde. Mozart mochte nicht trotzen; er nahm es willig an, und blieb. Das Anstellungsdekret ist am 7. Dec. 1787 ausgestellt.
Ich überlasse es jedem Leser darüber Beobachtungen anzustellen, um die Ursachen der langen Vernachl?ssigung eines so gro?en Künstlers auszuforschen. An ihm lag die Schuld gewi? nicht; man mü?te denn seinen geraden und offenen zum Bücken und Kriechen untauglichen Charakter als Schuld annehmen.
So viele Feinde und Neider auch jeden seiner Vorzüge durch Herabsetzung und Verl?umdung zu verdunkeln bemüht waren: so vollkommen war dennoch der Triumph seiner Kunst bey unbefangenen, von dem Roste der Mode unverletzten Seelen. Alle wahren Kenner der Tonkunst huldigten seinem Genie. Ich will davon ein Beyspiel anführen.
Der als Staatsmann und Gelehrter gleich verehrungswürdige Baron von Switten, ein wahrer Kenner der Tonkunst, voll Gefühl für den ernsten Gesang des erhabenen H?ndels, lie? oft die Werke dieses berühmten Tonkünstlers, die für den t?ndelnden Modegeschmack unserer Tage eine zu einfache Kost sind, in Privatkonzerten aufführen. Er bediente sich dazu der Talente unsers Mozarts, der die gro?en Ideen H?ndels mit der W?rme seiner Empfindung zu beleben und durch den Zauber seines Instrumentalsatzes für unser Zeitalter genü?bar zu machen verstand.[8] Baron von Switten korrespondirte oft über die Angelegenheit mit Mozart, und schrieb ihm einst unter andern:
Den 21sten M?rz 1789.
?Ihr Gedanke, den Text der kalten Arie in ein Recitativ zu bringen ist trefflich, und in der Ungewi?heit ob Sie wohl die Worte zurückbehalten haben, schickte ich sie Ihnen hier abgeschrieben. Wer H?ndel so feyerlich und so geschmackvoll kleiden kann, da? er einerseits auch dem Modegecken gef?llt, und andererseits doch immer in seiner Erhabenheit sich zeiget, der hat seinen Werth gefühlt, der hat ihn verstanden, der ist zu der Quelle seines Ausdruckes gelanget und kann und wird sicher daraus sch?pfen. So sehe ich dasjenige an, was Sie leisteten, und nun brauche ich von keinem Zutrauen mehr zu sprechen, sondern nur von dem Wunsche das Rezitativ bald zu erhalten.?
Switten.
Der Türkenkrieg und der dadurch veranla?te Tod des edelsten Monarchen, des unverge?lichen Josephs, raubte auch Mozarten eine gro?e Stütze seiner Hoffnungen; er blieb Kapellmeister mit 800 Fl. und ohne Wirkungskreis!
Aber auch sein Ende rückte nun heran; er sollte den gro?en Monarchen nicht lange überleben. Das Jahr 1791, furchtbar reich an gro?en Todten, ward bestimmt auch den Stolz der Tonkunst zu entrei?en. Mozart hatte jedoch zuvor der Nachwelt mit vollen H?nden aus dem Reichthume seines Geistes ausgespendet. Daher ist dieses Jahr eben so merkwürdig durch die Sch?pfung seiner sch?nsten Werke, als es uns durch seinen unerwarteten Tod schmerzhaft geworden ist. In demselben, ja gewisserma?en nahe an dem Ziele seines Lebens schuf er die Musik zu der Zauberfl?te, zu der ernsthaften Oper, La Clemenza di Tito, und das furchtbar erhabene Requiem (Seelenmesse) welches er nicht einmal mehr vollenden konnte. So gewi? es ist, da? diese drey Werke allein ihm den ersten Platz unter den Tonkünstlern seines Zeitalters und unsterblichen Ruhm versichert h?tten, so sehr vermehren sie die Sehnsucht nach dem Entrissenen, durch den Gedanken, der sich dem gefühlvollen Zuh?rer unter dem Genusse seiner Werke unwiderstehlich aufdringt: ?Ach! wie viel würde der Mann noch geleistet, welche Harmonien geschaffen haben??
Die Zauberfl?te setzte er für das Theater des bekannten Schikaneders, der sein alter Bekannter war. Die Musik zu der Oper La Clemenza di Tito war von den b?hmischen St?nden zu der Kr?nung des Kaisers Leopold bestellt. Diese letzte begann er in seinem Reisewagen auf dem Wege von Wien, und vollendete sie in dem kurzen Zeitraume von 18 Tagen in Prag.
Die Geschichte seines letzten Werkes, der erw?hnten Seelenmesse, ist eben so geheimni?voll als merkwürdig.
Kurz vor der Kr?nungszeit des Kaisers Leopold, bevor noch Mozart den Auftrag erhielt nach Prag zu reisen, wurde ihm ein Brief ohne Unterschrift von einem unbekannten Bothen übergeben, der nebst mehreren schmeichelhaften Aeu?erungen die Anfrage enthielt, ob Mozart eine Seelenmesse zu schreiben übernehmen wollte? um welchen Preis und binnen welcher Zeit er sie liefern k?nnte?
Mozart der ohne Mitwissen seiner Gattin nicht den geringsten Schritt zu thun pflegte, erz?hlte ihr den sonderbaren Auftrag, und ?u?erte zugleich sein Verlangen sich in dieser Gattung auch einmal zu versuchen, um so mehr, da der h?here pathetische Stil der Kirchenmusik immer sehr nach seinem Genie war. Sie rieth ihm den Auftrag anzunehmen. Er schrieb also dem unbekannten Besteller zurück, er würde das Requiem für eine gewisse Belohnung verfertigen; die Zeit der Vollendung k?nne er nicht genau bestimmen; er wünsche jedoch den Ort zu wissen, wohin er das Werk, wenn es fertig seyn würde, zu übergeben habe. In kurzer Zeit erschien derselbe Bothe wieder, brachte nicht nur die bedungene Belohnung mit, sondern noch das Versprechen, da er in dem Preise so billig gewesen sey, bey der Absendung des Werkes eine betr?chtliche Zugabe zu erhalten. Er sollte übrigens nach der Stimmung und Laune seines Geistes schreiben, sich aber gar keine Mühe geben, den Besteller zu erfahren, indem es gewi? vergeblich seyn würde.
Mittlerweile bekam Mozart den ehrenvollen und vortheilhaften Antrag für die Prager Kr?nung des Kaisers Leopold die Oper Titus zu schreiben. Nach Prag zu gehen, für seine lieben B?hmen zu schreiben, hatte für ihn zu viel Reiz, als da? er es h?tte ausschlagen k?nnen!
Eben als Mozart mit seiner Frau in den Reisewagen stieg, stand der Bothe wie ein Geist da, zupfte die Frau an dem Rocke, und fragte: ?Wie wird es nun mit dem Requiem aussehen? –?
Mozart entschuldigte sich mit der Nothwendigkeit der Reise und der Unm?glichkeit seinem unbekannten Herrn davon Nachricht geben zu k?nnen: übrigens würde es seine erste Arbeit bey der Zurückkunft seyn, und es k?me nur auf den Unbekannten an, ob er so lange warten wolle. Damit war der Bothe g?nzlich befriedigt.
Schon in Prag kr?nkelte und medizinirte Mozart unaufh?rlich; seine Farbe war bla? und die Miene traurig, obschon sich sein munterer Humor in der Gesellschaft seiner Freunde doch oft noch in fr?hlichen Scherz ergo?. Bey seinem Abschiede von dem Zirkel seiner Freunde ward er so wehmüthig, da? er Thr?nen vergo?. Ein ahnendes Gefühl seines nahen Lebensende schien die schwermüthige Stimmung hervorgebracht zu haben – denn schon damals trug er den Keim der Krankheit, die ihn bald hinraffte, in sich.
Bey seiner Zurückkunft nach Wien nahm er sogleich seine Seelenmesse vor, und arbeitete mit viel Anstrengung und einem lebhaften Interesse daran: aber seine Unp??lichkeit nahm sichtbar zu, und stimmte ihn zur düstern Schwermuth. Seine Gattin nahm es mit Betrübni? wahr. Als sie eines Tages mit ihm in den Prater fuhr, um ihm Zerstreuung und Aufmunterung zu verschaffen, und sie da beyde einsam sa?en, fing Mozart an vom Tode zu sprechen, und behauptete, da? er das Requiem für sich setze. Thr?nen standen dem empfindsamen Manne in den Augen. ?Ich fühle mich zu sehr, sagte er weiter, mit mir dauert es nicht mehr lange: gewi?, man hat mir Gift gegeben! Ich kann mich von diesem Gedanken nicht los winden. –?
Zentnerschwer fiel diese Rede auf das Herz seiner Gattin; sie war kaum im Stande ihn zu tr?sten, und das Grundlose seiner schwermüthigen Vorstellungen zu beweisen. Da sie der Meynung war, da? wohl eine Krankheit im Anzuge w?re, und das Requiem seine empfindlichen Nerven zu sehr angreife, so rufte sie den Arzt, und nahm die Partitur der Komposition weg.
Wirklich besserte sich sein Zustand etwas, und er war w?hrend desselben f?hig eine kleine Kantate, die von einer Gesellschaft für ein Fest bestellt wurde, zu verfertigen. Die gute Ausführung derselben und der gro?e Beyfall, mit dem sie aufgenommen ward, gab seinem Geiste neue Schnellkraft. Er wurde nun etwas munterer und verlangte wiederholt sein Requiem fortzusetzen und zu vollenden. Seine Frau fand nun keinen Anstand ihm seine Noten wieder zu geben.
Doch kurz war dieser hoffnungsvolle Zustand; in wenig Tagen verfiel er in seine Melancholie, ward immer matter und schw?cher, bis er endlich ganz auf das Krankenlager hinsank, von dem er ach! nimmer aufstand.
Am Tage seines Todes lie? er sich die Partitur an sein Bette bringen. ?Hab ich es nicht vorgesagt, da? ich die? Requiem für mich schreibe?? so sprach er, und sah noch einmal das Ganze mit nassen Augen aufmerksam durch. Es war der letzte schmerzvolle Blick des Abschiedes von seiner geliebten Kunst – eine Ahndung seiner Unsterblichkeit!
Gleich nach seinem Tode meldete sich der Bothe, verlangte das Werk, so wie es unvollendet war, und erhielt es. Von dem Augenblicke an sah ihn die Wittwe nie mehr, und erfuhr nicht das mindeste, weder von der Seelenmesse, noch von dem Besteller. Jeder Leser kann sich vorstellen, da? man sich alle Mühe gab den r?thselhaften Bothen auszuforschen, aber alle Mittel und Versuche waren fruchtlos.[9]
Mozart blieb w?hrend seiner Krankheit bey vollkommenem Bewu?tseyn bis an sein Ende, und starb zwar gelassen, aber doch sehr ungern. Jedermann wird die? begreiflich finden, wenn er bedenkt, da? Mozart kurz zuvor das Anstellungsdekret als Kapellmeister in der St. Stephanskirche mit allen Emolumenten, die von Alters her damit verbunden waren, bekam, und nun erst die frohe Aussicht hatte, bei hinl?nglichen Einkünften ruhig, ohne Nahrungssorgen leben zu k?nnen. Auch erhielt er fast zu gleicher Zeit aus Ungarn und Amsterdam ansehnliche Bestellungen und Akkorde auf periodische Lieferungen gewisser Kompositionen.
Dieses sonderbare Zusammentreffen so glücklicher Vorbothen eines bessern Schicksales – seine gegenw?rtigen traurigen Verm?gensumst?nde – der Anblick einer trostlosen Gattin – der Gedanke an zwey unmündige Kinder: alles dieses war nicht gemacht, einen bewunderten Künstler, der nie Stoiker gewesen ist, in seinem 35ten Jahre die Bitterkeit des Todes zu versü?en. ?Eben jetzt, so klagte er oft in seiner Krankheit, soll ich fort, da ich ruhig leben würde! Jetzt meine Kunst verlassen, da ich nicht mehr als Sklave der Mode, nicht mehr von Spekulanten gefesselt, den Regungen meiner Empfindung folgen, frey und unabh?ngig schreiben k?nnte, was mein Herz mir eingiebt! Ich soll fort von meiner Familie, von meinen armen Kindern, in dem Augenblicke, da ich im Stande geworden w?re, für ihr Wohl besser zu sorgen!? Sein Tod erfolgte in der Nacht am 5ten Dezember 1791. Die Aerzte waren in der Bestimmung seiner Krankheit nicht einig. Man kann sagen, um Mozart flo?en unz?hlbare Thr?nen; nicht in Wien allein, vielleicht mehr noch in Prag, wo man ihn liebte und bewunderte. Jeder Kenner, jeder Freund der Tonkunst hielt seinen Verlust für unersetzlich; und wahrlich, bis jetzt hat man nicht Ursache diese trostlose Meynung zurück zu nehmen! Es schien unglaublich, da? ein Mann, der so unsterbliche Werke geliefert, der unsern Herzen so reine Entzückungen geschaffen hat, nicht mehr seyn sollte!
In Wien feyerte man sein Andenken mit Würde; aber Prag zeichnete sich auch hierinn durch die w?rmste Theilnahme aus; die Trauer um unsern Liebling war allgemein und ungeheuchelt. Zuerst veranstaltete der würdige Musik Direktor Joseph Strobach, ein Freund des Verstorbenen,[10] in seiner Pfarrkirche bey St. Niklas den 14ten Dezember d. n. J. ein feyerliches Seelenamt für Mozart. Nie gab es ein so rührendes und erhabenes Trauerbeg?ngni?. Ein Chor von 120 Personen aus den besten Künstlern Prags ausgew?hlt, die alle mit wehmüthigen Eifer sich dazu angebothen hatten, unter der Direktion des braven Strobachs führte das meisterhafte Requiem unsers berühmten Landsmannes Rosetti mit einem so schwermuthsvollen Ausdrucke auf, da? es nothwendig auf das versammelte Volk den tiefsten Eindruck machen mu?te. Mehr als 3000 Menschen, vom Adel und Bürgerstande, (so viel nemlich diese gro?e Kirche fa?te,) waren da beysammen – alle gerührt, alle voll Wehmuth über den frühen Tod des entrissenen Künstlers!
Etwas sp?ter, den 28ten Dezember 1791 unternahm eine Gesellschaft wahrer Verehrer des Verstorbenen, zur Unterstützung der hinterlassenen Waisen und Wittwe ein ?ffentliches Konzert in dem Nationaltheater; man führte einige der besten, weniger bekannten Kompositionen Mozarts auf. Eine so edle Todtenfeier unterstützte das Prager Publikum aus allen Kr?ften, um so mehr, da es die Gelegenheit fand den Tribut seiner Hochachtung dem Genie Mozarts in der gro?müthigen Unterstützung der hilflosen Waisen zu zollen. Das Theater war voll, und die Einnahme betr?chtlich. Wie glücklich ist ein Künstler, dessen Talent solche Freunde erwirbt!
In Wien wurde die Wittwe auf eine eben so gro?müthige Art unterstützt. – Mozart hinterlie? seiner Familie nichts als den Ruhm seines Namens. Alle Hilfsmittel ihrer Erhaltung beruhten auf der Gro?muth eines dankbaren Publikums, dem Mozart so viele Stunden des reinsten Vergnügens, der edelsten Unterhaltung durch sein unersch?pfliches Talent geschaffen hatte. Und wahrlich, man kann sagen, da? dieses seine Schuld redlich abzutragen suchte. Die Wittwe lie? in einem ?ffentlichen Konzert zu ihrem Besten die merkwürdige Seelenmesse aufführen. Der gro?e Ruf dieses Meisterstückes und der Wunsch, die Waisen zu unterstützen, zog ein zahlreiches Publikum hin, und man mu? es den edlen Freunden der Kunst in Wien zum Ruhme nachsagen, da? dieselben auch nach 17 Jahren noch gegen den Mozartischen Namen nicht gleichgültig geworden sind. In allen musikalischen Akademien, die der Wittwe zu ihrem Besten zugestanden werden, ist das Haus voll, und die Einnahme gut.
Aber die Gro?muth des sel. Kaisers Leopold, dieses menschenfreundlichen, für die Wissenschaften und Künste so früh entrissenen Monarchen, übertraf alles, was bisher der Wittwe zum Besten geschah.
Mozarts Feinde und Verl?umder wurden besonders gegen sein Ende, und nach seinem Tode so boshaft, so laut, da? bis zu dem Ohre des Monarchen manche nachtheilige Sage von Mozart gedrungen war. Diese Ausstreuungen und Lügen waren so unversch?mt, so emp?rend, da? der Monarch, von Niemanden des Gegentheiles belehrt, sehr entrüstet war. Nebst einer sch?ndlichen Erdichtung und Vergr??erung von Ausschweifungen, denen Mozart, wie sie sagten, ergeben gewesen sey, behauptete man, da? er nicht weniger als 30,000 Gulden Schulden hinterlassen habe – eine Summe, über die der Monarch erschrack!
Die Wittwe war eben gesonnen den Monarchen um Pension zu bitten. Eine edeldenkende Freundin und vortreffliche Schülerin Mozarts unterrichtete sie von den Verl?umdungen ihres Mannes bey Hofe, und gab ihr den Rath den gütigen Monarchen bey der Audienz eines Bessern zu belehren.
Die Wittwe hatte bald Gelegenheit ihren Rath auszuführen.
?Euer Majest?t,? sagte sie mit edlem Eifer bey der Audienz, ?jeder Mensch hat Feinde; aber heftiger und anhaltender ist noch niemand von den seinigen verfolgt und verl?umdet worden, als mein Mann, blos weil er ein so gro?es Talent war! Man hat es gewagt Euer Majest?t viel Unwahres über ihn zu sagen: man hat seine hinterlassene Schulden zehnfach vergr??ert. Ich stehe mit meinem Leben dafür, da? ich mit einer Summe von ungef?hr 3000 Gulden alles bezahlen k?nnte, was er schuldig ist. Und diese Schuld ist nicht muthwillig gemacht worden. Wir hatten keine sichern Einkünfte; h?ufige Kindbetten, eine schwere und kostbare Krankheit von anderthalb Jahren, die ich auszustehen hatte, werden bey dem menschenfreundlichen Herzen meines Monarchen zur Entschuldigung dienen.?
?Wenn es so ist,? sagte der Monarch, ?da ist wohl noch Rath zu schaffen. Geben sie ein Konzert von seinen hinterlassenen Werken, und ich will es unterstützen.?
Er nahm ihr die Bittschrift gn?dig ab; und in kurzer Zeit ward ihr eine Pension von 260 fl. angewiesen, die zwar an sich gering ist, aber da Mozart erst 3 Jahre angestellt, folglich die Wittwe noch nicht pensionsf?hig war, so bleibt es immer eine Gnade. Die Akademie ward unternommen, und der unsterbliche Monarch erfüllte so gro?müthig sein Versprechen, da? die Wittwe dadurch in den Stand gesetzt wurde, die Schulden ihres Mannes zu tilgen.
Aus dieser Begebenheit kann man schlie?en, wie viel an den boshaften Erz?hlungen von der Unordnung seiner Haushaltung, seiner Verschwendung und dergleichen Anschw?rzungen Wahres seyn mag. Da man so wenig seiner Gr??e als Künstler beyzukommen im Stande war, so suchte der gr?mliche Neid seinen moralischen Charakter zu verstellen! Eine sehr leichte und gew?hnliche Taktik kleiner Seelen, denen jedes Verdienst, jede Gr??e unausstehlich ist: um so mehr, wenn sie ihrem kleinen Gewerbe zu schaden droht! Es ist nur Gerechtigkeit, die dem Verdienste gebührt, wenn man sich Mühe giebt solche fremde Flecken aus dem Gem?hlde würdiger Menschen zu verwischen.
Wenn gegen Mozart diejenige Billigkeit ausgeübt wird, die jeder an sich selbst zu erfahren wünschen mu?, so wird er deshalb noch nicht als Muster der Oekonomie und Sparsamkeit angepriesen. Es ist wahr; er h?tte den Werth des Geldes besser sch?tzen sollen: aber darf ein gro?er Geist keine Schw?chen, keine Fehler haben? M?chten doch die, über ihn so streng urtheilen, auf ihr Herz greifen und sich fragen: – – –
Quid tu?
nullane habes vitia?
Und sind sie in irgend einem Fache Mozarte? – Die Endschuldigung der Schulden, die er hinterlie?, vernahmen wir eben aus dem Munde seiner Wittwe; und gewi?, sie ist nicht ungegründet.
Mozart hinterlie? von mehreren Kindern nur zwey S?hne, wovon der jüngere etwa 4 Monathe alt war, als der Vater starb. Er hei?t Wolfgang wie sein Vater, ist gegenw?rtig 17 Jahre alt, und durch die ersten Produkte seines musikalischen Talentes dem Publikum schon vortheilhaft bekannt. Sein Klavierspiel zeichnet sich durch feinen Ausdruck und Pr?cision aus. Und so w?re denn zum Theil die scherzhafte Vorhersagung seines Vaters erfüllt, da? die? Kind ein Mozart werden würde, weil es einst weinend in den Ton stimmte, aus dem der Vater eben auf dem Fortepiano spielte. Offenbar lebt der Geist seines Vaters in ihm: aber dem Sohne fehlt eine so bildende Vaterhand, wie diejenige war, die das Genie des Vaters so trefflich leitete und entwickelte.
M?ge der hoffnungsvolle Sohn in dem Bestreben nach Vollkommenheit nicht ermüden, und so wie er der Erbe des v?terlichen Talentes ist, auch seinen rastlosen Flei? in dem Studium gro?er Meister geerbt haben! Nur dadurch geht der Weg zum wahren Ruhme! Der ?ltere Sohn Karl ist gegenw?rtig in Mayland und macht ebenfalls gro?e Fortschritte in der Tonkunst.
In B?hmen war Mozarts Kunstvollkommenheit noch bey seinem Leben allgemein anerkannt und nach Werth gesch?tzt: aber er lebte zu kurz, um die wahre Blüthezeit seines Ruhmes zu sehen. Selbst in Wien seinem Wohnorte waren es nur Kenner, die seinem Genie Gerechtigkeit widerfahren lie?en. Der Zauberfl?te, wovon Mozart die ersten Vorstellungen und folglich auch den au?erordentlichen Beyfall noch erlebte, war es vorbehalten seine Gr??e dem Auslande zu verkünden. Durch die? Meisterwerk begeistert suchte man seine übrigen Werke auf, studierte sie und empfand ihre Sch?nheit, und so ward der Name Mozart bald in der ganzen gebildeten Welt gefeyert, seine Ges?nge die Lust jegliches Ohres!
Die? erfuhr seine Wittwe auf ihrer Reise durch Deutschland, die sie im J. 1796 unternommen hatte. Ueberall sah sie zu ihrer innigsten Wonne, wie gern die Teutschen wahres Verdienst erkennen und ehren, und wie tief Mozarts Ges?nge auf ihre Herzen gewirket haben.
Bey ihrem Aufenthalte zu Berlin im Febr. 1796 gab der h?chstselige Wilhelm II., dieser vortreffliche Freund der Tonkunst, und der ganze k?nigl. Hof ausgezeichnete Beweise seiner Liebe und Achtung für das Genie Mozarts. Durch ein gn?diges Handbillet ward ihr blos aus Rücksicht auf die Talente ihres Mannes das k?nigl. Theater und die Kapelle zum Gebrauche für ihr Konzert überlassen; und ihre Unternehmung wurde nicht nur von dem Monarchen, sondern auch von dem ganzen Publikum auf das gro?müthigste unterstützt. Ueber alle Beschreibung gro? und rührend war die Wirkung, welche die Aufführung der Singstücke aus der Oper: La Clemenza di Tito bey dem Konzerte auf den K?nig, und das so ungew?hnlich zahlreich versammelte Publikum machte. Alles war gleich begeistert, die gro?en S?nger, das vortreffliche Orchester und die Zuh?rer. Der Geist des verewigten Künstlers, (so drückt sich ein Berliner Wochenblatt aus, worinn die Akademie sehr interessant beschrieben wurde) schien über der Versammlung zu schweben, als zum Anfange die Sinfonie aus der Zauberfl?te von dem Orchester so meisterhaft vorgetragen, eine feyerliche, einweihende Stille hervorbrachte. Das Handbillet worinn der K?nig von Preu?en einen so rühmlichen Beweis seines guten Geschmackes und der Achtung für teutsches Talent gegeben, lautet w?rtlich so:
?Sr. K?nigliche Majest?t von Preu?en etc. etc. machen sich ein wahres Vergnügen, durch die Gew?hrung des Wunsches der Wittwe Mozart zu beweisen, wie sehr Sie das Talent ihres verstorbenen Mannes gesch?tzt und die ungünstigen Umst?nde bedauert haben, welche ihm die Früchte seiner Werke einzuerndten verhinderten. Allerh?chst dieselben bewilligen der Wittwe Mozart zur Ausführung dessen letzter Komposition, La Clemenza di Tito das gro?e Opernhaus, so wie Dero eigenes Orchester, haben auch dieserhalb die n?thigen Befehle an den Kammerherrn Freyherrn von der Reck erlassen, an welchen sich selbige nunmehr zu wenden hat, und wegen des hiezu zu bestimmenden Tages und wegen des übrigen Details mit ihm sich geh?rig zu besprechen. Berlin den 14ten Februar 1796.?
Fr. Wilhelm.
Selbst der Italiener seit Jahrhunderten im unbestrittenem Besitze des Meisterrechtes der Tonkunst überwand seinen Nationalstolz, und erkennt nun Mozarts Ueberlegenheit in der Musik an. Seine Opern werden in Rom, Mayland und andern St?dten mit Beyfall gegeben; die Klaviersachen von jedermann gespielt; Meister studiren seine Partituren.
Noch früher hat Frankreich seiner Kunst gehuldiget. Der Beyfall den die Mysterien der Isis (Zauberfl?te) in Paris erhielten ist ein Beweis davon. Don Juan machte kein so gro?es Glück; aber die? war, wie alle Nachrichten einstimmig aussagten, die Folge der schlechten Darstellung des Stückes. Denn der hohe Werth der Musik selbst wurde vollkommen anerkannt. Seine Sinfonien, Klavierkonzerte, Quartetten werden allgemein bewundert, h?ufig gespielt, und im Stich und Druck ohne Aufh?ren neu aufgelegt.
England, welches deutsches Tonkünstlerverdienst von jeher sch?tzte und lohnte, kennt und bewundert auch Mozarts allgewaltigen Geist. Die Seelenmesse ward in London ?fter mit dem gr??ten Beyfalle aufgeführt; der Absatz seiner Werke, die bey Breitkopf und H?rtel herausgekommen, ist nach England eben so stark, als in Deutschland und Frankreich.
Wo giebt es überhaupt Kenner und Liebhaber der sü?esten der Künste, wo nicht Mozarts T?ne t?nten und jedes Ohr entzückten? Selbst in den entferntesten Welttheilen, wohin kaum der Name der berühmtesten Europ?er dringt, wiederhallen seine Harmonien. In den philippinischen Inseln, (schreibt unser Landsmann, der bekannte Botaniker H?nke) werden seine Werke mit Entzücken geh?rt.
Fu?noten:
[4] Anmerkung: Diese Reise nach Paris gab der Welt die gro?e Sinfonie in D. die deshalb und ihres raschen Feuers wegen, die franz?sische hei?t.
[5] Vorzüglich der verehrte Herr Duscheck, Kucharz, Praupner, Johann Kozeluch, (nicht Leopold der in Wien lebt,) die beyden Loschek, Maschek, Caj. Vogel, Wenzel, Weber, R?sler, Witassek, Tomaschek u. a. m.
[6] Der Verfasser las den Brief im Original, und fand ihn sehr gut geschrieben.
[7] Er unternahm sie im Frühjahr des Jahrs 1789.
[8] Mozart bearbeitete für ihn H?ndels Acis und Galathea, Messias, Cecilia, und das Fest des Alexanders in den Jahren 1788, 89, 90.
[9] Der Verfasser erz?hlt die Begebenheit, wie er sie oftmals aus dem Munde der Wittwe geh?rt hatte, und überl??t es jedem Leser Betrachtungen darüber anzustellen. Er sah eines der Billette, die der unbekannte Besteller an Mozart schrieb. Man kann daraus nichts Besonders abnehmen. Es ist sehr kurz, Mozart wird darinn ersucht das Requiem zu senden, und eine Summe zu bestimmen, um welche er j?hrlich eine gewisse Anzahl Quartetten machen k?nnte. Warum hat der unbekannte Verehrer der Talente Mozarts, (so nannte er sich,) für gut gefunden verborgen zu bleiben? Was ist mit dem Requiem geschehen? Man erfuhr nie, da? es damals irgendwo aufgeführt worden sey. Mozarts Freunden würde es ein gro?es Vergnügen machen, einigen Aufschlu? über die Sache zu erhalten. Denn man kann keine gegründete Ursache denken, die eine solche geheimni?volle Verborgenheit nothwendig machte.
[10] Dieser als Künstler und Mensch gleich verehrungswürdige Mann ist im Jahr 1798 im Dezember gestorben.
Mozart als Künstler und Mensch.
Die K?rperbildung dieses au?erordentlichen Menschen hatte nichts Auszeichnendes; er war klein, sein Angesicht angenehm, aber, wenn man das gro?e, feurige Auge ausnimmt, kündigte es die Gr??e seines Genies auf den ersten Anblick nicht an.
Der Blick schien unstet und zerstreut, au?er wenn er bey dem Klavier sa?; da ?nderte sich sein ganzes Antlitz! Ernst und versammelt ruhte dann sein Auge; auf jeder Muskelbewegung drückte sich die Empfindung aus, welche er durch sein Spiel vortrug und in dem Zuh?rer so m?chtig wieder zu erwecken vermochte.
Er hatte kleine sch?ne H?nde; bey dem Klavierspielen wu?te er sie so sanft und natürlich an der Klaviatur zu bewegen, da? sich das Auge daran nicht minder, als das Ohr an den T?nen erg?tzen mu?te. Auch darinn zeichnete sich also Mozart vor den tummelnden Kraftgenies unserer Tage aus!
Der kleine Wuchs seines K?rpers kam von seiner frühen Geistesanstrengung her, und von dem Mangel an freyer Bewegung in der Zeit seiner Kindheit. Er war zwar von sch?nen Eltern erzeugt, und selbst ein sch?nes Kind gewesen; aber von dem 6ten Lebensjahre an war er an eine sitzende Lebensweise gebunden; um diese Zeit fing er schon an zu schreiben! Und wie viel hat der Mann nicht in seinem Leben geschrieben? Da Mozart bekannterma?en in der Nacht am liebsten spielte und komponirte und die Arbeit oft dringend war: so kann sich jeder vorstellen, wie sehr ein so fein organisirter K?rper darunter leiden mu?te! Sein früher Tod, (wenn er ja nicht auch künstlich bef?rdert war), mu? diesen Ursachen haupts?chlich zugeschrieben werden.
Aber in dem unansehnlichen K?rper wohnte ein Genius der Kunst, wie ihn nur wenigen Lieblingen die Natur verlieh!
Die Gr??e und der Umfang seines Genies l??t sich nur nach dem so frühen, so beyspiellos schnellen Gange seiner Entwickelung, und nach der hohen Stufe der Vollkommenheit abmessen, auf die er in seiner Kunst gestiegen war. Kein Tonkünstler vor ihm hatte das weite Gebiet seiner Kunst so ganz umfa?t, und in jedem Zweige derselben so vollendete Produkte geschaffen, als Mozart. Von der Sch?pfung einer Oper an, bis zu dem einfachen Liede, von der kritischen Erhabenheit einer Sinfonie, bis zu dem leichten Tanzstückchen herab; im Ernsten und Komischen tragen seine Werke überall den Stempel der reichsten Phantasie, der eindringendsten Empfindung, des feinsten Geschmackes. Sie haben eine Neuheit und Originalit?t, die eine getreue Beurkundung seines Genies ist. Selbst dasjenige, welches man ihm als Fehler vorwirft, zeuget von der Kraft seines freyen, eine neue Bahn gehenden Geistes. Dazu denke man noch die Vollkommenheit, die er zugleich im Klavierspielen erreicht hatte!
Alle diese so seltenen, so mannigfaltigen und so innig verwebten Vorzüge bestimmen den Rang, der ihm unter den Genien der Künste gebührt. Er war unstreitig einer der gro?en, sch?pferischen Geister, die in ihrer Kunst Epoche machen, weil sie dieselbe vervollkommnen, oder doch ihren Nachfolgern neue Ansichten und Pfade er?ffnen; nach deren Erscheinung aber die Kunst gew?hnlich still stehet, oder rückw?rts geht.
Unter den sch?nen Künsten ist keine so sehr Sklavin der Mode und des Zeitgeschmackes, als die Musik. Da sie bey uns blos dem Vergnügen dient, blos Sache des Einzelnen bleibt, keinen Vereinigungspunkt, keine Anstalt hat, wodurch der Geschmack des Publikums die geh?rige Richtung bek?me; da ferner ihre Theorie noch zu wenig bestimmt und entwickelt ist, um selbst den Künstlern eine Gr?nze zu zeigen oder ein Ideal vorzustellen: so mu? sie immer zwischen der Laune der Mode, dem Eigensinne eines verderbten Geschmackes und zwischen den aufgestellten Mustern gro?er Künstler unstet hin und her schwanken, und erh?lt nie einen sichern Gang zur Vollkommenheit. Ueberdie? sind ihre Zeichen und Formen zu unbestimmt, und das Ohr, durch welches sie auf den Geist wirket, ist ein viel zu untreuer Bothe, seine Sensationen sind zu dunkel, als da? man so deutlich bestimmen k?nnte, welches darinn das wahre Sch?ne sey. Was dem gro?en Haufen gef?llt – hei?t sch?n! Das Neue hat einen starken Reiz; daher ist es seines Sieges über das bessere Alte gewi?; und darum gilt alte Musik und alte Mode einerley. Denn die wenigsten Menschen haben Geschmack und Kenntni? genug, um ?chte Sch?nheit, vom Flitter zu unterscheiden. Wenn gr??ere Geister durch ihre Meisterwerke mehr als eine augenblickliche Rührung hervorbringen, so summen doch der Leyerm?nner der zwey Schwestern von Prag, des Tyroler Wastels, und dergl. sch?nen S?chelchen, so lange dem Publikum um die Ohren, bis der Nachhall sch?nerer T?ne verschwindet! Dann kennt man die Namen gro?er Meister nur noch aus Büchern; ihre himmlischen Harmonien sind l?ngst verhallt! Das ist gew?hnlich das traurige Schicksal der Musik! Wie viel Kraft, wie viel klassischen Gehalt mu? also in den Werken Mozarts liegen, wenn ihre Wirkung von dieser Erscheinung eine Ausnahme machet? Ihre Sch?nheit empfindet man gew?hnlich dann erst recht lebhaft, wenn man sie ?fters geh?rt, oder recht scharf geprüfet hat. Oder haben uns wohl Figaro, Don Juan, Titus, w?hrend ihrer vielj?hrigen Vorstellung noch jemals Langeweile gemacht? H?rt man seine Klavierkonzerte, Sonaten, Lieder das drey?igstemal nicht lieber noch, als das erstemal? Wer hat die tiefgedachten Sch?nheiten seiner Violin-Quartetten und Quintetten nach der h?ufigsten Wiederholung ersch?pft? Dieses ist der wahre Probirstein des klassischen Werthes! Die Meisterstücke der R?mer und Griechen gefallen bey fortgesetzter Lektüre und je reifer der Geschmack wird, immer mehr und mehr – das nemliche widerf?hrt dem Kenner und Nichtkenner bey der Anh?rung Mozartischer Musik, besonders der dramatischen Werke. So ging es uns bey der ersten Vorstellung des Don Juan und insbesondere des Titus.
Ja eben itzt, nachdem die meisten Sch?pfungen seiner Kunst 20 bis 30 Jahre alt sind, gefallen sie am meisten! Wie gern h?rt man nach dem Wirrwarr neuester Kompositeurs die stillerhabenen, klaren, so einfachen Ges?nge unsers Lieblinges! Wie wohl thun sie unserm Gefühle – es ist als wenn man aus einem chaotischen Gewirre, aus dichter Finsterni? ins Licht und eine heitere Ordnung versetzt würde.
Nebst den oben angeführten Eigenheiten und Vorzügen des mozartischen Kunsttalentes, beobachtete an ihm der aufmerksame Sch?tzer seiner Werke einen gewissen feinen Sinn, den Charakter jeder Person, Lage und Empfindung aufs genaueste zu treffen;
reddere convenientia cuique.
Diese Eigenschaft war sein wahrer Beruf zum dramatischen Komponisten, und ist zugleich der Erkl?rungsgrund des Zaubers und der gro?en Wirkung seiner Werke. Daher hat jede seiner Kompositionen einen bestimmten, eigenthümlichen Charakter, eine Individualit?t, die selbst in der Wahl der Tonart sich ankündigt. Kenner seiner Werke bedürfen keiner besondern Beyspiele, da alle Opern von seiner Komposition diese Eigenschaft im hohen Grade an sich haben; aber das sch?nste Muster davon ist La Clemenza di Tito. – Wie ganz anders bey den gew?hnlichen Kompositionen? Es sind gr??tentheils Ges?nge von so unbestimmtem Charakter, da? sie eben so gut zu einer Messe, als Opera buffa taugen.
Eine andere auszeichnende Eigenheit seiner Werke ist die Verbindung der h?chsten Kompositionskunst mit Lieblichkeit und Anmuth. Diese Vereinigung ist eine Aufgabe blos für Künstler von mozartischem Genie. Den Beweis davon giebt die Erfahrung. Wie selten trift man auf Kompositionen, die den beyden Forderungen Genüge leisteten? Entweder sind es blos kontrapunktische Kunststücke, die wohl allen Regeln des Satzes zusagen m?gen; aber W?rme, Anmuth und Lieblichkeit, diese wahren Zaubermittel der Rührung, wu?te ihnen ihr Meister nicht anzuziffern: oder es sind geistlose, fade Liedeleyen, ohne Sinn und Zusammenhang, kaum im Stande dem Ohre mit ihrem übersü?en Geklingel einen vorübergehenden Kitzel zu verursachen.
Wie ganz anders ist es beym Mozart? Wie schmilzt in seinen Werken das, was man Kunst des Satzes nennt, mit Anmuth, Lieblichkeit und Wohllaut so sch?n zusammen, da? das eine wegen des andern da zu seyn scheint – und beydes zur Hervorbringung des h?chsten Effektes gleich wirksam ist! Und doch, wie m??ig und besonnen war er in dem Gebrauche der Sü?igkeiten und Gewürze? Er kannte die hohe Forderung der Kunst und der Natur. Er schrieb was sein Genius ihm eingab, was sein richtiger Geschmack wahr fand, unbekümmert ob es nach dem Geschmacke des Parterres seyn würde oder nicht; und so bildete er sich selber das Publikum, überzeugt, da? wahre Sch?nheit, wie die Wahrheit, endlich doch erkannt wird und gef?llt. Die? thaten immer gro?e Künstler, welche die Kraft hatten einen eigenen Weg zu gehen, und der Mode nicht zu fr?hnen.
Der Punkt dieser sch?nen Vereinigung der Gründlichkeit des Satzes mit Anmuth und Lieblichkeit ist gewi? die treffliche und vor seiner Zeit unbekannte Art die Blasinstrumente zu brauchen und wirken zu lassen. Hierinn gl?nzt sein erfinderisches Genie ohne Beyspiel und Nebenbuhler.
Er ma? mit dem feinsten Sinne die Natur und den Umfang der Instrumente ab, zeichnete ihnen neue Bahnen vor, und gab jedem derselben die vortheilhafteste Rolle, um die kraftvolle Masse von Harmonie hervorzubringen, welche die Bewunderung aller Kenner erzwingt und das Muster und Studium der guten K?pfe bleiben wird. Wie ganz anders sehen hierinn die Kompositionen selbst gro?er Meister nach Mozarts Periode, als vor derselben aus? Wie unendlich viel haben sie gewonnen durch die Anwendung seiner Art, die Blasinstrumente zu setzen? Selbst des gro?en Haidns Werke best?ttigen diese Behauptung. Man vergleiche die ?ltern Sinfonien von ihm, mit den neuern? Die Sch?pfung schrieb Haidn erst nach Mozarts Epoche.
Wie leise schmiegen sich die T?ne der Blasinstrumente dem Hauptgesange an? wie kühn wetteifern sie bald wieder mit der Singstimme? Welche feine Wendungen? Welche Mannichfaltigkeit und Abwechslung überall? Bald wieder, wo es der Gegenstand oder Affekt erfordert, wie abstehend der Kontrast? Wie gewaltig das Aufbrausen der Leidenschaft? Selbst in Stücken ohne Singstimmen lehrte Mozart seine Instrumente einen Gesang, der so vernehmlich zu dem Gefühle spricht, da? der Zuh?rer nur wenig die Abwesenheit der Singstimme wahrnehmen kann. Man h?re seine Andantes oder Romanzen, in den Klavierkonzerten und Quartetten!
Bey dem h?ufigen Gebrauche der Blasinstrumente, wie vollkommen wu?te doch Mozart alle Ueberladung zu vermeiden? wie richtig den Ort und den Zeitpunkt zu treffen, wo sie Effekt machen? Nie ist ein Instrument verschwendet oder mi?braucht, und daher überflüssig. Aber nur er verstand die Oekonomie mit dem geringsten Aufwande, oft durch einen einzigen Zug eines Instruments, durch einen Akkord, einen Trompetensto?, einen Paukenwirbel die gr??te Wirkung hervorzuzaubern! Wie tief sind viele seiner Nachahmer hierinnen unter ihm?
So gro?, so neu immer Mozart in der Instrumentalpartie seyn mag, so entfaltet sich doch sein m?chtiges Genie noch reizender in dem Satze des Gesanges für menschliche Stimmen. Hierinn erwarb er sich ein zweifaches, gleich gro?es Verdienst. Mit richtigem Geschmacke führte er ihn zu seiner anspruchslosen Mutter, der Natur und Empfindung zurück. Er wagte es den italienischen S?ngern zu trotzen,[11] alle unnützen charakterlosen Gurgeleyen, Schn?rkel und Passagen zu verbannen! Daher ist sein Gesang überall einfach, natürlich, kraftvoll, ein reiner Ausdruck der Empfindung und der Individualit?t der Person und ihrer Lage. Der Sinn des Textes ist immer so richtig und genau getroffen, da? man ausrufen mu?: ?Wahrlich die Musik spricht?! Aber Mozart scheint sich selbst zu übertreffen, wenn er den Gesang für mehrere Stimmen dichtet, in Terzetten, Quartetten, Quintetten d. h. in vielstimmigen Stücken; vorzüglich in seinen unübertrefflichen, wahrlich einzigen Operfinalen. Welcher Reichthum? welche Mannigfaltigkeit in Wendungen und Ver?nderungen? Wie schlingt sich da eine Stimme um die andere? wie sch?n vereinigen sie sich alle ein reizendes Ganze zu bilden, eine neue Harmonie hervorzubringen? Und doch sagt jede nur ihre eigene oft entgegengesetzte Empfindung! Hier ist die gr??te Mannigfaltigkeit und die strengste Einheit vereinigt. Man findet wohl sch?ne Arien auch bey andern Meistern: aber niemand wird in vielstimmigen Sachen Mozarten die Palme entrei?en.
Doch wer mag sie alle entwickeln, die unz?hligen Vorzüge, die unersch?pflichen Sch?nheiten seiner Kunst? Wer mag mit Worten das Neue, Originelle, Hinrei?ende, Erhabene, Vollt?nende seiner Musik beschreiben? Seine Musik verfehlt nie ihre Wirkung, wenn sie nur pünktlich und mit Feuer vorgetragen wird. Freylich ist es nicht leicht seinem Geiste nachzufliegen; und da bey ihm jede Note mathematisch genau zu der Harmonie berechnet ist: so giebt es auch kein so arges Mi?get?n, als wenn rohe H?nde unwissender Bierfiedler sich an seine Heiligthümer wagen.
Die berühmtesten Tonkünstler erkannten die Gr??e seines Genies, und bewunderten seine Werke. Joseph Haydn, dieser Liebling der Grazien, der in seinem Alter noch das Gefühl eines Jünglinges zeigte, ist gewi? vor allen ein befugter und berufener Richter.
Sein Urtheil ist unpartheyisch, weil er als ein redlicher Mann bekannt ist, und Mozarts aufblühender Ruhm dem seinigen im Wege stand. Schon im Jahre 1785 da Mozarts Vater noch lebte, sagte J. Hayden bey einer Zusammenkunft in Wien zu ihm: ?Ich sage Ihnen vor Gott und als ein ehrlicher Mann, da? ich ihren Sohn für den gr??ten Komponisten anerkenne, von dem ich nur immer geh?rt habe; er hat Geschmack und besitzt die gründlichste Kenntni? in der Kunst der Komposition.?
Im Jahre 1787 im Dezember schrieb eben dieser gro?e Mann an einen Freund in Prag, der mit ihm seit langer Zeit in Briefwechsel stand, und ein Singspiel von seiner Komposition für Prag verlangte, folgenden merkwürdigen Brief:
?Sie verlangen eine Opera buffa von mir; recht herzlich gern, wenn Sie Lust haben von meiner Singkomposition etwas für sich allein zu besitzen. Aber um sie auf dem Theater zu Prag aufzuführen, kann ich Ihnen die?falls nicht dienen, weil alle meine Opern zu viel auf unser Personale (zu Esterhaz in Ungarn) gebunden sind, und au?erdem nie die Wirkung hervorbringen würden, die ich nach der Lokalit?t berechnet habe. Ganz was anders w?r es, wenn ich das unsch?tzbare Glück h?tte ein ganz neues Buch für das dasige Theater zu komponiren. Aber auch da h?tte ich noch viel zu wagen, in dem der gro?e Mozart schwerlich jemanden andern zur Seite haben kann.?
?Denn, k?nnt ich jedem Musikfreunde besonders aber den Gro?en die unnachahmlichen Arbeiten Mozarts so tief und mit einem solchen musikalischen Verstande, mit einer so gro?en Empfindung in die Seele pr?gen, als ich sie begreife und empfinde: so würden die Nationen wetteifern ein solches Kleinod in ihren Ringmauern zu besitzen. Prag soll den theuern Mann fest halten – aber auch belohnen; denn ohne dieses ist die Geschichte gro?er Genies traurig, und giebt der Nachwelt wenig Aufmunterung zum fernern Bestreben; we?wegen leider! so viel hoffnungsvolle Geister darnieder liegen. Mich zürnet es, da? dieser einzige Mozart noch nicht bey einem kaiserlichen oder k?niglichen Hofe engagirt ist. Verzeihen Sie, wenn ich aus dem Geleise komme: ich habe den Mann zu lieb.?
Ich bin etc.
Joseph Hayden.
N. S. An das Prager Orchester und die dasige Virtuosen mein ergebenstes Kompliment.[12]
Wenn ein Haydn so urtheilt, so begeistert spricht – ein Haydn, der allein unter allen Tonkünstlern über seinen Verlust zu tr?sten im Stande w?re, was will dann das Gekreische einiger kleinen Geister sagen, die an Mozarts Ruhme zu Rittern werden wollten?
Der churs?chsische Kapellmeister H. Naumann bezeugte bey seinem Aufenthalte zu Prag auf eine sch?ne Art seine Hochachtung und Bewunderung für Mozarts Talente und Werke in einer rührenden Anrede an seinen Sohn, als ihm derselbe von seiner Freundin Duschek vorgestellt wurde. Wer die redliche anspruchslose Denkungsart dieses berühmten Meisters kannte, wird an der Wahrheit seiner Gesinnungen gewi? nicht zweifeln.[13]
Wie sehr ihn Gluck gesch?tzt habe, ist schon erw?hnt worden.
Cherubini, dessen Geist dem Mozartischen am n?chsten verwandt scheint, ist sein gr??ter Bewunderer, und hat seine Werke zum Gegenstande seines best?ndigen Studium gemacht. Alle Neuern, wenn sie es auch nicht gestehen wollen, haben von Mozart gelernt, oder ahmen ihn nach!
Ein noch lebender, nicht unberühmter Tonsetzer in Wien sagte zu einem andern bey Mozarts Tode, mit vieler Wahrheit und Aufrichtigkeit: ?Es ist zwar Schade um ein so gro?es Genie; aber wohl uns, da? er todt ist. Denn, würde er l?nger gelebt haben, wahrlich! die Welt h?tte uns kein Stück Brod mehr für unsere Kompositionen gegeben.?
Die zahlreiche Klasse gründlicher Tonkünstler in Prag verdient mit Recht unter den Richtern über Mozarts hohen Werth einen ansehnlichen Platz. Die meisten von ihnen sprechen mit einer Achtung von Mozarts Werken, die ein rühmlicher Beweis ihrer Kenntnisse, und der Unbefangenheit ihres Herzens ist. – Einige, (lange noch nicht alle) sind in einer vorhergehenden Anmerkung genannt worden. Der brave Duschek mit seiner Gattin, die als Künstlerin und gebildete Frau im gleichen Ma?e auf Achtung und Beyfall Anspruch machen kann, waren Freunde und Bewunderer Mozarts. Wie viele treffliche Künstler, auf die B?hmen stolz ist – wie viele gründliche und geschmackvolle Dilletanten vom Adel und dem Bürgerstande, die in jedem andern Lande für Virtuosen gelten würden, mü?te ich nennen, wenn ich alle Freunde und Verehrer seiner Werke und Talente in B?hmen herz?hlen wollte?
Doch um Mozart als Tonkünstler ganz kennen zu lernen, ist es n?thig ihn bey seinem Schreibpulte, wenn er die unsterblichen Werke dichtete, zu beobachten!
Mozart schrieb alles mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit, die wohl beym ersten Anblick Flüchtigkeit oder Eile scheinen konnte; auch kam er nie w?hrend des Schreibens zum Klavier. Seine Imagination stellte ihm das ganze Werk, wenn es empfangen war, deutlich und lebhaft dar. Die gro?e Kenntni? des Satzes erleichterte ihm den Ueberblick der gesammten Harmonie. Selten trift man in seinen Konzeptpartituren ausgebesserte oder überstrichene Stellen an. Daraus folgt nicht, da? er seine Arbeiten nur hingeworfen habe. In seinem Kopfe lag das Werk immer schon vollendet, ehe er sich zum Schreibpulte setzte. Wenn er den Text zu einer Singkomposition bekam, so ging er lange Zeit damit herum, dachte sich ganz hinein, und erregte die Th?tigkeit seiner Phantasie. Bey dem Klavier arbeitete er dann die Gedanken vollst?ndig aus; und nun erst setzte er sich zum Schreiben hin. Daher war ihm das Schreiben eine leichte Arbeit, wobey er oft scherzte und t?ndelte. Es ist schon oben gesagt worden, da? er auch in seinen Mannsjahren halbe N?chte bey dem Klavier zubrachte, die? waren eigentlich die Sch?pferstunden seiner himmlischen Ges?nge! Bey der schweigenden Ruhe der Nacht, wo kein Gegenstand die Sinne fesselt, entglühete seine Einbildungskraft zu der regesten Th?tigkeit, und entfaltete den ganzen Reichthum der T?ne, welchen die Natur in seinen Geist gelegt hatte. Hier war Mozart ganz Empfindung und Wohllaut – hier flo?en von seinen Fingern die wunderbarsten Harmonien! Wer Mozart in solchen Stunden h?rte, der nur kannte die Tiefe, den ganzen Umfang seines musikalischen Genies: frey und unabh?ngig von jeder Rücksicht durfte da sein Geist mit kühnen Fluge sich in die h?chsten Regionen der Kunst schwingen. In solchen Stunden der dichterischen Laune schuf sich Mozart unersch?pflichen Vorrath; daraus ordnete und bildete er dann mit leichter Hand seine unsterblichen Werke.
Uebrigens wird jeder einsehen, da? eine reiche Ader der Gedanken dazu erfodert war. Ohne diese würde alle seine Kunst unfruchtbar geblieben seyn. Es giebt zwar Komponisten, die durch hartn?ckigen Flei? einige Gedanken erzwingen: aber wie bald versiegt ihre Quelle? Dann h?rt man sie nur wiederholen: ihre sp?tern Werke sind gew?hnlich nur die Musterkarte der frühern.
Diese Leichtigkeit, mit der Mozart schrieb, hat er, wie wir gesehen haben, schon als Knabe gezeigt; ein Beweis, da? sie ein Werk des Genies war. Aber wie oft überraschte er damit in seinen letzten Jahren selbst diejenigen, die mit seinen Talenten vertraut waren? Die genievolle Eingangssinfonie zum Don Juan ist ein merkwürdiges Beyspiel davon. Mozart schrieb diese Oper im Oktober 1787 zu Prag; sie war nun schon vollendet, einstudirt, und sollte übermorgen aufgeführt werden, nur die Ouverture fehlte noch.
Die ?ngstliche Besorgni? seiner Freunde, die mit jeder Stunde zunahm, schien ihn zu unterhalten; je mehr sie verlegen waren, desto leichtsinniger stellte sich Mozart. Endlich am Abende vor dem Tage der ersten Vorstellung, nachdem er sich satt gescherzt hatte, gieng er gegen Mitternacht auf sein Zimmer, fing an zu schreiben, und vollendete in einigen Stunden das bewundernswürdige Meisterstück, welches die Kenner nur der himmlischen Sinfonie der Zauberfl?te nachsetzen. Die Kopisten wurden nur mit Mühe bis zur Vorstellung fertig, und das Opernorchester, dessen Geschicklichkeit Mozart schon kannte, führte sie prima vista vortrefflich auf.[14]
Die Musik zur Zauberfl?te war schon im Julius 1791 fertig. In der Mitte des Augustus gieng Mozart nach Prag, schrieb da innerhalb 18 Tagen La Clemenza di Tito, welche am 5ten September aufs Theater kam. In der Mitte dieses Monaths reisete er nach Wien zurück, und schrieb ein paar Tage vor der Vorstellung der Zauberfl?te, die am 30. September geschah, die beste aller Ouverturen und den Priestermarsch zum Anfang des 2ten Aktes.
Solche Beyspiele k?nnten h?ufig angeführt werden. Sein au?erordentliches Ged?chtni? zeigte sich auch schon in der Jugend; das aufgefa?te Miserere in Rom giebt einen vollen Beweis davon. Er behielt es ungeschw?cht bis an sein Ende.
Da man seine Kompositionen unglaublich suchte: so war er nie sicher, da? ihm nicht ein neues Werk selbst w?hrend des Kopirens abgestohlen werde. Er schrieb daher bey seinen Klavier-Konzerten gew?hnlich nur eine Zeile für eine Hand auf, und spielte das übrige aus dem Ged?chtnisse. So hat er einst ein Klavierkonzert, welches er schon seit geraumer Zeit nicht in H?nden gehabt hatte, in einer musik. Akademie aus dem Ged?chtnisse gespielt, indem er die Prinzipalstimme in der Eile zu Hause verga?.
Aber wie ist Mozart ein so gro?er, ja ich m?chte sagen, einziger Mann in seiner Kunst geworden? Hat er alles der Natur, oder seinem Studium, seiner Ausbildung zu danken? Einige teutschen Schriftsteller sprechen von einer instinktartigen Beschaffenheit seines Geistes, welche ihn unwillkührlich zur Hervorbringung seiner Meisterwerke getrieben habe. Aber diese Herrn kennen sicher Mozarten gar nicht, und scheinen die Leichtigkeit, mit welcher er, wenn die Idee des Werkes einmal gebildet war, schrieb, für die instinktartige Wirkung seines Talentes zu halten. Freylich haben die Aeu?erungen des Genies, in wiefern es angeboren ist, etwas instinktartiges: aber nur Bildung und Uebung – Studium giebt ihm Reife und Vollendung. Mozart hatte von der Natur ein Genie empfangen wie Shakespeare, aber er übertraf diesen an Geschmack und Korrektheit. Er produzirte mit Verstand und Wahl. Diese so seltene Vereinigung eines feinen Geschmackes und der richtigsten Beurtheilung mit den gr??ten Naturanlagen, die Mozarten unter den Meistern seiner Kunst den ersten Rang giebt, war gr??tentheils sein Werk – das Werk seines Eifers, seines Flei?es; das Werk des tiefen und gründlichen Studiums der Kunst.
Aus der Geschichte seiner Jugend haben wir gesehen, wie sorgf?ltig er jede Gelegenheit benützte, um zu lernen; wie weise und streng ihn sein Vater dazu leitete; wie tief er in die Geheimnisse der Kunst so früh schon eingedrungen war. Aber wir wollen ihn selbst darüber h?ren.
Einst – (es war nach den ersten Proben seines Don Juan) – gieng Mozart mit dem damaligen Orchesterdirektor und Kapellmeister Herr Kucharz[15] spazieren. Unter andern vertraulichen Gespr?chen kam die Rede auf Don Juan. Mozart sagte: ?Was halten sie von der Musik zum Don Juan? Wird sie so gefallen, wie Figaro? Sie ist von einer andern Gattung!
Kuch. Wie k?nnen Sie daran zweifeln? Die Musik ist sch?n, originell, tief gedacht. Was von Mozart kommt wird den B?hmen gewi? gefallen.
Moz. Ihre Versicherung beruhigt mich, sie kommt von einem Kenner. Aber ich habe mir Mühe und Arbeit nicht verdrü?en lassen, für Prag etwas vorzügliches zu leisten. Ueberhaupt irrt man, wenn man denkt, da? mir meine Kunst so leicht geworden ist. Ich versichere Sie, lieber Freund! niemand hat so viel Mühe auf das Studium der Komposition verwendet als ich. Es giebt nicht leicht einen berühmten Meister in der Musik, den ich nicht flei?ig, oft mehrmal durchstudirt h?tte.?
Und in der That, man sah die Werke gro?er Tonkünstler, auch da noch, als er bereits klassische Vollkommenheit erreicht hatte, auf seinem Pulte.
Sein gewandter Geist wu?te sich den Charakter eines jeden so anzueignen, da? er sie oft zum Scherze im Satze und Stile bis zum T?uschen nachahmte.
Sein Geh?r war so fein, fa?te die Verschiedenheit der T?ne so gewi? und richtig auf, da? er den geringsten Fehler oder Mi?ton selbst bey dem st?rksten Orchester bemerkte, und dasjenige Subjekt oder Instrument, welches ihn begieng genau anzugeben wu?te. Nichts brachte ihn so sehr auf, als Unruhe, Get?se oder Geschw?tz bey der Musik. Da gerieth der so sanfte, muntere Mann in den gr??ten Unwillen, und ?u?erte ihn sehr lebhaft. Es ist bekannt, da? er einst mitten im Spiele unwillig von dem Klavier aufstand, und die unaufmerksamen Zuh?rer verlie?. Dieses hat man ihm vielf?ltig übel genommen; aber gewi? mit Unrecht. Alles, was er vortrug, empfand er selbst auf das st?rkste – sein ganzes Wesen war dann Gefühl und Aufmerksamkeit: wie konnte ihn also kalte Fühllosigkeit, Unaufmerksamkeit: oder gar ein st?rendes Geschw?tze in der Laune und Fassung erhalten? Als begeisterter Künstler verga? er da auf alle andere Rücksichten.
Wie reizbar lebhaft sein Kunstsinn gewesen sey, kann man aus dem schlie?en, da? er bey der Aufführung einer guten Musik bis zu Thr?nen gerührt wurde: vorzüglich wenn er etwas von den beyden gro?en Haydn h?rte. Aber nicht allein Musik, jeder andere rührende Gegenstand ergriff sein ganzes Gefühl und erschütterte ihn. Seine Einbildungskraft war immer th?tig, immer mit Musik besch?ftigt; daher schien er oft zerstreut und gedankenlos.
So gro? war Mozart als Künstler! Den Forscher der menschlichen Natur wird es nicht befremden, wenn er sieht, da? dieser als Künstler so seltene Mensch, nicht auch in den übrigen Verh?ltnissen des Lebens ein gro?er Mann war. Die Tonkunst machte die Haupt- und Lieblingsbesch?ftigung seines ganzen Lebens aus – um diese bewegte sich sein ganzes Gedanken- und Empfindungsspiel; alle Bildung seiner Kr?fte, die das Genie des Künstlers ausmachen, ging von da aus und bezog sich darauf. Ist es ein Wunder, wenn er den übrigen Dingen um sich weniger Aufmerksamkeit widmete? Er war Künstler, war es ganz und in einer bewundernswürdigen Gr??e: das ist genug! Wer mag inde? die Gr?nzlinien seiner Geistkr?fte so genau ziehen, um behaupten zu k?nnen, Mozart habe au?er seiner Kunst zu nichts sonst Anlage oder F?higkeit gehabt? Man setzt freylich das Wesen des Künstler-Genies in eine überwiegende St?rke der untern oder ?sthetischen Kr?fte der Seele, aber man wei? auch, da? die Künste besonders die Musik h?ufig einen scharfen Ueberblick, Beurtheilung und Einsicht in die Lage der Dinge erfodern; welches bey Mozart um so gewisser vorauszusetzen ist, da er kein gemeiner mechanischer Virtuos eines Instrumentes war, sondern das ganze weite Gebieth der Tonkunst mit seltner Kraft und Geschicklichkeit umfa?te.
Wie sch?n und beneidenswerth ist übrigens der Wirkungskreis eines Tonkünstlers? Mit seinen sü?en Harmonien entzückt er tausend gefühlvolle Seelen; er schafft ihnen die reinste Wonne; er erhebt, bes?nftiget, tr?stet! Auch dann wenn er nicht mehr ist, lebt er dennoch in seinen widerholenden Ges?ngen – Tausende segnen und bewundern ihn.
Mozart hatte schon in seiner Jugend zu allen Kenntnissen, die man ihm beyzubringen für n?thig fand, eine gro?e Anlage gezeigt, in allen schnelle Fortschritte gemacht; von der Arithmetik ist Erw?hnung geschehen. Auch in seinen sp?tern Jahren liebte er diese Kenntni? sehr und war wirklich ein ungemein geschickter Rechenmeister. Eben so gro? war sein Talent zur Sprachwissenschaft; er verstand Franz?sisch, Englisch, Italienisch und Teutsch. Die lateinische Sprache lernte er in sp?tern Jahren, und zwar nur so weit, als es zur Verst?ndni? des Kirchentextes, den er allenfalls in Musik zu setzen h?tte, erfordert war. In allen übrigen Sprachen hat er die guten Schriftsteller gelesen und verstanden. Er machte oft selbst Verse; meistens aber nur bey scherzhaften Gelegenheiten.[16] In den übrigen F?chern hatte Mozart wenigstens so viel historische Kenntni?, als für einen Mann von Bildung n?thig war.
Zu bedauern ist es, da? er nicht über seine Kunst schrieb! Aus einem Briefe, welchen er an F. v. Trattner, eine seiner Schülerinnen über den Vortrag der für sie gesetzten Klavierphantasie geschrieben hatte, konnte man sehen, da? er nicht nur die Prax, sondern auch die Theorie seiner Kunst vollkommen verstand. Der Brief ist, leider! nicht zu finden gewesen.
In einem Heft einer musikalischen Zeitschrift von Berlin vor einigen Jahren wurde von Mozart behauptet, er habe eigentlich keine h?here Bildung gehabt. Es ist schwer zu errathen, was der Verfasser mit den Worten h?here Bildung gemeint habe. Mozart hatte die Welt gesehen, er kannte die Schriftsteller der gebildetesten Nationen, zeigte überall einen offenen und freymüthigen Geist: was fehlte ihm also zur h?hern Kultur? Mu? man in G?ttingen oder Jena studirt haben, um h?here Bildung zu erlangen? Oder besteht die h?here Bildung darinn, da? man wei?, was teutsche Schriftsteller sagen? da? man von allen zu schwatzen verstehet?
Der moralische Charakter Mozarts war bieder und liebenswürdig. Unbefangene Herzensgüte und eine seltene Empfindlichkeit für alle Eindrücke des Wohlwollens und der Freundschaft waren seine Grundzüge. Er überlie? sich diesen liebenswürdigen Regungen ganz, und wurde daher mehrmal das Opfer seines gutmüthigen Zutrauens. Oft beherbergte und pflegte er seine ?rgsten Feinde und Verderber bey sich.
Er hatte zwar oft mit einem schnellen Blicke auch versteckte Charaktere aus dem Innersten ausgeholt: aber im Ganzen genommen, hatte er zu viel Gutmüthigkeit um Menschenkenntni? zu erlangen. Selbst die Art seiner Erziehung, die unst?te Lebensart auf Reisen, wo er nur für seine Kunst lebte, machte eine wahre Kenntni? des menschlichen Herzen unm?glich. Diesem Mangel mu? man manche Unklugheit seines Lebens zu schreiben.
Uebrigens hatte Mozart für die Freuden der Geselligkeit und Freundschaft einen offenen Sinn. Unter guten Freunden war er vertraulich wie ein Kind, voll munterer Laune; diese ergo? sich dann meistentheils in den drolligsten Einf?llen. Mit Vergnügen denken seine Freunde in Prag an die sch?nen Stunden, die sie in seiner Gesellschaft verlebten; sie k?nnen sein gutes argloses Herz nie genug rühmen; man verga? in seiner Gesellschaft ganz, da? man Mozart den bewunderten Künstler vor sich habe.
Nie verrieth er einen gewissen Kunst-Pedantismus, der an manchen Jüngern Apollos so widerlich ist. Er sprach selten und wenig von seiner Kunst, und immer mit einer liebenswürdigen Bescheidenheit. Hochsch?tzung des wahren Verdienstes und Achtung für die Person leiteten seine Urtheile in Kunstsachen. Es war gewi? rührend, wenn er von den beyden Haydn, oder andern gro?en Meistern sprach: man glaubte nicht dem allgewaltigen Mozart, sondern einen ihrer begeisterten Schüler zu h?ren.
Ich kann hier eine Anekdote nicht übergehen, die eben so sehr seinen geraden Sinn, und den Unwillen gegen lieblose Tadelsucht, als seine gro?e Achtung für Joseph Haydn beweiset. Sie sey zugleich ein Beyspiel seiner guten Einf?lle.
In einer Privatgesellschaft wurde einst ein neues Werk von Joseph Haydn gemacht. Nebst Mozart waren mehrere Tonkünstler gegenw?rtig, unter andern L. K..., der noch nie jemanden gelobt hatte, als sich selbst. Er stellte sich zum Mozart und tadelte bald dieses bald jenes. Mit Geduld h?rte ihn dieser eine Zeit an; als es ihm aber zu lang dauerte, und der Tadler endlich wieder bey einer Stelle mit Selbstgenügsamkeit ausrief: ?Das h?tt' ich nicht gethan? – erwiederte Mozart: Ich auch nicht; wissen Sie aber warum? Weil wir es beyde nicht so gut getroffen h?tten! – Durch diesen Einfall machte er sich einen unvers?hnlichen Feind mehr.
Mit einer solchen Bescheidenheit verband Mozart dennoch ein edles Bewu?tseyn seiner Künstlerwürde. Wie w?re es auch m?glich gewesen nicht zu wissen, wie gro? er sey? Aber er jagte nie nach dem Beyfalle der Menge; selbst als Kind rührte ihn nur das Lob des Kenners. Daher war ihm alles gleichgültig, was blos aus Neugierde ihn anzugaffen gekommen war. Oft ging dieses Betragen vielleicht zu weit. Er war daher bisweilen auch in der Gegenwart gro?er Herrn vom h?chsten Range zum Spielen nicht zu bewegen; oder er spielte nichts als T?ndeleyen, wenn er merkte, da? sie keine Kenner oder wahre Liebhaber sind. Aber Mozart war der gef?lligste Mann von der Welt, wenn er sah, da? man Sinn für seine Kunst besitze; er spielte Stunden lang dem geringsten, oft unbekannten Menschen. Mit aufmunternder Achtsamkeit h?rte er die Versuche junger Künstler an, und weckte durch eine liebevolle Beyfalls?u?erung das schlummernde Selbstbewu?tseyn.
Unser beste Klavierspieler und beliebter Tonsetzer Joh. Witassek dankt ihm diese Erweckung seines Talentes. Die wenigen Stunden die er bey Mozart zubrachte, sch?tzt er nach eigenem Gest?ndnisse für einen gro?en Zuwachs zu seiner Ausbildung.
Menschenfreundlich und uneigennützig war Mozart im hohen Grade. Darum sammelte er kein Verm?gen. Ganz im Reiche der T?ne lebend, sch?tzte er den Werth des Geldes und der übrigen Dinge zu wenig. Daher arbeitete er viel umsonst, aus Gef?lligkeit oder Wohlth?tigkeit. Jeder reisende Virtuos war gewi?, wenn er sich ihm durch Talent oder moralischen Charakter zu empfehlen wu?te, eine Komposition für sich zu erhalten. So entstanden die Konzerte für die übrigen Instrumente, so eine Menge einzelner Singkompositionen, unter andern die majest?tischen Ch?re zu dem Schauspiele, K?nig Tamos, die den erhabensten Werken H?ndels und Glucks an die Seite gesetzt werden.
Aber selbst die Bezahlung, die er für seine Arbeiten bekam, war meistens mittelm??ig. Der Theaterunternehmer Guardasoni zahlte ihm für Don Juan nur hundert Dukaten.
Verstellung und Schmeicheley war seinem arglosen Herzen gleich fremd; jeder Zwang, den er seinem Geiste anthun mu?te, unausstehlich. Freymüthig und offen in seinen Aeu?erungen und Antworten, beleidigte er nicht selten die Empfindlichkeit der Eigenliebe, und zog sich dadurch manchen Feind zu.
Seine hohe Kunst und der liebenswürdige Charakter verschafften ihm Freunde, die ihn von ganzer Seele liebten und für sein Wohl eifrig besorgt waren. Es würde das Zartgefühl dieser edlen Menschen beleidigen, wenn sie hier namentlich angeführt würden; wie w?re es auch m?glich alle zu kennen und zu nennen? Indem mir also diese Betrachtung verbiethet von der gro?müthigen Freundschaft eines B. v. S**, und des Kaufmannes B** in Wien zu reden: so sey es wenigstens erlaubt hier der ausgezeichneten Wohlth?tigkeit eines Wiener Bürgers gegen Mozart zu erw?hnen. Dieser brave Mann, ein Flecksieder vom Gewerbe, ohne Mozart pers?nlich zu kennen, blos von Bewunderung für seine Kunst hingerissen, verschaffte seiner kranken Gemahlin, (die nach der Verordnung der Aerzte wegen einer L?hmung am Fu?e B?der vom gekochten Magengekr??e brauchen mu?te), die Gelegenheit in seinem eigenen Hause durch geraume Zeit die Kur mit vieler Bequemlichkeit brauchen zu k?nnen. Er lieferte ihr nicht nur die Flecke unentgeltlich und ersparte dadurch Mozarten eine Auslage von mehreren hundert Gulden, sondern verlangte auch für Logis und Kost gar nichts. Aehnliche Beyspiele eines solchen Enthusiasmus für die hohe Kunst Mozarts sind sehr h?ufig.
Aber Mozart hatte auch Feinde, zahlreiche, unvers?hnliche Feinde. Wie h?tten ihm auch diese mangeln k?nnen, da er ein so gro?er Künstler und ein so gerader Mann war? Und diese waren die unlautere Quelle, aus welcher so viele h??liche Erz?hlungen von seinem Leichtsinne, seinen Ausschweifungen geflo?en sind. Mozart war Mensch, folglich Fehlern unterworfen wie alle Menschen. Die nemlichen Eigenschaften und Kr?fte, die das Wesen seiner gro?en Talente ausmachten, waren zugleich Reiz und Anla? zu manchen Fehltritte: brachten Neigungen hervor, die freylich bey Alltagsmenschen nicht angetroffen werden. Seine Erziehung und Lebensart bis zu dem Zeitpunkte, da er sich in Wien niederlie?, war auch nicht gemacht ihm Menschenkenntni? und Welterfahrung zu verschaffen. Denke man sich einen so zart organisirten Jüngling – einen Tonkünstler von seiner Empfindung in einer Stadt, wie Wien, sich selbst überlassen? Braucht es mehr um zur Nachsicht gegen seine Fehler gestimmt zu werden? Man mu? aber gegen diese Erz?hlungen überhaupt mi?trauisch seyn, da gewi? der gr??te Theil baare Unwahrheiten, und nichts als Schm?hungen des scheelsüchtigen Neides sind. Wir haben die? in Rücksicht seiner hinterlassenen Schulden schon bemerkt. Niemand wird es unbegreiflich finden, warum die Welt diesen Ausstreuungen so leicht Glauben beymi?t, wenn er sich erinnert, da? man gew?hnlich mit einem Tonkünstler den Begriff eines Verschwenders oder Wüstlings verbindet. Aber zahlreiche Beyspiele achtungswürdiger Künstler haben bewiesen, wie sehr dieses Vorurtheil einzuschr?nken sey.
In seiner Ehe mit Konstanza Weber lebte Mozart vergnügt. Er fand an ihr ein gutes, liebevolles Weib, die sich an seine Gemüthsart vortrefflich anzuschmiegen wu?te, und dadurch sein ganzes Zutrauen und eine Gewalt über ihn gewann, welche sie nur dazu anwendete, ihn oft von Uebereilungen abzuhalten. Er liebte sie wahrhaft, vertraute ihr alles, selbst seine kleinen Sünden – und sie vergalt es ihm mit Z?rtlichkeit und treuer Sorgfalt. Wien war Zeuge dieser Behandlung, und die Wittwe denkt nie ohne Rührung an die Tage ihrer Ehe.[17]
Seine liebste Unterhaltung war Musik; wenn ihm seine Gemahlinn eine recht angenehme Ueberraschung an einem Familienfeste machen wollte, so veranstaltete sie in Geheim die Aufführung einer neuen Kirchen-Komposition von Michael oder Joseph Haydn.
Das Billardspiel liebte er leidenschaftlich, vermuthlich weil es mit Bewegung des K?rpers verbunden ist; er hatte ein eignes zu Hause, bey dem er sich t?glich mit seiner Frau unterhielt. Die Sch?nheit der Natur im Sommer war für sein tieffühlendes Herz ein entzückender Genu?; er verschaffte sich ihn, wenn er konnte, und miethete daher fast alle Jahre G?rtchen in der Vorstadt, wo er den Sommer zuzubringen pflegte.
Erstaunend ist die Arbeitsamkeit seiner letzten Lebensjahre.
Aus dem vollst?ndigen Verzeichnisse seiner Kompositionen seit dem Jahre 1784 bis zu seinem Tode, in welches er mit eigener Hand das Thema eines jeden Stückes und den Tag der Vollendung eintrug, sieht man wie viel er oft in einem Monathe gearbeitet hatte?[18] Nur die Gr??e und Fruchtbarkeit seines Genies macht die M?glichkeit so vielfacher Arbeit begreiflich. So schrieb er innerhalb der 4 letzten Monathe seines Lebens, wo er schon kr?nkelte, und Reisen machte:
1) Eine Klavierkantate: ?Die ihr des unerme?lichen Weltalls Sch?pfer ehrt.?
2) Die Zauberfl?te.
3) La Clemenza di Tito.
4) Ein Klarinett-Konzert für H. Stadler.
5) Eine Kantate für ein ganzes Chor.
6) Das Requiem.
Eine ungeheure Anstrengung, die seine Kr?fte ersch?pfen mu?te!
So wurde Mozart ein Wunder seiner Kunst, der Liebling seines Zeitalters! Sein kurzes, aber gl?nzendes Künstlerleben macht in der Geschichte der Tonkunst eine neue Epoche.
Der gro?e, feurige Geist, der in seinen Werken waltet und der volle Strom der Empfindung rei?en jedes gefühlvolle Herz mit unwiderstehlicher Gewalt hin. Der sü?e Zauber seiner Harmonien entzückt das Ohr; die Fülle der Gedanken, das Neue in ihrer Ausführung machen das Gefallen seiner Musik dauerhaft. Wer einmal an Mozart Geschmack gefunden hat, der wird durch andere Musik schwer zu befriedigen seyn. Und alle diese Vollkommenheiten hat er in einem Alter erreicht, das für gew?hnliche Künstler kaum der Zeitpunkt der ersten Ausbildung ist! Da er starb, hatte sein Ruhm bereits eine Gr??e, wie sie nur selten auch der glücklichste Künstler hoffen darf – und wie kurz war sein Leben? Er hatte noch nicht das 35te Jahr vollendet, als er starb! Was würde sein unersch?pflicher Geist der Welt noch geliefert haben? – –
W?r er nach England gegangen – sein Ruhm würde neben H?ndels unsterblichem Namen gl?nzen: in Teutschland rang sein Geist oft mit Mangel; seinen Grabeshügel zeichnet nicht einmal eine schlechte Inschrift aus! –
Auf seinen Tod erschienen mehrere Trauer-Kantaten; darunter zeichnen sich zwey aus, vom Herrn Wessely und Karl Kannabich dem jüngern aus München.
Einfach und edel war das Fest, welches die H?rer der Rechte zu Prag in ihrer musikalischen Akademie, bey der Anwesenheit der Wittwe im Jahre 1794 Mozarts Andenken weiheten; es wurde durch ein Gedicht verherrlichet, welches den Profess. Meinert zum Verfasser hat. Ein Paar Stanzen daraus verdienen hier allerdings einen Platz.
Ach! er ward uns früh entrückt,
Der die Saiten der Empfindung,
Wie ihr Sch?pfer kannt' und griff;
In harmonische Verbindung
Ihre kühnsten T?ne rief:
Jetzt ein Gott in seines Zornes
Donner rauschend niederfuhr,
Itzo lispelnd wie des Wiesenbornes
Welle flo? in stiller Flur.
Ach! schon grünt des Edlen Hügel:
Aber ganz birgt er ihn nicht.
Eines, das durch Gr?ber Riegel,
Ewig jung und g?ttlich bricht,
Eines lebt – der hohe reine
Geistesabdruck ist die? Eine,
Das zur Ewigkeit entblüht,
Norne! deinem Dolch entflieht.
Fühlt ihr in der Saiten Beben,
Im begeisternden Gesang,
In des Herzens Sturm und Drang
Fühlt ihr des Entschlaf'nen Leben?
Horch! es t?nen Engelharmonien, –
Das ist Mozart! Seht ihr ihn
Lichtbekr?nzt? Mit Feentritte
Wallt sein Geist in eurer Mitte.
Fu?noten:
[11] Auch die? ist eine Ursache der Abneigung der welschen S?nger gegen seine Werke; eine noch st?rkere ist die Mühe, die es ihrer Unwissenheit kostete seine Ges?nge einzustudiren. Mozart hat zwar bisweilen von diesem Grundsatze eine Ausnahme gemacht. Aber war er denn in bestellten Sachen immer frey? Mu?te er nicht gegen S?nger gef?llig seyn, wenn er wünschte, da? sie ihm die Sachen nicht verderben? Darum mü?te man immer die S?nger kennen, für die er schrieb, wenn man ein richtiges Urtheil über seine dramatischen Werke f?llen wollte.
[12] Ich habe dieses sch?tzbare Denkmal einer edlen Seele der gütigen Mittheilung des Herrn Roth Proviantoberverwalter zu Prag (an den der Brief geschrieben war) zu danken. Da er für den Geist und das Herz seines Verfassers nicht minder ruhmvoll ist, als für Mozart: so lie? ich ihn hier w?rtlich nach dem Originale abdrucken.
[13] Der Verfasser hatte das Vergnügen Augenzeuge der sch?nen Scene zu seyn.
[14] Die Begebenheit ist in Prag allgemein bekannt.
[15] Anmerkung. Ein trefflicher Schüler Seegerts, und biederer Mann. Diese Anekdote habe ich aus seinem Munde.
[16] Die? war unter andern der Fall bey dem Tode eines geliebten Staares, den er in seinem gemietheten Garten ein ordentliches Grabmahl errichtet, und mit einer Inschrift versehen hatte. Thiere und insbesondere V?gel liebte er sehr.
[17] Die achtungswürdige Frau betr?gt sich in ihrem Wittwenstande sehr klug, und sorgt für ihre 2 S?hne mütterlich. Sie lebt in Wien von ihrer Pension und dem kleinen Erwerbe aus dem Nachlasse ihres Mannes.
[18] Der Verfasser hatte es bey der Ausarbeitung dieser Biographie im Originale vor sich.