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Der Pilger Kamanita

Der Pilger Kamanita

Author: : Karl Adolph Gjellerup
Genre: Literature
Der Pilger Kamanita by Karl Adolph Gjellerup

Chapter 1 DER ERHABENE BEGRüSST DIE STADT DER FüNF HüGEL

inst wanderte der Buddha im Lande Magadha von Ort zu Ort und kam nach Rajagaha. Der Tag ging schon zur Neige, als der Erhabene sich der Stadt der fünf Hügel n?herte. Gleich dem Abglanz einer segnenden G?tterhand breiteten sich die milden Strahlen der Sonne über die weite, mit grünen Reisfeldern und Wiesen bedeckte Ebene. Hier und dort zeigten kleine an der Erde hinkriechende W?lkchen, wie aus reinstem Goldstaube, da? Menschen und Ochsen von der Feldarbeit heimkehrten; und die langgestreckten Schatten der Baumgruppen waren wie von einer regenbogenfarbigen Glorie umgeben.

Aus dem Kranze der blühenden G?rten gl?nzten die Torzinnen, Terrassen, Kuppeln und Türme der Hauptstadt hervor, und in unvergleichlichem Farbenschmelz, als w?ren sie aus Topasen, Amethysten und Opalen gebildet, lag die Reihe der Felsenhügel da.

Von diesem Anblick ergriffen, blieb der Erhabene stehen. Mit Freuden begrüsste er jene vertrauten Formen, die so manche Erinnerungen für ihn bargen: das graue Horn, das breite Joch, den Seherfelsen und den Geierkulm, "dessen sch?ner Gipfel die andern wie ein Dach überragt";--vor allen aber Vibhara, den Berg der heissen Quellen, der mit seiner H?hle des Sattapannibaumes dem Heimatlosen eine erste Heimat bereitet hatte--die erste Rast auf dem letzten Wege vom Sansara ins Nirvana.

Denn als er damals "noch in frischer Blüte, mit gl?nzendem, dunklem Haar, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch seiner weinenden und klagenden Eltern" das fürstliche Vaterhaus im n?rdlichen Lande der Sakyer verlassen und seine Schritte nach dem Gangatal gerichtet hatte, da g?nnte er sich erst dort einen l?ngeren Aufenthalt, indem er jeden Morgen um Almosenspeise nach Rajagaha ging. In jener H?hle hatte ihn auch damals der K?nig von Magadha, Bimbisara, besucht und ihn vergebens beschworen, ins Elternhaus und ins Weltleben zurückzukehren, bis der Fürst, durch die Worte des jungen Asketen umgestimmt, das erste Vertrauen fasste, das ihn sp?ter zum Anh?nger des Buddha machte.

Lange Zeit war seitdem verflossen--ein halbes Jahrhundert, in dem er nicht nur seinen eigenen Lebenslauf, sondern den Lauf der Welt gewendet hatte. Welcher Unterschied zwischen damals, als er drüben in der H?hle des Sattapannibaumes weilte, und jetzt! Damals war er noch ein Suchender, ein nach der Erl?sung Ringender: schreckliche Seelenk?mpfe standen ihm noch bevor, jahrelange, ebenso furchtbare wie fruchtlose Kasteiungen, bei deren Schilderungen selbst dem Beherztesten seiner Zuh?rer sich die Haare vor Entsetzen str?ubten;--bis er dann endlich, nach v?lliger überwindung solcher Schmerzensaskese, durch inbrünstige Selbstvertiefung die Erleuchtung errang und zum Heil der Wesen als ein allerh?chster, vollendeter Buddha aus dem Kampfe hervorging.

Damals ?hnelte sein Leben einem unst?ten Vormittag in der Regenzeit, wo blendender Sonnenschein und tiefe Schatten wechseln, w?hrend der Monsun die Wolken immer h?her aufeinander türmt, und das t?dlich drohende Gewitter immer n?her grollt. Jetzt aber war es von demselben abendlichen, heiteren Frieden erfüllt, der über dieser Landschaft ruhte, und der immer tiefer und verkl?rter zu werden schien, je mehr der Sonnenball sich dem Horizonte n?herte. Auch die Sonne seines Lebenstages neigte sich ja dem Untergange zu. Sein Werk war vollbracht. Das Reich der Wahrheit war fest begründet, die Heilslehre der Menschheit verkündet; viele wandel- und wissensbew?hrte M?nche und Nonnen und Laien-Anh?nger beiderlei Geschlechts waren f?hig, dieses Reich zu schützen, diese Lehre aufrechtzuerhalten und weiterzuverbreiten. Und schon stand nach den Erw?gungen dieses Tages, den er mit einsamer Wanderung zugebracht hatte, die Erkenntnis in seinem Herzen fest: gar bald wird es für mich Zeit sein, auf immer diese Welt zu verlassen, aus der ich mich selber und alle, die mir folgen, erl?st habe, und in die Ruhe Nirvanas einzugehen.--

Und die Gegend mit wehmütigem Gefallen überblickend, sprach der Erhabene bei sich selber:

"Lieblich fürwahr ist Rajagaha, die Stadt der fünf Hügel, reizend sind ihre Umgebungen! Reich gesegnet sind die Felder, herzerfreuend die baumbeschatteten, wasserblinkenden Auen, überaus anmutig die buschigen Felsenhügel.--Zum letzten Male sehe ich ja jetzt von diesem sch?nsten Punkte aus diese liebliche Gegend. Nur einmal noch, wenn ich weiterziehe und mich auf jenem Joche umwende, werde ich von drüben das liebliche Tal Rajagahas erblicken und dann nimmermehr."

In der Stadt ragten nur noch zwei Bauwerke goldig in das Sonnenlicht empor: der h?chste Turm des K?nigspalastes, von wo aus Bimbisara ihn zuerst ersp?ht hatte, als er, ein junger unbekannter Asket, seine Stra?e zog und durch seinen hohen Anstand die Aufmerksamkeit des Magadhak?nigs auf sich lenkte;--und der Kuppelaufsatz des Indratempels, in welchem damals, bevor sein Wort die Menschen von blutigem Aberglauben erl?st hatte, Tausende und Abertausende von unschuldigen Tieren j?hrlich dem Gott zu Ehren hingeschlachtet wurden. Nun tauchten auch die Turmzinnen erl?schend in das steigende Schattenmeer unter, und nur jener Kegel von goldenen, übereinandergespannten Sonnenschirmen,[1] der den Tempeldom kr?nte, glühte noch, gleichsam frei in der Luft schwebend, als ein Wahrzeichen der "K?nigsstadt"[2];--immer r?ter sprühte und funkelte er auf dem dunkelblauen Hintergrund von hochragenden Baumwipfeln. Und hier erblickte der Erhabene das immer noch ziemlich entfernte Ziel seiner Wanderung. Denn jene Baumwipfel waren die des Mangohaines jenseits der Stadt, der ihm von seinem Anh?nger Jivaka, dem Leibarzt des K?nigs, geschenkt worden war, und in welchem ein sch?nes Klostergeb?ude den M?nchen gesunde und bequeme Unterkunft gew?hrte.

[1] Der goldene Sonnenschirm ist das Emblem der K?nigswürde.

[2] Rajagaha (Sanskrit: Rajagriha) = K?nigsstadt, jetzt Rajgir, 10 Meilen süd?stlich von Patna.

Nach diesem Besitztum des Ordens hatte nun der Erhabene die ihn begleitenden M?nche--zweihundert an der Zahl--unter der Leitung seines Vetters und treuen Begleiters Ananda vorausgehen lassen, weil es ihn lockte, die Wonne einer einsamen Tageswanderung zu kosten. Und es war ihm bekannt, da? um die Zeit des Sonnenunterganges von Westen her ein Zug junger M?nche, geführt vom weisen Sariputta, dem gro?en Schüler, in dem Mangohain eintreffen würde. In seinem lebhaften, auf das Anschauliche gerichteten Geiste spielte sich nun das Schauspiel ab, wie die ankommenden M?nche mit den schon anwesenden sich freundlich begrü?ten, wie ihnen von jenen Sitz und Lagerstatt angewiesen, Mantel und Almosenschale abgenommen wurden, und wie dabei gro?er L?rm und lautes Geschrei entstand, als ob Fischer um die Beute rauften. Und ihm, der stille Betrachtung liebte und dem L?rm abhold war, wie der einsam wandernde L?we: ihm war gerade jetzt, nach der k?stlichen Ruhe der einsamen Wanderung und dem friedlichen Segen dieser Abendlandschaft, der Gedanke doppelt peinlich, in ein solches Treiben hineinzugeraten.

Und so entschlo? er sich im Weiterschreiten, nicht durch die Stadt nach seinem Mangohain zu gehen, sondern in dem ersten besten Hause des Vorortes, in dem er Unterkunft finden konnte, sein Nachtlager aufzuschlagen.

Unterdessen waren die goldigen Flammen des westlichen Himmels in brennende Oranget?ne verweht und diese wiederum in die feurigste Scharlachglut zerschmolzen. Ringsum leuchteten die Felder immer grüner und grüner, als ob die Erde ein Smaragd w?re, der von innen durchstrahlt würde. Aber schon umspann ein traumhaft violetter Dunst die Ferne, w?hrend eine fast übersinnliche Purpurflut--man wu?te nicht, ob Licht, ob Schatten--wie von überallher niedersinkend, emporsteigend und hereinstr?mend, den ganzen Raum durchwallte, Festes aufl?send und Loses sammelnd, Nahes fortschwemmend und Fernes heranflutend, Alles aber in Schwanken und flimmerndes Zittern versetzend....

Durch die Schritte des einsamen Wanderers emporgeschreckt, hakte ein fliegender Hund seine ledernen Flügel von dem Zweig eines schwarzen Salabaumes los und strich mit piepsendem Schrei durch die D?mmerung, um den Obstg?rten des dorf?hnlichen Vorortes einen Besuch abzustatten.

So war es Abend geworden, als der Erhabene diesen Vorort Rajagahas erreichte.

Chapter 2 DIE BEGEGNUNG

eim ersten Hause, dessen Wand bl?ulich zwischen den Gartenb?umen hervorschimmerte, gedachte der Erhabene vorzusprechen. Wie er sich nun aber der Tür n?hern wollte, wurde er ein Netz gewahr, das auf einen Ast geh?ngt war. Und der Erhabene schritt fürbass, das Haus des Vogelstellers verschm?hend.

An diesem ?u?eren Rande des Ortes waren die H?user sp?rlich verstreut, auch hatte dort unl?ngst eine Feuersbrunst gewütet, und so dauerte es denn eine Weile, bis er wieder an eine menschliche Wohnung kam. Es war dies das Geh?ft eines wohlhabenden Brahmanen. Der Erhabene war schon zum Tor hereingetreten, da h?rte er, wie drinnen die beiden Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten schreienden Stimmen sich zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen. Und der Erhabene wendete sich um, trat wieder zum Torwege hinaus und schritt fürba?.

Der Lustgarten jenes reichen Brahmanen erstreckte sich weithin den Weg entlang. Der Erhabene begann schon Müdigkeit zu spüren, und sein rechter Fu?, von einem scharfen Stein verletzt, schmerzte ihn im Weiterschreiten. So n?herte er sich endlich dem n?chsten Wohnhause, das schon von weitem sichtbar war; denn heller Lichtschimmer str?mte quer über den Weg durch das Gitter der Fensterl?den und die offenstehende Tür. W?re aber auch ein Blinder gekommen, so h?tte er doch das Haus bemerkt, denn übermütiges Lachen, Becherklang, Stampfen tanzender Fü?e und lieblich heitere T?ne der siebensaitigen Vina drangen ins Freie heraus; an den Türpfosten gelehnt aber stand ein sch?nes M?dchen in reichem Seidengewand und mit Jasmingewinden behangen. Lachend ihre vom Betelkauen roten Z?hne zeigend, lud sie den Wanderer ein: "Tritt herein, Fremder! Hier wohnt die Freude."

Und der Erhabene schritt fürba?, seines Wortes gedenkend: "Als Weinen gilt im Orden der Heiligen das Singen; als Tollsein gilt im Orden der Heiligen der Tanz; als kindisch gilt im Orden der Heiligen das Z?hnezeigen zur Unzeit, das Lachen: Genüg' euch in Wahrheit Entzückten das L?cheln des l?chelnden Blickes."

Das Nachbarhaus war nicht weit entfernt, aber der L?rm der Zecher und der Vinaspieler drang bis dahin, und so ging der Buddha weiter bis zum n?chsten Hause. Neben diesem waren aber zwei Metzgergesellen beim letzten Schimmer des Tageslichtes eifrig am Werk, eine soeben geschlachtete Kuh mit scharfen Messern zu zerlegen.

Und der Erhabene schritt an der Wohnung des Schl?chters vorüber.

Vor dem n?chsten Hause standen viele Schüsseln und N?pfe aus frischem Ton, die Ausbeute einer rechtschaffenen Tagesarbeit; unter einer Tamarinde befand sich das T?pferrad, und der Hafner l?ste gerade eine Schüssel davon ab und trug sie zu den anderen.

Der Erhabene trat zum Hafner hin, begrü?te ihn h?flich und sagte:

"Wenn es dir, Abk?mmling Bhagas, nicht ungelegen ist, bleibe ich über Nacht in deinem Vorsaale."

"Es ist mir, o Herr, nicht ungelegen. Doch ist soeben ein Pilger angekommen, müde von einer langen Wanderung. Und er hat schon sein Lager hier aufgeschlagen. Wenn es ihm recht ist, m?gest du bleiben, o Herr, nach Belieben."

Und der Erhabene überlegte sich: "Einsamkeit freilich ist der beste Gef?hrte. Aber dieser liebe Pilger ist hier sp?t angekommen, wie ich selber, müde von einer langen Wanderung. Und er ist an den H?usern unreiner, blutiger Gewerbe vorbeigegangen, ist an dem Hause des Zankes und des geh?ssigen Streits und an dem Hause des L?rms und der unwürdigen Freuden vorübergeschritten, um erst hier beim Hafner einzukehren. Mit einem solchen Manne zusammen kann man die Nacht verbringen."

So trat denn der Erhabene in die Vorhalle ein, wo er einen jungen Mann von edlen Gesichtszügen gewahr wurde, der in der einen Ecke auf einer Matte sa?.

"Wenn es dir, Pilger, nicht ungelegen ist," sprach der Erhabene zu ihm, "bleibe ich über Nacht hier im Vorsaale."

"Ger?umig, Bruder, ist der Vorsaal des Hafners; bleibe der Ehrwürdige nach Belieben."

Da breitete nun der Erhabene an der einen Wand die Strohmatte hin und setzte sich nieder, die Beine gekreuzt, den K?rper gerade aufgerichtet, in heiliges Sinnen versunken. Und der Erhabene brachte die ersten Stunden der Nacht sitzend zu. Und auch der junge Pilger brachte die ersten Stunden der Nacht sitzend zu.

Da gedachte denn der Erhabene bei sich: "Ob wohl dieser edle Sohn fr?hlich beflissen ist?--Wie, wenn ich ihn nun darum fragte?"

Und der Erhabene wandte sich also an den jungen Pilger:

"Weshalb, o Pilger, bist du in die Heimatlosigkeit gegangen?"

Der junge Pilger antwortete:

"Nur ein paar Nachtstunden sind vergangen. Wohlan, wenn mir der Ehrwürdige seine Aufmerksamkeit schenken will, werde ich erz?hlen, weshalb ich in die Heimatlosigkeit gegangen bin."

Der Erhabene gab durch freundliches Kopfnicken sein Einverst?ndnis zu erkennen, und der junge Pilger hub zu erz?hlen an.

Chapter 3 NACH DEM UFER DER GANGA

ch heisse Kamanita mit Namen und bin in Ujjeni geboren, einer weit im Süden gelegenen Stadt, im Lande Avanti, im Gebirge. Dort kam ich in einer begüterten, wenn auch nicht sehr vornehmen Kaufmannsfamilie zur Welt. Mein Vater lie? mir eine gute Erziehung zuteil werden, und als ich die Opferschnur anlegte, war ich schon ziemlich im Besitze der meisten Fertigkeiten, die sich für einen jungen Mann von Stand passen, so da? man allgemein glaubte, ich mü?te in Takkasila[1] erzogen worden sein.

Im Ringkampf und im Degenfechten war ich einer der ersten; ich hatte eine sch?ne, wohlgeübte Singstimme und verstand die Vina kunstreich zu schlagen; ich konnte alle Gedichte Bharatas und noch viele andere auswendig hersagen; mit den Geheimnissen der Metrik war ich aufs innigste vertraut, und verstand auch selber gefühlvolle und sinnreiche Verse zu schreiben. Im Zeichnen und Malen übertrafen mich nur Wenige, und meine Art Blumen zu streuen wurde allgemein bewundert. Gro? war mein Geschick im F?rben der Kristalle und meine Kenntnis von der Herkunft der Juwelen; keine Papageien oder Predigerkr?hen sprachen so gut wie diejenigen, die ich abgerichtet hatte. Auch verstand ich von Grund aus das vierundsechzigfeldige Brettspiel, das St?bchenspiel, das Bogenspiel und das Ballspiel in allen seinen Abarten, sowie allerlei R?tsel- und Blumenspiele. Und es wurde, o Fremder, eine sprichw?rtliche Redensart in Ujjeni: "Vielbef?higt wie der junge Kamanita."

[1] Das Oxford des alten Indien (in Pendschab gelegen).

Als ich zwanzig Jahre alt war, lie? mein Vater mich eines Tages rufen und sprach also zu mir:

"Mein Sohn, deine Erziehung ist jetzt vollendet, und es ist Zeit, da? du dich in der Welt umsiehst und dein Kaufmannsleben beginnst, auch habe ich dafür jetzt eine gute Gelegenheit gefunden. In diesen Tagen schickt unser K?nig eine Gesandtschaft an den K?nig Udena in Kosambi, weit von hier, im Norden. Dort habe ich aber einen Gastfreund Panada. Der hat mir l?ngst gesagt, in Kosambi w?re mit Produkten unseres Landes, besonders mit Bergkristallen und Sandelpulver, sowie mit unseren kunstvollen Rohrgeflechten und Weberwaren ein gutes Gesch?ft zu machen. Ich habe aber immer eine solche Gesch?ftsreise als ein gro?es Wagnis gescheut wegen der vielen Gefahren des Weges. Wer nun aber die Hin- und Herreise im Gefolge dieser Gesandtschaft macht, für den ist gar keine Gefahr vorhanden. Wohlan, mein Sohn, wir wollen auf den Lagerplatz gehen und uns die zw?lf Ochsenwagen und die Waren ansehen, die ich für deine Fahrt bestimmt habe; du wirst für unsere Produkte Musselin aus Benares und ausgesuchten Reis mit zurückbringen, und das wird, hoffe ich, ein glorreicher Anfang deiner kaufm?nnischen Laufbahn sein; auch wirst du Gelegenheit haben, fremde L?nder mit anderer Natur und anderen Sitten kennen zu lernen und unterwegs mit Hofleuten, M?nnern vom h?chsten Anstande und feinsten Betragen tagt?glich zu verkehren, was ich für einen hohen Gewinn erachte; denn ein Kaufherr mu? ein Weltmann sein."

Ich dankte meinem Vater unter Freudentr?nen, und schon wenige Tage danach nahm ich vom Elternhause Abschied.

Wie schlug mein Herz vor freudiger Erwartung, als ich inmitten dieses pr?chtigen Zuges, an der Spitze meiner Karren, zum Stadttor hinauszog und die weite Welt offen vor mir lag. Jeder Tag dieser Reise war mir wie ein Fest, und wenn abends die Lagerfeuer flammten, um Tiger und Panther zu verscheuchen, und ich im Kreise ?lterer und vornehmer M?nner an der Seite des Gesandten sa?, dünkte ich mich vollends im M?rchenland.

Durch den herrlichen Waldbereich Vedisas und über die sanften H?henzüge des Vindhyagebirges erreichten wir die ungeheure n?rdliche Ebene, wo eine ganz neue Welt sich mir er?ffnete; denn ich h?tte nie gedacht, da? die Erde so flach und so gro? sei. Und etwa einen Monat nach unserer Abreise sahen wir an einem herrlichen Abend, von einer palmengekr?nten Anh?he aus, zwei goldene B?nder, die sich dem Dunstkreise des Horizontes entwanden, das unendliche Grün durchzogen und sich allm?hlich einander n?herten, bis sie sich zu einem breiten Band vereinigten.

Eine Hand berührte meine Schulter.

Es war der Gesandte, der an mich herangetreten war.

"Da siehst du, Kamanita, die heilige Jamuna und die hochheilige Ganga, die dort vor unseren Augen ihre Fluten vereinigen."

Unwillkürlich erhob ich anbetend meine H?nde.

"Du tust recht, sie also zu grü?en," fuhr mein Beschützer fort. "Denn wenn die Ganga von dem G?ttersitz im n?rdlichen Schneegebirge kommt und gleichsam aus der Ewigkeit flutet, so kommt die Jamuna aus fernen Heldenzeiten, und ihre Fluten haben die Trümmer der Ilfenstadt[1] gespiegelt und jene Ebene bespült, wo die Panduinge und die Kuruinge um die Herrschaft rangen, wo Karna in seinem Zelte grollte, wo Krishna selber die Rosse Arjunas lenkte--doch ich brauche dich ja nicht daran zu erinnern, da du in den alten Heldenliedern wohl bewandert bist. Oft habe ich drüben auf jener spitzen Landzunge gestanden und gesehen, wie die blauen Wogen der Jamuna neben den gelben der Ganga dahinflossen, ohne sich mit ihnen zu vermischen, so wie die Kriegerkaste neben der Brahmanenkaste unvermischt besteht. Dann kam es mir vor, als ob ich mit dem Rauschen dieser blauen Fluten auch kriegerische Kl?nge vern?hme, Waffenget?se und H?rnerrufe, Wiehern von Rossen und Trompeten der Kampfilfen, und mein Herz schlug h?her, denn auch meine Ahnen waren ja dabei gewesen und der Sand Kurukschetras hatte ihr Heldenblut getrunken."

[1] Hastinapura = Elefantenstadt. Das Wort "Ilf" hat Adolph Holtzmann gepr?gt ("Indische Sagen" XXIX).

Voll Bewunderung blickte ich zu diesem Manne aus der Kriegerkaste empor, in dessen Familie solche Erinnerungen lebten.

Er aber fa?te mich an der Hand.

"Komm, mein Sohn, und begrü?e das Ziel deiner ersten Reise."

Und er führte mich nur wenige Schritte um ein dichtes Gebüsch herum, das bis jetzt die Aussicht nach Osten verdeckt hatte.

Als diese sich nun pl?tzlich ?ffnete, stie? ich unwillkürlich einen Schrei der Bewunderung aus.

Dort--an einer Biegung der breiten Ganga--lag eine gro?e Stadt: Kosambi.

Mit ihren Mauern und Türmen, ihrer aufsteigenden H?usermasse, ihren Terrassen, ihren Quais und Ghats[1] sah sie, von der untergehenden Sonne beleuchtet, wahrlich aus, als w?re sie ganz und gar aus rotem Gold gebaut--so wie es ja Benares war, bis die Sünden der Einwohner es in Stein und M?rtel verwandelten;--die wirklich goldenen Kuppeln aber gl?nzten wie ebensoviele Sonnen. Oben von den Tempelh?fen stiegen dunkle, rotbraune Rauchs?ulen, von den Leichenverbrennungsst?tten am Ufer solche von hellblauer Farbe, kerzengerade in die H?he, und, gleichsam von ihnen getragen, schwebte baldachinartig über dem Ganzen ein Schleier wie aus den zartesten Perlmuttert?nen gewoben, w?hrend dahinter alle Farben, die da brennen und leuchten k?nnen, über den Himmel ausgegossen durcheinander glühten. Auf dem heiligen Strom, der diesen Glanz widerspiegelte, schaukelten unz?hlige Boote mit bunten Segeln und Wimpeln, und trotz der Entfernung sah man, wie die breiten Treppen der Ghats von Leuten wimmelten, w?hrend viele schon unten in den glitzernden Wellen pl?tscherten. Ein fr?hliches Ger?usch, wie das Summen eines Bienenkorbes, drang von Zeit zu Zeit zu uns herauf.

[1] Landungsplatz mit prachtvollen Freitreppen für Badende--gew?hnlich von Vorsprüngen und Kiosken unterbrochen und durch einen monumentalen Torbau abgeschlossen.

Du kannst dir denken, da? ich eher eine Stadt der dreiunddrei?ig G?tter als eine der Menschen zu sehen vermeinte, wie denn überhaupt das Gangatal mit seinem üppigen Reichtum uns Bergbewohnern wie das Paradies vorkam. Und für mich sollte ja auch hier das Paradies auf Erden sich zeigen.

Noch in derselben Nacht schlief ich unter dem wirtlichen Dache Panadas, des Gastfreundes meines Vaters. Früh am folgenden Tage eilte ich aber zum n?chsten Ghat und stieg mit unbeschreiblichen Gefühlen in die heiligen Wogen, um nicht nur den Reisestaub, sondern auch meine Sünden abzuspülen. Diese waren infolge meiner Jugend ja nur gering; ich füllte aber eine gro?e Flasche mit dem Gangawasser, um sie meinem Vater mitzubringen. Sie ist jedoch, wie du erfahren wirst, leider nie in seinen Besitz gekommen.

Der edle Panada, ein Greis von ehrwürdigstem Aussehen, führte mich nun nach den Kaufhallen, und durch seine freundliche Hilfe gelang es mir, im Verlaufe der folgenden Tage meine Waren vorteilhaft zu verkaufen und eine überreiche Menge von den bei uns sehr gesch?tzten Produkten der n?rdlichen Ebene einzukaufen.

Dies mein Gesch?ft war glücklich zu Ende gebracht, bevor die Gesandtschaft noch daran dachte, sich zur Abreise zu rüsten, was mich keineswegs verdro?; denn ich hatte nun volle Freiheit, mir die Stadt anzusehen und ihre Vergnügungen zu genie?en, was ich in der Gesellschaft Somadattas, des Sohnes meines Wirtes, in ausgiebigstem Ma?e tat.

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