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Laokoon

Laokoon

Author: : Gotthold Ephraim Lessing
Genre: Literature
Laokoon by Gotthold Ephraim Lessing

Chapter 1 No.1

Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke in der Malerei und Bildhauerkunst setzet Herr Winckelmann in eine edele Einfalt und stille Gr??e, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. "So wie die Tiefe des Meeres", sagt er 1), "allezeit ruhig bleibt, die Oberfl?che mag auch noch so wüten, ebenso zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine gro?e und gesetzte Seele.

{1. Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, S. 21. 22.}

Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, und nicht in dem Gesichte allein, bei dem heftigsten Leiden. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und Sehnen des K?rpers entdecket, und den man ganz allein, ohne das Gesicht und andere Teile zu betrachten, an dem schmerzlich eingezogenen Unterleibe beinahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz, sage ich, ?u?ert sich dennoch mit keiner Wut in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrei, wie Virgil von seinem Laokoon singet; die ?ffnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein ?ngstliches und beklemmtes Seufzen, wie es Sadolet beschreibet. Der Schmerz des K?rpers und die Gr??e der Seele sind durch den ganzen Bau der Figur mit gleicher St?rke ausgeteilet, und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles Philoktet: sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser gro?e Mann das Elend ertragen zu k?nnen.

Der Ausdruck einer so gro?en Seele geht weit über die Bildung der sch?nen Natur. Der Künstler mu?te die St?rke des Geistes in sich selbst fühlen, welche er seinem Marmor einpr?gte. Griechenland hatte Künstler und Weltweise in einer Person, und mehr als einen Metrodor. Die Weisheit reichte der Kunst die Hand, und blies den Figuren derselben mehr als gemeine Seelen ein, usw."

Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, da? der Schmerz sich in dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wut nicht zeige, welche man bei der Heftigkeit desselben vermuten sollte, ist vollkommen richtig. Auch das ist unstreitig, da? eben hierin, wo ein Halbkenner den Künstler unter der Natur geblieben zu sein, das wahre Pathetische des Schmerzes nicht erreicht zu haben, urteilen dürfte; da?, sage ich, eben hierin die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet.

Nur in dem Grunde, welchen Herr Winckelmann dieser Weisheit gibt, in der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage ich es, anderer Meinung zu sein.

Ich bekenne, da? der mi?billigende Seitenblick, welchen er auf den Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und n?chstdem die Vergleichung mit dem Philoktet. Von hier will ich ausgehen, und meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie sich bei mir entwickelt.

"Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktet." Wie leidet dieser? Es ist sonderbar, da? sein Leiden so verschiedene Eindrücke bei uns zurückgelassen.-Die Klagen, das Geschrei, die wilden Verwünschungen, mit welchen sein Schmerz das Lager erfüllte, und alle Opfer, alle heilige Handlungen st?rte, erschollen nicht minder schrecklich durch das ?de Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche T?ne des Unmuts, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallen lie?.-Man hat den dritten Aufzug dieses Stücks ungleich kürzer, als die übrigen gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichter 2), da? es den Alten um die gleiche L?nge der Aufzüge wenig zu tun gewesen. Das glaube ich auch; aber ich wollte mich desfalls lieber auf ein ander Exempel gründen, als auf dieses. Die jammervollen Ausrufungen, das Winseln, die abgebrochenen a, a, jeu, attatai, w moi, moi! die ganzen Zeilen voller papai, papai, aus welchen dieser Aufzug bestehet, und die mit ganz andern Dehnungen und Absetzungen deklamieret werden mu?ten, als bei einer zusammenhangenden Rede n?tig sind, haben in der Vorstellung diesen Aufzug ohne Zweifel ziemlich ebensolange dauren lassen, als die andern. Er scheinet dem Leser weit kürzer auf dem Papiere, als er den Zuh?rern wird vorgekommen sein.

{2. Brumoy, Théat. des Grecs T. II. p. 89.}

Schreien ist der natürliche Ausdruck des k?rperlichen Schmerzes. Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden. Die geritzte Venus schreiet laut 3); nicht um sie durch dieses Geschrei als die weichliche G?ttin der Wollust zu schildern, vielmehr um der leidenden Natur ihr Recht zu geben. Denn selbst der eherne Mars, als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreiet so gr??lich, als schrien zehntausend wütende Krieger zugleich, da? beide Heere sich entsetzen 4).

{3. Iliad. E. v. 343. h de mega iacousa-}

{4. Iliad. E. v. 859.}

Soweit auch Homer sonst seine Helden über die menschliche Natur erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die ?u?erung dieses Gefühls durch Schreien, oder durch Tr?nen, oder durch Scheltworte ank?mmt. Nach ihren Taten sind es Gesch?pfe h?herer Art; nach ihren Empfindungen wahre Menschen.

Ich wei? es, wir feinern Europ?er einer klügern Nachwelt wissen über unsern Mund und über unsere Augen besser zu herrschen. H?flichkeit und Anstand verbieten Geschrei und Tr?nen. Die t?tige Tapferkeit des ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt. Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser gr??er, als in jener. Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbei?en, dem Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten nordischen Heldenmuts 5). Palnatoko gab seinen Jomsburgern das Gesetz, nichts zu fürchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen.

{5. Th. Bartholinus de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus mortis, cap. I.}

Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er ?u?erte seine Schmerzen und seinen Kummer; er sch?mte sich keiner der menschlichen Schwachheiten; keine mu?te ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren aus Wildheit und Verh?rtung entsprang, das wirkten bei ihm Grunds?tze. Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die ruhig schlafen, solange keine ?u?ere Gewalt sie wecket, und dem Steine weder seine Klarheit noch seine K?lte nehmen. Bei dem Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens schw?rzte.-Wenn Homer die Trojaner mit wildem Geschrei, die Griechen hingegen in entschlo?ner Stille zur Schlacht führet, so merken die Ausleger sehr wohl an, da? der Dichter hierdurch jene als Barbaren, diese als gesittete V?lker schildern wollen. Mich wundert, da? sie an einer andern Stelle eine ?hnliche charakteristische Entgegensetzung nicht bemerket haben 6). Die feindlichen Heere haben einen Waffenstillestand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer Toten besch?ftigst, welches auf beiden Teilen nicht ohne hei?e Tr?nen abgehet; dakrua Jerma ceonteV. Aber Priamus verbietet seinen Trojanern zu weinen; oud' eia klaiein PriamoV megaV. Er verbietet ihnen zu weinen, sagt die Dacier, weil er besorgt, sie m?chten sich zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Mut an den Streit gehen. Wohl; doch frage ich: warum mu? nur Priamus dieses besorgen? Warum erteilet nicht auch Agamemnon seinen Griechen das n?mliche Verbot? Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, da? nur der gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer sein k?nne; indem der ungesittete Trojaner, um es zu sein, alle Menschlichkeit vorher ersticken müsse. Nemessvmai ge men ouden klaiein, l??t er an einem andern Orte 7) den verst?ndigen Sohn des weisen Nestors sagen.

{6. Iliad. H. v. 421.}

{7. Odyss. D. 195.}

Es ist merkwürdig, da? unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stücke finden, in welchen der k?rperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Unglücks ist, das den leidenden Helden trifft. Au?er dem Philoktet, der sterbende Herkules. Und auch diesen l??t Sophokles klagen, winseln, weinen und schreien. Dank sei unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des Anst?ndigen, da? nunmehr ein winselnder Philoktet, ein schreiender Herkules, die l?cherlichsten unertr?glichsten Personen auf der Bühne sein würden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter 8) an den Philoktet gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren Philoktet zu zeigen?

{8. Chateaubrun.}

Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stücken des Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon geg?nnet h?tte! Aus den leichten Erw?hnungen, die seiner einige alte Grammatiker tun, l??t sich nicht schlie?en, wie der Dichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, da? er den Laokoon nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert haben. Alles Stoische ist untheatralisch; und unser Mitleiden ist allezeit dem Leiden gleichm??ig, welches der interessierende Gegenstand ?u?ert. Sieht man ihn sein Elend mit gro?er Seele ertragen, so wird diese gro?e Seele zwar unsere Bewunderung erwecken, aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen unt?tiges Staunen jede andere w?rmere Leidenschaft, sowie jede andere deutliche Vorstellung ausschlie?et.

Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, da? das Schreien bei Empfindung k?rperlichen Schmerzes, besonders nach der alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer gro?en Seele bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache nicht sein, warum demohngeachtet der Künstler in seinem Marmor dieses Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es mu? einen andern Grund haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrücket.

Chapter 2 No.2

Es sei Fabel oder Geschichte, da? die Liebe den ersten Versuch in den bildenden Künsten gemacht habe: so viel ist gewi?, da? sie den gro?en alten Meistern die Hand zu führen nicht müde geworden. Denn wird itzt die Malerei überhaupt als die Kunst, welche K?rper auf Fl?chen nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise Grieche ihr weit engere Grenzen gesetzet, und sie blo? auf die Nachahmung sch?ner K?rper eingeschr?nket.

Sein Künstler schilderte nichts als das Sch?ne; selbst das gemeine Sch?ne, das Sch?ne niedrer Gattungen, war nur sein zuf?lliger Vorwurf, seine übung, seine Erholung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst mu?te in seinem Werke entzücken; er war zu gro?, von seinen Betrachtern zu verlangen, da? sie sich mit dem blo?en kalten Vergnügen, welches aus der getroffenen ?hnlichkeit, aus der Erw?gung seiner Geschicklichkeit entspringet, begnügen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber, dünkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst.

"Wer wird dich malen wollen, da dich niemand sehen will", sagt ein alter Epigrammatist 1) über einen h?chst ungestaltenen Menschen. Mancher neuere Künstler würde sagen: "Sei so ungestalten, wie m?glich; ich will dich doch malen. Mag dich schon niemand gern sehen: so soll man doch mein Gem?lde gern sehen; nicht insofern es dich vorstellt, sondern insofern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein solches Scheusal so ?hnlich nachzubilden wei?." {1. Antiochus. (Antholog. lib. II. cap. 43). Harduin über den Plinius (lib. 35. sect. 36 p. m. 698) legt dieses Epigramm einem Piso bei. Es findet sich aber unter allen griechischen Epigrammatisten keiner dieses Namens.}

Freilich ist der Hang zu dieser üppigen Prahlerei mit leidigen Geschicklichkeiten, die durch den Wert ihrer Gegenst?nde nicht geadelt werden, zu natürlich, als da? nicht auch die Griechen ihren Pauson, ihren Pir?ikus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber sie lie?en ihnen strenge Gerechtigkeit widerfahren. Pauson, der sich noch unter dem Sch?nen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger Geschmack das Fehlerhafte und H??liche an der menschlichen Bildung am liebsten ausdrückte 2), lebte in der ver?chtlichsten Armut 3). Und Pir?ikus, der Barbierstuben, schmutzige Werkst?tte, Esel und Küchenkr?uter, mit allem dem Flei?e eines niederl?ndischen Künstlers malte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Reiz h?tten, und so selten zu erblicken w?ren, bekam den Zunamen des Rhyparographen 4), des Kotmalers; obgleich der wollüstige Reiche seine Werke mit Gold aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu Hilfe zu kommen.

{2. Jungen Leuten, befiehlt daher Aristoteles, mu? man seine Gem?lde nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel m?glich, von allen Bildern des H??lichen rein zu halten. (Polit. lib. VIII. cap. 5. p. 526. Edit. Conring.) Herr Boden will zwar in dieser Stelle anstatt Pauson, Pausanias gelesen wissen, weil von diesem bekannt sei, da? er unzüchtige Figuren gemalt habe (de umbra poetica, comment. I. p. XIII.). Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber lernen mü?te, die Jugend von dergleichen Reizungen der Wollust zu entfernen. Er h?tte die bekannte Stelle in der Dichtkunst (cap. II. ) nur in Vergleichung ziehen dürfen, um seine Vermutung zurückzubehalten. Es gibt Ausleger (z. E. Kühn, über den ?lian Var. Hist. lib. IV. cap. 3), welche den Unterschied, den Aristoteles daselbst zwischen dem Polygnotus, Dionysius und Pauson angibt, darin setzen, da? Polygnotus G?tter und Helden, Dionysius Menschen, und Pauson Tiere gemalt habe. Sie malten allesamt menschliche Figuren; und da? Pauson einmal ein Pferd malte, beweiset noch nicht, da? er ein Tiermaler gewesen, wofür ihn Herr Boden h?lt. Ihren Rang bestimmten die Grade des Sch?nen, die sie ihren menschlichen Figuren gaben, und Dionysius konnte nur deswegen nichts als Menschen malen, und hie? nur darum vor allen andern der Anthropograph, weil er der Natur zu sklavisch folgte, und sich nicht bis zum Ideal erheben konnte, unter welchem G?tter und Helden zu malen, ein Religionsverbrechen gewesen w?re.}

{3. Aristophanes Plut. v. 602. et Acharnens. v. 854.}

{4. Plinius lib. XXXV. sect. 37. Edit. Hard.}

Die Obrigkeit selbst hielt es ihrer Aufmerksamkeit nicht für unwürdig, den Künstler mit Gewalt in seiner wahren Sph?re zu erhalten. Das Gesetz der Thebaner, welches ihm die Nachahmung ins Sch?nere befahl und die Nachahmung ins H??lichere bei Strafe verbot, ist bekannt. Es war kein Gesetz wider den Stümper, wofür es gemeiniglich, und selbst vom Junius 5), gehalten wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi; den unwürdigen Kunstgriff, die ?hnlichkeit durch übertreibung der h??lichem Teile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die Karikatur.

{5. De pictura vet. lib. II. cap. IV. § 1.}

Aus eben dem Geist des Sch?nen war auch das Gesetz der Hellanodiken geflossen. Jeder olympische Sieger erhielt eine Statue; aber nur dem dreimaligen Sieger, ward eine ikonische gesetzet 6). Der mittelm??igen Portr?ts sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel werden. Denn obschon auch das Portr?t ein Ideal zul??t, so mu? doch die ?hnlichkeit darüber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen Menschen, nicht das Ideal eines Menschen überhaupt.

{6. Plinius lib. XXXIV. sect. 9.}

Wir lachen, wenn wir h?ren, da? bei den Alten auch die Künste bürgerlichen Gesetzen unterworfen gewesen. Aber wir haben nicht immer recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze über die Wissenschaften keine Gewalt anma?en; denn der Endzweck der Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist der Seele notwendig; und es wird Tyrannei, ihr in Befriedigung dieses wesentlichen Bedürfnisses den geringsten Zwang anzutun. Der Endzweck der Künste hingegen ist Vergnügen; und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf es allerdings von dem Gesetzgeber abhangen, welche Art von Vergnügen, und in welchem Ma?e er jede Art desselben verstatten will.

Die bildenden Künste insbesondere, au?er dem unfehlbaren Einflusse, den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung f?hig, welche die n?here Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeugten sch?ne Menschen sch?ne Bilds?ulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurück, und der Staat hatte sch?nen Bilds?ulen sch?ne Menschen mit zu verdanken. Bei uns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der Mütter nur in Ungeheuern zu ?u?ern.

Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen alten Erz?hlungen, die man geradezu als Lügen verwirft, etwas Wahres zu erblicken. Den Müttern des Aristomenes, des Aristodamas, Alexanders des Gro?en, des Scipio, des Augustus, des Galerius, tr?umte in ihrer Schwangerschaft allen, als ob sie mit einer Schlange zu tun h?tten. Die Schlange war ein Zeichen der Gottheit 7); und die sch?nen Bilds?ulen und Gem?lde eines Bacchus, eines Apollo, eines Merkurius, eines Herkules, waren selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tages ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte das Bild des Tieres. So rette ich den Traum, und gebe die Auslegung preis, welche der Stolz ihrer S?hne und die Unversch?mtheit des Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mu?te es wohl haben, warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war.

{7. Man irret sich, wenn man die Schlange nur für das Kennzeichen einer medizinischen Gottheit h?lt, wie Spence, Polymetis p. 132. Justinus Martyr (Apolog. II. pag. 55. Edit. Sylburg.) sagt ausdrücklich: para panti tvn nomizomenwn par' umin Jevn, ojiV sumbolon mega kai musthrion anagrajetai; und es w?re leicht eine Reihe von Monumenten anzuführen, wo die Schlange Gottheiten begleitet, welche nicht die geringste Beziehung auf die Gesundheit haben.}

Doch ich gerate aus meinem Wege. Ich wollte blo? festsetzen, da? bei den Alten die Sch?nheit das h?chste Gesetz der bildenden Künste gewesen sei.

Und dieses festgesetzt, folget notwendig, da? alles andere, worauf sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken k?nnen, wenn es sich mit der Sch?nheit nicht vertr?gt, ihr g?nzlich weichen, und wenn es sich mit ihr vertr?gt, ihr wenigstens untergeordnet sein müssen.

Ich will bei dem Ausdrucke stehen bleiben. Es gibt Leidenschaften und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die h??lichsten Verzerrungen ?u?ern, und den ganzen K?rper in so gewaltsame Stellungen setzen, da? alle die sch?nen Linien, die ihn in einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten sich also die alten Künstler entweder ganz und gar, oder setzten sie auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Ma?es von Sch?nheit f?hig sind.

Wut und Verzweiflung sch?ndete keines von ihren Werken. Ich darf behaupten, da? sie nie eine Furie gebildet haben 8).

{8. Man gehe alle die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias und andere gedenken; man übersehe die noch itzt vorhandenen alten Statuen, Basreliefs, Gem?lde: und man wird nirgends eine Furie finden. Ich nehme diejenigen Figuren aus; die mehr zur Bildersprache, als zur Kunst geh?ren, dergleichen die auf den Münzen vornehmlich sind. Indes h?tte Spence, da er Furien haben mu?te, sie doch lieber von den Münzen erborgen sollen, (Seguini Numis. p. 178. Spanhem. de Praest. Numism. Dissert. XIII. p. 639. Les Cesars de Julien, par Spanheim p. 48.), als da? er sie durch einen witzigen Einfall in ein Werk bringen will, in welchem sie ganz gewi? nicht sind. Er sagt in seinem "Polymetis" (Dial. XVI. p. 272.): "Obschon die Furien in den Werken der alten Künstler etwas sehr Seltenes sind, so findet sich doch eine Geschichte, in der sie durchg?ngig von ihnen angebracht werden. Ich meine den Tod des Meleager, als in dessen Vorstellung auf Basreliefs sie ?fters die Alth?a aufmuntern und antreiben, den unglücklichen Brand, von welchem das Leben ihres einzigen Sohnes abhing, dem Feuer zu übergeben. Denn auch ein Weib würde in ihrer Rache so weit nicht gegangen sein, h?tte der Teufel nicht ein wenig zugeschüret. In einem von diesen Basreliefs, bei dem Bellori (in den Admirandis), sieht man zwei Weiber, die mit der Alth?a am Altare stehen, und allem Ansehen nach Furien sein sollen. Denn wer sonst als Furien, h?tte einer solchen Handlung beiwohnen wollen? Da? sie für diesen Charakter nicht schrecklich genug sind, liegt ohne Zweifel an der Abzeichnung. Das Merkwürdigste aber auf diesem Werke ist die runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Alth?a, so oft sie eine üble Tat vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich itzt zu richten alle Ursache hatte usw."-Durch solche Wendungen kann man aus allem alles machen. "Wer sonst", fragt Spence, "als Furien, h?tte einer solchen Handlung beiwohnen wollen?" Ich antworte: Die M?gde der Alth?a, welche das Feuer anzünden und unterhalten mu?ten. Ovid sagt: (Metamorph. VIII. v. 460. 461.)

Protulit hunc (stipitem) genitrix, taedasque in fragmina poni

Imperat, et positis inimicos admovet ignes.

Dergleichen taedas, lange Stücke von Kien, welche die Alten zu Fackeln brauchten, haben auch wirklich beide Personen in den H?nden, und die eine hat eben ein solches Stück zerbrochen, wie ihre Stellung anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werkes, erkenne ich die Furie ebensowenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen Schmerz ausdrückt. Ohne Zweifel soll es der Kopf des Meleagers selbst sein. (Metamorph. I. c. v. 515.)

Inscius atque absens flamma Meleagros in illa

Uritur: et caecis torreri viscera sentit

Ignibus: et magnos superat virtute dolores.

Der Künstler brauchte ihn gleichsam zum übergange in den folgenden Zeitpunkt der n?mlichen Geschichte, welcher den sterbenden Meleager gleich daneben zeigt. Was Spence zu Furien macht, h?lt Montfaucon für Parzen, (Antiqu. expl. T. I. p. 162) den Kopf auf der Scheibe ausgenommen, den er gleichfalls für eine Furie ausgibt. Bellori selbst (Admirand. Tab. 77) l??t es unentschieden, ob es Parzen oder Furien sind. Ein Oder, welches genugsam zeiget, da? sie weder das eine noch das andere sind. Auch Montfaucons übrige Auslegung sollte genauer sein. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den Ellebogen stützet, h?tte er Kassandra und nicht Atalanta nennen sollen. Atalanta ist die, welche, mit dem Rücken gegen das Bette gekehret, in einer traurigen Stellung sitzet. Der Künstler hat sie mit vielem Verstande von der Familie abgewendet, weil sie nur die Geliebte, nicht die Gemahlin des Meleagers war, und ihre Betrübnis über ein Unglück, das sie selbst unschuldigerweise veranlasset hatte, die Anverwandten erbittern mu?te.}

Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bei dem Dichter war es der zornige Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bei dem Künstler nur der ernste.

Jammer ward in Betrübnis gemildert. Und wo diese Milderung nicht stattfinden konnte, wo der Jammer ebenso verkleinernd als entstellend gewesen w?re,-was tat da Timanthes? Sein Gem?lde von der Opferung der Iphigenia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigentümlich zukommenden Grad der Traurigkeit erteilte, das Gesicht des Vaters aber, welches den allerh?chsten h?tte zeigen sollen, verhüllete, ist bekannt, und es sind viel artige Dinge darüber gesagt worden. Er hatte sich, sagt dieser 9), in den traurigen Physiognomien so ersch?pft, da? er dem Vater eine noch traurigere geben zu k?nnen verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener 10), da? der Schmerz eines Vaters bei dergleichen Vorf?llen über allen Ausdruck sei. Ich für mein Teil sehe hier weder die Unverm?genheit des Künstlers, noch die Unverm?genheit der Kunst. Mit dem Grade des Affekts verst?rken sich auch die ihm entsprechenden Züge des Gesichts; der h?chste Grad hat die allerentschiedensten Züge, und nichts ist der Kunst leichter, als diese auszudrücken. Aber Timanthes kannte die Grenzen, welche die Grazien seiner Kunst setzen. Er wu?te, da? sich der Jammer, welcher dem Agamemnon als Vater zukam, durch Verzerrungen ?u?ert, die allezeit h??lich sind. Soweit sich Sch?nheit und Würde mit dem Ausdrucke verbinden lie?, so weit trieb er ihn. Das H??liche w?re er gern übergangen, h?tte er gern gelindert; aber da ihm seine Komposition beides nicht erlaubte, was blieb ihm anders übrig, als es zu verhüllen?-Was er nicht malen durfte, lie? er erraten. Kurz, diese Verhüllung ist ein Opfer, das der Künstler der Sch?nheit brachte. Sie ist ein Beispiel, nicht wie man den Ausdruck über die Schranken der Kunst treiben, sondern wie man ihn dem ersten Gesetze der Kunst, dem Gesetze der Sch?nheit, unterwerfen soll.

{9. Plinius lib. XXXV. sect. 36. Cum moestos pinxisset omnes, praecipue patruum, et tristitiae omnem imaginem consumpsisset, patris ipsius vultum velavit, quem digne non poterat ostendere.}

{10. Summi moeroris acerbitatem arte exprimi non posse confessus est. Valerius Maximus lib. VIII. cap. 11.}

Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar, die ich suche. Der Meister arbeitete auf die h?chste Sch?nheit, unter den angenommenen Umst?nden des k?rperlichen Schmerzes. Dieser, in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu verbinden. Er mu?te ihn also herabsetzen; er mu?te Schreien in Seufzen mildern; nicht weil das Schreien eine unedle Seele verr?t, sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet. Denn man rei?e dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urteile. Man lasse ihn schreien, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid einfl??te, weil sie Sch?nheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es eine h??liche, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern sein Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt, ohne da? die Sch?nheit des leidenden Gegenstandes diese Unlust in das sü?e Gefühl des Mitleids verwandeln kann.

Die blo?e weite ?ffnung des Mundes,-beiseitegesetzt, wie gewaltsam und ekel auch die übrigen Teile des Gesichts dadurch verzerret und verschoben werden,-ist in der Malerei ein Fleck und in der Bildhauerei eine Vertiefung, welche die widrigste Wirkung von der Welt tut. Montfaucon bewies wenig Geschmack, als er einen alten b?rtigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, für einen Orakel erteilenden Jupiter ausgab 11). Mu? ein Gott schreien, wenn er die Zukunft er?ffnet? Würde ein gef?lliger Umri? des Mundes seine Rede verd?chtig machen? Auch glaube ich es dem Valerius nicht, da? Ajax in dem nur gedachten Gem?lde des Timanthes sollte geschrien haben 12). Weit schlechtere Meister aus den Zeiten der schon verfallenen Kunst lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem Schwerte des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis zum Schreien ?ffnen 13).

{11. Antiquit. expl. T. I. p. 50.}

{12. Er gibt n?mlich die von dem Timanthes wirklich ausgedrückten Grade der Traurigkeit so an: Calchantem tristem, moestum Ulyssem, clamantem Ajacem, lamentantem Menelaum.-Der Schreier Ajax mü?te eine h??liche Figur gewesen sein; und da weder Cicero noch Quintilian in ihren Beschreibungen dieses Gem?ldes seiner gedenken, so werde ich ihn um so viel eher für einen Zusatz halten dürfen, mit dem es Valerius aus seinem Kopfe bereichern wollen.}

{13. Bellorii Admiranda. Tab. 11. 12.}

Es ist gewi?, da? diese Herabsetzung des ?u?ersten k?rperlichen Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefühl, an mehrern alten Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem vergifteten Gewande, von der Hand eines alten unbekannten Meisters, war nicht der Sophokleische, der so gr??lich schrie, da? die lokrischen Felsen, und die eub?ischen Vorgebirge davon ert?nten. Er war mehr finster, als wild 14). Der Philoktet des Pythagoras Leontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzuteilen, welche Wirkung der geringste gr??liche Zug verhindert h?tte. Man dürfte fragen, woher ich wisse, da? dieser Meister eine Bilds?ule des Philoktet gemacht habe. Aus einer Stelle des Plinius, die meine Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verf?lscht oder verstümmelt ist sie 15).

{14. Plinius libr. XXXIV, sect. 19.}

{15. Eundem, n?mlich den Myro, lieset man bei dem Plinius (libr. XXXIV. sect. 19) vicit et Pythagoras Leontinus, qui fecit stadiodromon Astylon, qui Olympiae ostenditur: et Libyn puerum tenentem tabulam, eodem loco, et mala ferentem nudum. Syracusis autem claudicantem: cujus hulceris dolorem sentire etiam spectantes videntur. Man erw?ge die letzten Worte etwas genauer. Wird nicht darin offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines schmerzhaften Geschwüres überall bekannt ist? Cujus hulceris usw. Und dieses cujus sollte auf das blo?e claudicantem, und das claudicantem vielleicht auf das noch entferntere puerum gehen? Niemand hatte mehr recht, wegen eines solchen Geschwüres bekannter zu sein, als Philoktet. Ich lese also anstatt claudicantem, Philoctetem, oder halte wenigstens dafür, da? das letztere durch das erstere gleichlautende Wort verdrungen worden, und man beides zusammen Philoctetem claudicantem lesen müsse. Sophokles l??t ihn stibon kai anagkan erpein, und es mu?te ein Hinken verursachen, da? er auf den kranken Fu? weniger herzhaft auftreten konnte.}

Chapter 3 No.3

Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Sch?ne nur ein kleiner Teil ist. Wahrheit und Ausdruck sei ihr erstes Gesetz; und wie die Natur selbst die Sch?nheit h?hern Absichten jederzeit aufopfere, so müsse sie auch der Künstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen, und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck erlauben. Genug, da? durch Wahrheit und Ausdruck das H??lichste der Natur in ein Sch?nes der Kunst verwandelt werde.

Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem

Werte oder Unwerte lassen: sollten nicht andere von ihnen unabh?ngige

Betrachtungen zu machen sein, warum demohngeachtet der Künstler in

dem Ausdrucke Ma? halten, und ihn nie aus dem h?chsten Punkte der

Handlung nehmen müsse.

Ich glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen Betrachtungen leiten.

Kann der Künstler von der immer ver?nderlichen Natur nie mehr als einen einzigen Augenblick, und der Maler insbesondere diesen einzigen Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind aber ihre Werke gemacht, nicht blo? erblickt, sondern betrachtet zu werden, lange und wiederholterma?en betrachtet zu werden: so ist es gewi?, da? jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gew?hlet werden kann. Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel l??t. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzu denken k?nnen. Je mehr wir darzu denken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben. In dem ganzen Verfolge eines Affekts ist aber kein Augenblick, der diesen Vorteil weniger hat, als die h?chste Staffel desselben. über ihr ist weiter nichts, und dem Auge das ?u?erste zeigen, hei?t der Phantasie die Flügel binden, und sie n?tigen, da sie über den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm mit schw?chern Bildern zu besch?ftigen, über die sie die sichtbare Fülle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also seufzet, so kann ihn die Einbildungskraft schreien h?ren; wenn er aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe h?her, noch eine Stufe tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichern, folglich uninteressantern Zustande zu erblicken. Sie h?rt ihn erst ?chzen, oder sie sieht ihn schon tot.

Ferner. Erh?lt dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine unver?nderliche Dauer: so mu? er nichts ausdrücken, was sich nicht anders als transitorisch denken l??t. Alle Erscheinungen, zu deren Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, da? sie pl?tzlich ausbrechen und pl?tzlich verschwinden, da? sie das, was sie sind, nur einen Augenblick sein k?nnen; alle solche Erscheinungen, sie m?gen angenehm oder schrecklich sein, erhalten durch die Verl?ngerung der Kunst ein so widernatürliches Ansehen, da? mit jeder wiederholten Erblickung der Eindruck schw?cher wird, und uns endlich vor dem ganzen Gegenstande ekelt oder grauet. La Mettrie, der sich als einen zweiten Demokrit malen und stechen lassen, lacht nur die ersten Male, die man ihn sieht. Betrachtet ihn ?ftrer, und er wird aus einem Philosophen ein Geck; aus seinem Lachen wird ein Grinsen. So auch mit dem Schreien. Der heftige Schmerz, welcher das Schreien auspresset, l??t entweder bald nach, oder zerst?rst das leidende Subjekt. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreiet, so schreiet er doch nicht unabl??lich. Und nur dieses scheinbare Unabl??liche in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein Schreien zu weibischem Unverm?gen, zu kindischer Unleidlichkeit machen würde. Dieses wenigstens mu?te der Künstler des Laokoons vermeiden, h?tte schon das Schreien der Sch?nheit nicht geschadet, w?re es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne Sch?nheit auszudrücken.

Unter den alten Malern scheinet Timomachus Vorwürfe des ?u?ersten Affekts am liebsten gew?hlet zu haben. Sein rasender Ajax, seine Kinderm?rderin Medea waren berühmte Gem?lde. Aber aus den Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, da? er jenen Punkt, in welchem der Betrachter das ?u?erste nicht sowohl erblickt, als hinzudenkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des Transitorischen nicht so notwendig verbinden, da? uns die Verl?ngerung derselben in der Kunst mi?fallen sollte, vortrefflich verstanden und miteinander zu verbinden gewu?t hat. Die Medea hatte er nicht in dem Augenblicke genommen, in welchem sie ihre Kinder wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die mütterliche Liebe noch mit der Eifersucht k?mpfet. Wir sehen das Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, nun bald blo? die grausame Medea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet weit über alles hinweg, was uns der Maler in diesem schrecklichen Augenblicke zeigen k?nnte. Aber eben darum beleidiget uns die in der Kunst fortdauernde Unentschlossenheit der Medea so wenig, da? wir vielmehr wünschen, es w?re in der Natur selbst dabei geblieben, der Streit der Leidenschaften h?tte sich nie entschieden, oder h?tte wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und überlegung die Wut entkr?ften und den mütterlichen Empfindungen den Sieg versichern k?nnen. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit gro?e und h?ufige Lobsprüche zugezogen, und ihn weit über einen andern unbekannten Maler erhoben, der unverst?ndig genug gewesen war, die Medea in ihrer h?chsten Raserei zu zeigen, und so diesem flüchtig überhingehenden Grade der ?u?ersten Raserei eine Dauer zu geben, die alle Natur emp?ret. Der Dichter 1), der ihn desfalls tadelt, sagt daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: "Durstest du denn best?ndig nach dem Blute deiner Kinder? Ist denn immer ein neuer Jason, immer eine neue Kreusa da, die dich unaufh?rlich erbittern?-Zum Henker mit dir auch im Gem?lde!" setzt er voller Verdru? hinzu.

{1. Philippus (Anthol. lib. IV. cap. 9. ep. 10).

Aiei gar diyaV brejewn jonon; h tiV Ihswn

DeuteroV, h Glaukh tiV pali soi projasiV;

Erre kai en khrv paidoktone-}

Von dem rasenden Ajax des Timomachus l??t sich aus der Nachricht des Philostrats urteilen 2). Ajax erschien nicht, wie er unter den Herden wütet, und Rinder und B?cke für Menschen fesselt und mordet. Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen Heldentaten ermattet dasitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajax; nicht weil er eben itzt raset, sondern weil man siehet, da? er geraset hat; weil man die Gr??e seiner Raserei am lebhaftesten aus der verzweiflungsvollen Scham abnimmt, die er nun selbst darüber empfindet. Man siehet den Sturm in den Trümmern und Leichen, die er an das Land geworfen.

{2. Vita Apoll. lib. II. cap. 22.}

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