Hassende, Liebende
Die Kinder schrien tosend vor dem gro?en Arbeiterhaus von Gausenfeld; hunderte von Kindern, hervorgequollen aus dem überfüllten Haus, worin sie alle geboren waren, rannten, zappelten, prügelten sich auf der grauen Wiese. Alte M?nner, die nicht mehr arbeiteten, standen, wenn sie besonnt war, an der Mauer und sahen ihnen zu. Die Kleinsten fielen unaufh?rlich in den Graben, der die Wiese von der Landstra?e trennte, immer eilten Mütter oder Schwestern zum Retten herbei. Die Gr??eren sprangen hinüber, am liebsten auf der Seite, wo der Graben neben dem Weg zum Friedhof lief; und drüben warfen sie einander gegen den wackligen Zaun der Villa Klinkorum. Brach ein Brett heraus, dann rasch hinein und ?pfel holen. Der Besitzer h?rte mit Zorn und Entsetzen das Knacken der Zweige, die sie mitrissen, aber auf seinen steifen Beinen kam er immer zu sp?t, sie waren schon drau?en und zeigten ihm aus einiger Entfernung das unreife Obst, es sei auf der Stra?e gelegen. Dann hielt er ihnen eine Rede über das Eigentum und die Bildung, immer dieselbe Rede, denn niemals merkte er, da? er es mit denselben Jungen zu tun hatte. Klinkorum war Schullehrer gewesen, aber einer für die Reichen; und weil ihm schon die Z?hne ausgefallen waren, wollte er nun hier sich mausig machen. Kaum war er fort, polterten alle gegen seinen Zaun, und irgendeiner kroch hinein und setzte ihm etwas auf den Gartenweg. Der alte Malermeister, der unten im Haus wohnte, durfte es sehen, er lachte, wenn er auch schalt. Nur den kleinen M?dchen war es von ihren Müttern streng verboten, ihm zu nahe zu kommen.
Dies war nicht alles, was Professor Klinkorum zu erdulden hatte. Kehrte er aus der Stadt heim, zuweilen schon ganz nahe bei seinem Grundstück überholte ihn, wie er auch hastete, das He?lingsche Automobil und bedeckte ihn mit Staub oder Schmutz. Generaldirektor Geheimer Kommerzienrat Dr. He?ling in seinem Staubmantel blickte unerbittlich geradeaus, und Klinkorum, von au?en gegen seinen eigenen Zaun gedr?ngt, ?ugte mit ohnm?chtigem Ha?, bis er, ganz in einer stinkenden Wolke befangen, die Augen schlo?. Innerlich hielt er in solchen Minuten seine zweite Rede über das Eigentum, die Rede dagegen, - wenn es n?mlich schrankenlos und überheblich war. Die Bildung war das Erste und mu?te es bleiben.
Damit ging er hinauf in sein Studierzimmer. Von hier übersah er ganz Gausenfeld, hinter den Arbeiterh?usern das wüste Gel?nde, bis zum Wald, bis zur Fabrik. Es ward Nacht, an der Friedhofsmauer die Lampe leuchtete nahe, und weit dorthinten die gereihten Lichter der Fabrik.
Aus der Fabrik kehrten die Arbeiter heim; ihr Massenschritt dr?hnte, von ferne fühlbar, bis in das Studierzimmer; und Klinkorum dachte nicht ohne Achtung an den Herrn der Massen, ihn, He?ling, Besitzer Gausenfelds, gro?en Reichtums und mancher Würden. Wie hatte er es dahin gebracht, als Chemiker und Papierfabrikant? Durch Machenschaften und Kunstgriffe gesch?ftlicher wie politischer Art, über die es auch nach sechzehn Jahren in der Stadt noch nicht still war. Der selbstgemachte Mann freilich blieb zu achten. Er wieder aber achte noch h?here Rechte! Klinkorum hatte gespart, bis er weit drau?en an der Landstra?e dies einsame kleine Haus erstehen konnte, die Freude seines letzten Lebensdrittels. Gepflegt und lauschig, ein Sitz der Muse, ruhte es im Grünen, unaufgest?rt von Weihelosen; denn nur langsame Bauernwagen zogen, mit Ochsen, breitstirnigen, schwerausschreitenden bespannt, vorüber, und Gausenfeld, das einzige gr??ere Anwesen in der Weite, diese St?tte der Papierfabrikation lag jenseits von Feldern und Wald, man sah, h?rte und roch sie nicht. Da aber, was geschah? Der neue Herr von Gausenfeld vergr??erte seine Fabrikanlagen. Er legte den Wald so weit nieder, als er jene unedlen Baulichkeiten dem Blick entzogen hatte. Die Arbeiter-Familienh?user wuchsen über das Feld heran, immer nach Westen, immer auf Klinkorum zu. Auch kam es dahin, da? gleich hinter seinem Zaun dies Volk sich begraben lie?. Und dem Friedhof, als vorletztem Streich, folgten die Kasernen der Proletarier, Ungeheuer von H?usern, hinschattend über Klinkorum und seinen bescheidenen Ruhesitz, ihn mit Gerüchen bedr?ngend, in Ru? verschüttend so Garten wie Haus und um es her eine Zone breitend des Gestampfes, Geschreis, Totschlages und der bildungsfeindlichen Roheit!
Nun waren die Lichter ausgel?scht in der Fabrik und entzündet in den Kasernen, in der Kantine an ihrem Flügel. Dorther kam L?rm. Der Arbeiter Karl Balrich aber, still in seinem Zimmer 101 des Arbeiterhauses B, stand am Fenster, sah vor sich dasselbe wie der Besitzer der Villa Klinkorum und dachte nach, auch er, über die Welt, die ihn umgab. Freilich, die vielen Ger?usche des Hauses selbst, von rechts, links, oben, unten übert?nten bei weitem seine Gedanken an das Fernere. Er h?rte um sich her, des Sonntags wenn er ruhte und jetzt am Abend bevor er schlief, Streit, Küsse, Gespr?che über Geld und Essen, die Prügel für die Kinder, h?rte durch das hallende und zitternde Haus alles was vorging, was das Leben der Menschen war und was es schon nicht mehr war: ihr letztes Wimmern, ihr Abschiedsgest?hn. Aber ?fter als Sterben h?rte er Geb?ren. Er sagte sich dann, je nachdem ihm an dem Abend zu Sinn war: ?Wieder ein Mann für die Arbeiterbataillone" oder: ?He?ling kann lachen; wieder ein Dummer."
Denn der Arbeiter Balrich sah, wie die Dinge lagen, in der Person des Generaldirektors He?ling den h?chsten Zweck und das letzte Ergebnis des ihn umgebenden Lebens, aller dieser Mühen, Aufregungen und Schmerzen - und nicht nur dieser hier. Von Gausenfeld zu schweigen, die Stadt, wie sie war, arbeitete für den Reichen und fristete sich nur durch ihn. Das Land selbst drehte sich wahrscheinlich nur um seinesgleichen. Ihm zuliebe das Milit?r; und der K?nig sogar eigentlich sein Narr. Den hielt er sich aus, er aber verdiente. Auf das Geld kam es an.
?Wenn es auf das Geld ank?me," sagte an seinem Fenster der Professor, ?dann würde dieser He?ling mit Recht die Umst?nde meines Lebens auf jene Stufe hinabdrücken, wo seine Lohnsklaven schmachten, - indes er selbst -." Hinter dem Wald wohnte er selbst. über dem von ihm bebauten Tal der Armut und des Unrates, aber bewahrt vor seinem Duft und Anblick hinter eigenem Wald auf grünem Hügel, in seiner hellen und blumenumleuchteten ?Villa H?he" hauste leichten Herzens mit den hochgemuten Seinen der Eigentümer, Anstifter und Nutznie?er dieser ganzen sozialen Schmutzerei. Das Wort fiel. Zwei Freunde traten ein bei Klinkorum, und sowohl der Arzt Dr. Heuteufel wie der Konsistorialrat Zillich wiederholten das Wort. Je h?her die Bildung, um so entwickelter der soziale Sinn - und mit ihm das Feingefühl für die Herausforderungen des Kapitals, dies Hinbreiten des ausschweifendsten Luxus gleich neben dem Schauspiel des Elends, dieses Autojagen an den Enterbten vorbei, dies Hupengeheul.
Die Schwester des Arbeiters Balrich bekam droben von Dinkl, ihrem Mann, eine Ohrfeige, die bis her schallte, und sie selbst hieb die Kinder. Als alle genug geschrien und die Nachbarn genug gelacht hatten, machte sie sich pl?rrend an das Nachtgebet. Karl Balrich dachte noch immer: ?Auf das Geld kommt es an." Da zog links drunten der Herbesd?rfer, seine Harmonika lang aus, und Balrich merkte es nun, da? er mit dem Denken nicht vorw?rts kam. Schwer war es, von dem wirklichen Gang der Welt, ihren Zusammenh?ngen und Gesetzen etwas Deutliches zu erfahren. Die Redner in den Versammlungen redeten von weit her; um sie anders zu verstehen als blo? mit unserem Ha?gefühl, mu?ten wir uns bis dahin durchschlagen, wo sie zumeist von Geburt schon standen. Und wie jetzt noch zu so viel Bildung kommen?
Die Herren im Studierzimmer murrten: ?Den Bau der elektrischen Bahn nach Gausenfeld hat er hintertrieben. Er scheut den Verkehr der Welt mit seinem Jammertal, er wünscht keine Einblicke und ist gegen einen h?ufig wiederholten Besuch seiner Leute in der Stadt, bei ihren Genossen, auf den Versammlungen. Am Sonntag will er sie in seine Kantine zwingen. Wie in einem Ghetto sollen sie sich fortpflanzen und nichts von allem was sie sind und leisten, ihm verlorengehen. Die Folgen ermesse man! Was mich betrifft, ist es mir bekannt, da? die Gausenfelder K?rperverletzungen um viele Prozent unsere sonstigen übersteigen. Niemand wundere sich, wenn ich, Klinkorum, eines Morgens in einer Blutlache aufgefunden werde! W?re ich nicht der Ordnungsmann, der ich bin, ich wü?te die Stelle zu finden, wo die ?ffentlichkeit sich packen lie?e." - Ja, die murrenden Gebildeten warfen bei einer neuen Flasche Wein sogar die Frage auf, ob ein Mann von mittlerem Einkommen, aber einer gewissen geistigen H?he, mit seinem Glück und Dasein denn wirklich gebunden sei an den Bestand der jetzigen Dinge. Als die Flasche leer war, sahen sie das Schlimmste voraus, eine Katastrophe, ein Weltenende. ?Ich sehe es," rief Klinkorum, vom Geist berührt. ?Ich sehe, da? einer aufstehen wird und mich r?chen!" - wobei er sich fester in die Ecke setzte.
Der Arbeiter sagte, drüben im Hofzimmer, seinen beiden jungen Brüdern gute Nacht; und bevor er sein Fenster schlo?, stand er dann im Wind, quer über die breite Stirn liefen ihm die zusammengewachsenen Brauen, er machte F?uste, stemmte die Schultern hinauf, als h?be er eine Last, - und dachte mühselig weiter, tastete sich im Dunkeln ein Stück an seinem Schicksal hin, wie es denn aussehe, wohin es denn verlaufe mit den anderen in der Welt. Ihm schien es dunkel und windig, wie das ?de Feld, auf das er hinaussah und das endete mit dem Friedhof. Zwischen sich und dem Friedhof fand er nichts als Ungerechtigkeit und Ha?.
Beim Abschied lenkten die Studierten ein. Die reichen Leute hatten natürlich ihre unerme?liche soziale Nützlichkeit. Und nach au?en verbürgten sie unser Ansehen, unsere Schlagkraft, die Erweiterung unserer Grenzen. übrigens waren nicht alle reichen Leute wie He?ling, - und selbst He?ling, war seine Tüchtigkeit denn zu verachten? Im Gegenteil zog ganz Netzig Nutzen aus ihr. Die wenigen Gausenfelder Aktien, die er damals bei seiner gro?en Operation, als er Generaldirektor wurde, in fremden H?nden gelassen hatte, waren seltene Kostbarkeiten geworden, sie vererbten sich vom Vater auf den Sohn. Jeder der drei Herren vermutete von den anderen, da? sie welche h?tten, und da sie es nicht gestanden, gestand auch er es nicht. Beim Abschied fragte jeder, mit unbeteiligtem Gehaben: ?Wie stehen sie denn jetzt?"
Der Ha?! fühlte der Arbeiter Balrich. Mit ihm gehst du schlafen und stehst wieder auf mit ihm. Vor sechs, den Rockkragen hinauf und los, den fr?stelnden grauen Weg nach der Fabrik, zu Hunderten schweigend und trabend, Trab hinter sich, vor sich, in sich, Trab wie Maschinenlauf. Alle verschrieben der Ungerechtigkeit, alle unter dem unabl?ssigen Druck des Hasses, gewohnt wie schlechte Luft und L?rm von Maschinen. Und dabei, welcher war der ?rgere Feind? He?ling, für den man sich krumm rackerte, oder dieser Simon Jauner, der es auch tat, - aber seit heute stand er bei der Papiermaschine am Platze Balrichs, unten, wo die fertigen Bogen ankamen und wo man von der Tür her Luft hatte. Den besten Platz hergeben müssen, an einen, der früher einmal etwas gehabt hatte mit der Frau des Maschinenmeisters Polster! Noch dazu war sie die Schwester seines Schwagers Dinkl. Balrich schwitzte den ganzen Morgen mehr von Wut als von der Hitze. Als aber der Inspektor vorüberkam und ihn fragte wieso, bi? er die Z?hne zusammen. Das war unsere Sache und nichts für die Herren oben! Der Inspektor freilich wu?te Bescheid, denn mit der Frau des Maschinenmeisters hatte er jetzt selbst etwas. Daher meldete er sich auch bei dem Herrn Oberinspektor, und beide gingen, als es Mittag l?utete, sogar zum Generaldirektor hinein. Dann ward der Maschinenmeister hineingerufen und kam sogleich wieder herausgeflogen, der dicke Hahnrei, rot bis auf die Glatze. Und dann hatte Balrich seinen Platz zurück, He?ling war gerecht gewesen.
Darüber sprachen alle auf dem Weg zum Essen. Kam ein Beamter vorbei, sagten manche recht laut, He?ling sei gerecht gewesen, - auch Jauner sagte es, denn so war er. Balrich, an den sich viele von ihnen heranmachten heute, dachte den ganzen Tag über die Sache nach, denn He?ling war gerecht gewesen, und das ging nicht. Erst am Abend, vor seinem Fenster, hatte er es. Gewi? hatte auch He?ling von den Liebesgeschichten der Polster etwas erfahren und ihm lag nur an der Ordnung, seinem eigenen Vorteil. Um so schlimmer, dann konnte er gerecht sein, weil es sein Vorteil war, und die Reichen wurden reicher sogar durch ihre Tugend . . . . So stand es, dachte er gleich am Morgen wieder, denn es war Sonntag. Da begann aber schon, droben in der Ferne, das Gebetpl?rren seiner Schwester Malli, und kaum da? es aus war, ein gro?es Gekeif.
Diesmal h?rte er auch Leni, seine jüngere Schwester, mitschreien, weshalb er schnell hinging um nachzusehen. Es gab einen ganzen Kübel voll Dreck. Malli wollte Dinkl ertappt haben bei Leni hinter dem Bretterverschlag; und hinweg über ihren gro?en Bauch, woran drei Kinder sich festhielten, schrie sie ihm zu, er solle sich nichts einbilden, er sei nicht der einzige, - indes Leni aufheulte und Dinkl aus Verlegenheit seine komischen Gesichter schnitt.
?Sch?m' dich!" sagte Balrich zu der verheirateten Schwester. ?Ich wei? ganz genau, da? das wieder nur ein Schwindel von dir ist." Und er zog Leni an seine Schulter. Denn obwohl er gar nichts wu?te, war es unm?glich, da? sie so etwas tat. Er hatte sie lieb. Er hatte sie so viel lieber als Malli, da? er ein schlechtes Gewissen fühlte und nichts mehr sagen mochte. Leni durfte noch hübsch, leicht und sauber sein, Malli, die ?rmste, ward es nie wieder. ?Und ich, wenn ich erst verheiratet bin, werde aussehen wie Dinkl." Malli hatte früher nicht gelogen. Jetzt ward nach dem Aufstehen gebetet, und dann sofort eine Klatschgeschichte, die das ganze Haus durcheinander brachte. Alle hier waren gute Leute, und handelten infolge ihrer Armut als seien sie b?se Leute, - indes Reiche, die nicht gut waren, sogar gerecht sein durften.
Sch?n, jetzt trat die Polster auf und behauptete, Dinkls h?tten ihr Milch gestohlen. Neuer Krach, neue Tr?nen, und durch die Aufregung kamen bei Malli die Wehen. Die Polster half ihr sofort wie eine wahre Schwester, zog sie aus, bettete sie, versprach ihrem Bruder Dinkl sein Essen und nahm die drei Kinder mit sich. Sie selbst hatte keine, darum konnten Polsters sich zwei sch?ne Zimmer halten. In dem einen standen Plüschm?bel, Blattpflanzen und ein Phonograph, es kam wohl auch von den Freundschaften der Frau. Aber wenn man das h?tte genau nehmen wollen! Dinkl hatte noch die besondere Freude, da? das Familienereignis auf den Sonntag fiel und Malli voraussichtlich nicht mehr als zwei Arbeitstage verlor. Nachmittags, gerade als Balrich wieder nachfragte, kam hoher Besuch, Frau Generaldirektor He?ling und ihre Schw?gerin Buck. In der Tür blieben sie stehen, sie machten Gesichter, als ob es ihnen an die Gurgel ginge. Wahrscheinlich wirkte die Luft hier so, wenn du sie nicht gew?hnt warst. Sie aber schienen sich deswegen zu genieren und fingen an, auf Malli einzureden wie auf einen kranken Kanarienvogel. Mit der Hebamme flüsterten sie und zogen die Brauen hoch. Balrich sah sich so lange und genau die Buck an, bis die He?ling es merkte und halblaut: ?Emmi!" rief, wobei sie sie streng am Arm packte. Dabei lie? die Buck ihre Tasche fallen und Balrich, mit einem Sprung, hob sie auf. Als er sie ihr hinhielt, zog sie zuerst die Hand zurück, dann erst unter dem Blick ihrer Schw?gerin griff sie zu. Inzwischen beroch er sie, denn sie roch nach Veilchen. Sie war noch hübsch, die Figur war, wie unsere M?dchen sie nur bis zwanzig haben. Auch Leni hatte so goldblondes Haar, aber das der Buck war nicht verstaubt. Endlich, w?hrend sie die Tasche nahm, sah sie ihn sogar an und l?chelte, etwas schüchtern und sozusagen bes?nftigend. Vor seinen zusammengewachsenen Brauen machte ihr L?cheln aber sogleich kehrt. Darauf trat Balrich hinter den Bretterverschlag Lenis.
Dinkl kam zu ihm, stie? ihn in die Seite und wisperte, warum er sich verkrieche. Die eine sei scharf auf ihn, da habe er einen sch?nen Posten in Aussicht. Dinkl machte Witze, weil es ihn nichts anging. Balrich, den es anging, hatte ein Gefühl in der Brust, wie er es einmal gehabt hatte, als er entlassen worden war. Die Buck hatte ihn behandelt wie ein Tier, - man fürchtet es und nimmt es doch nicht ernst; nicht aber wie einen Mann.
Nun gingen sie, Dinkl, scharwenzelnd, brachte sie hinaus, da geschah ein Unglück. Aus seinem tiefen Bückling war Dinkl noch nicht wieder aufgekommen, als sie es schon hatten und auf der Treppe lagen, die He?ling verlor den Hut samt der H?lfte ihrer wei?en Haare. über dem Gel?nder hoch droben w?lzten die Dinklschen Kinder sich vor Lachen, - worauf der Vater zu begreifen anfing. Mit geschwungener Faust verjagte er die Kinder und half dann den Damen. Zum Glück nahte von unten der Herbesd?rfer, so brachte man sie bald wieder auf die Fü?e. ?Mein Gott, was war denn das!" riefen sie, auf einmal mit ungezwungenen Stimmen. ?Ist hier auf den Stufen nicht Seife?" Dinkl wollte es leugnen oder unbegreiflich finden, Herbesd?rfer erhob seine eingerostete Stimme nur zu einem ?Achtung!" und breitete die starken Arme aus, für alle F?lle. Sie aber baten die beiden Arbeiter, nachzusehen, wie es rückw?rts um sie stehe, und als Dinkl durchaus keine Seife an ihnen fand, fanden sie selbst sie.
?Was jetzt! Wir müssen doch zum Tee in die Stadt. Noch einmal nach Hause und uns umkleiden?"
Dinkl riet hierzu, sie wieder meinten: ?Das kostet eine halbe Stunde, und was sagt die Generalin!"
Angelegentlich wandten sie sich an Herbesd?rfer, um auch seine Ansicht zu erfahren, freilich ohne Erfolg, er machte ein barsches Gesicht. Die Polster kam herzu, schlug die H?nde zusammen und erbot sich, von den Kleidern alles abzuwaschen, - worauf eine technische Verhandlung folgte. Sie blieb ohne Ergebnis; so drang Dinkl durch, mit seinem Hinweis auf die besondere Leistungsf?higkeit des He?lingschen Autos.
?Das mu? wahr sein," sagte Frau Generaldirektor He?ling, ?es ist ein Charron."
Dinkl gab zu bedenken, ob nicht die deutsche Industrie den Vorzug verdiene, selbst wenn sie nicht ganz so leistungsf?hig sein sollte. Ernste Meinungsverschiedenheiten erwuchsen hieraus nicht, unter dem Entgegenkommen beider Teile setzte die Unterhaltung sich fort bis vor das Haus. Erst beim Anblick ihres Chauffeurs ging durch die Damen ein sichtbarer Ruck, und als sie gar im Auto sa?en, erwiderten sie den Gru? der Arbeiter nur noch aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu rühren.
Dinkl fand sich damit ab, er stand, als das Auto fort war, und lachte, da? sein Gerüst wackelte. Die Kinder, die nachgeschlichen waren, bekamen vom Vater ihre Ohrfeigen, aber er lachte dabei, und alle mit, die Polster samt den Nachbarinnen.
Als die Bande wieder hinaufstürmte, würde sie den Karl Balrich überrannt haben. Er stand auf dem Treppenabsatz und schien vertieft in den Seifenfleck. Er machte ihnen Platz, lachte aber nicht wie sie, sondern faltete die Brauen . . . Sein Schwager klopfte ihn auf die Schulter und nahm ihn mit in die Kantine; der Malli seien sie doch blo? l?stig in ihrem Betrieb.
Die Kantine war voll, von allen Tischen wurden Fragen geschrien wegen des hohen Besuches und der Seife. Der Vorfall mit der Seife besch?ftigte alle. Seife war das Stichwort für Witze, die sich alle ?hnlich sahen, und jeder erregte das gleiche Gebrüll.
Zu Balrich, Dinkl und Herbesd?rfer setzte sich stumm der alte Malermeister, der seit kurzem im Keller bei Klinkorum wohnte. Er war umhergezogen und hatte sich eben durchgeschlagen, ein unruhiger Taugenichts, bis er es gut fand, seine altgewordenen Knochen an den Ort zu tragen, wo er Heimatsrecht und Verwandte hatte. Er und Balrich sagten nichts, - bis Herbesd?rfer sie etwas fragte. Er hatte eine Aussprache wie ein Wilder und ?u?erte sich so angestrengt, als verlernte er das Sprechen von Tag zu Tag. Er fragte: was den reichen Weibern denn einfalle, da? sie ungebeten eine Arbeiterin in den Wehen zu begaffen k?men, wie eine Kuh. Dinkl stie? ihn heimlich an, und unter dem Tisch zeigte er ihm das Zwanzigmarkstück, das die Besucherinnen dagelassen hatten. Laut sagte er: ?Sie haben Langeweile gehabt. Das Teewasser bei der Generalin hat noch nicht gekocht."
Balrich inzwischen atmete schneller. Er war im Begriff, sich aufzurichten und zu bekennen, da? auch die Reichen ein Herz haben k?nnten! Denn vor sich hatte er das schüchterne L?cheln der Emmi Buck, und mitten in dem Qualm hier berührte ihn ihr Veilchengeruch. Da sah der alte Maler ihn an mit seinem Grinsen im Bocksbart und nahm ihm das Wort weg.
?Ich wei? Bescheid, - seit ich ein reiches Luder habe laufen gesehen, weil eine Arbeiterin mit dem Arm in der Maschine hing. Sie hatte vorgesorgt, da? ihr so etwas gleich gemeldet werde."
?Das hast du selbst gesehen, Onkel Gellert?" fragte Balrich drohend. Denn er dachte an die kleinen M?dchen, die der Alte an sich lockte.
?Ich selbst, - und die Arbeiterin war sp?ter meine Frau, deine Gro?tante."
?Ja, dann," murmelte Balrich und sah den Tisch an. ?Nicht hinsehen wo Geld ist, das ist das beste." Und innerlich bat er es seiner Schwester Leni ab, da? er ihr, fast eine Stunde lang, die Reiche vorgezogen hatte.
Simon Jauner schlich herbei; was Balrich ganz leise sprach, hatte er doch geh?rt; und er schlug auf den Tisch, als habe er Wut. Ansehen das Geld, sei zwecklos. Aber so! Und mit krummen Fingern grapste er über den Tisch hin. Balrich, der ihn kannte, sagte gelassen: ?Ich esse lieber mein selbstverdientes Brot," - und schnitt aus seinem Brot einen Würfel. Da lie? Jauner sich in die Bank gleiten, grade neben Balrich. Nun er Balrich von seinem Platz an der Maschine nicht hatte verdr?ngen k?nnen, fand er es wohl geraten, sich anzun?hern. Er fa?te sogar treuherzig den Arm des andern und sagte eindringlich:
?Dein Brot? He?lingsches Brot, willst du sagen! Denn in seiner Fabrik verdienst du nur gerade so viel, da? du in seiner Kaserne wohnen und in seiner Kantine essen kannst. Was darüber ist, ist vom übel," schlo? er h?misch, und zeigte zuerst Balrich, dann den anderen seine gelben Z?hne und seine gelben Augen. Sie wu?ten wohl, sie würden kein Wort sprechen, das der Inspektor nicht erführe; denn er hatte dem Jauner geschadet, wer mu?te also beflissener gegen ihn sein als Jauner. Dennoch hielten sie nicht an sich. Kantine und Kaserne, zu wahr, brachten dem He?ling mit Zins wieder zurück, was er ihnen zahlte. Der Strom des Geldes rollte endlos unweigerlich in die eine Tasche, sie aber mit ihren Schwielen standen lechzend daneben, sie, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie machten ihre Kinder für He?ling, wie sie für He?ling die Ware machten, wie sie für He?ling a?en und tranken. ?Prost Ha?ling!" rief Dinkl, und an allen Tischen riefen sie mit; denn gut war es, den Ha? in ein Wort zu fassen, den Ha? einmal deutlich aus den Z?hnen zu lassen und bitter im Glas zu schmecken. Man ging mit ihm schlafen und stand auf mit ihm, - nur Gestalt fehlte ihm, F?uste hatte er nicht. Wir haben jeden Augenblick, jeden von allen, die wir erleben, alles im Bewu?tsein: die ungerechte Gewalt, unter der wir stehen, benachteiligt auf Schritt und Tritt, beim Einatmen und beim Ausatmen, mi?braucht, verachtet, hinter das Licht geführt. Ihr bildet euch ein, wir verg??en? Jawohl, ihr denkt, wir riechen unsere schlechte Luft nicht mehr, in den überfüllten Stuben der Kasernen, die ihr uns baut. Arbeiterh?user A und B, das hei?t nicht arbeite und bete, wie der Konsistorialrat Zillich bei der Einweihung erz?hlt hatte; es hei?t Affenbude oder alles be-. Wir riechen, und wir vergessen nicht. Sehr begreiflich, bemerkte Balrich, da? den Damen He?ling und Buck, wie sie eintraten, der Gestank an die Gurgel ging, und komisch blo?, da? sie sich deshalb zu genieren schienen. ?H?tten wir sie in der Gewalt, wie sie uns haben, wir würden nicht so viele Umst?nde machen!" Dinkl und Jauner erkl?rten auf das deutlichste, was sie mit den reichen Weibern heute gemacht haben würden, trotz den wei?en Haaren der einen. Einen Laut aber, der Schlimmeres verhie?, stie? Herbesd?rfer aus. In seinem ger?teten Kopf war die Kartoffelnase wei? wie der nackte plumpe Hals, und die Augen hinter den runden Brillengl?sern starrten blind, als h?tte er Gesichte.
Dinkl inzwischen war in die Mitte getreten, schob die Daumen in die Achsell?cher seines gelbkarierten R?ckchens und machte vor, wie er spazierengehe. Ein feiner Fatzke begegnete ihm. Den feinen Fatzke mu?te Jauner machen; er nahm sein steifes Hütchen vom Rechen und drückte die Beulen heraus. Bei ihm angelangt, schleuderte Dinkl ihm die Faust bis nahe unter das Kinn, wobei Jauner überm??ig erschrak. Dinkl aber tat, als habe er nur die Zigarette an den Mund führen wollen. Alle l?rmten Beifall. So war es! Jeden Reichen konnte man mit einem Finger erschrecken, da? er in Ohnmacht fiel, denn sie schliefen immer. Sie gingen in den Stra?en und merkten nicht, wie sie unter uns Arbeitern vereinsamt waren - blo? noch die Polizei war da -, und wie ihre Pelzm?ntel sich verloren zwischen den vielen geflickten Sommerjacken. Sie merken nichts, sie schlafen. Nie, denken sie, kommt es anders. Denn sie sind es gew?hnt, sie hatten es leichter als wir, sich zu gew?hnen.
Hier war Herbesd?rfer fertig mit seinen Vorbereitungen, auszusprechen, was er sah. Er zeigte seine riesigen H?nde her, ein Finger war wei? verbunden, - ?ffnete und schlo? sie, da? sie knackten, und sagte mühsam vor Kraft:
?Das Ganze kommt anders!"
Balrich, gegenüber, h?rte ihm achtungsvoll zu. Dadurch entging es ihm fast, da? der alte Gellert ihn leise in die Seite stie? und ihm etwas anvertraute. Er schien es lange in sich unterdrückt zu haben, und nur die gesteigerte Stimmung der Umgebung bewirkte es, da? sein letzter alter Zahn sich aufhob und etwas herauslie?.
?L?ngst schon k?nnte es anders sein," wisperte er. ?Auch umgekehrt w?r' ein Schuh geworden. Hab' ich He?ling mit gegründet, was fehlt dann viel, und ich w?re, was er ist."
Sein Gro?neffe sah ihn an; der Alte kniff die Lippen und machte sich klein, als habe er nichts gesagt. Balrich stutzte kurz; schon zuckte er die Achseln, Geschw?tz ohne Kraft war nicht achtbar.
Auch kamen eben jetzt die Genossen auf die Partei zu sprechen. Die Partei war mit nichten einwandfrei, sie enthielt Elemente, die mehr an sich dachten, als an die arbeitende Klasse. Jauner, als der Mi?vergnügteste, kennzeichnete den Genossen Napoleon Fischer, unseren Abgeordneten, der Gesch?fte gemacht hatte, aber bessere für sich als für uns. Er stand gut mit He?ling und wu?te auch der Regierung nichts mehr abzuschlagen. Was bekam er für die Unmenge Milit?r, die er bewilligte? Wieder eine Versicherung, wieder eine Fürsorge. Und hatte doch gearbeitet, sogar bei He?ling. Was hoffen von den anderen, mit den weichen H?nden.
Dies war wohl richtig; dennoch wagte sich der Beifall viel weniger entschieden heraus, als vorhin, gegen Arbeitgeber und besitzende Klasse. Hiermit war nicht zu spa?en, und was Jauner dem Parteibeamten wieder erz?hlte, konnte dir schlechter bekommen als sein Bericht an den He?lingschen Herrn Oberinspektor. Soviel lie? sich wohl sagen, da? die Versicherungen und Fürsorgen ihre zwei guten Seiten hatten, eine für uns und eine für die Reichen, denen sie zu einem besseren Schlaf verhalfen. Dinkl, als der Unvorsichtigste, ging weiter und behauptete, das zweite sei die Hauptsache, und der alte Arbeiter, der von dem Pensionsplunder leben k?nne, sei noch nicht geboren.
?Mein eigener Vater, wie oft ich ihm ins Gewissen rede, vor Mittag, wenn wir M?nner noch nicht aus der Fabrik zurück sind, geht er mit seiner E?schüssel bei den Nachbarinnen umher."
Hierzu war der Alte gen?tigt, weil seine Kinder ihm das Geld seiner Altersversorgung abnahmen und ihm nicht satt dafür zu essen gaben. Dies wu?te man; aber welcher Vorwurf traf einen Kameraden, der Frau und vier Kinder hindurchbrachte. Besser, es hungerte ein Alter.
Herbesd?rfer, l?ngst nicht mehr wild, hatte ein von der Furcht zusammengezogenes Gesicht und jammerte in rauhen Lauten vor sich hin. Er beklagte sich über den Kassenarzt, der ihn schon wieder zur Arbeit schickte, obwohl er im Knie seit seinem Unfall noch immer eine Schw?che hatte. Er hatte die Schw?che nicht, wenn er drau?en umherging; aber kaum in der Fabrik, hatte er sie; und die Furcht, hineinzufallen zwischen die Mühlr?der und zermahlen zu werden mit dem Holzstoff, machte ihm Schwindel.
?Das kenne ich," sagten sie an den anderen Tischen. Denn sie kannten es.
?Man hat doch nur seine Gliedma?en. Frau und Kinder haben nur meine Gliedma?en. So ein Doktor tut immer, als wachsen sie nach."
?Der w?chst nicht nach!" schnaubte dort hinten einer, und reckte in den Schein der Lampe seine Hand, der ein Finger fehlte. Da hob auch Herbesd?rfer, rauh winselnd, seinen verbundenen Finger zum Licht hinauf; und über zwei Tische, und dann nebenan, und dann an jedem kamen Finger ans Licht, dick umwickelt und wei? inmitten einer Hand, die dunkel befleckt war von den unverg?nglichen Spuren der Arbeit. Wie alle diese verbundenen Wunden durch die Luft geschwenkt wurden, roch man auf einmal deutlich den dünnen scharfen Geruch, der unter den Ausdünstungen der K?rper und dem Tabaksqualm, halbvergessen immer da war, den Geruch des Karbols.
Auch Karl Balrich sah einen seiner Finger in Leinen gewickelt, er prüfte ihn, die Brauen gefaltet, unter dem Tisch. Jeder in diesem Augenblick hatte ein Gesicht, das den allertiefsten Ernst des Lebens trug. Da, in einer Stille, sagte Balrich:
?Das hat seine Zeit, und dann kommt die Gerechtigkeit."
?So ist es!" sagten sie, und ein Geschwirr entstand, aus leisen Zustimmungen, den halben Lauten der Gl?ubigkeit. Auf dem Wege sind wir, zur Gerechtigkeit, - und s?hest du t?glich mehr, da? er lang, ist, gez?hlt sind die Tage der Reichen. Wir werden, mit dem was jetzt sie uns kosten, selbst reich sein, alle; werden in gelüfteten S?len gemeinsam unser gutes Essen haben, und Maschinen, die uns geh?ren, arbeiten für uns. Mit jenen aber wird es aus sein. W?re dem anders, warum s?uft man nicht, oder bricht ein.
Das tun wir nicht, weil wir vernünftiger sind als sie. Wir k?nnen frei aufatmen, so, ganz frei, mitten in unserer Stickluft, denn bei uns sind Vernunft und Zukunft. Ihr dort seid erblindet durch den Besitz, ihr wi?t nicht einmal mehr, was ihr in H?nden habt. Wer unter euch sch?tzt das Wissen, den Geist, gleich uns? Ihr habt ihn vergessen, in eurem Fett. Wir, wir begreifen, da? er es ist, der die Welt erobert, und da? er auch wieder ihr Ziel ist. Jede Bibliothek, die wir zusammenbringen oder abringen eurem Geiz, ist ein Wegmal für unsere Heraufkunft und euren Untergang.
Dinkl, mit einem Luftsprung von seinem Sitz auf, rief aus:
?Nichts freut mich, wie die hunderttausend Mark, die ihn die Bibliothek kostet!"
Und alle frohlockten über diese Niederlage des Generaldirektors. K?mpfe freilich kostete noch die Verwaltung der Bibliothek, denn satzungsgem?? stimmten auch Beamte beim Ankauf der Bücher, und verhinderten, soviel sie konnten, die Aufnahme der Parteischriften. Herbesd?rfer schmunzelte, tief befriedigt. Seit gestern hatte er, sicher verschlossen in seinem Zimmer, ?das Kapital".
Da betrachtete Balrich ihn, sein armes grobes Gesicht, das verriegelt aussah und hinter seiner gro?en Brille immer in Anstrengung und Angst schien, ob es nicht endlich sich ?ffnen, klarsehen und begreifen werde, sein tapferes, vergeblich ringendes Gesicht.
?So steht es um uns," fühlte Balrich. ?Wir sind zu schwach, obwohl wir die St?rkeren scheinen. Die Bücher, mit denen Ausbeutung und Elend zu besiegen w?ren, liegen in unserer Lade, wir aber sitzen hier, verbraucht vom Knechtstum der ganzen Woche und ohne Handhabe, um unsere Waffen nutzen zu lernen. Kommt dennoch einer von uns dahin, die wissenschaftlichen Werke zu erfassen, seinen Kindern kann er es darum nicht leichter machen. Wir bleiben, wo wir sind. Trachten wir das Glück zu genie?en, das Armut uns erlaubt!"
Hier erinnerte er sich, da? ein M?dchen auf ihn wartete - sein M?dchen, wenn er wollte. Aber wollte er, und mu?te es diese sein? Er stieg aus der Bank ohne Eile, trat noch an den Tisch drüben, h?tte sich fast daran niedergelassen, - und als er dann hinausgelangte, stand dort hinten unter der Friedhofmauer schon das M?dchen. Sie stand in ihrem braunen Tuch ein wenig gebeugt, als wartete sie seit einiger Zeit, und sah ihn erst, als er schon nahe war.
?Thilde!" rief er aufmunternd, worauf sie ihm ein Gesicht zeigte, das voll Gram war. Er kam aber so mutig herbei, breit, spannkr?ftig und fest, mit dem dunkeln Schopf unter der Mütze hervor, so wohlgeraten kam er, da? sie ihm dennoch entgegenl?chelte.
?Warst du schon drinnen?" fragte er ged?mpft und wies nach der Friedhofpforte.
Sie nickte. ?Mein Kleines hat alles was es braucht. Wenn auch wir das h?tten."
?Das sollst du nicht sagen," verlangte er; und zarter: ?Gehen wir noch einmal hinein?"
Da sie den Kopf schüttelte, bestand er nicht darauf. Es machte nur traurig, und hatten sie nicht beide mehr vor als hinter sich? ?Komm fort!" sagte er bestimmt, nahm ihren Arm und ging schneller. Im Schatten der Mauer, von der Büsche hingen, dr?ngte, sie sich an ihn mit den Hüften. Sie waren breit, die Brust voll, und dazu das magere Gesicht, aus dem sie bange zu ihm aufsah.
Am Ende der Mauer pfiff sogleich der Wind. Balrich wickelte Thilde fester ein. Erst M?rz; kahl d?mmerndes Feld; und sie stapften durch Regenlachen. Rechts zwischen dürren B?umchen die Villen, genannt Arbeitervillen; aber fast nur noch Beamte wohnten darin. Als Arbeiter mu?te man sehr wohl gelitten sein. ?Der Jauner wird hereinkommen, wir nicht."
Und wegen der Pfützen bald getrennt, bald wieder beisammen, begannen sie zu rechnen. Balrich hatte seine zwei jungen Brüder, der eine noch schulpflichtig, der andere unbezahlt. Das kleine M?dchen Thildes war keine Last mehr, sagte Balrich. Nur noch ihre Mutter, zu schwach um zu arbeiten, hing an ihr. ?W?re das nicht," sagte er, im Drang sie zu schützen, ?du solltest gar nicht mehr arbeiten, du ?rmste, und ich für zwei."
Hierauf sah sie ihn an, bitter und mi?trauisch, und mit einer h?heren, sch?rferen Stimme sagte sie, da? sie nichts brauche und ihre Mutter sei ihr so wenig zur Last, wie früher das Kind. ?Du m?chtest wohl, auch sie l?ge schon drau?en!"
Da merkte Balrich, da? sie einander nicht verstanden, - und wollten einander doch lieben? Er h?tte darauf bestehen sollen, da? sie zusammen an das Grab gingen. Nun argw?hnte sie, da? er ihr das Kind verdenke, vielleicht immer es ihr verdenken werde. ?Das nicht," fühlte er. ?Das wirklich nicht. Aber sie hat ihr Leben gehabt, bevor ich da war. Sie hat einen andern gekannt, und ich glaube zwei. Nun denkt sie von mir bisweilen nicht gut."
Sie war zwanzig, so alt wie er; und auch er hatte schon zwei M?dchen gehabt. Ihm aber war nichts zurückgeblieben, er h?tte lieben k?nnen wie das erstemal. Nur, warum denn diese, die manchmal so fremd schien, als sei sie aus einem andern Land. Durch sie hindurch erblickte er pl?tzlich seine Schwester Leni, unberührt, unbeschwert und vertrauend auf das Glück. Das war sein Blut, sein Land, war die gute Zukunft. Diese hier, wie müde!
Fühlte sie denn, was er dachte? Anklagend erhob sie nochmals das Gesicht gegen ihn und sagte in einem Ton, der weh tun wollte: ?Gib acht auf deine Schwester Leni! Sie ist vor dem Kind nicht sicherer als wir anderen."
Balrich lie? sich aber nicht wehtun. Er nahm fest ihren Arm in den seinen und sagte sanft:
?Dein Kind war ein gutes und liebes Kind."
Er erlaubte ihr nicht, sich loszumachen, und am Ende gab sie nach, sank leise gegen ihn, und aus ihren geschlossenen Augen rannen Tr?nen. Langsam, in der D?mmerung und im Wind, erreichten sie den ?Arbeiterwald", der B?nke hatte. Umschlungen setzten sie sich auf eine feuchtkalte Bank, unter gro?en schwarzen ?sten ohne Bl?tter. Vor ihnen die Fabrik, und hinter den drei Reihen der Fabrikgeb?ude ging die Sonne unter, von Wolkenstreifen überzogen wie von Rauch. Sie starrten in die R?te und dachten beide, da? es gut w?re, warm zu haben. In ihrem Rücken, hinter hohen Planken, lag der ?Herrschaftswald", begann hier wild, und immer gepflegter, blumiger und geschützter gegen den Wind und gegen die b?sen, sehnsüchtigen Blicke, umgab er endlich als sü?er Garten die Villa H?he, das verbotene Paradies.
?Dort friert es keinen," sagte das M?dchen. Der Arbeiter sagte:
?Dort k?nnen sie ern?hren, wen sie lieben."
Da die Sonne fort war, der Wind k?lter blies und es anfing zu regnen, standen sie auf. Thilde wollte umkehren, Balrich aber strebte der Fabrik zu. Er wisse eine Unterkunft beim Regen. Auch Thilde sah sie wohl, es waren die Waggons, die von der Fabrik zum Bahnhof fuhren. Dort hielten sie, einer mit offener Tür. Das M?dchen str?ubte sich, hineinzusteigen.
?Weil die Lumpen darin so schlecht riechen?" fragte er. Sie antwortete:
?Was soll mir das machen. Ich stehe mein ganzes Leben in einem Lumpensaal."
Und sie lie? sich hineinhelfen.
?Es ist doch trocken hier auf den Lumpen," sagte er.
?Und sogar warm," flüsterte sie und überlie? sich seinen begehrlichen H?nden.
Da sie an seine Brust gedr?ngt im Dunkeln nach seinen Augen suchte, schlo? er sie, allein mit seinen Gedanken. Dies war das Beste was wir hatten - und machte doch alles nur schlimmer. Die Liebe war eingesetzt, damit es mehr Proletarier gebe. ?Für He?ling arbeiten wir, selbst hier, - und freilich auch für unsere Führer. He?ling und unsere Führer sind darin einig, da? wir nicht zahlreich genug sein k?nnen. Denn beide brauchen sie Menschenmaterial."
Das M?dchen sagte:
?Dies haben wir doch. Dies nimmt uns keiner. Kü?' mich, du Lieber!"
Aber sie fuhren auseinander, ein Schlag dr?hnte an der Wagenwand, und in die Tür trat ein gro?er Umri?. Der Aufseher! Er schalt auf das Gesindel, das in den sch?nen Lumpen seine Schmutzereien treibe. Als Balrich hervorkam, hielt der Beamte ihn fest und suchte ihm mit seiner Taschenlampe in das Gesicht zu leuchten. Balrich stie? ihn aber zurück, zog auch Thilde heraus, und schon liefen sie. Verfolgt von Schimpfreden liefen sie durch den Regen, jeder für sich, und wu?ten schon nicht mehr im Dunkeln, wo ist der andere. Nahe beim Friedhof erst fanden sie sich wieder. Da sah er unter der Laterne, wie durchn??t sie war, denn beim Fliehen hatte sie ihr Tuch in den H?nden des Aufsehers gelassen. Er zog sogleich seine Jacke aus und h?ngte sie um sie und sich. Ganz aufeinander geneigt gingen sie nun, ein Kleid, und man konnte deuten, ein Herz. Sie aber zitterte vor K?lte und er vor Zorn.
Die Kantine war nur noch schwach erhellt, kein Laut drang heraus, vor der Tür nur erkannten sie Simon Jauner - und bei ihm, an der Mauer, zwei Schatten, die aussahen wie Herren.
War dies nicht der Herr Oberinspektor selbst - und jener gar, o Gott! Geduckt schlichen sie vorüber, ein Kleid, ein Herz. Hinter ihnen sagte die Stimme eines Herrn:
?So gut haben es nur solche Leute."
Der Arbeiter und das Bürschlein
Zweitn?chsten Sonntag kamen die Familien Dinkl und Balrich mit dem Neugeborenen Mallis über das Feld zurück von Beutendorf, wo es getauft war. Alle gingen geradeswegs in die Kantine und tranken, der S?ugling an der Brust. Sie sa?en an einem langen Tisch und noch allein. Als andere G?ste eintraten, hatten sie schon zu Mittag gegessen und waren aufger?umt. Der Gro?onkel Gellert, vertrocknet unter seinem schwarzen Gehrock und mit dem Grinsen im Bocksbart, vollführte einen Tanz, verbunden mit H?ndeklatschen und Gestampf, um seine Nichte Leni her. Er behauptete, drau?en irgendwo Derartiges gesehen zu haben.
Dann fiel er freilich auf die Bank und blies mühsam aus seinen H?ngebacken. Indes ringsum L?rm war, beobachtete Karl Balrich gespannt das Wackeln des Alten und seinen Blick, der sich greisenhaft verglaste. Pl?tzlich, das Auge auf ihm, raunte er ihm zu:
?Onkel, was war es damals, mit dir und He?ling?"
Gellert starrte verst?ndnislos. ?Damals?" fragte er. Balrich nickte fest.
?Mit dir und - du wei?t schon."
Denn er hatte sich entschlossen, ins reine zu kommen mit dem Geschw?tz von neulich. ?Was fehlt viel, und ich w?re, was er ist," hatte der alte Tunichtgut gesagt, von sich und dem Generaldirektor. Geschw?tz, dachte Balrich, so oft es ihm einfiel, und doch fiel es ihm ein. Jetzt wartete er, bis der da kam, - und schon kam er. Er begriff, fuhr auf und fragte zitternd:
?Hab' ich denn geschwatzt?"
?Du hast schon zu viel gesagt," erkl?rte Balrich. ?Jetzt sag' auch den Rest!"
?Wei? schon jemand?"
?Von mir kein Mensch. Bist du aber nicht offen mit mir -"
Der Alte winkte beschw?rend. ?Lieber du als die anderen. Du bist der tüchtigste. Dein Onkel leider war nicht tüchtig."
Das sei ihm bekannt, sagte Balrich barsch. Er hatte keinen Sinn für Familienmitglieder, die mit siebzig Jahren ihren Neffen wohl etwas Erworbenes h?tten mitbringen k?nnen, und statt dessen fielen sie ihnen noch zur Last. Auch der Tanz vorhin um Leni her hatte ihm mi?fallen.
Der Alte blinzelte erregt. Aus Furcht vor dem Neffen lie? er alles fahren.
?Konnte man denn wissen, damals?" Man hat einen alten Freund, Kriegskameraden, Fechtbruder. Mein Strohsack, dein Strohsack, meine Laus, deine Laus; und auch die Sparpfennige immer auf demselben Brett. Manchmal waren es Taler. Und als der eine im St?dtchen bleiben will, sein Handwerk treiben und Meister werden, l??t der andere ihm, bis er wiederkommt, seine Taler.
?Das warst du?"
?Gott sei es geklagt."
?Und der die Taler nahm, war der alte He?ling."
?Und der sie auch behielt. Verstehst du wohl?" wisperte Gellert. Balrich hob die Schultern.
?Würdest du sie sonst noch haben?"
Da griff der Alte mit Leidenschaft um die Tischkante und rief in der Fistel:
?Nicht die Taler, meinen Anteil an Gausenfeld würde ich haben!"
Kaum ausgesprochen, verfolgte er das Wort auf den Gesichtern der N?chsten. Sie hatten in ihrem L?rm es nicht geh?rt. Balrich seinerseits wendete sich unwirsch weg. Das war einmal der Mühe wert, um solch ein Gefasel noch nachzufragen. ?Mit deinen vier Talern hat er also Gausenfeld gegründet?"
Gellert zischte. ?Es waren aber vierhundert weniger vier. Ja doch! Und alles war von einer Meisterin, bei der ich gearbeitet hatte - gearbeitet, du wei?t schon wie. Mit dem Pinsel, womit ich anstrich, würde ich beileibe das nicht verdient haben."
?Unehrliches Geld," sagte Balrich. Der Alte meckerte.
?Sie hat es hergeben müssen, sonst holte sie der Teufel."
?Und der He?ling wu?te davon."
?Vielleicht nicht?"
?Auch ein Lump."
Gellert ward ernst und verweisend.
?Er hatte es nicht selbst getan. Er war sogar ein strenger Mann. Auch er nannte mich Lump."
?Wenigstens gab er dir einen Schuldschein."
?Das mu?te er nicht."
Balrich schob den Kopf vor und sagte dem andern nahe in das Gesicht: ?Jetzt hab ich genug von deinen, R?ubergeschichten."
Hier fing der Alte zu weinen an. ?Ich war es doch," schluchzte er, ?und du willst sagen, ich war es nicht."
Er stie? Dinkl an und auch Herbesd?rfer, bis sie ihm zuh?rten.
?Ein Schuldschein, zwischen alten Kriegskameraden und Fechtbrüdern? Habt ihr das erlebt?"
Da sie nicht begriffen, erz?hlte er nochmals das Ganze, begegnete auch ihren Einw?nden und schwor, noch immer sei sein Geld ihm geschuldet. Warum er es nicht zurückgefordert habe? Als er wiederkam nach mehreren Jahren, war es nicht mehr da. Vielmehr, es steckte im Gesch?ft.
?Es steckte im Gesch?ft? Kannst du das beweisen?"
?Ob ich es kann! Der alte He?ling hat mich doch bei der Hand genommen in seinem Kontor in Gausenfeld und hat mir alles vorgerechnet."
Balrich sagte, grabenden Blickes:
?Gausenfeld hat dem alten He?ling nie geh?rt. Seine Fabrik stand in der Meisestra?e."
Gellert ward wild.
?Meisestra?e oder Gausenfeld, ich sehe ihn noch an seinem Pult beim Fenster, er kratzte sich hinter dem Ohr und rechnete. Ich sollte nur warten, bald würde ich anfangen, mit zu verdienen."
?Du siehst ihn. Hast du sonst keinen Beweis?"
?Da? er auf seinem Pult einen Tintenwischer hatte, und der war ein Mohrenkopf."
Dinkl fragte ernsthaft:
?Wielange ist das nun her?"
?Auf den Schlag vierzig Jahre!" schrie Gellert.
?Das ist Zeit genug," sagte Dinkl. ?Inzwischen hat der Mohrenkopf vielleicht das Reden gelernt und kann für dich zeugen."
Da er selbst sehr lachte, wandten die anderen G?ste sich her und wollten h?ren. Dinkl schickte sich auch an, ihnen seinen Witz zu erl?utern; Balrich aber verbot es ihm leise und kurz.
Der alte Gellert sank wieder in sich zusammen, und beim Weggehen hatte er nur noch die Sorge, da? niemand weiter von der alten Geschichte erfahre, besonders die Weiber nicht. Dinkl meinte zwar, es sei zu komisch, man dürfe es nicht für sich behalten. ?Onkel Gellert Teilhaber von He?ling auf Gausenfeld! Generaldirektor Gellert!" kreischte er und tanzte auf einem Bein, - indes der Alte mit blutunterlaufenen Augen dabeistand wie ein bittender Hund. Aber Balrich verlangte dringend, da? kein Wort laut werde. Ob Dinkl einen alten Arbeiter, der sich in der Fabrik mit Anstreichen ein Stück Brot verdiene, ins Elend bringen wolle. Dinkl erkl?rte sofort, wenn Onkel Gellert seine Arbeit verliere, werfe er selbst die seine hin, und streiken sollten dann alle!
Dennoch hatte Dinkl jetzt immer, wenn er den Alten sah, einen heimlichen Rippensto? für ihn. ?Wann lassen wir uns denn unsere Dividende auszahlen?" fragte er, und der Alte sah sich nach allen Seiten um wie ein Dieb. Eines Tages aber, in einem Winkel des gro?en Hofes in Gausenfeld, als er vor dem Schichtmachen sein Ger?t ordnete, stie? auch Balrich ihn so an und raunte:
?Du hast wohl noch Zeit bis zur Abrechnung?"
Da entsetzte sich der Alte, und wie gerade ein Schub Arbeiter aus dem Tor kam, glitt er hinein und drückte sich. In diesem Augenblick ward es Balrich zum erstenmal gewi?, Gellert rede wahr, das mit dem Geld sei wahr.
Er h?tte es nicht geglaubt, - obwohl er jetzt jede Nacht darüber nachdachte. Noch nicht in der ersten; die Zweifel n?herten sich langsam, nahmen immer mehr Schlaf und wurden schwerer, eben von der Schlaflosigkeit. Da er nun gewi? war, schlich er, anstatt zu seinem M?dchen, dem alten Gellert nach, der ihm auswich. Eines Abends nur traf er ihn bei Dinkls, ein reiner Zufall. Der Alte, leicht angetrunken, schien weniger ?ngstlich. Da trat Besuch ein, ein Herr in mittleren Jahren, recht dick schon, weiches Gesicht ohne Bart, weicher Hut, der Gang etwas einw?rts, - und hast du nicht gesehen war Gellert fort. Es ging so schnell, im Schatten die Wand hin und ab, da? der Herr sich nicht einmal umsah.
?Ich bin der Rechtsanwalt Buck," sagte er. ?Guten Abend, ich bringe Ihnen, was sonst meine Frau Ihnen bringt. Sie ist nicht wohl." Und mit zarter Hand legte er neben Malli, die das Kind stillte, einen verschlossenen Umschlag.
Dinkl erwies sich gewandt, r?umte die Kinder fort und machte dem Herrn Rechtsanwalt so viel Platz, als genügte seinem Umfang das ganze Zimmer nicht. Buck lie? sich wohlwollend auf den gebotenen Stuhl, hatte einen gerührten Blick für Malli mit dem S?ugling, einen bewundernden für Leni, die die Brust herausstreckte, einen erstaunten über die Kinderschar hin, dann seufzte er und fragte mild und etwas fett:
?Wohnen Sie hier gut?"
Niemand antwortete. Selbst Dinkl hatte die Fassung verloren. Der Schwager des Herrn Generaldirektors fragte: ?Wohnen Sie hier gut?" - anstatt nur hinzuwerfen, da? sie gl?nzend wohnten! In der Stille traf Buck auf die gefalteten Brauen Balrichs. Seine Augen prallten zuerst ab, dann suchten sie um so eindringlicher die des Arbeiters, - dessen Gesicht sich ein wenig entspannte unter dem braunen, weich gl?nzenden Blick. Buck sagte sanft:
?Lieber m?chten Sie natürlich auf Villa H?he wohnen."
Und als sei dies noch nicht genug des Unerh?rten, hob er seine schweren Schultern und sagte ergeben:
?Begreiflich, aber was kann man machen."
Es klang, als bewohnte er selbst, mit seiner Frau und seinem Sohn, nicht einen ganzen Flügel von Villa H?he, sondern allenfalls ein Kellerloch.
Dann stand er auf, gab allen die Hand, ohne irgendeinen dabei anzusehen, und entschwand ihnen, langsam und einw?rts. Die Meinung Mallis und Dinkls war: ?Ein armer Herr!" Leni blies nur geringsch?tzig durch die Nase. Balrich schwieg, und er blieb nicht mehr lange.
Zwischen dem Onkel Gellert und diesem Buck gab es einen Zusammenhang, - und was sollte er betreffen, wenn nicht die alte Geldgeschichte. Balrich zweifelte nicht, er lie? sich in der Kantine ein Fl?schchen mit Schnaps füllen und ging damit durch die rückw?rtige Gartenpforte der Villa Klinkorum, zu dem Anstreicher. Der Schnaps freilich erwies sich als zwecklos, denn Gellert sa? schon vor einer Flasche und war nun soweit, da? er sich ganz allein etwas vorsang. Beim Erscheinen Balrichs sang er:
?So dumm ist der alte Gellert noch nicht. Das hast du gedreht!"
Was er gedreht habe, fragte Balrich. Das Zusammentreffen mit Buck sei kein Zufall gewesen, behauptete Gellert. Ihn aber gehe der Buck nichts an. ?Wie soll ich ihn kennen. Als ich einmal bei seinem Vater war, trug er noch R?ckchen."
?Aha. Bei seinem Vater."
Gellert, stark erschrocken, bot Schnaps an.
?Sein Vater ist doch tot," sagte er, den Blick auf dem Glas. ?Was willst du von ihm. Damals freilich wollte jeder etwas von ihm. Er war der m?chtigste Mann in der Stadt, noch zu meiner Zeit und der Zeit des alten He?ling. Der junge He?ling dann -"
Er strich sich mit der gestreckten Hand über die Kehle.
?- ist mit ihm fertig geworden. Hat ihm sein Geld genommen, seine Aktien, seine Würden, und stellt nun mehr vor als je der alte Buck."
?Der junge Buck aber - - ist ein armer Herr," sagte Balrich, finster grübelnd. Gellert kicherte.
?Hat sich zuerst abschlachten, dann heiraten lassen. Nicht das gesundeste Schwein h?lt das aus."
Balrich rückte n?her.
?Onkel Gellert, du mu?t jetzt loslegen."
Da der Alte sich duckte, fa?te er ihn beim Arm. ?Das hilft dir nicht mehr. Ich wei? schon zu viel. Und dann bin ich dein Gro?neffe. Wer wird wollen, da? du reich wirst, Onkel Gellert? Der, der dich beerben soll - wie?"
Der Alte zwinkerte von unten.
?Glaube doch nur nicht, da? da etwas zu machen ist. Hast du eine Ahnung, was für eine Laus du bist gegen He?ling?"
?Sage mir, was du mit dem alten Buck gehabt hast. Vielleicht w?chst die Laus."
Seine Faust rüttelte an den Alten, bis er sich entschlo?. Ja, bei dem alten Herrn Buck war er damals gewesen, in dem alten Haus in der Fleischhauergrube, mit den Stufen, die abgewetzt waren von den Fü?en der ganzen Stadt. Der Vertrauensmann der ganzen Stadt sollte ihm zu seinem Geld helfen. ?Das Seine hat er getan. Er hat sich den Vater He?ling kommen lassen, und He?ling hat ihm auch geschrieben."
?Auch geschrieben!" rief Balrich unterdrückt.
?Hat ihm schriftlich gegeben, da? in seiner Werkst?tte mein Geld stak und da? ich mitverdienen sollte."
?Wo ist der Brief?"
?Die Abschrift vom Herrn Buck habe ich," - und Gellert entnahm sie der Kommode. ?Er hat sie mir nachgeschickt auf die Wanderschaft und hat mich vertr?stet. Mein alter Kriegskamerad He?ling sei schwer bedr?ngt, und sonst noch allerlei."
Balrich las schon, gierig versenkt. Zurückkehrend seufzte er.
?Das ist eine Abschrift, die mu? keiner uns glauben. Wo ist der Brief selbst?"
Der Alte grinste.
?Der Brief meines alten Kriegskameraden? Gewi? in den Papieren des Herrn Buck. Das ganze Haus war voll von Papieren."
?Und die Papiere?"
Der Alte kam grinsend n?her.
?Heimlich habe ich umhergeh?rt."
Pl?tzlich zerrte er an seinen Kn?pfen, ri? sich die Kleider auf bis zur nackten Brust. Sein Gesicht zerteilte sich in violette Fetzen, und auf heulte er:
?Aus! Der Junge hat sie verbrannt."
Balrich rührte sich nicht. Gellert begann allm?hlich, sich wieder zuzukn?pfen. ?Noch ein Gl?schen," sagte er.
Balrich trank aus.
?Dann kann ich nach Haus gehen."
Unter der Tür fiel er gegen den Pfosten, kam aber gleich wieder auf.
Er ging nicht heim, sondern die Stra?e nach Villa H?he. Die Linden dufteten, ein warmer Wind schlug ihm entgegen. Sommer war geworden aus dem dürren Frühling, in dem er angefangen hatte zu leben, - zu hoffen, zu wollen, zu leben. Sollte dies aus sein jetzt, nie h?tte es dann anfangen dürfen. Lieber tot, als alles wieder sein lassen wie sonst.
?So wird es nicht mehr!" rief er in die Nacht. Vorgebeugt gegen den Wind, machte er F?uste und zerstampfte die Lindenblüten. Jetzt wei?t du! Aufgedeckt war jetzt die Grube. Gestohlenes Geld, und Geld noch dazu, das ein alter Elendsgenosse auf schmutzige Art erworben hatte, dies war die Grundlage des He?lingschen Reichtums. So sah die Grundlage eines gro?en Verm?gens aus, Geschlechtsschande und Diebstahl. Dies ist das wahre Gesicht derer, die ihr enteignen werdet, Proletarier!
?Enteignen! Setzet mich und die Meinen, ehrliche Arbeiter, an die Stelle solcher Verbrecher! W?re in der Welt nur ein Funken Gerechtigkeit, hier liefen alle zusammen, zeugten und hülfen. Statt dessen würden alle nur lachen über den armen Arbeiter, und schrie er zu laut sein verlorengegangenes Recht, ihn totschlagen für toll. Lieber gleich sterben! So ist es bestellt. Lieber gleich sterben!"
Er nahm sein Halstuch ab und suchte in den B?umen nach einem passenden Ast.
Als er aber schon in einer Krone sa?, vernahm er Stimmen, und von der Villa herab kamen zwei Gestalten, Herren, schien es. Wer sollte es sein? Nun, gut, He?ling und sein Schwager Buck sollten die ersten sein, die ihn h?ngen sahen . . . Er fand aber, dies w?re dennoch eine übertriebene Genugtuung für die glücklichen Verbrecher. Ihr Eintreffen war vielleicht ein Fingerzeig ganz anderen Sinnes.
So lie? er sie vorbei, stieg hinunter und folgte ihnen. Die Nacht war schwarz, und er schlich. Dennoch h?rten sie ihn, wenigstens He?ling, denn er blickte sich mehrmals um und ward unruhig, wenn ein Leuchtk?fer ihn anglühte. ?Er hat Furcht vor mir," sah Balrich und freute sich. Er fühlte: Wer schon zum Sterben bereit gewesen war, der hatte und konnte viel mehr als diese reichen Sch?cher. Er hatte ein doppeltes Leben, und mit denen da konnte er Schindluder treiben. Balrich im Gebüsch tat einen Sprung, da? es knackte, und stie? dazu einen Laut aus wie ein Phantasieungeheuer, - worauf He?ling sich hinter einen Baum duckte. Buck blieb nur stehen und knipste mit den Fingern.
Dann gingen sie weiter, immer sprechend; und Balrich versuchte zu verstehen, soviel der warme Wind ihm übriglie?, der das meiste wegtrug. Eins war klar, da? He?ling seinen Schwager herunterputzte wie einen Tagel?hner. Er warf ihm den Weg in der Dunkelheit vor; das Volk sei verroht, es werde immer gef?hrlicher; und ihre Geheimnisse h?tten sie sich auch anderswo sagen k?nnen . . . Welche Geheimnisse? Buck redete von ihnen nur leise. Darauf erinnerte He?ling ihn, um so lauter, an das Geld, das er von ihm bekomme, die Prozesse und Verhandlungen, die er für ihn führen dürfe.
?Solche nicht!" schrie pl?tzlich Buck, - worauf es eine Zeitlang still blieb. Balrich schlich noch leiser, von Nüchternheit ergriffen. Wie kam er hierher? Was hatte er gewollt, welcher Fingerzeig war ihm gegeben? Die Herren dort hatten ihre Welt, nichts wu?te man. War, was ihm im Kopf sa?, nicht ein Schwindel des alten Gellert? Oder er selbst hatte getr?umt?
Aber die Herren stritten weiter - ein richtiger Streit. He?ling nannte seinen Schwager einen Sch?ngeist und Verteidiger in Majest?tsbeleidigungsprozessen, den richtigen Sohn und Erben eines alten Achtundvierzigers. Sein Gesinnungswechsel sei ihm bezahlt worden, als He?ling ihm seine Schwester gab. Buck habe kein Recht mehr auf Widerstand, auf diese gewisse unernste Ironie, die das freundschaftliche Beisammenwohnen in Villa H?he eines Tages gef?hrden und ihn brotlos machen k?nne . . . Worauf Buck von Man?vern sprach, gewissenlosen Treibereien, einem Ende mit Schrecken, und wer bezahle dann?
?Wir nicht!" rief He?ling und lachte.
?Nein, alle," rief Buck. Aber He?ling hielt ihm seine Schulden vor, da gab er klein bei.
Der Arbeiter hinter ihnen fühlte sich unheimlich verstrickt in eine Nacht der Verschw?rungen, - und wer wei? welches Massensterben konnte hervorgehen aus dem tückischen Gem?cht dieser beiden Bourgeois, die einander doch ha?ten! Denn einig sind sie nur gegen uns; untereinander m?chten sie sich umbringen. Behandeln wir sie doch nur so, wie sie einander! Mut! und sieh, was für arme Menschen, die Furcht haben voreinander - und auch vor uns, wenn es Nacht ist und die Soldaten schlafen. Nur angreifen! Haft du gegen sie Waffen, und sei es die schlechteste, sch?me dich nicht! Balrich dachte: ?Ein armer Herr!" und meinte Buck. Der war der schw?chere, zuerst an ihn! Einschüchtern, erpressen - was w?re denn unerlaubt gegen eine Verbrechergesellschaft.
Schon begannen die Laternen der Vorstadt, dem He?ling kam wohl der Mut, er sagte zu seinem Begleiter: ?Magst du nicht weiter, keine Umst?nde!" Und Buck, nach einem Gru? mit dem Hut, kehrte allein um.
Balrich in langen S?tzen sprang zurück bis wo es dunkel war, und hinter ?sten, die er herabzog, wartete er. Es dauerte lange, Buck kam daher, watschelnd und barh?uptig, schwenkte seinen Hut und sprach mit sich selbst. Mehrmals blieb er stehen, und obwohl er den Wind im Gesicht hatte, wischte er sich den Schwei?. ?Ich kann nicht l?nger!" sagte er, wie beschw?rend. ?Ich bin der am schwersten Belastete, der Verr?ter, Gott strafe zuerst mich!"
Da sah er auf, die Strafe nahte schon. Zweige schnellten, und ein Mensch trat vor ihn hin. Buck wartete; da der andere nichts ?u?erte, sagte er selbst: ?Guten Abend."
?Auweh," dachte Balrich, ?es ist gefehlt." Und Zorn kam ihm gegen Dinkl, den Prahlhans, der behauptete, sie schliefen immer und mit einem Finger k?nne man sie umwerfen. Jetzt fragte Buck:
?Sie sind wohl erschrocken?" - und seiner milden Stimme war es anzuh?ren, da? er im Dunkeln ein sp?ttisches L?cheln aufgesetzt hatte. Balrich sagte heiser:
?Sie müssen sich nun bequemen -"
Weiter wu?te er nicht. Undeutlich hatte er sich vorgenommen, sofort und auf der Stelle Geld zu verlangen und mit Skandal zu drohen. Buck erwiderte schlie?lich:
?Ich tue nie etwas anderes als mich bequemen. Sie wünschen also?"
?Alles haben Sie gestohlen!" schrie Balrich. ?Sie geh?ren nicht dahin, wo Sie sind!"
Pl?tzlich brachte Buck ihm das Gesicht ganz nahe.
?Sie sind es also doch," sagte er. ?Ich habe ?fter an Sie gedacht seit heute. Sie sind doch überzeugt, da? auch Sie nicht dorthin geh?ren, wo sie sind?"
Nach einer Pause:
?Sondern in die Villa H?he?"
?Ich will mein Recht."
?Ihr Recht. Nun ja. Gehen wir doch weiter!"
Im Gehen:
?Ich gebe zu, wir haben jeder gleich wenig Recht und fu?en einzig auf dem Zufall. Da? ich nicht meinen Platz r?ume, ist Feigheit, leidige Feigheit. M?chten denn auch Sie so feig werden?"
Er hatte den Arm Balrichs genommen und stützte sich darauf. Seine Sprache ward klangvoll und bewegt.
?Sie sind ein junger Arbeiter und stehen vor dem Leben. Ihresgleichen kann weit kommen. Ich, ich bin ein verlorener Mensch. K?nnte viel Unrecht verhindern und, wer wei?, dem Verderben Unz?hliger in den Arm fallen. Aber der Augenblick kommt, da du Weichling das Herz nicht mehr hast. Verstehen Sie?" fragte er, stehenbleibend.
Balrich verstand, da? der da aus der Fassung war und hier im Dunkeln mit Dingen hervorkam, die nur ihn angingen. Ein armer Herr! Er machte seinen Arm frei. -
?Was ich will, mu? Sie nichts kosten," sagte er hart. ?Ich will Ihre Zeugenschaft und da? Sie den alten Brief herausgeben, worin geschrieben steht, da? das Geld des alten He?ling von meinem Onkel Gellert war."
Buck z?gerte nur kurz. Wieder mit seinem gewohnten Phlegma sagte er:
?Schon gut. Dann kommen Sie."
Er ging voran. Balrich hinter ihm fühlte das Herz im Hals und fürchtete, nicht mehr mitzuk?nnen. War es denn wahr? Buck hatte den Brief? Und gab ihn einfach her? War dies Wahnsinn? War es eine Falle?
Er h?rte nichts mehr. Erst als Buck ihm nachrief:
?Wohin laufen Sie denn?" kehrte er um. Sie waren schon vor Villa H?he. Ein dunkler Gartenweg. ?Halten Sie sich an mich," sagte Buck. ?Ich gebe lieber nicht das Zeichen, Licht zu machen. Wir kommen ohne Licht besser aus."
Er führte ihn um das Haus, an vielen dunklen Fenstern vorbei. Als es hell ward, stand Balrich in einem weiten, seidenen Raum, goldgelb mit hellen Bildern. Buck verschwand nebenan, dort war es rotgolden und voll von Büchern. Sogleich kehrte er zurück.
?Da!" - er reichte den Brief hin. ?überzeugen Sie sich!"
Indes Balrich das alte Papier hervorzog, entfaltete, prüfte, - sprach Buck in Ruhe weiter und holte dabei eine Kiste Zigarren.
?Da? er nicht mit verbrannt ist, dürfen Sie nicht für Zufall halten. Den ganzen Aktennachla? meines Vaters habe ich gesichtet und dies zurückbehalten. Ihr Onkel war verschollen oder tot. Aber Sie, dachte ich, sein Erbe, mü?ten doch einmal auftreten . . . Was haben Sie denn?" fragte er; denn Balrich hatte eine hochger?tete Stirn, und mit wilden Blicken über die Pracht der R?ume hin, stie? er ein irres Gel?chter aus.
?Das geh?rt mir," sagte er. Buck lie? sich langsam in einen Sessel.
?Sie übertreiben. Der Proze? wird Sie erstens viel Geld kosten."
Balrich zog die Brauen zusammen, da? die Augen darunter wie ein schwarzes Band aussahen. Er war tief erbla?t, er k?mpfte mit der Versuchung, über den Menschen herzufallen.
?Das beste ist entschieden," sagte Buck, ?Sie nehmen ein Glas von diesem hier." Er go? Lik?r ein. ?Und auch eine Zigarre;" - wobei er unter Balrich einen Sessel schob.
?Ich will nicht," sagte der Arbeiter. ?Sie sind mein Feind."
Buck schüttelte den Kopf. ?Schade, wenn Sie es glauben. Das erschwert unsere Sache. Zum mindesten mü?ten Sie doch bemerken, da? ich dem Herrn Generaldirektor gern einen Denkzettel geben würde. Mit nichten will ich Ihnen einreden, nur im Namen der idealen Gerechtigkeit h?tte ich Ihren Brief mir aufbewahrt. Ich verspreche mir gute Wirkung davon, wenn dem He?ling, mindestens theoretisch, zum Bewu?tsein gebracht wird, er fu?e auf Enteignung und am Anfang seines Rechtes stehe der Raub."
Buck hatte gl?nzende Augen und dehnte sich in seinem Sessel.
?Noch ein Gl?schen," schlug er vor und leerte selbst eins.
Balrich dachte: ?Wie Onkel Gellert. Auch dieser ist ein Taugenichts, ich mu? die Sache allein machen."
?Aber," begann Buck wieder, ?zum M?rtyrer bin ich nicht geboren, sonst s??e ich nicht hier in Villa H?he." Mit dem L?cheln der Verachtung: ?Leider kann ich ihn nicht erledigen, ohne auch mich zu erledigen. Darum, alles mit Ma?en."
?Das sagen Sie allein," stellte Balrich fest.
?Nein. Auch Sie müssen es einsehen. Tats?chlich geht es nur sehr mit Ma?en. Auf gütlichem Wege, will sagen mit Hilfe jeder nicht lebensgef?hrlichen Bedrohung wird vielleicht eine Verzinsung des eingelegten Kapitals zu erreichen sein, wenn schon keine Tantiemen. Das ist nichts Gro?artiges, aber untersch?tzen wir nicht den Gegner! Er wird, selbst wenn er zahlt, die Echtheit des Briefes leugnen."
?Dann gibt es Richter," behauptete Balrich. Buck zuckte die Achseln.
?Wollen Sie es darauf ankommen lassen, wie ein Gericht befindet? Sie als Arbeiter müssen sich doch sagen: in den Vorstellungskreis bürgerlicher Richter pa?t es nicht, da? ein Armer ein gültiges Dokument sollte beibringen k?nnen gegen einen Reichen, geeignet, ihn aus seinem Besitz zu werfen."
?Wenn es aber doch echt ist!" sagte Balrich, verbissen.
?Die M?glichkeit, da? es echt w?re," erkl?rte Buck, ?wird mancher interessant finden, auch unter meinen Kollegen mancher. Dennoch übernimmt nicht einer die Sache ohne einen hohen Vorschu?. Ich selbst in meiner Lage kann es nicht, zum M?rtyrer nicht geboren, wie ich mich fühle."
Balrich h?rte, nahm auf, und ward unsicher, je klarer der Herr dort sprach. Man h?tte es nicht geglaubt, es sei derselbe, der vorhin im Dunkeln sich fassungslos hatte gehen lassen. Jetzt sa? er in der Helle und wu?te Bescheid in seiner Welt. Für Balrich war sie ein n?chtlicher Verhau voller Fallen, - und ihn stürme!
?Was würden denn Sie tun?" fragte er kleinlaut.
Buck sah ihn an wie einen Sohn.
?Ich? So wie ich bin? Ziemlich mürbe schon und in meinem Ged?chtnis ohne Beispiel, da? eine gerechte Sache, die schwach war, je gesiegt h?tte? . . . Dies würde ich tun."
Er nahm den Brief seines Vaters aus den H?nden Balrichs und bewegte die brennende Zigarre darauf zu. Balrich, mit rauhem Schrei, entri? ihm den Brief. Heraus aus dem weichen Sessel stand er fest auf seinen Beinen und schnaubte:
?Ich bin nicht Sie, Gott sei Dank. Und brauche Sie nicht, und Ihre Kollegen nicht. Mein Recht schaff' ich mir selbst."
Buck ?nderte seine Haltung und den leichten Ton.
?Dazu müssen Sie Anwalt sein. Wie wollen Sie das machen."
?Das wei? ich!" stie? Balrich hervor und stapfte nach der Tür.
?Halt!" rief Buck. ?Warten Sie noch! Sie h?ren das Auto, das ausf?hrt, um meinen Schwager abzuholen. Drau?en ist jetzt alles beleuchtet."
Er ging selbst zu dem jungen Menschen, er legte ihm die Hand auf die Schulter.
?Erst zwanzig, wie? Und einen festen Kopf, vorwiegend Willen. Mein Sohn m?chte so sein. Durch meine Schuld ist er anders."
Buck trat zurück und sagte prüfend:
?Man soll es versuchen. Ich hole Ihnen etwas, aus dem Zimmer meines Jungen. Er schl?ft im übern?chsten Zimmer, ich bin sogar erstaunt, da? er nicht erwacht ist von Ihrem Schreien. Denn mehrmals haben Sie geschrien. Sein Schlaf ist doch gut," sagte der Vater z?rtlich und ging leise in die Tiefe seiner Wohnung.
Mit einem Buch kam er zurück.
?Da nehmen Sie! Er ist nicht aufgewacht. Die Stunde der Verschw?rer ist nun auch vorbei," sagte er und zeigte auf eine Uhr, die Eins schlug. ?Gute Nacht."
Er führte Balrich ins Freie. Man sah jetzt; aus den R?umen, die sie verlassen hatten, fiel Licht auf den Weg.
Vor der Pforte, auf der Landstra?e, wendete Balrich sich; gerade erlosch das Licht, - und im Dunkeln suchte er nach der Villa seiner Wünsche, sein brennender Blick holte ihre Umrisse hervor, zwischen herausspringenden Flügeln den zurückweichenden Haupttrakt und davor die Terrasse. ?Ich werde sie haben," fühlte er. ?Die schwachen, verw?hnten Menschen dort innen ahnen gar nichts." Er griff an seine Brust, nach dem Brief. ?Der, der so dumm war, ihn herzugeben, ahnt am wenigsten. Sie denken, alles mu? bleiben, wie es ist. Wie viel st?rker ist der Angreifer! Wie bedroht ist der, der etwas hat!" Laut und stark sagte er:
?Ich werde dich haben, so wahr ich dich sehe!"
Da, gerade da ward der Mond frei, str?mte hin sein Licht über Haus und Garten - schenkte sie ihm geisterhaft, Farben des Traumes und der lüsternen M?rchen, tiefblaue Schatten, silberne Wand; bot den Besitz ihm an wie ein Weib. Er taumelte.
Schon nahte wieder das Auto. Balrich warf sich rückw?rts in die Tannen, brach hervor weiterhin und eilte fort im stampfenden Marschtakt, die Stra?e hinan in die Ferne, stundenlang.
Als er zurückkehrte, umschleierte blaue Frühe die Villa. Vogelstimmen erhoben sich schon und feuchte Düfte, aber noch streifte Mondlicht die Wege. Von der Terrasse dahinten rieselte es. Oder nein: ein Wesen, herabwandelnd im schleppenden Silbergewand, langsam von Stufe zu Stufe. Er suchte das Gesicht und fand nur Augen, die Augen seiner Schwester Leni.
?Siehst du," sagte er ihr, ?dies ist für uns."
Er fühlte: ?Warum ich, statt He?ling? Aber weil auch Leni da ist."
So weinte er denn, versteckt im Gebüsch der Tannen; und nach langem Weinen ging er auf die Fabrik zu, querfeldein, unter Vermeidung der Wohnh?user. Unnütz, da? der Aufpasser am Tor ihm diese Nacht ansah.
Am Abend, als er seinen Rock wieder anzog, begegnete er darin einem fremden Gegenstand. Ein Buch - das Buch des Herrn Buck. ?Da wird es sich zeigen, wie ich es mache," dachte er hoffnungsvoll und schlug auf. Was war das? Fremde Worte untereinander, daneben deutsche, und S?tze wie für Kinder. Ein Lehrbuch des Lateinischen - weniger noch, eine Lateinfibel . . . Der Arbeiter steckte sie schnell wieder ein und ging heim, gesenkten Kopfes.
Zu Haus aber erhob er ihn. Er hatte begriffen und war entschlossen. Sein Brot, seinen K?se - und gleich an den fichtenen Tisch, worauf sonst nie etwas lag. Jetzt liegt das Buch darauf. Es will gelernt sein - und dann ein anderes und wieder eins, und noch immer stehst du, zwanzig Jahre alt, bei dem, was die Knaben schon kennen. Du wei?t nicht wie lange und wei?t nicht wie, aber lerne! Dein ist die Nacht. Alle N?chte sind dein. Lerne!
Er legte sich hin, als es hell ward, go? sich drei Stunden sp?ter das Wasser aus dem Krug über den Kopf und ging zur Arbeit, im Tritt der Kameraden.
So fuhr Balrich fort zu leben, - und die erste, der es auffiel, war Thilde. Er beruhigte sie, gab ihr eine Stunde hin, die er nachher vom Schlaf abzog; - aber da es so nicht dauern konnte, erkl?rte er ihr einfach, nur am Sonntag k?nnten sie sich sehen. Er arbeite des Nachts. Er arbeite an der Verbesserung einer Maschine, es werde ihm Geld und Stellung bringen, seine ganze Zukunft h?nge ab davon. Sie sah ihn kraftvoll erregt und ward ganz schüchtern. Er sagte noch: ?Glaubst du denn, ich will hier nicht heraus? Ich zwinge es und werde reich!"
Da weinte sie und antwortete ihm:
?Dann wirst du mich verlassen."
Er leugnete es, aber sie glaubte ihm nicht. Das Versprechen gab sie ihm dennoch, alles für sich zu behalten. Dann ging sie, fast von selbst, niedergebeugt in ihrem Tuch, und Balrich hatte vor sich seine Nacht.
Zwei Sonntage sp?ter, er hatte soeben die letzte Seite des Buches gelernt, klopfte es an seine Tür, und mit dem Kopf dienernd kam ein Bürschlein zutage, eins in weichem blauen Anzug, mit Lackschuhen und dem ahnungslosen Gesicht der reichen Kinder. Es legte seine Mütze auf das Bett und bat artig um den freien Stuhl.
?Es wird etwas l?nger dauern," sagte es. ?Papa will, da? Sie mir das Ganze hersagen."
Das Bürschlein ?ffnete das Buch.
?Ich habe dies n?mlich schon l?ngst wieder vergessen," ?u?erte es. ?Warum wollen Sie überhaupt lernen?" fragte es vertraulich. ?Ein Vergnügen ist es nicht."
Balrich sagte:
?Zum Vergnügen bin ich nicht da."
Jetzt antwortete der Knabe:
?Ich wei?, Sie wollen Geld haben. Sie wollen unser Geld haben. Wundern Sie sich nur nicht," sagte er unbefangen. ?Papa ist mein Freund und sagt mir manches."
Der Arbeiter, nicht sicher, was zu denken sei, musterte den kleinen Reichen, der l?chelte, und bemerkte dabei, da? eigentlich die Augen recht hell und wach blickten. Nur der Mund stand kindisch offen, und unbegreiflich t?richt erschienen die hochgebogenen Brauen, unter diesen beiden gro?en schwankenden Blondlocken. Schmaler Kopf, die Schultern so schwach, - ein Schlag, dachte Balrich, und der freche kleine Nichtsnutz rutscht vom Stuhl . . . Statt dessen begann er, holprig herzusagen. Der Knabe unterbrach.
?Einen Augenblick. Ich hei?e Hans Buck. Vierzehn Jahre elf Monate. Wollen wir eine Zigarette rauchen?"
Die Fehler Balrichs berichtigte er herrisch aber flüchtig. Nach einigen Seiten hatte er genug.
?Besser habe ich es auch nie gewu?t."
Balrich sagte:
?Ich mu? es aber besser wissen. Ich brauche es n?tiger."
?Ihre Sache," meinte Hans Buck. ?Für Klinkorum jedenfalls ist es gut genug."
Es erwies sich, da? Balrich von Professor Klinkorum erwartet wurde. ?Wir kommen sogar schon zu sp?t." Das Bürschlein stie? den Zwanzigj?hrigen zur Tür hinaus. Nebeneinander durchquerten sie die Wiese. Mitten darauf, wo die meisten Kinder l?rmten, fiel Balrich lang hin; das Bürschlein hatte ihm ein Bein gestellt. Es bog sich vor Lachen, in einer Rotte, die mitlachte. Als Balrich dann zornrot aufkam, lief Hans schon. Er lief schwebend leicht, keine Aussicht, da? Balrich ihn fing, - wenn nicht ein paar junge Arbeiter ihm, trotz seinem Geschrei, es g?lte nicht, den Weg verstellt h?tten. Nun rangen sie; ein Griff Balrichs, und der Kleine, verzweifelt gegen den Boden gestemmt, war so gut wie aufgehoben und geworfen. Balrich aber, der ihn so schwach fühlte, tat unversehens, als verliere er selbst den Boden, und sprang zurück.
Sie gingen weiter, Hans Buck mit gepre?ten Lippen und die Augen gesenkt. Da pl?tzlich nahm er Balrich beim Arm.
Klinkorum, der es anl?uten geh?rt hatte, empfing sie an seinem Tisch stehend, den grünen Schlafrock drapiert über dem Spitzbauch, und in wei?er Krawatte. Er warf den Kopf zurück, der Bart stand in sieben harten Str?hnen hechtgrau vom Gesicht ab, die Lippen entbl??ten lange Zacken mit ebensovielen Lücken, und er lachte erhaben. Unter Gel?chter begann er eine Rede über den Ernst des Lebens, das Eigentum und die Bildung. Die letztere gehe vor, erkl?rte er mit einem grünen Blick auf den Knaben von Villa H?he. Wer aber, sagte er dem Arbeiter, bisher in fr?hlicher Unwissenheit dahingelebt habe, der lerne jetzt den Ernst kennen, einen Sohn des Wissens. Vorausgesetzt immer, er sei berufen.
Balrich, zuerst eingeschüchtert, kam bald auf den Verdacht, da? dies Geschw?tz sei, und ?rgerte sich über den Zeitverlust. Da sagte Hans Buck, dreist und hell:
?Na los!"
Und Klinkorum schnappte nur noch, ganz auf dem Trocknen.
Er lie? beide dieselbe übersetzung machen, ?um den Abstand der Geister festzustellen," - fand aber dann, da? der eine durch Flüchtigkeit ersetze, was der andere an Unbelecktheit voraushabe. Hierbei fielen die H?nde Balrichs ihm unliebsam auf. Er sagte nichts, seine Pausen und die Ausrufe seiner Blicke bewirkten es aber, da? Balrich die H?nde vom Tisch nahm. Der Fünfzehnj?hrige bemerkte hierzu:
?Er tut n?mlich richtige Arbeit;" - worauf Klinkorum ihm strafweise voraussagte, auch er werde sie noch tun müssen.
Inzwischen ging die Glocke, und Besuch trat ein, zwei Herren, die schon vorbereitet schienen auf den Anblick des studierenden Arbeiters, denn sie nahmen ihn stumm in Augenschein. Hans Buck sagte schneidig: ?Darf ich die Herren bekannt machen," - und stellte dem Arbeiter die Herren Dr. Heuteufel und Konsistorialrat Zillich vor.
Sie zeigten eine Teilnahme, die Heuteufel geradezu für wissenschaftlich erkl?rte. Klinkorum bekr?ftigte sie darin, er erl?uterte ihnen in der übersetzung Balrichs die Fehler, die das Fortfallen selbst der allgemeinsten kulturmenschlichen Grundlage zur Voraussetzung h?tten und Zeichen einer Klasse seien, einer hoffnungslos rückst?ndigen Klasse.
Sie schüttelten die K?pfe und fragten, ob wenigstens im einzelnen Fall eine Aussicht sei. Der junge Buck schwatzte laut dazwischen, und in das Heft Balrichs zeichnete er recht geschickt einen Haifisch.
??hnlich?" fragte er, und Balrich erkannte Klinkorum - strengte sich aber nur noch mehr an, um den Reden der Herren zu folgen. Es war schwer, die S?tze verwickelten sich ihm, und gewisse Worte hatten keinen Sinn. Ein interessantes Experiment, dies wiederholte Klinkorum mehrmals. Ein rudiment?res Gehirn, unvermittelt in Berührung gebracht mit den Humaniora -.
Aber es gehe doch, meinte Dr. Heuteufel, der seinerseits die Hefte der beiden Schüler verglich. Es sehe aus, als k?nne es jeder.
Dies schien dem Professor zu mi?fallen. Er stellte schnell mehrere Fragen an Balrich, die Balrich nicht einmal begriff, - worauf alle lachten, auch Hans. Das schmerzte den Zwanzigj?hrigen, er zwickte das Bürschlein stark in den Schenkel. Durch seinen Erfolg ermutigt, teilte Klinkorum den Herren mit, wie gro? die Liebe zur Wissenschaft bei solchen Leuten oft sei, - leider meistens eine unglückliche Liebe. Dieser einfache Arbeiter habe ein vom Schüler Buck verlorenes Buch gefunden, und es nicht früher zurückgebracht, als bis er es auswendig gewu?t habe. ?Solcher fast ergreifend zu nennenden Strebsamkeit waren wir immerhin einen Versuch schuldig," sagte Klinkorum und lachte mit allen seinen Zacken. Die anderen Herren begleiteten ihn.
Balrich wollte nicht wissen, ob auch Hans sich freue. Er sah vor sich hin und sann düster, dies müsse ein Ende haben; allein werde er seinen Weg suchen . . . Da sagte Hans, mit einem gewissen Blick von einem der drei Herren zum andern:
?Aber Onkel He?ling wird sich ?rgern."
Und wie sie nun schmunzelten und nur gerade noch an sich hielten, dies bemerkte auch Balrich. Der Konsistorialrat nahm das Wort. Kein Arbeitgeber, soviel verstehe er, k?nne gleichgültig bleiben, überschritten seine Leute eine gewisse Grenze der Bildung. Dies ?ndere das Verh?ltnis, die Gesichtspunkte und die Rechte, dies sei in Wahrheit schon Umsturz.
Was er ernst und warnend sprach. Aber h?tte seine Stimme die Schadenfreude versteckt gehalten bis auf ihre letzte Spur, die Gesichter der beiden anderen verrieten sie. Balrich sah mit Staunen, da? der Generaldirektor hier keinen Freund hatte. Er horchte auf. Dr. Heuteufel lehrte:
?Für die Gewalt eines einzelnen mu? ein Gegengewicht gefunden werden, und das ist -"
?Die geistige Bildung," schlo? Klinkorum. Worauf Heuteufel:
?Die Bildung und sogar der Geist sind nur Mittel zum Zweck. Ihm und seinesgleichen mu? wieder einmal klargemacht werden, was pers?nliche Freiheit hei?t. Auf dem Wege, den die Herren, und zwar gern gesehen von der Beh?rde, eingeschlagen haben, kommen wir zur Staatssklaverei, sogar früher als man denkt."
Feierliches Schweigen. Der Arbeiter Balrich ergab sich einem heftigen Vertrauen zu denen, die so sprachen und dachten.
?Das ist aber auch wahr," beteuerte er und schlug auf den Tisch. ?Wissen Sie wohl, warum wir nach Gausenfeld keine Elektrische bekommen? Weil wir unter uns bleiben sollen und nicht aufgekl?rt werden sollen und in seiner Kantine saufen sollen. Das ist doch wie ein Ghetto!" rief er, stolz auf dieses Wort.
Die Herren, mit gekniffenen Lippen, blinzelten einander schnell zu, und dann traten sie ein Stück weg. Klinkorum ?u?erte:
?Für heute Schlu?. Das n?chste Mal, Herr Balrich, k?nnten einmal Sie, anstatt meiner, den Unterricht geben, etwa über den Zukunftsstaat."
?Obwohl -," bemerkte Zillich. ?Das eherne Lohngesetz liegt doch auch schon beim alten Eisen."
Balrich fühlte, entt?uscht und grimmig: Was soll man verlangen von den Bourgeois. Dumm wie mein Stei?, und dazu falsch . . . Ihr Wissen haben sie nur, weil sie Geld haben. Her damit, und dann ihnen an den Hals. Da ist nicht Dank noch Schonung. Gelte jeder, was er ist!
Er r?umte zusammen, stand auf, trug seinen Stuhl an den früheren Platz und verabschiedete sich mit mehreren Kratzfü?en. Inzwischen sprachen die Herren ged?mpft.
?Die Sachen sind wie sie sind, und manch' einer spricht sie aus. Aber es kommt doch sehr darauf an, wer."
Als der Arbeiter schon drau?en war, rückte Klinkorum mit dem Eigentlichen heraus.
?Was soll man sagen. Die Begriffe fehlen, folglich die Worte. Ihm genügt es nicht l?nger, mein Haus, die Zuflucht meiner Muse, hinabgezerrt zu haben in sein Tal der Armut und des Schmutzes, es entwertet und verelendet zu haben: er will mich umbringen!"
Sie wollten es ihm nicht glauben, aber er belegte es mit Zahlen und Daten, herrührend von dem He?lingschen Baumeister selbst. Ein drittes Arbeiterwohnhaus war bereit zu entstehen; auf dem Plan bestand es schon - und wo, und wo? Hinter Klinkorum, vielmehr, im Bogen um ihn her, - so da? er auf drei Seiten verstellt war, und vorn die Landstra?e, Staub und Benzingestank. Das Ende von allem, man konnte ihm nur noch die H?nde schütteln. Klinkorum schwur freilich, dies endlich werde nicht so hingehen, es g?be Richter . . .
Balrich drau?en wollte schon das Gartengitter zuschlagen, aber Hans Buck lief herbei.
?Ich habe gehorcht. Sind sie dumm und falsch!"
Balrich dachte: Dein Glück! Denn er hatte das Bürschlein schon verworfen mit den übrigen.
?Es sind n?mlich blo? Neidh?mmel," erkl?rte Hans Buck. ?Und dann das Buch, das du mir gestohlen haben sollst oder so!"
Er sagte pl?tzlich du. Dabei tanzte er vor Freude.
?Papa hat gewollt, ich soll es dem Haifisch aufbinden, - und der tut, als glaubt er es, denn er kriegt bezahlt. So sind sie."
?Das ist - ein abgekartetes - Spiel?" sagte Balrich schwerf?llig, und starrte ernst in das schlaue Gesichtchen. Fünfzehn Jahre, und wu?te Bescheid über die Menschen, und war lustig dabei! Ihre Niedertracht war ein Spa? für das Bürschlein!
?Komm' mit!" verlangte es. ?Bis zu der gro?en Fichte, wo man die Villa sieht. Weiter darfst du nicht."
Balrich erwiderte:
?Nein. Ich will nicht."
Und er ging über die Wiese nach Haus B. Hans Buck rief ihm nach:
?Morgen abend wieder!"
?Aber nicht, weil du es bist," dachte Balrich. ?Und Villa H?he, die will ich erst wiedersehen, wenn sie mein ist, das schw?re ich. Dann komme ich und werfe euch hinaus."
In dieser Nacht an seinem Tisch dachte er dennoch viel an Hans Buck. Was Klinkorum ihm mitgegeben hatte, war bald aufgearbeitet, und seine eigenen Bücher hatte er noch nicht da; ganz leicht h?tte er Thilde folgen k?nnen, abends, als sie ihm nachschlich bis auf die Treppe. Er hatte sie aber fortgeschoben, und lieber dachte er, aus Sparsamkeit beim Mondschein, des feinen und schlauen Knaben von Villa H?he, und da? er ihn wiedersehen werde.
Am Montag nach Feierabend trafen sie sich freilich bei Klinkorum, und nach dem Unterricht hatte Hans Buck nichts Geringeres vor, als da? sie zusammen in die Stadt gingen, das Bezahlen sei seine Sache. Aber Balrich, mit finsterer Miene, zeigte auf den Packen Bücher, den er bekommen hatte.
?Sechs Stunden bis zum Morgen - das reicht kaum."
Und er lie? den Leichtfu? dastehen.
Erst am Sonntag willigte er ein, spazieren zu gehen. Schwere Luft, rauchiger Sonnenuntergang, - und da Balrich nichts anderes zulie?, gingen sie querfeldein und vorbei an den Arbeitervillen, eben dort, wo er ehemals mit Thilde ging. Auch jetzt herrschte Ernst; Hans Buck ging gemessen und überlegte.
?Das sind nun sieben N?chte," sagte er, ?und du hast rote Augen."
?Anders geht es nicht," entschied Balrich. Der reiche Kamerad gab es zu, im Tone hoher Achtung.
?Nein. Denn du willst in einem Jahr lernen, wozu sie mir im Gymnasium fünf oder sechs Jahre gegeben haben, - und ich wei? es nicht."
Pl?tzlich fielen ihm die Spiele der Kinder auf, an einem schlammigen Graben, in den jeder den anderen einzutauchen suchte mit dem Gesicht.
?Sie sind schmutzig und boshaft," bemerkte er; und er behauptete: ?Wenn sie das nicht w?ren, brauchtest du nicht so furchtbar viel zu lernen."
Wieso? Ihm selbst machte die Erkl?rung Schwierigkeiten. Er fühlte nur: zuerst sauber sein - und ein anst?ndiger Mensch. Das Lernen ist dann Nebensache.
?Besser als Lernen ist Denken; und das Denken geht am besten, solange man nicht daran denkt." ?u?erte er.
Balrich sagte nüchtern: ?Das ist Unsinn. Vielleicht, wenn man Geld hat. So aber, wenn ich da heraus will," - er zeigte auf den Graben - ?mu? ich lernen wie ein -" Geh?ssig knurrend: ?Wie ein Tier."
Hans Buck verstand dies nicht v?llig, er suchte sich einzufühlen. ?Ich habe doch auch nie Geld. Und sogar Papa hat es meistens nur vom Onkel He?ling.
Der hat zu viel, darin habt ihr Recht. Meinem Papa sollte er mehr geben. Aber mir wieder sollte Papa mehr geben. Wirklich anst?ndig ist keiner."
Balrich wu?te nun schon, da? sogar die Reichsten noch Unterschiede machen zwischen einander; er dachte mit Verachtung: ?Ihr liefert euch selbst an das Messer."
Hans Buck seinerseits blieb pl?tzlich zurück; es war klar, er versteckte sich hinter dem Gr??eren. Und Balrich, der den Zusammenhang sogleich erfa?te, blieb stehen, einen Fu? vorgestellt, in der Haltung des Beschützers. ?Ist es der Rote dort?" fragte er, den Blick auf dem nahen Rande des Arbeiterwaldes.
Ja, es war der Rote. Er war der natürliche Feind des jungen Buck, keines Zusammensto?es hatte es bedurft, keiner Absage. L?ngst lauerten sie aufeinander und nur der entscheidende Augenblick fand Buck nicht gesammelt. Balrich h?rte, da? sein Freund au?er Atem war.
?Er soll herankommen," knurrte er. ?Dann kriegt er genug."
Hans Buck antwortete mit Anstrengung:
?Du darfst nicht. Es ist meine Sache."
Balrich sah den Roten vorgehen und sah, er war der St?rkere.
?Wenn es deine Sache ist, dann hast du l?ngere Beine. Lauf!" riet er.
?Das ist aber gegen meine Ehre," sagte der Knabe aus Villa H?he, - worauf der Arbeiter die Achseln zuckte und dann lachte, zuerst leise brummend, endlich aber mit wüstem Hoho.
Indessen trat Hans Buck hinter ihm hervor, machte einige Schritte und fa?te Fu?. Er spannte sich, ward gr??er, bekam scharfe F?uste. Der Feind schlich gebückt, seine H?nde streiften das Gras. An der Wendung des Weges angelangt, hielt er an - und bog ab. Hans Buck behielt seine Haltung, bis der breite Mensch, ihn seitw?rts anschielend, zu laufen, richtig zu laufen anfing. Darauf kehrte er zu Balrich zurück.
?Der Dummkopf hat sich bluffen lassen," erkl?rte er, mit einer Bewegung, die die Sache abtat. Der Arbeiter hatte zu lachen aufgeh?rt.
Am Waldrand wendete sich ein M?dchen nach Hans um. Da erst kam ihm das Selbstbewu?tsein des Siegers, und er wagte es, ihr eine Ku?hand zuzuwerfen, - obwohl sie in Begleitung war. Sie war goldblond, ohne Hut und in einem dunklen Tuch wie die Arbeiterinnen, aber der Rock modern und kleine Lackschuhe mit St?ckeln. Ihr Begleiter trug blaues Leinen, wie ein Maschinist, aber darüber einen koketten Sommermantel.
?Es ist ein Techniker," sagte Balrich im Ton einer Entschuldigung. ?Ein besserer Mensch." Das M?dchen war Leni, seine Schwester; dies verschwieg er. Er fühlte: das versteht so einer nicht.
Leni ging mit dem Techniker, der Bruder hatte es ruhig dahin kommen gesehen. Der Techniker war ein Arbeiter und doch mehr. Wollen wir, da? er sie heiratet? Nun also. Auch Thilde hatte h?ren müssen. Jetzt freilich hatte Balrich sie satt. So konnte es enden.
Er gab sich Mühe, zurückzubleiben, aber der junge Buck dr?ngte gewaltig den beiden entgegen. Er sagte: ?Das ist einmal ein M?del!" und tat mutig. Als sie sich aber endlich begegneten, griff er so ungeschickt nach seiner Mütze, da? er sie herunterwarf. Dennoch grü?te Leni ihn mit ihren Goldaugen, und erst nachher lachte sie. Hans, trotz seiner Scham, wollte ihr nach, der Techniker indessen hatte sich wohl mit ihr in die Büsche geschlagen; man fand sie nicht, soviel Staub und Kohlenru? man aufst?berte im Arbeiterwald. Erst am Teich - er war braun von Schmutz, einige badeten, drei Paare ruderten, - in einem wackelnden Kahn, da fand er sie. Aus dem Kahn sch?pfte sie, das Kleid gerafft, Wasser und bespritzte damit den Techniker. Bleich und schweigend kehrte der Knabe um.
Beim Arbeiterhaus A wollte er Balrich durchaus nach rechts und auf die Landstra?e lenken. Was Arbeit, was Essen! Etwas war noch zu sagen. Balrich wartete; es schien schwer zu sagen . . . Dann gab Hans Buck sich einen überlegenen Ton und begann von einem Haus, das er schon lange im Auge habe; er kenne es, er sei vorübergegangen, in der engen Stra?e Klein-Berlin, hinter der Marienkirche des alten Zillich, und habe in dem Haus das Lachen geh?rt, er müsse hinein. Gro? genug sei er schon, seine Vettern He?ling h?tten ihn mitnehmen k?nnen. Aber vor ihm stellten sie sich wie Duckm?user, und so wollte er mit Balrich hingehen, - er habe Geld, sagte er nachdrücklich und klimperte.
Balrich sagte zu dem allen nur nein. Ob er nicht neugierig sei? Ob man einem Freund nicht beistehen müsse? Oder g?nne er ihm das Vergnügen nicht? Nein. Nein. - Hans fragte schmerzlich: ?Warum - warum denn nicht?" Er bekam keine Antwort; Balrich machte lange Schritte, als wollte er ihm entlaufen, aber Hans Buck verfolgte ihn mit seinem Warum bis in das Haus. Da wendete Balrich sich um, sagte:
?Weil ich ein Arbeiter bin, und weil die M?dchen dort meine Schwestern sein k?nnten."
Und lie? den jungen Reichen dastehen.
Hans Buck sagte: ?Ach so"; aber er lie? seine langen Wimpern herab und dachte sich das Seine. Arbeiterinnen, - die so lachten? Wie mochten sie glücklich sein, in ihrem geheimnisvollen Hause! ?Hierin, wie es scheint, verstehen wir uns nicht. Er ist nüchtern wie ein Arbeiter, er sieht nicht, was das Haus für ein M?rchen ist, mitten in der ordentlichen Stadt was für ein Abenteuer!"
Und auf seinem Heimweg in der D?mmerung tr?umte der Fünfzehnj?hrige von Schleiern und Goldgürteln aus Bilderbüchern oder vom Theater, - die sich aber nun l?sten und aufhoben von nie erblickten Gliedern. Schon ihr Gedanke war brennend. Pl?tzlich, zum Greifen deutlich erschienen ihm Fu? und Wade eines M?dchens, das den Rock gerafft in einem Kahn sa?. Daheim noch lange, über sein Buch hinweg, sann er, sie, jene Goldblonde, würde eine der Sch?nsten sein in dem zauberhaften Hause . . . Sein Freund Balrich inzwischen lernte; und ging es hart, tauchte sein Geist, sich erfrischend, in das Gesicht einer bl?ulichen Frühe, als Leni, seine Schwester, in einem schleppenden Gewand aus Mondlicht die Terrasse herabgewandelt war von Villa H?he. ?Dort sollst du zu Hause sein," versprach er ihr.
Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren
Als sie sich wiedersahen, alle drei, Balrich, Hans Buck und Leni, war es schon Herbst und regnete wieder. Die beiden jungen Leute kamen von Klinkorum und begegneten dem M?dchen hinter A und B vor einer gro?en Pfütze. Sie stand drüben und suchte einen Umweg. Hans Buck fragte sich: ?Wo war sie denn dort drüben, w?hrend die Pfütze entstand?" Balrich dachte: ?Mit dem Techniker, dort, wo ich früher mit Thilde."
Da stieg Hans Buck entschlossen in die Pfütze. Am anderen Ufer sagte er etwas, das ?Erlauben Sie" hei?en sollte, und nur ein Z?hneknirschen war, - worauf er Leni umwarf und sie auf seine beiden Arme legte. Er trug sie, betr?chtlich schwankend, bis mitten in die gro?e Pfütze; dort mu?ten schon seine Knie sie stützen, sie entglitt ihm und kreischte. Dennoch beugte er sich bis auf ihren Mund und kü?te ihn. Dies vollbracht, fand er die Kraft, sie auf das Trockene zu setzen.
Dort stand Balrich unschlüssig und die Brauen gefaltet. Hans Buck ordnete dem M?dchen das Tuch über den Schultern und dem sch?nen Haar. Dabei sagte er:
?Was nimmst du mir übel? Ich mu? nicht wissen, da? Fr?ulein Leni deine Schwester ist. Du hast es mir nie gesagt."
Leni lachte verlegen, und Hans Buck, scherzhaft aber auch verlegen, setzte hinzu:
?Falscher Freund du!"
Balrich, bestürzt und finster, wollte überlegen: dann haben sie inzwischen sich gesehen? Da bemerkte er, da? man Zeugen hatte. Thilde, die ewige Spionin, verschwand hinter dem Haus, hervor aber traten munter zwei junge Herren in Sportdre?, He?lings, die Vettern Bucks. Achtzehn- und siebzehnj?hrig auf langen Gamaschenbeinen kamen sie herbei, grü?ten eckig wie fertige Kavaliere, und der Leni, die alles gewandt entgegennahm, kü?ten sie die Hand. Wann sie wieder zum Tanz gehe nach Beutendorf, - und sie nahmen sie in die Mitte. Ihr Bruder, der mit Hans, beide stumm, folgte, fühlte wohl, das Betragen Lenis war zurückhaltend und dennoch vielsagend. Sie wu?te nicht, da? er k?mpfte für sie - gegen jene. Gro?e Bitterkeit, schweigen zu müssen! . . . Aber das Bürschlein, das es wu?te, empfand es nicht Scham? Wohl, es lie? den Kopf h?ngen.
Die Kavaliere riefen ihrem Vetter zu, er m?ge sich beeilen, jeden Augenblick fahre das Auto vor. Es kam die Stra?e herab. Als alle die Wiese überschritten hatten, hielt es, zwanzig Schritte von ihnen. Die drei jungen Herren verabschiedeten sich ohne Umst?nde, stiegen ein zu den Damen He?ling und Buck, die Federn in der Frisur trugen, und fort, keiner sah sich um.
Die Geschwister standen noch immer. Karl Balrich, beklommen, fragte endlich seine Schwester: ?Was denkst du dir nun?"
Leni antwortete:
?Sie hatten Reiher, solche findest du nicht noch einmal," - und wendete sich zum Gehen. Da er kein Glied rührte und brütend aussah, fragte sie eingeschüchtert: ?Was hast du?"
Er fuhr auf; aber anstatt sie anzufahren, wie sie es befürchtete, l?chelte er mit seliger Güte - und sagte:
?Leni, du selbst sollst solche Reiherfedern haben! Und Kleider, Automobil, eine Villa. Die Villa H?he!"
Da l?chelte sie wie er, selbstvergessenes L?cheln, an der Landstra?e, im Regen.
Ihr ward es kalt, sie machte kehrt und murmelte: ?Du bist verrückt."
?Nein. Ich arbeite, bis du es hast," sagte er fest. Sie sagte mit Wehmut:
?Dabei kann ich achtzig Jahre alt werden. Von deinem Lohn!"
Er neigte sich zu ihr:
?Du sollst etwas wissen, Leni, was ich den anderen nicht sage. Komm!"
An der Hand führte er sie bis in sein Zimmer. Er zog aus dem Tisch die Lade mit den Büchern. Sie untersuchte alles.
?Das lernst du des Nachts? Davon hast du jetzt rote Augen. Und wenn du es wei?t, bekommst du Geld?"
Er erkl?rte ihr, da? er arbeite, damit er f?hig werde, für sein Recht zu k?mpfen, für ihres. Sie suchte alles zu begreifen.
?Zwei Jahre, bis du dies hier wei?t? Sechs Jahre, bis du Rechtsanwalt bist? Acht Jahre oder auch zehn, bevor du genug verdient hast, um den Proze? gegen He?ling zu führen . . . Danke, dann ist meine beste Zeit vorbei."
?Dann kommt das Leben in Villa H?he!"
?Du glaubst, sie werden einfach ausziehen und uns hineinlassen? So sehen sie nicht aus."
?Sie werden müssen," behauptete er erregt. ?Sie wohnen dort unrechtm??ig."
?Darum helfen ihnen alle die anderen, die ihr Geld auch nicht rechtm??iger haben."
Balrich verstummte. Woher kam es, da? Leni, achtzehnj?hrig, Zweifel hatte wie der dicke Herr Buck, und die Welt schon durchschaute?
Da sie ihn entt?uscht sah, sagte sie:
?Es w?re sch?n, und du meinst es gut. Aber ich kenne vielleicht einen kürzeren Weg."
Er sah sie an; den kannte auch er; aber der ging durch einen Traum. Der Weg, da? Hans Buck, wenn er erwachsen war, Leni zu seiner Frau nahm. Er liebte sie und war ein gutes Bürschlein. Aber Leni, die an den Sieg der Arbeit und des Rechtes nicht glaubte, sollte glauben k?nnen an ein so viel bedrohtes Glück? . . . Dann meinte sie wohl gar etwas anderes? Er fragte dringend:
?Willst du deinen Techniker nicht mehr heiraten?"
Sofort machte sie, mit Schultern und Lippen, das Zeichen des Wegwerfens. Und er, einen Schritt n?hertretend:
?Was dann."
Da erschrak sie und beschwichtigte. ?Du kennst mich doch, so dumm bin ich nicht. Wir wollen nach Villa H?he."
?Leni," sagte er, noch drohend, aber so traurig:
?Vor dem Techniker sch?me ich mich nicht. Vor den Herren von Villa H?he würde ich mich sch?men müssen."
Sie war auf einmal au?er sich. Tr?nen stürzten über ihr Gesicht, sie rang die H?nde und klagte.
?Denke doch nur das nicht, lieber Karl! Blind will ich werden, wenn ich das tue! Und ich glaube auch, da? du gewinnst und uns reich machst. Bei Gott, ich glaube es."
Sie umschlang ihn heftig, auf sein Gesicht, das noch starr blieb, drückte sie ihre Lippen. Da bekam es Leben, ?ffnete sich, strahlte.
?Verla? dich auf mich!" Er drückte ihr die Hand, immer wieder. ?Verla? dich auf mich!"
So ging sie, und er setzte sich an seinen Tisch.
Dort sa? er alle Wintern?chte. Die Arbeit getan in der Fabrik, erfrischte ihn diese andere. Er ward hellh?rig in der vereisten Weite der Felder vor seinem Fenster. Kein Ger?usch des ungeheuren Hauses nahm ihn mehr in Anspruch, nur aus dem kleinen Buch hier drang zu ihm eine Stimme, seine eigene. Er lernte nicht mehr, den Kopf in die H?nde gebohrt, das Wissen Fremder. Ihm schien es, er selbst, von einem zum andern, erfinde und denke weiter. Sein Kopf befreite sich; und endlich als einziger wachend, empfand er manchmal mit aufsteigendem Jubel das Werden der Kraft.
Der Professor prüfte ihn nur mehr w?chentlich. Inzwischen sah er Hans Buck, immer ihn. Das Bürschlein wehte herein - atemloser als sonst, war morgen ein Heft abzuliefern. In letzter Stunde, früh fünf Uhr, trieb ihn einst die Furcht her, und von dem Arbeiter, den er aus seinem kurzen Schlaf weckte, lie? er sich die Aufgabe machen.
?Wei?t du, wie ich das erstemal dir Vokabeln abh?rte? Kein Jahr, und du hast mich eingeholt. Du wirst fertig sein, und ich noch immer, ein armseliger Penn?ler . . . Nein!"
Er stampfte auf.
?Das will ich nicht. Ich will heraus und Geld verdienen!"
?Auch du?"
?Bin ich umsonst dein Freund? . . . Warum kommst du nie nach Beutendorf zum Tanz? Ein einziges Mal doch! Du würdest sehen, da? ich dich ersetze bei deiner Schwester Leni. Niemand darf ihr zu nahe treten!" rief er kühn - und dann leichthin: ?Was meine Vettern He?ling betrifft, verachte ich sie. Tue es auch! . . . Oder befürchtest du B?ses von ihnen?" fragte er angstvoll.
Da Balrich ihn durchdringend ansah, bekam er das scheinheilige Gesicht, das seine hellen Züge ihm gaben, wenn er etwas Schlaues dachte.
?Auch mich haben deine Leute wohl verd?chtigt bei dir? Mach dir nichts daraus! über dich sagen sie bei uns, du l??t dich bezahlen - ich wei? nicht von wem und wofür."
Der Arbeiter machte gro?e F?uste, da hüpfte das Bürschlein vor Freude, sprang hinter den Tisch und rief: ?Siehst du?"
Dann freilich sagte es begütigend: ?Was sie mir auch erz?hlen würden, dich kenne ich. Mir aber darfst du schon einiges Schlimme zutrauen."
Es raffte sein Heft auf, und hinaus, mit einer langen Nase.
Drau?en aber prallte Hans Buck gegen eine, die gehorcht hatte: Thilde. Sie zog ihn unter eine Lampe und fragte ihn ohne Scheu:
?Was tut er wieder! Ich mu? es wissen."
?Balrich?" fragte Hans Buck unvorbereitet. ?Jetzt lernt er Griechisch."
?Er ist verrückt!" schrie Thilde, da? es durch den Gang gellte. ?Er schl?ft nicht mehr - keine Nacht, ich sehe es, denn auch ich kann nicht schlafen. Mit niemand spricht er, treibt Heimlichkeiten, und mich hat er angelogen. Er soll nur herauskommen!" rief sie nach seiner Tür hin, ?dann sag' ich es ihm."
Da trat er hervor. Mehrere Frauen, treppauf, treppab, waren stehengeblieben, darunter die Polster. Sie erkl?rte den anderen:
?Thilde sagt es, wie es ist. Er hat ihr vorgeredet, er verbessert eine Maschine. Aber wir haben in seinem Zimmer nachgesehen."
Er fuhr sie an, was ihr eingefallen sei; aber sie behauptete ihr Recht und das Recht Thildes.
?Wird einer verrückt, mu? man nachsehen, was los ist;" - worin die Zeuginnen ihr beistimmten. Nur da? sie dafür hielten, es gebühre der Familie. ?Dinkl mu? Ordnung schaffen."
?Nun gut," sagte Balrich, ?wir gehen zu Dinkl, Thilde und ich. Euch andere geht es nichts an." Dies beruhigte die Weiber, nur die Polster war nicht loszuwerden. Balrich sch?mte sich wegen Hans. Die Aussprache mit der Familie, er sah es, war nicht l?nger hinauszuschieben; dazu brauchte man am Ende den Onkel Gellert. ?Hans," sagte er fordernd, ?ich habe dir deine Arbeit gemacht, jetzt hole mir sofort den alten Gellert!"
Hans lief schon. Balrich, Thilde und die Polster bewegten sich, ohne einander anzureden, durch das Haus - lange Zeit immer über Treppen ohne L?ufer, durch Korridore mit hundert Türen, sachlich wie in einem Spital, mit Fenstern, die nackt waren und in ihren Rahmen die kahle Winterfrühe hielten, unbesch?nigt, wie das Leben der Armen. ?Unser Leben!" dachte der Arbeiter Balrich, aufgest?rt aus seinem griechischen Lesestück.
Angelangt auf dem Absatz vor der Tür Dinkls, sah er sie offen, und heraus stürzte Malli.
?Ich gehe durch!" kreischte sie. ?Das ist kein Leben;" - und überrannte die Polster, die sogleich mitkreischte. Balrich hielt Malli, aber sie rang wie sie konnte, und schrie, sie gehe durch. Als sie dann still war, h?rte man drinnen Dinkl, der schalt, und die heulenden Kinder.
?Warum l??t du mich nicht durchgehen?" klagte Malli. Balrich zeigte ihr den kalten und dunklen Tag. Das sei immer noch besser, klagte sie. Er fragte drohend:
?Tut Dinkl dir etwas?"
Da hielt sie ihn flehend zurück.
?Er kann nichts dafür. Und die Kinder, die mich totqu?len, auch nicht."
?Dann komm', es soll besser werden," sagte er und führte sie bei der Hand in das Zimmer. Dort sa? Dinkl und prügelte. Am Boden eine verunreinigte Waschschüssel. ?So f?ngt der Tag an," sagte Dinkl; - und wie es einen Augenblick still ward, h?rte man die glücklichen kleinen Laute des S?uglings, der auf der Kommode lag und die ?rmchen reckte.
Malli trug die Waschschüssel hinaus, worauf sie, unterstützt von der Polster, die Kinder reinigte und k?mmte. Dinkl, durchaus nicht lustig nach dem Aufstehen, keifte seinen Schwager an.
?Der Herr Balrich; da? man auch einmal die Ehre hat! So ein Heimlicher! Hast Geld, wie? Verdienst es wohl, wie der Jauner?"
Balrich wollte losfahren, sagte indes:
?Bald sollst du einsehen, Dinkl, was für ein Dummkopf du bist."
?Du aber," keifte Dinkl, ?spuckst Latein, wie ein Bourgeois, drum hast du die Thilde so hergerichtet, du Lump;" - und er wies auf Thilde, die ihre Schürze vor dem Gesicht hatte.
?Onkel Gellert hat uns etwas gesteckt über dich."
?Das soll er jetzt vertreten," sagte Balrich laut nach der Tür hin, wo der alte Anstreicher sich zeigte. Er wollte sogleich wieder umkehren, aber Hans Buck, von hinten, stie? ihn in das Zimmer. Hierauf schnupperte der junge Reiche in die Luft; sie roch nur nach den vielen, soeben aus dem Bett gekommenen Leuten, nicht nach der, die er suchte. Dennoch trat Leni dahinten hervor aus ihrem Brettergela?. Hans Buck, durch Dick und Dünn des Zimmers, war schon bei ihr.
Der alte Gellert wollte nichts wissen noch gesagt haben, er stellte sich taub. Pl?tzlich aber schrie er los, mit der ganzen Wut seiner noch unangegriffenen Nüchternheit.
?Es mu? heraus," schrie er. ?Der da begaunert mich!"
Da Balrich ruhig blieb, nahm der Alte alle zu Zeugen seines Mutes.
?Jetzt soll er bekennen, jetzt steht er vor seinem Richter. Hab' ich dir, ja oder nein, einen Wink gegeben über einen alten Brief, worin steht, mir geh?rt Gausenfeld?"
Balrich l?chelte dunkel.
?Du sollst dich wundern. Ich habe den Brief sogar herausbekommen, aber was du sagst, steht nicht darin."
Da bekam der Alte den Tanz. Die Arme und die Beine werfend beschuldigte er seinen Neffen, den Brief verkauft und das Geld versteckt zu haben.
?Ich lauere ihm auf, und er drückt sich, oder er macht Redensarten."
?Weil die Sache schwer zu sagen ist," erkl?rte Balrich. ?Der Brief aber ist hier;" - und er reichte ihn hin.
Sie lasen: Dinkl, der den Brief hielt, neben Gellert, der nach ihm griff, und Malli, auf dem Arm den S?ugling, und Thilde, die Augen trocknend, und die Polster, die die Lippen bewegte, und das gr??te der Kinder auf einem Stuhl. Die anderen, samt den Polsterschen, standen und wunderten sich der tiefen Stille. In die Stille traten auf den Fu?spitzen die beiden jungen Brüder Balrichs, ihnen folgte der alte Dinkl, der nicht mehr arbeitete, mit seinem Blechtopf, worin er sich den Kaffee holen wollte; und alle schlossen sich an den Haufen und lasen mit.
Balrich allein h?rte das Flüstern hinter der Bretterwand und das leise Getrappel, wie Leni das Bürschlein hinausdr?ngte.
Dinkl war fertig, er fragte:
?Was soll uns das nun?"
?Damit werden wir alle reich werden," sagte Balrich. Da lasen sie noch einmal, starr und feierlich.
Gellert unterbrach.
?Wenn er mein Recht verkauft hat? Was soll ich alter Mann noch machen."
?Du bist ein alter Mann," sagte Balrich fest und mit Nachsicht, ?bist wehrlos, und ihr alle seid wehrlos. Darum habe ich mich daran gemacht und lerne. Ich will lernen, bis ich das Recht kann. Dann hole ich es mir."
Er stand, das fahle Frühlicht auf seinem breiten Gesicht, und sie blinzelten alle und wollten begreifen. Gellert begann nochmals zu zetern.
?Was hilft mir dein Lernen, ich bin ein alter Mann und will Geld. Da, z?hle mir mein Geld hin!"
Jetzt wies Dinkl ihn zur Ruhe. Dann sch?pfte er Atem und sagte zu Balrich:
?Es kann wohl lange dauern, bis wir unser Recht bekommen. Wer wei?, ob wir es erleben. Aber unsere Kinder, sollen wenigstens die es besser haben?"
Balrich sah ihm in die Augen, und dann den übrigen, einem nach dem andern. Es dauerte lange und geschah schweigend; da hatte er mit ihnen seinen Pakt gemacht. Vom Arme Mallis hob er den S?ugling und zeigte ihn ihnen.
?So wahr der w?chst," sagte er.
Eine Pause; dann hustete jemand, und alle nahmen ihre Sachen, um in die Fabrik zu gehen. Balrich lie? sie an sich vorüberziehen. Thilde kam und sagte ernst wie eine Nonne:
?Ich warte auf dich. Jetzt wei? ich, du kommst wieder."
Die Polster, die zu Haus blieb, trieb die Kinder vor sich her. Ihren Bruder Dinkl fragte sie ?ngstlich, ob denn auch sie etwas bekommen werde. Das wisse man nicht, erwiderte Dinkl sachlich. ?Wie die Rechtslage ist. Wenn du es nicht anders willst, müssen wir prozessieren." Dann h?rte Balrich Zwei noch reden, im Winkel hinten. Zuerst ein dringendes Geflüster, Hans.
?Ich wei? wohl, was du vorhast. Tu' es nicht, tu' es nicht! Dich liebt nur einer, und das bin ich."
Das k?nne jeder sagen, antwortete Leni nichtachtend.
?Sagen! Aber tun? Auch ich sah in dir nur mein Vergnügen, ich war ein Verbrecher! Jetzt will ich für dich arbeiten, hinaus und verdienen für dich, gleich jetzt. Will sein wie ihr und immer nur arbeiten. Ich liebe nicht nur dich, sondern euch."
Auf das flehendste:
?Du mu?t doch h?ren, so sagt es dir nicht jeder."
Jetzt bekam Leni eine Stimme, die Balrich nicht kannte, eine scharfe, entschlossene Stimme.
?Was nützt es. Es dauert zu lange. Es dauert auch so lange wie -"
Balrich erschrak; er begriff, was sie meinte, und schlich hinaus. Da ward von rückw?rts seine Hand erfa?t, und bevor er verstand was geschah, lagen auf ihr ein Paar Lippen, und vor sich hingekrümmt sah er den grauen Haarknoten seiner Schwester Malli und ihren demütigen Rücken; Er richtete sie auf. ?Heute mu? ich nicht mehr beten," sagte sie mit ihren grauen Lippen und stampfte eilig davon in ihren M?nnerschuhen und dem Rock, der gegen ihre knochigen Hüften schlug.
So ging auch er, die Stirn gesenkt, überladen zum erstenmal mit Verantwortung - und dennoch gest?rkt durch sie. Er fühlte: Alle helfen jetzt mit, ich schaffe es. Auch sie wird glauben lernen.
Ohne da? er aufsah, verging der Winter. In einer Frühlingsnacht erst - ihm war es warm vom Lernen - er ?ffnete, halb entkleidet, das Fenster und lehnte sich hinaus, um Luft zu sch?pfen einige Züge und dann weiter: da h?rte er atmen - atmen ringsum aus den dünnen Mauern, den ge?ffneten Fenstern; und lauschend vernahm er dann auch Schelten, einen Aufschrei aus dem Traum, Gest?hn beim Sterben, und wieder das Winseln Eines, das zur Welt kam. Vor langer Zeit, er entsann sich, hatte er dies alles schon belauscht, nur der Sinn damals war anders. Nicht l?nger bedeutete dies H?rte oder Trostlosigkeit und litten sie oder schliefen, er, er wachte und besann.
Er spannte sich beglückt. Seine Leute, seine Gef?hrten, die Seinen. Arm mit ihm, und eines Tages durch ihn reich. Die schaukelnden Rosenkr?nze vor Villa H?he! . . . Hier verdüsterte er sich und versank. Eine Zeit gab es, da hatte er nur an sich gedacht und an niemandes Recht als nur seins; hatte auf der Stelle Besitz ergreifen wollen und genie?en. Sein Herz erinnerte ihn dann doch an Leni, das geliebteste der Wesen. Aber verdienten andere Wesen es weniger, geliebt, befreit, bereichert zu werden? Sie waren nicht alle gut, nicht alle fein. Feinheit und selbst Güte, meinte der Arbeiter, bringt ihnen erst das Geld. Sie waren oftmals b?se miteinander, wie gegen sie die Reichen, die das Geld nur b?se machte, meinte der Arbeiter. Alle durcheinander k?mpften sie, weil sie litten; k?mpften sich durch, unbekannt einem jeden, wohin. Mit ihrer Vernunft waren sie sich noch nie begegnet.
Die Vernunft aber spricht doch zu jedem, da? wir einer so viel Recht wie der andere haben. Uns allen sind die Produktionsmittel vorenthalten, wir sind enterbt und werden bewuchert an Leib und Leben. Wir sollen die Reichen enteignen, das Glück der Erde soll unser sein, nachdem unser ihr Elend war . . . Ja; aber auch wir werden zum Unrechttun verurteilt sein, denn wir stehen auf dem Unrecht. Die Grundlage aller Reichtümer He?lings ist ein wenig Geld, das einem der Unsrigen geh?rte. Er aber, in dessen Namen wir nun hintreten vor He?ling, hat es schimpflich erworben. Wir, seine Erben, sind nicht gerechter als jener Ausbeuter; wir sollen es erst werden.
?Wie werden wir es? Wenn alle den gleichen Lohn und Gewinn haben? Kein Unternehmer; - aber ich heute, ich wei? mehr als die anderen, kann darum mehr und mu? mehr haben. Wie entsch?dige ich sie?" fragte er inst?ndig das Bild vor seinem Geist, die Gleichheit.
Als das Haustor knarrte, wie am Morgen wenn es ge?ffnet ward, trat er hervor aus seinem eigenen Innern, sah pl?tzlich hellen Tag und h?rte Sonntagsglocken. Viel Zeit verloren vom Lernen; aber, nie gekannt, sein Geist war absichtslos vorgedrungen, er hatte ?gedacht, ohne daran zu denken".
Hinausschlendernd in den festlichen Morgen, sah er über die Wiese den Rechtsanwalt Buck wandeln.
?Sie promenieren?" fragte der dicke Mann. ?Gehen Sie nach Villa H?he, es ist gut für Sie. Für mich ist es gut, sie zu verlassen an einem solchen Morgen."
?Ich gehe nicht hin," sagte Balrich.
?Nicht? Ihr Anblick ist Ihnen zu strahlend, zu leicht und glückumwoben? Sie lügt zu sehr? In der Tat, was für Wesen mü?ten wir sein, um nicht blamiert zu werden durch einen Frühlingstag."
Balrich sagte:
?Wir alle werden uns einstmals ganz heimisch darin fühlen."
?Frühlingstag und Villa H?he, kann sein," sagte Buck und sah ihm lange in das Gesicht, ?für Sie sind sie gemacht."
Er lenkte zwischen den Arbeiterh?usern auf das kahle Feld hinaus. ?Sie wenden jetzt alle ihre lange aufgespeicherte Gehirnkraft auf einmal an, Sie sind ein Riese."
?Das sind Phrasen," sagte Balrich. ?Ich bin überarbeitet."
?Ich sehe es," sagte Buck nachgiebig, und der Arbeiter schroff:
?Aber das ist nur eure Schuld, ihr entzieht uns die Schulbildung, damit wir Knechte bleiben. Künftig aber werden in das geistige Leben die k?rperlich Arbeitenden, alle Menschen, von früh an langsam hineinwachsen. Und in wenigen Stunden wird dann in den Fabriken und am Studiertisch mehr geleistet werden als jetzt in vielen."
Buck sagte befriedigt:
?Dann wird Wissen da sein für alle. Heute übernehmen sich einige an ihm."
?Wie am Geld," sagte Balrich.
?Künftig beziehen alle denselben Lohn?" fragte Buck sanft.
Der Arbeiter err?tete.
?Wohl nicht. Aber jeder seinen Gewinnanteil!"
?Der auch ein Verlustanteil sein kann," erg?nzte Buck.
Balrich wu?te es besser.
?Nein; den tr?gt das Unternehmen. Es geh?rt nicht uns, den Arbeitern. Es geh?rt sich selbst."
?Sie haben dies erdacht?" fragte Buck, schneller als sonst. Dann wandte er ein:
?Es geh?rt sich selbst. Aber wer verk?rpert es? Wer hat teil an ihm?"
?Alle, von denen es lebt."
?Es lebt auch von den Toten."
?Unsinn," sagte der Arbeiter.
?Es lebt auch von den alten M?nnern an der warmen Mauer dort, die nie mehr ein Werkzeug in die Hand nehmen. Denn sie haben das Unternehmen eine Weile unterhalten mit ihrer Kraft. Es lebt auch von den noch Ungeborenen; k?men sie nicht, mü?te es eingehen. Endlich lebt Ihr Unternehmen von der Stadt, die ihm Menschen liefert und Nahrung für sie; von der Hochschule, deren Erfindungen es benützt; ja, von denen, die früher einmal an es geglaubt haben und betrogen wurden. Sehen Sie, mein Vater hatte Aktien, und He?ling brachte ihn darum."
Balrich überlegte lange, bis zum See im Arbeiterwald. Wie sie standen und in das Wasser blickten, sagte er:
?Das w?re wahr? Dann ist es nicht alles. Solche Unternehmen über dieses Land hin und über alle L?nder, das w?re die Gerechtigkeit, es w?re der Weltfriede. Dann w?re es ein gültiger Schwur, den vor wenigen Monaten im Münster zu Basel die Arbeitervertreter aller L?nder geschworen haben: Keine Schafe mehr wir Arbeiter, stumm zur Schlachtbank geführt, keine willenlosen Instrumente der Kriegsinteressenten . . . W?re es wahr?" fragte er inst?ndig.
?Da dann einer für den andern steht, keiner allein, und da wir am Ende, ganz am Ende, doch gleich sind," sagte Buck.
Sie umschritten den See; er sogar erschien rein, im Licht des Frühlingsmorgens. An der gleichen Stelle wieder angelangt, sagte der Arbeiter:
?Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren, ist ehrenvoll und ist Gewinn."
Buck, ohne zu fragen, nahm seinen Arm und stützte sich. Sie traten den Rückweg an; Balrich, nach herbem Besinnen, stie? hervor:
?Wenn das Bürgertum dies wei?, was für ein Verbrecher ist dann He?ling!"
Buck wiegte den Kopf.
?Nur sehr beschwerlich denkt man gegen das eigene Interesse," sagte er. Der Arbeiter sagte bescheidener: ?Ich kann Sie noch nicht verstehen. Vielleicht meinen Sie mich, aber Sie k?nnen auch die Herren dort drüben meinen."
Er wies hinüber. Vor der Villa Klinkorum ergingen sich, den Rücken hergewendet, aber mit Geb?rden, der Professor samt Zillich und dem Doktor Heuteufel. Sogleich gab Buck den Arm Balrichs frei und lie? den Arbeiter hinter sich. Balrich, erbittert, als sei er verraten, blieb stehen und wollte kehrt machen. Inzwischen aber erblickten ihn die drei Herren.
?Da ist er!" rief Klinkorum. ?Herbei, junger Mann! Verhandelt wird Ihre Sache. Wollen Sie weiter hinanklimmen die Leiter der Eingeweihten, oder mit einem h?rbaren Ruck wieder zurückfallen in Ihr ehemaliges Nichts?"
Buck bemerkte, zufolge dieser gesteigerten Ausdrucksweise müsse etwas Erhebliches vorgefallen sein. Statt Klinkorums, dem im Augenblick die Sprache versagte, best?tigte Heuteufel dies im vollen Umfang. Vorgefallen war erstens, da? der Bau des geplanten dritten Arbeiterwohnhauses C, hinter der Villa des Professors und sie vollends umklammernd, jetzt wirklich begann; - und zum zweiten war an Klinkorum, dieses Opfer des Gro?kapitals, die Verwaltung von Gausenfeld herangetreten mit dem Ansinnen -
?Mit dem unerh?rten Ansinnen!" warf Klinkorum ein.
- abzulassen von dem Mittelschulunterricht, den er einem Arbeiter des Werkes erteile. Dies war vorgefallen. ?Genügt es?" fragte Heuteufel, indes der Konsistorialrat nur pfiff. Buck bedauerte den Professor.
?Gerade von diesem Schüler versprachen Sie sich das Beste."
Klinkorum z?gerte; aber dies war der Augenblick nicht, Rücksichten zu verschwenden. ?Das f?llt mir nicht ein," schnob Klinkorum. ?Er ist ein schwerf?lliger Kopf. Durch unbegründeten Dünkel erschwert er dem Lehrer die Aufgabe;" - wobei er gegen Balrich den Finger erhob. ?Aber!"
?Aber gerade darum setzen Sie Ihren Ehrgeiz ein. Sie wollen der Lehrer eines Arbeiters sein, der einst zeigen wird, was der Wille kann."
?Ich will nicht auch noch mein Geld verlieren," stie? Klinkorum, hervor.
?Es ist Ihr heiliges Recht," best?tigten ihm Zillich und Heuteufel.
?Er entwertet mein Haus - wie? Und diesen Zeitpunkt meiner schlimmsten Vergewaltigung durch seine übermacht benutzt der freche Gewalthaber, um mir auch noch die Ausübung meines Gewerbes zu untersagen. Ein R?cher wird mir erstehen! Die Herren sind Zeugen, da? ich es schon l?ngst voraussage: ein R?cher!"
?Man sieht ihn noch nicht," seufzten seine Zeugen.
?Nein, man sieht ihn noch nicht," best?tigte Klinkorum und sah an Balrich vorbei. Dann begann er auszuholen.
?Kommen wird die Zeit, da wird auch seine Villa, meine Herren, seine Villa H?he erschüttert werden von dem Gestampf einer Volksmenge, verpestet von ihrem Geruch, bedroht von ihrer Rache, was sage ich, dem Erdboden gleichgemacht!"
Diese Aussicht schien die beiden andern mit heftiger Freude zu erfüllen. Der Arbeiter sah es immer nur staunend . . . Klinkorum kehrte aus seiner Entrücktheit wieder.
?Lasse er aber ab von dem Bau jener M?rdergrube, des Hauses C, dann immerhin mag es sein, da? ich mein Amt als Lehrer seines Arbeiters niederlege."
?Gesch?ft ist Gesch?ft," sagte Buck, und sah Balrich nach, der den Rücken wandte und ging. Die andern, zu sehr im Eifer, beachteten es nicht.
?Soll er Ihnen Ihr Grundstück abkaufen!" gab Heuteufel zu bedenken.
?Und zwar für das Doppelte seines Wertes," erg?nzte Zillich.
?Wo nicht," schlo? Heuteufel, ?machen Sie ihm ganz Gausenfeld rebellisch."
?Wie k?nnen solche Menschen sich noch selbst betrügen!" dachte dahinten, langsam entschreitend, der Arbeiter Balrich.
Er besann ihre Lage, und sie schien ihm zwar besser, aber auch verachtenswerter als die seiner eigenen Klasse. Sie überhoben sich kindisch über die noch ?rmeren, damit sie doch, mit ihrem wenigen Geld, ihrem Wissen und ihrem schwarzen Rock noch Figur machten neben den überreichen. Lehnten sich auf - und krochen mit dem n?chsten Wort schon wieder unter das Joch des Geldes, unrettbar, weil sie selbst etwas voraushatten. Der Arbeiter fühlte: wer irgend etwas voraushat, ist ein Mitverschworener gegen uns. Zwischen denen, die nur etwas und uns, die nichts haben, ist derselbe ungeheure Abstand wie zwischen uns und den überreichen. Das ganze Bürgertum bis zu seinen ?rmsten ist eine von uns abgeschnittene Welt, aus der wir nur verwehte Ger?usche h?ren, und von uns zu ihnen gelangt nichts, gar nichts.
Er besann: ?Jeder Arbeiter kennt schon meine Geschichte. Denn Dinkls natürlich haben nicht dicht gehalten; aber dem Klinkorum erz?hlt keiner sie. Jeder alte Lumpensammler wei? Bescheid, da? Gausenfeld eigentlich unser ist und uns zufallen soll. Nur die drei K?skr?mer dahinten -" Balrich spie aus, vor so viel Taubheit und Dummheit. Standen da mit ihren Aktien und sahen nicht, wie unter ihnen der Boden schon ri?!
Neben der Kantine die Arbeiter kegelten mit viel Geschrei. Balrich ging vorüber, da waren sie still.
Er trat ein und stieg in die Bank zwischen zwei anderen. Der eine rückte ein Stück fort, - und im Gesicht seines Gegenübers sah Balrich Feindschaft. Sie trauten ihm nicht, er war jetzt anders; denen soll man nicht trauen, die Genossen hatten recht. Er machte sich, ihnen zu gefallen, klein beim Essen. Da kam Herbesd?rfer, sah durch seine runden Brillengl?ser Balrich an mit Ehrfurcht und ri? die Mütze herunter, - wobei die Mütze fortflog. Balrich war schneller als Herbesd?rfer und holte sie. Als Balrich wieder sa?, legte sein Nachbar ihm schwer die Hand auf die Schulter und sagte:
?Wei? schon."
Wei? schon, du bist unser Mann, hast unseretwegen das Mitlachen, Mitschreien verlernt, machst es dir schwerer als wir es uns machen.
Beim Fortgehen, in der Tür, traf er auf Simon Jauner. Der gab ihm die Hand, und mit der anderen beteuerte er irgend etwas, wohl seine Verschwiegenheit. Sie war ihm anzuraten. Hier h?rte der Spa? auf, jeder einzeln hatte ihn dessen versichert. Wenn von der Sache mit Balrich die Herren etwas erfuhren, war dem Jauner sein Messerstich gewi?, er wu?te es. So tat niemand sich Zwang an vor ihm; Dinkl machte wieder seinen alten Witz und nannte den alten Gellert Herr Generaldirektor. Es war ein Witz, und doch keiner mehr. Man lachte brüllend, aber auch Gellert lachte, er fühlte sich nicht verh?hnt, eher geschmeichelt.
Balrich wollte hinaufgehen zu seinen Schulbüchern, aber eine Frau hielt ihn noch auf. Ihr Mann trank, Balrich sollte helfen. Sie hatte vor ihm den demütigen Nacken Mallis.
Die alten M?nner am Haus in der Sonne wandten ihm, wie er vorbei war, runde Augen nach und schwiegen, tiefer als irgend jemand. Die Kinder aber, das Volk von Kindern - eine Wolke von ihnen, stob immer, wo er ging, verschleiernd ihn und seinen Weg.
?Wir halten alle zusammen," fühlte Balrich hochgemut. ?Jetzt hilft es ihnen nichts mehr, da? sie verschworen sind gegen uns; so fest verschworen sind sie nicht."
Und sie wu?ten nichts, kein Spion steckte ihnen noch etwas, im Dunkeln liefen sie durcheinander und h?tten wissen wollen.
In der Fabrik spürte man ihre Unruhe. Bis zu den Inspektoren nur Unsrige, und l?chelten in den Bart, wenn von droben einer sich heranmachte und wollte riechen, was im Werk war. Man lie? sie abfallen, nicht den Mund durften sie auftun; denn nie war besser gearbeitet worden. Jeder wu?te: für uns; die Ware hier ist schon für uns, die Maschinen sind unser; den Beweis hat der Balrich. Unvergleichliche Freude, wie einst der Generaldirektor, geleitet vom Oberinspektor, durch die Arbeitss?le stolzierte und hatte Furcht. Wahrhaftig, bei dem Kessel mit den Mühlr?dern - Herbesd?rfer stand davor und sah ihm entgegen - machte He?ling einen Bogen. Er dachte, grün im Gesicht, wie leicht man, half gar noch einer nach, zwischen die Mühlr?der gerate. Die Furcht, die immer den Herbesd?rfer qu?lte, auf einmal erlernte auch He?ling sie.
Jetzt aber erblickte er den Balrich, und jetzt - alle hatten das Auge auf ihm - fühlte er sich verloren. Er sah und aller Augen begleiteten ihn: der da, mit den schwarzen Brauen, der da, mit der breiten Stirn, den breiten Schultern, dem Schopf - das ist er, der mich in der Hand hat und mehr kann als ich und mich zerschmettern und die Gerechtigkeit wiederherstellen wird. Die Arbeiter nickten einander zu. Wie ihm das Licht aufging! Wie er zitterte!
Balrich stand st?mmig da und erwartete den Kapitalisten, seinen Bauch, sein blondes, massiges und hartes Gesicht, - stand da, erfüllt wie je von dem Bewu?tsein: alles B?se in der Welt geschieht für Diesen . . . He?ling, angelangt, blieb stehen, lie? den Fu? nur ein wenig in der Schwebe; aber genug, da? Todfeinde sich messen . . . Dann warf der Generaldirektor den Kopf in den Nacken, und der Arbeiter legte Hand an.
Drau?en, ged?mpft, fragte der Generaldirektor seinen Oberinspektor, was es damals gewesen sei mit dem Arbeiter, der Latein lernte bei Klinkorum.
?Das war er," sagte der Oberinspektor.