Diederich He?ling war ein weiches Kind, das am liebsten tr?umte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verlie? er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederb?umen das h?lzerne Fachwerk der alten H?user stand. Wenn Diederich vom M?rchenbuch, dem geliebten M?rchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kr?te gesessen, halb so gro? wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
Fürchterlicher als Gnom und Kr?te war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr He?ling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die H?nde – worauf er weglief.
Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an der Werkst?tte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewu?t: ?Ich habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr w?ret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen k?nntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig."
[pg 6] Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen bald, es dem Vater zu melden, da? sie sich Bier holten, und bald lie? er kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr He?ling zurückkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttensch?pfer gewesen in den alten Mühlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine Papiermaschine kaufen k?nnen. Ein Holl?nder und eine Schneidemaschine vervollst?ndigten die Einrichtung. Er selbst z?hlte die Bogen nach. Die von den Lumpen abgetrennten Kn?pfe durften ihm nicht entgehen. Sein kleiner Sohn lie? sich oft von den Frauen welche zustecken, dafür, da? er die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele beisammen, da? ihm der Gedanke kam, sie beim Kr?mer gegen Bonbons umzutauschen. Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, indes er den letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschüttelt, zu dem schrecklichen lieben Gott, er m?ge das Verbrechen unentdeckt lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt hatte, zuckte diesmal die Hand, und in die eine Bürste seines silberigen Kaiserbartes lief, über die Runzeln hüpfend, eine Tr?ne. ?Mein Sohn hat gestohlen", sagte er au?er Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verd?chtigen Eindringling. ?Du betrügst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen Menschen totzuschlagen."
Frau He?ling wollte Diederich n?tigen, vor dem Vater [pg 7]hinzufallen und ihn um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber Diederichs Instinkt sagte ihm, da? dies den Vater nur noch mehr erbost haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau war He?ling durchaus nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fürs Leben. übrigens ertappte er sie geradeso auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben war. Sie klatschte, anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstm?dchen ... Und He?ling wu?te noch nicht einmal, da? seine Frau auch naschte, gerade wie das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich nachtr?glich an den Schrank. H?tte sie sich in die Werkstatt getraut, würde sie auch Kn?pfe gestohlen haben.
Sie betete mit dem Kind ?aus dem Herzen", nicht nach Formeln, und bekam dabei ger?tete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor, und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, da? sie nun Angst hatte. Ihre z?rtlichen Stunden nützte er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor seiner Mutter. Ihre ?hnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten Gewissen durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht h?tte bestehen k?nnen.
Dennoch hatten die beiden von Gemüt überflie?ende D?mmerstunden. Aus den Festen pre?ten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und M?rchenerz?hlen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am Christkind zu zweifeln anfing, lie? er sich von der [pg 8]Mutter bewegen, noch ein Weilchen zu glauben, und er fühlte sich dadurch erleichtert, treu und gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartn?ckig, und der Vater, der hiervon nichts h?ren wollte, schien zu stolz, beinahe strafwürdig. Die Mutter n?hrte ihn mit M?rchen. Sie teilte ihm ihre Angst mit vor den neuen, belebten Stra?en und der Pferdebahn, die hindurchfuhr, und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige Grausen.
Ecke der Meisestra?e hinwieder mu?te man an einem Polizisten vorüber, der, wen er wollte, ins Gef?ngnis abführen konnte! Diederichs Herz klopfte beweglich; wie gern h?tte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann würde der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben. Es war vielmehr geboten, zu beweisen, da? man sich rein und ohne Schuld fühlte – und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach der Uhr.
Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den M?rchenkr?ten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie – nach allen diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie heulend, und auch die Antworten, die er wu?te, konnte er nicht geben, weil er heulen mu?te. Allm?hlich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle [pg 9]Angst machte ihn nicht flei?iger oder weniger tr?umerisch – und vermied so, bis die Lehrer sein System durchschaut hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war pl?tzlich still und sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und willf?hrig. Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel gr??erer Genugtuung sprach er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: ?Heute hat Herr Behnke wieder drei durchgehauen." Und wenn gefragt ward, wen?
?Einer war ich."
Denn Diederich war so beschaffen, da? die Zugeh?rigkeit zu seinem unpers?nlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, da? die Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekr?nzte man Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.
Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber hereingebrochene Katastrophen ihn mit heiligem und sü?em Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward wahnsinnig. Noch h?here Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren hier gr??lich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten. Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen.
[pg 10] Die Macht, die ihn in ihrem R?derwerk hatte, vor seinen jüngeren Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mu?ten nach seinem Diktat schreiben und künstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, damit er mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte. Sie waren grausam. Die Kleinen schrien – und dann war es an Diederich, sich zu demütigen, um nicht verraten zu werden.
Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen n?tig; ihm genügten Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Holl?nders und sah die Trommel die Lumpen ausschlagen. ?Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame Bande!" murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es. Pl?tzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines Arbeiters hatte ihn aufgest?rt aus seinem l?sterlichen Genu?.
Denn recht geheuer und seiner Sache gewi? fühlte er sich nur, wenn er selbst die Prügel bekam. Kaum je widerstand er dem übel. H?chstens bat er den Kameraden: ?Nicht auf den Rücken, das ist ungesund."
Nicht da? es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil fehlte. Aber Diederich hielt dafür, da? Prügel, die er bekam, dem Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust zufügten. Ernster als diese blo? idealen Werte nahm er die Schaumrolle, die der Oberkellner vom ?Netziger Hof" ihm schon l?ngst versprochen hatte und mit der er nie herausrückte. Diederich machte unz?hlige Male ernsten Schrittes den Gesch?ftsweg die Meisestra?e hinauf zum Markt, um seinen befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner Verpflichtung überhaupt nichts mehr wissen wollte, erkl?rte Diederich und stampfte ehrlich ent[pg 11]rüstet auf: ?Jetzt wird mir's doch zu bunt! Wenn Sie nun nicht gleich herausrücken, sag' ich's Ihrem Herrn!" Darauf lachte Schorsch und brachte die Schaumrolle.
Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und in Sorge genie?en, denn es war zu fürchten, da? Wolfgang Buck, der drau?en wartete, darüber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war. Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tür brach er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu seinen Gunsten noch eben so kr?ftig ge?u?ert hatte, schwieg vor den Ansprüchen des anderen – die man freilich nicht einfach au?er acht lassen durfte, dafür war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende Pers?nlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern eine wei?seidene Halsbinde und darüber einen gro?en wei?en Knebelbart. Wie langsam und majest?tisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem überzieher sahen h?ufig Fracksch??e hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen, er bekümmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gef?ngnis, von allem, was ?ffentlich war, dachte Diederich: ?Das geh?rt dem Herrn Buck." Er mu?te ungeheuer reich und m?chtig sein. Alle, auch Herr He?ling, entbl??ten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas abzunehmen, w?re eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den gro?en M?chten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrückt zu werden, mu?te Diederich leise und listig zu Werk gehen.
Einmal nur, in Untertertia, geschah es, da? Diederich [pg 12]jede Rücksicht verga?, sich blindlings bet?tigte und zum siegestrunkenen Unterdrücker ward. Er hatte, wie es üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner Klasse geh?nselt, nun aber schritt er zu einer ungew?hnlichen Kundgebung. Aus Kl?tzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die überw?ltigende Mehrheit drinnen und drau?en. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Schuldbewu?tsein, das kollektiv war!
Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein, aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut zurück; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre Zustimmung. Diederich l?chelte mit demütigem Einverst?ndnis zu ihnen auf. Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besa?. Unter ihm brachte Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite dieser Ehrenstellen behauptete er auch sp?ter. Er war gut Freund mit allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem Leichtsinn – und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt worden waren. In seiner Stimme bebte, nun er [pg 13]sie wiederholte, noch etwas von dem wollüstigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angeh?rt hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden gerüttelt, eine gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast wie ein Ha?, der zu seiner S?ttigung rasch und verstohlen ein paar Bissen nahm. Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte Regung.
Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren Fortkommen seine T?tigkeit in Frage stellte, zumeist keine pers?nliche Abneigung. Er benahm sich als pflichtm??iger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig, beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefa?t, der schon l?ngst verd?chtig war, alles abzuschreiben. Diederich überlie? ihm, mit Wissen des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich gef?lscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem Zusammenbruch des Betrügers sa?en einige Primaner vor dem Tor in einer Gartenwirtschaft, was zum Schlu? der Turnspiele erlaubt war, und sangen. Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als ausgetrunken war, lie? er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Ba?t?nen, die von Gemüt schleppten, ganz allein an:
?Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit ..."
übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in allen F?chern, ohne in einem das Ma? des Geforderten zu überschreiten, oder auf der Welt irgend etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war [pg 14]ihm das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungekl?rtes Mi?trauen ein.
Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere für gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle studieren. Der alte He?ling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.
Weil er sich aus der N?he der Friedrichstra?e nicht fortgetraute, mietete er sein Zimmer droben in der Tieckstra?e. Jetzt hatte er nur in gerader Linie hinunterzugehen und konnte die Universit?t nicht verfehlen. Er besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, t?glich zweimal, und in der Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater und Mutter und dankte ihnen für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging er nur selten aus. Kaum, da? er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort mu?te er nach der Tasche fassen, ob es noch da sei.
So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem Brief des Vaters in die Blücherstra?e zu Herrn G?ppel, dem Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an He?ling lieferte. Am vierten Sonntag besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der gedrungene, ger?tete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, da? er nicht früher gekommen sei. Herr G?ppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war, hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gründen, schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer von [pg 15]denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, h?her als gewisse Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafür der Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden. ?Ja, da? wir hier als freie M?nner sitzen k?nnen," sagte Herr G?ppel, ?das verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck." Und er ?ffnete noch eine Flasche Bier. ?Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten lassen ..."
Herr G?ppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich best?tigte alles, was G?ppel wollte; er hatte über den Kanzler, die Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich berührt, denn ein junges M?dchen war eingetreten, das ihm auf den ersten Blick durch Sch?nheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.
?Meine Tochter Agnes", sagte Herr G?ppel.
Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett, und war rosig überzogen. Das junge M?dchen gab ihm die Hand. Sie wollte wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja, als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fühlte sich feucht vor Ungemütlichkeit und war fest überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige, womit er das junge M?dchen interessieren k?nne. Aber wie war von hier fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch, namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, stud. ing. zu sein schien und bei G?ppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte Fr?ulein Agnes an einen Spaziergang, den [pg 16]sie verabredet h?tten. Diederich ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schützte er einen Bekannten vor, der drau?en auf ihn warte, und machte sich sofort davon. ?Gott sei Dank," dachte er, w?hrend es ihm einen Stich gab, ?sie hat schon einen."
Herr G?ppel ?ffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und fragte, ob sein Freund auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. ?Denn wenn Sie es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben sich gewi? schon mal verirrt in Berlin." Und als Diederich es zugab, zeigte Herr G?ppel sich befriedigt. ?Das ist nicht wie in Netzig. Hier laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer Tieckstra?e bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, n?chsten Sonntag kommen Sie nun aber zum Mittagessen!"
Diederich versprach es. Als es so weit war, h?tte er lieber abgesagt; nur aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein Alleinsein mit dem Fr?ulein zu bestehen. Diederich tat gesch?ftig und als sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe für so etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr He?ling studiere Chemie?
?Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat", behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.
Fr?ulein G?ppel lie? ihren Beutel fallen; er bückte sich so nachl?ssig, da? sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie danke, ganz weich, fast besch?mt – was Diederich ?rgerte. ?Kokette Weiber sind etwas Gr??liches", dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.
[pg 17] ?Jetzt hab' ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster n?mlich. Es blutet wieder."
Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Wei?e des Schnees, da? Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag, müsse hineinsickern.
?Ich habe welches", sagte er, mit einem Ruck.
Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte er es abgeleckt.
?Was machen Sie denn?"
Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: ?O, ich als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen."
Sie l?chelte. ?Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das k?nnen", bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.
?So", machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war es schwül geworden, er dachte: ?Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen mü?te! Sie ist widerlich weich." Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie: ?Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?" Und sie n?tigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich Vetternschaft heraus.
?Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann k?nnen Sie sich freuen. Meine ist l?ngst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so Ahnungen" – und sie l?chelte wehmütig und entschuldigend.
Diederich beschlo? schweigend, diese Sentimentalit?t albern zu finden. Noch eine Pause – und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll, da? Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich l?chelte er ihm sieghaft in die Augen. Ohne weiteres zog er einen [pg 18]Stuhl bis vor Agnes' Knie und fragte heiter und mit Autorit?t nach allem M?glichen, was nur sie beide anging. Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte, da? Agnes, so in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie nicht hübsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf deren freilich sehr schmalem Rücken Sommersprossen sa?en. Ihre gelbbraunen Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. ?Wenn sie nicht so viel braunrotes Haar über der Stirn h?tte und dazu den wei?en Teint ..." Auch bereitete es ihm Genugtuung, da? der Nagel des Fingers, den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.
Herr G?ppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und kü?ten Agnes. Sie taten es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge M?dchen war schlanker und gr??er als sie alle und blickte ein wenig zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schm?chtigen Schultern hing. Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Ku?. Diederich sah dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, überzogen von roten Haaren, ihre Schl?fe kreuzen.
Er mu?te eine der Tanten ins E?zimmer führen. Der Mecklenburger hatte Agnes' Arm in den seinen geh?ngt. Um den langen Familientisch raschelten die seidenen Sonntagskleider. Die Gehr?cke wurden über den Knien zusammengelegt. Man r?usperte sich, die Herren rieben die H?nde. Dann kam die Suppe.
Diederich sa? von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich nicht vorbeugte – was er sorgf?ltig [pg 19]vermied. Da seine Nachbarin ihn in Ruhe lie?, a? er gro?e Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er h?rte ausführlich das Essen besprechen und mu?te best?tigen, da? es sch?n schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten, und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt habe. Herr G?ppel erz?hlte, Diederich zugewandt, da? er und seine Schwestern vorhin in der Friedrichstra?e, wei? Gott, auseinander gekommen seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden h?tten. ?So etwas kann Ihnen in Netzig auch nicht passieren", rief er voll Stolz über den Tisch. Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin, ihr Papa werde es schon erlauben. Herr G?ppel machte z?rtliche Einw?nde, und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh schlafen gehen und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter überanstrengt. Sie bestritt es. ?Ihr la?t mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich."
Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine Wallung von Heldentum: er h?tte machen wollen, da? sie alles dürfte, da? sie glücklich war und es ihm dankte ... Da fragte Herr G?ppel ihn, ob er in das Konzert wolle, ?Ich wei? nicht", sagte er ver?chtlich und sah Agnes an, die sich vorbeugte. ?Was ist das für eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier trinken kann."
?Sehr vernünftig", sagte der Schwager des Herrn G?ppel.
Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.
Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr G?ppel riet seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller hingesetzt hatte, war Diederich [pg 20]aufgesprungen – sein Stuhl flog an die Wand – und festen Schritts zur Tür geeilt. ?Marie! Der Krehm!" rief er hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz. Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stie? sogar h?hnisch den Atem aus. Der Schwager ?u?erte mit künstlicher Harmlosigkeit: ?Immer galant! So soll es sein." Herr G?ppel l?chelte z?rtlich zu Agnes hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen die Tischplatte, da? sie anfing sich zu heben. Er dachte: ?Gott, o Gott, h?tte ich nur das nicht getan!"
Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drückte er sich herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee w?hlte er seinen Sitz mit Sorgfalt dort, wo Mahlmanns breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten wollte sich seiner annehmen.
?Was studieren Sie denn, junger Mann?" fragte sie.
?Chemie."
?Ach so, Physik?"
?Nein, Chemie."
?Ach so."
Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie nicht hinweg. Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft pa?te ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie hinausbegleitet. Herr G?ppel kehrte zurück, erstaunt, den jungen Mann allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal fa?te er in die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben, Abschied nahm, bekundete G?ppel gro?e Herzlichkeit. ?Meine Tochter werd' ich von Ihnen [pg 21]grü?en", sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein wenig überlegt hatte: ?Kommen Sie doch n?chsten Sonntag wieder!"
Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch lie? er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis zu einem Gesch?ft zu fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen konnte. Vorher mu?te er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des Virtuosen herausfinden, den Agnes erw?hnt hatte. War es der? Hatte er so geklungen? Diederich entschlo? sich. Als er dann erfuhr, es koste vier Mark fünfzig, ri? er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt h?tte! Als er bezahlt hatte und drau?en war, entrüstete er sich zun?chst über den Schwindel. Dann bedachte er, da? es für Agnes geschehen sei, und ward von sich selbst erschüttert. Immer weicher und glücklicher ging er durch das Gewühl. Es war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen ausgegeben hatte.
Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Sch?nschrift. Wie er dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte h?hnisch. Diederich fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es s?he drinnen aus wie bei einer ?lteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause mitgebracht! Diederich sch?mte sich hei?. Als Mahlmann die Chemiebücher ver?chtlich auf- und zuklappte, sch?mte Diederich sich seines Faches. Der Mecklenburger w?lzte [pg 22]sich ins Sofa und fragte: ?Wie gef?llt Ihnen denn die G?ppel? Netter K?fer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch! Ich trete zurück, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei fünfzehn verschiedenen."
Da Diederich nachl?ssig abwehrte:
?Sie, da ist n?mlich was zu machen. Ich mü?te gar nichts von Weibern verstehen. Die roten Haare! – und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen ansieht, wenn sie meint, man wei? es nicht?"
?Mich nicht", sagte Diederich noch geringsch?tziger. ?Ich pfeife auch darauf."
?Ihr Schade!" Mahlmann lachte tobend – worauf er vorschlug, einen Bummel zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie beide betrunken. Etwas sp?ter, in der Leipziger Stra?e, bekam Diederich ohne Anla? von Mahlmann eine m?chtige Ohrfeige. Er sagte: ?Au! Das ist aber doch eine –" Vor dem Wort ?Frechheit" schrak er zurück. Der Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. ?Recht freundlich, Kleiner! Alles blo? Freundschaft!" – und überdies nahm er Diederich die letzten zehn Mark ab ... Vier Tage sp?ter fand er ihn schwach vor Hunger und teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, gro?mütig drei Mark mit. Am Sonntag bei G?ppels – mit weniger leerem Magen w?re Diederich vielleicht nicht hingegangen – erz?hlte Mahlmann, da? He?ling all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr G?ppel und sein Schwager lachten verst?ndnisvoll, aber Diederich h?tte lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig prüfend angesehen werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt tr?stete er sich. ?Es ist alles [pg 23]eins, sie hat es schon immer getan!" Da fragte sie, ob das Konzertbillett vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu.
?Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen", entgegnete er so unliebenswürdig, da? sie ihm glaubten. Agnes z?gerte ein wenig, bevor sie wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor Agnes hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er a? noch mehr als das vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hie?, der Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine Verabredung. Er setzte sogar hinzu: ?Mit jemand, den ich unm?glich warten lassen kann." Herr G?ppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: ?Keine Angst, Sie sind natürlich eingeladen." Aber Diederich beteuerte entrüstet, da? es nicht daran liege. ?Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie Lust haben", schlo? G?ppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines gro?en Opfers. Am Abend in einem überfüllten Bierlokal sa? er den Kopf aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als verstehe er jetzt das Schicksal.
Was war zu machen gegen die gewaltt?tige Art, in der Mahlmann seine Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen Blumenstrau? für Agnes, und Diederich, der mit leeren H?nden kam, h?tte sagen k?nnen: ?Der ist eigentlich von mir, Fr?ulein." Indessen schwieg er, mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte zur Bewunderung [pg 24]heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich keineswegs die Warnung verkannte, die solch ein Vorgang für ihn selbst enthielt.
Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei G?ppels mit einem Bukett, keinem zu gro?en, um sich nicht blo?zustellen, und auch, um Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge M?dchen hatte, wie sie es nahm, ein ergriffenes Gesicht, und Diederich l?chelte herablassend und verlegen zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerh?rt festlich; er war nicht überrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.
Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie abgez?hlt hatte: elf Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie G?ppels Schwestern, vollst?ndig anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer h?heren Klasse oder h?tten geerbt. Die M?nner trugen Gehr?cke: nur wenige in Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten. Kam man durch eine Seitenstra?e, war sie breit, gleichf?rmig und leer, ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis kleiner M?dchen in wei?en Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Pl?tze rangen, sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen bla? aus. Alles dr?ngte vorw?rts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnügen anfangen sollte. Alle Mienen sagten hart: ?Nu los, gearbeitet haben wir genug!"
[pg 25] Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fu? trat. Der Herr schrie: ?Flegel!" Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte es sich, da? Herr G?ppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt, bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.
Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes – warum ging heute alles glücklich? –, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren wollte, unterstützte er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor dem engen Gang zwischen den Raubtierk?figen kehrten die Damen um. Diederich trug Agnes seine Begleitung an. ?Da nehmen Sie doch lieber mich mit hinein", sagte Mahlmann. ?Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte –"
?Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest", entgegnete Agnes und trat ein, w?hrend Mahlmann sein Gel?chter aufschlug. Diederich blieb hinter ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie über ihn hinstie?en – und vor dem jungen M?dchen, dessen Blumenduft ihm voranzog. Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:
?Ich mag das Renommieren nicht!"
?Wirklich?" fragte Diederich, vor Freude gerührt.
?Heute sind Sie mal nett", sagte Agnes; und er:
?Ich m?chte es eigentlich immer sein."
?Wirklich?" – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken. Sie sahen einander an, jeder mit [pg 26]einer Miene, als verdiente er das alles nicht. Das junge M?dchen sagte klagend:
?Die Tiere riechen aber furchtbar."
Und sie gingen zurück.
Mahlmann empfing sie. ?Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausrei?en würden." Dann nahm er Diederich beiseite. ?Na? Was macht die Kleine? Geht es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, da? es keine Kunst ist."
Da Diederich stumm blieb:
?Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch ein Semester in Berlin: dann k?nnen Sie mich beerben. Aber so lange warten Sie gef?lligst –" Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf pl?tzlich tückisch anzusehen. ?– Freundchen!"
Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen und wagte sich gar nicht mehr in Agnes' N?he. Sie h?rte nicht sehr aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rückw?rts: ?Papa! Heute ist es sch?n, heute geht es mir aber wirklich gut."
Herr G?ppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden H?nde und tat, als wollte er fest zudrücken, aber er berührte sie kaum. Seine blanken Augen lachten und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erkl?rte ihnen, der Tag müsse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und nachher irgendwo essen.
?Papa wird leichtsinnig!" rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so ungeschickt, da? er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedr?nge der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn G?ppel allein zurück. Pl?tz[pg 27]lich hielt G?ppel an, tastete verst?rt auf seinem Magen umher und fragte:
?Wo ist meine Uhr?"
Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:
?Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr G?ppel?"
?Jawohl!" – und G?ppel wendete sich an Diederich. ?Drei?ig Jahre bin ich hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert." Und stolz trotz allem: ?Sehen Sie, das gibt's in Netzig überhaupt nicht!"
Nun mu?te man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verh?r bestehen. Und Agnes hustete. G?ppel zuckte zusammen. ?Wir w?ren jetzt doch zu müde", murmelte er. Mit künstlicher Jovialit?t verabschiedete er Diederich, der Agnes' Hand übersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal, mit überraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging, schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er die schwersten seiner Chemieb?nde mit Krachen auf den Boden. Er hielt sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Ger?usch einer Tür begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. W?re es nicht vorher so sch?n gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die M?dchen: da? sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewu?t, da? er es mit so einem Kerl nicht aufnehmen k?nne. Er sah sich neben Mahlmann und würde es nicht begriffen haben, h?tte eine sich für ihn entschieden. ?Was hab' ich mir nur eingebildet?" dachte er. ?Eine, die sich in mich verliebt, mu? wirklich dumm sein." Er litt gro?e Angst, [pg 28]der Mecklenburger k?nne kommen und ihn noch ?rger bedrohen. ?Ich will sie gar nicht mehr. W?re ich nur schon fort!" Die n?chsten Tage sa? er in t?dlicher Spannung bei verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er.
Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was er habe. Nach so kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. ?Ja, das Berliner Pflaster!"
Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine Universit?t, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, da? es ein Für und ein Wider g?be. Diederich mu?te ihm viel von G?ppels berichten. Ob er die Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Gesch?ftsfreunden gewesen? Herr He?ling wünschte, da? Diederich die Ferien benutze, um in der v?terlichen Werkst?tte den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen. ?Ich bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat mich auch schon lange nicht so gekitzelt."
Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von G?bbelchen oder l?ngs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur eins zu fühlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf, da? die Hügel dahinten traurig oder wie eine gro?e Sehnsucht aussahen, und was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs hei?e Liebe und seine Tr?nen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten.
Als er einmal die L?wenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein Schulkamerad Gottlieb Hornung. ?Ja, ich spiel' hier den Sommer über 'n bi?chen Apotheker", erkl?rte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber [pg 29]zum Herbst ging er nun nach Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was los sei. Hocherfreut über den Besitz seiner überlegenheit fing Diederich an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhie?: ?Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf."
Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universit?t ward verworfen. Am Ende des Sommers – Hornung hatte noch einige Tage zu praktizieren – kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das Zimmer in der Tieckstra?e. Vor Mahlmann und den G?ppels flüchtete er bis nach Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem Kollegen für eine Verbindung gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der Maske der Geringsch?tzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er machen.
?Aber nur einen", sagte er fest.
Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum Frühschoppen; Diederich war Konkneipant geworden.
Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen gro?en Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von ihm verlangte, als da? er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohl[pg 30]wollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, l?chelte er in die Runde, beinahe versch?mt durch die eigene Vollkommenheit!
Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte in der Schule zu den besten S?ngern geh?rt und schon in seinem ersten Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewu?t, wo jedes Lied zu finden war. Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf gro?en N?geln in der Lache von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit Ehrerbietung am Munde des Pr?ses: ob vielleicht sein Lieblingsstück daran k?me. Dann dr?hnte er tapfer: ?Sie wissen den Teufel, was Freiheit hei?t", h?rte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den Mützen an der Wand, angesichts des Kranzes ge?ffneter Münder, die alle dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der K?rper, die es in der W?rme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es sp?t ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben K?rper. Er war untergegangen in der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu geh?rte! Ihn herausrei?en, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann h?tte sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann w?ren statt Die[pg 31]derichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn geradezu herbei, so furchtlos war er. Wom?glich sollte er mit G?ppel kommen, dann mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er ger?cht!
Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein, sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes, Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, wei?en und humorvollen Speckmasse, die unten breit über die Stuhlr?nder quoll, in mehreren Wülsten die Tischh?he erreichte und dort, als sei nun das ?u?erste getan, aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn dasitzen sah, verga?, da? er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war ausschlie?lich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine wahre Gestalt und bl?hte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch' hinterem Gesicht blühte auch sein vorderes auf. Lebensfreude übergl?nzte es, und er ward witzig.
Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das Bierglas wegzunehmen. Delitzsch rührte kein Glied, aber seine Miene, die dem geraubten Glase überall hin folgte, enthielt pl?tzlich den ganzen, stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in s?chsischem Schreitenor: ?Junge, da? du mir nischt verschüttest! Was entziehst de mir überhaupt mein' L?bensunterhalt! Das ist 'ne ganz gemeine, b?swilliche Existenzsch?dichung, und ich kann dich glatt verklaachen!"
Dauerte der Spa? zu lange, senkten sich Delitzsch' wei?e Fettwangen, und er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurück hatte: welche allumfassende Aus[pg 32]s?hnung in seinem L?cheln, welche Verkl?rung! Er sagte: ?Du bist doch ? gutes Luder, du sollst l?m, prost!" – trank aus und klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: ?Herr Oberk?rper!"
Nach einigen Stunden geschah es wohl, da? sein Stuhl sich mit ihm umdrehte und Delitzsch den Kopf über das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser pl?tscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten, durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rückte Delitzsch an den Tisch zurück.
?Na, nu geht's ja wieder", sagte er; und: ?Wovon habt 'r denn geredt, w?hrend ich anderweitig besch?ftigt war? Wi?t ihr denn egal nischt wie Weibergeschichten? Was koof' ich mir für die Weiber?" Immer lauter: ?Nich mal ? sauern Schoppen kann 'ch mir dafür koofen. Sie, Herr Oberk?rper!"
Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.
Das Bier! Der Alkohol! Da sa? man und konnte immer noch mehr davon haben, das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die H?hen des Lebens bef?rdert und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal h?tte von Polizisten umstellt sein dürfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war ?fertig", war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine [pg 33]Stellung aus, war reich und von Wichtigkeit: Chef einer m?chtigen Fabrik von Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit schuf, war in tausend H?nden. Man breitete sich, vom Biertisch her, über die Welt aus, ahnte gro?e Zusammenh?nge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja, das Bier erhob einen so sehr über das Selbst, da? man Gott fand!
Gern h?tte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen lie?en ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und materiellen Wert einer v?lligen Zugeh?rigkeit zur Verbindung geschildert; allm?hlich aber gingen sie immer unverblümter darauf aus, ihn zu keilen. Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie entgegneten, da? der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, n?mlich die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfüllt werde. Diederich zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren St?cken in der Luft ihm die Schl?ge vorgeführt hatten, die sie einander beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepre?t: ?Warum bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun mu? ich 'ran."
Er mu?te. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, da? ihm unm?glich viel geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, [pg 34]lernte er fechten, schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: über die Wange fühlte er es rinnen. Als er dann gen?ht war, h?tte er am liebsten getanzt vor Glück. Er warf es sich vor, da? er diesen gutmütigen Menschen gef?hrliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten gefürchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein wohlgesinnter Erzieher.
Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert h?tte. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die W?sche mu?ten. Das Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die eine H?lfte und verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter Feudalstimme.
?Man kann sagen, was man will," bemerkte er gern, ?Formen sind kein leerer Wahn."
Für das F in ?Formen" machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen Mausloch und stie? es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel dünkte ihm erlesen: da? die r?tlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe wuchsen und seine langen, gekrümmten N?gel nach unten gekrümmt, nicht, wie bei Diederich, nach oben; der starke m?nnliche Duft, der von Wiebel ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen Scheitels erh?hten, und die katerhaft in Schl?fenwulste gebetteten Augen. Diederich hatte das [pg 35]alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu seinem G?nner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht auf Dasein best?tigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete sich vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich so hoch hinausgewagt h?tten, auch er h?tte gern solchen roten Hals gehabt und immer geschwitzt. Welch ein Traum, s?useln zu k?nnen wie Wiebel!
Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen – und da Wiebel infolge unregelm??iger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafür durfte er mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt Diederich drau?en Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schl?ger da zu haben, um ihn schultern zu k?nnen.
Wiebel h?tte es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs Ehre und sein ganzes Schuldbewu?tsein wurzelten, am gl?nzendsten vertrat Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia. Er hatte das Ansehen der Verbindung erh?ht, denn er sollte einst einen Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen Vetter von Klappke erw?hnte, machte die ganze Neuteutonia eine geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin duftend, vom t?glichen Frisieren kam, stand [pg 36]an einer Stra?enecke Wiebel mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie wendeten und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne eine Bemerkung. Jeder vermutete, da? auch der andere die ?hnlichkeit des Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die übrigen schon l?ngst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu vergessen. Als Wiebel das n?chste Mal ?mein Vetter von Klappke" sagte, verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie je.
Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen, Korpsgeist, Eifer für das H?here. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal, beim Friseur und zum Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die gemütvolle Derbheit nicht ausschlo?. Ein Kommilitone, mit dem Diederich bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stie? einst mit ihm vor der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie sich – bis sie pl?tzlich, im gleichen Augenblick vom Drang überw?ltigt, wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, da? ihnen die Schulterknochen knackten. Das war der Beginn [pg 37]einer Freundschaft. In menschlicher Lage einander n?her gekommen, rückten sie nachher auch am offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich ?Schweinehund" und ?Nilpferd".
Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte Opfer; es übte im m?nnlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am Waschtisch und sagte noch: ?Na da. Habt 'r heit aach so ? Durscht?" – pl?tzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem Waschgeschirr. Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.
?Herzklaps", sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten beide in streng kommentm??iger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren – sie marschierten im Takt nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer Todesverachtung:
?So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spa?. Das kann sich jeder gesagt sein lassen."
Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch' treue Pflichterfüllung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz folgten sie dem Sarge; ?Neuteutonia sei's Panier", stand in jeder Miene. Auf dem Friedhof, die umflorten Schl?ger gesenkt, hatten alle das in sich vertiefte Gesicht des Kriegers, den die n?chste Schlacht dahinraffen kann, wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem Geschiedenen rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit [pg 38]und des Idealismus den h?chsten Preis errungen, das erschütterte jeden, als g?lte es ihm selbst.
Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm übernommenen Grunds?tze selbst?ndig zu vertreten und sie den Jüngeren einzupflanzen. Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit und mit Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen. Keine fünf Minuten vergingen, und er mu?te sich an den W?nden hinaustasten. Das Schreckliche geschah, da? einer vor Diederich aus der Tür ging. Seine Bu?e waren acht Tage Bierverschi?. Nicht Stolz oder Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch k?rperlich verdankte er ihr alles: die Breite seines wei?en Gesichts, seinen Bauch, der ihn den Füchsen ehrwürdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anl?ssen in hohen Stiefeln mit Band und Mütze aufzutreten, den Genu? der Uniform! Wohl hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die K?rperschaft, der der Leutnant angeh?rte, war offenbar die h?here; aber wenigstens mit einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von ihm angeschnauzt zu werden. Seine M?nnlichkeit stand ihm mit Schmissen, die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz geschorenen Sch?del hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben – und welche Genugtuung, sie t?glich und nach Belieben einem jeden beweisen zu k?nnen! Einmal bot sich eine unerwartet gl?nzende Gelegenheit. Zu dritt, mit Gottlieb Hornung und dem Dienstm?dchen ihrer Wir[pg 39]tin, waren sie beim Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine Wohnung, mit der ein ziemlich hübsches Dienstm?dchen verbunden war, machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst, darüber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.
Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit Diederich noch eine Polka bekam, war er gen?tigt, sie daran zu erinnern, da? er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des Tanzes seine korrekte Verbeugung, da dr?ngte sich unversehens ein anderer dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen nach, im dunklen Gefühl, da? er hier werde einschreiten müssen. Bevor er sich aber regte, war ein M?dchen durch die tanzenden Paare gestürzt, hatte Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies sehen und auf Rosas R?uber losmarschieren, war für Diederich eins.
?Mein Herr," sagte er und sah ihm fest in die Augen, ?Ihr Benehmen ist unqualifizierbar."
Der andere erwiderte:
?Wennschon."
überrascht von dieser ungew?hnlichen Wendung eines offiziellen Gespr?chs, stammelte Diederich:
?Knote."
Der andere erwiderte prompt:
?Schote" – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber der andere [pg 40]stie? ihn pl?tzlich vor den Bauch – und gleich darauf w?lzten sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen k?mpften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs Klemmer suchen half, rief: ?Da rei?t er aus" – und war schon hinterher. Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in eine Droschke steigen und nahmen die n?chste. Hornung behauptete, die Verbindung dürfe das nicht auf sich sitzen lassen. ?So was kneift und bekümmert sich nicht mal mehr um die Dame." Diederich erkl?rte:
?Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt."
?Für mich auch."
Die Fahrt war aufregend. ?Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul." ?Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsf?hig ist?" Man entschied: ?Dann hat die Sache offiziell nicht stattgefunden."
Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anst?ndigen Haus. Diederich und Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten sie sich davor. Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause, zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer die Tür im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war!
Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verh?r. Sie suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, da? die beiden keine besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als Diederich, blieb dabei, da? man warten müsse, und noch zwei Stun[pg 41]den lang marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere. Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewi?, ob hier nicht ein Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen. Da entschlo? Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin.
?Mein Herr –"
Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: ?Sie irren sich wohl."
Diederich brachte hervor:
?Durchaus nicht. Ich mu? Genugtuung fordern. Sie haben sich –"
?Ich kenne Sie ja gar nicht", stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad flüsterte ihm etwas zu: ?So geht das nicht" – er lie? sich von dem anderen die Karte geben, legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich. Diederich gab die seine her; dann las er: ?Albrecht Graf Tauern-B?renheim". Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollführen. Der zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung.
?Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos gemeint. Er w?re selbstverst?ndlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen, da? eine beleidigende Absicht nicht vorliegt."
Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: ?O danke sehr."
?Damit ist die Sache wohl erledigt", sagte der Freund; und die beiden Herren entfernten sich.
Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen. Pl?tzlich seufzte er tief auf und l?chelte langsam.
[pg 42]
Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich rühmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.
?Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie."
Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stie? in langsamer Schwellung die Worte hervor:
?F – formen sind doch kein leerer Wahn."
Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines gro?en Augenblickes auf.
?So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich euch sagen. Die Erkl?rungen Seiner Erlaucht waren so durchaus befriedigend, da? ich meinerseits unm?glich –: Ihr begreift, man ist kein Rauhbein."
Alle begriffen es und best?tigten Diederich, da? die Neuteutonia in dieser Sache durchaus anst?ndig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden Edelleute wurden bei den Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten Schl?gern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht betrank.
Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten für die Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon l?ngst für fast alles. Mit Rücksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs Wechsel auf zweihundertfünfzig Mark erh?ht worden; und doch übermannten ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur dürres Land sah man, verschmachtend, sich dahindehnen – und endlich mu?te man wohl, so wenig dies Rittern angestanden h?tte, über die Zurückforderung dessen beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen hatten. Gewi? war mancher [pg 43]alte Herr inzwischen zu gro?en Geldern gelangt. Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.
?Bei dem geht es", erkl?rte er. ?Der war bei gar keiner Verbindung: ein ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd' ich mal auf die Bude steigen."
Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein riesenhaftes Lachen aus, da? Diederich fast vergessen hatte und das ihn sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er h?tte doch fühlen sollen, da? hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze Neuteutonia moralisch zugegen war, und h?tte Diederich um ihretwillen Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der kraftspendenden Gesamtheit j?h herausgerissen und stehe hier als einzelner Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück, das würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann m?ge nur so gef?llig sein, ihm für einen Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in seinen Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverst?ndlich:
?Nein."
Diederich, betroffen:
?Wieso, nein?"
?Bürgen ist gegen meine Prinzipien", erkl?rte Mahlmann.
Diederich err?tete vor Entrüstung. ?Aber ich habe doch auch für Sie gebürgt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich mu?te für Sie hundert Mark blechen. Sie haben sich gehütet!"
?Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen wollte, würden Sie auch nicht bezahlen."
[pg 44] Diederich ri? nur noch die Augen auf.
?Nein, Freundchen," schlo? Mahlmann; ?wenn ich Selbstmord begehen will, brauch' ich Sie nicht dazu."
Diederich fa?te sich, er sagte herausfordernd:
?Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr."
?Nein", wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.
Mit ?u?erstem Nachdruck stellte Diederich fest: ?Dann scheinen Sie überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler geben."
Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren tückisch geworden, und er stand auf. ?Nun müssen Sie 'rausgehen", sagte er, ohne Erregung. ?Unter uns w?re es wohl Wurst, aber nebenan sitzen meine Angestellten, die dürfen so was nicht h?ren."
Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen m?chtigen Knuff.
?Ich fordere Genugtuung", schrie er, ?Sie müssen sich mit mir schlagen!"
?Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen rufen." Er ?ffnete die Tür. ?Friedrich!" Und Diederich ward einem Packer überliefert, der ihn die Treppe hinabbef?rderte. Mahlmann rief ihm nach:
?Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen haben, kommen Sie ruhig wieder!"
Diederich brachte sich in Ordnung und verlie? das Haus in guter Haltung. Um so schlimmer für Mahlmann, wenn er sich so aufführte! Diederich hatte sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht w?re er gl?nzend dagestanden. Etwas h?chst Anst??iges blieb es, da? ein ein[pg 45]zelner sich so viel erlauben konnte; Diederich war gekr?nkt im Namen s?mtlicher Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, da? Mahlmann Diederichs alte Hochachtung wieder betr?chtlich aufgefrischt hatte. ?Ein ganz gemeiner Hund", dachte Diederich. ?Aber so mu? man sein ..."
Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.
?Nun k?nnen wir fortmachen", sagte Hornung.
?Wieso wir? Ich brauch' mein Geld selbst."
?Du machst wohl Spa?. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben."
?Dann such' dir Gesellschaft!"
Diederich schlug ein solches Gel?chter auf, da? Hornung ihn für verrückt hielt. Darauf reiste er wirklich.
Unterwegs sah er erst, da? der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das war ungew?hnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen sei.
?Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefa?t machen. Wenn Du unseren innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann s?ume nicht l?nger, mein Sohn!"
Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich. Er entschlo? sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. ?Weibern glaub' ich überhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig."
Trotzdem tat Herr He?ling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten Atemzüge.
Von dem Anblick überw?ltigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im Augenblick na? wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze Flügelschl?ge und lie? sie machtlos gegen die Hüften [pg 46]klappen. Pl?tzlich erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und kü?te sie. Frau He?ling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten Atemzügen ihres Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die Prügel gar, als er von den Lumpen die Kn?pfe gestohlen hatte! Diese Hand war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie verlieren sollte. Er fühlte, da? seine Mutter das gleiche im Sinn hatte, und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, über das Bett hinweg, in die Arme.
Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück. Er vertrat vor ganz Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und verga? darüber fast, da? er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur ?u?eren Tür entgegen. Die Beleibtheit des gro?en Mannes von Netzig ward majest?tisch in seinem gl?nzenden Gehrock. Würdevoll trug der den umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen Handschuh entbl??te Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in Diederich ein, und er sagte:
?Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt noch zusammen für das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig studieren?"
Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verst?rte ihn die Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton:
[pg 47] ?Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen. Haben Sie das schon hinter sich?"
?Nein" – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es sei ihm bisher ganz unm?glich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.
Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter S?tbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. S?tbier belehrte ihn, da? ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der M?dchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden. Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich neuntausend Mark betragen. ?Mehr nicht?" fragte Diederich. S?tbier sah ihn an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich vorstellen k?nnte, wie sein seliger Vater und S?tbier das Gesch?ft heraufgearbeitet h?tten! Gewi? war es ja noch ausdehnungsf?hig ...
?Na, is jut", sagte Diederich. Er sah, da? hier vieles ge?ndert werden müsse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese Zumutung des Verstorbenen emp?rte ihn. Als seine Mutter behauptete, der Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht ge?u?ert, in seinem Sohn Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals verheiraten, um immer für die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus. ?Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du," schrie er, ?und er log auch nicht." Frau He?ling glaubte den Seligen zu h?ren und duckte sich. Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fünfzig Mark erh?hen zu lassen.
[pg 48] ?Zun?chst", sagte er rauh, ?hab' ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten k?nnt ihr mir sp?ter kommen."
Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben. Nachts freilich tr?umte er, der alte Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich.
Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine ver?nderten Lebensumst?nde an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die für Diederichs alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner sch?nsten Blütezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch, wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.
Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt. Dieser Herr sah angewidert über all das m?nnliche Fleisch hin, das ihm unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick h?hnisch. Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts übrig, als auch seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der err?tet war ... Der Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf h?rte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hie?, bekam die Lehre: ?Wenn Sie mich wieder mal hier bel?stigen, dann waschen Sie sich wenigstens!" Bei Diederich hie? es:
[pg 49] ?Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich garantiere Ihnen, da? Sie aussehen wie ein Christenmensch."
Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre Kleider, als brennte die Kaserne. Die für tauglich Befundenen sahen einander prüfend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als erwarteten sie, da? eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege. Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit sorgf?ltiger Aussprache: ?Ich m?chte noch hinzufügen, da? ich homosexuell bin."
Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: ?Solche Schweine k?nnen wir allerdings nicht brauchen."
Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung aus über ein so schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher an der Wand seine K?rperl?nge gemessen hatte, und beteuerte ihm, da? er froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr. Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm nicht bescheinigen wolle, da? er skroful?s und rachitisch sei. Er k?nne sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen mu?te, konnte man so lange die Miete sparen.
Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die ?Rayons" hie?en, ?abgerichtet". [pg 50]Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochn?sigkeit zur Schau, die Einj?hrigen betrachtete er nie anders als mit einem zugekniffenen Auge. Pl?tzlich schrie er: ?Abrichter!" und gab den Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte. Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die ?Kerls" umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte wohl, da? alles hier, die Behandlung, die gel?ufigen Ausdrücke, die ganze milit?rische T?tigkeit vor allem darauf hinzielte, die pers?nliche Würde auf ein Mindestma? herabzusetzen. Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstm?rderische Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen man sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. J?h und unab?nderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unerme?licher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben w?re es gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. H?chstens konnte man, gegen die eigene überzeugung, sich manchmal drücken. Diederich war beim Laufen gefallen, der Fu? tat ihm weh. Nicht, da? er gerade h?tte hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie ?ins Gel?nde" marschierte, zurückbleiben. Um dies zu erreichen, war er zun?chst an den Hauptmann selbst herangetreten. ?Herr Hauptmann, bitte –" Welche Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes Befehle ent[pg 51]gegenzunehmen hatte! Der man sich nur ?vorführen" lassen konnte! Der Hauptmann donnerte, da? die Unteroffiziere zusammenliefen, mit Mienen, in denen das Entsetzen vor einer L?sterung stand. Die Folge war, da? Diederich st?rker hinkte und einen Tag l?nger vom Dienst befreit werden mu?te.
Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einj?hrigen verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: ?Das will ein gebildeter Mensch sein!" Er war es gewohnt, da? alles Unheil von den Einj?hrigen kam. Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach dem Lichtl?schen zoteten sie, bis der Unteroffizier emp?rt dazwischenschrie: ?Das wollen gebildete Leute sein!" Trotz seiner langen Erfahrung erwartete er immer noch von den Einj?hrigen mehr Geist und gute Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu entt?uscht. In Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte, entschied nicht allein über Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten. Diederich zeigte sich ganz erfüllt von den milit?rischen Idealen der Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf, so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte: ?Jetzt bin ich der Herr Kommandierende General", und auf der Stelle benahm Diederich sich, als glaubte er es. Wenn es aber hie?: ?Jetzt bin ich ein Mitglied der k?niglichen Familie", dann war Diederichs Verhalten so, da? es dem Unteroffizier ein L?cheln des Gr??enwahns abn?tigte.
Im Privatgespr?ch in der Kantine er?ffnete Diederich [pg 52]seinem Vorgesetzten, da? er vom Soldatenleben begeistert sei. ?Das Aufgehen im gro?en Ganzen!" sagte er. Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben. Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte, da? er am Nachmittag, bei den übungen ?im Gel?nde", keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, da? der Hauptmann, bei seinen Kommandos, sich uns?glich kühn und kriegerisch auf dem Pferd herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut im Magen schlenkern fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich v?llig bereit war, mu?te zurücktreten hinter der pers?nlichen Not. Der Fu? schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es m?chte schlimmer werden, so schlimm, da? er nicht wieder ?ins Gel?nde" hinaus mu?te, da? er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof üben konnte und da? man gen?tigt war, ihn zu entlassen!
Es kam dahin, da? er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders aufsuchte, der Geheimer Sanit?tsrat war. Er müsse ihn um seinen Beistand bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee, für das gro?e Ganze und w?re am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da in einem gro?artigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fu? tue nun einmal weh. ?Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, da? er unbrauchbar wird. Schlie?lich habe ich Mutter und Geschwister zu ern?hren." Der Geheim[pg 53]rat untersuchte ihn. ?Neuteutonia sei's Panier", sagte er. ?Ich kenne zuf?llig Ihren Oberstabsarzt." Hiervon war Diederich durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger Hoffnung.
Die Hoffnung bewirkte, da? er am n?chsten Morgen kaum noch auftreten konnte. Er meldete sich krank. ?Wer sind Sie, was bel?stigen Sie mich?" – und der Stabsarzt ma? ihn. ?Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist auch schon kleiner." Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der Vorgesetzte mu?te sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fu? zu Gesicht bekam, erkl?rte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde, werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fu?. Der Stabsarzt stie? ihn entrüstet vom Stuhl. ?Macht Dienst, Schlu?, abtreten" – und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er pl?tzlich auf und fiel um. Er ward ins ?Revier" gebracht, den Aufenthalt der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn die Selbstbek?stigung, die den Einj?hrigen zustand, war hier nur schwer zu bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er sein düsteres Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen menschlichen Ton und schlug dann wieder in milit?rische Schroffheit um, die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders. [pg 54]Diederich sollte nur ?vorl?ufig" weiter Dienst machen, das weitere werde sich schon ergeben. ?Bei dem Fu? ..."
Einige Tage sp?ter trat ein ?Revier"gehilfe an Diederich heran und fertigte auf geschw?rztem Papier einen Abdruck des verh?ngnisvollen Fu?es. Diederich ward gen?tigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudrücken. ?Nicht mal Plattfu?! Stinkt vor Faulheit!" Da aber ward die Tür aufgesto?en, und der Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewu?ter als sonst, er sah nicht rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf, den Blick finster und streng auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er mu?te sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialit?t nicht mehr zulie?. Nun hatte er sie erfa?t, nahm die Mütze herunter und stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fu?, sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten, Diederich und das Papier an. Dann zog er die Abs?tze zusammen: er hatte das Befohlene gesehen.
Als der Oberstabsarzt fort war, n?herte der Stabsarzt sich Diederich. H?flich, mit einem leisen L?cheln des Einverst?ndnisses, sagte er:
?Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man mu?te nur der Leute wegen –. Sie verstehen, die Disziplin –."
Diederich bekundete durch Strammstehen, da? er alles verstehe.
?Aber", wiederholte der Stabsarzt, ?ich habe natürlich gewu?t, wie Ihr Fall lag."
[pg 55] Diederich dachte: ?Wenn du es nicht gewu?t hast, jetzt wei?t du es." Laut sagte er:
?Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch weiterdienen dürfen?"
?Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren", sagte der Stabsarzt und machte kehrt.
Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das ?Gel?nde" sah ihn nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um für Stiefel, die nicht geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verh?ngen: an Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine gerechte Strenge an einem Einj?hrigen, der nun schon im dritten Monat strafweise im Mannschaftszimmer schlafen mu?te, weil er einst, w?hrend der ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und w?re, wenn er seine Pflicht getan h?tte, vielleicht gestorben. Dann w?re er eben gestorben! Der Hauptmann hatte, sooft er diesen Einj?hrigen ansah, ein Gesicht voll stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte: ?Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanit?tsrat sind mehr wert als vierzig Grad Fieber ..." Was Diederich betraf, so waren die amtlichen Formalit?ten eines Tages glücklich erfüllt, und der Unteroffizier Vanselow verkündete ihm seine Entlassung. Diederich hatte sofort die Augen voll Tr?nen; er drückte Vanselow warm die Hand.
?Gerade mu? mir das passieren, und ich hatte doch" – er schluchzte – ?so viel Freudigkeit."
Und dann war er ?drau?en".
[pg 56] Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte. Wenn er zum Essen ging, sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich mu?te er sich den Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.
?Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich w?re überhaupt dabei geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend qualifiziert. Na und da –"
Er starrte schmerzlich vor sich hin.
?Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat ist. Der Hauptmann l??t einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich habe ich den Fu? nicht geschont und zu früh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualit?t meine Angeh?rigen zu benachrichtigen."
Dies sagte er knapp und m?nnlich.
?Da h?ttet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. T?glich kam er selbst, nach den gr??ten M?rschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es auch nur beim Milit?r. Wir sind in den b?sen Tagen wahre Kameraden geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann eingestehen mu?te, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergi?t. Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen."
Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich.
?Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche Leben hineinfinden. Prost."
[pg 57] Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und sprach nur noch von ?subversiven Tendenzen", ?Vaterlandsfeinden" und auch vom ?christlich-sozialen Gedanken". Er erkl?rte den Füchsen, es sei an der Zeit, sich mit Politik zu besch?ftigen. Er wisse wohl, da? es nicht für vornehm gelte, aber die Gegner zw?ngen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von Barnim werde demn?chst den Neuteutonen die Ehre geben.
Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich – aber am Schlu? seines Vortrages bekam er Schw?rmeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen H?ndedrücken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin überein, da? der jüdische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie sei und da? die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger St?cker zu scharen h?tten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort ?Vorfrucht" keinen deutlichen Sinn und verstand unter ?Sozialdemokratie" nur eine allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr von Barnim hatte jeden, der n?here Aufkl?rung wünschte, zu sich eingeladen, und Diederich würde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so schmeichelhafte Gelegenheit vers?umt h?tte.
In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine st?ndische Volksvertretung, wie im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche, Gewerbe[pg 58]treibende, Handwerker. Das Handwerk mu?te, der Kaiser hatte es mit Recht gefordert, wieder auf die H?he kommen, wie vor dem Drei?igj?hrigen Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen. Diederich ?u?erte sein w?rmstes Einverst?ndnis. Es entsprach seinen Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse, nicht pers?nlich, sondern korporativ im Leben Fu? zu fassen. Er sah sich schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen Mitbürger freilich schlo? Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch das Prinzip der Unordnung und Aufl?sung, des Durcheinanderwerfens, der Respektlosigkeit: das Prinzip des B?sen selbst. Sein frommes Gesicht zog sich zusammen vom Ha?, und Diederich fühlte ihn mit.
?Schlie?lich", meinte er, ?haben wir doch die Gewalt und k?nnen sie hinauswerfen. Das deutsche Heer –"
?Das ist es eben", stie? Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief. ?Haben wir darum den ruhmreichen Krieg geführt, da? mein v?terliches Gut an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?"
W?hrend Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte es, und Herr von Barnim sagte:
?Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen."
Er bemerkte Diederichs Entt?uschung und setzte hinzu:
?Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns mu? an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in das Lager unseres christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das Ihre!"
Damit war Diederich entlassen. Er h?rte den Barbier noch sagen:
[pg 59] ?Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinübergeht, blo? weil Liebling jetzt Marmor hat."
Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:
?Das ist alles sch?n und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung für die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch St?cker hat im Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit gediehen. Heute hei?t es blo? noch: losschlagen, solange wir die Macht haben."
Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war ihm gleich ein wenig peinlich erschienen.
?Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt." Wiebels Augen drohten katerhaft. ?Nun, was wollen Sie mehr? Das Milit?r ist darüber instruiert, es k?nne vorkommen, da? es auf die lieben Verwandten schie?en mu?. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am Vorabend gro?er Ereignisse."
Da Diederich erregte Neugier zeigte:
?Was ich durch meinen Vetter von Klappke –."
Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Abs?tze zusammen:
?– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die ?ffentlichkeit reif. Ich will nur bemerken, da? der gestrige Ausspruch Seiner Majest?t, die N?rgler m?chten gef?lligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war."
?Tats?chlich? Sie glauben?" sagte Diederich. ?Dann ist mein Pech wirklich skandal?s, da? ich gerade jetzt aus [pg 60]dem Dienst Seiner Majest?t scheiden mu?te. Ich darf sagen, da? ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht getan haben würde. Auf die Armee, so viel wei? ich, kann der Kaiser sich verlassen."
Er war in diesen na?kalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der Stra?e, in der Erwartung gro?er Ereignisse. Unter den Linden hatte sich etwas ver?ndert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an den Mündungen der Stra?en und warteten auch. Die Passanten zeigten einander das Aufgebot der Macht. ?Die Arbeitslosen!" Man blieb stehen, um sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden z?gerten sie, wie verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schlo? ein. Dort standen sie, stumm, die H?nde in den Taschen, lie?en sich von den R?dern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter dem Regen, der auf ihre entf?rbten überzieher fiel. Manche von ihnen wandten die K?pfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstra?e her schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie sich. Andere aber lie?en kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das Wasser lief über ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur n?chsten Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte.
[pg 61] ?Ich begreife nicht," sagte Diederich, ?da? die Polizei nicht energischer vorgeht. Das ist doch eine unbotm??ige Bande."
?Lassen Sie's gut sein", erwiderte Wiebel. ?Die Schutzleute sind genau instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlüberlegten Absichten, das k?nnen Sie mir glauben. Es ist n?mlich gar nicht immer zu wünschen, da? derartige F?ulniserscheinungen am Staatsk?rper gleich anfangs unterdrückt werden. Man l??t sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!"
Die Reife, die Wiebel meinte, kam t?glich n?her, am sechsundzwanzigsten schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewu?ter aus. In eine der n?rdlichen Stra?en zurückgetrieben, quollen sie aus der n?chsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verst?rkt wieder hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Züge, rannen, sooft sie getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schlo?, wichen zurück und erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie übergetretenes Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fu?g?nger stauten sich, mit hineingezogen in die langsame überschwemmung, worin der Platz ertrank, in dies trübe und mi?farbene Meer der Armen, das z?h dahinrollte, dumpfe Laute heraufw?lzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit den Bannern hinaufreckte: ?Brot! Arbeit!" Ein deutlicheres Grollen, ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: ?Brot! Arbeit!" Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke: ?Brot! Arbeit!" Eine Attacke der Berittenen, ein Aufsch?umen, Zurückflie?en, und Weiberstimmen im L?rm, schrill, gleich Signalen: ?Brot! Arbeit!"
Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die [pg 62]Neugierigen hinunter. Aber sie haben aufgerissene Münder; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: ?Es kommt anders! Jetzt geht es gegen die Juden!" – und ist untergegangen, bevor ihm einf?llt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem gro?en Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafés, h?rt das Klirren der eingedrückten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: ?Da haben se mich neulich 'rausgesetzt for meine drei?ig Fennje, weil ich keinen Zylinderhut hatte" – und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man über Scherben f?llt, einander die B?uche einst??t und laut zetert. ?Niemand mehr 'rein! Wir kriegen keine Luft!" Aber immer mehr steigen ein. ?Die Polizei dr?ngelt!" Und die Mitte der Stra?e sieht man frei liegen, ges?ubert, wie für einen Triumphzug. Da sagt jemand: ?Das ist doch Wilhelm!"
Und Diederich war wieder drau?en. Niemand wu?te, wie es kam, da? man auf einmal marschieren konnte, in gedr?ngter Masse, auf der ganzen Breite der Stra?e und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der Kaiser sa?: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Kn?uel von Schreienden wurden aufgel?st und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe, ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein junger Herr im Helm, der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schlo?. Sie hatten: ?Brot! Arbeit!" geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich ge?ndert, als da? er da war – und schon marschierten sie, als gehe es auf das Tempelhofer Feld.
[pg 63] Seitw?rts, wo die Reihen dünner waren, sagten bürgerlich Gekleidete zu einander: ?Na, Gott sei Dank, er wei?, was er will!"
?Was will er denn?"
?Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren. Sie sind frech geworden."
?Angst kennt er nicht, das mu? man sagen. Kinder, dies ist ein historischer Moment!"
Diederich h?rte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte, wandte sich auch an ihn. Er hatte wei?e Bartkoteletts und das Eiserne Kreuz.
?Junger Mann," sagte er, ?was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das werden die Kinder mal aus den Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!"
Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem Kaiser folgten, blickten mit ?u?erster Entschlossenheit darein, ihre Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum Statieren bei einer Allerh?chsten Aufführung befohlen; und manchmal schielten sie seitw?rts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine Züge, sein Auge blitzte hin über die Tausende der von ihm Gebannten. Er ma? sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den emp?rerischen Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten unter sie gewagt, stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es im Plan des H?chsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie für immer das Gepr?ge seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!
[pg 64] Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben Diederich, er sagte: ?Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bev?lkerung mischt."
?Das ist doch gro?artig!" behauptete Diederich, und die Stimme versagte ihm. Der andere zuckte die Achseln.
?Theater, und nicht mal gut."
Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.
?Sie sind wohl auch so einer."
Er h?tte nicht sagen k?nnen was für einer. Er fühlte nur, da? er hier, zum erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche Bem?ngelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des Menschen an: sie waren nicht breit. Auch ?u?erte die Umgebung sich mi?billigend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch dr?ngte er den Feind gegen die Mauer und schlug auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit. Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen bemerkte Diederich zu seinen Mitk?mpfern:
?Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!"
Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er drückte Diederich die Hand.
?Brav, junger Mann, brav!"
?Soll man da nicht wütend werden?" erkl?rte Diederich, noch keuchend. ?Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?"
?Sie haben gedient?" fragte der alte Herr.
?Ich w?re am liebsten ganz dabei geblieben", sagte Diederich.
?Na ja, Sedan ist nicht alle Tage" – der alte Herr betupfte sein Eisernes Kreuz. ?Das waren wir!"
Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.
[pg 65] ?Das ist doch gerade so gut wie Sedan!"
?Na ja", sagte der alte Herr.
?Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr", rief jemand und schwenkte sein Notizbuch. ?Wir müssen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben wohl einen Genossen verwalkt?"
?Kleinigkeit" – Diederich keuchte noch immer. ?Meinetwegen k?nnt' es jetzt gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit."
?Fein", sagte der Reporter und schrieb. ?In der wildbewegten Menge h?rt man Leute aller St?nde der treuesten Anh?nglichkeit und dem unerschütterlichen Vertrauen zu der Allerh?chsten Person Ausdruck geben."
?Hurra!" schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines m?chtigen Sto?es von Menschen, der schrie, gelangte er j?h bis unter das Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein Rausch, h?her und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fu?spitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch über allen K?pfen, in einer Sph?re der begeisterten Raserei, durch einen Himmel, wo unsere ?u?ersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einm?rsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts k?nnen, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein [pg 66]verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen als Neuteutonen, als Milit?r, Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverb?nde kegelf?rmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie unsere Liebe!
... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stie? Diederich vor die Brust, da? ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll Siegestaumel, als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die geb?ndigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel Gefühl; man durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mu?te abbiegen, auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gef?hrlichsten Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich ri? den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam nicht. Da er zu pl?tzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.
* * *
[pg 67]
Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer Bank sa? eine Dame; Diederich ging ungern vorüber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. ?Gans", dachte er zornig. Da sah er, da? sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte, und dann erkannte er Agnes G?ppel.
?Eben bin ich dem Kaiser begegnet", sagte er sofort.
?Dem Kaiser?" fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter gro?en, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden hatte er blutige K?mpfe bestanden für seinen Kaiser! Kanonen sollte man auffahren!
?Die Leute hungern wohl", sagte Agnes schüchtern. ?Es sind ja auch Menschen."
?Menschen?" Diederich rollte die Augen. ?Der innere Feind sind sie!"
Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.
?Wenn es Ihnen Vergnügen macht, da? wegen des Packs alle Stra?en abgesperrt werden müssen."
Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen gehabt, und wie sie zurück nach der Blücherstra?e wollte, ging kein Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurückgedr?ngt worden bis hierher. Es war kalt und na?, ihr Vater würde sich ?ngstigen; was sollte sie tun? Diederich verhie? ihr, er werde es schon machen. Sie gingen zusammen weiter. [pg 68]Er wu?te auf einmal nichts mehr zu sagen und wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen kahlen B?umen und nassem alten Laub. Wo waren die m?nnlichen Hochgefühle von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus sprang, ausri? und verschwand. Gerade sagte Agnes: ?Sie haben sich aber sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch geschrieben?"
Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mu?te Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken, dann fragte sie weiter: warum er damals pl?tzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.
?Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre."
Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn v?llig in Anspruch genommen. Dort herrsche n?mlich eine verdammt strenge Zucht. ?Und dann habe ich meiner Wehrpflicht genügt."
?Oh!" – Agnes sah ihn an, ?was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt sind Sie wohl schon Doktor?"
?Das soll jetzt kommen."
Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite, alle seine wohlerworbene M?nnlichkeit: für sie war das nichts? Sie bemerkte es gar nicht?
?Aber Sie", sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine ganz dünne R?te, bis auf den Sattel der kleinen eingedrückten Nase mit den Sommersprossen.
?Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser werden."
Diederich bereute.
?Ich meinte doch natürlich, da? Sie noch hübscher geworden sind" – und er betrachtete ihr rotes Haar, das [pg 69]unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als früher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich seiner Demütigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen. Herausfordernd sagte er:
?Wie geht es denn Herrn Mahlmann?"
Agnes bekam eine wegwerfende Miene.
?Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wieders?he, w?r's mir gleich."
?So? Aber er hat ein Patentbureau und k?nnte ganz gut heiraten."
?Wennschon."
?Früher interessierten Sie sich doch für ihn."
?Woraus schlie?en Sie das?"
?Er schenkte Ihnen immer etwas."
?Ich h?tte es lieber nicht angenommen; aber dann –" sie sah auf den Weg, auf das nasse Laub vom Vorjahr, ?dann h?tte ich auch Ihre Geschenke nicht annehmen dürfen."
Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, da? etwas Schweres geschehen war, und schwieg auch.
?Das war doch nicht der Rede wert," stie? er endlich heraus, ?ein paar Blumen." Und mit wiedergekehrter Entrüstung: ?Mahlmann hat Ihnen sogar ein Armband geschenkt."
?Ich trage es niemals", sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er brachte hervor: ?Und wenn es von mir gewesen w?re?"
Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:
?Dann ja."
Darauf gingen sie pl?tzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei erfüllt, eilten vorbei und [pg 70]bogen in die Dorotheenstra?e. Hier war es wenig belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.
?Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen n?mlich schenkte, war mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz grüner Junge."
Sie blieb stehen. ?Oh!" – und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen zitterten. ?Das ist schrecklich. K?nnen Sie mir das verzeihen?"
Er l?chelte überlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.
?Nein, nein", sagte sie verst?rt.
Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. ?Es tut mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch l?nger gefallen lassen müssen. übrigens wohne ich gleich hier. Sie k?nnten mit hinaufkommen, da w?ren Sie wenigstens im Trockenen. Aber natürlich, eine junge Dame darf das nicht."
Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.
?Sie sind so gut", sagte sie, st?rker atmend. ?Sie sind so edel." Und da sie schon das Haus betraten: ?Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?"
?Ich wei?, was ich der Ehre meiner Korporation schulde", erkl?rte Diederich.
Sie mu?ten an der Küche vorbei, aber es war niemand darin. ?Legen Sie doch so lange ab", sagte Diederich gn?dig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, und trat, w?hrend sie den Hut abnahm, von einem Fu? auf den anderen.
?Ich mu? die Wirtin suchen, damit sie Tee macht." Er wandte sich schon nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes hatte seine Hand ergriffen und kü?te sie! ?Aber Fr?ulein [pg 71]Agnes", murmelte er, furchtbar erschrocken, und legte ihr, wie tr?stend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr K?rper, als würde er geschlagen. Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht an. Diederich ward es hei?, er kü?te Agnes auf den Hals. Und pl?tzlich kam ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte. ?Agnes! Agnes, ich liebe dich", sagte er wie aus tiefer Not. Sie antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemst??e, und er fühlte sie fallen, er trug sie, die zu zerflie?en schien.
Dann sa? sie auf dem Diwan und weinte. ?Sei mir nicht b?s, Agnes", bat Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.
?Ich weine doch vor Glück", sagte sie. ?Ich hab' so lange auf dich gewartet."
?Warum?" fragte sie, da er ihre Bluse schlie?en wollte. ?Warum deckst du es schon zu? Findest du es schon nicht mehr sch?n?"
Er verwahrte sich. ?Ich bin mir der übernommenen Verantwortung vollkommen bewu?t."
?Verantwortung?" sagte Agnes. ?Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang geliebt. Du wu?test es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!"
Diederich, die H?nde in den Taschen, bedachte, da? dies das Schicksal der leichtsinnigen M?dchen sei. Andererseits empfand er das Bedürfnis, sich ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. ?Also wirklich mich, nur mich hast du geliebt?"
[pg 72] ?Ich sah, da? du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte, du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, da? Papa eine Reise mit mir machen mu?te."
?Wohin denn?" fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn wieder an sich.
?Sei lieb mit mir! Ich hab' nur dich!"
Diederich dachte verlegen: ?Dann hast du nicht viel." Agnes schien ihm verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, da? sie ihn liebte. Auch sagte er sich, einem M?dchen, das so etwas tat, dürfe man nicht alles glauben.
?Und Mahlmann?" fragte er h?hnisch. ?Ein bi?chen war doch wohl los mit ihm." – ?Na la? nur", sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen von seinem Glück.
Sehr langsam zog sie sich an. ?Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was los ist", meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war und er schon die Tür ge?ffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.
?Vielleicht", sagte sie, wie zu sich selbst, ?komme ich nie wieder. Mir ist, als sollte ich heute nacht sterben."
?Wieso denn?" sagte Diederich, peinlich berührt. Statt einer Antwort lie? sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf seiner und von den Hüften zu den Fü?en wie mit ihm verwachsen. Diederich wartete geduldig. Dann l?ste sie sich, ?ffnete die Augen und sagte:
[pg 73] ?Du mu?t nicht denken, da? ich etwas von dir verlange. Ich hab' dich geliebt, nun ist alles gleich."
Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:
?Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir gegenüber zu entziehen. Nur vorl?ufig: du verstehst, ich verdiene noch nichts, ich mu? erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb einleben ..."
Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment gemacht:
?Es w?re sch?n, wenn ich sp?ter einmal deine Frau werden k?nnte."
Da sie in die Blücherstra?e einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er, es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:
?Weil uns jemand sehen k?nnte? Das würde gar nichts machen, denn ich mu? zu Hause doch erz?hlen, da? ich dir begegnet bin und da? wir im Café zusammen gewartet haben, bis die Stra?en wieder frei waren."
?Na, die kann lügen", dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
?Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mu?t bestimmt kommen."
Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. ?Ich soll –? Bei euch soll ich –?"
Sie l?chelte sanft und schlau. ?Es geht doch nicht anders. Wenn man uns einmal s?he –: willst du denn nicht, da? ich wiederkomme?"
O ja, das wollte er. Trotzdem mu?te sie ihm zureden, bis er sein Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer formellen Verbeugung, kehrte [pg 74]rasch um und dachte: ?So ein Weib ist scheu?lich raffiniert. Lange tu' ich da nicht mit." Indes bemerkte er mit Unlust, da? es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach Hause, er wu?te nicht, warum. Als er dann die Tür seines Zimmers hinter sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit. Pl?tzlich reckte er die Arme in die H?he, wandte das Gesicht nach oben und sagte in einem langen Aufatmen:
?Agnes!"
Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. ?Ich bin ganz furchtbar glücklich", dachte er, und: ?So sch?n kommt es im ganzen Leben nicht wieder!" Er hatte die Gewi?heit, da? er bis jetzt, bis zu dieser Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde gehalten hatte? Sie waren Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich t?richt abgearbeitet und endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, da? er, bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, die ihn besch?mten, und niemand, den er liebte – bis Agnes kam! ?Agnes! Sü?e Agnes, du wei?t ja gar nicht, wie ich dich liebhabe!" Aber sie sollte es wissen. Er fühlte, da? er es nie wieder so werde sagen k?nnen wie in dieser Stunde, und er schrieb einen Brief. Er [pg 75]schrieb, da? auch er diese drei Jahre immer auf sie gewartet habe, und da? er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu sch?n für ihn sei, zu fein und zu gut; da? er sich das mit Mahlmann nur eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; da? sie eine Heilige sei, und nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Fü?en. ?Hebe mich auf, Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will Dir mein ganzes Leben weihen!" – Er weinte, drückte das Gesicht in das Diwankissen, worin er ihren Duft noch spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er ein.
Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu finden. Sein gro?es Erlebnis fiel ihm ein, ein sü?er Sto? ging durch sein Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, da? er sich peinliche übertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief wieder durch: das war alles recht sch?n, und es konnte einen auch wirklich aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem gro?artigen M?del ein Verh?ltnis hatte. W?re sie jetzt nur dagewesen, er h?tte z?rtlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater G?ppel ihn ab ... Diederich verschlo? den Brief im Schreibtisch. ?An das Essen hab' ich gestern überhaupt nicht gedacht!" Er lie? sich ein ausgiebiges Frühstück bringen. ?Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge. Das ist doch Bl?dsinn. So darf man nicht sein." Er zündete eine Zigarre an und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschlo? er statt in Worte – denn so hohe Worte waren unm?nnlich und unbequem – lieber in Musik auszustr?men. Er mietete ein Klavier und versuchte sich pl?tzlich mit viel mehr Glück als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.
[pg 76] Am Sonntag, wie er bei G?ppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf. ?Das M?dchen kann nicht vom Herd fort", sagte sie; aber den wahren Grund sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.
?Kennst du es nicht?" flüsterte Agnes. Er ward rot.
?Das von Mahlmann?"
?Das von dir! Ich trag' es zum erstenmal."
Rasch und hei? drückte sie ihm die Hand, dann ging die Tür zum Berliner Zimmer auf. Herr G?ppel wandte sich um. ?Na, da ist wohl unser Ausrei?er?" Aber kaum erblickte er Diederich, ?nderte sich seine Miene, er bereute seine Vertraulichkeit.
?Ich h?tte Sie, wei? Gott, nicht wiedererkannt, Herr He?ling!"
Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: ?Siehst du? Der merkt es, da? ich kein dummer Junge mehr bin."
?Bei Ihnen ist ja alles unver?ndert", stellte Diederich fest und begrü?te Herrn G?ppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle betr?chtlich gealtert, besonders Herrn G?ppel, der sich weniger munter benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren nun gr??er, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.
?Ja, ja," so schlo? Herr G?ppel die einleitende Unterhaltung, ?die Zeit vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder."
?Wenn du wü?test, wie", dachte Diederich verlegen und mit Geringsch?tzung, indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals ihm gegen[pg 77]über gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewu?t hatte, da? Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten hatte, erkl?rte ihm, da? diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei. Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: ?Die quatscht also auch nicht mehr." Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft und niedergedrückt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert entsprechend, erh?ht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick des Besitzers.
Die sü?e Speise lie? auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich sah ihre sch?nen blonden Augen verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte pl?tzlich tiefes Mitgefühl mit ihr, eine gro?e Z?rtlichkeit. Er stand auf und rief aus der Tür:
?Marie! Der Krehm!"
Wie er zurückkam, trank Herr G?ppel ihm zu. ?Das haben Sie früher auch schon gemacht. Sie sind doch hier wie's Kind im Hause. Nicht, Agnes?" Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. Er mu?te sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie wohlwollend die Verwandten ihm zul?chelten! Der Schwager stie? mit ihm an. Was für gute Menschen! Und Agnes, die sü?e Agnes, liebte ihn! Er verdiente so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor, nachher mit Herrn G?ppel zu sprechen.
Leider fing Herr G?ppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn wir endlich den Druck der Bismarckschen Kürassierstiefel los waren, brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der [pg 78]junge Mann (so nannte Herr G?ppel den Kaiser!) redet uns noch die Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranla?t, im Namen der Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche N?rgeleien auf das sch?rfste zurückzuweisen. Seine Majest?t hatten es selbst gesagt: ?Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich." Dabei versuchte Diederich zu blitzen. Herr G?ppel erkl?rte, er warte es ab.
?In dieser harten Zeit", fügte Diederich hinzu, ?mu? jeder seinen Mann stehen." Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.
?Wieso harte Zeit?" sagte Herr G?ppel. ?Sie ist doch nur hart, wenn wir uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab' mich mit meinen Arbeitern noch immer vertragen."
Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und Sonntags gingen die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr G?ppel. Das k?nne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch blo? am Karfreitag gehe. ?Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr." Da sah man Diederichs Miene hoch überlegen werden.
?Mein lieber Herr G?ppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben für richtig halten, das glaub' ich auch – unbesehen. Das kann ich Ihnen nur sagen."
Der Schwager, der Beamter war, schlug sich pl?tzlich auf Diederichs Seite. Herr G?ppel hatte schon einen [pg 79]roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee dazwischen. ?Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?" Herr G?ppel klopfte Diederich aufs Knie. ?Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig."
Diederich dachte: ?Da ich sozusagen zur Familie geh?re."
Er lie? von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr gemütlich. Herr G?ppel wollte wissen, wann Diederich ?fertig" werde und Doktor sei, er begriff nicht, da? eine chemische Arbeit zwei Jahre und l?nger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer L?sung zu gelangen. Er hatte die Empfindung, Herr G?ppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine Promovierung. Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und lenkte das Gespr?ch ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie mit hinaus und flüsterte ihm zu:
?Morgen um drei bei dir."
Vor j?her Freude griff er nach ihr und kü?te sie, zwischen den Türen, w?hrend gleich daneben das M?dchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte traurig: ?Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt jemand kommt?" Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung noch einen Ku?. Sie gab ihn.
Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium zurückzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. ?Wir haben es beide nicht erwarten k?nnen! Wie wir uns liebhaben!" Es war sch?ner als das erstemal, viel sch?ner. Keine Tr?ne mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein. Diederich breitete Agnes' Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht darin.
[pg 80] Sie blieb, bis es fast schon zu sp?t war, die Eink?ufe zu machen, die sie zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mu?te laufen. Diederich, der mitlief, war sehr besorgt, da? es ihr schaden k?nne. Aber sie lachte, sah rosig aus und nannte ihn ihren B?ren. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam. Immer waren sie glücklich. Herr G?ppel stellte fest, da? es Agnes besser gehe als je, und das verjüngte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht, Diederich mu?te Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glück gefeiert.
Es kam vor, da? im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm meldete, drau?en sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz err?tend unter den verst?ndnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich auch, da? es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das ihr gefiel, einer sanften, festt?gigen Landschaft aus sch?neren L?ndern, lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Tr?ume auszutauschen mit Diederich.
?Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und über den Weg, und biegen die Wei?dornbüsche weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie er schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist so warm. Drüben am Berg, der wei?e Punkt, du wei?t schon, es ist unser Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?"
?Ja, ja", sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider [pg 81]ein und sah alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, da? er ihre Hand nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im Grunde wu?te er wohl, da? er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches Leben zu führen, ohne viel Mu?e für überschwenglichkeiten. Aber was er hier sagte, war von einer h?heren Wahrheit als alles, was er wu?te. Der eigentliche Diederich, der, der er h?tte sein sollen, sprach wahr. – Aber Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie bla? und schien müde. Ihre sch?nen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen machte, und sie fragte leise und zitternd:
?Wenn unser Kahn nun umgeschlagen w?re?"
?Dann h?tte ich dich gerettet!" sagte Diederich entschlossen.
?Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief."
Da er ratlos war:
?Wir h?tten ertrinken müssen. Sag', w?rst du gern mit mir gestorben?"
Diederich sah sie an; dann schlo? er die Augen.
?Ja", sagte er mit einem Seufzer.
Nachher aber bereute er ein solches Gespr?ch. Er hatte wohl gemerkt, warum Agnes pl?tzlich in eine Droschke steigen und heimfahren mu?te. Sie hatte krampfhafte R?te bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen waren ungesund, führten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein Professor [pg 82]hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht l?nger, da? sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er setzte es ihr schonend auseinander. ?Du hast wohl recht", sagte sie darauf. ?Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab' ich dich schon um vier?"
Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringsch?tzung, und ward grob. Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, k?nne er überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Das besch?mte Diederich, er ward weich und überlie? sich, zusammen mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der es nicht nur Liebe gab. ?Mu? es denn sein?" fragte Agnes. ?Du hast ein wenig Geld, ich auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir k?nnten es so gut haben." Diederich sah es ein – nachtr?glich aber nahm er ihr es übel. Nun lie? er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer Versammlungen erkl?rte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er versp?tet heimkam, traf er vor der Tür einen jungen Mann in Einj?hrigenuniform, der ihn z?gernd ansah. ?Herr Diederich He?ling?" – ?Ach ja," stammelte Diederich, ?Sie – du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?"
Der jüngste Sohn des gro?en Mannes von Netzig hatte sich endlich entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen Vorwand, um ihn [pg 83]zu entfernen, und drinnen sa? Agnes! Im Flur sprach er laut, damit sie es h?re und sich verstecke. Mit Bangen ?ffnete er. Im Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich wu?te wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die noch leise zu schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie mu?te in dem fensterlosen kleinen Gela? sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die Wirtin, die nicht aufr?ume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. ?O nein!" versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak. Buck entschuldigte sich wegen der ungew?hnlichen Stunde; der Dienst lasse ihm keine Wahl. ?Das kennen wir", sagte Diederich; und um Fragen zuvorzukommen, berichtete er sofort, da? ein Jahr schon hinter ihm liege. Er sei begeistert vom Milit?r, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben k?nnte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck l?chelte, ein weiches, skeptisches L?cheln, das Diederich mi?fiel. ?Nun ja, die Offiziere: man ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren."
?Sie verkehren mit ihnen?" fragte Diederich, und er meinte es h?hnisch. Aber Buck erkl?rte einfach, da? er zuweilen in die Offiziersmesse geladen werde. Er zuckte die Achseln. ?Ich gehe hin, weil ich es für nützlich halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit Sozialisten." Er l?chelte wieder. ?Manchmal m?chte ich n?mlich General werden und manchmal Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schlie?lich fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig." Und er trank das zweite Glas Kognak aus. ?Ein ekelhafter Mensch", dachte [pg 84]Diederich. ?Und Agnes in der Dunkelkammer." Er sagte: ?Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, sich in den Reichstag w?hlen zu lassen oder was Ihnen sonst Spa? macht. Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte ich übrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers."
?Wissen Sie das ganz genau?" fragte darauf Buck. ?Ich traue eher dem Kaiser eine heimliche Liebe für die Sozialdemokratie zu. Er w?re gern selber der erste Arbeiterführer geworden. Sie haben nur nicht gewollt."
Diederich emp?rte sich. Das sei beleidigend für Seine Majest?t. Aber Buck lie? sich nicht st?ren. ?Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck gegenüber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen milit?rischen Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne gegen die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch natürlich aus abweichenden Gründen, weil er sich n?mlich schwer damit abfindet, da? auch andere Macht haben."
Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. ?Glauben Sie bitte nicht," sagte er lebhafter, ?da? Antipathie aus mir spricht. Es ist im Gegenteil Z?rtlichkeit: eine Art feindlicher Z?rtlichkeit, wenn Sie wollen."
?Verstehe ich nicht", sagte Diederich.
?Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, da? wir n?mlich unsere Pers?nlichkeit ausleben m?chten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat nur die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das heute noch ableugnen m?chten. Er jedenfalls m?chte es sich ableugnen. Und [pg 85]wenn einem solche Unmenge Macht in den Scho? gefallen ist, w?re es auch wirklich Selbstmord, sich nicht zu übersch?tzen. Aber in tiefster Seele hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet."
?Rolle?" fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.
?Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie sie heute nun einmal ist, verdammt paradox wirken mu?. Diese Welt erwartet von keinem einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an, nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf gro?e M?nner."
?Erlauben Sie!" Diederich warf sich in die Brust. ?Und das Deutsche Reich, h?tten wir das ohne gro?e M?nner? Hohenzollern sind immer gro?e M?nner." – Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und skeptisch. ?Dann müssen sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine Verh?ltnisse übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der voraussichtlich nie mehr geführt werden wird? Oder ein wom?glich genialer Volksführer, w?hrend das Volk doch schon so weit ist, da? es auf die Genies verzichten kann? Beides w?re Romantik, und Romantik führt bekanntlich zum Bankerott." Buck trank zwei Kognaks nacheinander.
?Was soll ich also werden?"
?Ein Alkoholiker", dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch würde der L?rm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte dann alles entstehen! Immerhin beschlo? er, sich Bucks ?u?erungen genau zu merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen? Diederich erinnerte sich, [pg 86]da? auf der Schule Bucks deutsche Aufs?tze, die zu geistreich waren, ihm ein unerkl?rtes, aber tiefes Mi?trauen eingegeben hatten. ?Stimmt," dachte er, ?so ist er geblieben. Ein Sch?ngeist. Die ganze Familie ist so." Die Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die Theater gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachtr?glich gedemütigt durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begr?bnis seines Vaters. Auch der junge demütigte ihn, fortw?hrend und mit allem: mit seinen überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. ?Ich hasse die ganze Familie!" Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht gl?nzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. ?Nun, wir sehen uns zu Hause wieder. N?chstes oder übern?chstes Semester mache ich mein Examen, und was bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?" fragte er. Diederich erkl?rte streng, da? er seine Zeit nicht zu verlieren und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschlie?en denke. Damit führte er Buck hinaus. ?Ein dummer Kerl bist du doch nur", dachte er. ?Merkst gar nicht, da? ich ein M?dchen bei mir habe." Er kehrte zurück, froh seiner überlegenheit über Buck und auch über Agnes, die im Dunkeln gewartet und nicht gemuckt hatte.
Wie er aber die Tür ?ffnete, hing sie über einem Stuhl, ihre Brust ging heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte sie das Keuchen. Sie sah ihm entgegen, aus ger?teten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt, und sie hatte geweint – indes er hier drau?en getrunken und unnützes Zeug geredet hatte. Seine erste Regung war ma?lose Reue. Sie liebte ihn! Da sa? sie und liebte [pg 87]ihn sehr, da? sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten. Rechtzeitig hielt er sich zurück aus Furcht vor der Szene und der sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natürlich übertrieb sie absichtlich. So kü?te er sie flüchtig auf die Stirn und sagte: ?Du bist schon da? Ich hab' dich gar nicht kommen gesehen." Sie zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erkl?rte er, es sei gerade jemand fortgegangen. ?So ein Judenbengel, der sich aufspielt! Einfach ekelhaft!" Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes nicht ansehen zu müssen, lief er immer schneller und redete immer heftiger. ?Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch ein Judenbengel kann froh sein, da? wir ihn dulden. Soll er seine Pandekten büffeln und die Schnauze halten. Auf seine sch?ngeistigen Schm?ker huste ich!" schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu kr?nken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. ?Das kommt aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer mu? ich deinetwegen auf der Bude hocken!"
Agnes sagte schüchtern: ?Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen. Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fürchte, du hast mich nicht mehr lieb." Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: ?Mein liebes Kind, da? ich dich liebhabe, brauch' ich dir wohl wirklich nicht mehr zu versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe, jeden Sonntag deinen Tanten beim H?keln zuzusehen und mit deinem Vater über Poli[pg 88]tik zu reden, wovon er nichts versteht." Agnes senkte den Kopf. ?Früher war es so sch?n. Du standest dich schon so gut mit Papa." Diederich drehte ihr den Rücken zu und sah aus dem Fenster. Das war es eben: er fürchtete zu gut zu stehen mit Herrn G?ppel. Durch seinen Buchhalter, den alten S?tbier, wu?te er, da? G?ppels Gesch?ft bergab ging. Seine Zellulose taugte nichts mehr, S?tbier bezog sie nicht mehr von ihm. Da w?re ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen. Diederich fühlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er sich ihr wieder zu. ?Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt da reinliche Scheidung."
Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt begriffen. Sie war tief err?tet. Sie ging zur Tür. Diederich holte sie ein. ?Aber Agnes, so hab' ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil ich dich viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag." Sie lie? ihn reden, mit unbewegter Miene. ?Nun sei doch wieder gemütlich", bat er. ?Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen." Sie tat es. Er verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie kü?te ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen l?chelten und kü?ten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Pl?tzlich ri? sie ihn in ihre Arme: er erschrak, er wu?te nicht, ob es Ha? war. Aber dann fühlte er sich hei?er geliebt als je.
[pg 89] ?Heute war es aber wirklich sch?n. Was, meine kleine sü?e Agnes?" sagte Diederich, zufrieden und gutmütig.
?Adieu", sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, w?hrend er sich erst ankleidete.
?Du hast es aber eilig." – ?Weiter kann ich wohl nichts für dich tun." Sie war schon bei der Tür – pl?tzlich fiel sie mit der Schulter gegen den Pfosten und rührte sich nicht mehr. ?Was ist denn los?" Wie Diederich n?her kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. ?Ja, was hast du denn?" Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es h?rte nicht auf. ?Aber Agnes," sagte Diederich von Zeit zu Zeit, ?was ist auf einmal geschehen, wir waren doch so vergnügt." Und ganz ratlos: ?Hab' ich dir was getan?" Zwischen den Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: ?Ich kann nicht. Entschuldige." Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war, sch?mte Agnes sich. ?Verzeih! Ich kann nicht dafür." – ?Kann denn ich dafür?" – ?Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!"
Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachtr?glich aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Kom?die und als eins der Mittel, die ihn endgültig einfangen sollten. Das Gefühl verlie? ihn nicht mehr, da? R?nke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft. Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner m?nnlichen Selbst?ndigkeit und durch K?lte, sobald die Stimmung weich ward. Sonntags bei G?ppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland: korrekt und unzug?nglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten sie. Er k?nne die L?sung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse er selbst nicht. Er betonte, da? er auch künftig finanziell abh?ngig von seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange [pg 90]für nichts Zeit haben als einzig für das Gesch?ft. Und da Herr G?ppel die idealen Werte des Lebens zu bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. ?Noch gestern hab' ich meinen Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass' mir nichts vormachen." Wenn er nach solchen Worten Agnes' stummen und betrübten Blick auf sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle wider Willen. Aber das verging.
Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit für ihn war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte ihn nicht mehr zu Tr?umereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgesch?ft angehalten und ihr erkl?rt hatte, da? sei für ihn der sch?nste Kunstgenu?. Ihm selbst fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf ihr vor, da? sie nicht darauf dringe, ?fter zu kommen. ?Früher warst du ganz anders." ?Ich mu? warten", sagte sie. ?Worauf?" ?Da? auch du wieder so wirst. Oh! Ich wei? ganz sicher, es wird kommen."
Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgehei?en, er hatte nur noch eine belanglose mündliche Prüfung zu bestehen und war in der gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glückwunsch brachte und Rosen dazu, brach er in Tr?nen aus und sagte, da? er sie immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, da? Herr G?ppel soeben eine mehrt?gige Gesch?ftsreise antrete. ?Und nun ist das Wetter so wundersch?n ..." Diederich fiel sofort ein: ?Das müssen wir benutzen! Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!" Sie beschlossen, aufs Land hinaus zu fahren. Agnes wu?te von einem Ort namens Mitten[pg 91]walde; es mu?te einsam dort sein und romantisch wie der Name. ?Den ganzen Tag werden wir beisammen sein!" – ?Und die Nacht auch", setzte Diederich hinzu.
Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam, der Schaffner zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen, eng umschlungen, stumm und mit gro?en Augen hinaus in das flache, eint?nige Ackerland. Da hinausgehen, zu Fu?, weit fort, und sich verlieren in der guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll H?user w?ren sie fast ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück; ob sie denn auf Stroh übernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen gro?en Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes ?gn?dige Frau" nannte und schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen Einverst?ndnisses und befangen. Nach dem Essen w?ren sie gern gleich hinaufgegangen, wagten es aber nicht und bl?tterten gehorsam in den Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Rücken wandte, warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe. Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch offen, und schon lagen sie einander in den Armen.
Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Hühner und flatterten auf den Tisch vor der Laube. ?Dort wollen wir frühstücken!" Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es k?stlich nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie [pg 92]gehen; der Wirt mu?te die Stra?en und D?rfer nennen. Sie lobten freudig sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise? ?Stimmt" – und sie lachten herzhaft.
Die Pflastersteine der Hauptstra?e streckten ihre Spitzen nach oben, und die Julisonne f?rbte sie bunt. Die H?user waren h?ckrig, schief und so klein, da? die Stra?e zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit Steinen. Die Glocke des Kr?mers klapperte lange hinter den Fremden her. Wenige Leute, halb st?dtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten, denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengesch?ft mit den Hüten der feinen Damen. ?Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin vor drei Jahren getragen!" Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gem?ht. Der Himmel war blau und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in tr?gem Wasser. Die Bauernh?user dort drüben waren eingetaucht in hei?es Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich fa?ten sich bei den H?nden, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied für wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wu?ten, wandten sie einander die Gesichter zu und kü?ten sich, im Gehen.
?Jetzt seh' ich erst recht, wie hübsch du bist", sagte Diederich und sah z?rtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden, goldgestirnten Augen. ?Der Sommer steht mir gut" – und Agnes atmete frei auf, da? ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie [pg 93]dahin, mit schmalen Hüften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich gestand er, da? er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen, am Rand eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch, der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren Scho?. Sie spielten noch miteinander und scherzten: pl?tzlich merkte sie, da? er einschlief.
Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes' Gesicht fand, ergl?nzte er selig. ?Lieber", sagte sie. ?Was du für ein gutes, dummes Gesicht machst." – ?Erlaub' mal! Ich habe doch h?chstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig, eine Stunde hab' ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?" Aber sie war erstaunter als er, da? so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er einschlief.
Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag eine dunkle Masse; und als sie durch die Halme sp?hten, war es ein alter Mann mit einer Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon r?tlich waren. Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die Knie gewickelt. Sie bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, da? er sie schon l?ngst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand M?rchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.
Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der Sonne, den Hühnern, dem offenen [pg 94]Küchenfenster, aus dem Agnes sich die Teller reichen lie?. Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstra?e, wo Diederichs angestammter Kneiptisch? ?Ich gehe nicht wieder fort von hier", erkl?rte Diederich. ?Dich lass' ich auch nicht fort." Und Agnes: ?Warum denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass' es ihm durch meine Freundin schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort."
Sp?ter gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser flo? und der Horizont von den Flügeln dreier Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorüber. Unter herniederh?ngenden Büschen legte es von selbst an – und Agnes fragte unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, da? sie immer gut zu ihm gewesen seien, und da? er sie liebhabe. Er wollte sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren hübsch geworden; oder vielleicht nicht hübsch, aber so anst?ndig und sanft. Die eine, Emmi, las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide sorgen und sie verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erz?hlte von den D?mmerstunden, den M?rchen unter den Weihnachtsb?umen seiner Kindheit und sogar von dem Gebet ?aus dem Herzen". Agnes h?rte zu, ganz versunken. Endlich seufzte sie auf. ?Deine Mutter m?chte ich kennenlernen. Meine hab' ich nicht gekannt." Er kü?te sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer tr?sten [pg 95]mu?te. Aber er schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. ?Ich wei?," sagte sie langsam, ?da? du im Herzen ein guter Mensch bist. Du mu?t nur manchmal anders tun." Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie sich: ?Heute hab ich gar keine Furcht vor dir."
?Hast du denn sonst Furcht?" fragte er reumütig. Sie sagte:
?Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig waren. Bei meinen Freundinnen früher war es mir oft, als k?nnte ich mit ihnen nicht Schritt halten, und sie mü?ten es merken und mich verachten. Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit gro?en blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, mu?te ich nebenan bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle so ansehen wie ich. Gerne h?tte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie die Augen schlo?. Aber ich wagte es nicht. H?tte ich denn auch die Menschen auf den Rücken legen k?nnen? Alle haben solche Augen, und manchmal –" sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, ?manchmal sogar du."
Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren Nacken, und seine Stimme schwankte. ?Agnes! Sü?e Agnes, du wei?t gar nicht, wie ich dich liebhabe ... Ich hab' Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab' ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu sch?n für mich, zu fein, zu gut ..." Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und h?rte ihm zu, entzückt, die [pg 96]Lippen ge?ffnet. Sie jubelte leise: ?Ich wu?te es, so bist du, du bist wie ich!"
?Wir geh?ren zusammen", sagte Diederich und pre?te sie an sich; aber er war erschrocken über seinen Ausruf: ?Jetzt wartet sie," dachte er, ?jetzt soll ich sprechen." Er wollte es, aber er fühlte sich gel?hmt. Der Druck seiner Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich: er wu?te, nun wartete sie nicht mehr. Und sie l?sten sich voneinander, ohne sich anzusehen. Diederich schlug pl?tzlich die H?nde vor das Gesicht und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tr?stend über das Haar. Das w?hrte lange.
über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: ?Hab' ich denn geglaubt, da? es dauern würde? Es mu?te schlimm enden, weil es so sch?n war."
Er fuhr auf, verzweifelt. ?Es ist doch nicht aus!" Sie fragte:
?Glaubst du an das Glück?"
?Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!"
Sie murmelte: ?Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich vergessen."
?Lieber sterben!" – und er zog sie an sich. Sie flüsterte an seiner Wange:
?Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von selbst losgemacht und uns hinausgeführt. Wei?t du noch, jenes Bild? Und der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?" Und noch leiser: ?Wohin mit uns?"
Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander, senkten sie sich rückw?rts immer tiefer über das Wasser. Dr?ngte sie ihn? Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte: [pg 97]nun war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht gl?ubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut.
Pl?tzlich, ein Sto?: sie schnellten in die H?he. Diederich hatte so viel Kraft gebraucht, da? Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich über die Stirn. ?Was haben wir denn da?" – Noch kalt vom Schrecken und als sei er beleidigt, sah er weg von ihr. ?So unvorsichtig darf man nicht sein beim Bootfahren." Er lie? sie allein aufstehen, griff sogleich nach den Rudern und fuhr zurück. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet. Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mi?trauisch und hart, da? sie zusammenfuhr.
In der sinkenden D?mmerung gingen sie, immer schneller, die Landstra?e zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, da? sie ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh kam Herr G?ppel vielleicht heim. Agnes mu?te heim ... Wie sie beim Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. ?Nicht mal mehr essen kann man!" sagte Diederich mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum da? sie drin waren. Ein Glück, da? sie Atem zu sch?pfen und die eiligen Gesch?fte der letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darüber war gefallen, und nun sa? jeder da, allein bei trüber Lampe und bet?ubt wie nach einem gro?en Mi?erfolg. Das dunkle Land da drau?en, hatte es einmal gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man fand nicht zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten einen?
Bei der Ankunft waren sie darüber einig, da? es sich [pg 98]nicht verlohne, in denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. H?nde und Augen streiften sich nur.
?Uff!" machte Diederich, als er allein war. ?Das w?re erledigt." Er sagte sich: ?Es h?tte ebensogut schief gehen k?nnen." Und mit Emp?rung: ?So eine hysterische Person!" Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten haben. Er h?tte das Bad allein nehmen müssen. Auf den ganzen Trick war sie doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! ?Die Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, wei? Gott, noch ?rger an der Nase herumgeführt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine Lehre für das Leben sein. Nun aber Schlu?!" Und festen Schrittes ging er zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage büffelte er für das mündliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause, sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der Stockwerke schwer, er mu?te sich gestehen, da? er Herzklopfen habe. Z?gernd ?ffnete er die Zimmertür: – nichts; und nachdem ihm anfangs leichter geworden war, kam es schlie?lich doch jedesmal dazu, da? er die Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.
Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn ge?ffnet, bevor er es bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen – zog ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit mi?trauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. ?Ich bin so unglücklich ..." ?Kennen wir!" antwortete Diederich. ?Ich wage mich nicht zu Dir ..." ?Dein Glück!" ?Es ist schrecklich, da? wir uns fremd ge[pg 99]worden sind ..." ?Wenigstens siehst du es ein." ?Verzeih mir, was geschehen ist, oder ist nichts geschehen?..." ?Gerade genug!" ?Ich kann nicht weiterleben ..." ?F?ngst du schon wieder an?" Und er schleuderte das Blatt endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht mit überschwenglichkeiten bedeckt und zum Glück nicht abgeschickt hatte.
Eine Woche sp?ter aber, wie er in der Nacht heimkam, h?rte er hinter sich Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, die H?nde ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch w?hrend er das Haustor aufschlo? und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im Zimmer machte er kein Licht. Er sch?mte sich, indes sie aus dem Dunkel hinaufsp?hte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr geh?rt hatte. Es regnete. Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewi? stand sie noch immer dort, mit ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster aufrei?en – und wich zurück. Einmal fand er sich pl?tzlich auf der Treppe, mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren. Darauf schlo? er ab und zog sich aus. ?Mehr Haltung, mein Lieber!" Denn diesmal w?re man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das M?del war zweifellos zu bedauern, aber schlie?lich hatte sie es gewollt. ?Vor allem habe ich Pflichten gegen mich selbst." – Am Morgen, schlecht ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, da? sie noch einmal versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu rei?en. Jetzt, da sie wu?te, da? die Prüfung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr ?hnlich. Und durch die n?chtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre Gestalt nachtr?glich etwas Verd?chtiges und Unheimliches [pg 100]bekommen. Er betrachtete sie als endgültig gesunken. ?Auf keinen Fall mehr das geringste!" beteuerte er sich, und er beschlo?, noch für den kurzen Rest seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: ?selbst wenn es mit einem Geldopfer verbunden sein sollte." Glücklicherweise suchte ein Kollege grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia feierte ihn mit einem Frühschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause ward ihm gesagt, da? in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. ?Es wird Wiebel sein," dachte Diederich, ?er mu? mir doch Glück wünschen." Und von Hoffnung geschwellt: ?Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?" Er ?ffnete, und er prallte zurück. Denn da stand Herr G?ppel.
Auch er fand nicht gleich Worte. ?Nanu, im Frack?" sagte er dann, und z?gernd: ?Waren Sie vielleicht bei mir?"
?Nein", sagte Diederich und erschrak aufs neue. ?Ich habe nur meine Doktorprüfung gemacht."
G?ppel erwiderte: ?Ach so, ich gratuliere." Dann brachte Diederich hervor: ?Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?" Und G?ppel antwortete: ?Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt ja auch sonst noch Mittel." Darauf sahen sie einander an. G?ppels Stimme war ruhig gewesen, aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war sie da. Er mu?te sich setzen.
?N?mlich," begann G?ppel, ?ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht."
?Oh!" machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. ?Was fehlt ihr denn?" Herr G?ppel wiegte bekümmert [pg 101]den Kopf. ?Das Herz will nicht; aber es sind natürlich nur die Nerven ... Natürlich", wiederholte er, nachdem er vergeblich gewartet hatte, da? Diederich es wiederhole. ?Und nun wird sie mir melancholisch vor Langeweile, und ich m?chte sie aufheitern. Ausgehen darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist Sonntag."
?Gerettet!" fühlte Diederich. ?Er wei? nichts." Vor Freude ward er zum Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. ?Ich hatte es mir schon fest vorgenommen. Aber jetzt mu? ich dringend nach Haus, unser alter Gesch?ftsführer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich Abschiedsbesuche machen, morgen früh reise ich gleich ab."
G?ppel legte ihm die Hand auf das Knie. ?Sie sollten es sich überlegen, Herr He?ling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was."
Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, da? Diederich wegsehen mu?te. ?Wenn ich nur k?nnte", stammelte er; G?ppel sagte:
?Sie k?nnen. überhaupt k?nnen Sie alles, was hier in Frage kommt."
?Wieso?" Diederich erstarrte im Innern. ?Sie wissen wohl, wieso", sagte der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte: ?Sie denken doch hoffentlich nicht, da? Agnes mich hergeschickt hat? Im Gegenteil, ich hab' ihr versprechen müssen, da? ich gar nichts tue und Sie ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab' ich mir überlegt, da? es doch eigentlich zu dumm w?re, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt habe, und bei unserer Gesch?ftsverbindung und so weiter."
Diederich dachte: ?Die Gesch?ftsverbindung ist gel?st, mein Bester." Er wappnete sich.
[pg 102] ?Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr G?ppel."
?Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr v?terliches Gesch?ft ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes' Mitgift sehr gelegen." Und in einem Atem weiter, indes seine Augen abirrten: ?Momentan kann ich zwar nur zw?lftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie wollen."
?Siehst du wohl?" dachte Diederich. ?Und die zw?lftausend mü?test du dir auch pumpen – wenn du sie noch kriegst." – ?Sie haben mich mi?verstanden, Herr G?ppel", erkl?rte er. ?Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu w?ren zu gro?e Geldmittel n?tig."
Herr G?ppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: ?Ich kann noch ein übriges tun ..."
?Lassen Sie nur", sagte Diederich, vornehm abwehrend.
G?ppel ward immer ratloser.
?Ja, was wollen Sie dann überhaupt?"
?Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen."
G?ppel gab sich einen Ruck. ?Das geht nicht, lieber He?ling. Nach dem, was nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert."
Diederich ma? den Vater, er zog die Mundwinkel herab. ?Sie wu?ten es also?"
?Nicht sicher", murmelte G?ppel. Und Diederich, von oben:
?Das h?tte ich auch merkwürdig gefunden."
?Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter."
[pg 103] ?So irrt man sich", sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich wehren konnte. G?ppels Stirn fing an, sich zu r?ten. ?Zu Ihnen hab' ich n?mlich auch Vertrauen gehabt."
?Das hei?t: Sie hielten mich für naiv." Diederich schob die H?nde in die Hosentaschen und lehnte sich zurück.
?Nein!" G?ppel sprang auf. ?Aber ich hielt Sie nicht für den Schubbejack, der Sie sind!"
Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. ?Geben Sie Satisfaktion?" fragte er. G?ppel schrie:
?Das m?chten Sie wohl! Die Tochter verführen und den Vater abschie?en! Dann ist Ihre Ehre komplett!"
?Davon verstehen Sie nichts!" Auch Diederich fing an, sich aufzuregen. ?Ich habe Ihre Tochter nicht verführt. Ich habe getan, was sie wollte, und dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen." Mit Entrüstung: ?Wer sagt mir, da? Sie sich nicht von Anfang an mit ihr verabredet haben? Dies ist eine Falle!"
G?ppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Pl?tzlich erschrak er, und mit seiner gew?hnlichen Stimme, nur da? sie zitterte, sagte er: ?Wir geraten zu sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig. Ich habe Agnes versprochen, da? ich ruhig bleiben will."
Diederich lachte h?hnisch auf. ?Sehen Sie, da? Sie schwindeln? Vorhin sagten Sie, Agnes wei? gar nicht, da? Sie hier sind."
Der Vater l?chelte entschuldigend. ?Im guten einigt man sich schlie?lich immer. Nicht wahr, mein lieber He?ling?"
Aber Diederich fand es gef?hrlich, wieder gut zu werden.
?Der Teufel ist Ihr lieber He?ling!" schrie er. ?Für Sie hei?' ich Herr Doktor!"
[pg 104] ?Ach so", machte G?ppel, ganz starr. ?Es ist wohl das erstemal, da? jemand Herr Doktor zu Ihnen sagen mu?? Na, auf die Gelegenheit k?nnen Sie stolz sein."
?Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?" G?ppel wehrte ab.
?Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan haben, meine Tochter und ich. Müssen Sie denn wirklich so viel Geld mithaben?"
Diederich fühlte sich err?ten. Um so entschlossener ging er vor.
?Wenn Sie es durchaus h?ren wollen: mein moralisches Empfinden verbietet mir, ein M?dchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt."
Sichtlich wollte G?ppel sich nochmals emp?ren; aber er konnte nicht mehr, er konnte nur noch das Schluchzen unterdrücken.
?Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen h?tten! Sie hat es mir gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste."
?Wei? ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann." Und da G?ppel zurückwich, als sei er vor die Brust gesto?en:
?Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht."
Er sagte noch: ?Kein Mensch kann von mir verlangen, da? ich so eine zur Mutter meiner Kinder mache. Dafür hab' ich zuviel soziales Gewissen." Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, der ge?ffnet dastand.
Hinter sich h?rte er den Vater nun wirklich schluchzen – und Diederich konnte nicht hindern, da? er selbst gerührt [pg 105]ward: durch die edel m?nnliche Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes' und ihres Vaters Unglück, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er h?rte, gespannten Herzens, wie Herr G?ppel die Tür ?ffnete und schlo?, h?rte ihn über den Korridor schleichen und das Ger?usch der Flurtür. Nun war es aus – und da lie? Diederich sich vornüber fallen und weinte heftig in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert.
Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mu?te stark sein. Diederich hielt sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden w?re. Sogar ein Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in rücksichtsloser Energie erteilt. Da? auch die anderen in ihrem Innern vielleicht doch weiche Stellen haben k?nnten, erschien ihm im h?chsten Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet; und ein M?del wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine Mutter, würde ihn ganz untauglich gemacht haben für diese harte Zeit. Diese harte Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr – und das alles geb?ndigt, bis zum Hurraschreien geb?ndigt durch die Macht, die allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf K?pfe setzte, steinern und blitzend.
?Nichts zu machen", sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. ?So mu? man sein!" Um so schlimmer für die, die nicht so waren: sie kamen eben unter die Hufe. Hatten G?ppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an ihn? Agnes war gro?j?hrig, und ein Kind hatte er ihr [pg 106]nicht gemacht. Also? ?Ich w?re ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas t?te, wozu ich nicht gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was." Diederich empfand stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine wohlerworbenen Grunds?tze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch ?u?erlich an seiner Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die Mittelstra?e zum Hoffriseur Haby und nahm eine Ver?nderung mit sich vor, die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer h?ufiger beobachtete. Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er lie? vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren entbl??te Mund hatte, besonders wenn man die Lippen herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht.
* * *
[pg 107]
Um weiteren Bel?stigungen durch die Familie G?ppel aus dem Wege zu gehen, reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerw?rtig elegant.
Sie unternahmen es, in einer unverst?ndlichen Sprache eine Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Fü?e in den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stie?en Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer selbst, aber Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er m?ge sich nur nicht die Zunge verbrennen, man k?nne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und a? sie aus der Hand, wobei sie ihm zul?chelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit gl?nzend, ihre Sympathie und sprach sie an. Es stellte sich heraus, da? sie aus Netzig war. Er nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte! ?Nun?" Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrückten Nase; das wei?liche Haar, nett glatt [pg 108]und ordentlich, den Hals, der jung und fett war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und selbst rosigen Würstchen glichen. ?Nein," entschied er, ?kennen tu' ich Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes Schweinchen." Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte er eine Ohrfeige. ?Die sitzt", sagte er und rieb sich. ?Haben Sie mehr solche zu vergeben?" – ?Es langt für alle Frechm?pse." Sie lachte aus der Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. ?Ein Stück Wurst k?nnen Sie haben, aber sonst nichts." Ohne zu wollen, verglich er ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes' Hilflosigkeit, und er sagte sich: ?So eine k?nnte man getrost heiraten." Schlie?lich nannte sie selbst ihren Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen Schwestern. Pl?tzlich rief er: ?Guste Daimchen!" Und beide schüttelten sich vor Freude. ?Sie haben mir doch immer Kn?pfe geschenkt von den Lumpen in Ihrer Papierfabrik. Das vergess' ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen Sie, was ich mit den Kn?pfen gemacht hab'? Die hab' ich gesammelt, und wenn meine Mutter mir mal Geld für Kn?pfe gab, hab' ich mir Bonbons gekauft."
?Praktisch sind Sie auch!" Diederich war entzückt. ?Und dann sind Sie immer zu uns über die Gartenmauer geklettert, Sie kleine G?re. Hosen hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock 'raufrutschte, kriegte man hinten was zu sehen."
Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein Ged?chtnis. ?Jetzt mu? es aber noch sch?ner geworden sein", setzte Diederich noch hinzu. Sie ward pl?tzlich ernst.
?Jetzt bin ich verlobt."
Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich [pg 109]verstummte, mit entt?uschter Miene. Dann erkl?rte er zurückhaltend, er kenne Buck. Sie sagte vorsichtig: ?Sie meinen wohl, er ist ein bi?chen überspannt? Aber die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien ist wieder mehr Geld", setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er hatte den Mut verloren.
Kurz vor Netzig fragte Fr?ulein Daimchen: ?Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist noch frei?"
?Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen." Er nickte gewichtig. ?Ach! Das müssen Sie mir erz?hlen", rief sie. Aber sie fuhren schon ein. ?Wir sehen uns hoffentlich bald wieder", schlo? Diederich. ?Ich kann Ihnen nur sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein. Für ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht."
Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stürzten sie herbei und halfen das Gep?ck tragen. Sie erkl?rten ihren Eifer, kaum da? sie mit Diederich allein waren. Guste hatte n?mlich geerbt, sie war Million?rin! Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.
Die Schwestern erz?hlten das N?here. Ein alter Verwandter in Magdeburg hatte Guste all das Geld vermacht, dafür, da? sie ihn gepflegt hatte. ?Und sie hat es sich verdient," bemerkte Emmi, ?er soll zuletzt furchtbar unappetitlich gewesen sein." Magda setzte hinzu: ?Und sonst kann man sich natürlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr mit ihm allein."
Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. ?So was sagt ein junges M?dchen nicht!" schrie er entrüstet; und [pg 110]als Magda beteuerte, das sagten auch Inge Tietz, Meta Harnisch und überhaupt alle: ?Dann fordere ich euch energisch auf, dem Gerede entgegenzutreten." Es entstand eine Pause; darauf sagte Emmi: ?Guste ist n?mlich schon verlobt." – ?Das wei? ich", knurrte Diederich.
Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich h?rte sich ?Herr Doktor" nennen, ergl?nzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau He?ling den Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie ins Zimmer trat, ?fertig", mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, Fabrik und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken. Er gab Mutter und Schwestern die H?nde, allen zugleich, und sagte mit ernster Stimme: ?Ich werde mir immer bewu?t bleiben, da? ich meinem Gott für euch Rechenschaft schulde."
Aber Frau He?ling war in Unruhe. ?Bist du bereit, mein Sohn?" fragte sie. ?Unsere Leute erwarten dich." Diederich trank sein Bier aus und ging, an der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den Eingang der Fabrik umrahmten Kr?nze und beschrieben eine Schleife um die Inschrift ?Willkommen!" Davor stand der alte Buchhalter S?tbier und sagte: ?Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht 'raufgekommen, weil ich noch was zu tun hatte."
?Heute h?tten Sie das auch lassen k?nnen", erwiderte Diederich und ging an S?tbier vorbei. Drinnen im [pg 111]Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie in einem Haufen zusammen: die zw?lf Arbeiter, die die Papiermaschine, den Holl?nder und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen, samt den Frauen, deren T?tigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die M?nner r?usperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines M?dchen hinausschoben, das einen Blumenstrau? vor sich hinhielt und mit einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte. Diederich nahm mit gn?diger Miene den Strau?; nun war es an ihm, sich zu r?uspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzb?rtigen Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – und begann:
?Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, da? hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die B?renhaut legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute, die noch von meinem seligen Vater her dabei sind."
Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er den alten S?tbier an:
?Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich."
Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart str?ubte sich noch h?her.
[pg 112] ?Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein v?terliches Wohlwollen entgegenbringen, Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –"
Er fa?te den schwarzb?rtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein verd?chtiges Gesicht machte.
?– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was ich euch gesagt habe."
Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefühl, das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.
Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Pl?ne dar. Die Fabrik war zu vergr??ern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mu?te konkurrenzf?hig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing, drau?en in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das ganze Gesch?ft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das Geld nehmen wolle; aber Frau He?ling schnitt ihr das vorlaute Wort ab. ?Dein Bruder wei? das besser als wir." Vorsichtig setzte sie hinzu: ?Manches M?dchen w?re glücklich, wenn sie sein Herz gewinnen k?nnte" – und sie hielt, seines Zornes gew?rtig, die Hand vor den Mund. Aber [pg 113]Diederich err?tete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. ?Es w?re mir ja ein so entsetzlicher Schmerz," schluchzte sie, ?wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, aus dem Hause ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen, denn ihre Guste heiratet ja den Wolfgang Buck."
?Oder auch nicht", sagte Emmi, die ?ltere. ?Denn der Wolfgang soll doch was mit einer Schauspielerin haben." Frau He?ling verga? ganz, die Tochter zu berufen. ?Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die Leute!"
Diederich stie? verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht normal. ?Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine Schauspielerin geheiratet."
?Man sieht die Folgen", sagte Emmi. ?Denn von seiner Tochter, der Frau Lauer, hat man sich allerlei erz?hlt."
?Kinder!" bat Frau He?ling ?ngstlich. Aber Diederich beruhigte sie.
?La? nur, Mutter, es wird Zeit, da? man der Katze die Schelle umh?ngt. Ich stehe auf dem Standpunkt, da? die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt schon l?ngst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie."
?Die Frau von Moritz, dem ?ltesten," sagte Magda, ?ist einfach eine B?uerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz verbauert." Emmi emp?rte sich.
?Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fünf unverheirateten T?chter! Sie lassen sich Suppe aus der Volksküche holen, ich wei? es positiv."
?Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet", erkl?rte Diederich. ?Und die Fürsorge für die entlassenen Str?flinge auch, und was sonst noch. Ich m?chte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Gesch?fte zu denken."
[pg 114] ?Es würde mich nicht wundern," sagte Frau He?ling, ?wenn nicht mehr viel da w?re. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natürlich die gr??te Hochachtung habe, er ist doch so angesehen."
Diederich lachte bitter. ?Warum eigentlich? In der Verehrung des alten Buck sind wir aufgezogen worden. Der gro?e Mann von Netzig! Im Jahre achtundvierzig zum Tode verurteilt!"
?Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer."
?Verdienst?" schrie Diederich. ?Wenn ich nur wei?, einer ist gegen die Regierung, ist er für mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein Verdienst sein?"
Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese alten Demokraten, die noch immer das Regiment führten, waren nachgerade die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte Landgerichtsrat Kühlemann sa?, ein Freund des berüchtigten Eugen Richter, darum stockte hier das Gesch?ft, und niemand kriegte Geld. Natürlich, für so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Milit?r. Kein Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Auftr?ge zu, und für andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte s?mtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Klüsing geh?rte zu der Bande des alten Buck!
Magda wu?te noch etwas. ?Neulich ist die Liebhabervorstellung im Bürgerkr?nzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau Lauer, krank war. Das ist doch Popismus."
[pg 115] ?Nepotismus hei?t es", sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. ?Und dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hüten! Wir werden ihm auf die Finger sehen!"
Frau He?ling hob flehend die H?nde. ?Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, da? du auch zum Herrn Buck gehst. Er ist nun mal so einflu?reich."
Aber Diederich versprach nichts. ?Andere wollen auch 'ran!" rief er.
Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in die Fabrik hinunter und schlug sofort L?rm, weil noch die Bierflaschen von gestern umherlagen. ?Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr S?tbier, das steht doch wohl im Reglement." – ?Reglement?" sagte der alte Buchhalter. ?Wir haben gar keins." Diederich war sprachlos; er schlo? sich mit S?tbier ins Kontor ein. ?Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings gar nichts mehr. Was sind das für l?cherliche Bestellungen, mit denen Sie sich da abgeben?" – und er warf die Briefe auf dem Pult umher. ?Es scheint h?chste Zeit gewesen zu sein, da? ich eingreife. Das Gesch?ft versumpft in Ihren H?nden."
?Versumpfen, junger Herr?"
?Ich bin für Sie der Herr Doktor!" Und er verlangte, da? man einfach alle anderen Fabriken unterbieten solle.
?Das halten wir nicht aus", sagte S?tbier. ?überhaupt w?ren wir gar nicht imstande, so gro?e Auftr?ge auszuführen wie Gausenfeld."
?Und Sie wollen ein Gesch?ftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr Maschinen ein."
?Das kostet Geld", sagte S?tbier.
[pg 116] ?Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es allein."
S?tbier wiegte den Kopf. ?Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer einig. Wir haben zusammen das Gesch?ft in die H?he gebracht."
?Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener Gesch?ftsführer."
S?tbier seufzte: ?Das ist die stürmische Jugend" – indes Diederich schon die Tür zuwarf. Er durchma? den Raum, worin die mechanische Trommel, laut schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des gro?en Kochholl?nders betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzb?rtige Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast h?tte er dem Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der Schulter beiseite, bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des Holl?nders zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl erschrocken war? ?Der Kerl ist ein frecher Hund! Er mu? 'raus!" Ein animalischer Ha? stieg in Diederich herauf, der Ha? seines blonden Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen Rasse, die er gern für niedriger gehalten h?tte und die ihm unheimlich schien. Diederich fuhr auf.
?Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!" Da die Leute ihn nur ansahen, schrie er: ?Maschinenmeister!" Und als der Schwarzb?rtige eintrat: ?Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschnei[pg 117]den mir das ganze Zeug. Ich mache Sie verantwortlich für den Schaden!"
Der Mann beugte sich über die Maschine. ?Schaden ist keiner da", sagte er ruhig, aber Diederich wu?te schon wieder nicht, ob er unter seinem schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas düster H?hnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen und warf nur die Arme. ?Ich mache Sie verantwortlich!"
?Was ist denn los?" fragte S?tbier, der den L?rm geh?rt hatte. Dann erkl?rte er dem Herrn, da? der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig geschnitten werde, und da? es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter nickten mit den K?pfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei. Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie noch: ?Dann wird es künftig gef?lligst anders gemacht!" und kehrte pl?tzlich um.
Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er fachkundig die Frauen überwachte, die auf den Siebplatten der langen Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkel?ugige es unternahm, ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzul?cheln, prallte sie gegen eine so harte Miene, da? sie erschrak und sich duckte. Farbige Fetzen quollen aus den S?cken, das Getuschel der Frauen verstummte unter dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die Kn?pfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte, h?rte etwas Verd?chtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen S?cke – und fuhr zurück, err?tet und mit zitterndem Schnurrbart. ?Nun h?rt alles auf!" schrie er, ?'rauskommen!" Ein [pg 118]junger Arbeiter kroch hervor. ?Das Frauenzimmer auch!" schrie Diederich. ?Wird's bald?" Und, als endlich das M?dchen sich zeigte, stemmte er die F?uste in die Hüften. Hier ging es ja heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was anderes! Er zeterte, da? alles zusammenlief. ?Na, Herr S?tbier, dies ist wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen. Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter den S?cken zu amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?" Es sei seine Braut, sagte der junge Mensch. ?Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch bezahle. Ihr seid Schweine und au?erdem Diebe. Ich schmei?' euch 'raus, und ich zeig' euch an, wegen ?ffentlicher Unzucht!"
Er sah herausfordernd umher.
?Deutsche Zucht und Sitte verlang' ich hier. Verstanden?" Da traf er den Maschinenmeister. ?Und ich werde sie durchführen, auch wenn Sie da ein Gesicht schneiden!" schrie er.
?Ich habe kein Gesicht geschnitten", sagte der Mann ruhig. Aber Diederich war nicht l?nger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!
?Ihr Benehmen ist mir schon l?ngst verd?chtig! Sie tun Ihren Dienst nicht, sonst h?tte ich die beiden Leute nicht abgefa?t."
?Ich bin kein Aufpasser", warf der Mann dazwischen.
?Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an Zuchtlosigkeit gew?hnt. Sie arbeiten für den Umsturz! Wie hei?en Sie überhaupt?"
?Napoleon Fischer", sagte der Mann. Diederich stockte.
?Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?"
[pg 119] ?Jawohl."
?Dachte ich mir. Sie sind entlassen."
Er wandte sich nach den Leuten um: ?Merkt euch das!" – und verlie? schroff den Raum. Auf dem Hof lief S?tbier ihm nach. ?Junger Herr!" Er war in gro?er Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tür des Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. ?Junger Herr," sagte der Buchhalter, ?das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter." – ?Deswegen soll er 'raus", erwiderte Diederich. S?tbier setzte auseinander, da? das nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen würden. Diederich wollte es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, erkl?rte S?tbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten Leute war kein Verla? mehr.
?Ich schmei?' sie 'raus!" rief Diederich. ?Samt und sonders, mit Kind und Kegel!"
?Wenn wir dann nur andere kriegten", sagte S?tbier und sah unter seinem grünen Augenschirm mit einem dünnen L?cheln dem jungen Herrn zu, der vor Zorn gegen die M?bel anrannte. Er schrie:
?Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen –"
S?tbier lie? ihn austoben, dann sagte er: ?Herr Doktor brauchen dem Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er wei? ja, da? wir davon zu viele Scherereien h?tten."
Diederich b?umte sich nochmals auf.
?So. Ich brauch' ihn also nicht zu bitten, da? er die Gnade hat und bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch' ihn nicht für Sonntag zum Mittagessen einzuladen? Es w?re auch zuviel Ehre für mich!"
[pg 120] Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und ri? die Tür auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach, der Ha? gab ihm deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – und nun der Maschinenmeister mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem dünnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk ha?te, und diese knotigen H?nde! Der schwarze Kerl war l?ngst vorüber, und seine Ausdünstung roch Diederich noch immer.
?Sehn Sie mal, S?tbier, die Vorderflossen h?ngen ihm bis an den Boden. Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nüsse fressen. Dem Affen werden wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so viel wei? ich, da? einer von uns beiden –" Diederich rollte die Augen: ?– auf dem Platz bleiben wird."
Erhobenen Hauptes verlie? er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines Besuches zu erweisen. Von der Meisestra?e konnte er, um zum Bürgermeister Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstra?e zu gelangen, einfach der Wuchererstra?e folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Stra?e hie?. Er wollte es auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er vor sich selbst geheimgehalten h?tte, bog er dennoch in die Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck waren abgewetzt von den Fü?en der ganzen Stadt und von den Vorg?ngern dieser [pg 121]Fü?e. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte drinnen ein langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tür auf, und die alte Magd schlich über die Diele. Aber sie war noch l?ngst nicht angelangt, da trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und ?ffnete selbst. Er zog Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.
?Mein lieber He?ling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor."
Sofort hatte Diederich Tr?nen in den Augen und stammelte:
?Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst und vor allem Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, da? ich immer ganz – da? ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe", schlo? er, freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.
?Dienste –" er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, ?die wollen Sie doch natürlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie in kurzem w?hlen, das glaube ich Ihnen versprechen zu k?nnen, denn damit belohnen sie eine verdiente Familie. Und dann" – der alte Buck beschrieb eine Geb?rde feierlicher Freigebigkeit ?– verlasse ich mich auf Sie, da? Sie es uns recht bald erm?glichen werden, Sie im Magistrat zu begrü?en."
Diederich verbeugte sich, beglückt l?chelnd, als werde er schon begrü?t. ?Die Gesinnung unserer Stadt," fuhr Herr Buck fort, ?ich sage nicht, da? sie in allen Teilen gut [pg 122]ist –" Er versenkte seinen wei?en Knebelbart in die seidene Halsbinde. ?Aber noch ist Raum" – der Bart tauchte wieder auf – ?und will's Gott noch lange, für wahrhaft liberale M?nner."
Diederich beteuerte: ?Ich bin selbstverst?ndlich durchaus liberal."
Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem Schreibtisch. ?Ihr seliger Vater hat mir hier oft gegenüber gesessen, und besonders h?ufig damals, als er die Papiermühle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner gro?en Freude f?rderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt durch Ihren Hof flie?t."
Diederich sagte mit tiefer Stimme: ?Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir erz?hlt, da? er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren k?nnten, nur Ihnen verdankt."
?Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zust?nden unseres Gemeinwesens, an denen aber –" der alte Herr Buck erhob seinen wei?en Zeigefinger, er sah Diederich tief an, ?gewisse Leute und eine gewisse Partei manches ?ndern würden, sobald sie k?nnten." St?rker und mit Pathos: ?Der Feind steht vor dem Tore, es hei?t zusammenhalten."
Er lie? eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit einem kleinen Schmunzeln: ?Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in einer ?hnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergr??ern? Sie haben Pl?ne?"
?Allerdings." Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen müsse. Der Alte h?rte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ... Endlich sagte er: ?Ich sehe so viel, da? der Umbau Ihnen nicht nur gro?e Kosten, sondern unter Umst?nden auch Schwierigkeiten [pg 123]mit der st?dtischen Baupolizei verursachen wird – mit der ich übrigens im Magistrat zu tun habe. Nun überzeugen Sie sich, mein lieber He?ling, was hier auf meinem Schreibtisch liegt."
Da erkannte Diederich einen genauen Aufri? seines Grundstückes, samt dem dahinter gelegenen. Sein verblüfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck ein L?cheln der Genugtuung. ?Ich kann wohl dafür sorgen," sagte er, ?da? keine erschwerenden Umst?nde eintreten." Und auf Diederichs Danksagungen: ?Wir dienen dem gro?en Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde vorw?rtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, au?er den Tyrannen."
Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und faltete die H?nde. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf wie ein Gro?vater. ?Als Kind hatten Sie so sch?ne blonde Locken", sagte er.
Diederich begriff, da? der offizielle Teil des Gespr?ches beendet sei. ?Ich wei? noch," erlaubte er sich zu sagen, ?wie ich als kleiner Junge hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten spielte."
?Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat."
?Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt."
?Ich wünschte, mein lieber He?ling, er h?tte mehr von Ihrer praktischen Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet habe."
?Ich glaube," sagte Diederich, ?da? Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat. Daher ist er mit nichts zufrieden, er wei? nicht, ob er General werden soll oder sonst ein gro?er Mann."
?Inzwischen macht er leider dumme Streiche." Der [pg 124]Alte sah aus dem Fenster. Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.
?Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon früher, seine Aufs?tze. Und was er mir neulich über unseren Kaiser gesagt hat, da? er eigentlich gern der erste Arbeiterführer w?re...."
?Davor behüte Gott die Arbeiter."
?Wieso?" Diederich war tieferstaunt.
?Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen ist es auch nicht gut bekommen."
?Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich."
?Wir haben es nicht", sagte der alte Buck und stand ungew?hnlich rasch vom Stuhl auf. ?Denn wir mü?ten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem eigenen Willen folgen k?nnen; und k?nnen wir's? Ihr w?hnt euch einig, weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein überlebender wie ich, im Frühjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen zugerufen. Was würde er heute sagen!"
Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: ?Ach ja, Sie sind ein Achtundvierziger."
?Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter. Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir n?rrisch genug waren, an dieses Volk zu glauben. Wir glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir dachten es m?chtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, da? es, ohne politische Bildung, deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach [pg 125]seinem Aufschwung den M?chten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer Zeit gab es allzu viele, die unbekümmert um das Ganze, ihren Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner Gnadensonne sich w?rmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen Genu?lebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die Sorge um das ?ffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Gro?macht haben eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr k?nnt, und es ausgebt, wie ihr m?gt, werden sie euch – oder vielmehr sich – auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben würden. Unser Dichter damals wu?te, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!"
?Bismarck hat eben wirklich etwas getan", sagte Diederich, leise triumphierend.
?Das ist es gerade, da? er es hat tun dürfen! Und dabei hat er alles nur faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Bürger von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals selbst bezahlt, was ich gewagt hatte."
?Ich wei? wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden", sagte Diederich, wieder eingeschüchtert.
?Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souver?nit?t der Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk, das sich in Notwehr befand, zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem sogenannten Sch?pfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und verraten, hier oben [pg 126]im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des K?nigs erwartete, da war ich, gro? oder gering, ein Mensch, der selbst am Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?"
Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war es schwül. Er fühlte, da? er zu dem allen nicht l?nger schweigen dürfe. Er sagte: ?Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu." Der Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, er deutete nach der Zimmerdecke.
?Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich würde alles dahingeben, aber, junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch wenn wir besiegt worden sind."
?Zweifellos", sagte Diederich. ?Und dann sind Sie immer noch der m?chtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, geh?rt dem Herrn Buck."
?Das will ich aber gar nicht, ich will, da? sie sich selbst geh?rt." Er atmete tief aus. ?Das ist eine weitl?ufige Sache, Sie werden sie allm?hlich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen. Wir werden n?mlich jeden Tag heftiger bedr?ngt von der Regierung und ihren junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern, die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir ihnen Stra?en bauen müssen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung. Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt."
Diederich l?chelte überlegen. ?So schlimm kann es wohl nicht sein, denn unser Kaiser ist doch eine so moderne Pers?nlichkeit."
[pg 127] ?Nun ja", sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf – und dann zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.
?Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein, als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die Hoffnung, da? wir in allem einig gehen werden."
Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die Brust. ?Ich bin ein durchaus liberaler Mann!"
?Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspr?sidenten von Wulckow. Er ist der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat unterh?lt nur die unumg?nglichen Beziehungen zum Pr?sidenten. Ich selbst habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrü?t zu werden."
?Oh!" machte Diederich, ehrlich erschüttert.
Der alte Buck ?ffnete ihm schon die Tür, schien aber noch etwas zu überlegen. ?Warten Sie!" Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bückte sich und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen Glanz in seinem Gesicht, das err?tet war. ?Da, nehmen Sie! Es sind meine ?Sturmglocken'! Man war auch Dichter – damals." Und er schob Diederich sanft hinaus.
Die Fleischhauergrube stieg betr?chtlich an, aber Diederich schnaufte nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Bet?ubung empfunden hatte, stellte sich allm?hlich das Gefühl heraus, da? er sich habe verblüffen lassen. ?So ein alter Schw?tzer ist doch blo? noch eine Vogelscheuche, und mir imponiert er!" Unbestimmt gedachte er der Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, [pg 128]der zum Tode verurteilt worden war, ebensoviel Hochachtung und ein ?hnliches Grausen einfl??te wie der Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. ?Werd' ich denn ewig so weich bleiben? Ein anderer h?tte sich nicht so behandeln lassen!" Auch konnte es peinliche Folgen haben, da? er zu so vielen kompromittierenden Reden geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische Antworten zurecht, für das n?chste Mal. ?Das Ganze war eine Falle! Er hat mich einfangen und unsch?dlich machen wollen ... Aber er soll sehen!" Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die Kaiser-Wilhelm-Stra?e ging. ?Vorl?ufig mu? man sich noch mit ihm verhalten, aber wehe, wenn ich der St?rkere bin!"
Das Haus des Bürgermeisters war mit ?lfarbe neu gestrichen, und die Spiegelscheiben gl?nzten wie je. Ein nettes Stubenm?dchen empfing ihn. über eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem M?bel ein kleiner Teppich lag, ward Diederich in das E?zimmer geführt. Es war aus hellem Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister und noch ein Herr beim zweiten Frühstück sa?en. Doktor Scheffelweis reichte Diederich seine wei?liche Hand hin und musterte ihn dabei über den Klemmer weg. Trotzdem wu?te man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die seitw?rts fliehenden, dünnen Bartkoteletts. Der Bürgermeister setzte mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle F?lle sagen konnte. ?Sch?ne Schmisse", sagte er; und zu dem anderen Herrn: ?Finden Sie nicht?"
[pg 129] Der andere Herr legte Diederich zun?chst gro?e Zurückhaltung auf, denn er sah stark jüdisch aus. Aber der Bürgermeister stellte vor: ?Herr Assessor Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft" – was dann allerdings eine vollwertige Begrü?ung n?tig machte.
?Setzen Sie sich nur gleich," sagte der Bürgermeister, ?wir fangen gerade an." Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor. ?Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!"
Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorl?ufig nur für das Stubenm?dchen Augen. W?hrend sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von ?ffentlichen Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister lie? sich nicht unterbrechen. ?Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurück, denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet Mühe mit ihr, und inzwischen geh?rt uns das Haus." Er holte einen Lik?r aus dem Büfett, rühmte ihn, lie? sich seine Güte von den G?sten best?tigen und fuhr fort, eint?nig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner Vormittage zu preisen. Allm?hlich ward, in allem Glück, seine Miene immer besorgter, er fühlte wohl, das Gespr?ch k?nne so nicht weitergehen; und nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschlo? er sich.
?Ich darf annehmen, Herr Doktor He?ling –: mein Haus liegt ja nicht in n?chster Nachbarschaft des Ihren, und so würde ich es durchaus begreiflich finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht h?tten."
Diederich err?tete schon für die Lüge, die er noch nicht ausgesprochen hatte. ?Es würde herauskommen", dachte [pg 130]er noch rechtzeitig, und er sagte: ?Tats?chlich habe ich mir erlaubt –. Das hei?t, natürlich war mein erster Weg zu Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der eine so gro?e Verehrung für den alten Herrn Buck hatte –"
?Begreiflich, durchaus begreiflich." Der Bürgermeister nickte mit Nachdruck. ?Herr Buck ist der ?lteste unter unseren verdienten Bürgern und übt daher einen zweifellos legitimen Einflu? aus."
?Vorl?ufig noch!" sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der Bürgermeister hatte sich über seinen K?se gebeugt, Diederich fand sich schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis verlangte, brachte er etwas hervor von ?eingefleischtem Respekt" und führte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, da? er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfüllt die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der Staatsanwaltschaft. Dieser lie? Diederich fertig stammeln, wie einen Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:
?Der Respekt ist in gewissen F?llen dazu da, da? man sich ihn abgew?hnt."
Diederich stutzte; dann entschlo? er sich zu einem verst?ndnisvollen Gel?chter. Der Bürgermeister sagte mit blassem L?cheln und einer vers?hnlichen Geste:
?Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, – was ich pers?nlich ganz besonders an ihm sch?tze. In meiner Stellung freilich bin ich gen?tigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und da mu? ich denn sagen: einerseits ..."
[pg 131] ?Kommen wir gleich zum Andererseits!" verlangte Assessor Jadassohn. ?Für mich als Vertreter einer staatlichen Beh?rde wie als überzeugten Anh?nger der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der Reichstagsabgeordnete Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine M?rdergrube, ich halte das nicht für deutsch. Volksküchen gründen, meinetwegen; aber das beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung. Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein."
?Aber nur eine kaisertreue!" erg?nzte Diederich. Der Bürgermeister machte beschwichtigende Zeichen. ?Meine Herren!" flehte er. ?Meine Herren! Wenn wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewi? richtig, da? bei aller bürgerlichen Hochsch?tzung der genannten Herren andererseits doch –"
?Andererseits!" wiederholte Jadassohn streng.
?– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider so ungünstigen Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung – wenn ich auch zu bedenken bitte, da? die ungew?hnliche Sch?rfe des Herrn Regierungspr?sidenten von Wulckow gegenüber den st?dtischen Beh?rden –"
?Gegenüber schlecht gesinnten K?rperschaften!" warf Jadassohn ein. Diederich erlaubte sich: ?Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das mu? ich sagen –"
?Eine Stadt," erkl?rte der Assessor, ?die sich den berechtigten Wünschen der Regierung verschlie?t, darf allerdings nicht darüber erstaunen, da? ihr die kalte Schulter gezeigt wird."
?Von Berlin nach Netzig", versicherte Diederich, ?k?nnte man in der halben Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben st?nden."
[pg 132] Der Bürgermeister lie? sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Pl?tzlich sah er sie an mit einem dünnen L?cheln.
?Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich wei?, da? es eine zeitgem??ere Gesinnung gibt als die von den st?dtischen Beh?rden bekundete. Glauben Sie, bitte, da? es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majest?t gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, w?hrend der vorj?hrigen Man?ver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ..."
?Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch", stellte Jadassohn fest.
?Das nationale Banner mu? hochgehalten werden", verlangte Diederich. Der Bürgermeister erhob die Arme.
?Meine Herren, das wei? ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des Magistrats und mu? leider seine Beschlüsse ausführen. ?ndern Sie die Verh?ltnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich konnte den Mann nicht ma?regeln. Herrn von Wulckow ist bekannt," – der Bürgermeister kniff ein Auge zu – ?da? ich es sonst getan haben würde."
Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die Nase, als genügte ihm das Geh?rte. Aber Diederich konnte nicht l?nger an sich halten. ?Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus"! rief er. ?Solche Leute wie Buck, Kühlemann und Eugen Richter machen unsere Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und Verantwortung auf, und dann hab' ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse Arbeitgeber gibt, [pg 133]die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt, daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!" Hier blitzte Diederich. ?Denn es untergr?bt die Ordnung, und ich stehe auf dem Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung n?tiger als je, und darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser es führt. Ich erkl?re, da? ich in allem fest zu Seiner Majest?t stehe ..." Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser der Vertreter der Jugend, die pers?nlichste Pers?nlichkeit, von erfreulicher Impulsivit?t und ein h?chst origineller Denker. ?Einer soll Herr sein! Auf allen Gebieten!" Diederich legte das vollst?ndige Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erkl?rte, da? mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus aufger?umt werden müsse.
?Jetzt kommt eine neue Zeit!"
Jadassohn und der Bürgermeister h?rten still zu, bis er alles herausgesagt hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch gr??er. Dann kr?hte er: ?Auch in Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!" Und Diederich noch lauter: ?Die aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal n?her ansehen. Es wird sich zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die S?hne verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die Tochter soll ja –"
Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und [pg 134]r?tete sich bla?. Vor Vergnügen platzte er aus: ?Und die Herren wissen noch gar nicht, da? der Bruder des Herrn Buck pleite ist!"
Man ?u?erte l?rmende Genugtuung. Der mit den fünf eleganten T?chtern! Der Vorsitzende der ?Harmonie"! Aber zu essen, das wu?te Diederich, bekamen sie aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister nochmals Schn?pse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte pl?tzlich nicht mehr, da? ein Umschwung bevorstehe. ?In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen."
Diederich schlug vor: ?Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere Wahlkomitee!"
Jadassohn erkl?rte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung zu nehmen mit dem Herrn Regierungspr?sidenten von Wulckow. ?Streng vertraulich", setzte der Bürgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, da? die ?Netziger Zeitung", das gr??te Organ der Stadt, sich im freisinnigen Fahrwasser bewege. ?So ein Judenblatt!" sagte Jadassohn. Wohingegen das regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einflu? sei. Aber der alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für beide Bl?tter. Es schien Diederich nicht unm?glich, durch ihn, der in der ?Netziger Zeitung" Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er mu?te Angst bekommen, sonst das Kreisblatt zu verlieren. ?Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in Netzig", sagte der Bürgermeister und schmunzelte. Da trat das Zimmerm?dchen ein und verkündete, sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen decken; die gn?dige Frau werde gleich zurück sein – ?und auch die Frau Hauptmann", setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der Bürgermeister sich sofort. Wie [pg 135]er seine G?ste hinausgeleitete, hielt er den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schn?pse, ganz milchfarben. Auf der Treppe zog er Diederich am ?rmel. Jadassohn war zurückgeblieben, und man h?rte das M?dchen leise kreischen. An der Haustür l?utete es schon.
?Mein lieber Herr Doktor," wisperte der Bürgermeister, ?Sie haben mich doch nicht mi?verstanden. Bei alledem habe ich natürlich einzig das Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverst?ndlich ganz fern, irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig wei? mit den K?rperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe."
Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten die Damen das Haus, und der Bürgermeister lie? Diederichs ?rmel los, um ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte kaum Zeit, die Herren zu begrü?en; sie mu?te die Kinder trennen, die einander prügelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf h?her und noch jugendlich, musterte streng die ger?teten Gesichter der Frühstücksg?ste. Dann schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man kleiner werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht, Diederich vollführte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Stra?e umher, h?rte nicht, was Jadassohn sagte, und pl?tzlich kehrte er um. Er mu?te mehrmals und heftig l?uten, denn drinnen war gro?er L?rm. Die Herrschaften standen noch am Fu?e der Treppe, auf der die Kinder sich schreiend umherstie?en, und sie debattierten. Die Frau Bürgermeister wünschte, da? ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau Hauptmann [pg 136]von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor ernennen, denn seine Frau habe den gr??ten Einflu? im Vorstand der Bethlehemstiftung für gef?hrdete M?dchen. Der Bürgermeister beschwor sie abwechselnd mit den H?nden. Endlich konnte er ein Wort anbringen.
?Einerseits ...", sagte er.
Aber da hatte Diederich ihn am ?rmel ergriffen. Nach vielen Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er flüsterte bebend: ?Verehrter Herr Bürgermeister, es liegt mir daran, Mi?verst?ndnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, da? ich ein durchaus liberaler Mann bin."
Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, da? er hiervon gerade so überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward er abgerufen, und Diederich verlie?, ein wenig erleichtert, das Haus. Jadassohn erwartete ihn grinsend.
?Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den st?rksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht übel, wir k?nnen uns ein Stück vorwagen."
?Vergessen Sie, bitte, nicht," sagte Diederich, mit Zurückhaltung, ?da? ich in der Netziger Bürgerschaft zu Hause und natürlich auch liberal bin."
Jadassohn sah ihn von der Seite an. ?Neuteutonia?" fragte er. Und als Diederich sich erstaunt umwandte: ?Wie geht es denn meinem alten Freund Wiebel?"
?Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!"
?Kennen! Ich habe mit ihm gehangen."
Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie [pg 137]schüttelten einander kraftvoll. ?Na dann!" ?Na also!" Und Arm in Arm gingen sie in den Ratskeller, Mittag essen.
Dort war es einsam und d?mmerig, hinten ward für sie das Gas angezündet, und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem Andenken. Es zeigte sich, da? auch Jadassohn die Februarkrawalle mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich. ?Seine Majest?t hat einen Mut bewiesen," sagte der Assessor, ?da? einem schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, wei? Gott, geglaubt –." Er stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um über die entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Gl?ser. ?Gestatte mir", sagte Jadassohn. ?Ziehe gleich mit", erwiderte Diederich. Und Jadassohn: ?Werte Lieben mit eingeschlossen." Und Diederich: ?Werde zu Hause davon zu rühmen wissen."
Dann lie? sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister, N?rgler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem war unser herrlicher junger Kaiser die pers?nlichste Pers?nlichkeit, von erfreulicher Impulsivit?t und ein h?chst origineller Denker. Diederich glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er sagte sich, da? das ?u?ere eines Menschen zuweilen trüge, und da? die deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Gr??e der Ohren abh?nge. Sie leerten ihre Gl?ser auf den glücklichen Ausgang des Kampfes für Thron und Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.
[pg 138] So gelangten sie wieder zu den Zust?nden in Netzig. Sie waren sich einig darin, da? der neue nationale Geist, für den es die Stadt zu erobern galt, kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majest?t. Die politischen Parteien waren alter Tr?del, wie Seine Majest?t selbst gesagt hatte. ?Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die wider mich", hatte er gesagt, und so war es. In Netzig überwog leider noch die Partei, die gegen ihn war, aber das sollte sich ?ndern, und zwar – dies war Diederich klar – vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht angeh?rte, übernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden Pers?nlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein bester Freund geworden war. ?Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus meinem Leben am wenigsten missen m?chte." Unvermittelt und schon ziemlich ger?tet, rief er aus:
?Und solche erhebenden Erinnerungen m?chten diese Demokraten uns verekeln!"
Der alte Buck! Diederich konnte sich pl?tzlich nicht fassen vor Wut, er stammelte: ?Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat –"
?Das ist ja schon nicht mehr wahr", sagte Jadassohn.
?Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? H?tten sie ihn wenigstens gek?pft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen sein!"
?Ihm sicher", sagte Jadassohn und tat einen gro?en Zug.
?Aber ich stelle fest –" Diederich rollte die Augen –, [pg 139]?da? ich all seinen l?sterlichen Unfug nur angeh?rt habe, um mich darüber zu unterrichten, wes Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der alte Intrigant jemals behaupten sollte, da? ich sein Freund bin und seine infamen Majest?tsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum Zeugen, da? ich gleich heute protestiert habe!"
Der Schwei? brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr genie?en sollte ... Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast quadratisches Buch, und stie? ein Hohngel?chter dabei aus.
?Dichten tut er auch!"
Jadassohn bl?tterte. ?Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der Republik! und Am Weiher lag ein Jüngling, trübselig anzuschauen ... Stimmt, so waren die. Str?flinge versorgen und an den Grundlagen rütteln. Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verd?chtig und Haltung schlapp. Da stehen wir, Gott sei Dank, anders da."
?Das wollen wir hoffen", sagte Diederich. ?In der Verbindung haben wir Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genügt, da erübrigt sich das Dichten."
?Fort mit euren Altarkerzen!" deklamierte Jadassohn. ?Das ist etwas für meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schl?fchen hinter sich, wir k?nnen losgehen."
Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurück und versuchte auch dem Fr?ulein die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken. Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm gelang es. Er erkl?rte ihnen, da? Netzig nach Berlin betr?chtlich still wirke. ?Die Damenwelt ist [pg 140]auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gn?diges Fr?ulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden spazierengehen k?nnte, und kein Mensch würde merken, da? Sie aus Netzig sind." Darauf erfuhr er, da? sie wirklich einmal in Berlin gewesen war, und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an ein dort geh?rtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen k?nne. ?Unsre lieben sü?en Dam'n, zeigen alles, was sie ham'n" ... Da sie einen dreisten Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend an, worauf er ihr erst recht versicherte, da? sie ein ?reizender K?fer" sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles überwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespr?ch. Er klagte, da? der Kirchenbesuch in Netzig unerh?rt vernachl?ssigt werde.
?Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor dem Küster und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen. Die anderen hatten Influenza."
Jadassohn sagte: ?Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung, die die herrschende Partei den kirchlichen und religi?sen Dingen gegenüber einnimmt, mu? man sich über die drei alten Damen wundern. Warum besuchen sie nicht lieber die freigeistigen Vortr?ge des Doktors Heuteufel?"
Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzusch?umen, so sehr schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. ?Herr Assessor!" brachte er hervor. ?Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen H?nden an[pg 141]flehen, da? er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst würde er eines Tages gen?tigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann erz?hlt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag – als ob ich mir einen Anzug bestelle." – Der Pastor lachte vor Erbitterung.
?Pfui", sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder, im Schutz eines Sessels, sich K?thchen handgreiflich zu n?hern. ?Fr?ulein K?thchen," sagte er dabei, ?ich kann Ihnen auf das bestimmteste erkl?ren, da? für mich die Ehe tats?chlich ein Sakrament ist." K?thchen erwiderte:
?Sch?men Sie sich, Herr Doktor."
Ihm ward hei?. ?Machen Sie nicht solche Augen!"
K?thchen seufzte. ?Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern haben mir schon erz?hlt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind doch meine besten Freundinnen."
Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja, in der ?Harmonie". ?Aber Sie brauchen nicht zu denken, da? ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen."
Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen, die man aus dieser rein zuf?lligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fr?ulein Daimchen sei übrigens verlobt.
?Ach die!" machte K?thchen. ?Die geniert das nicht, sie ist so gr??lich kokett."
[pg 142] Auch die Frau Pastor best?tigte es. Noch heute habe sie Guste in Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes. K?thchen verzog den Mund.
?Na und die Erbschaft –."
Dieser Zweifel machte, da? Diederich bestürzt verstummte. Der Pastor hatte dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen Kirche in Netzig einmal n?her mit den Herren zu er?rtern und verlangte von seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal K?thchens Hals überfallen. Sie sagte ersterbend: ?So mit dem Bart kitzeln tut keiner in Netzig" – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm peinliche Vermutungen ein. So lie? er K?thchen einfach los und verschwand. Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: ?Nur Mut! Der Alte hat nichts gemerkt, und die Mutter tut so." Er zwinkerte aufdringlich.
An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren den Markt erreichen, der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter sich. ?Die Herren wissen wohl, wie die Gasse hei?t, links von der Kirche unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das gewisse Haus darin."
?Klein-Berlin", sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.
?Klein-Berlin", wiederholte er, schmerzlich l?chelnd, und noch einmal mit der Geb?rde heiligen Zornes, so da? mehrere Leute sich umsahen: ?Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der Magistrat will mich nicht h?ren, er spottet meiner. Aber er spottet noch eines anderen, –" damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung – ?und der l?sset seiner nicht spotten."
[pg 143] Auch Jadassohn war der Meinung, da? er seiner nicht spotten lasse. Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie l?chelte schnippisch. Ihm fiel auf, da? K?thchen Zillich gerade so wei?blond war und auch diese kleine, frech eingedrückte Nase hatte. Eigentlich war es gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine handliche Breite aus. ?Und die l??t sich nichts gefallen. Gleich hat man eine Ohrfeige." Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie au?erordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es für Diederich entschieden: Die oder keine!
Die beiden anderen hatten sie nachtr?glich auch bemerkt.
?War das nicht das T?chterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?" fragte der Pastor; und er setzte hinzu: ?Unsere Bethlehemstiftung für gef?hrdete Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fr?ulein Daimchen zu den Guten geh?rt? Die Leute sagen, sie habe eine Million geerbt."
Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu erkl?ren. Diederich widersprach; er kenne die Verh?ltnisse, der verstorbene Onkel habe mit Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so lange, bis der Assessor ihm verhie?, er werde durch das Gericht in Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich, zufriedengestellt.
?übrigens", sagte Jadassohn, ?f?llt das Geld doch nur an die Bucks, will sagen an den Umsturz." Aber Diederich wollte auch hierüber besser unterrichtet sein. ?Fr?ulein Daimchen und ich sind n?mlich zusammen hier angekommen", sagte er versuchsweise. – ?Ach so", machte Jadassohn. ?Darf man etwa gratulieren?" Diederich hob die [pg 144]Achseln wie bei einer Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der junge Buck –.
?Wolfgang?" fragte Diederich. ?Mit dem war ich in Berlin t?glich zusammen. Er lebt dort mit einer Schauspielerin."
Der Pastor r?usperte sich mi?billigend. Da man eben auf den Theaterplatz gelangte, sah er streng hinüber. Er versetzte:
?Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem Platz, und unsere S?hne und T?chter –" er zeigte nach dem Bühneneingang, wo einige Mitglieder des Theaters standen – ?streifen mit dem ?rmel an Buhldirnen!"
Diederich erkl?rte dies, mit bekümmerter Miene, für tief bedauerlich – w?hrend Jadassohn sich über die ?Netziger Zeitung" entrüstete, die frohlockt hatte, weil in den Stücken der letzten Saison vier uneheliche Kinder vorgekommen seien, und die das für einen Fortschritt hielt!
Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Stra?e und hatten verschiedene Herren zu grü?en, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief gezogenen Hüte wieder aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte Jadassohn:
?Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die den freimaurerischen Unfug noch mitmachen. Seine Majest?t mi?billigt ihn entschieden."
?Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gef?hrlichste Sektenwesen nicht", erkl?rte der Pastor.
?Nun, und der Herr Lauer?" meinte Diederich. ?Ein Mensch, der sich nicht entbl?det, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles zuzutrauen!"
[pg 145] ?Das Unerh?rteste", behauptete Jadassohn, ?ist doch, da? Herr Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein k?niglicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie hai?t Cohn", machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.
Diederich sagte: ?Da er ja mit der Frau Lauer –" Er brach ab und erkl?rte, dann begreife er allerdings, da? diese Leute vor Gericht immer recht bek?men. ?Sie halten zusammen und schmieden R?nke." Pastor Zillich murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber Jadassohn l?chelte bedeutsam:
?Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster hinein." Und Diederich nickte beif?llig zu dem Geb?ude der Regierung hinüber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf und ab. ?Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven Burschen blinken sieht!" rief Diederich aus. ?Damit halten wir die Bande in Schach."
Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedr?nge. Jadassohn schlug einen D?mmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die Ecke. Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier brachte, seinen hei?en Dank aussprach für die segensreiche Arbeit, die er in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der ?lteste hatte zwar doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er nachts nicht schlafen k?nnen, sondern seine Sünde Gott so laut gebeichtet, da? Klappsch es h?rte und ihn durchprügeln konnte. Von da kam das Gespr?ch auf die Be[pg 146]amten der Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte und von denen er berichten konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fr?ulein Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gründung eines christlichen Arbeitervereins. Er verhie?: ?Wer von meinen Leuten nicht 'rein will, fliegt!" Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem Fr?ulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden Gef?hrten im Laufe des Tages erreicht hatten.
?Mein Schwager Heuteufel", rief er und schlug auf den Tisch, ?soll so viel von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg' meine Kirche doch wieder voll!"
?Nicht nur Ihre", beteuerte Diederich.
?Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig", gestand der Pastor. Da sagte Jadassohn schneidend: ?Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!" Und er nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten. Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majest?t selbst eingegriffen hatte. ?Sorgen Sie dafür," hatte er einer Abordnung der st?dtischen Beh?rden gesagt, ?da? in Berlin Kirchen gebaut werden." Nun wurden sie gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle, der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich für die tiefe Fr?mmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schu?.
?Es hat geknallt!" Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem schwarzen [pg 147]Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: ?Der Umsturz! Es geht los!" Drau?en war Getrappel von Laufenden: auf einmal griffen alle nach ihren Hüten und rannten hinaus.
Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der Freimaurerloge. Drüben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht nach unten, mitten auf der Stra?e. Und der Soldat, der vorhin so munter auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus. Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, da? er bleich war, den Mund offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes er sein Gewehr beim Lauf hielt und es am Boden schleppen lie?. Im Publikum, zumeist Arbeitern und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Pl?tzlich sagte eine M?nnerstimme sehr laut: ?Oho!" – und darauf trat tiefe Stille ein. Diederich und Jadassohn verst?ndigten sich durch einen blassen Blick über das Kritische des Augenblicks.
Die Stra?e herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein M?dchen, dessen Rock wehte und das schon von weitem rief:
?Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!"
Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte den Mann. ?Auf! Steh doch auf!"
Sie wartete. In seinen Fü?en schien es zu zucken; aber er blieb liegen, Arme und Beine über das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: ?Karl!" Es gellte, da? alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere M?nner stürzten vor, die F?uste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den Wagen, die halten mu?ten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden Gedr?nge [pg 148]arbeitete das M?dchen sich ab, unter ihren aufgel?sten Haaren, die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei kam, aber man h?rte es nicht, der L?rm verschlang es.
Der einzige Schutzmann dr?ngte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurück, sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte ihr auf den Fü?en und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach Hilfe um.
Und sie kam. Im Regierungsgeb?ude ging ein Fenster auf, ein gro?er Bart erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Ba?stimme, die jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dr?hnen h?rte wie fernen Kanonendonner.
?Wulckow", sagte Jadassohn. ?Na endlich."
?Ich verbitte mir das!" t?nte es herunter. ?Wer erlaubt sich hier vor meinem Hause L?rm zu machen?" Und da es schon ruhiger ward:
?Wo ist der Posten?"
Jetzt sahen die meisten erst, da? der Soldat sich in sein Schilderhaus zurückgezogen hatte: so tief wie m?glich, und nur der Gewehrlauf stand hervor.
?Komm 'raus, mein Sohn!" befahl der Ba? von oben. ?Du hast deine Pflicht getan. Er hat dich gereizt. Für deine Tapferkeit wird Seine Majest?t dich belohnen. Verstanden?"
Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das M?dchen. Um so ungeheurer dr?hnte er.
?Zerstreut euch sofort, sonst lass' ich schie?en!"
Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern l?sten sich los, z?gerten – und gingen wieder ein Stück weiter, mit gesenkten K?pfen. Der Regierungspr?sident rief noch hinunter:
[pg 149] ?Paschke, holen Sie mal 'n Doktor!"
Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward es lebendig. Pl?tzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurückgezogen hatten, sahen drüben auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. ?Ich bin Arzt", sagte er laut, ging rasch über die Stra?e und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn um, ?ffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das M?dchen aber stand da, vorw?rts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es dies Herz, das nun stillstehen sollte.
Doktor Heuteufel erhob sich. ?Der Mann ist tot", sagte er. Gleichzeitig bemerkte er das M?dchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur: ?Karl." Noch leiser: ?Karl." Doktor Heuteufel sah umher und fragte: ?Was soll mit dem M?dchen geschehen?"
Da trat Jadassohn vor. ?Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft", sagte er. ?Das M?dchen ist abzuführen. Da ihr Geliebter den Posten gereizt hat, liegt Verdacht vor, da? sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt hat. Wir werden die Untersuchung einleiten."
Zwei Schutzleute, denen er winkte, fa?ten das M?dchen schon an. Doktor Heuteufel erhob die Stimme: ?Herr Assessor, ich erkl?re als Arzt, da? der Zustand des M?dchens [pg 150]seine Verhaftung nicht zul??t." Jemand sagte: ?Führen Sie doch auch den Toten ab!" Aber Jadassohn kr?hte: ?Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Ma?nahmen!"
Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben. ?Oh!... Ah!... Aber das ist –." Er war ganz bleich; er setzte an: ?Meine Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese Leute: jawohl, den Mann und das M?dchen. Doktor He?ling mein Name. Beide waren bis heute in meiner Fabrik besch?ftigt. Ich mu?te sie entlassen wegen ?ffentlich begangener unsittlicher Handlungen."
?Aha!" machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. ?Das ist fürwahr der Finger Gottes", sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen Spitzbart heftig ger?tet, seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom Zorn.
?über den Finger Gottes l??t sich streiten. Sicher scheint nur, Herr Doktor He?ling, da? der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinrei?en lassen, weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau, vielleicht auch Kinder."
?Sie waren gar nicht verheiratet", sagte Diederich, seinerseits entrüstet. ?Ich wei? es von ihm selbst."
?Was ?ndert das," fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. ?Sind wir denn schon so weit," rief er, ?da? es nichts ?ndert, ob das sittliche Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?"
Lauer erkl?rte es für unangebracht, auf der Stra?e und im Augenblick, wo jemand mit beh?rdlicher Billigung totgeschossen worden sei, über sittliche Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das M?dchen, um ihm Arbeit in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanit?ts[pg 151]wagen angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber hineinschob, fuhr das M?dchen aus seiner Starrheit empor, stürzte sich über die Bahre, entri? sie, ehe man es sich versah, den M?nnern, da? sie niederfiel – und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit gro?er Mühe ward sie von dem Leichnam gel?st und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.
Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrüdern weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. ?Einen Augenblick, bitte. Sie ?u?erten da vorhin, da? hier mit beh?rdlicher Billigung – ich nehme die Herren zu Zeugen, da? dies Ihr Ausdruck war – also mit beh?rdlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich m?chte fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mi?billigung der Beh?rde bedeuten sollte."
?Ach so", machte Lauer und sah ihn an. ?Mich m?chten Sie wohl auch abführen lassen?"
?Zugleich", fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, ?mache ich Sie darauf aufmerksam, da? das Verhalten eines Postens, der ein ihn bel?stigendes Individuum niederschie?t, vor wenigen Monaten, n?mlich im Fall Lück, von ma?gebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich vor einer Kritik der Allerh?chsten Handlungen!"
?Ich habe keine ausgesprochen," sagte Lauer. ?Ausgesprochen habe ich bis jetzt nur meine Mi?billigung des Herrn dort mit dem gef?hrlichen Schnurrbart."
?Wie?" fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der Erschossene gefallen war und wo ein [pg 152]wenig Blut lag. Er begriff endlich, da? er herausgefordert war.
?Der Schnurrbart wird von Seiner Majest?t getragen!" sagte er fest. ?Es ist die deutsche Barttracht. Im übrigen lehne ich jede Diskussion mit einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz f?rdert."
Lauer ?ffnete schon wütend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck, Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: – da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Stra?e ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Führung hatte, forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand schüttelte.
?Bravo!" sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: ?Morgen kommen nun Hauptmann, Major und Oberst dran, müssen belobigen und dem Kerl Geldgeschenke machen."
?Sehr richtig!" sagte Jadassohn.
?Aber –" Heuteufel blieb stehen. ?Meine Herren, verst?ndigen wir uns doch. Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauernt?lpel keinen Spa? verstanden hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und er entwaffnet den Arbeiter, der ihn herausfordern m?chte, seinen Kameraden, einen armen Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schie?en. Und nachher kommen die gro?en Worte."
Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur M??igung. Da sagte Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:
?Das Volk mu? die Macht fühlen! Das Gefühl der [pg 153]kaiserlichen Macht ist mit einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!"
?Wenn es nur nicht Ihres ist", sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand auf der Brust:
?Wenn es auch meins w?re!"
Heuteufel zuckte die Achseln. W?hrend man weiterging, versuchte Diederich dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück zurückblieb, seine Empfindungen zu erkl?ren. ?Für mich", sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, ?hat der Vorgang etwas direkt Gro?artiges, sozusagen Majest?tisches. Da? da einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf offener Stra?e! Bedenken Sie: mitten in unserem bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht hei?t!"
?Wenn sie von Gottes Gnaden ist", erg?nzte der Pastor.
?Natürlich. Das ist es eben. Drum hab' ich geradezu eine religi?se Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, da? es h?here Dinge gibt, Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majest?t sich mit so ph?nomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich sage nur –" Da die übrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob Diederich die Stimme. ?Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden h?tte vom Milit?r absperren und in uns alle h?tte 'reinschie?en lassen, immer feste 'rein, sag ich ..."
?Sie h?tten Hurra geschrien," schlo? Doktor Heuteufel.
?Sie vielleicht nicht?" fragte Diederich und versuchte zu blitzen. ?Ich hoffe doch, wir empfinden alle national!"
Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:
[pg 154] ?Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee für solche Witze?" Diederich ma? ihn.
?Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben die Herren geh?rt?" Er lachte erhaben. ?Ich kannte bisher nur die Armee Seiner Majest?t des Kaisers!"
Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich betonte mit abgehackter Kommandostimme, da? er keinen Schattenkaiser wünsche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine Freunde sa?en schon. ?Na, setzen Sie sich nicht zu uns?" ward Diederich von Doktor Heuteufel gefragt. ?Schlie?lich sind wir wohl alle liberale M?nner." Da stellte Diederich fest: ?Liberal selbstverst?ndlich. Aber ich gehe in den gro?en nationalen Fragen aufs Ganze. Für mich gibt es da nur zwei Parteien, die Seine Majest?t selbst gekennzeichnet haben: die für ihn und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, da? an dem Tisch der Herren für mich kein Platz ist."
Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging hinüber zu dem leeren Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. G?ste, die in der N?he sa?en, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drüben ward geflüstert, dann rückte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm, Jadassohn und Zillich die H?nde zu schütteln, und ging hinaus.
?Das wollte ich ihm auch geraten haben", bemerkte Jadassohn. ?Er hat die Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt." Diederich sagte: ?Eine reinliche [pg 155]Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fürchten." Aber Pastor Zillich schien betreten. ?Der Gerechte mu? viel leiden," sagte er. ?Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erz?hlt er Gott wei? welche Greuel über uns." Da zuckte Diederich zusammen. Doktor Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens, als er vom Milit?r loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem h?hnischen Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er konnte ihn vernichten! In seinem j?hen Schrecken befürchtete Diederich sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schwei? brach ihm aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.
Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs neue über den gewaltsamen Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Milit?r und die Junker, die es befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem eroberten Land! Und als die K?pfe rot genug waren, verstiegen sich die Herren dazu, für das Bürgertum, das tats?chlich alle Leistungen liefere, auch die Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte zu wissen, was die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe. ?Nicht einmal die Rasse", behauptete er. ?Denn sie sind ja alle verjudet, die Fürstenh?user einbegriffen." Und er setzte hinzu: ?Womit ich meinen Freund Cohn nicht kr?nken will."
Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell stürzte er noch ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:
[pg 156] ?Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den Fürstenh?usern, die nach Ihrer pers?nlichen Meinung verjudet sind, auch deutsche Fürstenh?user verstehen."
Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: ?Gewi? doch."
?So", machte Diederich, und er sch?pfte tief Atem, um zu seinem gro?en Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:
?Und den verjudeten deutschen Fürstenh?usern rechnen Sie auch das eine zu, das ich nicht erst zu nennen brauche?" Triumphierend sagte Diederich dies, vollkommen sicher, da? nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter den Tisch kriechen werde. Aber er stie? auf einen nicht vorauszusehenden Zynismus.
?Na ja doch", sagte Lauer.
Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah umher: ob er denn recht geh?rt habe. Die Gesichter best?tigten es ihm. Da brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese ?u?erung für den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder auf, der verschwunden gewesen war, man wu?te nicht wohin.
?Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt", sagte er sofort. ?Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für die weitere Entwicklung von Bedeutung sein k?nnte." Und dann lie? er sich genau berichten. Diederich tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den Weg abgeschnitten zu haben. ?Jetzt haben wir ihn in der Hand!"
?Allerdings," best?tigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.
[pg 157] Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein ?lterer Herr mit grimmiger Miene. Er grü?te nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den Vertretern des Umsturzes zu sto?en. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. ?Herr Major Kunze! Nur ein Wort!" Er redete halblaut auf ihn ein und deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im Zweifel. ?Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor," sagte er, ?da? das tats?chlich behauptet wurde?" W?hrend Jadassohn es ihm gab, trat der Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, l?chelte unbedeutend und bot dem Herrn Major für alles eine befriedigende Erkl?rung an. Aber der Major bedauerte; für eine solche ?u?erung gebe es einfach keine Erkl?rung; und seine Miene ward von erschreckender Düsterkeit. Trotzdem sah er noch mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. Der Major bemerkte es und folgte seinem Pflichtgefühl. Jadassohn stellte vor: ?Herr Fabrikbesitzer Doktor He?ling."
Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander mit Aufbietung aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. ?Herr Doktor," sagte der Major, ?Sie haben sich als deutscher Mann bew?hrt." Man scharrte mit den Fü?en, rückte die Stühle zurecht, pr?sentierte voreinander die Gl?ser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zügen versicherte er, auch er stehe, was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. ?Wenn mein K?nig mich nun auch schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –"
?Der Herr Major", erkl?rte Jadassohn, ?war zuletzt beim hiesigen Bezirkskommando."
[pg 158] ?– ich habe noch das alte Soldatenherz –" er klopfte mit den Fingern darauf – ?und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bek?mpfen. Mit Feuer und Schwert!" schrie er und lie? die Faust auf den Tisch fallen. Im selben Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer Cohn tief den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen Charakter trage. ?Aha!" sagte Jadassohn um so lauter. ?Herr Major, der Feind ist aufgerieben." Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.
?Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht."
Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich h?hnisch nach Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasa?en und besch?mt ihre Biergl?ser anstarrten.
?Wir haben die Macht", sagte er, ?und die Herren dort drüben sind sich dessen bewu?t. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten geschossen hat. Sie machen Gesichter, als h?tten sie Angst, da? sie nun selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!" Diederich erkl?rte, da? er wegen der vorhin gefallenen ?u?erungen eine Anzeige gegen den Herrn Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. ?Und ich werde dafür sorgen," versicherte Jadassohn, ?da? die Anklage erhoben wird. Ich pers?nlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen, da? ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorg?ngen selbst nicht beigewohnt habe."
?Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen", sagte Diederich, und er fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich gesinnten M?nner sich vor allem stützen mü?ten. Der Major nahm eine Amtsmiene [pg 159]an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente seinem K?nig immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kr?ftigung erführen. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors, beh?rdlicherseits zu viel Rücksicht auf die in Netzig gegebenen Verh?ltnisse. Er selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt worden w?re, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger gesehen haben, dafür garantierte er. ?Aber da mein K?nig mir die M?glichkeit leider genommen hat –" Diederich schenkte, um ihn zu tr?sten, frisch ein. W?hrend der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich und raunte: ?Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und kriecht vor dem alten Buck. Wir müssen ihm imponieren."
Diederich tat dies sofort. ?Ich habe n?mlich mit dem Herrn Regierungspr?sidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen getroffen." Und da der Major die Augen aufri?:
?N?chstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon."
?Los!" sagte der Major ingrimmig. ?Prost!"
?Prost!" sagte Diederich. ?Aber, meine Herren, m?gen die subversiven Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind st?rker, denn wir haben einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majest?t."
?Bravo!"
?Seine Majest?t hat für alle Teile seines Staates, also auch für Netzig, die Forderung aufgestellt, da? die Bürger [pg 160]endlich aus dem Schlummer erwachen m?gen! Und das wollen wir auch!"
Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der Major schrie: ?Zu uns Offizieren hat Seine Majest?t gesagt: Dies sind die Herren, auf die ich mich verlassen kann!"
?Und zu uns", schrie Pastor Zillich, ?hat er gesagt, wenn die Kirche der Fürsten bedürfen wird –".
Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich l?ngst geleert, Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren Bogengew?lben brannte schon kein Gas mehr.
?Er hat auch gesagt –" Diederich blies die Backen feuerrot auf, der Schnurrbart stie? ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fürchterlich. ?Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner erhabenen Führung sind wir fest entschlossen, Gesch?fte zu machen!"
?Und Karriere!" kr?hte Jadassohn. ?Seine Majest?t hat gesagt, jeder, der ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht auf mich nicht mitbeziehen?" fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:
?Und mein K?nig kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins Gesicht. Er wird mich noch mal bitter n?tig haben, wenn es losgeht. Ich denke nicht daran, den Rest meines Lebens blo? noch mit Knallbonbons zu schie?en auf Vereinsb?llen. Ich war bei Sedan!"
?Herrjemersch, und ich doch ooch!" ert?nte es von dünner Schreistimme aus unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gew?lbe entstieg ein kleiner Greis mit flattern[pg 161]den wei?en Haaren. Er schwankte herbei, seine Brillengl?ser funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: ?Der Herr Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht's ja zu wie dunnemals in Frankreich. Ich sag' es aber immer: gut gelebt und lieber ? paar Jahre l?nger!" Der Major stellte ihn vor. ?Herr Gymnasialprofessor Kühnchen." Wie es kam, da? er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei, darüber ?u?erte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. ?Nu mu? ich wohl ? bi?chen eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerückt." Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getr?nke noch nichts genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. ?Die Franktir?hrs!" schrie er, und aus seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. ?Das war Sie eene Bande! Wie die Herren mich da s?hn, hab' ich doch noch immer een' steifen Finger, da hat mich ? Franktir?hr draufgebissen. Blo? weil ich ihm mit meim S?bel ? kleenes bi?chen die Kehle abschneiden wollte. So eene Gemeinheit von dem Kerl!" Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle freilich mischten sich mit Schrecken, er mu?te sich in die Lage des Franktir?hrs denken: der kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die Klinge an den Hals. Er war gen?tigt, einen Augenblick hinauszugehen.
Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor Kühnchen, einander überschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber Kühnchen schrillte immer sch?rfer durch das Gebrüll des anderen, bis er es zum Schweigen gebracht hatte und ungest?rt [pg 162]aufschneiden konnte. ?Nee, alter Freund, Sie sein ? anschl?gscher Kopf. Wenn Sie die Treppe 'runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem Haus, wo die Franktir?hrs drinne sa?en, das hat Kühnchen angelegt, da gibt's nischt. Ich hab' doch eene Kriegslist gebraucht und hab' mich totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie's erscht gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des Vaterlandes keen' Geschmack mehr gefunden, und blo? noch 'raus, blo? noch Soofgip?h! Da h?tten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer hammer sie weggeschossen, wie sie 'runterkrabbeln wollten! Luftsprünge hamse gemacht wie die Garniggel!"
Kühnchen mu?te seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend, indes die Tafelrunde dr?hnend lachte.
Kühnchen erholte sich. ?Die falschen Luder hatten uns aber auch tückisch gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die franzeeschen Weiber, das gibt's Sie nu überhaupt nicht mehr. Hee?es Wasser hatten se uns auf die K?ppe geschiddet. Nu frag' ich Sie, tut das eene Dame? Wie's brannte, warfen sie die Kinder aus'm Fenster und wollten ooch noch von uns, da? wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die Damen!" Kühnchen hielt die gichtischen Finger gekrümmt wie um einen Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als g?be es noch jemand aufzuspie?en. Seine Brillengl?ser funkelten, er log weiter. ?Zuletzt kam eene ganz Dicke 'ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum versuchte se mal, ob's nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit Kühnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf [pg 163]die Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in ihren dicken franzeeschen –"
Mehr h?rte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch: ?Jeden Sedang erz?hl' ich die Geschichte in ?dlen Worten meiner Klasse. Die Jungen solln wissen, was sie für Heldenv?ter gehabt haben."
Man war sich einig, da? dies die nationale Gesinnung des jungen Geschlechts nur bef?rdern k?nne, und man stie? an mit Kühnchen. Vor lauter Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, da? ein neuer Gast an den Tisch getreten war. Jadassohn sah pl?tzlich den bescheiden grauen Mann im Hohenzollernmantel und winkte ihm g?nnerhaft. ?Na, man immer 'ran, Herr Nothgroschen!" Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus. ?Wer sind Sie?"
Der Fremde dienerte.
?Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung."
?Also Hungerkandidat", sagte Diederich und blitzte. ?Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!"
Alle lachten; der Redakteur l?chelte demütig mit.
?Seine Majest?t hat Sie gekennzeichnet", sagte Diederich. ?Na, setzen Sie sich!"
Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer Haltung. Nüchtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren Selbstbewu?tsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so sehr gesteigert worden war. Man verga? ihn sogleich wieder. Er wartete geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch hier hereinschneie. ?Ich mu?te das Blatt doch fertig machen", erkl?rte er darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. ?Die Herren wollen morgen früh in [pg 164]der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter."
?Das wissen wir besser als Sie", schrie Diederich. ?Sie saugen sich das ja doch nur aus Ihren Hungerpfoten!"
Der Redakteur l?chelte entschuldigend, und er h?rte ergeben zu, wie alle durcheinander ihm die Vorg?nge darstellten. Als der L?rm sich legte, setzte er an. ?Da der Herr dort –"
?Doktor He?ling," sagte Diederich scharf.
?Nothgroschen", murmelte der Redakteur. ?Da Sie vorhin den Namen des Kaisers erw?hnten, wird es die Herren interessieren, da? wieder eine Kundgebung vorliegt."
?Ich verbitte mir jede N?rgelei!" heischte Diederich. Der Redakteur duckte sich und legte die Hand auf die Brust. ?Es handelt sich um einen Brief des Kaisers."
?Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den Schreibtisch geflogen?" fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd die Hand vor sich hin. ?Er ist vom Kaiser selbst zur Ver?ffentlichung bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die Druckfahne!"
?Legen Sie los, Doktor", befahl der Major. Diederich rief: ?Wieso, Doktor? Sind Sie Doktor?" Aber man interessierte sich nur noch für den Brief, man entri? dem Redakteur den Zettel. ?Bravo!" rief Jadassohn, der noch ziemlich mühelos las. ?Seine Majest?t bekennt sich zum positiven Christentum." Pastor Zillich frohlockte so heftig, da? sich Schluckauf einstellte. ?Das ist was für Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher Wissenschaftler, huck, was ihm geh?rt. An die Offenbarungsfrage machen sie sich heran. Die versteh' ja ich kaum, huck, und ich hab' Theologie studiert!" Professor Kühnchen schwenkte die [pg 165]Bl?tter hoch in der Luft. ?Meine H?rn! Wenn 'ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als Aufsatzthema gebe, will'ch nicht mehr Kühnchen hee?en!"
Diederich war tiefernst. ?Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich m?chte mal sehen, wer das leugnet!" Und er blitzte umher. Nothgroschen krümmte die Schultern. ?Na, und Kaiser Wilhelm der Gro?e!" fuhr Diederich fort. ?Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug Gottes war, dann wei? Gott überhaupt nicht, was 'n Werkzeug ist!"
?Ganz meine Meinung", versicherte der Major. Glücklicherweise widersprach auch sonst niemand, denn Diederich war zum ?u?ersten entschlossen. An den Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. ?Aber unser herrlicher junger Kaiser?" fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete es: ?Pers?nlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker." Diederich war nicht befriedigt.
?Ich beantrage, da? er auch ein Werkzeug ist!"
Es ward angenommen.
?Und ich beantrage ferner, da? wir Seine Majest?t von unserem Beschlu? telegraphisch in Kenntnis setzen!"
?Ich befürworte den Antrag!" brüllte der Major. Diederich stellte fest: ?Einmütige begeisterte Annahme!" und fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.
?Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –"
?Tagende Versammlung", forderte Diederich. Sie fuhren fort:
?Versammlung national gesinnter M?nner –"
?National, huck, und christlich", erg?nzte Pastor Zillich.
[pg 166] ?Aber wollen die Herren denn wirklich?" fragte Nothgroschen, leise flehend. ?Ich dachte, es sei ein Scherz."
Da ward Diederich zornig.
?Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll Ihnen das wohl handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?"
Da Nothgroschens H?nde den vollkommensten Verzicht beteuerten, war Diederich sofort wieder ruhig und sagte: ?Prost!" Dagegen schrie der Major, als sollte er platzen. ?Wir sind die Herren, auf die Seine Majest?t sich verlassen kann!" Jadassohn bat um Ruhe und er las.
?Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich gesinnter M?nner entbietet Eurer Majest?t ihre einmütige begeisterte Huldigung angesichts von Eurer Majest?t erhebendem Bekenntnis einer geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Best?tigung, da? Eure Majest?t nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Gro?e das Werkzeug Gottes ist." Man klatschte, und Jadassohn l?chelte geschmeichelt.
?Unterschreiben!" rief der Major. ?Oder hat einer der Herren noch etwas zu bemerken?" Nothgroschen r?usperte sich. ?Nur ein einziges Wort, mit aller gebührenden Bescheidenheit."
?Das m?chte ich mir ausbitten", sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.
?Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab' mir sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schie?en da."
?Na also."
[pg 167] ?Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?"
?Selbstverst?ndlich! Fall Lück!"
?Pr?zedenzf?lle – hihi – sind ganz sch?n, aber wir wissen doch alle, da? der Kaiser ein origineller Denker und – hihi – impulsiv ist. Er l??t sich nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, da? Sie, Herr Doktor He?ling, Minister werden sollen, dann – hihi – werden Sie es gerade nicht."
?Jüdische Verdrehungen!" rief Jadassohn. Der Redakteur entrüstete sich. ?Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir 'reingefallen."
Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der Hand. Diederich ergriff ihn. ?Sind wir nationale M?nner?" Und er unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte gleich als Zweiter drankommen.
?Aufs Telegraphenamt!"
Diederich gab Auftrag, da? die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender Hoffnungen. ?Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu Scherl!"
Der Major brüllte: ?Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange Wohlt?tigkeitsfeste arrangiere!"
Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken und Heuteufel von der Menge gesteinigt. Kühnchen schw?rmte von Blutb?dern in den Stra?en von Netzig. Jadassohn kr?hte: ?Erlaubt sich vielleicht jemand einen Zweifel an meiner Kaisertreue?" Und Diederich: ?Der alte Buck soll sich hüten! Klüsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!"
[pg 168] Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal scho? einer unvermutet ein Stück vorw?rts. Mit ihren St?cken strichen sie tosend über die herabgelassenen Roll?den, und im Takt voneinander unabh?ngig sangen sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann, aber zu seinem Glück rührte er sich nicht. ?Wollen Sie vielleicht etwas, M?nneken?" rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. ?Wir telegraphieren an den Kaiser!" Vor dem Postgeb?ude ward Pastor Zillich, der den schw?chsten Magen hatte, von einem Unglück betroffen. Indes die anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte, betrachtete er Diederich z?gernd – aber Diederich blitzte ihn so furchtbar an, da? er zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche überbrachte. Diederich fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den S?bel an seiner Seite und sagte: ?Ich bin sehr stark!" Der Telegraphist hielt es für eine Reklamation und z?hlte ihm das kleine Geld nochmals vor. Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.
Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und winkte weinend aus dem Fenster, als sei es für ewig. Jadassohn bog beim Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung sei doch ganz woanders. Pl?tzlich war dann auch der Major fort, und Diederich gelangte mit Nothgroschen [pg 169]allein in die Lutherstra?e. Vor dem Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in der Nacht wollte er das ?elektrische Wunder" sehen, eine Dame, die dort Feuer sprühen sollte. Diederich mu?te ihm ernstlich vorhalten, da? dies nicht die Stunde für solche Frivolit?ten sei. übrigens verga? Nothgroschen das ?elektrische Wunder", sobald er das Haus der ?Netziger Zeitung" erblickte. ?Aufhalten!" schrie er. ?Die Maschine aufhalten! Das Telegramm der nationalen M?nner mu? noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh in der Zeitung lesen", sagte er zu einem vorübergehenden Nachtw?chter. Da packte Diederich ihn fest am Arm.
?Nicht nur dieses Telegramm", sagte er, kurz und leise. ?Ich habe noch ein anderes." Er zog ein Papier aus der Tasche. ?Der Nachttelegraphist ist ein alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. über diese Herkunft werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann w?re sonst in seiner Stellung bedroht."
Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier dabei anzusehen:
?Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum Gefreiten.... überzeugen Sie sich" – und Diederich reichte dem Redakteur das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.
?Jetzt glaubte ich fast –" stammelte Nothgroschen. ?Sie haben so viel ?hnlichkeit mit – mit –."
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