Es war Tag geworden.
Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich z?gernd durch die Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch vor dem Bette brannte.
Auf dem gro?en Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man h?rte zuweilen ein dumpfes Aufbrüllen der Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen der Knechte. Doch klang alles ged?mpft, als fürchte man, die Kranke zu st?ren.
Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Geh?ft; und je mehr das trübe Sonnenlicht vorrückte, in desto gr??ere Lautlosigkeit verfiel das Anwesen.
In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf laut. Kr?nklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so leise die Stimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel neben dem Bette ein Mann von m?chtiger, imposanter Gestalt auf, rieb sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch über seine dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf die Hand der leidenden Frau.
?Na, Elsing,? forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als m?glich herabd?mpfte, ?geht's ein bi?chen besser??
Statt einer Antwort rang die Angeredete die H?nde und vergrub ihr Antlitz in die Kissen: ?Du lieber Gott,? st?hnte sie leise, und es war beinahe, als ob aus dem wei?en Linnen ein Schluchzen dr?nge.
Der Mann lie? seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen, sandbestreuten Estrich der Stube.
Pl?tzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: ?Du bist wohl eingeschlafen, Wilms??
Seltsam, – neidisch fast schien die Frage.
?Ja, ich bin ein wenig eingenickt,? gab der Gatte zu. Und wieder konnte man leise Entschuldigung aus den Worten h?ren. ?Ich sitz' ja nun auch bald die vierte Nacht so,? murmelte er halb für sich.
Es wurde still.
Aus der Ecke nur t?nte das schwere Tick-tack einer unf?rmlichen Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes.
Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu k?nnen. Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des Regentages hinaus.
Welche Traurigkeit dort drau?en und hier drinnen.
Gegen die Fenster st?ubte der Regen, Hagelk?rner schlugen scharf gegen die Scheiben, und über die Wangen der Liegenden flo? eine Tr?ne.
?L?sch' die Lampe aus, Wilms,? bat sie, ?meine Augen – es tut mir weh.?
Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler aus.
?Armes Weib,? murmelte er, ?armes Weib.? Er strich über ihre Haare und richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tür. – Aber er sollte nicht hinausgelangen.
?Wilms.?
Sein Weib hatte sich aufgerafft. ?Du sollst nicht fort,? rief sie angstvoll, ?ich kann nicht allein bleiben – mich friert, wenn du drau?en bist!?
?Elsing – unsere Wirtschaft leidet darunter – ich mu? –?
?Ja, ja – die Wirtschaft – immer die Wirtschaft,? stie? die Kranke hervor und fiel ersch?pft in ihre Kissen zurück, ?und ich liege hier in meinem Elend – zwei Jahre – zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft mir, keiner, zur Last falle ich jedem – auch dir –?
?Elsing, ich –?
?Ja, auch dir,? fuhr sie atemlos fort, ?ich merk' das sehr wohl – du hast nur Mitleid für mich – nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus Liebe geheiratet.?
Er war z?gernd an ihr Bett getreten und pl?tzlich umschlang sie seinen Hals: ?O Gott – o Gott, ich bin wohl sehr h??lich geworden?? forschte sie, am ganzen Leibe zitternd. ?Nicht wahr, gesteh's nur ganz offen.?
?Elsing,? – die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt und lie? ein paar Str?hnen ihrer langen, blonden Haare durch seine Finger gleiten. ?Elsing,? beteuerte er dann, ?für mich bist du noch so sch?n, wie in der ersten Stunde – sieh doch blo? deine langen, weichen Flechten – und der kleine Mund und die lieben, blauen Augen – alles so hübsch, mein armes Kind.?
Es mu?te ihn doch übermannt haben, denn er schlo? sein Weib in beide Arme und kü?te es z?rtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich befriedigt an seine Brust und für einen Augenblick schien sie beglückt und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: ?Wilms, gib mir die Bibel von dem Tisch – so, und nun geh – geh nur und schlag ein Auge auf die Wirtschaft – es mu? ja doch sein.?
Da ging der Mann schwerf?llig hinaus; allein als sich die Tür geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurück.
Und trübe schüttelte er den Kopf. – Mit welch fieberhafter, leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; – ekstatisch, wie berauscht t?nten die heiligen Worte:
?Und siehe, ein Weib, das zw?lf Jahre siech war, trat zu ihm und rührete seines Kleides Saum an.
Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur selbigen Stunde.?
?Und ward gesund zur selbigen Stunde,? wiederholte es drinnen, wie verzückt. Dann einen Moment Stille, aber pl?tzlich mit herzzerrei?endem Schluchzen: ?O Gott – und ward gesund – lieber – lieber – Gott.?
* * *
Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr, und erfrischend rieselte der Regen auf sein entbl??tes Haupt.
Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Geh?ft gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, da? all sein Hab, H?user und Scheunen, St?lle und Ger?tschaften, Menschen und Vieh wie von einem drückenden Traum befangen w?ren.
Es zerfiel und zerbr?ckelte alles, es wurde morsch und verging. – Und er selbst?
Erschreckt fuhr er auf.
Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine betr?chtliche Spalte. Ungehindert flo? der Regen hindurch und machte ihm die Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn nicht bemerkt.
Früher war er als der werkt?tigste Landwirt Vorpommerns bekannt gewesen; er allein wu?te, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach die goldigen, Nahrung bringenden K?rner abzugewinnen; jetzt stand es anders. – Es ging bergab mit ihm.
Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei R?dern. Das vierte gebrochen daneben. – Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?
Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gef?hrt tr?ge dahin, Wilms rief ihn laut an; aber der Mann wu?te von nichts, und schon wollte ihn der Landwirt mit einem kr?ftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu holen.
Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und schritt schwerf?llig die Landstra?e entlang. Zu beiden Seiten dehnten sich seine Felder.
Auf das braunschollige Ackerland rauschte h?rbar der Regen, und nur allm?hlich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten M?nner und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder, als h?tte sie der Boden eingesogen.
?Wie steht's mit den Kartoffeln, Karl?? fragte Wilms endlich einen jungen, flachsk?pfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen in einen Korb warf.
?Der Herr wei? ja – der Regen – es dauert schon zu lang.?
?Ja, ja? – Wilms ballte die F?uste, und in sein ernstes, ehrliches Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet auf einen eisernen Pflug niederlie?, der auf dem kotigen Acker herumlag, da h?tte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten k?nnen. Und er z?hlte doch erst zweiunddrei?ig Jahre und stand in der Blüte der Kraft.
Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es war, als ob sie ein h??liches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit wackelndem Kopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten – die Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.
Er sank immer tiefer in sich zusammen und lie? seine Leute schaffen, was sie wollten.
Da klang Wagengerassel die Landstra?e herab. Ein elendes, ?chzendes Gef?hrt n?herte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem Stoppelbart, und in den Stoppeln sa? ein sehr rotes, verschwollenes Gesicht, aus dem ein Paar w?sserige ?uglein und eine Hakennase lustig hervorlugten. Der Ank?mmling hie? ?Herr Rosenblüt?, klimperte im Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer in dem Landst?dtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein gesetzter, umg?nglicher Mann.
Heute zeigte sich der Viehh?ndler indes sehr aufgeregt. Er schritt gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor ihm auf.
?Herr Wilms,? begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin und her. ?Was soll das hei?en? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zu Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...?
?Doch nicht meine Frau?? stammelte Wilms und sprang auf – ?nicht wahr? – So sagen Sie's doch,? wiederholte der unglückliche Mann heiser.
?Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meine blo? – – es ist da einer von den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf meinen Wagen? – und leise setzte er hinzu: ?Was wollen Sie erst einen Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.? Bald knarrte und ?chzte das Fuhrwerk auf Wilms' Geh?ft zu, und Herr Rosenblüt sa? neben dem Besitzer und starrte ihm ?ngstlich ins Gesicht, bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.
Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu um.
Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit zu Zeit einen ?ngstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.
Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau gew?hnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerh?rt, erschreckte alle f?rmlich.
?Da is uns' Herr,? sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerf?llig n?her, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn perlten gro?e Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den Beamten, mit ihm in die n?chste Scheuer zu kommen. – Nur nicht hier – hier k?nnte man die Kranke st?ren, sie dürfte ja von nichts wissen; das k?nnte ihr den Rest geben. ?Ich bitt' Sie, kommen Sie mit mir – ein paar Schritte.?
Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung. Er kn?pfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er prüfend überflog, und w?hrend er sich dazu wohlgef?llig und amtswürdig seinen milit?rischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: ?Beauftragt vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen – Zahlung der rückst?ndigen Pacht vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen – hm – vorzunehmende Zwangspf?ndung.?
?Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?? warf der Viehh?ndler dazwischen.
Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte sich vor dem Besitzer auf:
?K?nnen Sie zahlen, Herr Wilms?? fragte er prompt.
?Nein.?
?Na, dann mu? ich anfangen. Nehmen Sie's nicht übel.?
?Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgen Zeit lassen wollten,? st?hnte Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. ?Nur bis morgen – ich k?nnte mich ja noch an jemanden wenden. – Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Frau so viel – aber es ist doch vielleicht noch m?glich.?
?Tut mir leid – strenge Ordre.? Der Gerichtsvollzieher kn?pfte dabei seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.
?Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,? befahl er kurz. ?Wo haben Sie die Schweine??
?Dann zeig dem Herrn, Jochen.? Wilms hatte es tonlos gesprochen und wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehh?ndler hatte er nicht mehr die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und trat in das Zimmer seines Weibes.
* * *
Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nerv?s an der Wand, und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet. Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles st?rte sie. Sie war ganz aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie atemlos nach dem Grund all dieses L?rms. – – Ja der Grund –
Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, da? man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, da? andere Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kr?ftigen Mann, der nun schon seit Jahren, wie gel?hmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest, da? alle Bewegungsf?higkeit gehemmt schien? – Merkwürdig, ihm war es, als w?re sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen, ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem gro?en Lehnstuhl hockte und vor sich hinstarrte.
?Was hantieren sie denn dort drau?en so laut?? klagte das Weib und klappte nerv?s mit dem Deckel der Bibel – ?soll denn gar nicht ein bi?chen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms??
Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein einziger Gedanke. – Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.
?I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufh?ren.?
?Ja, aber was machen sie denn??
?Ach, Rosenblüt ist blo? da und – und kauft mir Vieh ab.?
?Der Jude?? rief die Kranke und richtete sich auf. – ?Sieh – sieh da,? stotterte sie und zeigte gerade aus, ?da steht er vor dem Fenster – und guckt hinein, gerade auf mein Bett.? Entsetzt fiel sie zurück und zog die Decke hoch, so da? sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. ?Wilms, ich kann den Juden einmal nicht leiden – was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der Herr Pastor sagt auch, da? du dich zuviel mit ihm abgibst.?
?Still, Elsing, ich hab' schon manch gutes Stück Geld an dem Mann verdient.?
?Ach wo – die betrügen ja alle. Du verstehst blo? die Wirtschaft nicht.? – Das war ein b?ses Wort.
Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Drau?en winkte Herr Rosenblüt immer energischer.
?Ich mu? jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,? ermunterte sich der Mann endlich.
?Schon wieder??
Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: ?Du bist ja eben erst hereingekommen. – Und dann – mir ist immer so wohl, wenn du bei mir bist, sobald du mich aber allein l??t, dann überf?llt mich wieder die schreckliche Angst – du wei?t ja – als ob mir was auf der Brust s??e? – sie keuchte – ?nicht wahr, du bleibst??
Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das war das Bild seines Lebens. – Die Last zog an ihm und zog ihn abw?rts.
Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der Wirtschaft stünde? – Doch gut? Und der Pastor h?tte ihr eine Annonce gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer angepriesen würde. 150 Mk. ?Nicht wahr, das ist nicht zu viel? – Das erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?? – Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem Hauswesen herumgesprungen w?re, und wie furchtbar verliebt Wilms sich als junger Ehemann geb?rdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht sehen konnten, h?tte er um einen Ku? gebettelt. ?Ach, küsse mich noch einmal so. – Ich bin doch eigentlich noch so jung.?
Halb bet?ubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, da? er für nichts mehr das volle Verst?ndnis besa?.
Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und schlie?lich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich umschlungen haltenden Gatten lie? ihn einen Moment verstummen, eine Art Rührung zuckte in den Zügen des H?ndlers auf, dann aber dr?ngte die Zeit gar zu gewaltig, und er r?usperte sich stark: ?Guten Morgen – Frau Wilms – ich bitte um Entschuldigung – wie geht es Ihnen? – aber es ist die h?chste Zeit, Herr Wilms – ich mu? mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.?
Die fremde Stimme traf Else wie ein Schu?.
?Gro?er Gott, wer ist das?? stammelte die Kranke, als sie den Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und über ihr Gesicht flutete eine brennende R?te: ?Was will er hier? – Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Gesch?ften da? Warum gehst du mit dem Herrn nicht in die Wohnstube??
Es war ein unfreundlicher Gru?, und Herr Rosenblüt stand wie angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm fa?te und begütigend aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der H?ndler soweit gefa?t, da? er energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:
?Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich Ihnen, verehrte Frau.? Aber Wilms lie? ihn nicht, und mit vielen Bitten und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in deren Mitte ein gro?es, ovales, durch eine Gardine verdecktes Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen einfache grüne Ripsm?bel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein gro?er, tapetenüberklebter Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Gesch?ftsfreund nach dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses Gebrochensein, dieses vollst?ndige Einschlafen einer ehemals gro?en Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des Sitzenden, und w?hrend er ihm nun unaufh?rlich leise auf die Achsel schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag, aber Wilms h?rte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges, mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein aufblitzendes Licht. – Herr Rosenblüt war über die Pf?ndung emp?rt. – Der Beamte h?tte gewi? das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft gezogen, die sch?nsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte nur so aus ihm. – ?Was soll das hei?en? – Daran verdient der Graf ja ein Heidengeld? – Die besten Tiere – Kunststück. – Wilms, wissen Sie was? Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die gepf?ndeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht an mich zurückerstatten k?nnen, dann, nun dann geh?rt alles mir. – Das ist 'ne Spekulation. – Ich bin ein Gesch?ftsmann – das ist 'n Gesch?ft – wollen Sie??
?Ja, ja.? O, es war ja dem Verschmachtenden, als h?tte ihm eine freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung gereicht. Er fühlte f?rmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. – Acht Tage Zeit – noch eine ganze Woche? – Ja, bis dahin mu?te ja Rettung kommen, irgend woher, gleichviel, jedenfalls war vorl?ufig die entsetzlichste Last von seiner Seele gew?lzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte sich rasch.
?Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden, geben Sie her.?
Der H?ndler jedoch hielt noch einen Augenblick mi?trauisch inne.
?Herr Wilms, nehmen Sie mir's nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.?
?Ach wohl wegen der Zinsen??
?Bewahre – das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein, es betrifft etwas anderes, aber das sag' ich Ihnen sp?ter. Jetzt gehen Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da drau?en ab. – Vorw?rts.?
Damit z?hlte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte.
In wenigen Minuten hielt der überraschte die fragliche Summe in der Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand, sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.
Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verflie?ender, b?ser Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten dem entschwindenden Gef?hrt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der H?ndler vor seinem ernsten Gesch?ftsfreund auf, steckte die eine Hand in die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin und her.
?H?ren Sie mal, alter Freund,? begann er endlich unruhig und spie vor sich hin. ?Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange. Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder ausschlie?lich um Ihre Wirtschaft kümmern. – Und das k?nnen Sie nur, wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. 'ne Pflegerin, oder so was ?hnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich mich ja mal in Grimmen danach umsehen.?
Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen, klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. ?Ja, ja,? murmelte er halb für sich, ?ich habe ja auch schon daran gedacht – aber es geht doch nicht.?
?Geht nicht??
Herr Rosenblüt fing an, sich zu ?rgern.
?Ja, warum denn nicht??
?Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. – Ich mu? ihr den Willen tun, dem armen, gequ?lten Weib.?
?Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. – Und ja – h?ren Sie mal? –
Der Redende richtete sich pl?tzlich auf und schlug dem Hofbesitzer energisch auf die Schulter – ?Donnerwetter, da f?llt mir etwas ein. Wilms, Ihre kleine Schw?gerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so gro?? – Herr Rosenblüt zeigte eine gigantische H?he – ?die nehmen Sie sich – die wird hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. – Na also??
Wilms war gepackt. Fest starrte er den H?ndler mit seinen überbuschten, blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig ein sechzehnj?hriges, schweigsames scheues M?dchen gewesen, dem er nicht viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, da? ihr eigentümlich lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch – – der praktische H?ndler hatte offenbar das Rechte getroffen.
Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen: er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. – Noch einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster der Krankenstube, dann erkl?rte er dem H?ndler entschlossen, da? er seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schr?der zu Grimmen, abgehen.
?Bravo! – ein Mann ein Wort, Herr Wilms,? mahnte der Kaufmann dringend, als er seinen harrenden Wagen bestieg, ?nicht wahr??
Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:
?Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.?
?Und wenn ich wiederkomm', sieht es hier anders aus,? rief der Scheidende zurück, dann ein H?ndedruck, und auch der zweite Wagen rollte davon.
Wilms aber stand mitten auf der Landstra?e und sah ihm nach.
Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und sinnend schritt er in sein Haus zurück.
* * *