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Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

Author: : Friedrich Gerstacker
Genre: Literature
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Chapter 1 1

Der Commerzienrath.

* * *

In einem gemüthlichen St?dtchen Baierns - und alle St?dte und St?dtchen Deutschlands sollten eigentlich den Gesetzen nach gemüthlich sein - lebte still und zurückgezogen der Held unserer Geschichte.

Herr Hieronymus Mahlhuber war ein anspruchloser Mann, der sich schon seit l?nger als funfzehn Jahren mit dem Titel eines Commerzienraths und im Besitze eines Ludwigskreuzes nach Gidelsbach zurückgezogen hatte und hier mit einer alten Haush?lterin still und ruhig seine Tage verlebte. Was er einmal früher gethan, den Titel wie den Orden zu bekommen, hat man nie erfahren. Manche, und besonders die ?u?erste Linke in Gidelsbach (der Müller und der Bader), wollten behaupten, er h?tte Beides bekommen, weil er nichts gethan, aber da sich das nicht denken lie?, so fand es auch keinen Eingang bei dem denkenden Theile der Bürgerschaft. Die Einwohner von Gidelsbach sahen den kleinen wohlbeleibten ?ltlichen Herrn sogar mit einer soviel gr??ern Ehrfurcht und Achtung an, weil eben über seinen Verdiensten ein gewisses geheimni?volles Dunkel lag, und zu diesen geh?rte jedenfalls und unbestritten, da? er nur selten davon sprach.

Von etwas sprach er aber, das übrigens auch ein besonderes Interesse für ihn haben mochte, da es ihm am n?chsten stand, und das war seine Leber, die er, ob gegründet oder ungegründet, in den Verdacht gebracht hatte, da? sie drei Zoll zu gro? sei und in ihrer Anschwellung darauf hinarbeite ihm den Magen abzusto?en.

Die beiden Aerzte im St?dtchen waren darüber, wie sich das auch nicht anders erwarten lie?, durchaus entgegengesetzter Meinung, wodurch der eine, der eine derartige Krankheit vollkommen ableugnete und das Leiden zuerst als eine Indigestion und nachher für alberne Einbildung erkl?rte, einen sehr guten Kunden verlor, und der andere, der durch Klopfen und Horchen an Brusth?hle, Rippen, Schultern und allen andern K?rpertheilen des Commerzienraths allerdings einige jedenfalls zu berücksichtigende und bedenkliche Symptome einer m?glichen rothen oder gelben Hypertrophie oder einer speckartigen Entartung der Leber gefunden haben wollte, ihn gewann.

Herr Commerzienrath Mahlhuber war sehr besorgt um sein Leben im Allgemeinen wie um seine Leber im Besondern, und das mu? ihn entschuldigen, wenn er mit dieser angeblichen unnatürlichen Vergr??erung derselben auch eine früher gehabte, leicht und glücklich operirte Balggeschwulst oben auf dem Kopfe in Verbindung brachte. Er hatte eine natürliche Scheu vor allen derartigen Dingen, und die sonst ganz unschuldige Geschwulst war ihm als das Entsetzlichste erschienen, was sich an dem menschlichen K?rper nur überhaupt bilden konnte, da es, in unmittelbarer N?he mit dem Gehirn, in seinen Folgen unberechenbar sein mu?te.

Bei weiter gar keiner Besch?ftigung als eben nur der, sein ihm ?u?erst kostbares Leben zu erhalten, malte er sich die Entwickelung solcher Leiden mit den lebendigsten Farben aus, und war endlich zu dem Resultat gekommen, da? eine Vereinigung der Balggeschwulst-Nerven mit der Leber keineswegs zu den Unm?glichkeiten geh?re, ja da? oben sogar auf dem Kopfe, trotz der vollkommen geheilten Narbe, ein ?hnlicher Schaden wieder ausbrechen und krebsartige Folgen mit sich führen k?nne.

Doctor Mittelweile that sein M?glichstes, ihm derartige Ideen auszureden und ihm zu beweisen, da? er ebenso leicht einen Krebs an der ?u?ersten Nasenspitze wie an der vernarbten und vollkommen geheilten und von ihm selbst operirten Geschwulst erwarten dürfe; Doctor M?rzhammer aber, sein früherer Arzt, machte sich ein Vergnügen daraus unter der Hand, wo er wu?te, da? es dem Commerzienrath zu Ohren kommen mu?te, zu verbreiten, ?die Naht k?nnte im Innern noch einmal eitern".

Doctor Mittelweile, der vergebens gegen solchen Unsinn ank?mpfte und t?glich die alten Geschichten und Klagen mit dem vollkommen gesunden Manne durchzuarbeiten hatte, wu?te endlich keinen andern Rath als ihn auf Reisen zu schicken, weniger in ein bestimmtes Bad zu gehen, als nur einmal einen Monat in der Welt umherzufahren. Sein Patient brauchte Zerstreuung, und die konnte er in dem mit der Welt in fast gar keiner Verbindung stehenden Gidelsbach nimmermehr finden. Er war hier versauert und eingetrocknet und mu?te hinaus an die frische Luft. Auch für die Leber prophezeite er ihm dabei die segensreichsten Folgen, da nichts ein unnatürliches Wachsen der Leber, wie man das ja auch an den G?nsen sehe, so bef?rdere, wie Unth?tigkeit und gehemmte Bewegung.

Doctor Mittelweile hatte nun aber mit einer andern Schwierigkeit zu k?mpfen, mit dem vor allem die Ruhe liebenden Temperament des Patienten. ?Nur keine Aufregung! - nur keine Uebereilung!" wurden seine Wahlsprüche, und wenn er irgendetwas auf der Welt, au?er Demokraten, ha?te, so waren es Abenteuer, zu denen er selbst die unschuldigsten F?lle rechnete, sobald sie ihn nur aus dem gew?hnlichen Gleise seines stillen behaglichen Lebens hinausbrachten. Mu?te er da nicht eine Reise als eine Kette von Abenteuern betrachten, und h?tte er sich je selber freiwillig dazu entschlie?en k?nnen? - Nimmermehr.

Es gab nur Einen Gegenstand - wie Doctor Mittelweile recht gut wu?te - in der weiten Gotteswelt, der ihn endlich wirklich zu einem solchen verzweifelten Entschlusse treiben konnte, und der war - eben die Leber. Hinter diese steckte sich der Doctor, und die Symptome wurden denn auch bald so bedenklicher Art, da? der Commerzienrath in seinem ?baumfesten" Entschlusse, wie er ihn nannte, wirklich wankend gemacht wurde und die M?glichkeit zuzugeben anfing, da? er doch am Ende reisen k?nne.

?Es gibt nur zwei Wege für Sie", hatte der Doctor, dem die Geschichte nachgerade anfing langweilig zu werden, am Ende einer langen Rede einmal zu ihm gesagt. ?Sie müssen sich in einen Wagen setzen, oder Sie werden in einen gesetzt, oder vielmehr gelegt nach unsern jetzigen christlichen Begriffen. Au?erdem wei? ich noch nicht einmal ob das allein für Sie hinreichend sein wird, denn das dumme Zeug, was Sie sich von der ?umwundenen Naht? haben in den Kopf setzen lassen (und ich kann mir recht gut denken woher es kommt), wird auch die Reise nicht ganz mit der Wurzel ausrotten, dazu geh?rt schon eine Radicalcur."

?Noch etwas Schlimmeres als eine Reise?"

?Schlimmeres? - ja und nein, wie Sie wollen."

?Und das w?re?"

?Sie müssen heirathen."

?Heirathen?" rief der Commerzienrath, mit einem Satze aus seinem Lehnstuhl hinausspringend und einen scheuen Blick nach der Thür werfend. Wenn Dorothee das Wort geh?rt h?tte!

?Heirathen", best?tigte aber der Doctor, der selbst zum ersten male an einen solchen Ausweg gedacht und nun that, als ob er sich das Für und Wider schon monatelang mit allen Gründen und Hindernissen überlegt und die Er?ffnung nicht l?nger auf dem Herzen h?tte behalten k?nnen. ?Heirathen", wiederholte er noch einmal, und nahm eine langsame bed?chtige Prise. ?Und je eher Sie sich dazu entschlie?en, desto besser für Sie. Viel Zeit haben sie überhaupt nicht mehr damit."

?Unsinn!" sagte der Commerzienrath, der sich von dem ersten Schreck erholt hatte, und wieder in seinen Stuhl sank, ?heirathen? Fragen Sie einmal meine Dorothee, was die dazu sagen würde."

?Dorothee?" rief der Doctor unwillig und ver?chtlich mit dem Kopfe schüttelnd, ?Dorothee! - Was geht uns Ihre Dorothee an, wenn es sich um Ihre lebensl?ngliche Behaglichkeit und Gesundheit handelt?"

?Behaglichkeit? - Ja das kann ich mir denken", sagte der Commerzienrath. ?Da? ich die H?lle im Hause h?tte? - Nein, Doctor, meine Leber will ich Ihnen anvertrauen, aber meinen Hausfrieden nicht. Wenn es denn nun einmal nicht anders sein kann, so will ich reisen - meinetwegen; ich gehe so und so zugrunde; aber wie? - wohin? - womit? - wie weit?"

?Sie müssen vor allen Dingen fahren", sagte der Doctor rasch, und klug genug, sein zweites Mittel für den Augenblick nicht mit Gewalt erpressen zu wollen. ?Zeit bricht Rosen, und wenn Sie sich hier morgen früh auf die Post setzen, k?nnen Sie übermorgen mit dem Sechs-Uhr-Zuge die Wahl zwischen den Weltgegenden haben, die Sie besuchen wollen."

?Eisenbahnen!" seufzte der Commerzienrath. ?Ich kenne kein unbehaglicheres Gefühl auf der Welt, eine Operation ausgenommen, als sich auf eine Eisenbahn zu setzen. Die unerwarteten F?lle, die da vorkommen: Zusammenrennen der Locomotiven, Platzen der Kessel, Einschneien der Züge -"

?Wir sind ja mitten im Sommer."

?Nun ja, aber alle derartigen Aufregungen, die junge leichtsinnige Menschenbilder Abenteuer nennen, sind mir in innerster Seele verha?t, und wenn Sie sich dadurch eine Heilung meiner Krankheit versprechen, haben Sie vorbeigeschossen. Ich fürchte diese werden meinen Zustand eher, wenn das überhaupt m?glich ist, verschlimmern."

?Lieber Commerzienrath", beruhigte ihn der Doctor, ?Sie haben in unserer Zeit auf einer Eisenbahn nicht mehr Abenteuer zu fürchten wie oben auf dem Kanzleigericht; es geht Alles seine trockene, eingefahrene, pedantische Bahn. Wenn Sie den Zug nicht vers?umen, brauchen Sie nicht zu glauben, da? Ihnen irgendetwas Au?ergew?hnliches passirt."

?Also morgen!" st?hnte der Commerzienrath, und

?Gott sei Dank!" sagte Doctor Mittelweile mit einem tiefen Seufzer, als er die Treppe hinabstieg; ?haben wir ihn doch erst einmal so weit."

* * *

Chapter 2 2

Die Vorbereitungen zur Reise.

* * *

Der Tag war ein gesch?ftsreicher im Mahlhuber'schen Hause, denn es galt einen Menschen zur Reise herzurichten, der die Welt, wie diese von ihm nichts wu?te, fast ganz vergessen hatte und von seinen Bequemlichkeiten, die er alle hinter sich lassen sollte, so unzertrennlich zu sein schien, da? sie ihm ebenso viele nothwendige und fast unerla?liche Bedürfnisse geworden waren.

Frau Dorothee, die sechsundfunfzigj?hrige Haush?lterin, wollte sich aber fast noch weniger hineinfinden als ihr Herr; sie schimpfte auf den Doctor, der, wenn er Ferien haben wollte, selber verreisen und nicht ihren armen Herrn ?in Wind und Wetter" hinausschicken sollte, und weigerte sich im Anfange hartn?ckig, auch nur einen Finger zu rühren, ihn ?in sein Unglück" selber mit hineinsto?en zu helfen. Erst als sie sah, da? all ihr Protestiren erfolglos blieb, erkl?rte sie pl?tzlich: ?in dem Falle sei es ihre Pflicht" selber mitzufahren, den armen Herrn nicht ohne eine zuverl?ssige Stütze den Weltstürmen preiszugeben, und als auch das nicht angenommen wurde, wollte sie wenigstens einen Bedienten durchsetzen, den sie als unausweichbare Bedingung ihrer Einwilligung zu einem so tollkühnen, ungerechtfertigten Unternehmen stellte.

Dieser Bediente war ein Vetter von ihr, den sie auch ohne weiteres bestellte, um gleich beim Packen hülfreiche Hand zu leisten. Aber selbst der Vetter fand keine Gnade vor des Commerzienraths Augen. Herr Mahlhuber war nun einmal fest entschlossen allein zu reisen, und - hatte dabei auch seine ganz besondern Gründe. Sollte er sich einen Menschen aufh?ngen, der nachher jede Bewegung, die er da drau?en gemacht, jede Ungeschicklichkeit in den fremden Sitten (und er war klug genug solche zu fürchten) genau und ausführlich mit nach Gidelsbach zurückbrachte und den Leuten in der Schenke Stoff zum Lachen und Maulaufrei?en gab? Nein, er wollte sich still in einen Postwagen setzen und fahren, wohin? blieb sich gleich, ja, wenn es unbemerkt geschehen konnte, vielleicht eine zeitlang herüber und hinüber, von Station zu Station, um nur nicht zu weit fortzukommen; doch das fand sich Alles sp?ter und er konnte darüber schalten und walten wie es ihm gut dünkte - wenn er nur allein war.

Auch incognito wollte er reisen. - Mahlhuber! Der Name ging schon, es gab verschiedene Mahlhuber, in Gidelsbach sowol wie in der Umgegend, aber den Commerzienrath mu?te er verheimlichen. Schlechtweg Mahlhuber, mit dem Ludwigskreuz jedoch, denn das durfte er nicht aus dem Knopfloch lassen, es h?tte das als eine Misachtung angesehen werden k?nnen; aber er trug es am Frack und den Oberrock darüberhin, soda? es wenigstens nicht unn?thig auffiel.

Eine Schwierigkeit zeigte sich aber doch noch. Der Commerzienrath hatte Dorothee's wie ihres Vetters Begleitung parirt, wie überhaupt in der ganzen Verhandlung eine sonst nicht so stark an ihm hervortretende Willensfestigkeit gezeigt; Eins aber trug die wackere und um ihren Herrn wirklich besorgte Wirthschafterin noch auf dem Herzen, auf dem sie bestand und gegen das Herr Mahlhuber vergebens ank?mpfte. Dieser sollte n?mlich, seiner gr??ern Sicherheit wegen, ein paar alte Pistolen, die bisjetzt friedlich, jeden Sonnabend sauber abgescheuert, über seinem Bette gehangen hatten, mit auf die Reise nehmen, etwaigen Gefahren und Abenteuern, die gar nicht ausbleiben k?nnten, zu begegnen, und all sein Str?uben dagegen und Aergerlichwerden half ihm nichts. Vergebens erkl?rte er Dorothee, da? er keinen Fu? vor die Thür setzen würde, sobald er die geringste Ahnung von einem in jetziger Art zu reisen ganz unm?glichen Abenteuer habe, und R?uber g?be es nicht mehr, dank der wohlthuenden Menge von Gendarmen und Polizeidienern überall, wohin ein ruhiger Staatsbürger seine Bahn lenken m?ge; wozu also sich mit einer h?chst unbequemen Waffe schleppen, die, wenn nicht geladen, vollkommen nutzlos und beschwerlich, wenn aber geladen, sogar für den Tr?ger selber gef?hrlich werden k?nnte? Dorothee gab nicht nach; sie hatte erst kürzlich eine furchtbare Geschichte gelesen, da? ein Reisender durch einen rechtzeitigen Pistolenschu? sein eigenes Leben wie das seiner Reisegef?hrtin, eines jungen unschuldigen M?dchens, gerettet habe, und versicherte sich Alles gefallen lassen zu wollen, wenn der Herr Commerzienrath nur eben in der einen Sache nachgeben würde.

Beide kamen zuletzt zu einem Compromi?, wonach sich der Commerzienrath Mahlhuber erbot und verpflichtete, ein Pistol - das andere sollte unangefochten an der Wand h?ngen bleiben - ungeladen in die Tasche zu stecken und mitzunehmen. Er wollte es erst in den Koffer thun, und Dorothee wollte es geladen haben; zuletzt vereinigten sie sich zu der angegebenen Art, und die Sache schien abgemacht.

Wenn aber der Commerzienrath die Sache solcherart für erledigt hielt, hatte Dorothee doch eine andere Ansicht davon und nicht umsonst ihren Vetter bei der Hand, den geliebten Herrn, selbst gegen seinen Willen, mit jeder n?thigen Vorsicht zu schützen und zu bewahren. Balthasar bekam, mit zwei und einem halben Silbergroschen eine ordentliche Ladung Pulver und Blei zu besorgen, das Pistol überliefert und kehrte nach einer Viertelstunde etwa v?llig befriedigt damit zurück.

?Und hast du es wirklich ordentlich geladen, da? es auch losgeht, wenn das schlechte Gesindel den Wagen anhalten sollte?" sagte Dorothee und besah mistrauisch den Lauf der kleinen blankpolirten Waffe.

?S'ist eine kleine Handvoll Pulver d'rin", versicherte der Bursche, ?und eine kleine Untertasse voll Schroot - wer das auf den Pelz kriegt, kann sich gratuliren."

?Aber da oben ging immer noch etwas hinein", sagte die Alte, mistrauisch den kurzen, nicht ganz gefüllten Lauf betrachtend, halb und halb mit dem Verdacht, da? der Vetter die zwei und einen halben Silbergroschen nicht ganz verwandt haben k?nnte für die Ladung.

?Wenn's zu weit nach vorn k?me, s?he er's", sagte der Vetter, und Dorothee begriff da? er Recht h?tte. Das Pistol, ein altes Familienstück und noch mit Feuerschlo?, wurde dann vorsichtig wieder an seine Stelle neben den Regenschirm, den Stock und das Sitzkissen gelegt, und die würdige Frau fühlte sich jetzt wohl und beruhigt in dem Gedanken, Alles gethan zu haben, was in ihren Kr?ften stand, sich sp?ter keine Vorwürfe und Gewissensbisse machen zu dürfen.

Da übrigens der Herr Commerzienrath nur h?chstens 14 Tage auszubleiben gedachte, hielt man auch drei Koffer mit Hutschachtel und Reisesack für v?llig genügend, alle die nothwendigsten Gegenst?nde wenigstens mitzuführen, die nun einmal unbedingt zu Leben und anst?ndiger Kleidung geh?rten. Um 10 Uhr Abends, bis zu welcher Zeit er jedesmal zu Bette ging, mochte er sich befinden wo er wollte, war Alles beendet, am n?chsten Morgen 11 Uhr mit der k?niglichen Eilpost für so und soviel Thaler Fahrgebühren und etwa das Dreifache an Ueberfracht nach Burgkundstadt bef?rdert zu werden, von wo er sich entschlossen hatte die Eisenbahn zu benutzen, um nach München zu gelangen.

Nun war die Post dazu bestimmt, sich am n?chsten Morgen dem ersten Zuge nach der Hauptstadt des Landes anzuschlie?en, aber Herr Mahlhuber h?tte dann die Nacht durch fahren müssen, etwas was ihm nicht im Traume einfiel; er wollte seine Gesundheit nicht muthwillig zum Fenster hinauswerfen. So sich genau erkundigend, welche Station der Postwagen etwa um 9 Uhr Abends erreichen würde, dort ein geh?riges Abendbrot zu bekommen und zu übernachten, nahm er bis dorthin Passage, und als der Eilwagen von - kommend, zehn Minuten vor elf etwa unter dem schmetternden ?Ei du lieber Augustin" des Postillons durch Gidelsbach rasselte, die Pferde zu wechseln und etwaigen Passagieren Gelegenheit zu geben eine Tasse sehr dünne Bouillon zu trinken, ging Herr Commerzienrath Mahlhuber, von seinem ganzen Gesinde wie der n?chsten Nachbarschaft und einigen Neugierigen begleitet, auf die Post, wo er schon seinen Schein gel?st, sein Gep?ck abgeliefert hatte, und setzte sich auf seine Nummer, die linke Ecke des Rücksitzes, Nr. 2, neben eine etwas stattliche und wohleingepackte Dame mit grünseidenem Hute und schwarzem Schleier. Gleich darauf nahm noch ein anderer, trotz des warmen Wetters in einen gro?en wollenen Shawl eingepackter Herr den dritten Platz in der rückw?rtsfahrenden Ecke ein, den übrigen Theil mit Nr. 4 und 6 für die diversen Hutschachteln, K?stchen, Bündel und Necessaires der Dame freilassend, die hier Alles aufgeh?uft und in Besitz genommen hatte.

* * *

Chapter 3 3

Erstes Abenteuer.

* * *

Der Abschied war genommen, der Commerzienrath hatte sich aber schon vorher ernstlich von Dorothee sowol wie von seinen ihn begleitenden Bekannten den Titel verbeten, und Herr Mahlhuber, wie er jetzt schlechtweg hie?, war eben noch einmal im Wagen aufgestanden, sein Rücken- oder Sitzkissen anders zu ordnen, als die Peitsche des Postillons mit kr?ftigem Schwunge die eingespannten Pferde traf und diese so rasch und pl?tzlich anzogen, da? sich der darauf ganz Unvorbereitete mit einem Schwung und Wurf auf den Schoos des Fremden setzte.

?Bitte tausend mal um Entschuldigung!" rief er, so rasch ihm das m?glich war wiederaufschnellend den eigenen Sitz einzunehmen und eine verbindliche Verbeugung gegen den Fremden machend, die beinahe für die Dame verderblich geworden w?re - ?ich dachte gar nicht, da? wir so schnell abfahren würden; es kann kaum 11 Uhr sein."

Der Fremde erwiderte kein Wort; er hatte erst die Brauen finster zusammengezogen, aber ein Blick auf den Mann selber mochte ihm wol sagen, mit wem er es hier eigentlich zu thun habe. So sein Gesicht nun wieder in die frühern ruhigen Falten legend, sah er still und ernst gerade auf die ihm gegenüberbefindliche Nr. 2, als ob der Herr Commerzienrath gar nicht in der Welt gewesen w?re.

?Setzen Sie sich nur um Gotteswillen erst einmal hin", sagte die Dame, die indessen die Hand schützend vorgehalten hatte und jeden Augenblick einen ?hnlichen Ueberfall wie auf den Fremden erwartet zu haben schien, ?meine Nerven sind so schon so aufgeregt und angegriffen."

Herr Mahlhuber drehte sich rasch nach der sch?nen Sprecherin um, und diesmal brachte ihn das Stra?enpflaster mit einem pl?tzlichen Ruck gerade und glücklicherweise in seinen eigenen Sitz; das furchtbare Rasseln und Schütteln des Wagens unterbrach oder verhinderte dabei vielmehr auch jede nur m?gliche Unterhaltung. Es lie? sich kein Wort verstehen und die Passagiere drückten sich schweigend in ihre verschiedenen Ecken und sahen die niedern H?user von Gidelsbach, der Commerzienrath mit einem eigenen Gefühle stiller Wehmuth, die andern Beiden vollkommen gleichgültig, an sich vorübergleiten.

?Ach dürfte ich Sie wol bitten, das Fenster dort an Ihrer Seite aufzuziehen", brach die Dame endlich das Stillschweigen, als sie die letzten H?user von Gidelsbach hinter sich gelassen und die Luft frei und frisch über die blühenden Saatfelder herüberstrich, ?ich leide so sehr an Z?hnen und fürchte, da? mir der Luftzug schaden k?nnte."

Der Fremde gegenüber rührte und regte sich nicht, und der Commerzienrath sah erst die Dame und dann sein vis-à-vis etwas bestürzt an; er hatte die stille Hoffnung gehegt die Erlaubni? zu bekommen, eine gidelsbacher Cigarre anzuzünden, und wenn das Fenster, die wundervolle warme Luft drau?en gar nicht in Betracht gezogen, geschlossen wurde, war daran nicht mehr zu denken.

?Wollen Sie nicht so gut sein und das Fenster da bei sich zumachen", sagte die Dame wieder, ohne ihm lange Zeit zum Ueberlegen zu gestatten, mit etwas lauterer Stimme, als ob sie fürchte, da? er am Ende schwer h?re, ?ich kann die Luft nicht vertragen."

?Aber, Madame, bei diesem wundervollen Wetter", wagte der Commerzienrath eine oberfl?chliche Bemerkung, die ihm jedoch nichts half, denn die Dame, von etwas resolutem Charakter und wahrscheinlich schon mehrfach auf Reisen gewesen, stand einfach auf, bog sich über ihren etwas scheu zurückweichenden Nachbar hinweg, stützte sich mit der linken Hand gegen den Fensterrahmen und zog die Scheibe selber in die H?he. Es war Herrn Mahlhuber dabei fast so als ob sie etwas vor sich hingemurmelt h?tte, was gerade nicht wie ein Segen klang, er konnte es aber nicht genau verstehen und war auch wirklich durch die entschiedene Bewegung viel zu sehr überrascht, recht darauf zu achten.

Jede m?glich gewesene Unterhaltung schien dadurch wieder ins Stocken zu gerathen, und w?hrend der Mann ihm gegenüber - muthma?licherweise ein Engl?nder - stumm zu sein schien, zog die Dame aus einem gro?en, inwendig mit grünem Wachstaffet gefütterten Kober eine Anzahl Victualien, gestrichene Semmeln, Wurst, K?se und gebratenes Huhn, heraus und begann ihre Mittagsmahlzeit, auf der n?chsten Station wahrscheinlich die Table d'H?te, wozu der Conducteur gew?hnlich zehn Minuten Zeit gestattete, zu ersparen.

Der Commerzienrath fügte sich in sein Schicksal, rückte sich zurecht, lehnte den Kopf hinten an, entschuldigte sich bei seinem vis-à-vis, von dem er wieder keine Antwort bekam, wenn ihn vielleicht seine Fü?e geniren sollten, faltete die H?nde im Schoos, schlo? die Augen und versuchte einzuschlafen, was er auch glücklich in demselben Augenblick zustande brachte, als der Postillon blies, der Wagen anhielt, der Conducteur den Schlag aufmachte und hereinrief, da? hier Mittag gemacht würde und die Passagiere ?gef?lligst aussteigen m?chten".

Der Fremde stand ohne weiteres auf, dem Rufe Folge zu leisten - es konnte doch am Ende kein Engl?nder sein, denn er schien das Deutsche vollkommen gut verstanden zu haben - trat dem Commerzienrath auf die Hühneraugen ohne sich zu entschuldigen - es war doch am Ende einer, - und verlie? den Wagen, sein Mittagsmahl einzunehmen, w?hrend sich die Dame, als der Commerzienrath noch unentschlossen stand, was zu thun, den Wagenschlag wieder zumachen lie?, der gefürchteten Zahnschmerzen wegen. Bis er sich besonnen hatte vergingen mehre Minuten, und wie er zuletzt doch noch einmal ?ffnen lie? und hineinging, behielt er dort eben noch Zeit seine Table d'H?te mit einem halben Thaler zu bezahlen und zu finden, da? die Suppe zu hei? zum Essen sei, als der Postillon auch schon wieder zum Aufbruch blies und der Conducteur mit einem ?Es ist die h?chste Zeit, meine Herren" die Thür aufri?.

?Nach Tisch", wie es Herr Mahlhuber jetzt nannte, war er gewohnt sein Schl?fchen zu halten, und wenn er auch um das Essen selber gekommen, erschien ihm das nicht als genügender Grund sich auch um den Schlaf zu bringen. So alle seine frühern Vorbereitungen wiederholend, gelang es ihm diesmal wirklich seine Wagenecke zu behaupten, und erst die Sonne, die schr?g durch das Wagenfenster herein und ihm gerade auf die Augen schien, weckte ihn wieder aus seinem sü?en Schlummer, dem er sich wol zwei volle Stunden lang hingegeben.

?Ach dürfte ich Sie wol bitten das Fenster da in die H?he zu ziehen?" waren die ersten Laute, die an sein noch traumt?nendes Ohr schlugen, als er erwachte, und als er etwas erstaunt um sich schaute - denn er hatte bis dahin steif und fest geglaubt, er liege zu Hause auf dem Sopha, und wunderte sich, welches Fenster Dorothee in die H?he gezogen haben wollte -, stie? ihn seine sch?ne Nachbarin leise an und setzte flüsternd hinzu: ?Der Herr da drüben mu? taub sein oder kein Deutsch verstehen, denn nicht allein, da? er sich weder rührt noch regt, wenn ich ihn um etwas bitte, nein er zieht auch das Fenster jedesmal ebenso schnell wieder herunter, wie ich es in die H?he bekommen kann - er nimmt nicht die mindeste Rücksicht auf meine Nerven."

?Der Barbar!" sagte der Commerzienrath, w?hrend er seufzend ihre Bitte erfüllte, er durfte sich doch nicht in eine Kategorie mit einem solchen Menschen stellen lassen. Durch diesen kurzen Wortwechsel waren aber auch die Schranken gefallen, die sich bis dahin einer Conversation hemmend in den Weg gestellt zu haben schienen. Herr Mahlhuber schielte nach seiner Nachbarin hinüber, die den Schleier jetzt in die H?he gelegt, und wenn auch nicht mehr ganz junge, doch regelm??ige, fast hübsche Züge hatte, und sagte mit einem etwas bedenklichen Kopfschütteln (der andere Passagier schlief gerade oder hielt wenigstens die Augen geschlossen, und er konnte eine solche Bemerkung vielleicht wagen): ?Ja, das Reisen ist mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden."

?Ih nun, das wei? ich gerade nicht", erwiderte die sch?ne Nachbarin, ihr Tuch wieder von der Backe nehmend, sobald das Fenster befestigt war, ?ich freue mich immer d'rauf, wenn ich einmal wieder hinauskomme; nur der Postwagen kommt Einem so langweilig vor, weil man die Eisenbahn jetzt gewohnt ist."

?Ja!" sagte Herr Mahlhuber. Er war noch nie auf einer Eisenbahn gefahren.

?Mir ist Reisen ein Vergnügen", sagte die Dame.

Herr Mahlhuber st?hnte, denn das erinnerte ihn an den traurigen und ernsten Grund, der ihn aus seiner Heimat vertrieben, und er erwiderte leise und kopfschüttelnd:

?Ach ich wollte ich k?nnte das auch von mir behaupten, aber eine Sache h?rt auf ein Vergnügen zu sein, sobald sie uns einmal vom Arzte anbefohlen wird."

?Sind Sie krank?" fragte die Dame theilnehmend.

?Krank?" wiederholte Mahlhuber und athmete leicht auf, denn das Gespr?ch betrat ein Gebiet, auf dem er sich zu Hause fühlte, ?krank? - ja und nein; krank kann man eigentlich nicht sagen, - haben Sie schon von gro?en Lebern geh?rt?"

?Gro?en Lebern? Gewi? - die strasburger sollen die besten sein, aber meine Schw?gerin hat eine solche Fertigkeit darin erlangt, da? man sie gar nicht mehr von strasburgern unterscheiden kann."

?Nein, die meine ich nicht", sagte der Commerzienrath verlegen und blickte mistrauisch nach dem Fremden hinüber, der zwar die Augen noch immer geschlossen hielt, aber um dessen Mundwinkel er doch glaubte ein leichtes boshaftes Zucken zu bemerken, ?ich selber leide daran - meine Leber ist drei Zoll zu gro?."

?Drei Zoll? Segne meine Seele!" sagte die Frau, ?aber woher wissen Sie das so genau?"

?Ah, die Wissenschaft hat darin jetzt bedeutende Fortschritte gemacht", fuhr der Commerzienrath rasch fort, ?eine solche speckige Entartung der Leber soll in unsern Zeiten auch gar nicht selten vorkommen und durch das Ansto?en derselben an Rippen, Zwerchfell und Magen kann man ziemlich genau berechnen, welchen Umfang sie erreicht."

Die Dame rückte etwas ?ngstlich auf ihrem Sitz, und der Commerzienrath fuhr fort:

?In Verbindung mit diesem Leiden steht nun, obgleich mein Arzt das immer noch bestreiten will, eine nicht unbedeutende Operation, der ich mich vor einiger Zeit zu unterwerfen hatte."

?Eine Operation? - aber ich bitte Sie -"

?Nun es war gerade nicht lebensgef?hrlich", setzte der Erz?hlende rasch hinzu, da er zu fürchten glaubte, da? seine sch?ne Zuh?rerin deshalb vielleicht Besorgnisse zeigte, ?aber jeder Schnitt in den menschlichen K?rper ist gewisserma?en von einer Gefahr begleitet, da man nie wissen kann, welche Folgen daraus entstehen, welche edeln Gef??e verletzt werden."

?Ach h?ren Sie - wenn es Ihnen recht w?re -"

?Es war nur eine Balggeschwulst auf dem behaarten Theile des Kopfes", setzte der kleine Mann hinzu, nahm die Reisemütze ab und bog den Kopf gegen die Dame hinunter, ?eine Balggeschwulst etwa von der Gr??e eines Taubeneis, sehen Sie hier - leicht beweglich unter den Fingern und eigentlich ohne besondere Schmerzen. Das Eigenthümliche war aber, da? sie doch, wenn man lange daran drückte, wehthat; die Geschwulst blieb sich dabei ganz gleich, ob die Zunge belegt war oder nicht, wenn ich aber eine Weile gedrückt hatte, lief mir sonderbarerweise das Wasser im Munde zusammen und ich bekam dann einen h?chst pikanten fauligen Geschmack."

?Aber ich bitte Sie um Gottes Willen, h?ren Sie auf!" rief jetzt die Dame entsetzt, ?ich werde ohnm?chtig, wenn Sie noch zwei Minuten mit solchen furchtbaren Sachen fortfahren. Was gehen mich denn Ihre Geschwülste an?"

?Aber sie ist ja operirt", rief der Commerzienrath, der zu glauben schien, da? sie ihn noch nicht recht verstanden habe, ?und eben das Zun?hen da -"

?Ich schreie um Hülfe, wenn Sie nicht aufh?ren", unterbrach ihn die Dame und wurde wirklich todtenbleich dabei. ?Herr, ich habe Ihnen ja schon gesagt, da? ich die ekelhaften Beschreibungen nicht mitanh?ren kann. Behalten Sie Ihre Lebern und Geschwülste für sich oder ich setze mich hinaus zum Conducteur auf den Bock. - Jesus Maria, meine Nerven!"

?Darf ich Ihnen vielleicht ein wenig Eau de Cologne anbieten?" sagte der Commerzienrath schüchtern, der solche Einwendungen gegen seine Leiden gar nicht vermuthet hatte, indem er in die Tasche griff nach seinem kleinen Flacon zu suchen, ?das thut Ihnen vielleicht gut."

?Ich danke Ihnen, ja", sagte die Dame und streckte die Hand aus das Dargebotene in Empfang zu nehmen; Herr Mahlhuber hatte es aber selber noch nicht, und die rechte Rocktasche stak ihm so voll von verschiedenen Gegenst?nden: eingewickelte Semmeln, Brillenfutteral, Schnupftabacksdose und dann das verwünschte Pistol, das er heute Abend fest beschlo? unten in seinen Koffer zu legen, er konnte das kleine Fl?schchen gar nicht finden und begann, da die Dame den Arm noch ausgestreckt hielt, die verschiedenen Gegenst?nde immer ?ngstlicher auszukramen und neben sich hinzulegen.

?Ich begreife gar nicht", murmelte er dabei vor sich hin, ?wo die - Dorothee - das kleine Fl?schchen anders k?nnte hingesteckt haben als in - als in diese Rocktasche. Da, das hier ist eine eingewickelte Semmel - das hier", er nahm das Pistol aus der Tasche und legte es neben sich hin, ?das hier ist -"

?Um Gotteswillen, was wollen Sie mit dem Schie?gewehr?" schrie die Dame jetzt so laut, da? der Fremde ihnen gegenüber erwachte oder doch die Augen ?ffnete und einen flüchtigen Blick hinüberwarf, dann aber wieder in seine frühere Stellung zurückfiel, ?es ist doch nicht geladen?"

?Bewahre", l?chelte der Commerzienrath, der das Fl?schchen endlich gefunden und ihr gereicht hatte, etwas verlegen und suchte, um sie selber zu überzeugen, durch den Lauf des verd?chtigen Pistols zu blasen; aber vergebens blies er die Backen auf und wurde ganz roth im Gesicht.

?Es ist verstopft", sagte er dann, entweder zu seiner oder des Pistols Entschuldigung.

?Halten Sie das schreckliche Ding nur nicht gegen mich", rief die Dame, nichts weniger als beruhigt durch den verunglückten Versuch; ?wenn es losginge...."

?Ich will Ihnen beweisen, da? es keine Gefahr hat", sagte der Commerzienrath entschlossen, dem muthlosen schwachen Wesen gegenüber, und den Hahn aufspannend zielte er auf die ihm gegenüberstehende Hutschachtel seiner sch?nen Reisegef?hrtin.

?Um Gotteswillen, was wollen Sie thun?" rief die Dame, jetzt wirklich erschreckt; aber sie hatte keine Zeit etwas Weiteres zu fragen, denn ein furchtbarer Schlag, der ihnen Allen das Trommelfell zu zersprengen drohte, schmetterte mit einem vor ihnen hinzuckenden Blitze durch den engen Raum des Wagens und im n?chsten Augenblick schon füllte dichter undurchdringlicher Pulverdampf das Coupé vollkommen an. Die Dame stie? dabei natürlich einen gellenden Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Die Pferde rissen in ihr Geschirr und wollten durchgehen, und Postillon und Conducteur brauchten wenigstens zehn Minuten Zeit sie zu beruhigen und wieder in ordentlichen Gang zu bringen.

Nur der Fremde, der für den Augenblick in dem entsetzlichen Pulverqualm vollst?ndig verschwunden war, sagte kein Wort und sa? um so unheimlicher und drohender in dem undurchdringlichen Qualm. - Heiliger Gott, wenn er ihn getroffen und todtgeschossen h?tte! Der Commerzienrath wagte nicht die Hand auszustrecken, den furchtbaren Verdacht best?tigt zu finden oder zu zerstreuen.

Der Wagen hielt endlich. ?Ho, brrr, Gott verdamm' mich, ob ihr stehen wollt, kopfscheue Bestien - ho, brrr, so mein Thierchen, so ooo - gutes Thier, so Schimmel", t?nten die Beruhigungslaute von drau?en zu ihnen herein, der Conducteur sprang aus dem Cabriolet und ri? den Schlag auf.

?Heiliges Kreuzdonnerwetter, was ist hier vorgegangen?" schrie er, zurückprallend, als ihm der wei?e warme Schwefelqualm entgegenschlug, der die willkommene Bahn ins Freie fand, ?was ist geplatzt?"

Die Dame lag in Ohnmacht und der Commerzienrath konnte nicht antworten, denn sein ?ngstlicher Blick suchte durch den weichenden Nebel die lautlos dasitzende Gestalt des Fremden. Nur erst sicher wollte er sein, da? dort kein Unglück geschehen w?re, wenn er auch natürlich nicht begriff wie eine Ladung und eine so furchtbare Ladung in die für ganz harmlos gehaltene Waffe hineingerathen sein konnte. Wie sich der Nebel verzog, wurde auch das Gesicht des Fremden in der andern Ecke sichtbar, aber so unheimlich verzerrt, roth und drohend, w?hrend die Augen unter den halb zusammengekniffenen Brauen wild und lauernd vorblitzten, da? der Commerzienrath ihn schon am Arme fassen und ins Leben zurückschütteln wollte, als der Conducteur die Stille wieder unterbrach.

?Wer ist todt?" rief er und keineswegs blos im Scherz, denn das unheimliche Schweigen im Wagen kam ihm selber verd?chtig vor. ?Himmelsacerment, wenn sich Jemand eine Kugel durch den Sch?del schie?en will, brauchte er sich doch dazu nicht auf der k?niglich bairischen Eilpost einschreiben zu lassen, da? Einem die Pferde noch am Ende durchgehen und au?erdem Unheil anrichten? - Das ist nun der Zweite. Nun?" setzte er dann erstaunt hinzu, als er die drei Passagiere nach und nach durch den Qualm erkennen konnte und alle noch am Leben fand, wenn er auch des Commerzienraths vis-à-vis noch immer etwas mistrauisch betrachtete - da? die Dame in Ohnmacht lag, verstand sich von selbst. ?Was zum Teufel haben Sie denn dahier angerichtet - ach Schwerenoth", rief er pl?tzlich, als sein Blick auf das neben ihm stehende Gep?ck fiel, ?gerade in die Hutschachtel geschossen."

?In die Hutschachtel?" rief die Dame entsetzt, jetzt pl?tzlich und ohne weitere Hülfe aus ihrer Ohnmacht emporfahrend, und der Fremde drüben wurde immer r?ther im Gesicht. ?Heilige Mutter Gottes, mein Hut!"

?Wer hat denn aber hier im Wagen geschossen?" rief der Conducteur jetzt mit strengerer Amtsmiene, w?hrend die Dame entsetzt über ihre Hutschachtel herfiel, den erlittenen Schaden zu besichtigen, ?ich werde Sie im n?chsten Postamte anzeigen. Sie da, was thun Sie mit einem geladenen Pistol in der k?niglichen Post?"

?Postamt anzeigen?" rief der Commerzienrath in t?dtlichem Schreck, ?und des vermaledeiten Pistols wegen, gegen das ich mich aus Leibeskr?ften gestr?ubt?"

?Sie dürfen hier im Wagen gar kein Pistol haben", sagte der Schaffner streng.

?Ich wollte ich h?tte es nie gesehen", rief der Commerzienrath in ausbrechendem Grauen; ?da", fügte er dann hinzu und schleuderte die Waffe, gar nicht an das aufgezogene Fenster denkend, mitten durch die Scheibe hinaus auf die Stra?e, da? die Scherben im Wagen herumflogen und auf die harte Chaussée drau?en niederklirrten.

?Jesus Maria", rief die Dame, ?mein Hut!"

?Herr, die Scheibe kostet 1 Gulden 25 Kreuzer!" rief der Schaffner.

Die Frau zog in diesem Augenblick den zu Atomen geschossenen, wundersch?n verzierten und früher einmal mit B?ndern und Blumen geschmückten Strohhut aus dem durchschossenen Futteral; die ganze gewaltige Ladung war schr?g hindurchgegangen und hatte ihn vollst?ndig vernichtet, da? die Stücken darumhingen, und jetzt zum ersten male wurde auch der andere Passagier in der Wagenecke laut, der pl?tzlich herausplatzte, als ob ihm irgendein inneres Gef?? gesprungen sei, in demselben Moment aber auch fast einhielt und nun so heftig zu nie?en und zu husten anfing, da? er ganz blau im Gesicht wurde und der Commerzienrath wirklich für einen Augenblick sein eigenes Elend verga?, nach dem Manne hinüberzuschauen.

?Und hier das ganze Polster ist zerschossen!" rief jetzt der Postbeamte, der die Hutschachtel fortgerissen hatte, nach dem zugefügten Schaden zu sehen, ?Herr, Sie werden eine Heidenrechnung bekommen."

?Mein Hut, du lieber Gott, mein Hut!" jammerte dabei die Dame, ?was setz' ich jetzt auf, was setz' ich auf?"

?Ich will ja gern Alles bezahlen", st?hnte der Commerzienrath in v?lliger Verzweiflung, ?wenn Sie mir nur sagen wollen was es kostet."

?Schockschwerenoth", rief der Schaffner pl?tzlich nach seiner Uhr sehend, ?jetzt haben wir hier schon sieben und eine halbe Minute get?ndelt und ich komme zu sp?t auf die Station - nehmen Sie Ihren Rock dahinein, Madamchen - werfen Sie den Bettel auf die Stra?e, er ist doch nicht mehr zu brauchen; so", sagte er dann, die Thür zuschlagend und seinen alten Platz wiedereinnehmend, ?fahr zu, Schwager!"

?Da unten liegt das Schie?eisen noch", sagte dieser, mit einem schmunzelnden Seitenblick und dem linken Daumen über die Achsel deutend, ?sollen wir's liegen lassen?"

?Was geht dich der Quark an? fahr zu!" lautete die barsche Antwort des verantwortlichen Postführers, die Peitsche fuhr aus und auf das Handpferd nieder, und dahinrasselte das Geschirr wieder in scharfem Trab, das Vers?umte nachzuholen.

Der Commerzienrath hatte indessen einen schweren Stand im Wagen, die erzürnte und unglückliche Dame zu beruhigen, die wunderbarerweise an dem Hute zu h?ngen schien, als ob es ein Stück ihrer selbst gewesen w?re. Sie weinte und zankte und betrug sich etwa wie ein unartiges Kind, dem man irgendein Spielzeug zerbrochen, und das sich nun weder will tr?sten noch beruhigen lassen. Zuletzt und kurz vorher ehe sie die n?chste Station erreichten, verstand sie sich endlich dazu, den h?chstm?glichen Satz für Hut und Schachtel anzunehmen, was ihr der Commerzienrath, froh, so gut wegzukommen, gleich an Ort und Stelle auszahlte, aber auch dann noch keinen Frieden hatte, denn, damit in Ordnung, fielen ihr pl?tzlich wieder ihre bis dahin ganz au?er Acht gelassenen Zahnschmerzen ein, gegen die das zerbrochene Fenster nicht mehr geschlossen werden konnte, und es zeigte sich jetzt, da? das unglückselige Pistol nach allen Seiten hin Zerst?rung und Verwirrung angerichtet hatte.

Der andere Passagier dagegen sa? so ruhig und regungslos wie immer in dieser Confusion und sagte kein Wort; er mu?te jedenfalls stumm, vielleicht gar taubstumm sein, oder wenigstens keine Silbe von ihrer Sprache verstehen.

Aber dem Commerzienrath gingen andere Dinge im Kopfe herum, als sich um den geheimni?vollen Fremden zu kümmern. Glücklicherweise kannte ihn Niemand, denn mit der Post war er früher nie in Berührung gekommen und eingetragen nur unter dem anspruchlosen Namen Mahlhuber. Die paar Thaler, die es ihm gekostet hatte, betrachtete er als Lehrgeld für sp?tere Zeit, und pries sich immer noch glücklich so billig davongekommen zu sein. Auf der n?chsten Station bezahlte er auch die Scheibe mit 1 Gulden 25 Kreuzer und Polster und sonstige Besch?digung des k?niglichen Postwagens mit 3 Gulden 30 Kreuzer, dem er natürlich ein nicht unbedeutendes Geschenk für Conducteur und Postillon beifügte, dieser Schweigen zu erkaufen. Er dankte auch seinem Gott, als er endlich Gelegenheit bekam, auf seinem schon früher bestimmten Anhalteplatz einige Minuten vor 9 Uhr Abends aussteigen zu dürfen, der Gesellschaft, in der er sich nicht mehr getraut hatte ein Wort zu sagen, wie der unangenehmen Erinnerung enthoben zu sein. Was für ein Glück, da? er Dorothee's Vetter nicht mitgenommen hatte.

An Ort und Stelle angelangt und nachdem der Schaffner sein Gep?ck aus der Scho?kelle genommen, um das sich vor dem Postgeb?ude Niemand weiter zu kümmern schien, nahm er Reisesack und Schirm, Stock und Sitzkissen aus dem Wagen, drehte sich dann noch einmal um und sagte, mit einer verbindlichen Verbeugung nach dem Innern des Wagens zu, die von der Dame mit einem leise gemurmelten ?Gott sei Dank" begleitet wurde:

?Angenehme Reise, meine Herrschaften."

?Gute Nacht, Herr Commerzienrath", sagte der Fremde, der bis dahin noch keine Silbe gesprochen, und der also Betitelte stand, seine Reiseutensilien in beiden H?nden, wirklich mit halbge?ffnetem Munde vor lauter Ueberraschung da; aber der Schaffner warf in dem Augenblick den Schlag wieder zu, die Pferde waren vorgespannt und fortging's mit schmetterndem Hornget?n durch die stillen Stra?en des kleinen Fleckens über das rauhe Pflaster hin, was die Thiere laufen konnten.

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