Im Schnellzug, nach den raschen Handlungen und Aufregungen der Flucht und der Grenzüberschreitung, nach einem Wirbel von Spannungen und Ereignissen, Aufregungen und Gefahren, noch tief erstaunt darüber, da? alles gut gegangen war, sank Friedrich Klein ganz und gar in sich zusammen.
Der Zug fuhr mit seltsamer Gesch?ftigkeit - nun wo doch keine Eile mehr war - nach Süden und ri? die wenigen Reisenden eilig an Seen, Bergen, Wasserf?llen und andern Naturwundern vorüber, durch bet?ubende Tunnels und über sanft schwankende Brücken, alles fremdartig, sch?n und etwas sinnlos, Bilder aus Schulbüchern und aus Ansichtskarten, Landschaften, die man sich erinnert einmal gesehen zu haben, und die einen doch nichts angehen. Dieses war nun die Fremde, und hierher geh?rte er nun, nach Hause gab es keine Rückkehr. Das mit dem Geld war in Ordnung, es war da, er hatte es bei sich, alle die Tausenderscheine, und trug es jetzt wieder in der Brusttasche verwahrt.
Den Gedanken, da? ihm jetzt nichts mehr geschehen k?nne, da? er jenseits der Grenze und durch seinen falschen Pa? vorl?ufig vor aller Verfolgung und allem Verdacht gesichert sei, diesen angenehmen und beruhigenden Gedanken zog er zwar immer wieder hervor, voll Verlangen sich an ihm zu w?rmen und zu s?ttigen; aber dieser hübsche Gedanke war wie ein toter Vogel, dem ein Kind in die Flügel bl?st. Er lebte nicht, er tat keine Auge auf, er fiel einem wie Blei aus der Hand, er gab keine Lust, keinen Glanz, keine Freude her. Es war seltsam, es war ihm dieser Tage schon mehrmals aufgefallen: er konnte durchaus nicht denken, an was er wollte, er hatte keine Verfügung über seine Gedanken, sie liefen wie sie wollten, und sie verweilten trotz seinem Str?uben mit Vorliebe bei Vorstellungen, die ihn qu?lten. Es war, als sei sein Gehirn ein Kaleidoskop, in dem der Wechsel der Bilder von einer fremden Hand geleitet wurde. Vielleicht war es nur die lange Schlaflosigkeit und Erregung, er war ja auch schon l?ngere Zeit nerv?s. Jedenfalls war es h??lich, und wenn es nicht bald gelang, wieder etwas Ruhe und Freude zu finden, war es zum Verzweifeln.
Friedrich Klein tastete nach dem Revolver in seiner Manteltasche. Das war auch so ein Stück, dieser Revolver, das zu seiner neuen Ausrüstung und Rolle und Maske geh?rte. Wie war es im Grunde l?stig und ekelhaft, all das mit sich zu schleppen und bis in den dünnen vergifteten Schlaf hinein bei sich zu tragen, ein Verbrechen, gef?lschte Papiere, heimlich eingen?htes Geld, den Revolver, den falschen Namen. Es schmeckte so nach R?ubergeschichten, nach einer schlechten Romantik, und es pa?te alles so gar nicht zu ihm, zu Klein, dem guten Kerl. Es war l?stig und ekelhaft, und nichts von Aufatmen und Befreiung dabei, wie er es erhofft hatte.
Mein Gott, warum hatte er eigentlich das alles auf sich genommen, er, ein Mann von fast vierzig Jahren, als braver Beamter und stiller harmloser Bürger mit gelehrten Neigungen bekannt, Vater von lieben Kindern? Warum? Er fühlte: ein Trieb mu?te dagewesen sein, ein Zwang und Drang von genügender St?rke, um einen Mann wie ihn zu dem Unm?glichen zu bewegen - und erst wenn er das wu?te, wenn er diesen Zwang und Trieb kannte, wenn er wieder Ordnung in sich hatte, erst dann war etwas wie Aufatmen m?glich.
Heftig setzte er sich aufrecht, drückte die Schl?fen mit den Daumen und gab sich Mühe zu denken. Es ging schlecht, sein Kopf war wie von Glas, und ausgeh?hlt von Aufregungen. Ermüdung und Mangel an Schlaf. Aber es half nichts, er mu?te nachdenken. Er mu?te suchen, und mu?te finden, er mu?te wieder einen Mittelpunkt in sich wissen und sich selber einigerma?en kennen und verstehen. Sonst war das Leben nicht mehr zu ertragen.
Mühsam suchte er die Erinnerungen dieser Tage zusammen, wie man kleine Porzellanscherben mit einer Pinzette zusammenpickt, um den Bruch an einer alten Dose wieder zu kitten. Es waren lauter kleine Splitter, keiner hatte Zusammenhang mit den andern, keiner deutete durch Struktur und Farbe aufs ganze. Was für Erinnerungen! Er sah eine kleine blaue Schachtel, aus der er mit zitternder Hand das Amtssiegel seines Chefs herausnahm. Er sah den alten Mann an der Kasse, der ihm seinen Scheck mit braunen und blauen Banknoten ausbezahlte. Er sah eine Telephonzelle, wo er sich, w?hrend er ins Rohr sprach, mit der linken Hand gegen die Wand stemmte, um aufrecht zu bleiben. Vielmehr er sah nicht sich, er sah einen Menschen dies alles tun, einen fremden Menschen, der Klein hie? und nicht er war. Er sah diesen Menschen Briefe verbrennen, Briefe schreiben. Er sah ihn in einem Restaurant essen. Er sah ihn - nein, das war kein Fremder, das war er, das war Friedrich Klein selbst! - nachts über das Bett eines schlafenden Kindes gebückt. Nein, das war er selbst gewesen! Wie weh das tat, auch jetzt wieder in der Erinnerung! Wie weh das tat, das Gesicht des schlafenden Kindes zu sehen und seine Atemzüge zu h?ren, und zu wissen: nie mehr würde man diese lieben Augen offen sehen, nie mehr diesen kleinen Mund lachen und essen sehen, nie mehr von ihm gekü?t werden. Wie weh das tat! Warum tat jener Mensch Klein sich selber so weh?
Er gab es auf, die kleinen Scherben zusammen zu setzen. Der Zug hielt, ein fremder gro?er Bahnhof lag da, Türen schlugen, Koffer schwankten am Wagenfenster vorüber, Papierschilde blau und gelb riefen laut: Hotel Milano - Hotel Kontinental! Mu?te er darauf achten? War es wichtig? War eine Gefahr? Er schlo? die Augen und sank eine Minute lang in Bet?ubung, schreckte sofort wieder auf, ri? die Augen weit auf, spielte den Wachsamen. Wo war er? Der Bahnhof war noch da. Halt - wie hei?e ich? Zum tausendstenmal machte er die Probe. Also: Wie hei?e ich? Klein. Nein, zum Teufel! Fort mit Klein, Klein existierte nicht mehr. Er tastete nach der Brusttasche, wo der Pa? steckte.
Wie war das alles ermüdend! überhaupt - wenn man wü?te, wie wahnsinnig mühsam es ist, ein Verbrecher zu sein - -! Er ballte die H?nde vor Anstrengung. Das alles hier ging ihn ja nichts an, Hotel Milano, Bahnhof, Koffertr?ger, das alles konnte er ruhig weglassen - nein, es handelte sich um anderes, um Wichtiges. Um was?
Im Halbschlummer, der Zug fuhr schon wieder, kam er zu seinen Gedanken zurück. Es war ja so wichtig, es handelte sich ja darum, ob das Leben noch l?nger zu ertragen sein würde. Oder - war es nicht einfacher, dem ganzen ermüdenden Unsinn ein Ende zu machen? Hatte er denn nicht Gift bei sich? Das Opium? - Ach nein, er erinnerte sich, das Gift hatte er ja nicht bekommen. Aber er hatte den Revolver. Ja richtig. Sehr gut. Ausgezeichnet.
?Sehr gut" und ?ausgezeichnet" sagte er laut vor sich hin, und fügte mehr solche Worte hinzu. Pl?tzlich h?rte er sich sprechen, erschrak, sah in der Fensterscheibe sein entstelltes Gesicht gespiegelt, fremd, fratzenhaft und traurig. Mein Gott, schrie er in sich hinein, mein Gott! Was tun? Wozu noch leben? Mit der Stirn in dies bleiche Fratzenbild hinein, sich in diese trübe bl?de Scheibe stürzen, sich ins Glas verbei?en, sich am Glase den Hals abschneiden. Mit dem Kopf auf die Bahnschwelle schlagen, dumpf und dr?hnend, von den R?dern der vielen Wagen aufgewickelt werden, alles zusammen, D?rme und Hirn, Knochen und Herz, auch die Augen - und auf den Schienen zerrieben, zu Nichts gemacht, ausradiert. Dies war das einzige, was noch zu wünschen war, was noch Sinn hatte.
W?hrend er verzweifelt in sein Spiegelbild starrte, mit der Nase ans Glas stie?, schlief er wieder ein. Vielleicht Sekunden, vielleicht Stunden. Hin und her schlug sein Kopf, er ?ffnete die Augen nicht.
Er erwachte aus einem Traum, dessen letztes Stück ihm im Ged?chtnis blieb. Er sa?, so tr?umte ihm, vorn auf einem Automobil, das fuhr rasch und ziemlich waghalsig durch eine Stadt, bergauf und ab. Neben ihm sa? jemand, der den Wagen lenkte. Dem gab er im Traum einen Sto? in den Bauch, ri? ihm das Steuerrad aus den H?nden und steuerte nun selber, wild und beklemmend über Stock und Stein, knapp an Pferden und an Schaufenstern herbei, an B?ume streifend, da? ihm Funken vor den Augen stoben.
Aus diesem Traum erwachte er. Sein Kopf war freier geworden. Er l?chelte über die Traumbilder. Der Sto? in den Bauch war gut, er empfand ihn freudig nach. Nun begann er den Traum zu rekonstruieren und über ihn nachzudenken. Wie das an den B?umen vorbei gepfiffen hatte! Vielleicht kam es von der Eisenbahnfahrt? Aber das Steuern war, bei aller Gefahr, doch eine Lust gewesen, ein Glück, eine Erl?sung! Ja, es war besser, selber zu steuern und dabei in Scherben zu gehen, als immer von einem andern gefahren und gelenkt zu werden.
Aber - wem hatte er eigentlich im Traum diesen Sto? gegeben? Wer war der fremde Chauffeur, wer war neben ihm am Steuer des Automobils gesessen? Er konnte sich an kein Gesicht, an keine Figur erinnern - nur an ein Gefühl, eine vage dunkle Stimmung . . . Wer konnte es gewesen sein? Jemand, den er verehrte, dem er Macht über sein Leben einr?umte, den er über sich duldete, und den er doch heimlich ha?te, dem er doch schlie?lich den Tritt in den Bauch gab! Vielleicht sein Vater? Oder einer seiner Vorgesetzten? Oder - oder war es am Ende -?
Klein ri? die Augen auf. Er hatte ein Ende des verlorenen Fadens gefunden. Er wu?te alles wieder. Der Traum war vergessen. Es gab Wichtigeres. Jetzt wu?te er! Jetzt begann er zu wissen, zu ahnen, zu schmecken, warum er hier im Schnellzug sa?, warum er nicht mehr Klein hie?, warum er Geld unterschlagen und Papiere gef?lscht hatte. Endlich, endlich!
Ja, es war so. Es hatte keinen Sinn mehr, es vor sich zu verheimlichen. Es war seiner Frau wegen geschehen, einzig seiner Frau wegen. Wie gut, da? er es endlich wu?te!
Vom Turme dieser Erkenntnis aus meinte er pl?tzlich weite Strecken seines Lebens zu überblicken, das ihm seit langem immer in lauter kleine, wertlose Stücke auseinandergefallen war. Er sah auf eine lange durchlaufene Strecke zurück, auf seine ganze Ehe, und die Strecke erschien ihm wie eine lange, müde, ?de Stra?e, wo ein Mann allein im Staube sich mit schweren Lasten schleppt. Irgendwo hinten, unsichtbar jenseits des Staubes, wu?te er leuchtende H?hen und grüne rauschende Wipfel der Jugend verschwunden. Ja, er war einmal jung gewesen, und kein Jüngling wie alle, er hatte gro?e Tr?ume getr?umt, er hatte viel vom Leben und von sich verlangt. Seither aber nichts als Staub und Lasten, lange Stra?e, Hitze und müde Knie, nur im vertrocknenden Herzen ein verschlafenes, alt gewordnes Heimweh lauernd. Das war sein Leben gewesen. Das war sein Leben gewesen.
Er blickte durchs Fenster und zuckte erstaunt zusammen. Ungewohnte Bilder sahen ihn an. Er sah pl?tzlich aufzuckend, da? er im Süden war. Verwundert richtete er sich auf, lehnte sich hinaus, und wieder fiel ein Schleier, und das R?tsel seines Schicksals ward ein wenig klarer. Er war im Süden! Er sah Reblauben auf grünen Terrassen stehn, goldbraunes Gem?uer halb in Ruinen, wie auf alten Stichen, blühende rosenrote B?ume! Ein kleiner Bahnhof schwand vorbei, mit einem italienischen Namen, irgend etwas auf ogno oder ogna.
Soweit vermochte Klein jetzt die Wetterfahne seines Schicksals zu lesen. Es ging fort von seiner Ehe, seinem Amt, von allem, was bisher sein Leben und seine Heimat gewesen war. Und es ging nach Süden! Nun erst begriff er, warum er, mitten in Hetze und Rausch seiner Flucht, jene Stadt mit dem italienischen Namen zum Ziel gew?hlt hatte. Er hatte es nach einem Hotelbuch getan, anscheinend wahllos und auf gut Glück, er h?tte ebenso gut Amsterdam, Zürich oder Malm? sagen k?nnen. Erst jetzt war es kein Zufall mehr. Er war im Süden, er war durch die Alpen gefahren. Und damit hatte er den strahlendsten Wunsch seiner Jugendzeit erfüllt, jener Jugend, deren Erinnerungszeichen ihm auf der langen ?den Stra?e eines sinnlosen Lebens erloschen und verloren gegangen waren. Eine unbekannte Macht hatte es so gefügt, da? ihm die beiden brennendsten Wünsche seines Lebens sich erfüllten: die l?ngst vergessene Sehnsucht nach dem Süden, und das heimliche, niemals klar und frei gewordene Verlangen nach Flucht und Freiheit aus dem Frohndienst und Staub seiner Ehe. Jener Streit mit seinem Vorgesetzten, jene überraschende Gelegenheit zu der Unterschlagung des Geldes - all das, was ihm so wichtig erschienen war, fiel jetzt zu kleinen Zuf?llen zusammen. Nicht sie hatten ihn geführt. Jene beiden gro?en Wünsche in seiner Seele hatten gesiegt, alles andre war nur Weg und Mittel gewesen.
Klein erschrak vor dieser neuen Einsicht tief. Er fühlte sich wie ein Kind, das mit Zündh?lzern gespielt und ein Haus dabei angezündet hat. Nun brannte es. Mein Gott! Und was hatte er davon? Und wenn er bis nach Sizilien oder Konstantinopel fuhr, konnte ihn das um zwanzig Jahre jünger machen?
Indessen lief der Zug, und Dorf um Dorf lief ihm entgegen, fremdartig sch?n, ein heiteres Bilderbuch, mit allen den hübschen Gegenst?nden, die man vom Süden erwartet und aus Ansichtskarten kennt: steinerne sch?n gew?lbte Brücken über Bach und braunen Felsen, Weinbergmauern von kleinen Farnen überwachsen, hohe schlanke Glockentürme, die Fassaden der Kirchen bunt bemalt oder von gew?lbten Hallen mit leichten, edlen Bogen beschattet, H?user mit rosenrotem Anstrich und dickgemauerte Arkadenhallen mit dem kühlsten Blau gemalt, zahme Kastanien, da und dort schwarze Zypressen, kletternde Ziegen, vor einem Herrschaftshaus im Rasen die ersten Palmen kurz und dickst?mmig. Alles merkwürdig und ziemlich unwahrscheinlich, aber alles zusammen war doch überaus hübsch und verkündete etwas wie Trost. Es gab diesen Süden, er war keine Fabel. Die Brücken und Zypressen waren erfüllte Jugendtr?ume, die H?user und Palmen sagten: du bist nicht mehr im Alten, es beginnt lauter Neues. Luft und Sonnenschein schienen gewürzt und verst?rkt, das Atmen leichter, das Leben m?glicher, der Revolver entbehrlicher, das Ausradiertwerden auf den Schienen minder dringlich. Ein Versuch schien m?glich, trotz allem. Das Leben konnte vielleicht ertragen werden.
Wieder übernahm ihn die Erschlaffung, leichter gab er sich jetzt hin, und schlief bis es Abend war und der vollt?nende Name der kleinen Hotelstadt ihn weckte. Hastig stieg er aus.
Ein Diener mit dem Schild ?Hotel Milano" an der Mütze redete ihn deutsch an, er bestellte ein Zimmer und lie? sich die Adresse geben. Schlaftrunken taumelte er aus der Glashalle und dem Rauch in den lauen Abend.
?So habe ich mir etwa Honolulu gedacht," ging ihm durch den Kopf. Eine phantastisch unruhige Landschaft, schon beinahe n?chtlich, schwankte ihm fremd und unbegreiflich entgegen. Vor ihm fiel der Hügel steil hinab, da lag unten tief geschachtelt die Stadt, senkrecht blickte er auf erleuchtete Pl?tze hinunter. Von allen Seiten stürzten steile spitze Zuckerhutberge j?h herab in einen See, der am Wiederschein unz?hliger Quailaternen kenntlich wurde. Eine Seilbahn senkte sich wie ein Korb den Schacht hinunter zur Stadt, halb gef?hrlich, halb spielzeughaft. Auf einigen der hohen Bergkegel glühten erleuchtete Fenster bis zum Gipfel in launischen Reihen, Stufen und Sternbildern geordnet. Von der Stadt wuchsen die D?cher gro?er Hotels herauf, dazwischen schwarzdunkle G?rten, ein warmer sommerhafter Abendwind voll Staub und Duft flatterte wohlgelaunt unter den grellen Laternen. Aus der wirr durchfunkelten Finsternis am See schwoll taktfest und l?cherlich eine Blechmusik heran.
Ob das nun Honolulu, Mexiko oder Italien war, konnte ihm einerlei sein. Es war Fremde, es war neue Welt und neue Luft, und wenn sie ihn auch verwirrte und heimlich in Angst versetzte, sie duftete doch auch nach Rausch und Vergessen und neuen, unerprobten Gefühlen.
Eine Stra?e schien ins Freie zu führen, dorthin schlenderte er, an Lagerschuppen und leeren Lastfuhrwerken vorüber, dann bei kleinen Vorstadth?usern vorbei, wo laute Stimmen italienisch schrien und im Hof eines Wirtshauses eine Mandoline schrillte. Im letzten Hause klang eine M?dchenstimme auf, ein Duft von Wohllaut beklemmte ihm das Herz, viele Worte konnte er zu seiner Freude verstehen und den Refrain sich merken:
Mama non vuole, papa ne meno.
Come faremo a fare l'amor?
Es klang wie aus Tr?umen seiner Jugend her. Bewu?tlos schritt er die Stra?e weiter, flo? hingerissen in die warme Nacht, in der die Grillen sangen. Ein Weinberg kam, und bezaubert blieb er stehen: Ein Feuerwerk, ein Reigen von kleinen, grün glühenden Lichtern erfüllte die Luft und das duftende, hohe Gras, tausend Sternschnuppen taumelten trunken durcheinander. Es war ein Schwarm von Leuchtk?fern, langsam und lautlos geisterten sie durch die warm aufzuckende Nacht. Die sommerliche Luft und Erde schien sich phantastisch in leuchtenden Figuren und tausend kleinen beweglichen Sternbildern, auszuleben.
Lange stand der Fremde dem Zauber hingegeben und verga? die ?ngstliche Geschichte dieser Reise und die ?ngstliche Geschichte seines Lebens über der sch?nen Seltsamkeit. Gab es noch eine Wirklichkeit? Noch Gesch?fte und Polizei? Noch Assessoren und Kursberichte? Stand zehn Minuten von hier ein Bahnhof?
Langsam wandte sich der Flüchtling, der aus seinem Leben heraus in ein M?rchen gereist war, gegen die Stadt zurück. Laternen glühten auf. Menschen riefen ihm Worte zu, die er nicht verstand. Unbekannte Riesenb?ume standen voll Blüten, eine steinerne Kirche hing mit schwindelnder Terrasse über dem Absturz, helle Stra?en, von Treppen unterbrochen, flossen rasch wie Bergb?che in das St?dtchen hinab.
Klein fand sein Hotel, und mit dem Eintritt in die überhellen nüchternen R?ume, Halle und Treppenhaus schwand sein Rausch dahin, und es kehrte die ?ngstliche Schüchternheit zurück, sein Fluch und Kainszeichen. Betreten drückte er sich an den wachen, tarierenden Blicken des Concierge, der Kellner, des Liftjungen, der Hotelg?ste vorbei in die ?deste Ecke eines Restaurants. Er bat mit schwacher Stimme um die Speisekarte, und las, als w?re er noch arm und mü?te sparen, bei allen Speisen sorgf?ltig die Preise mit, bestellte etwas Wohlfeiles, ermunterte sich künstlich zu einer halben Flasche Bordeaux, der ihm nicht schmeckte, und war froh, als er endlich hinter verschlossener Tür in seinem sch?bigen kleinen Zimmer lag. Bald schlief er ein, schlief gierig und tief, aber nur zwei, drei Stunden. Noch mitten in der Nacht wurde er wieder wach.
Er starrte, aus den Abgründen des Unbewu?ten kommend, in die feindselige D?mmerung, wu?te nicht wo er war, hatte das drückende und schuldhafte Gefühl, Wichtiges vergessen und vers?umt zu haben. Wirr umhertastend erfühlte er einen Drücker und drehte Licht an. Das kleine Zimmer sprang ins grelle Licht, fremd, ?de, sinnlos. Wo war er? B?se glotzten die Plüschsessel. Alles blickte ihn kalt und fordernd an. Da fand er sich im Spiegel und las das Vergessene aus seinem Gesicht. Ja, er wu?te. Dies Gesicht hatte er früher nicht gehabt, nicht diese Augen, nicht diese Falten, nicht diese Farben. Es war ein neues Gesicht, schon einmal war es ihm aufgefallen, im Spiegel einer Glasscheibe, irgendwann im gehetzten Theaterstück dieser wahnsinnigen Tage. Es war nicht sein Gesicht, das gute, stille und etwas duldende Friedrich Klein-Gesicht. Es war das Gesicht eines Gezeichneten, vom Schicksal mit neuen Zeichen gestempelt, ?lter und auch jünger als das frühere, maskenhaft und doch wunderlich durchglüht. Niemand liebte solche Gesichter.
Da sa? er im Zimmer eines Hotels im Süden mit seinem gezeichneten Gesicht. Daheim schliefen seine Kinder, die er verlassen hatte. Nie mehr würde er sie schlafen, nie mehr sie aufwachen sehen, nie mehr ihre Stimmen h?ren. Er würde niemals mehr aus dem Wasserglas auf jenem Nachttisch trinken, auf dem bei der Stehlampe die Abendpost und ein Buch lag, und dahinter an der Wand überm Bett die Bilder seiner Eltern, und alles, und alles. Statt dessen starrte er hier im ausl?ndischen Hotel in den Spiegel, in das traurige und angstvolle Gesicht des Verbrechers Klein, und die Plüschm?bel blickten kalt und schlecht, und alles war anders, nichts war mehr in Ordnung. Wenn sein Vater das noch erlebt h?tte!
Niemals seit seiner Jugendzeit war Klein so unmittelbar und so einsam seinen Gefühlen überlassen gewesen, niemals so in der Fremde, niemals so nackt und senkrecht unter der unerbittlichen Sonne des Schicksals. Immer war er mit irgend etwas besch?ftigt gewesen, mit etwas anderm als mit sich selbst, immer hatte er zu tun und zu sorgen gehabt, um Geld, um Bef?rderung im Amt, um Frieden im Hause, um Schulgeschichten und Kinderkrankheiten; immer waren gro?e, heilige Pflichten des Bürgers, des Gatten, des Vaters um ihn her gestanden, in ihrem Schutz und Schatten hatte er gelebt, ihnen hatte er Opfer gebracht, von ihnen her war seinem Leben Rechtfertigung und Sinn gekommen. Jetzt hing er pl?tzlich nackt im Weltraum, er allein Sonne und Mond gegenüber, und fühlte die Luft um sich dünn und eisig.
Und das Wunderliche war, da? kein Erdbeben ihn in diese bange und lebensgef?hrliche Lage gebracht hatte, kein Gott und kein Teufel, sondern er allein, er selber! Seine eigene Tat hatte ihn hierher geschleudert, hier allein mitten in die fremde Unendlichkeit gestellt. In ihm selbst war alles gewachsen und entstanden, in seinem eigenen Herzen war das Schicksal gro? geworden, Verbrechen und Auflehnung, Wegwerfen heiliger Pflichten, Sprung in den Weltenraum, Ha? gegen sein Weib, Flucht, Vereinsamung und vielleicht Selbstmord. Andere mochten wohl auch Schlimmes und Umstürzendes erlebt haben, durch Brand und Krieg, durch Unfall und b?sen Willen anderer - er jedoch, der Verbrecher Klein, konnte sich auf nichts dergleichen berufen, auf nichts hinausreden, nichts verantwortlich machen, h?chstens vielleicht seine Frau. Ja, sie, sie allerdings konnte und mu?te herangezogen und verantwortlich gemacht werden, auf sie konnte er deuten, wenn einmal Rechenschaft von ihm verlangt wurde!
Ein gro?er Zorn brannte in ihm auf, und mit einemmal fiel ihm etwas ein, brennend und t?dlich, ein Kn?uel von Vorstellungen und Erlebnissen. Es erinnerte ihn an den Traum vom Automobil, und an den Sto?, den er seinem Feinde dort in den Bauch gegeben hatte.
Woran er sich nun erinnerte, das war ein Gefühl, oder eine Phantasie, ein seltsamer und krankhafter Seelenzustand, eine Versuchung, ein wahnsinniges Gelüst, oder wie immer man es bezeichnen wollte. Es war die Vorstellung oder Vision einer furchtbaren Bluttat, die er beging, indem er sein Weib, seine Kinder und sich selbst ums Leben brachte. Mehrmals, so besann er sich jetzt, w?hrend noch immer der Spiegel ihm sein gestempeltes, irres Verbrechergesicht zeigte, - mehrmals hatte er sich diesen vierfachen Mord vorstellen müssen, vielmehr sich verzweifelt gegen diese h??liche und unsinnige Vision gewehrt, wie sie ihm damals erschienen war. Genau damals hatten die Gedanken, Tr?ume und qu?lenden Zust?nde in ihm begonnen, so schien ihm, welche dann mit der Zeit zu der Unterschlagung und zu seiner Flucht geführt hatten. Vielleicht - es war m?glich - war es nicht blo? die übergro? gewordene Abneigung gegen seine Frau und sein Eheleben gewesen, die ihn von Hause fortgetrieben hatte, sondern noch mehr die Angst davor, da? er eines Tages doch noch dies viel furchtbarere Verbrechen begehen m?chte: sie alle t?ten, sie schlachten und in ihrem Blut liegen sehen. Und weiter: auch diese Vorstellung noch hatte eine Vorgeschichte. Sie war zu Zeiten gekommen, wie etwa ein leichter Schwindelanfall, wo man meint, sich fallen lassen zu müssen. Das Bild aber, die Mordtat, stammte aus einer besonderen Quelle her! Unbegreiflich, da? er das erst jetzt sah!
Damals, als er zum erstenmal die Zwangsvorstellung vom T?ten seiner Familie hatte, und über diese teuflische Vision zu Tode erschrocken war, da hatte ihn, gleichsam h?hnisch, eine kleine Erinnerung heimgesucht. Es war diese: Vor Jahren, als sein Leben anscheinend noch harmlos, ja beinahe glücklich war, sprach er einmal mit Kollegen über die Schreckenstat eines süddeutschen Schullehrers namens W. (er kam nicht gleich auf den Namen), der seine ganze Familie auf eine furchtbar blutige Weise abgeschlachtet und dann die Hand gegen sich selber erhoben hatte. Es war die Frage gewesen, wie weit bei einer solchen Tat von Zurechnungsf?higkeit die Rede sein k?nne, und im weiteren darüber, ob und wie man überhaupt eine solche Tat, eine solche grausige Explosion menschlicher Scheu?lichkeit verstehen und erkl?ren k?nne. Er, Klein, war damals sehr erregt gewesen und hatte gegen einen Kollegen, welcher jenen Totschlag psychologisch zu erkl?ren versuchte, überaus heftig ge?u?ert: einem so scheu?lichen Verbrechen gegenüber gebe es für einen anst?ndigen Mann keine andere Haltung als Entrüstung und Abscheu, eine solche Bluttat k?nne nur im Gehirn eines Teufels entstehen, und für einen Verbrecher dieser Art sei überhaupt keine Strafe, kein Gericht, keine Folter streng und schwer genug. Er erinnerte sich noch heut genau des Tisches, an dem sie sa?en, und des verwunderten und etwas kritischen Blickes, mit dem jener ?ltere Kollege ihn nach diesem Ausbruch seiner Entrüstung gestreift hatte.
Damals nun, als er sich selber zum erstenmal in einer h??lichen Phantasie als M?rder der Seinigen sah und er vor dieser Vorstellung mit einem Schauder zurückschreckte, da war ihm dies um Jahre zurückliegende Gespr?ch über den Verwandtenm?rder W. sofort wieder eingefallen. Und seltsam. Obwohl er h?tte schw?ren k?nnen, da? er damals v?llig aufrichtig seine wahrste Empfindung ausgesprochen habe, war jetzt in ihm innen eine h??liche Stimme da, die ihn verh?hnte und ihm zurief: schon damals, schon damals vor Jahren bei dem Gespr?ch über den Schullehrer W. habe sein Innerstes dessen Tat verstanden, verstanden und gebilligt, und seine so heftige Entrüstung und Erregung sei nur daraus entstanden, da? der Philister und Heuchler in ihm die Stimme des Herzens nicht habe gelten lassen wollen. Die furchtbaren Strafen und Foltern, die er dem Gattenm?rder wünschte, und die entrüsteten Schimpfworte, mit denen er dessen Tat bezeichnete, die hatte er eigentlich gegen sich selber gerichtet, gegen den Keim zum Verbrechen, der gewi? damals schon in ihm war! Seine gro?e Erregung bei diesem ganzen Gespr?ch und Anla? war nur daher gekommen, da? in Wirklichkeit er sich selbst sitzen sah, der Bluttat angeklagt, und da? er sein Gewissen zu retten suchte, indem er auf sich selber jede Anklage und jedes schwere Urteil h?ufte. Als ob er damit, mit diesem Wüten gegen sich selbst, das heimliche Verbrechertum in seinem Innern bestrafen oder übert?uben k?nnte.
Soweit kam Klein mit seinen Gedanken, und er fühlte, da? es sich da für ihn um Wichtiges, ja um das Leben selber handle. Aber es war uns?glich mühsam, diese Erinnerungen und Gedanken auseinanderzuf?deln und zu ordnen. Eine aufzuckende Ahnung letzter, erl?sender Erkenntnisse unterlag der Müdigkeit und dem Widerwillen gegen seine ganze Situation. Er stand auf, wusch sich das Gesicht, ging barfu? auf und ab, bis ihn fr?stelte, und dachte nun zu schlafen.
Aber es kam kein Schlaf. Er lag unerbittlich seinen Empfindungen ausgeliefert, lauter h??lichen, schmerzenden und demütigenden Gefühlen: dem Ha? gegen seine Frau, dem Mitleid mit sich selber, der Ratlosigkeit, dem Bedürfnis nach Erkl?rungen, Entschuldigungen, Trostgründen. Und da ihm für jetzt keine andern Trostgründe einfielen, und da der Weg zum Verst?ndnis so tief und schonungslos in die heimlichsten und gef?hrlichsten Dickichte seiner Erinnerungen führte, und der Schlaf nicht wieder kommen wollte, lag er den Rest der Nacht in einem Zustande, den er in diesem h??lichen Grad noch nicht gekannt hatte. Alle die widerlichen Gefühle, die in ihm stritten, vereinigten sich zu einer furchtbaren, erstickenden, t?dlichen Angst, zu einem teuflischen Alpdruck auf Herz und Lunge, der sich immer von neuem bis an die Grenze des Unertr?glichen steigerte. Was Angst war, hatte er ja l?ngst gewu?t, seit Jahren schon, und seit den letzten Wochen und Tagen erst! Aber so hatte er sie noch nie an der Kehle gefühlt! Zwanghaft mu?te er an die wertlosesten Dinge denken, an einen vergessenen Schlüssel, an die Hotelrechnung, und daraus Berge von Sorgen und peinlichen Erwartungen schaffen. Die Frage, ob dies sch?bige Zimmerchen für die Nacht wohl mehr als dreieinhalb Franken kosten würde, und ob er in diesem Fall noch l?nger im Hause bleiben solle, hielt ihn wohl eine Stunde lang in Atem, Schwei? und Herzklopfen. Dabei wu?te er genau, wie dumm diese Gedanken seien, und sprach immer wieder sich selbst vernünftig und begütigend zu, wie einem trotzigen Kind, rechnete sich an den Fingern die v?llige Haltlosigkeit seiner Sorgen vor - vergebens, vollkommen vergebens! Vielmehr d?mmerte auch hinter diesem Tr?sten und Zureden etwas wie blutiger Hohn auf, als sei auch das blo? Getue und Theater, gerade so wie damals sein Getue wegen dem M?rder W. Da? die Todesangst, da? dies grauenhafte Gefühl einer Umschnürung und eines Verurteiltseins zu qualvollem Ersticken nicht von der Sorge um die paar Franken oder von ?hnlichen Ursachen herkomme, war ihm ja klar. Dahinter lauerte Schlimmeres, Ernsteres - aber was? Es mu?ten Dinge sein, die mit dem blutigen Schullehrer, mit seinen eigenen Mordwünschen und mit allem Kranken und Ungeordneten in ihm zu tun hatten. Aber wie daran rühren? Wie den Grund finden? Da gab es keine Stelle in ihm innen, die nicht blutete, die nicht krank und faul und wahnsinnig schmerzempfindlich war. Er spürte: Lange war das nicht zu ertragen. Wenn es so weiter ging, und namentlich wenn noch manche solche N?chte kamen, dann wurde er wahnsinnig oder nahm sich das Leben.
Angespannt setzte er sich im Bett aufrecht und suchte das Gefühl seiner Lage auszusch?pfen, um einmal damit fertig zu werden. Aber es war immer dasselbe: Einsam und hilflos sa? er, mit fieberndem Kopf und schmerzlichem Herzdruck, in Todesbangigkeit dem Schicksal gegenüber wie ein Vogel der Schlange, festgebannt und von Furcht verzehrt. Schicksal, das wu?te er jetzt, kam nicht von irgendwo her, es wuchs im eigenen Innern. Wenn er kein Mittel dagegen fand, so fra? es ihn auf - dann war ihm beschieden, Schritt für Schritt von der Angst, von dieser grauenhaften Angst verfolgt und aus seiner Vernunft verdr?ngt zu werden, Schritt für Schritt, bis er am Rande stand, den er schon nahe fühlte.
Verstehen k?nnen - das w?re gut, das w?re vielleicht die Rettung! Er war noch lange nicht am Ende mit dem Erkennen seiner Lage und dessen, was mit ihm vorgegangen war. Er stand noch ganz im Anfang, das fühlte er wohl. Wenn er sich jetzt zusammenraffen und alles ganz genau zusammenfassen, ordnen und überlegen k?nnte, dann würde er vielleicht den Faden finden. Das Ganze würde einen Sinn und ein Gesicht bekommen und würde dann vielleicht zu ertragen sein. Aber diese Anstrengung, dieses letzte Sichaufraffen war ihm zu viel, es ging über seine Kr?fte, er konnte einfach nicht. Je angespannter er zu denken versuchte, desto schlechter ging es, er fand statt Erinnerungen und Erkl?rungen in sich nur leere L?cher, nichts fiel ihm ein, und dabei verfolgte ihn schon wieder die qu?lende Angst, er m?chte gerade das Wichtigste vergessen haben. Er st?rte und suchte in sich herum wie ein nerv?ser Reisender, der alle Taschen und Koffer nach seiner Fahrkarte durchwühlt, die er vielleicht am Hut oder gar in der Hand hat. Aber was half es, das Vielleicht?
Vorher, vor einer Stunde oder l?nger - hatte er da nicht eine Erkenntnis gehabt, einen Fund getan? Was war es gewesen, was? Es war fort, er fand es nicht wieder. Verzweifelnd schlug er sich mit der Faust an die Stirn. Gott im Himmel, la? mich den Schlüssel finden! La? mich nicht so umkommen, so jammervoll, so dumm, so traurig! In Fetzen gel?st wie Wolkentreiben im Sturm floh seine ganze Vergangenheit an ihm vorüber, Millionen Bilder, durcheinander und übereinander, unkenntlich und h?hnend, jedes an irgend etwas erinnernd - an was? An was?
Pl?tzlich fand er den Namen ?Wagner" auf seinen Lippen. Wie bewu?tlos sprach er ihn aus: ?Wagner - Wagner." Wo kam der Name her? Aus welchem Schacht? Was wollte er? Wer war Wagner? Wagner?
Er bi? sich an den Namen fest. Er hatte eine Aufgabe, ein Problem, das war besser als dies Hangen im Gestaltlosen. Also: Wer ist Wagner? Was geht mich Wagner an? Warum sagen meine Lippen, die verzogenen Lippen in meinem Verbrechergesicht, jetzt in der Nacht den Namen Wagner vor sich hin? Er nahm sich zusammen. Allerlei fiel ihm ein. Er dachte an Lohengrin, und damit an das etwas unklare Verh?ltnis, das er zu dem Musiker Wagner hatte. Er hatte ihn, als Zwanzigj?hriger, rasend geliebt. Sp?ter war er mi?trauisch geworden, und mit der Zeit hatte er gegen ihn eine Menge von Einw?nden und Bedenken gefunden. An Wagner hatte er viel herumkritisiert, und vielleicht galt diese Kritik weniger dem Richard Wagner selbst als seiner eigenen, einstigen Liebe zu ihm? Haha, hatte er sich wieder erwischt? Hatte er da wieder einen Schwindel aufgedeckt, eine kleine Lüge, einen kleinen Unrat? Ach ja, es kam einer um den andern zum Vorschein - in dem tadellosen Leben des Beamten und Gatten Friedrich Klein war es gar nicht tadellos, gar nicht sauber gewesen, in jeder Ecke lag ein Hund begraben! Ja, richtig, also so war es auch mit Wagner. Der Komponist Richard Wagner wurde von Friedrich Klein scharf beurteilt und geha?t. Warum? Weil Friedrich Klein es sich selber nicht verzeihen konnte, da? er als junger Mensch für diesen selben Wagner geschw?rmt hatte. In Wagner verfolgte er nun seine eigne Jugendschw?rmerei, seine eigne Jugend, seine eigne Liebe. Warum? Weil Jugend und Schw?rmerei und Wagner und all das ihn peinlich an Verlorenes erinnerten, weil er sich von einer Frau hatte heiraten lassen, die er nicht liebte, oder doch nicht richtig, nicht genug. Ach, und so, wie er gegen Wagner verfuhr, so verfuhr der Beamte Klein noch gegen viele und vieles. Er war ein braver Mann, der Herr Klein, und hinter seiner Bravheit versteckte er nichts als Unflat und Schande! Ja, wenn er ehrlich sein wollte - wieviel heimliche Gedanken hatte er vor sich selber verbergen müssen! Wieviel Blicke nach hübschen M?dchen auf der Gasse, wieviel Neid gegen Liebespaare, die ihm abends begegneten, wenn er vom Amt zu seiner Frau nach Hause ging! Und dann die Mordgedanken. Und hatte er nicht den Ha?, der ihm selber h?tte gelten sollen, auch gegen jenen Schullehrer - - -
Er schrak pl?tzlich zusammen. Wieder ein Zusammenhang! Der Schullehrer und M?rder hatte ja - Wagner gehei?en! Also da sa? der Kern! Wagner - so hie? jener Unheimliche, jener wahnsinnige Verbrecher, der seine ganze Familie umgebracht hatte. War nicht mit diesem Wagner irgendwie sein ganzes Leben seit Jahren verknüpft gewesen? Hatte nicht dieser üble Schatten ihn überall verfolgt?
Nun, Gott sei Dank, der Faden war wieder gefunden. Ja, und über diesen Wagner hatte er einst, in langvergangener besserer Zeit, sehr zornig und emp?rt gescholten und ihm die grausamsten Strafen gewünscht. Und dennoch hatte er sp?ter selber, ohne mehr an Wagner zu denken, denselben Gedanken gehabt und hatte mehrmals in einer Art von Vision sich selber gesehen, wie er seine Frau und seine Kinder ums Leben brachte.
Und war denn das nicht eigentlich sehr verst?ndlich? War es nicht richtig? Konnte man nicht sehr leicht dahin kommen, da? die Verantwortung für das Dasein von Kindern einem unertr?glich wurde, ebenso unertr?glich wie das eigene Wesen und Dasein, das man nur als Irrtum, nur als Schuld und Qual empfand?
Aufseufzend dachte er diesen Gedanken zu Ende. Es schien ihm jetzt ganz gewi?, da? er schon damals, als er ihn zuerst erfuhr, im Herzen jenen Wagnerschen Totschlag verstanden und gebilligt habe, gebilligt natürlich nur als M?glichkeit. Schon damals, als er noch nicht sich unglücklich und sein Leben verpfuscht fühlte, schon damals vor Jahren, als er noch meinte, seine Frau zu lieben und an ihre Liebe glaubte, schon damals hatte sein Innerstes den Schullehrer Wagner verstanden und seinem entsetzlichen Schlachtopfer heimlich zugestimmt. Was er damals sagte und meinte, war immer nur die Meinung seines Verstandes gewesen, nicht die seines Herzens. Sein Herz - jene innerste Wurzel in ihm, aus der das Schicksal wuchs - hatte schon immer und immer eine andere Meinung gehabt, es hatte Verbrechen begriffen und gebilligt. Es waren immer zwei Friedrich Klein dagewesen, ein sichtbarer und ein heimlicher, ein Beamter und ein Verbrecher, ein Familienvater und ein M?rder.
Damals aber war er im Leben stets auf der Seite des ?bessern" Ich gestanden, des Beamten und anst?ndigen Menschen, des Ehemannes und rechtlichen Bürgers. Die heimliche Meinung seines Innersten hatte er nie gebilligt, er hatte sie nicht einmal gekannt. Und doch hatte diese innerste Stimme ihn unvermerkt geleitet und schlie?lich zum Flüchtling und Verworfenen gemacht!
Dankbar hielt er diesen Gedanken fest. Da war doch ein Stück Folgerichtigkeit, etwas wie Vernunft. Es genügte noch nicht, es blieb alles Wichtige noch so dunkel, aber eine gewisse Helligkeit, eine gewisse Wahrheit war doch gewonnen. Und Wahrheit - das war es, worauf es ankam. Wenn ihm nur das kurze Ende des Fadens nicht wieder verlorenging!
Zwischen Wachen und Schlaf vor Ersch?pfung fiebernd, immer an der Grenze zwischen Gedanke und Traum, verlor er hundertmal den Faden wieder, fand ihn hundertmal neu. Bis es Tag war und der Gassenl?rm zum Fenster hereinscholl.
Den Vormittag lief Klein durch die Stadt. Er kam vor ein Hotel, dessen Garten ihm gefiel, ging hinein, sah Zimmer an und mietete eines. Erst im Weggehen sah er sich nach dem Namen des Hauses um und las: Hotel Kontinental. War ihm dieser Name nicht bekannt? Nicht vorausgesagt worden? Ebenso wie Hotel Milano? Er gab es indessen bald auf, zu suchen, und war zufrieden in der Atmosph?re von Fremdheit, Spiel und eigentümlicher Bedeutsamkeit, in die sein Leben geraten schien.
Der Zauber von gestern kam allm?hlich wieder. Es war sehr gut, da? er im Süden war, dachte er dankbar. Er war gut geführt worden. W?re dies nicht gewesen, dieser liebenswerte Zauber überall, dies ruhige Schlendern und Sichvergessenk?nnen, dann w?re er Stunde um Stunde vor dem furchtbaren Gedankenzwang gestanden und w?re verzweifelt. So aber gelang es ihm, stundenlang in angenehmer Müdigkeit dahin zu vegetieren, ohne Zwang, ohne Angst, ohne Gedanken. Das tat ihm wohl. Es war sehr gut, da? es diesen Süden gab, und da? er ihn sich verordnet hatte. Der Süden erleichterte das Leben. Er tr?stete. Er bet?ubte.
Auch jetzt am hellen Tage sah die Landschaft unwahrscheinlich und phantastisch aus, die Berge waren alle zu nah, zu steil, zu hoch, wie von einem etwas verschrobenen Maler erfunden. Sch?n aber war alles Nahe und Kleine: ein Baum, ein Stück Ufer, ein Haus in sch?nen heitern Farben, eine Gartenmauer, ein schmales Weizenfeld unter Reben stehend, klein und gepflegt wie ein Hausgarten. Dies alles war lieb und freundlich, heiter und gesellig, es atmete Gesundheit und Vertrauen. Diese kleine, freundliche, wohnliche Landschaft samt ihren stillheitern Menschen konnte man lieben. Etwas lieben zu k?nnen - welche Erl?sung!
Mit dem leidenschaftlichen Willen, zu vergessen und sich zu verlieren, schwamm der Leidende, auf der Flucht vor den lauernden Angstgefühlen, hingegeben durch die fremde Welt. Er schlenderte ins Freie, in das anmutige, flei?ig bestellte Bauernland hinein. Es erinnerte ihn nicht an das Land und Bauerntum seiner Heimat, sondern mehr an Homer und an die R?mer, er fand etwas Uraltes, Kultiviertes und doch Primitives darin, eine Unschuld und Reife, die der Norden nicht hat. Die kleinen Kapellen und Bildst?cke, die farbig und zum Teil zerfallend, fast alle von Kindern mit Feldblumen geschmückt, überall an den Wegen zu Ehren von Heiligen standen, schienen ihm denselben Sinn zu haben und vom selben Geist zu stammen wie die vielen kleinen Tempel und Heiligtümer der Alten, die in jedem Hain, Quell und Berg eine Gottheit verehrten und deren heitere Fr?mmigkeit nach Brot und Wein und Gesundheit duftete. Er kehrte in die Stadt zurück, lief unter hallenden Arkaden, ermüdete sich auf rauhem Steinpflaster, blickte neugierig in offene L?den und Werkst?tten, kaufte italienische Zeitungen, ohne sie zu lesen, und geriet endlich müde in einen herrlichen Park am See. Hier schlenderten Kurg?ste und sa?en lesend auf B?nken, und alte ungeheure B?ume hingen wie in ihr Spiegelbild verliebt überm schwarzgrünen Wasser, das sie dunkel überw?lbten. Unwahrscheinliche Gew?chse, Schlangenb?ume und Perückenb?ume, Korkeichen und andre Seltsamkeiten standen frech oder ?ngstlich oder trauernd im Rasen, der voll Blumen war, und an den fernen jenseitigen Seeufern schwammen wei? und rosig lichte D?rfer und Landh?user.
Als er auf einer Bank zusammengesunken sa? und nah am Einnicken war, ri? ein fester elastischer Schritt ihn wach. Auf hohen rotbraunen Schnürstiefeln, im kurzen Rock über dünnen durchbrochenen Strümpfen lief eine Frau vorbei, ein M?dchen, kr?ftig und taktfest, sehr aufrecht und herausfordernd, elegant, hochmütig, ein kühles Gesicht mit geschminkter Lippenr?te und einem hohen dichten Haarbau von hellem, metallischem Gelb. Ihr Blick traf ihn im Vorbeigehen eine Sekunde, sicher und absch?tzend wie die Blicke der Portiers und Boys im Hotel, und lief gleichgültig weiter.
Allerdings, dachte Klein, sie hat recht, ich bin kein Mensch, den man beachtet. Unsereinem schaut so eine nicht nach. Dennoch tat die Kürze und Kühle ihres Blickes ihm heimlich weh, er kam sich abgesch?tzt und mi?achtet vor von jemand, der nur Oberfl?che und Au?enseite sah, und aus den Tiefen seiner Vergangenheit wuchsen ihm Stacheln und Waffen empor, um sich gegen sie zu wehren. Schon war vergessen, da? ihr feiner belebter Schuh, ihr so sehr elastischer und sicherer Gang, ihr straffes Bein im dünnen Seidenstrumpf ihn einen Augenblick gefesselt und beglückt hatte. Ausgel?scht war das Rauschen ihres Kleides und der dünne Wohlgeruch, der an ihr Haar und an ihre Haut erinnerte. Weggeworfen und zerstampft war der sch?ne holde Hauch von Geschlecht und Liebesm?glichkeit, der ihn von ihr gestreift hatte. Statt dessen kamen viele Erinnerungen. Wie oft hatte er solche Wesen gesehn, solche junge, sichere und herausfordernde Personen, seien es nun Dirnen oder eitle Gesellschaftsweiber, wie oft hatte ihre schamlose Herausforderung ihn ge?rgert, ihre Sicherheit ihn irritiert, ihr kühles, brutales Sichzeigen ihn angewidert! Wie manchmal hatte er, auf Ausflügen und in st?dtischen Restaurants, die Emp?rung seiner Frau über solche unweibliche und het?renhafte Wesen von Herzen geteilt!
Mi?mutig streckte er die Beine von sich. Dieses Weib hatte ihm seine gute Stimmung verdorben! Er fühlte sich ?rgerlich, gereizt und benachteiligt, er wu?te: wenn diese mit dem gelben Haar nochmals vorüberkommen und ihn nochmals mustern würde, dann würde er rot werden und sich in seinen Kleidern, seinem Hut, seinen Schuhen, seinem Gesicht, Haar und Bart unzul?nglich und minderwertig vorkommen! Hole sie der Teufel! Schon dies gelbe Haar! Es war falsch, es gab nirgends in der Welt so gelbe Haare. Geschminkt war sie auch. Wie nur ein Mensch sich dazu hergeben konnte, seine Lippen mit Schminke anzumalen - negerhaft! Und solche Leute liefen herum, als geh?rte ihnen die Welt, sie besa?en das Auftreten, die Sicherheit, die Frechheit und verdarben anst?ndigen Leuten die Freude.
Mit den wieder aufwogenden Gefühlen von Unlust, ?rger und Befangenheit kam abermals ein Schwall von Vergangenheit heraufgekocht, und pl?tzlich dazwischen der Einfall: du berufst dich ja auf deine Frau, du gibst ihr ja recht, du ordnest dich ihr wieder unter! Einen Augenblick lang überflo? ihn ein Gefühl wie: ich bin ein Esel, da? ich noch immer mich unter die ?anst?ndigen Menschen" rechne, ich bin ja keiner mehr, ich geh?re gerade so wie diese Gelbe zu einer Welt, die nicht mehr meine frühere und nicht mehr die anst?ndige ist, in eine Welt, wo anst?ndig oder unanst?ndig nichts mehr bedeutet, wo jeder für sich das schwere Leben zu leben sucht. Einen Augenblick lang empfand er, da? seine Verachtung für die Gelbe ebenso oberfl?chlich und unaufrichtig war wie seine einstige Emp?rung über den Schullehrer und M?rder Wagner, und auch seine Abneigung gegen den andern Wagner, dessen Musik er einst als allzu sinnenschwül empfunden hatte. Eine Sekunde lang tat sein verschütteter Sinn, sein verlorengegangenes Ich die Augen auf und sagte ihm mit seinem alleswissenden Blick, da? alle Emp?rung, aller ?rger, alle Verachtung ein Irrtum und eine Kinderei sei und auf den armen Kerl von Ver?chter zurückfalle.
Dieser gute, alleswissende Sinn sagte ihm auch, da? er hier wieder vor einem Geheimnis stehe, dessen Deutung für sein Leben wichtig sei, da? diese Dirne oder Weltdame, da? dieser Duft von Eleganz, Verführung und Geschlecht ihm keineswegs zuwider und beleidigend sei, sondern da? er sich diese Urteile nur eingebildet und eingeh?mmert habe, aus Angst vor seiner wirklichen Natur, aus Angst vor Wagner, aus Angst vor dem Tier oder Teufel, den er in sich entdecken konnte, wenn er einmal die Fesseln und Verkleidungen seiner Sitte und Bürgerlichkeit abwürfe. Blitzhaft zuckte etwas wie Lachen, wie Hohnlachen in ihm auf, das aber alsbald wieder schwieg. Es siegte wieder das Mi?gefühl. Es war unheimlich, wie jedes Erwachen, jede Erregung, jeder Gedanke ihn immer wieder unfehlbar dorthin traf, wo er schwach und nur zu Qualen f?hig war. Nun sa? er wieder mitten darin und hatte es mit seinem fehlgeratenen Leben, mit seiner Frau, mit seinem Verbrechen, mit der Hoffnungslosigkeit seiner Zukunft zu tun. Angst kam wieder, das allwissende Ich sank unter wie ein Seufzer, den niemand h?rt. O welche Qual! Nein, daran war nicht die Gelbe schuld. Und alles, was er gegen sie empfand, tat ihr ja nicht weh, traf nur ihn selber.
Er stand auf und fing zu laufen an. Früher hatte er oft geglaubt, er führe ein ziemlich einsames Leben, und hatte sich mit einiger Eitelkeit eine gewisse resignierte Philosophie zugeschrieben, galt auch unter seinen Kollegen für einen Gelehrten, Leser und heimlichen Sch?ngeist. Mein Gott, er war nie einsam gewesen! Er hatte mit den Kollegen, mit seiner Frau, mit den Kindern, mit allen m?glichen Leuten geredet, und der Tag war dabei vergangen und die Sorgen ertr?glich geworden. Und auch wenn er allein gewesen war, war es keine Einsamkeit gewesen. Er hatte die Meinungen, die ?ngste, die Freuden, die Tr?stungen vieler geteilt, einer ganzen Welt. Stets war um ihn her und bis in ihn hinein Gemeinsamkeit gewesen, und auch noch im Alleinsein, im Leid und in der Resignation hatte er stets einer Schar und Menge angeh?rt, einem schützenden Verband, der Welt der Anst?ndigen, Ordentlichen und Braven. Jetzt aber, jetzt schmeckte er Einsamkeit. Jeder Pfeil fiel auf ihn selber, jeder Trostgrund erwies sich als sinnlos, jede Flucht vor der Angst führte nur in jene Welt hinüber, mit der er gebrochen hatte, die ihm zerbrochen und entglitten war. Alles, was sein Leben lang gut und richtig gewesen war, war es jetzt nicht mehr. Alles mu?te er aus sich selber holen, niemand half ihm. Und was fand er denn in sich selber? Ach, Unordnung und Zerrissenheit!
Ein Automobil, dem er auswich, lenkte seine Gedanken ab, warf ihnen neues Futter zu; er fühlte im unausgeschlafenen Sch?del Leere und Schwindel. ?Automobil", dachte er, oder sagte es, und wu?te nicht, was es bedeute. Da sah er, einen Augenblick im Schw?chegefühl die Augen schlie?end, ein Bild wieder, das ihm bekannt schien, das ihn erinnerte und seinen Gedanken neues Blut zuführte. Er sah sich auf einem Auto sitzen und es steuern, das war ein Traum, den er einmal getr?umt hatte. In jenem Traumgefühl, da er den Lenker hinabgesto?en und sich selber der Steuerung bem?chtigt hatte, war etwas wie Befreiung und Triumph gewesen. Es gab da einen Trost, irgendwo, schwer zu finden. Aber es gab einen. Es gab, und sei es auch nur in der Phantasie oder im Traum, die wohlt?tige M?glichkeit, sein Fahrzeug ganz allein zu steuern, jeden andern Führer hohnlachend vom Bock zu werfen, und wenn das Fahrzeug dann auch Sprünge machte und über Trottoirs oder in H?user und Menschen hineinfuhr, so war es doch k?stlich und war viel besser, als geschützt unter fremder Führung zu fahren und ewig ein Kind zu bleiben.
Ein Kind! Er mu?te l?cheln. Es fiel ihm ein, da? er als Kind und Jüngling seinen Namen Klein manchmal verflucht und geha?t hatte. Jetzt hie? er nicht mehr so. War das nicht von Bedeutung - ein Gleichnis, ein Symbol? Er hatte aufgeh?rt, klein und ein Kind zu sein und sich von andern führen zu lassen.
Im Hotel trank er zu seinem Essen einen guten, sanften Wein, den er auf gut Glück bestellt hatte und dessen Namen er sich merkte. Wenige Dinge gab es, die einem halfen, wenige, die tr?steten und das Leben erleichterten; diese wenigen Dinge zu kennen war wichtig. Dieser Wein war so ein Ding, und die südliche Luft und Landschaft war eines. Was noch? Gab es noch andre? Ja, das Denken war auch so ein tr?stliches Ding, das einem wohltat und leben half. Aber nicht jedes Denken! O nein, es gab ein Denken, das war Qual und Wahnsinn. Es gab ein Denken, das wühlte schmerzvoll im Unab?nderlichen und führte zu nichts als Ekel, Angst und Lebensüberdru?. Ein anderes Denken war es, das man suchen und lernen mu?te. War es überhaupt ein Denken? Es war ein Zustand, eine innere Verfassung, die immer nur Augenblicke dauerte und durch angestrengtes Denkenwollen nur zerst?rt wurde. In diesem h?chst wünschenswerten Zustand hatte man Einf?lle, Erinnerungen, Visionen, Phantasien, Einsichten von besonderer Art. Der Gedanke (oder Traum) vom Automobil war von dieser Art, von dieser guten und tr?stlichen Art, und die pl?tzlich gekommene Erinnerung an den Totschl?ger Wagner und an jenes Gespr?ch, das er vor Jahren über ihn geführt hatte. Der seltsame Einfall mit dem Namen Klein war auch so. Bei diesen Gedanken, diesen Einf?llen wich für Augenblicke die Angst und das scheu?liche Unwohlsein einer rasch aufleuchtenden Sicherheit - es war dann, als sei alles gut, das Alleinsein war stark und stolz, die Vergangenheit überwunden, die kommende Stunde ohne Schrecken.
Er mu?te das noch erfassen, es mu?te sich begreifen und lernen lassen! Er war gerettet, wenn es ihm gelang, h?ufig Gedanken von jener Art in sich zu finden, in sich zu pflegen und hervorzurufen. Und er sann und sann. Er wu?te nicht, wie er den Nachmittag verbrachte, die Stunden schmolzen ihm weg wie im Schlaf, und vielleicht schlief er auch wirklich, wer wollte das wissen. Immerzu kreisten seine Gedanken um jenes Geheimnis. Er dachte sehr viel und mühsam über seine Begegnung mit der Gelben nach. Was bedeutete sie? Wie kam es, da? in ihm diese flüchtige Begegnung, das sekundenkurze Wechseln eines Blickes mit einem fremden, sch?nen, aber ihm unsympathischen Weibe für lange Stunden zur Quelle von Gedanken, von Gefühlen, von Erregungen, Erinnerungen, Selbstpeinigungen, Anklagen wurde? Wie kam das? Ging das andern auch so? Warum hatte die Gestalt, der Gang, das Bein, der Schuh und Strumpf der Gelben ihn einen winzigen Moment entzückt? Warum hatte dann ihr kühl abw?gender Blick ihn so sehr ernüchtert? Warum hatte dieser fatale Blick ihn nicht blo? ernüchtert und aus der kurzen erotischen Bezauberung geweckt, sondern ihn auch beleidigt, emp?rt und vor sich selbst entwertet? Warum hatte er gegen diesen Blick lauter Worte und Erinnerungen ins Feld geführt, welche seiner einstigen Welt angeh?rten, Worte die keinen Sinn mehr hatten, Gründe an die er nicht mehr glaubte? Er hatte Urteile seiner Frau, Worte seiner Kollegen, Gedanken und Meinungen seines einstigen Ich, des nicht mehr vorhandenen Bürgers und Beamten Klein, gegen jene gelbe Dame und ihren unangenehmen Blick aufgeboten, er hatte das Bedürfnis gehabt, sich gegen diesen Blick mit allen erdenklichen Mitteln zu rechtfertigen, und hatte einsehen müssen, da? seine Mittel lauter alte Münzen waren, welche nicht mehr galten. Und aus allen diesen langen, peinlichen Erw?gungen war ihm nichts geworden als Beklemmung, Unruhe und leidvolles Gefühl des eigenen Unwerts! Nur einen einzigen Moment aber hatte er jenen andren, so sehr zu wünschenden Zustand wieder empfunden, einen Moment lang hatte er innerlich zu all jenen peinlichen Erw?gungen den Kopf geschüttelt und es besser gewu?t. Er hatte gewu?t, eine Sekunde lang: Meine Gedanken über die Gelbe sind dumm und unwürdig, Schicksal steht über ihr wie über mir, Gott liebt sie, wie er mich liebt.
Woher war diese holde Stimme gekommen? Wo konnte man sie wiederfinden, wie sie wieder herbeilocken, auf welchem Ast sa? dieser seltne, scheue Vogel? Diese Stimme sprach die Wahrheit, und Wahrheit war Wohltat, Heilung, Zuflucht. Diese Stimme entstand, wenn man im Herzen mit dem Schicksal einig war und sich selber liebte; sie war Gottes Stimme, oder war die Stimme des eigenen, wahrsten, innersten Ich, jenseits von allen Lügen, Entschuldigungen und Kom?dien.
Warum konnte er diese Stimme nicht immer h?ren? Warum flog die Wahrheit an ihm immer vorbei wie ein Gespenst, das man nur mit halbem Blick im Vorbeihuschen sehen kann und das verschwindet, wenn man den vollen Blick darauf richtet? Warum sah er wieder und wieder diese Glückspforte offenstehen, und wenn er hineinwollte, war sie doch geschlossen!
In seinem Zimmer aus einem Schlummer aufwachend, griff er nach einem B?ndchen Schopenhauer, das auf dem Tischchen lag und das ihn meistens auf Reisen begleitete. Er schlug blindlings auf und las einen Satz: ?Wenn wir auf unsern zurückgelegten Lebensweg zurücksehn und zumal unsre unglücklichen Schritte, nebst ihren Folgen, ins Auge fassen, so begreifen wir oft nicht, wie wir haben dieses tun, oder jenes unterlassen k?nnen; so da? es aussieht, als h?tte eine fremde Macht unsre Schritte gelenkt. Goethe sagt im Egmont: Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksal gezogen." - Stand da nicht etwas, was ihn anging? Was mit seinen heutigen Gedanken nah und innig zusammenhing? - Begierig las er weiter, doch es kam nichts mehr, die folgenden Zeilen und S?tze lie?en ihn unberührt. Er legte das Buch weg, sah auf die Taschenuhr, fand sie unaufgezogen und abgelaufen, stand auf und blickte durchs Fenster, es schien gegen Abend zu sein.
Er fühlte sich etwas angegriffen wie nach starker geistiger Anstrengung, aber nicht unangenehm und fruchtlos ersch?pft, sondern sinnvoll ermüdet wie nach befriedigender Arbeit. Ich habe wohl eine Stunde oder mehr geschlafen, dachte er, und trat vor den Spiegelschrank, um sein Haar zu bürsten. Es war ihm seltsam frei und wohl zumute, und im Spiegel sah er sich l?cheln! Sein bleiches, überanstrengtes Gesicht, das er seit langem nur noch verzerrt und starr und irr gesehen hatte, stand in einem sanften, freundlichen, guten L?cheln. Verwundert schüttelte er den Kopf und l?chelte sich selber zu.
Er ging hinab, im Restaurant wurde an einigen Tischen schon soupiert. Hatte er nicht eben erst gegessen? Einerlei, er hatte gro?e Lust, es sofort wieder zu tun, und er bestellte, mit Eifer den Kellner befragend, eine gute Mahlzeit.
?Will der Herr vielleicht heut abend nach Castiglione fahren?" fragte ihn der Kellner beim Vorlegen. ?Es geht ein Motorboot vom Hotel."
Klein dankte mit Kopfschütteln. Nein, solche Hotelveranstaltungen waren nichts für ihn. - Castiglione? Davon hatte er schon sprechen h?ren. Es war ein Vergnügungsort mit einer Spielbank, so etwas wie ein kleines Monte Carlo. Lieber Gott, was sollte er dort tun?
W?hrend der Kaffee gebracht wurde, nahm er aus dem Blumenstrau?, der in einer Kristallvase vor ihm stand, eine kleine wei?e Rose und steckte sie an. Von einem Nebentische her streifte ihn der Rauch einer frisch angezündeten Zigarre. Richtig, eine gute Zigarre wollte er auch haben.
Unschlüssig stieg er dann vor dem Hause hin und her. Ganz gerne w?re er wieder in jene d?rfliche Gegend gegangen, wo er gestern abend beim Gesang der Italienerin und dem magischen Funkentanz der Leuchtk?fer zum erstenmal die sü?e Wirklichkeit des Südens gespürt hatte. Aber es zog ihn auch zum Park, an das schattig überlaubte stille Wasser, zu den seltsamen B?umen, und wenn er die Dame mit dem gelben Haar wieder angetroffen h?tte, so würde ihr kalter Blick ihn jetzt nicht ?rgern noch besch?men. übrigens - wie unausdenklich lang war es seit gestern! Wie fühlte er sich in diesem Süden schon heimisch! Wieviel hatte er erlebt, gedacht, erfahren!
Er schlenderte eine Stra?e weit, umflossen von einem guten, sanften Sommerabendwind. Nachtfalter kreisten leidenschaftlich um die eben entzündeten Stra?enlaternen, flei?ige Leute schlossen sp?t ihre Gesch?fte zu und klappten Eisenstangen vor die L?den, viele. Kinder trieben sich noch herum und rannten bei ihren Spielen zwischen den kleinen Tischen der Kaffees herum, an denen mitten auf der Stra?e Kaffee und Limonaden getrunken wurden. Ein Marienbild in einer Wandnische l?chelte im Schein brennender Lichter. Auch auf den B?nken am See war noch Leben, wurde gelacht, gestritten, gesungen, und auf dem Wasser schwamm hier und dort noch ein Boot mit hemd?rmeligen Ruderern und M?dchen in wei?en Blusen.
Klein fand leicht den Weg zum Park wieder, aber das hohe Tor stand geschlossen. Hinter den hohen Eisenstangen stand die schweigende Baumfinsternis fremd und schon voll Nacht und Schlaf. Er blickte lang hinein. Dann l?chelte er, und es wurde ihm nun erst der heimliche Wunsch bewu?t, der ihn an diese Stelle vor das verschlossene Eisentor getrieben hatte. Nun, es war einerlei, es ging auch ohne Park.
Auf einer Bank am See sa? er friedlich und sah dem vorübertreibenden Volk zu. Er entfaltete im hellen Laternenlicht eine italienische Zeitung und versuchte zu lesen. Er verstand nicht alles, aber jeder Satz, den er zu übersetzen vermochte, machte ihm Spa?. Erst allm?hlich begann er, über die Grammatik weg, auf den Sinn zu achten, und fand mit einem gewissen Erstaunen, da? der Artikel eine heftige, erbitterte Schm?hung seines Volkes und Vaterlandes war. Wie seltsam, dachte er, das alles gibt es noch! Die Italiener schrieben über sein Volk, genau so wie die heimischen Zeitungen es immer über Italien getan hatten, genau so richtend, genau so emp?rt, genau so unfehlbar vom eigenen Recht und fremden Unrecht überzeugt! Auch da? diese Zeitung mit ihrem Ha? und ihrem grausamen Aburteilen ihn nicht zu emp?ren und zu ?rgern vermochte, war ja seltsam. Oder nicht? Nein, wozu sich emp?ren? Das alles war ja die Art und Sprache einer Welt, zu der er nicht mehr geh?rte. Sie mochte die gute, die bessere, die richtige Welt sein - es war nicht mehr die seine.
Er lie? die Zeitung auf der Bank liegen und ging weiter. Aus einem Garten strahlten über dicht blühende Rosenst?mme hinweg hundert bunte Lichter. Menschen gingen hinein, er schlo? sich an, eine Kasse, Aufw?rter, eine Wand mit Plakaten. Mitten im Garten war ein Saal ohne W?nde, nur ein gro?es Zeltdach, von welchem alle die zahllosen vielfarbigen Lampen niederhingen. Viele halbbesetzte Gartentische füllten den lustigen Saal; im Hintergrunde silbern, grün und rosa in grellen Farben glitzerte überhell eine schmale erh?hte Bühne. Unter der Rampe sa?en Musikanten, ein kleines Orchester. Beschwingt und licht atmete die Fl?te in die bunte warme Nacht hinaus, die Oboe satt und schwellend, das Cello sang dunkel, bang und warm. Auf der Bühne darüber sang ein alter Mann komische Lieder, sein gemalter Mund lachte starr, in seinem kahlen bekümmerten Sch?del spiegelte das üppige Licht.
Klein hatte nichts dergleichen gesucht, einen Augenblick fühlte er etwas wie Entt?uschung und Kritik und die alte Scheu vor dem einsamen Sitzen inmitten einer frohen und eleganten Menge; die künstliche Lustbarkeit schien ihm schlecht in den duftenden Gartenabend zu stimmen. Doch setzte er sich, und das aus so vielen buntfarbigen ged?mpften Lampen niederrinnende Licht vers?hnte ihn alsbald, es hing wie ein Zauberschleier über dem offenen Saal. Zart und innig glühte die kleine Musik herüber, gemischt mit dem Duft der vielen Rosen. Die Menschen sa?en heiter und geschmückt in ged?mpfter Fr?hlichkeit; über Tassen, Flaschen und Eisbechern schwebten, von dem milden farbigen Licht hold behaucht und bepudert, helle Gesichter und schillernde Frauenhüte, und auch das gelbe und rosige Eis in den Bechern, die Gl?ser mit roten, grünen, gelben Limonaden klangen in dem Bilde festlich und juwelenhaft mit.
Niemand h?rte dem Komiker zu. Der dürftige Alte stand gleichgültig und vereinsamt auf seiner Bühne und sang, was er gelernt hatte, das k?stliche Licht flo? an seiner armen Gestalt herab. Er endete sein Lied und schien zufrieden, da? er gehen konnte. An den vordersten Tischen klatschten zwei, drei Menschen mit den H?nden. Der S?nger trat ab und erschien bald darauf durch den Garten im Saale, an einem der ersten Tische beim Orchester nahm er Platz. Eine junge Dame schenkte ihm Sodawasser in ein Glas, sie erhob sich dabei halb, und Klein blickte hin. Es war die mit den gelben Haaren.
Jetzt t?nte von irgendwo her eine schrille Klingel lang und dringlich, es entstand Bewegung in der Halle. Viele gingen ohne Hut und Mantel hinaus. Auch der Tisch beim Orchester leerte sich, die Gelbe lief mit den andern hinaus, ihr Haar gl?nzte hell noch drau?en in der Gartend?mmerung. An ihrem Tisch blieb nur der alte S?nger sitzen.
Klein gab sich einen Sto? und ging hinüber. Er grü?te den Alten h?flich, der nickte nur.
?K?nnen Sie mir sagen, was dies Klingeln bedeutet?" fragte Klein.
?Pause," sagte der Komiker.
?Und wohin sind all die Leute gegangen?"
?Spielen. Jetzt ist eine halbe Stunde Pause, und so lange kann man im Kursaal drüben spielen."
?Danke. - Ich wu?te nicht, da? auch hier eine Spielbank ist."
?Nicht der Rede wert. Nur für Kinder, h?chster Einsatz fünf Franken."
?Danke sehr."
Er hatte schon wieder den Hut gezogen und sich umgedreht. Da fiel ihm ein, er k?nnte den Alten nach der Gelben fragen. Der kannte sie.
Er z?gerte, den Hut noch in der Hand. Dann ging er weg. Was wollte er eigentlich? Was ging sie ihn an? Doch spürte er, sie ging ihn trotzdem an. Es war nur Schüchternheit, irgendein Wahn, eine Hemmung. Eine leise Welle von Unmut stieg in ihm auf, eine dünne Wolke. Schwere war wieder im Anzug, jetzt war er wieder befangen, unfrei, und über sich selbst ?rgerlich. Es war besser, er ging nach Hause. Was tat er hier, unter den vergnügten Leuten? Er geh?rte nicht zu ihnen.
Ein Kellner, der Zahlung verlangte, st?rte ihn. Er war ungehalten.
?K?nnen Sie nicht warten, bis ich rufe?"
?Entschuldigen, ich dachte, der Herr wolle gehen. Mir ersetzt es niemand, wenn einer drausl?uft."
Er gab mehr Trinkgeld, als n?tig war.
Als er die Halle verlie?, sah er aus dem Garten her die Gelbe zurückkommen. Er wartete und lie? sie an sich vorübergehen. Sie schritt aufrecht, stark und leicht wie auf Federn. Ihr Blick traf ihn, kühl, ohne Erkennen. Er sah ihr Gesicht hell beleuchtet, ein ruhiges und kluges Gesicht, fest und bla?, ein wenig blasiert, der geschminkte Mund blutrot, graue Augen voll Wachsamkeit, ein sch?nes, reich ausgeformtes Ohr, an dem ein grüner l?nglicher Stein blitzte. Sie ging in wei?er Seide, der schlanke Hals sank in Opalschatten hinab, von einer dünnen Kette mit grünen Steinen umspannt.
Er sah sie an, heimlich erregt, und wieder mit zwiesp?ltigem Eindruck. Etwas an ihr lockte, erz?hlte von Glück und Innigkeit, duftete nach Fleisch und Haar und gepflegter Sch?nheit, und etwas anderes stie? ab, schien unecht, lie? Entt?uschung fürchten. Es war die alte, anerzogene und ein Leben lang gepflegte Scheu vor dem, was er als dirnenhaft empfand, vor dem bewu?ten Sichzeigen des Sch?nen, vor dem offenen Erinnern an Geschlecht und Liebeskampf. Er spürte wohl, da? der Zwiespalt in ihm selbst lag. Da war wieder Wagner, da war wieder die Welt des Sch?nen, aber ohne Zucht, des Reizenden, aber ohne Verstecktheit, ohne Scheu, ohne schlechtes Gewissen. Da steckte ein Feind in ihm, der ihm das Paradies verbot.
Die Tische in der Halle wurden jetzt von Dienern umgestellt und ein freier Raum in der Mitte geschaffen. Ein Teil der G?ste war nicht wiedergekommen.
?Dableiben," rief ein Wunsch in dem einsamen Mann. Er spürte voraus, was für eine Nacht ihm bevorstand, wenn er jetzt fortging. Eine Nacht wie die vorige, wahrscheinlich eine noch schlimmere. Wenig Schlaf, mit b?sen Tr?umen, Hoffnungslosigkeit und Selbstqu?lerei, dazu das Geheul der Sinne, der Gedanke an die Kette von grünen Steinen auf der wei?en und perlfarbigen Frauenbrust. Vielleicht war schon bald, bald der Punkt erreicht, wo das Leben nicht mehr auszuhalten war. Und er hing doch am Leben, sonderbar genug. Ja, tat er das? W?re er denn sonst hier? H?tte er seine Frau verlassen, h?tte er die Schiffe hinter sich verbrannt, h?tte er diesen ganzen b?sartigen Apparat in Anspruch genommen, alle diese Schnitte ins eigene Fleisch, und w?re er schlie?lich in diesen Süden hergereist, wenn er nicht am Leben hinge, wenn nicht Wunsch und Zukunft in ihm waren? Hatte er es nicht heut gefühlt, klar und wundersch?n, bei dem guten Wein, vor dem geschlossenen Parktor, auf der Bank am Kai?
Er blieb und fand Platz am Tisch neben jenem, wo der S?nger und die Gelbe sa?en. Dort waren sechs, sieben Menschen beisammen, welche sichtlich hier zu Hause waren, gewisserma?en ein Teil dieser Veranstaltung und Lustbarkeit waren. Er blickte best?ndig zu ihnen hinüber. Zwischen ihnen und den Stammg?sten dieses Gartens bestand Vertraulichkeit, auch die Leute vom Orchester kannten sie und gingen an ihrem Tische ab und zu oder riefen Witze herüber, sie nannten die Kellner du und mit den Vornamen. Es wurde deutsch, italienisch und franz?sisch durcheinander gesprochen.
Klein betrachtete die Gelbe. Sie blieb ernst und kühl, er hatte sie noch nicht l?cheln sehen, ihr beherrschtes Gesicht schien unver?nderlich. Er konnte sehen, da? sie an ihrem Tische etwas galt, M?nner und M?dchen hatten gegen sie einen Ton von kameradschaftlicher Achtung. Er h?rte nun auch ihren Namen nennen: Teresina. Er besann sich, ob sie sch?n sei, ob sie ihm eigentlich gefalle. Er konnte es nicht sagen. Sch?n war ohne Zweifel ihr Wuchs und ihr Gang, sogar ungew?hnlich sch?n, ihre Haltung beim Sitzen und die Bewegungen ihrer sehr gepflegten H?nde. An ihrem Gesicht und Blick aber besch?ftigte und irritierte ihn die stille Kühle, die Sicherheit und Ruhe der Miene, das fast maskenhaft Starre. Sie sah aus wie ein Mensch, der seinen eigenen Himmel und seine eigene H?lle hat, welche niemand mit ihm teilen kann. Auch in dieser Seele, welche durchaus hart, spr?de und vielleicht stolz, ja b?se schien, auch in dieser Seele mu?te Wunsch und Leidenschaft brennen. Welcherlei Gefühle suchte und liebte sie, welche floh sie? Wo waren ihre Schw?chen, ihre ?ngste, ihr Verborgenes? Wie sah sie aus, wenn sie lachte, wenn sie schlief, wenn sie weinte, wenn sie kü?te?
Und wie kam es, da? sie nun seit einem halben Tage seine Gedanken besch?ftigte, da? er sie beobachten, sie studieren, sie fürchten, sich über sie ?rgern mu?te, w?hrend er noch nicht einmal wu?te, ob sie ihm gefalle oder nicht?
War sie vielleicht ein Ziel und Schicksal für ihn? Zog eine heimliche Macht ihn zu ihr, wie sie ihn nach dem Süden gezogen hatte? Ein eingeborener Trieb, eine Schicksalslinie, ein lebenslanger unbewu?ter Drang? War die Begegnung mit ihr ihm vorbestimmt? über ihn verh?ngt?
Er h?rte ein Bruchstück ihres Gespr?chs mit angestrengtem Lauschen aus dem vielstimmigen Geplauder heraus. Zu einem hübschen, geschmeidigen, eleganten Jüngling mit gewelltem schwarzen Haar und glattem Gesicht h?rte er sie sagen: ?Ich m?chte noch einmal richtig spielen, nicht hier, nicht um Pralinés, drüben in Castiglione oder in Monte Carlo." Und dann, auf seine Antwort hin, nochmals: ?Nein, Sie wissen ja gar nicht, wie das ist! Es ist vielleicht h??lich, es ist vielleicht nicht klug, aber es ist hinrei?end."
Nun wu?te er etwas von ihr. Es machte ihm gro?es Vergnügen, sie beschlichen und belauscht zu haben. Durch ein erleuchtetes kleines Fenster hatte er, der Fremde, von au?en her, auf Posten stehend, einen kurzen Sp?herblick in ihre Seele werfen k?nnen. Sie hatte Wünsche. Sie wurde von Verlangen gequ?lt nach etwas, was erregend und gef?hrlich war, nach etwas, an das man sich verlieren konnte. Es war ihm lieb, das zu wissen. - Und wie war das mit Castiglione? Hatte er davon nicht heut schon einmal reden h?ren! Wann? Wo?
Einerlei, er konnte jetzt nicht denken. Aber er hatte jetzt wieder, wie schon mehrmals in diesen seltsamen Tagen, die Empfindung, da? alles, was er tat, h?rte, sah und dachte, voll von Beziehung und Notwendigkeit war, da? ein Führer ihn leite, da? lange, ferne Ursachenreihen ihre Früchte trugen. Nun, mochten sie ihre Früchte tragen. Es war gut so.
Wieder überflog ihn ein Glücksgefühl, ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit des Herzens, wunderbar entzückend für den, der die Angst und das Grauen kennt. Er erinnerte sich eines Wortes aus seiner Knabenzeit. Sie hatten, Schulknaben, miteinander darüber gesprochen, wie es wohl die Seilt?nzer machen, da? sie so sicher und angstlos auf dem Seil gehen konnten. Und einer hatte gesagt: ?Wenn du auf dem Stubenboden einen Kreidestrich ziehst, ist es grade so schwer, genau auf diesem Kreidestrich vorw?rtszugehen, wie auf dem dünnsten Seil. Und doch tut man es ruhig, weil keine Gefahr dabei ist. Wenn du dir vorstellst, es sei blo? ein Kreidestrich, und die Luft daneben sei Fu?boden, dann kannst du auf jedem Seil sicher gehen." Das fiel ihm ein. Wie sch?n war das! War es bei ihm nicht vielleicht umgekehrt? Ging es ihm nicht so, da? er auch auf keinem ebenen Boden mehr ruhig und sicher gehen konnte, weil er ihn für ein Seil hielt?
Er war innig froh darüber, da? solche tr?stliche Sachen ihm einfallen konnten, da? sie in ihm schlummerten und je und je zum Vorschein kamen. In sich innen trug man alles, worauf es ankam, von au?en konnte niemand einem helfen. Mit sich selbst nicht im Krieg liegen, mit sich selbst in Liebe und Vertrauen leben - dann konnte man alles. Dann konnte man nicht nur seiltanzen, dann konnte man fliegen.
Eine Weile hing er, alles um sich her vergessend, diesen Gefühlen auf weichen, schlüpfrigen Pfaden der Seele in sich nachtastend wie ein J?ger und Pfadfinder, mit auf die Hand gestütztem Kopfe wie entrückt über seinem Tisch. In diesem Augenblick sah die Gelbe herüber und sah ihn an. Ihr Blick verweilte nicht lang, aber er las aufmerksam in seinem Gesicht, und als er es fühlte und ihr entgegenblickte, spürte er etwas wie Achtung, etwas wie Teilnahme und auch etwas wie Verwandtschaft. Diesmal tat ihr Blick ihm nicht weh, tat ihm nicht Unrecht. Diesmal, so fühlte er, sah sie ihn, ihn selbst, nicht seine Kleider und Manieren, seine Frisur und seine H?nde, sondern das Echte, Unwandelbare, Geheimnisvolle an ihm, das Einmalige, G?ttliche, das Schicksal.
Er bat ihr ab, was er heut Bittres und H??liches über sie gedacht hatte. Aber nein, da war nichts abzubitten. Was er B?ses und T?richtes über sie gedacht, gegen sie gefühlt hatte, das waren Schl?ge gegen ihn selbst gewesen, nicht gegen sie. Nein, es war gut so.
Pl?tzlich erschreckte ihn der Wiederbeginn der Musik. Das Orchester stimmte einen Tanz an. Aber die Bühne blieb leer und dunkel, statt auf sie waren die Blicke der G?ste nach dem leeren Viereck zwischen den Tischen gerichtet. Er erriet, es würde getanzt werden.
Aufblickend sah er am Nebentisch die Gelbe und den jungen bartlosen Elegant sich erheben. Er l?chelte über sich, als er bemerkte, wie er auch gegen diesen Jüngling Widerst?nde fühlte, wie er mit Widerwillen seine Eleganz, seine sehr netten Manieren, sein hübsches Haar und Gesicht anerkannte. Der Jüngling bot ihr die Hand, führte sie in den freien Raum, ein zweites Paar trat an, und nun tanzten die beiden Paare elegant, sicher und hübsch einen Tango. Er verstand nicht viel davon, aber er sah bald, da? Teresina wunderbar tanze. Er sah: sie tat etwas, was sie verstand und bemeisterte, was in ihr lag und natürlich aus ihr herauskam. Auch der Jüngling mit dem gewellten schwarzen Haar tanzte gut, sie pa?ten zusammen. Ihr Tanz erz?hlte den Zuschauern lauter angenehme, lichte, einfache und freundliche Dinge. Leicht und zart lagen ihre H?nde ineinander, willig und froh taten ihre Knie, ihre Arme, ihre Fü?e und Leiber die zartkr?ftige Arbeit. Ihr Tanz drückte Glück und Freude aus, Sch?nheit, Luxus, gute Lebensart und Lebenskunst. Er drückte auch Liebe und Geschlechtlichkeit aus, aber nicht wild und glühend, sondern eine Liebe voll Selbstverst?ndlichkeit, Naivit?t und Anmut. Sie tanzten den reichen Leuten, den Kurg?sten das Sch?ne vor, das in deren Leben lag und das diese selber nicht ausdrücken und ohne eine solche Hilfe nicht einmal empfinden konnten. Diese bezahlten, geschulten T?nzer dienten der guten Gesellschaft zu einem Ersatz. Sie, die selber nicht so gut und geschmeidig tanzten, die angenehme Spielerei ihres Lebens nicht recht genie?en konnten, lie?en sich von diesen Leuten vortanzen, wie gut sie es hatten. Aber das war es nicht allein. Sie lie?en sich nicht nur eine Schwerelosigkeit und heitere Selbstherrlichkeit des Lebens vorspielen, sie wurden auch an Natur und Unschuld der Gefühle und Sinne gemahnt. Aus ihrem überhasteten und überarbeiteten oder auch faulen und übers?ttigten Leben, das zwischen wilder Arbeit, wildem Vergnügen und erzwungener Sanatoriumsp?nitenz pendelte, blickten sie l?chelnd, dumm und heimlich gerührt auf den sch?nen Tanz dieser hübschen und gewandten jungen Menschen wie auf einen holden Lebensfrühling hin, wie auf ein fernes Paradies, das man verloren hat und von dem man nur noch an Feiertagen den Kindern erz?hlt, an das man kaum mehr glaubt, von dem man aber nachts mit brennendem Begehren tr?umt.
Und nun ging w?hrend des Tanzes mit dem Gesicht der Gelbhaarigen eine Ver?nderung vor, welcher Friedrich Klein mit reinem Entzücken zuschaute. Ganz allm?hlich und unmerklich, wie das Rosenrot über einen Morgenhimmel, kam über ihr ernstes, kühles Gesicht ein langsam wachsendes, langsam sich erw?rmendes L?cheln. Gradaus vor sich hinblickend, l?chelte sie wie erwachend, so als sei sie, die Kühle, erst nun durch den Tanz zum vollen Leben erw?rmt worden. Auch der T?nzer l?chelte, und auch das zweite Paar l?chelte, und auf allen vier Gesichtern war es wunderhübsch, obwohl es wie maskenhaft und unpers?nlich erschien - aber bei Teresina war es am sch?nsten und geheimnisvollsten, niemand l?chelte so wie sie, so unberührt von au?en, so im eigenen Wohlgefühl von innen her aufblühend. Er sah es mit tiefer Rührung, es ergriff ihn wie die Entdeckung eines heimlichen Schatzes.
?Was für wundervolles Haar sie hat!" h?rte er in der N?he jemand leise rufen. Er dachte daran, da? er dies wundervolle blondgelbe Haar geschm?ht und bezweifelt hatte.
Der Tango war zu Ende, Klein sah Teresina einen Augenblick neben ihrem T?nzer stehen, der ihre linke Hand mit den Fingern noch in Schulterh?he hielt, und sah den Zauber auf ihrem Gesicht nachleuchten und langsam schwinden. Es wurde halblaut geklatscht, und jedermann blickte den beiden nach, als sie mit schwebendem Schritt an ihren Tisch zurückkehrten.
Der n?chste Tanz, der nach einer kurzen Pause begann, wurde nur von einem einzigen Paar ausgeführt, von Teresina und ihrem hübschen Partner. Es war ein freier Phantasietanz, eine kleine komplizierte Dichtung, beinahe schon eine Pantomime, die jeder T?nzer für sich allein spielte und die nur in einigen aufleuchtenden H?hepunkten und im galoppierend raschen Schlu?satz zum Paartanz wurde.
Hier schwebte Teresina, die Augen voll von Glück, so aufgel?st und innig dahin, folgte mit schwerelosen Gliedern so selig den Werbungen der Musik, da? es still in der Halle wurde und alle hingegeben auf sie schauten. Der Tanz endete mit einem heftigen Wirbel, wobei T?nzer und T?nzerin sich nur mit H?nden und Fu?spitzen berührten und sich, weit hintenüber h?ngend, bacchantisch im Kreise drehten.
Bei diesem Tanz hatte jedermann das Gefühl, da? die beiden Tanzenden in ihren Geb?rden und Schritten, in Trennung und Wiedervereinigung, in immer erneutem Wegwerfen und Wiedergreifen des Gleichgewichtes Empfindungen darstellten, die allen Menschen vertraut und zutiefst erwünscht sind, die aber nur von wenigen Glücklichen so einfach, stark und unverbogen erlebt werden: die Freude des gesunden Menschen an sich selber, die Steigerung dieser Freude in der Liebe zum andern, das gl?ubige Einverstandensein mit der eigenen Natur, die vertrauensvolle Hingabe an die Wünsche, Tr?ume und Spiele des Herzens. Viele empfanden für einen Augenblick nachdenkliche Trauer darüber, da? zwischen ihrem Leben und ihren Trieben so viel Zwiespalt und Streit bestand, da? ihr Leben kein Tanz, sondern ein mühsames Keuchen unter Lasten war - Lasten, die schlie?lich nur sie selber sich aufgebürdet hatten.
Friedrich Klein blickte, w?hrend er dem Tanz folgte, durch viele vergangene Jahre seines Lebens hindurch wie durch einen finstern Tunnel, und jenseits lag in Sonne und Wind grün und strahlend das Verlorene, die Jugend, das starke einfache Fühlen, die gl?ubige Bereitschaft zum Glück - und all dies lag wieder seltsam nah, nur einen Schritt weit, durch Zauber herangezogen und gespiegelt.
Das innige L?cheln des Tanzes noch auf dem Gesicht, kam Teresina jetzt an ihm vorüber. Ihn durchflo? Freude und entzückte Hingabe. Und als habe er sie gerufen, blickte sie ihn pl?tzlich innig an, noch nicht erwacht, die Seele noch voll Glück, das sü?e L?cheln noch auf den Lippen. Und auch er l?chelte ihr zu, dem nahen Glücksschimmer, durch den finstern Schacht so vieler verlorener Jahre.
Zugleich stand er auf, und gab ihr die Hand, wie ein alter Freund, ohne ein Wort zu sagen. Die T?nzerin nahm sie und hielt sie einen Augenblick fest, ohne stehenzubleiben. Er folgte ihr. Am Tisch der Künstler wurde ihm Platz gemacht, nun sa? er neben Teresina und sah die l?nglichen grünen Steine auf der hellen Haut ihres Halses schimmern.
Er nahm nicht an den Gespr?chen teil, von denen er das wenigste verstand. Hinter Teresinas Kopf sah er, im grelleren Licht der Gartenlaternen, die blühenden Rosenst?mme, dunkle volle Kugeln, abgezeichnet, hier und da von Leuchtk?fern überflogen. Seine Gedanken ruhten, es gab nichts zu denken. Die Rosenkugeln schaukelten leicht im Nachtwind, Teresina sa? neben ihm, an ihrem Ohr hing glitzernd der grüne Stein. Die Welt war in Ordnung.
Jetzt legte Teresina die Hand auf seinen Arm.
?Wir werden miteinander sprechen. Nicht hier. Ich erinnere mich jetzt, Sie im Park gesehen zu haben. Ich bin morgen dort, um die gleiche Zeit. Ich bin jetzt müde und mu? bald schlafen. Gehen Sie lieber vorher, sonst pumpen meine Kollegen Sie an."
Da ein Kellner vorüberlief, hielt sie ihn an:
?Eugenio, der Herr will zahlen."
Er zahlte, gab ihr die Hand, zog den Hut, und ging davon, dem See nach, er wu?te nicht wohin. Unm?glich, jetzt sich in sein Hotelzimmer zu legen. Er lief die Seestra?e weiter, zum St?dtchen und den Vororten hinaus, bis die B?nke am Ufer und die Anlagen ein Ende nahmen. Da setzte er sich auf die Ufermauer und sang vor sich hin, ohne Stimme, verschollene Liederbruchstücke aus Jugendjahren. Bis es kalt wurde und die steilen Berge eine feindselige Fremdheit annahmen. Da ging er zurück, den Hut in der Hand.
Ein verschlafener Nachtportier ?ffnete ihm die Tür.
?Ja, ich bin etwas sp?t," sagte Klein, und gab ihm einen Franken.
?O, wir sind das gewohnt. Sie sind noch nicht der Letzte. Das Motorboot von Castiglione ist auch noch nicht zurück."
Die T?nzerin war schon da, als Klein sich im Park einfand. Sie ging mit ihrem federnden Schritt im Innern des Gartens um die Rasenstücke und stand pl?tzlich am schattigen Eingang eines Geh?lzes vor ihm.
Teresina musterte ihn aufmerksam mit den hellgrauen Augen, ihr Gesicht war ernst und etwas ungeduldig. Sofort im Gehen fing sie zu sprechen an.
?K?nnen Sie mir sagen, was das gestern war? Wie kommt das, da? wir uns so in den Weg liefen? Ich habe darüber nachgedacht. Ich sah Sie gestern im Kursaalgarten zweimal. Das erstemal standen Sie am Ausgang und sahen mich an, Sie sahen gelangweilt oder ge?rgert aus, und als ich Sie sah, fiel mir ein: Dem bin ich schon einmal im Park begegnet. Es war kein guter Eindruck, und ich gab mir Mühe, Sie gleich wieder zu vergessen. Dann sah ich Sie wieder, kaum eine Viertelstunde sp?ter. Sie sa?en am Nebentisch und sahen pl?tzlich ganz anders aus, ich merkte nicht gleich, da? Sie derselbe seien, der mir vorher begegnet war. Und dann, nach meinem Tanz, standen Sie auf einmal vor mir und hielten mich an der Hand, oder ich Sie, ich wei? nicht recht. Wie ging das zu? Sie müssen doch etwas wissen. Aber ich hoffe, Sie sind nicht etwa gekommen, um mir Liebeserkl?rungen zu machen?"
Sie sah ihn befehlend an.
?Ich wei? nicht," sagte Klein. ?Ich bin nicht mit bestimmten Absichten gekommen. Ich liebe Sie, seit gestern, aber wir brauchen ja nicht davon zu sprechen."
?Ja, sprechen wir von anderm. Es war gestern einen Augenblick etwas zwischen uns da, was mich besch?ftigt und auch erschreckt hat, als h?tten wir irgend etwas ?hnliches oder Gemeinsames. Was ist das? Und, die Hauptsache: Was war das für eine Verwandlung mit Ihnen? Wie war es m?glich, da? Sie innerhalb einer Stunde zwei so ganz verschiedene Gesichter haben konnten? Sie sahen aus wie ein Mensch, der sehr Wichtiges erlebt hat."
?Wie sah ich aus?" fragte er kindlich.
?O, zuerst sahen Sie aus wie ein ?lterer, etwas vergr?mter, unangenehmer Herr. Sie sahen aus wie ein Philister, wie ein Mann, der gewohnt ist, den Zorn über seine eigene Unf?higkeit an andern auszulassen."
Er h?rte mit gespannter Teilnahme zu und nickte lebhaft. Sie fuhr fort:
?Und dann, nachher, das l??t sich nicht gut beschreiben. Sie sa?en etwas vorgebückt; als Sie mir zuf?llig in die Augen fielen, dachte ich in der ersten Sekunde noch: Herrgott, haben diese Philister traurige Haltungen! Sie hatten den Kopf auf die Hand gestützt, und das sah nun pl?tzlich so seltsam aus: es sah aus, als w?ren Sie der einzige Mensch in der Welt, und als sei es Ihnen ganz und gar einerlei, was mit Ihnen und mit der ganzen Welt gesch?he. Ihr Gesicht war wie eine Maske, schauderhaft traurig oder auch schauderhaft gleichgültig -"
Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, sagte aber nichts.
?Sie haben recht," sagte Klein bescheiden. ?Sie haben so richtig gesehen, da? ich erstaunt sein mü?te. Sie haben mich gelesen wie einen Brief. Aber eigentlich ist es ja nur natürlich und richtig, da? Sie das alles sahen."
?Warum natürlich?"
?Weil Sie, auf eine etwas andere Art, beim Tanzen ganz das gleiche ausdrücken. Wenn Sie tanzen, Teresina, und auch sonst in manchen Augenblicken, sind Sie wie ein Baum oder ein Berg oder Tier, oder ein Stern, ganz für sich, ganz allein, Sie wollen nichts anders sein, als was Sie sind, einerlei ob gut oder b?se. Ist es nicht das gleiche, was Sie bei mir sahen?"
Sie betrachtete ihn prüfend, ohne Antwort zu geben.
?Sie sind ein wunderlicher Mensch," sagte sie dann z?gernd. ?Und wie ist das nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich alles einerlei, was mit Ihnen geschieht?"
?Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder, und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark. Oder vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist k?stlich und willkommen, es sei, was es sei."
?Einen Augenblick hielt ich es sogar für m?glich, da? Sie ein Verbrecher w?ren."
?Auch das ist m?glich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein ?Verbrecher', das sagt man so, und man meint damit, da? einer etwas tut, was andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur, was in ihm ist. - Sehen Sie, das ist die ?hnlichkeit, die wir beide haben: wir beide tun hier und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist. Nichts ist seltener, die meisten Menschen kennen das überhaupt nicht. Auch ich kannte es nicht, ich sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis es eines Tages damit zu Ende war. Ich konnte nicht mehr, ich mu?te fort, das Gute war nimmer gut, das Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht mehr zu ertragen. Aber ich m?chte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar, obwohl es soviel Qualen bringt."
?Wollen Sie mir sagen, wie Sie hei?en und wer Sie sind?"
?Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen und keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mu?te das alles aufgeben. Mit mir steht es so, da? ich nach einem langen braven und flei?igen Leben eines Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt mu? ich untergehen oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich bin jetzt ganz allein."
Etwas verlegen fragte sie: ?Waren Sie in einer Anstalt?"
?Verrückt, meinen Sie? Nein. Obwohl auch das ja m?glich w?re." Er wurde zerstreut, Gedanken packten ihn von innen. Mit beginnender Unruhe sprach er fort: ?Wenn man darüber redet, wird auch das Einfachste gleich kompliziert und unverst?ndlich. Wir sollten gar nicht davon sprechen! - Man tut das ja auch nur, man spricht nur dann darüber, wenn man es nicht verstehen will."
?Wie meinen Sie das? Ich will wirklich verstehen. Glauben Sie mir! Es interessiert mich sehr."
Er l?chelte lebhaft.
?Ja, ja. Sie wollen sich darüber unterhalten. Sie haben etwas erlebt und wollen jetzt darüber reden. Ach, es hilft nichts. Reden ist der sichere Weg dazu, alles mi?zuverstehen, alles seicht und ?de zu machen. - Sie wollen mich ja nicht verstehen und auch sich selber nicht! Sie wollen blo? Ruhe haben vor der Mahnung, die Sie gespürt haben. Sie wollen mich und die Mahnung damit abtun, da? Sie die Etikette finden, unter der Sie mich einreihen k?nnen. Sie versuchen es mit dem Verbrecher und mit dem Geisteskranken, Sie wollen meinen Stand und Namen wissen. Das alles führt aber nur weg vom Verstehen, das alles ist Schwindel, liebes Fr?ulein, ist schlechter Ersatz für Verstehen, ist vielmehr Flucht vor dem Verstehenwollen, vor dem Verstehenmüssen."
Er unterbrach sich, strich gequ?lt mit der Hand über die Augen, dann schien ihm etwas Freundliches einzufallen, er l?chelte wieder. ?Ach sehen Sie, als Sie und ich gestern einen Augenblick lang genau das gleiche fühlten, da sagten wir nichts und fragten nichts und dachten auch nichts - auf einmal gaben wir einander die Hand, und es war gut. Jetzt aber - jetzt reden wir und denken und erkl?ren - und alles ist seltsam und unverst?ndlich geworden, was so einfach war. Und doch w?re es ganz leicht für Sie, mich ebenso gut zu verstehen wie ich Sie."
?Sie glauben mich so gut zu verstehen?"
?Ja, natürlich. Wie Sie leben, wei? ich nicht. Aber Sie leben, wie ich es auch getan habe und wie alle es tun, meistens im Dunkeln und an sich selber vorbei, irgendeinem Zweck, einer Pflicht, einer Absicht nach. Das tun fast alle Menschen, daran ist die ganze Welt krank, daran wird sie auch untergehen. Manchmal aber, beim Tanzen zum Beispiel, geht die Absicht oder Pflicht Ihnen verloren, und Sie leben auf einmal ganz anders. Sie fühlen auf einmal so, als w?ren Sie allein auf der Welt, oder als k?nnten Sie morgen tot sein, und da kommt alles heraus, was Sie wirklich sind. Wenn Sie tanzen, stecken Sie damit sogar andere an. Das ist Ihr Geheimnis."
Sie ging eine Strecke weit rascher. Zu ?u?erst auf einem Vorsprung überm See blieb sie stehen.
?Sie sind sonderbar," sagte sie. ?Manches kann ich verstehen. Aber - was wollen Sie eigentlich von mir?"
Er senkte den Kopf und sah einen Augenblick traurig aus.
?Sie sind es so gewohnt, da? man immer etwas von Ihnen haben will. Teresina, ich will von Ihnen nichts, was nicht Sie selber wollen und gerne tun. Da? ich Sie liebe, kann Ihnen gleichgültig sein. Es ist kein Glück, geliebt zu werden. Jeder Mensch liebt sich selber, und doch qu?len sich Tausende ihr Leben lang. Nein, geliebt werden ist kein Glück. Aber lieben, das ist Glück!"
?Ich würde Ihnen gern irgendeine Freude machen, wenn ich k?nnte," sagte Teresina langsam, wie mitleidig.
?Das k?nnen Sie, wenn Sie mir erlauben, Ihnen irgendeinen Wunsch zu erfüllen."
?Ach, was wissen Sie von meinen Wünschen!"
?Allerdings, Sie sollten keine haben. Sie haben ja den Schlüssel zum Paradies, das ist Ihr Tanz. Aber ich wei?, da? Sie doch Wünsche haben, und das ist mir lieb. Und nun wissen Sie: da ist einer, dem macht es Spa?, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen."
Teresina besann sich. Ihre wachsamen Augen wurden wieder scharf und kühl. Was konnte er von ihr wissen? Da sie nichts fand, begann sie vorsichtig:
?Meine erste Bitte an Sie w?re die, da? Sie aufrichtig sind. Sagen Sie mir, wer Ihnen etwas von mir erz?hlt hat."
?Niemand. Ich habe niemals mit einem Menschen über Sie gesprochen. Was ich wei? - es ist sehr wenig - wei? ich von Ihnen selbst. Ich h?rte Sie gestern sagen, da? Sie sich wünschen, einmal in Castiglione zu spielen."
Ihr Gesicht zuckte.
?Ach so, Sie haben mich belauscht."
?Ja, natürlich. Ich habe Ihren Wunsch verstanden. Weil Sie nicht immer einig mit sich sind, suchen Sie nach Erregung und Bet?ubung."
?O nein, ich bin nicht so romantisch, wie Sie meinen. Ich suche beim Spiel nicht Bet?ubung, sondern einfach Geld. Ich m?chte einmal reich sein oder doch sorgenfrei, ohne mich dafür verkaufen zu müssen. Das ist alles."
?Das klingt so richtig, und doch glaube ich es nicht. Aber wie Sie wollen! Sie wissen ja im Grunde ganz gut, da? Sie sich nie zu verkaufen brauchen. Reden wir nicht davon! Aber wenn Sie Geld haben wollen, sei es nun zum Spielen oder sonst, so nehmen Sie es doch von mir! Ich habe mehr, als ich brauche, glaube ich, und lege keinen Wert darauf."
Teresina zog sich wieder zurück.
?Ich kenne Sie ja kaum. Wie soll ich Geld von Ihnen nehmen?"
Er zog pl?tzlich den Hut, wie von einem Schmerz befallen, und brach ab.
?Was haben Sie?" rief Teresina.
?Nichts, nichts. - Erlauben Sie, da? ich gehe! Wir haben zuviel gesprochen, viel zuviel. Man sollte nie soviel sprechen."
Und da lief er schon, ohne Abschied genommen zu haben, rasch und wie von Verzweiflung hingeweht durch den Baumgang fort. Die T?nzerin sah ihm mit gestauten, uneinigen Empfindungen nach, aufrichtig verwundert über ihn und über sich.
Er aber lief nicht aus Verzweiflung, sondern nur aus unertr?glicher Spannung und Gefülltheit. Es war ihm pl?tzlich unm?glich geworden, noch ein Wort zu sagen, noch ein Wort zu h?ren, er mu?te allein sein, mu?te notwendig allein sein, denken, horchen, sich selber zuh?ren. Das ganze Gespr?ch mit Teresina hatte ihn selbst in Erstaunen gesetzt und überrascht, die Worte waren ohne seinen Willen so gekommen, es hatte ihn wie ein Würgen das heftige Bedürfnis befallen, seine Erlebnisse und Gedanken mitzuteilen, zu formen, auszusprechen, sie sich selber zuzurufen. Er war erstaunt über jedes Wort, das er sich sagen h?rte, aber mehr und mehr fühlte er, wie er sich in etwas hineinredete, was nicht mehr einfach und richtig war, wie er unnützerweise das Unbegreifliche zu erkl?ren versuchte - und mit einemmal war es ihm unertr?glich geworden, er hatte abbrechen müssen.
Jetzt aber, wo er sich der vergangenen Viertelstunde wieder zu erinnern suchte, empfand er dies Erlebnis freudig und dankbar. Es war ein Fortschritt, eine Erl?sung, eine Best?tigung.
Die Zweifelhaftigkeit, in welche die ganze gewohnte Welt für ihn gefallen war, hatte ihn furchtbar ermüdet und gepeinigt. Er hatte das Wunder erlebt, da? das Leben am sinnvollsten wird in den Augenblicken, wo alle Sinne und Bedeutungen uns verloren gehen. Immer wieder aber war ihm der peinliche Zweifel gekommen, ob diese Erlebnisse wirklich wesentlich seien, ob sie mehr seien als kleine zuf?llige Kr?uselungen an der Oberfl?che eines ermüdeten und erkrankten Gemütes, Launen im Grunde, kleine Nervenschwankungen. Jetzt hatte er gesehen, gestern abend und heute, da? sein Erlebnis wirklich war. Es hatte aus ihm gestrahlt und ihn ver?ndert, es hatte einen andern Menschen zu ihm hergezogen. Seine Vereinsamung war durchbrochen, er liebte wieder, es gab jemand, dem er dienen und Freude machen wollte, er konnte wieder l?cheln, wieder lachen!
Die Welle ging durch ihn hin wie Schmerz und wie Wollust, er zuckte vor Gefühl, Leben klang in ihm auf wie eine Brandung, unbegreiflich war alles. Er ri? die Augen auf und sah: B?ume an einer Stra?e, Silberflocken im See, ein rennender Hund, Radfahrer - und alles war sonderbar, m?rchenhaft und beinahe allzu sch?n, alles wie nagelneu aus Gottes Spielzeugschachtel genommen, alles nur für ihn da, für Friedrich Klein, und er selbst nur dazu da, diesen Strom von Wunder und Schmerz und Freude durch sich hinzucken zu fühlen. überall war Sch?nheit, in jedem Dreckhaufen am Weg, überall war tiefes Leiden, überall war Gott. Ja, das war Gott, und so hatte er ihn, vor unausdenklichen Zeiten, als Knabe einst empfunden und mit dem Herzen gesucht, wenn er ?Gott" und ?Allgegenwart" dachte. Herz, brich nicht vor Fülle!
Wieder schossen aus allen vergessenen Sch?chten seines Lebens frei gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unz?hlbare: an Gespr?che, an seine Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte: um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den M?rder Wagner, um Teresina. Stellen aus klassischen Schriftstellern fielen ihm ein und lateinische Sprichw?rter, die ihn als Schüler einst ergriffen hatten, und t?richte sentimentale Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters stand hinter ihm, er erlebte wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles, was je durch Auge und Ohr, durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder Leid in ihn eingegangen und in ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu sein, alles zugleich, aufgerührt und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung, doch voller Sinn, alles wichtig, alles bedeutungsvoll, alles unverloren.
Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von h?chster Wollust nicht zu unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Tr?nen standen ihm in den Augen. Er begriff, da? er nahe am Wahnsinn stehe, und wu?te doch, da? er nicht wahnsinnig werden würde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland des Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzücken wie in die Vergangenheit, wie in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles zauberhaft, wohllaut und voll Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler V?lker der Wahnsinn für heilig galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm, alles war ihm erschlossen. Es gab keine Worte dafür, es war falsch und hoffnungslos, irgend etwas in Worten ausdenken und verstehen zu wollen! Man mu?te nur offenstehen, nur bereit sein: dann konnte jedes Ding, dann konnte in unendlichem Zug wie in eine Arche Noahs die ganze Welt in einen hineingehen, und man besa? sie, verstand sie und war eins mit ihr.
Trauer ergriff ihn. O, wenn alle Menschen dies wü?ten, dies erlebten! Wie wurde drauflos gelebt, drauflos gesündigt, wie blind und ma?los wurde gelitten! Hatte er nicht gestern noch sich über Teresina ge?rgert? Hatte er nicht gestern noch seine Frau geha?t, sie angeklagt und für alles Leid seines Lebens verantwortlich machen wollen? Wie traurig, wie dumm, wie hoffnungslos! Alles war doch so einfach, so gut, so sinnvoll, sobald man es von innen sah, sobald man hinter jedem Ding das Wesen stehen sah, ihn, Gott.
Hier bog ein Weg zu neuen Vorstellungsg?rten und Bilderw?ldern ein. Wendete er sein heutiges Gefühl der Zukunft zu, sprühten hundert Glückstr?ume auf, für ihn und für alle. Sein vergangenes, dumpfes, verdorbenes Leben sollte nicht beklagt, nicht angeklagt, nicht gerichtet werden, sondern erneut und ins Gegenteil verwandelt, voll Sinn, voll Freude, voll Güte, voll Liebe. Die Gnade, die er erlebt, mu?te widerstrahlen und weiter wirken. Bibelsprüche kamen ihm in den Sinn, und alles, was er von begnadeten Frommen und Heiligen wu?te. So hatte es immer begonnen, bei allen. Sie waren denselben harten und finstern Weg geführt worden wie er, feig und voll Angst, bis zur Stunde der Umkehr und Erleuchtung. ?In der Welt habet ihr Angst," hatte Jesus zu seinen Jüngern gesagt. Wer aber die Angst überwunden hatte, der lebte nicht mehr in der Welt, sondern in Gott, im tausendj?hrigen Reich.
So hatten alle gelehrt, alle Weisen der ganzen Welt, Buddha und Schopenhauer, Jesus, die Griechen. Es gab nur eine Weisheit, nur einen Glauben, nur ein Denken: das Wissen von Gott in uns. Wie wurde das in den Schulen, Kirchen, Büchern und Wissenschaften verdreht und falsch gelehrt!
Mit weiten Flügelschl?gen flog Kleins Geist durch die Bezirke seiner innern Welt, seines Wissens, seiner Bildung. Auch hier, wie in seinem ?u?ern Leben, lag Gut um Gut, Schatz um Schatz, Quelle um Quelle, aber jedes für sich, abgesondert, tot und wertlos. Nun aber, mit dem Strahl des Wissens, mit der Erleuchtung, zuckte auch hier pl?tzlich Ordnung, Sinn und Formung durch das Chaos, Sch?pfung begann, Leben und Beziehung sprang von Pol zu Pol. Sprüche entlegenster Kontemplation wurden selbstverst?ndlich, Dunkles wurde hell, und das Einmaleins wurde zum mystischen Bekenntnis. Beseelt und liebeglühend ward auch diese Welt. Die Kunstwerke, die er in jüngeren Jahren geliebt hatte, klangen mit neuem Zauber herauf. Er sah: die r?tselhafte Magie der Kunst ?ffnete sich demselben Schlüssel. Kunst war nichts andres als Betrachtung der Welt im Zustand der Gnade, der Erleuchtung. Kunst war: hinter jedem Ding Gott zeigen.
Flammend schritt der Beseligte durch die Welt, jeder Zweig an jedem Baume hatte teil an einer Ekstase, strebte edler empor, hing inniger herab, war Sinnbild und Offenbarung. Dünne violette Wolkenschatten liefen über den Seespiegel, schaudernd in z?rtlicher Sü?e. Jeder Stein lag bedeutungsvoll neben seinem Schatten. So sch?n, so tief und heilig liebenswert war die Welt noch nie gewesen, oder nie mehr seit den geheimnisvollen, sagenhaften Jahren der ersten Kindheit. ?So ihr nicht werdet wie die Kinder," fiel ihm ein, und er fühlte: ich bin wieder Kind geworden, ich bin ins Himmelreich eingegangen.
Als er Müdigkeit und Hunger zu spüren begann, fand er sich weit von der Stadt. Nun erinnerte er sich, woher er kam, was gewesen war, und da? er ohne Abschied von Teresina weggelaufen war. Im n?chsten Dorf suchte er ein Wirtshaus. Ein kleiner l?ndlicher Weinschank, mit einem eingepflockten Holztisch im G?rtchen unterm Kirschlorbeer, zog ihn an. Er verlangte Essen, man hatte aber nichts als Wein und Brot. Eine Suppe, bat er, oder Eier, oder Schinken. Nein, es gab solche Sachen hier nicht. Niemand a? hier dergleichen bei der teuren Zeit. Er hatte erst mit der Wirtin, dann mit einer Gro?mutter verhandelt, die auf der Steinschwelle der Haustür sa? und W?sche flickte. Nun setzte er sich in den Garten untern tiefschattenden Baum, mit Brot und herbem Rotwein. Im Nachbargarten, unsichtbar hinter Reblaub und aufgeh?ngter W?sche, h?rte er zwei M?dchenstimmen singen. Pl?tzlich fuhr ein Wort des Liedes ihm ins Herz, ohne da? er es doch festhalten konnte. Es kam im n?chsten Vers wieder, es war der Name Teresina. Das Lied, ein Couplet von halb komischer Art, handelte von einer Teresina. Er verstand:
La sua mama a la finestra
Con una voce serpentina:
Vieni a casa, o Teresina,
Lasc' andare quel traditor!
Teresina! Wie liebte er sie! Wie herrlich war es, zu lieben!
Er legte den Kopf auf den Tisch und d?mmerte, schlummerte, ein und erwachte wieder, mehrmals, oftmals. Es war Abend. Die Wirtin kam und stellte sich vor den Tisch, über den Gast verwundert. Er legte Geld hin, erbat noch ein Glas Wein, fragte sie nach jenem Liede. Sie wurde freundlich, brachte den Wein und blieb bei ihm stehen. Er lie? sich das ganze Teresina-Lied vorsagen, und hatte gro?e Freude an dem Vers:
Jo non sono traditore
E ne meno lusinghero,
Jo son' figlio d'un ricco Signore,
Son' venuto per fare l'amor.
Die Wirtin meinte, jetzt k?nnte er eine Suppe haben, sie koche ohnehin für ihren Mann, den sie erwarte.
Er a? Gemüsesuppe und Brot, der Wirt kam heim, an den grauen Steind?chern des Dorfes verglühte die sp?te Sonne. Er fragte nach einem Zimmer, es wurde ihm eines angeboten, eine Kammer mit dicken nackten Steinw?nden. Er nahm es. Noch nie hatte er in einer solchen Kammer geschlafen, sie kam ihm vor wie das Gela? aus einem R?uberdrama. Nun ging er durch das abendliche Dorf, fand einen kleinen Kramladen noch offen, bekam Schokolade zu kaufen und verteilte sie an Kinder, die in Mengen durch die Gasse schw?rmten. Sie liefen ihm nach, Eltern grü?ten ihn, jedermann wünschte ihm gute Nacht, und er gab es zurück, nickte allen den alten und jungen Menschen zu, die auf den Schwellen und Vortreppen der H?user sa?en.
Mit Freude dachte er an seine Kammer im Wirtshaus, an diese primitive, h?hlenhafte Unterkunft, wo der alte Kalk von den grauen Mauern bl?tterte und nichts Unnützes an den nackten W?nden hing, nicht Bild noch Spiegel, nicht Tapete noch Vorhang. Er lief durch das abendliche Dorf wie durch ein Abenteuer, alles war begl?nzt, alles voll geheimer Versprechung.
In die Osteria zurückkehrend, sah er vom leeren und dunkeln Gastzimmer aus Licht in einem Türspalt, ging ihm nach und kam in die Küche. Der Raum erschien ihm wie eine M?rchenh?hle, das wenige dünne Licht flo? über einen roten steinernen Boden und verlief sich, ehe es die W?nde und Decke erreichte, in dichte warme D?mmerung, und von dem ungeheuer und tiefschwarz herabh?ngenden Rauchfang schien eine unersch?pfliche Quelle von Finsternis auszuflie?en.
Die Frau sa? da mit der Gro?mutter, sie sa?en beide gebückt, klein und schwach auf niederen demütigen Schemeln, die H?nde auf den Knien ausruhend. Die Wirtsfrau weinte, niemand kümmerte sich um den Eintretenden. Er setzte sich auf den Rand eines Tisches neben Gemüseresten, ein stumpfes Messer blinkte bleiern auf, im Lichtschein glühte blankes Kupfergeschirr rot an den W?nden. Die Frau weinte, die alte Graue stand ihr bei und murmelte mit ihr in der Mundart, er verstand allm?hlich, da? Hader im Hause und der Mann nach einem Streit wieder fortgegangen war. Er fragte, ob er sie geschlagen habe, bekam aber keine Antwort. Allm?hlich fing er an zu tr?sten. Er sagte, der Mann werde gewi? schon bald wiederkommen. Die Frau sagte scharf: ?Heut nicht und vielleicht auch morgen nicht." Er gab es auf, die Frau setzte sich aufrechter, man sa? schweigend, das Weinen war verstummt. Die Einfachheit des Vorgangs, zu dem keine Worte gemacht wurden, schien ihm wundervoll. Man hatte Streit gehabt, man hatte Schmerz empfangen, man hatte geweint. Jetzt war es vorbei, jetzt sa? man still und wartete. Das Leben würde schon weiter gehen. Wie bei Kindern. Wie bei Tieren. Nur nicht reden, nur nicht das Einfache kompliziert machen, nur nicht die Seele nach au?en drehen.
Klein lud die Gro?mutter ein, Kaffee zu kochen, für sie alle drei. Die Frauen leuchteten auf, die Alte legte sofort Reisig in den Kamin, es knisterte von brechenden Zweigen, von Papier, von aufprasselnder Flamme. Im j?h aufflammenden Feuerschein sah er das Gesicht der Wirtin, von unten her beleuchtet, etwas vergr?mt und doch beruhigt. Sie schaute ins Feuer, zwischenein l?chelte sie, pl?tzlich stand sie auf, ging langsam zum Wasserhahn und wusch sich die H?nde.
Dann sa?en sie alle drei am Küchentisch und tranken den hei?en schwarzen Kaffee, und einen alten Wacholderlik?r dazu. Die Weiber wurden lebendiger, sie erz?hlten und fragten, lachten über Kleins mühsame und fehlerhafte Sprache. Ihm schien, er sei schon sehr lange hier. Wunderlich, was in diesen Tagen alles Platz hatte! Ganze Zeitr?ume und Lebensabschnitte fanden Raum in einem Nachmittag, jede Stunde schien mit Lebensfracht überladen. Sekundenlang zuckte Furcht in ihm wetterleuchtend auf, es k?nnte pl?tzlich Müdigkeit und Verbrauch der Lebenskraft ihn verhundertfacht überfallen und ihn aussaugen, wie Sonne einen Tropfen vom Felsen leckt. In diesen sehr flüchtigen, doch zuweilen wiederkehrenden Augenblicken, in diesem fremden Wetterleuchten sah er sich selbst leben, fühlte und sah in sein Gehirn und sah dort in beschleunigten Schwingungen einen uns?glich komplizierten, zarten, kostbaren Apparat vor tausendfacher Arbeit vibrieren, wie hinter Glas ein h?chst sensibles Uhrwerk, das zu st?ren ein St?ubchen genügt.
Es wurde ihm erz?hlt, da? der Wirt sein Geld in unsichere Gesch?fte stecke, viel au?er Hause sei und da und dort Verh?ltnisse mit Frauen unterhalte. Kinder waren nicht da. W?hrend Klein sich Mühe gab, die italienischen Worte für einfache Fragen und Auskünfte zu finden, arbeitete hinterm Glas das zarte Uhrwerk rastlos in seinem Fieber fort, jeden gelebten Moment sofort in seine Abrechnungen und Abw?gungen einbeziehend.
Zeitig erhob er sich, um schlafen zu gehen. Er gab den beiden Frauen die Hand, der alten und der jungen, die ihn durchdringend ansah, w?hrend die Gro?mutter mit dem G?hnen k?mpfte. Dann tastete er sich die dunkle Steintreppe hinauf, erstaunlich hohe Riesenstufen, in seine Kammer. Dort fand er Wasser in einem Tonkrug bereit, wusch sich das Gesicht, vermi?te einen Augenblick Seife, Hausschuhe, Nachthemd, lag noch eine Viertelstunde im Fenster, auf das granitne Gesimse gestützt, zog sich dann vollends aus und legte sich in das harte Bett, dessen grobe Leinwand ihn entzückte und einen Schwall von holden l?ndlichen Vorstellungen weckte. War es nicht das einzig Richtige, stets so zu leben, in einem Raum aus vier Steinw?nden, ohne den l?cherlichen Kram der Tapeten, des Schmucks, der vielen M?bel, ohne all das übertriebene und im Grund barbarische Zubeh?r? Ein Dach überm Kopf, gegen den Regen, eine einfache Decke um sich, gegen die K?lte, etwas Brot und Wein oder Milch, gegen den Hunger, morgens die Sonne zum Wecken, abends die D?mmerung zum Einschlafen - brauchte der Mensch mehr?
Aber kaum hatte er das Licht gel?scht, so war Haus und Kammer und Dorf in ihm versunken. Er stand wieder am See bei Teresina und sprach mit ihr, konnte sich des heutigen Gespr?ches nur mit Mühe erinnern und wurde zweifelhaft, was er ihr eigentlich gesagt habe, ja ob nicht das ganze Gespr?ch nur ein Traum und Phantom von ihm gewesen sei. Die Dunkelheit tat ihm wohl - wei? Gott, wo er morgen aufwachen würde?
Ein Ger?usch an der Tür weckte ihn. Leise wurde die Klinke gedreht, ein Faden dünnen Lichtes sank herein und z?gerte im Spalt. Verwundert und doch im Augenblick wissend, blickte er hinüber, noch nicht in der Gegenwart. Da ging die Türe auf, mit einem Licht in der Hand stand die Wirtsfrau, barfu?, lautlos. Sie blickte zu ihm her, durchdringend, und er l?chelte und streckte die Arme aus, tief erstaunt, gedankenlos. Da war sie schon bei ihm, und ihr dunkles Haar lag neben ihm auf dem rauhen Kissen.
Sie sprachen kein Wort. Von ihrem Ku? entzündet, zog er sie an sich. Die pl?tzliche N?he und W?rme eines Menschen an seiner Brust, der fremde starke Arm um seinen Nacken erschütterte ihn seltsam - wie war diese W?rme ihm unbekannt, wie fremd, wie schmerzlich neu war ihm diese W?rme und N?he - wie war er allein gewesen, wie sehr allein, wie lang allein! Abgründe und Flammenh?llen hatten zwischen ihm und aller Welt geklafft - und nun war da ein fremder Mensch gekommen, in wortlosem Vertrauen und Trostbedürfnis, eine arme, vernachl?ssigte Frau, so wie er selbst jahrelang ein vernachl?ssigter und verschüchterter Mann gewesen war, und hing an seinem Hals und gab und nahm und sog mit Gier den Tropfen Wonne aus dem kargen Leben, suchte trunken und doch schüchtern seinen Mund, spielte mit traurig z?rtlichen Fingern in den seinen, rieb ihre Wange an seiner. Er richtete sich über ihrem blassen Gesichte auf und kü?te sie auf beide geschlossene Augen, und dachte: Sie glaubt zu nehmen und wei? nicht, da? sie gibt, sie flüchtet ihre Vereinsamung zu mir und ahnt die meine nicht! Erst jetzt sah er sie, neben der er den ganzen Abend blind gesessen hatte, sah, da? sie lange, schlanke H?nde und Finger hatte, hübsche Schultern und ein Gesicht voll von Schicksalsangst und blindem Kinderdurst, und ein halb ?ngstliches Wissen um kleine, holde Wege und übungen der Z?rtlichkeit.
Er sah auch und wurde traurig darüber, da? er selbst in der Liebe ein Knabe und Anf?nger geblieben war, in langer, lauer Ehe resigniert, schüchtern und doch ohne Unschuld, begehrlich und doch voll von schlechtem Gewissen. Noch w?hrend er mit durstigen Küssen an Mund und Brust des Weibes hing, noch w?hrend er ihre Hand z?rtlich und fast mütterlich auf seinen Haaren fühlte, empfand er im voraus Entt?uschung und Druck im Herzen, er fühlte das Schlimme wiederkommen: die Angst, und es durchflo? ihn schneidend kalt die Ahnung und Furcht, da? er tief in seinem Wesen nicht zur Liebe f?hig sei, da? Liebe ihm nur Qual und b?sen Zauber bringen k?nne. Noch ehe der kurze Sturm der Wollust vertobt war, schlug in seiner Seele Bangigkeit und Mi?trauen das b?se Auge auf, Widerwille dagegen, da? er genommen worden sei statt selbst zu nehmen und zu erobern, und Vorgefühl von Ekel.
Lautlos war die Frau wieder davongeschlüpft, samt ihrem Kerzenlicht. Im Dunkeln lag Klein, und es kam mitten in der S?ttigung der Augenblick, den er schon vorher, schon vor Stunden in so viel ahnenden wetterleuchtenden Sekunden gefürchtet, der schlimme Augenblick, wo die überreiche Musik seines neuen Lebens in ihm nur noch müde und verstimmte Saiten fand und tausend Lustgefühle pl?tzlich mit Müdigkeit und Angst bezahlt werden mu?ten. Mit Herzklopfen fühlte er alle Feinde auf der Lauer liegen, Schlaflosigkeit, Depression und Alpdruck. Das rauhe Linnen brannte an seiner Haut, bleich sah die Nacht durchs Fenster. Unm?glich, hier zu bleiben und wehrlos den kommenden Qualen standzuhalten! Ach, es kam wieder, die Schuld und Angst kam wieder und die Traurigkeit und die Verzweiflung! Alles überwundene, alles Vergangene kam wieder. Es gab keine Erl?sung.
Hastig kleidete er sich an, ohne Licht, suchte vor der Tür seine staubigen Stiefel, schlich hinab und aus dem Hause und lief, auf müden, einsinkenden Beinen, verzweifelt durch Dorf und Nacht davon, von sich selbst verh?hnt, von sich selbst verfolgt, von sich selbst geha?t.