Ihre Herrlichkeiten.
Ohne sein gewohntes vornehmes Auftreten zu verleugnen, nahm Lord Piborne verschiedene, auf seinem Tische liegende Papiere auf, ordnete die da und dort verstreuten Zeitungsbl?tter, durchsuchte die Taschen seines goldgelben Plüschschlafrocks, durchwühlte auch die seines stahlgrauen Ueberziehers, der über der Lehne eines Armstuhles hing, und wendete sich dann zurück, w?hrend ein kaum bemerkbares Runzeln der Augenbrauen an seiner Stirn sichtbar wurde.
In dieser hocharistokratischen Weise und ohne sonstige Ver?nderung der Gesichtszüge pflegte Seine Herrlichkeit stets auch dem lebhafteren Unbehagen Ausdruck zu geben.
Eine leichte Neigung des Oberk?rpers deutete darauf hin, da? er sich sogar einmal bücken wollte, um einen Blick unter den von einer gro?en, schwer befranzten Decke verhüllten Tisch zu werfen. Davon kam er jedoch zurück und ?geruhte? auf den Knopf einer Klingel zur Seite des Kamins zu drücken.
Fast augenblicklich erschien John, der Kammerdiener, auf der Thürschwelle des Gemaches und blieb hier regungslos stehen.
?Sieh nach, ob mein Portefeuille hier unter den Tisch gefallen ist,? sagte Lord Piborne.
John bückte sich nieder, hob die faltenreiche Decke etwas in die H?he und richtete sich mit leeren H?nden wieder auf.
Das Portefeuille Seiner Herrlichkeit fand sich an dem bezeichneten Platze nicht.
Ein zweites leichtes Stirnrunzeln des Lord Piborne.
?Wo ist Lady Piborne? fragte er.
– In ihren Gem?chern, antwortete der Kammerdiener.
– Und der Graf Ashton?
– Er lustwandelt im Parke.
– Melde Ihrer Herrlichkeit der Lady Piborne meine Empfehlung und sage ihr, ich wünsche die Ehre zu haben, sie baldm?glichst zu sprechen.?
John machte steif auf der Stelle Kehrt – ein stielgerechter Lakei hat sich im Dienste nicht zu verneigen – und verlie? streng abgemessenen Schrittes das Cabinet, um die Befehle seines Herrn auszuführen.
Seine Herrlichkeit Lord Piborne z?hlt fünfzig Jahre – fünfzig Jahre, die seiner mehrere hundert Jahre alten und von keinem Versto? gegen die Ehre des Adels, von keiner Mi?heirat befleckten Familie hinzuzurechnen waren. Ein hervorragendes Mitglied des englischen Oberhauses, bedauert er in gutem Glauben das Aufh?ren vieler alten Privilegien der Feudalzeit, die sch?ne Zeit der Lehen, Renten, der Allodialgüter und Dom?nen, der Macht pers?nlichen Gerichtsstandes, deren sich seine Ahnen erfreuten, und der tiefen Ehrerbietung, die diesen jeder Lehensmann ohne Z?gern entgegenbrachte. Alles, was nicht von einer, der seinigen ebenbürtigen Herkunft ist, was sich eines so alten Stammbaumes nicht rühmen kann, steht für ihn auf der Stufe des Bauers, des Bürgers, wenn nicht gar des Leibeignen oder Sclaven. Er ist Marquis, sein Sohn folglich Graf. Baronetts, Ritter und andre niedre Adelige haben seiner Auffassung nach kaum das Recht, in den Vorzimmern der wirklich vornehmen Welt zu erscheinen. Gro?, hager, das Gesicht glatt rasiert, die Augen wie erloschen, so sehr sind sie gew?hnt, Mi?achtung auszudrücken, im Sprechen karg und trocken, repr?sentiert Lord Piborne den Typus jener hochmüthigen Edelleute, die sich in den Hüllen bestaubter Pergamente vergraben und die – glücklicher Weise – selbst in dem aristokratischen K?nigreiche Gro?britannien und Irland jetzt auf den Aussterbeetat gesetzt scheinen.
Hierzu ist nachzutragen, da? der Marquis englischer Abstammung ist und da? er keine Mesalliance einging, als er die Marquise, die schottischer Herkunft ist, zum Altare führte. Ihre Herrlichkeiten waren ganz für einander geschaffen, beide fest entschlossen, niemals von ihrem hohen Sitze herabzusteigen, und wahrscheinlich auserlesen, eine noch h?her steigende Nachkommenschaft zu hinterlassen. Sie bildeten sich ohne Zweifel ein, da? Gott dereinst erst Handschuhe anlegen würde, um sie in seinem Paradiese nach Gebühr zu empfangen.
Die Thür ?ffnete sich, und als h?tte es sich um den Eintritt einer hohen Dame in einen Empfangssalon gehandelt, meldete der Kammerdiener:
?Ihre Herrlichkeit Lady Piborne.?
Die Marquise – eine reife Vierzigerin – gro?, hager, eckig, die Haare von breitem Stirnband gehalten, die Lippen dünn, die Nase aristokratisch adlerartig, die Taille schlank und die Schultern abstehend – war gewi? niemals sch?n gewesen; was aber die Vornehmheit der Haltung und des Benehmens, die Uebereinstimmung in Traditionen und Privilegien anging, h?tte Lord Piborne gewi? keine bessere Gemahlin finden k?nnen.
John rollte einen wappengeschmückten Lehnstuhl heran, worauf die Marquise sich niederlie?, und zog sich lautlos zurück.
Der vornehme Gemahl richtete das Wort an die Dame.
?Sie werden verzeihen, Marquise, da? ich Sie ersuchen lassen mu?te, Ihre Gem?cher zu verlassen, um mir die Gunst einer Besprechung in meinem Cabinet zu gew?hren.?
Es braucht nicht Wunder zu nehmen, da? ihre Herrlichkeiten, selbst in privater Unterhaltung, so schwulstige Phrasen drechselten. Das geh?rt hier einmal zum guten Ton. Und übrigens waren beide noch in der ?Puder- und Perrückenschule? der früheren Gentry aufgewachsen. Nie h?tten sie sich zu der Vertraulichkeit des landl?ufigen Geplauders herabgelassen, das Dickens im Scherze ?Perrucobalivernage? genannt hat.
?Ich stehe zu Ihrem Befehl, Marquis, erwiderte Lady Piborne. Welche Frage h?tten Sie an mich zu richten?
– Ich m?chte, Marquise, Sie ersuchen, mir mit Ihrem Ged?chtni? zu Hilfe zu kommen.
– Ich h?re.
– Sind wir nicht gestern gegen drei Uhr nachmittags hier vom Schlosse weg nach Newmarket und zu unserm Attorney, Herrn Laird, gefahren??
Der Attorney ist der bevollm?chtigte Rechtsanwalt, der seinen Auftraggeber bei den Civilgerichten des Vereinigten K?nigreiches vertritt.
?Gewi?... gestern... Nachmittag, antwortete Lady Piborne.
– Erinnere ich mich recht, so hat Graf Ashton, unser Sohn, uns im Wagen begleitet?
– Ganz recht, Marquis, er nahm einen Platz auf dem Vordersitze ein.
– Die beiden Lakeien standen doch hinter uns auf dem Wagen?
– Ja wohl, wie das ihre Pflicht ist.
– Gut denn, antwortete Lord Piborne, der seine Uebereinstimmung durch eine leichte Kopfbewegung zu erkennen gab, dann, Marquise, erinnern Sie sich wohl auch, da? ich ein Portefeuille bei mir führte, das die Papiere betreffs des Rechtsstreites enthielt, der uns mit dem Kirchspiele bevorsteht?
– Jenes ungerechten Processes, den man die Kühnheit, die Unversch?mtheit hat, uns aufzun?thigen! setzte Lady Piborne mit bezeichnender Geberde hinzu.
– Dieses Portefeuille, fuhr Lord Piborne fort, enthielt nicht allein sehr wichtige Documente, sondern auch eine Summe von hundert Pfund in Banknoten, die für unsern Sachwalter bestimmt war.
– Sie erinnern sich an alles ganz genau, Marquis.
– Sie wissen auch, Marquise, wie alles zugegangen ist. Wir sind in Newmarket angekommen, ohne die Kalesche verlassen zu haben. Laird hat uns an der Schwelle seines Hauses empfangen. Ich zeigte ihm sofort die Schriftstücke und erbot mich, das Geld bei ihm zu deponieren. Er hat darauf geantwortet, da? er für jetzt weder des einen noch des andern bedürfe, unter dem Hinzufügen, da? er selbst nach dem Schlosse kommen werde, wenn es Zeit sei, gegen die Anma?ungen des Kirchspiels aufzutreten.
– Gegen die schm?hlichen Anma?ungen, die früher als Attentate auf die grundherrlichen Rechte betrachtet und bestraft worden w?ren...?
Hiermit sprach die Marquise nur eine Auffassung aus, der der Marquis in ihrem Beisein oft ganz gleichlautenden Ausdruck gegeben hatte.
?Daraus ergiebt sich, nahm Seine Herrlichkeit wieder das Wort, da? ich mein Portefeuille behalten habe, da? wir bald wieder in den Wagen gestiegen sind und das Schlo? gegen sieben Uhr, als es bereits zu dunkeln anfing, erreicht haben.?
Der Abend war finster gewesen, denn der Vorgang fiel noch in die letzte Aprilwoche.
?Jenes Portefeuille nun, berichtete der Marquis weiter, das ich bestimmt in die rechte Brusttasche meines Pelzes gesteckt habe, kann ich nun nicht mehr finden.
– Vielleicht haben Sie es bei der Heimkehr auf den Tisch Ihres Cabinets gelegt?
– Das vermuthete ich auch, Marquise, habe aber vergeblich unter meinen Papieren danach gesucht.
– Seit gestern ist doch niemand hierher gekommen?
– Doch... John... mein Kammerdiener... dem kann ich aber vertrauen...
– Es ist immer klug, die Leute im Verdacht zu haben, erwiderte Lady Piborne.
– Uebrigens w?r' es m?glich, fuhr der Marquis fort, da? mein Portefeuille hinter ein Kissen in der Kalesche geglitten w?re.
– Das mü?te einer der Lakeien entdeckt haben, und wenn er die hundert Pfund Sterling nicht für eine gute Prise ansah...
– Ach, die hundert Pfund, unterbrach sie Lord Piborne, von denen will ich nicht viel reden; doch die Familienpapiere, die unsre Rechte gegenüber dem Kirchspiel nachweisen...
– Gegenüber dem Kirchspiel, pah!? sagte Lady Piborne.
Man h?rte es, da? das Herrenhaus aus ihrem Munde sprach und da? sie die Insassen des Kirchspiels als untergeordnete Vasallen ansah, deren Ansprüche ebenso bedauernswerth, wie respectwidrig waren.
?Wenn wir nun, aller Gerechtigkeit zum Hohne, fuhr sie fort, diesen Proce? verlieren sollten...
– Und wir verlieren ihn ganz sicher, erkl?rte Lord Piborne, wenn wir jene wichtigen Acten nicht vorzulegen im Stande sind...
– So würde das Kirchspiel in Besitz der hundert Acres Wald kommen, die an den Park grenzen und seit den Plantagenets zur Dom?ne der Piborne geh?rt haben?
– Ja, Marquise.
– Das w?re abscheulich!
– Abscheulich, wie alles, was den Feudalbesitz in Irland antastet, jene Ansprüche der Home-rulers, die Ueberlassung des Grund und Bodens als Eigenthum des Bauern, die ganze Erhebung gegen den Landlordismus!... O, wir leben in einer seltsamen Zeit! Wenn der Lordlieutenant nicht bald Ordnung schafft, indem er die R?delsführer der Landliga aufknüpfen l??t, wei? ich nicht... oder wei? ich vielmehr nur zu gut, wie das enden wird... ?
Da ?ffnete sich die Thür des Cabinets, auf deren Schwelle ein junger Mann erschien.
?Ah, Sie sind es, Graf Ashton?? unterbrach sich Lord Piborne.
Der Marquis und die Marquise h?tten es niemals vers?umt, ihrem Sohne diesen Titel zu geben, der alle von seiner Geburt ihm auferlegten Pflichten h?tte zu vernachl?ssigen gefürchtet, wenn er darauf nicht antwortete:
?Ich wünsche Ihnen guten Tag, Mylord, mein Vater!?
Dann trat er auf Milady, seine Mutter, zu, der er würdevoll die Hand kü?te.
Der junge Gentleman von vierzehn Jahren hatte ein regelm??iges, doch recht ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge gewi? auch sp?ter an Lebhaftigkeit und Intelligenz nicht gewannen. Er war ja der natürliche Abkomme eines Marquis und einer Marquise, die sich, gut zwei Jahrhunderte hinter ihrer Zeit zurückgeblieben, jedem Fortschritte des modernen Lebens abhold erwiesen – zwei Typen aus der Periode der Cromwell, waschechte, unbelehrbare Tories alten Schlages. Der Instinct der Rasse bewirkte schon, da? dieser Knabe sich etiquettengerecht verhielt, da? er Graf blieb vom Scheitel bis zu den Zehen, obwohl ihn die Marquise sehr verw?hnt hatte und die Dienerschaft des Schlosses ?abgerichtet? war, sich allen seinen Launen zu fügen. So besa? er keine, der für dieses Alter charakteristischen Eigenschaften, weder die ungebundene Beweglichkeit des K?rpers, noch die W?rme des Herzens oder den Enthusiasmus der Jugend.
Es war so ein junger Herr, der in allen, die ihm nahe kamen, nur tief unter ihm Stehende sah, dem das Mitgefühl für die Armuth abging, der zwar in allen Zweigen des Sports – dem Reiten, Jagen, Wettrennen, dem Croquett und Lawn-Tennis – schon recht bewandert, sonst aber erschreckend unwissend war, trotz des halben Dutzends von Hauslehrern, die sich vergeblich mit ihm abgemüht hatten.
Die Zahl solcher jungen Gentlemen von hoher Geburt, die trotz ihrer Distinguirtheit sp?ter als kl?gliche Schwachk?pfe durchs Leben wandern, zeigt zwar entschieden Neigung zur Abnahme. Noch giebt es deren aber genug, und der Graf Ashton Piborne geh?rte unzweifelhaft zu dieser Sorte.
Er h?rte jetzt von dem Verluste des Portefeuilles und erinnerte sich, da? Mylord, sein Vater, dasselbe in der Hand gehabt hatte, als er aus dem Hause des Sachverwalters zurückkam, und da? er es bei der Abfahrt von Newmarket nicht in die Tasche gesteckt, sondern hinter sich auf den Wagensitz gelegt habe.
?Sind Sie Ihrer Sache sicher, Graf Ashton? fragte die Marquise.
– Ja, Milady, und ich glaube nicht, da? das Portefeuille habe aus dem Wagen fallen k?nnen.
– Dann h?tte es sich also, meinte Lord Piborne, noch darin befinden müssen, als wir am Schlosse wieder eintrafen.
– Und man kommt zu dem Schlusse, da? es einer der Diener unterschlagen hat,? setzte Lady Piborne hinzu.
Dieser Ansicht war natürlich auch Graf Ashton. Er hatte gar kein Vertrauen zu solchen ?Kerlen?, die immer spionieren, wenn sie nicht gar stehlen – und beides meist zusammen thun – die man das Recht haben sollte, wie einst die Leibeigenen Gro?britanniens, nach Belieben auszupeitschen. Woher er etwas von ?Leibeignen in Gro?britannien? geh?rt hatte, das mochte der Himmel wissen. Er beklagte nur, da? der Marquis und die Marquise ihm keinen eignen Kammerdiener oder wenigstens einen Groom zugetheilt hatten, der würde schon die Hand des Herren zu fühlen bekommen haben u. s. w.
Das hie? rein herausgesprochen, und um eine solche Sprache zu führen, mu?te man das blaue Blut der Piborne in den Adern haben.
Die Verhandlung lief also darauf hinaus, da? das Portefeuille gestohlen, und zwar von einem der Diener gestohlen sein werde, da? darüber eine Untersuchung angestellt und jeder, auf dem der geringste Verdacht haften bleibe, sofort der Polizei überwiesen werden müsse, da dem Lord Piborne das Recht der hohen und niedern Gerichtsbarkeit abging.
Der Graf Ashton drückte also auf den Knopf der Klingel, und wenige Augenblicke sp?ter erschien der Schlo?verwalter vor ihren Herrlichkeiten.
Dieser Herr Scarlett, der Intendant des Lord Piborne, war der richtige Scheinheilige, eine schmeichlerische, katzenbuckelnde Pers?nlichkeit, der immer den grundehrlichen Mann spielte und von der Dienerschaft des Hauses bestens geha?t wurde, da er seine Untergebenen zwar ohne Aufbrausen und Anma?ung, doch im Grunde schlecht behandelte.
Vor dem Marquis, der Marquise und dem Grafen Ashton erschien er die Unterwürfigkeit selbst, wie der niedrigste Kirchendiener vor dem ersten Geistlichen einer Parochie.
Jetzt erz?hlte man ihm den Vorfall. Das Portefeuille war ohne Zweifel auf ein Sitzpolster im Wagen gelegt worden, wo es sich doch h?tte wiederfinden müssen.
Das war auch die Meinung Scarlett's, schon weil es die des Lord und der Lady Piborne war. Bei der Rückkehr des Wagens hatte er, der sich in respectvoller Entfernung von dessen Thür hielt, bei der Dunkelheit natürlich nicht sehen k?nnen, ob das Portefeuille an der vom Marquis bezeichneten Stelle lag.
Wenn Scarlett auch der Gedanken kam, die Brieftasche h?tte auf die Landstra?e hinaus gefallen sein k?nnen, so hütete er sich doch, das auszusprechen, da auf den Lord Piborne damit der Vorwurf der Unachtsamkeit gefallen w?re; er begnügte sich vielmehr mit der Bemerkung, da? das Portefeuille selbstverst?ndlich hochwichtige Schriftstücke enthalten haben werde, und zwar schon deshalb, weil es die Ehre hatte, einer so vornehmen, wichtigen Pers?nlichkeit, wie dem Schlo?herrn, zu geh?ren.
?Es liegt auf der Hand, versicherte dieser, da? hier eine Fundunterschlagung stattgefunden hat...
– Sagen wir gleich: ein Diebstahl, wenn Eure Herrlichkeit gestatten.
– Jawohl, ein Diebstahl, Herr Scarlett, und zwar einer, bei dem es sich nicht allein um eine nicht unbetr?chtliche Geldsumme, sondern auch um Schriftstücke handelt, die alte Rechte unsrer Familie gegenüber dem Kirchspiele nachweisen.?
Wer die Physiognomie des Verwalters nicht gesehen hat, bei dem Gedanken, da? das Kirchspiel sich unterfange, überhaupt ein Recht gegen das vornehme Haus der Piborne geltend zu manchen – eine Unversch?mtheit, die zur Zeit, wo Familienprivilegien noch geachtet wurden, ganz unm?glich gewesen w?re – nein, wer die Indignation des Herrn Scarlett nicht beobachtet hat, das Zittern seiner halb zum Himmel erhobnen H?nde und seine auf die Erde gesenkten Blicke, der vermag sich gar keine Vorstellung zu machen, bis zu welchem Grade so ein Mucker seine heuchlerischen Grimassen zu vervollkommnen vermag.
?Doch wenn ein Diebstahl ausgeführt worden ist... sagte er endlich.
– Wie... nur wenn er ausgeführt worden w?re? fiel die Marquise n?selnden Tones ein.
– Verzeihen Ihre Herrlichkeit, beeilte sich der Verwalter hinzuzusetzen, ich wollte sagen, da ein solcher vorliegt, so kann er ja nur...
– Durch einen unsrer Leute begangen worden sein! fiel ihm Graf Ashton ins Wort und fuchtelte dazu, ganz nach Feudalherrenart, mit der in der Hand gehaltenen Reitgerte.
– Herr Scarlett, nahm Lord Piborne wieder das Wort, wird untersuchen, den oder die Schuldigen zu entdecken und mittelst Affidavits[1] die Intervention des Gerichtes herbeizuführen, da es einem nicht einmal mehr auf eignem Grund und Boden gestattet ist, selbst Gerechtigkeit zu üben.
– Und wenn meine Ermittelungen zu keinem Ziele führen, fragte der Verwalter, was gedenken Eure Herrlichkeit dann zu thun?
– Dann wird die gesammte Dienerschaft verabschiedet, Herr Scarlett; h?ren Sie? Alle Leute!?
Nach dieser Entscheidung zog sich der Verwalter zurück, worauf auch die Marquise wieder ihre Gem?cher aufsuchte und der Graf Ashton sich zu seinen Hunden im Park zurückbegab.
Scarlett mu?te sich sofort mit der ihm übertragnen Aufgabe befassen, obgleich er nicht zweifelte, da? das Portefeuille w?hrend der Fahrt von Newmarket nach dem Schlosse aus dem Wagen gefallen sein werde. Da seine Herrschaft aber einmal die Constatierung eines Diebstahls verlangte, so wollte er das thun... da? er einen Dieb entdeckte, so wollte er einen solchen ermitteln, und h?tte er auch einen beliebigen Diener durch Auslosung bestimmen sollen.
Nun mu?ten Lakeien, Kammerdiener und Kammerfrauen, der Küchenchef, die Kutscher und die Stallburschen vor dem gestrengen Schlo?verwalter erscheinen. Natürlich betheuerten alle ihre Unschuld, und obwohl Scarlett sich über die Angelegenheit schon seine Ansicht gebildet hatte, ersparte er den Leuten doch nicht die verletzendsten Vorwürfe und drohte, sie der Polizei auszuliefern, wenn das Portefeuille nicht wieder zum Vorschein k?me. Es war ja nicht allein eine Summe von hundert Pfund Sterling entwendet worden, sondern der oder die Diebe hatten auch Documente unterschlagen, die die Rechte des Lord Piborne in einem schwebenden Processe nachwiesen. Wie leicht konnte es ja einem der Leute einfallen, seinen Herrn zu Gunsten des Kirchspiels benachtheiligen zu wollen! Vielleicht wurde dieser gar bezahlt. Nun, wenn es gelang, die Hand auf den Uebelth?ter zu legen, so durfte dieser auf eine Spazierfahrt nach den Strafanstalten der Insel Norfolk rechnen, denn Lord Piborne war m?chtig genug, und einen so gro?en Herrn zu bestehlen galt etwa ebenso viel, als sich am Besitzthum eines Mitglieds des K?nigshauses zu vergreifen.
Scarlett stellte das allen, die er wegen der Sache ausfragte, eindringlich vor. Leider wollte sich keiner zu dem Gest?ndni?, der Urheber des Verbrechens zu sein, herbeilassen, und nach Beendigung der hochnothpeinlichen Befragung beeilte sich der Schlo?verwalter, dem Lord von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen Kenntni? zu geben.
?Die Leute stecken unter einer Decke, erkl?rte der Marquis, und wer wei?, ob sie den Raub nicht unter sich getheilt haben.
– Ich glaube, da? Eure Herrlichkeit damit Recht haben, erwiderte Scarlett. Auf alle an die Dienerschaft gerichteten Fragen erhielt ich auch ganz gleichlautende Antworten, ein hinl?nglicher Beweis, da? die Leute sich untereinander verstehen.
– Haben Sie auch ihre Stuben, ihre Schr?nke und Koffer durchsucht, Scarlett?
– Noch nicht. Eure Herrlichkeit werden einsehen, da? ich das mit Erfolg nur in Gegenwart eines Polizeibeamten vornehmen kann.
– Das ist richtig, best?tigte Lord Piborne. Schicken Sie jemand nach Kanturk... oder besser, verfügen Sie sich selbst dahin. Natürlich darf keiner vor Beendigung der Untersuchung das Schlo? verlassen.
– Die Befehle Eurer Herrlichkeit werden ausgeführt werden.
– Der Polizeibeamte soll nicht vers?umen, einige Leute mitzubringen, Scarlett...
– Ich werde ihm den Wunsch Eurer Herrlichkeit kund thun und er wird nicht verfehlen, diesem nachzukommen.
– Sie werden auch meinen Sachverwalter, Herrn Laird in Newmarket, benachrichtigen, da? ich mit ihm über diesen Vorfall sprechen mu? und ihn schleunigst hier zu sehen wüsche.
– Noch heute soll er die Mittheilung erhalten....
– Wann brechen Sie auf?
– Sofort, ich denke, noch vor dem Abend zurück zu sein.
– Gut.?
Das Erz?hlte spielte sich am Morgen des 29. April ab. Ohne jemand zu sagen, was er in Kanturk vorhabe, lie? sich Scarlett eines der besten Pferde aus dem Stalle satteln und wollte schon aufsitzen, als am Wirthschaftsthore, nahe dem W?chterhause, eine Glocke ert?nte.
Ein Flügel des Thores ?ffnete sich, und davor stand ein Kind von etwa zehn Jahren.
Es war Findling.
Im Laufe von vier Monaten.
In der Provinz Munster liegt die Grafschaft Cork, die mit denen von Limerick und Kerry zusammenst??t. Sie erfüllt deren südlichen Theil zwischen der Bai von Bantry und Youghal-Haven. Ihre Hauptstadt ist Cork, und der wichtigste Hafenplatz der von Queenstown, an der gleichnamigen Bucht und einem der belebtesten H?fen von ganz Irland.
Die Grafschaft durchschneiden verschiedene Eisenbahnlinien; die eine erstreckt sich über Mallow und Killarney bis nach Tralee. Oberhalb derselben, an dem Theile der Linie, die etwa l?ngs des Blackwaterflusses verl?uft, und sechs Kilometer südlich von Newmarket, liegt der Flecken Kanturk, zwei Meilen von diesem aber das Schlo? Trelingar.
Dieser pr?chtige Gro?grundbesitz geh?rt der alten Familie der Pibornes. Er umfa?t eine geschlossene Fl?che von hunderttausend Acres (40.000 Hektaren) besten Bodens mit fünf- bis sechshundert Farmen, deren Ausbeutung dem Landlord die h?chsten Einkünfte in der ganzen Umgegend sichert. Der Marquis von Piborne ist also schon hierdurch sehr reich, ohne von den andern Einnahmen zu reden, die ihm die Besitzthümer der Marquise in Schottland zuführen. Ueberhaupt wird sein Verm?gen als eines der gr??ten im ganzen Lande angesehen.
Wenn der Lord Rockingham sein Grundeigenthum in der Grafschaft Kerry niemals besucht hatte, so konnte man den Lord Piborne dagegen des verha?ten ?Absentismus? nicht beschuldigen. Nach vier- bis fünfmonatigem Aufenthalt in Edinburg oder London, bewohnte er vom April bis zum November stets sein Trelingar-castle.
Ein Grundbesitz von so gro?er Ausdehnung bedingt selbstverst?ndlich auch sehr viele P?chter. Die ackerbauende Bev?lkerung, die auf den L?ndereien des Marquis lebte, h?tte ein recht ansehnliches Dorf bilden k?nnen. Waren die Bauern von Trelingar-castle auch nicht von einem John Eldon für Rechnung des Herzogs von Rockingham bedrückt, und wurden sie nicht von einem Harbert für Rechnung eines John Eldon ausgesaugt, so darf man daraus noch nicht schlie?en, da? sie sich einer besseren Behandlung erfreuten. Hier gab man sich nur den Anschein gr??erer Milde. Der Verwalter hielt streng auf die pünktliche Abführung der Pachtzinsen und vertrieb sie auch aus ihren Geh?ften; er that das aber auf seine Art, er drückte ihnen sein Mitleid aus, beklagte sie, bekümmerte sich bei dem Gedanken, was ohne Obdach und Lebensunterhalt aus ihnen werden sollte, versicherte auch, da? solche Austreibungen seinem Herrn das Herz br?chen... verjagt wurden die armen Leute aber doch, und h?chst wahrscheinlich empfanden sie es als keinen besondern Trost, da? Seine Herrlichkeit darum trauerte.
Das zur Zeit der Stuarts erbaute Schlo? war gegen dreihundert Jahre alt, es reichte also nicht bis zur Epoche der Plantagenet's zurück, worauf die Piborne's so stolz waren.
Der gegenw?rtige Besitzer hatte das Aeu?ere des Bauwerks neu herstellen lassen, um ihm mehr das Aussehen eines Feudalsitzes zu verleihen. Da waren Zinnen angebracht, Spitzthürmchen und Wachth?uschen errichtet und über einen Graben eine Zugbrücke, die nie aufgezogen, und ein Fallgatter, das nie herabgelassen wurde.
Das Innere enthielt sehr ger?umige Gem?cher mit mehr Comfort, als ihn die Zeiten Eduards IV. oder Johanns ohne Land zu bieten pflegten. Diese verborgene Stilwidrigkeit entsprach freilich den Bedürfnissen der verw?hnten Schlo?bewohner.
An den Seiten des Schlosses erhoben sich die Communs (Dienerwohnungen) und Nebengeb?ude, St?lle, Wagenschuppen und Wirthschaftsr?ume. Davor lag ein weiter Ehrenhof mit pr?chtigen Buchen, nach au?en zu abgeschlossen von zwei Pavillons neben einem verzierten Gitterthore, von denen der eine dem Portier als Wohnung diente.
Am Thore dieses Pavillons hatte unser junger Held grade die Glocke gezogen, als es sich ?ffnete, um den Verwalter Scarlett hinausreiten zu lassen.
Ungef?hr vier Monate waren seit dem unverge?lichen Tage verstrichen, wo das Adoptivkind der Familie Mac Carthy die Farm von Kerwan verlassen hatte. Wenige Zeilen werden hinreichen, zu berichten, wie es ihm in diesem Zeitraum ergangen war.
Als Findling gegen fünf Uhr abends von dem zerst?rten Hause wegging, wurde es schon langsam finster. Da er Martin und den Seinigen auf der Stra?e von Tralee nicht begegnet war, kam ihm zun?chst der Gedanke, sich nach Limerick zu begeben, wohin die Gefangenen von den Polizisten ohne Zweifel abgeführt worden waren. Ihm erschien es als heilige Pflicht, die Familie Mac Carthy wieder aufzusuchen und auf jeden Fall deren Loos zu theilen. Ja, wenn er schon gro? gewesen w?re, um mit seiner H?nde Arbeit etwas zu verdienen! Gewi? würde er sich gerührt und keine Mühe gescheut haben... doch was konnte er, der erst Zehnj?hrige erhoffen? Sp?ter, wenn er einmal einen guten Gehalt bezog, sollte dieser für seine Adoptiveltern verwendet werden, und noch sp?ter, wenn er sein Glück gemacht h?tte – und daran zweifelte er gar nicht – wollte er jenen alles bieten und das Wohlwollen mit Zinsen heimzahlen, das ihm in der Farm von Kerwan entgegengebracht worden war.
Jetzt, auf dieser verlassenen Stra?e freilich, inmitten einer vom schlimmsten Elend heimgesuchten Gegend, die von denen verlassen war, welche sie nicht zu ern?hren vermochte, und verloren in der kalten Finsterni? fühlte sich Findling vereinsamter als je zuvor. In seinem Alter ist es ja selten, da? Kinder nicht durch irgend ein Band gehalten werden, das sie entweder mit einer Familie verknüpft oder an eine ?ffentliche Anstalt fesselt, die sie aufnimmt und erzieht. Der Knabe aber war ja nichts anders als ein abgerissenes und auf die Landstra?e verwehtes Blatt, das vom Winde hin und her getrieben wird, bis es zu Staub zerf?llt. Niemand, niemand gab es, der sich seiner mitleidig angenommen h?tte. Wenn er die Mac Carthy's nicht wiederfand, wu?te er vorl?ufig nicht, was aus ihm werden sollte, oder doch fehlte ihm auch jeder Anhalt, wo er jene suchen, ja nur nach ihrem Verbleib fragen k?nnte. Waren sie nicht verhaftet worden, so hatten sie sich wohl gar, wie so viele ihrer Landsleute, entschlossen, nach der Neuen Welt auszuwandern, und dann...
Der Knabe wollte also, quer durch das schneebedeckte Land, nach Limerick wandern. Die Lufttemperatur w?re jetzt kaum zu ertragen gewesen, wenn etwa ein scharfer Wind geweht h?tte. Die Atmosph?re war aber still und jeder Laut von weither h?rbar. So legte er, ohne einer lebenden Seele zu begegnen, zwei Meilen ganz aufs Geradewohl zurück, denn er hatte sich noch nie in diesen von den ersten Ausl?ufern der Berge berührten Theil der Grafschaft gewagt. Vor ihm verliehen die dichten Tannenw?lder dem Horizont einen noch dunkleren Rahmen.
Von seiner Wanderung nach Tralee und zurück bereits stark angegriffen, fühlte Findling jetzt, da? ihn die Kr?fte verlie?en. Die Beine zitterten ihm und die Fü?e knickten ihm in den Gelenken. Dennoch wollte er auf keinen Fall Halt machen, und so gelang es ihm mit Mühe, sich noch eine halbe Meile weit fortzuschleppen. Nach dieser letzten Anstrengung aber sank er an einem Abhange mit gro?en B?umen zusammen, deren Zweige sich unter der Last des Rauhfrostes beugten.
Hier kreuzten sich zwei Landstra?en, so da? Findling, wenn er sich wieder zu erheben im Stande gewesen w?re, nicht gewu?t h?tte, welcher davon er folgen sollte. Auf dem Schnee ausgestreckt und mit erstarrten Gliedern, konnte er, als schon seine Augen sich schlie?en wollten und er das Bewu?tsein für seine Lage halb verlor, nur noch einmal rufen:
?Zu Hilfe!... Zu Hilfe!?
Fast gleichzeitig erschallte ein entferntes Gebell in der trocknen kalten Nachtluft. Dann kam es n?her und an der n?chsten Stra?enbiegung tauchte ein Hund auf, der mit gesenkter Nase, h?ngendem Schwanze und mit Augen, die wie solche von Katzen ergl?nzten, den Boden beschnüffelnd einhertrabte.
Mit wenigen Sprüngen stand das Thier neben dem Kinde... doch nicht um diesem ein Leid zuzufügen, sondern um es zu erw?rmen, indem sich der Hund an dessen Seite ausstreckte.
Findling bekam sofort seine Besinnung wieder. Er schlug die Augen auf und fühlte, da? eine warme, liebkosende Zunge ihm die Hand leckte.
?Birk!? murmelte er.
Birk war es, sein einziger Freund, sein treuer Begleiter in der Farm von Kerwan.
Wie gab der Knabe ihm seine Liebkosungen zurück, w?hrend er sich die H?nde zwischen seinen Pfoten w?rmte. Das fl??te ihm neuen Muth ein. Er sagte sich, da? er auf der Erde doch nicht allein sei. Jetzt wollten beide die Aufsuchung der Familie Mac Carthy vornehmen. Ohne Zweifel hatte Birk diese nach der Austreibung begleitet und zurückgekehrt war er jedenfalls nur, weil ihn die H?scher und die Polizisten wohl mit Steinwürfen und Stockschl?gen verjagt hatten. So war es in der That gewesen, und Birk, der herzlos verscheucht wurde, hatte nach der Farm zu zurücktrotten müssen. Jetzt würde er ja auch jede Spur der Polizisten wiederfinden und Findling konnte sich wohl auf den Instinct des Thieres verlassen, von diesem zur Familie Mac Carthy geleitet zu werden.
Er begann also mit Birk zu plaudern, wie er das in den langen Stunden auf der Weide bei Kerwan zu thun pflegte. Birk antwortete ihm in seiner Weise durch ein kurzes Bellen, das Findling leicht genug verstand.
?Nun vorw?rts, mein getreuer Birk, vorw?rts!?
Sofort lenkte das Thier nach der einen Stra?e ein, wo es seinem jungen Herrn vorauslief.
Nun traf es sich aber, da? Birk, eingedenk der erlittenen Mi?handlung, den Weg nach Limerick nicht einschlug. Er folgte vielmehr dem, der an der Grenze der Grafschaft Kerry hin und nach Newmarket in der Grafschaft Cork führt. Unbewu?t entfernte sich Findling damit von der Familie Mac Carthy weiter, und als der Tag graute, machte er, ersch?pft und von Hunger geplagt, Rast, um sich in einem Gasthause, ein Dutzend Meilen süd?stlich von der Farm, zu st?rken und zu erquicken.
Au?er seinem W?schepacket besa? Findling, wie sich der Leser erinnern wird, noch den Rest der bei dem Apotheker in Tralee gewechselten Guinee... die gro?e Summe von ganzen fünfzehn Schillingen. Damit kommt man freilich nicht weit, wenn zwei zu ern?hren sind, selbst wenn man sich auf das nothwendigste beschr?nkt und t?glich nur einige Pence ausgiebt. Das beobachtete der Knabe auch, und nach vierundzwanzigstündigem Aufenthalt in dem Gasthofe, wo ihm ein Heuboden als Schlafraum und Kartoffeln als Speise dienten, machte er sich mit Birk wieder auf den Weg.
Auf seine Fragen nach den Mac Carthy's hatte der Gastwirth erkl?rt, da? ihm keine Familie dieses Namens bekannt sei. Austreibungen waren in diesem schlimmen Winter auch so h?ufig vorgekommen, da? sich die ?ffentliche Aufmerksamkeit diesen traurigen Ereignissen gar nicht mehr zuwandte.
Findling marschierte immer hinter Birk in der Richtung nach Newmarket weiter.
Wie er fünf lange Wochen, bis zum Eintreffen in diesem Flecken verbrachte, kann man sich wohl vorstellen. Niemals streckte er die Hand aus! Sein natürlicher Stolz und das Gefühl eigner Würde waren auch bei diesen neuen Prüfungen nicht erlahmt. Manche weichherzigen Leute, die das hilflose Kind dauerte, hatten ihm wohl ein gr??eres Stück Brod oder Speck u. dgl. gegeben, wenn er sich in den Gasth?usern versorgte und mit einem Penny bezahlte, was eigentlich das doppelte kostete – doch das ist immer noch nicht gebettelt. Dabei theilte er alles mit Birk, indem die beiden in Scheunen schliefen, sich ins Heu verkrochen und Hunger und Durst zusammen litten, um von der Guinee so wenig als m?glich auszugeben....
Zuweilen blühte ihm auch das Glück, denn wiederholt erhielt Findling eine kleine Besch?ftigung. Vierzehn Tage verweilte er z. B. in einer Farm in Vertretung des abwesenden Sch?fers. Wohl erhielt er keinen Lohn, fand dabei aber doch für sich und Birk Obdach und Nahrung. Nach vollendeter Arbeit zog er weiter. Einige Auftr?ge, die er zwischen einem Dorfe und dem andern ausrichtete, brachten ihm auch ein paar Schillinge ein. Zum Unglück fand er nur keine dauernde Besch?ftigung, denn es war die schlechte Jahreszeit, wo leider so viele rüstigere Arme feiern müssen, und grade in diesem Winter war das Elend schlimmer als sonst.
Findling hatte übrigens noch keineswegs darauf verzichtet, mit der Familie Mac Carthy wieder zusammenzutreffen, obwohl seine Erkundigungen nach ihr immer erfolglos blieben und er bei seinem Weiterwandern auf gut Glück nicht einmal wu?te, ob er sich seinen Freunden n?herte oder nicht. Nur die eine Hoffnung verlie? ihn nicht, da? er in einer Stadt, in einer wirklichen Stadt, die gewünschte Auskunft erhalten werde.
Dabei drückte ihn die Sorge, da? er in seinem Alter so ganz allein auf der Landstra?e gefunden, vielleicht als Vagabund verhaftet und noch einmal in die Ragged-School oder in ein Arbeitshaus eingeliefert werden k?nnte. Lieber wollte er alles Ungemach weiterer Irrfahrten ertragen, als in eines dieser verha?ten Asyle zurückkehren, wobei er sich ja auch von dem anh?nglichen Birk h?tte trennen müssen.
?Nicht wahr, Birk, sagte er, den m?chtigen Kopf des Hundes auf seine Knie legend, wir k?nnten doch keiner ohne den andern leben??
Gewi? antwortete der Hund in seiner Weise, da? das unm?glich sei.
Von Birk wendeten sich seine Gedanken dann seinem früheren Kameraden von Galway zu und er fragte sich, ob Grip jetzt wohl auch obdachlos sei wie er. Ja, wenn sie einander begegnet w?ren, h?tten sie zu zweien sich sicherlich eher fortzuhelfen vermocht... sogar zu dreien; er gedachte damit der guten Sissy, von der er seit seiner Flucht aus der Hütte der Hard gar nichts geh?rt hatte. Jetzt mu?te sie – mit vierzehn bis fünfzehn Jahren – doch schon ein gro?es M?dchen sein. In diesem Alter ist man hier schon in Stellung, im Dorf oder in der Stadt, und verdient sein Brod zwar sauer, verdient es aber doch. Wenn er erst so alt w?re, würde er nicht darum verlegen sein, eine Stelle zu finden. Jedenfalls würde ihn Sissy nicht vergessen haben. Alle Erinnerungen aus seiner ersten Kindheit tauchten mit überraschender Sch?rfe in ihm auf: die schlechte Behandlung durch das b?se Weib, die Grausamkeiten Thornpipe's, des Puppenschaustellers.... Da fühlte er sich jetzt frei, wenn auch allein, doch weit glücklicher, als zu jenen traurigen Zeiten!
Immer weiter auf der Landstra?e hinziehend, verflossen die Tage ohne besondre Ver?nderung seiner Lage. Zum Glück war der Februar dieses Jahres nicht so hart, und die Armen brauchten von keiner überm??igen K?lte zu leiden. Der entschwindende Winter lie? die Hoffnung aufkommen, da? der Beginn der Arbeiten und der Frühlingseinsaat nicht verz?gert werden würde. Fingen dann die Feldarbeiten zeitig an, so wurden auch Schafe und Kühe wieder auf die Weide getrieben und Findling durfte hoffen, in einer Farm Besch?ftigung zu finden.
Fünf bis sechs Wochen lang mu?te er freilich noch hinbringen, und von den gelegentlich erworbenen wenigen Schillingen, so wie von der Guinee – dem ganzen Verm?gen des Knaben – waren gegen Mitte M?rz nur noch ein halbes Dutzend Pence übrig. Dabei hatte er an der t?glichen Nahrung – und er a? nicht einmal alle Tage – so viel wie m?glich gespart, jedenfalls sich nie ordentlich satt gegessen. So war er abgemagert, sein Gesicht erbleicht und der K?rper von der Anstrengung ersch?pft.
Birk, dessen Fell sich über den hervortretenden Seiten faltete, schien auch nicht in besserer Verfassung zu sein. Auf die in D?rfern gew?hnlich kargen Abf?lle hingewiesen, mu?te Findling vielleicht bald auch diese mit dem Thiere theilen.
Dennoch schützte ihn sein Charakter davor, ganz zu verzweifeln. Er bewahrte sich stets die Energie, wenigstens nicht zu betteln. Was sollte er aber beginnen, wenn sein letzter Penny für das letzte Stück Brod dahingegangen war?
Kurz, Findling besa? nur noch sechs bis sieben Pence, als er mit Birk am 13. M?rz in Newmarket anlangte.
Seit zweieinhalb Monaten hatten beide die Stra?en der Grafschaft durchstreift, ohne irgendwo eine dauerndere Ruhe zu finden.
Newmarket, etwa zwanzig Meilen von Kerwan gelegen, ist weder gro? noch volkreich. Es bildet einen jener Flecken, aus denen die irl?ndische Gleichgiltigkeit niemals eine Stadt schaffen wird und die eher rückw?rts als vorw?rts gehen.
Vielleicht war es bedauerlich, da? der Zufall Findling nicht in der Richtung nach Tralee zurückgeführt hatte; das Meer übte ja von jeher auf den Knaben einen m?chtigen Reiz aus – das Meer, die unersch?pfliche N?hrmutter aller, die den Muth haben, darauf und davon zu leben. Wenn es an Arbeit in Stadt und Land gebricht, feiert man doch niemals auf dem Ocean, den Tausende von Schiffen unausgesetzt durchkreuzen. Der Seemann hat weit weniger die Verarmung zu fürchten als der Landbauer und der Arbeiter. Das bewies ja schon ein Vergleich der Verh?ltnisse Pats, des zweiten Sohnes Martin Mac Carthy's, mit denen der aus der Farm von Kerwan vertriebenen Familie. Und wenn Findling sich auch noch mehr von der Handelsth?tigkeit als von der Seefahrerei angezogen fühlte, sagte er sich doch, da? er schon das Alter habe, wo er als Schiffsjunge an Bord eines Seglers gehen k?nnte.
Deshalb sagte er sich auch, da? er über Newmarket hinaus wandern und sich in der Richtung nach Cork zu der Küste zuwenden wollte. In Cork, einem Platze mit sehr lebhaftem Seeverkehr, gedachte er Unterkommen auf einem Schiffe zu suchen. Inzwischen mu?te er jedoch leben, mu?te die zur Fortsetzung seiner Reise n?thigen wenigen Schillinge erwerben; doch fünf Wochen nach seinem Eintreffen in Newmarket befand er sich mit Birk noch immer dort.
Wie erw?hnt, fürchtete er sich vor allem, als Landstreicher verhaftet und in irgend eine Wohlth?tigkeitsanstalt gesteckt zu werden. Zum Glück war seine Kleidung noch in recht gutem Zustande, so da? er kaum wie ein kleiner Armer aussah. Sein geringer Vorrath an W?sche genügte ihm; auch die Schuhe hatten die Strapazen des langen Weges ausgehalten. Wegen seiner ?u?ern Erscheinung brauchte er also nicht zu err?then, wenn er sich irgendwo zeigte, und der ?ffentlichen Armenpflege hoffte er auch nicht zur Last zu fallen.
So erwarb er sich seinen Lebensunterhalt in Newmarket durch allerlei Kindern zug?ngliche Besch?ftigungen; er übernahm Botschaften für den oder jenen, bef?rderte leichtere Packete und verkaufte schachtelweise Streichh?lzchen, die er für eine, eines Tags verdiente halbe Krone einkaufte und Dank seinem frühentwickelten Instinct für den Handel mit leidlichem Nutzen absetzte. Seine ernsten Züge machten ihn interessant, und gern kauften ihm Spazierg?nger von seiner Waare ab, wenn er mit heller Stimme rief:
?Some light, sir... some light! ?[2]
Alles in allem hatten Birk und er in diesem kleinen Orte weniger zu leiden, als vorher beim Wandern durch die Grafschaft. Es schien sogar, als sollte Findling, der sich durch Intelligenz einige Hilfsquellen er?ffnet hatte, dauernd in Newmarket bleiben, als er in den letzten Tagen des April, am 29., pl?tzlich den Weg nach Cork einschlug.
Natürlich begleitete Birk den Knaben, der genau gez?hlt drei Schillinge und sechs Pence in der Tasche hatte.
Wer ihn seit dem Vortage beobachtet h?tte, dem h?tte eine gewisse Ver?nderung in seinem Gesicht nicht entgehen k?nnen. Von seltsamer Angst erfa?t, blickte er scheu um sich, als fürchte er, da? jemand ihm auflauere. Sein Schritt war schnell, und es fehlte nicht viel, so w?re er gelaufen, was ihn die Beine tragen konnten.
Es schlug die neunte Morgenstunde, als er an den letzten H?usern von Newmarket vorüberkam. Die Sonne gl?nzte hell am Himmel. Mit dem Ende des April f?ngt auf dem Grünen Erin der Frühling an. Schon regte es sich da und dort auf den Feldern. Der Knabe war jedoch so von seinen Gedanken eingenommen, da? weder der Pflug, der den Erdboden aufbrach, noch die S?em?nner, die die K?rner in geschicktem Wurfe ausbreiteten, oder die auf den Weiden grasenden Thiere in ihm eine Erinnerung an Kerwan erweckten. Er ging immer gerade aus. Birk an seiner Seite warf ihm einen fragenden Blick zu, und diesmal war es nicht der Hund, der seinen Herrn führte.
Sechs bis sieben Meilen zwischen Newmarket und Kanturk wurden in zwei Stunden zurückgelegt. Findling durchwanderte mehrere Ortschaften, ohne sich Zeit zum Ausruhen zu g?nnen, da er unterwegs ein Stück Brod verzehrte, von dem der treue Birk die H?lfte abbekam, und als er stehen blieb, da schlug die Uhr auf dem Wartthurm von Trelingar-castle gerade die Mittagsstunde.
In Trelingar-castle.
Als das Thor neben dem Pavillon sich aufthat, wollte der Verwalter Scarlett eben den Ehrenhof verlassen, um sich entsprechend dem Befehle des Schlo?herrn nach Kanturk zu begeben. Die Hunde des Grafen Ashton, die Birk, der ihnen offenbar nicht gefiel, wittern mochten, fingen wüthend an zu bellen.
Da Findling fürchtete, da? sich hier eine Katzbalgerei entwickeln k?nnte, bei der Birk doch eine zu gro?e Uebermacht gegen sich gehabt h?tte, gab er diesem ein Zeichen, sich zu entfernen, und das gehorsame Thier verschwand hinter einem Busche, wo es nicht bemerkt werden konnte.
Als Scarlett den auf das Thor zuschreitenden Knaben bemerkte, rief er ihn heran.
?Was willst Du hier?? fragte er mit barscher Stimme.
Wenn der Verwalter sich n?mlich kriechend unterwürfig gegen alle Vornehmen zeigte, so verleugnete er doch gegen niedriger Stehende, und vorzüglich gegen Kinder, niemals seine brutale Natur.
Seine Aufgeblasenheit konnte unsern jungen Helden freilich nicht schrecken. Er hatte noch weit h?rtere Anreden bei der Hard, von Thornpipe und in der Lumpenschule hinnehmen müssen. Wie es sich schickte, entbl??te er den Kopf, als er auf Scarlett zuging, den er übrigens gleich nicht für Seine Herrlichkeit den Lord Piborne, den Schlo?herrn von Trelingar, ansah.
?Wirst Du wohl sagen, was Du hier willst? herrschte ihn Scarlett noch einmal an. Bettelst Du um eine Gabe, dann mach' da? Du fortkommst. Kleine Herumtreiber wie Du erhalten hier nichts, nicht einmal einen Copper!?
Das waren recht unnütze Worte, vor denen Findling zu gar keiner Antwort kommen konnte, zumal er sich immer vor dem etwas unruhigen Pferde des Verwalters in Acht nehmen mu?te. Gleichzeitig tobten die Hunde knurrend und bellend im Hofe umher. Das machte einen L?rm, der jede Verst?ndigung erschwerte.
Scarlett mu?te auch noch lauter sprechen, als er hinzufügte:
?Wenn Du jetzt nicht Deiner Wege gehst und ich Dich noch einmal in der N?he des Schlosses erwische, dann führ' ich Dich an den Ohren nach Kanturk, wo im Arbeitshause für einen solchen Burschen schon noch Platz ist!?
Findling lie? sich weder durch solche Drohungen, noch durch den Ton, in dem sie ausgesto?en wurden, einschüchtern. Als es aber einmal ruhiger war, antwortete er:
?Ich verlange kein Almosen und habe nie darum gebettelt!
– Und Du würdest auch keines annehmen, he? erwiderte Scarlett ironisch.
– Nein... von niemand.
– Was willst Du denn sonst hier?
– Ich wünsche den Lord Piborne zu sprechen.
– Seine Herrlichkeit selbst?
– Ja, Seine Herrlichkeit pers?nlich.
– Und Du bildest Dir ein, da? er Dich vorlassen wird?...
– Gewi?, denn es handelt sich um eine für den Lord Piborne sehr wichtige Sache.
– Eine sehr wichtige Sache?...
– Ja wohl, mein Herr.
– Und was betr?fe denn diese?
– Das m?chte ich dem Lord Piborne nur allein mittheilen.
– Dann hinaus!... Der Marquis ist nicht im Schlosse.
– O, so werde ich warten.
– Doch wenigstens nicht hier auf der Stelle.
– Gut, so komm' ich noch einmal wieder.?
Jeder andre als der h??liche Scarlett w?re von der auffallenden Z?higkeit, von den so bestimmten Antworten dieses Kindes betroffen gewesen. Jeder h?tte sich gesagt, da? den Kleinen gewi? ein ganz besondrer Grund nach dem Schlosse getrieben habe, und h?tte ihn aufmerksam angeh?rt. Der Verwalter kam dadurch jedoch nur noch mehr ?in die Wolle? und knurrte:
?So ohne Umst?nde spricht man nicht mit Seiner Herrlichkeit Lord Piborne. Ich bin der Intendant des Schlosses. Wer hier etwas will, hat sich an mich zu wenden, und Du weigerst Dich sogar zu sagen, was Dich herführte....
– Das kann ich niemand als dem Lord Piborne sagen, und ich bitte Sie, mich ihm zu melden!
– Dich Galgenstrick? versetzte Scarlett, die Reitgerte schwingend, jetzt packe Dich zum Teufel oder die Hunde sollen Dir in die Beine fahren!... Nimm Dich in Acht!?
Die polternde Stimme des Verwalters reizte die Hunde zu neuem Gekl?ff.
Findling fürchtete immer nur, da? Birk aus dem Gebüsch vorbrechen und ihm zu Hilfe kommen k?nnte, was der Sachlage eine noch üblere Wendung gegeben h?tte.
Auf das immer tollere Bellen der Hunde hin erschien jetzt Graf Ashton auf dem Hofe und kam auf das Gitterthor zu.
?Was giebt's denn hier? fragte er.
– O, einen Jungen, der betteln will....
– Ich bin kein Bettler! wiederholte Findling.
– Aber ein frecher kleiner Landstreicher...
– Pack' Dich fort, Schlingel, oder ich stehe nicht mehr für meine Hunde ein!? rief der Graf Ashton.
Die Thiere, die der junge Piborne jetzt noch zu b?ndigen versuchte, wurden in der That immer wüthender und bedrohlicher.
Da zeigte sich auf der Freitreppe vor dem Mittelportale des Schlosses der Lord Piborne selbst in all seiner Majest?t, und als er sah, da? Scarlett noch immer nicht nach Kanturk weggeritten war, stieg er gemessenen Schrittes die Stufen hinab, ging steif über den Ehrenhof und erkundigte sich nach der Ursache der Verz?gerung und des jetzigen L?rmens.
?Wollen Eure Herrlichkeit entschuldigen, stammelte der Verwalter, es ist der Bursche hier, ein Bettelbube....
– Ich erkl?re Ihnen nun zum dritten Male, da? ich kein Bettler bin, fiel ihm Findling ins Wort.
– Was will dieser Knabe also? fragte der Marquis.
– Er will nur mit Euer Herrlichkeit sprechen.?
Lord Piborne trat einen Schritt zurück, nahm eine m?glichst vornehme Haltung an und richtete sich dabei in seiner ganzen L?nge auf.
?Was haben Sie mir zu sagen?? fragte er.
Er duzte ihn nicht, obwohl er noch ein Kind vor sich hatte. Als Ausflu? h?chster Vornehmthuerei redete der Marquis überhaupt niemand mit ?Du? an, weder die Marquise, noch den Grafen Ashton – wahrscheinlich vor fünfzig Jahren nicht einmal seine eigene Amme.
?Sprechen Sie! setzte er hinzu.
– Der Herr Marquis hatte sich gestern nach Newmarket begeben, nicht wahr?...
– Ja.
-Gestern Nachmittag?...
– Ja wohl.?
Scarlett wu?te nicht, wie ihm geschah. Hier fragte der Gassenjunge, und Seine Herrlichkeit geruhte zu antworten!
?Herr Marquis, fuhr das Kind fort, haben Sie da nicht ein Portefeuille verloren?
– Ganz recht; und dieses Portefeuille...
– Hab' ich auf der Landstra?e nach Newmarket gefunden und komme, es Ihnen abzuliefern.?
Damit hielt er dem Lord Piborne das Portefeuille hin, dessen Verschwinden so viele Unruhe verursacht, so vielfachen Verdacht erweckt und in Trelingar-castle so viele Unschuldige compromittiert hatte. Die Schuld daran lag also, mochte sich seine Eigenliebe dadurch auch schwer verletzt fühlen, an Seiner Herrlichkeit selbst, jede Anklage gegen die Dienerschaft wurde zwecklos und es erschien jetzt – zu seinem lebhaften Bedauern – unn?thig, da? der Verwalter von Kanturk polizeiliche Hilfe herholte.
Lord Piborne ergriff das Portefeuille, das im Innern seinen Namen und seine Adresse trug, und überzeugte sich, da? es die Schriftstücke und die Banknoten noch enthielt.
?Sie also haben dieses Portefeuille gefunden? fragte er Findling.
– Gewi?, Herr Marquis.
– Und haben es natürlich ge?ffnet?
– Das mu?t ich wohl, um zu erfahren, wem es geh?rte.
– Sie haben darin eine Banknote gefunden... deren Werth war Ihnen aber wohl unbekannt?
– Das nicht; es war eine Banknote von hundert Pfund, erkl?rte Findling ohne Z?gern.
– Hundert Pfund... das ist so viel wie?...
– Zweitausend Schillinge.
– Ah, das wissen Sie also, und trotzdem fiel es Ihnen nicht ein, sich das Geld anzueignen?
– Ich bin kein Dieb, Herr Marquis, erwiderte Findling stolz, so wenig wie ein Bettler!?
Lord Piborne hatte das Portefeuille wieder geschlossen, die Banknoten daraus aber in seine Tasche gesteckt. Der Knabe verneigte sich grü?end und that schon einige Schritte rückw?rts, als Seine Herrlichkeit ihn – doch ohne ein Zeichen, da? die ehrliche Handlungsweise seine Anerkennung fand – noch einmal ansprach.
?Welche Belohnung verlangen Sie für die Wiederbeschaffung dieses Portefeuilles?
– Ah, was da... ein paar Schillinge... meinte Graf Ashton.
– Oder einige Pence, das ist für den Jungen übrig genug!? beeilte sich Scarlett hinzuzufügen.
Findling emp?rte es, da? man hier mit ihm handelte, wo er doch gar nichts verlangt hatte, und er erkl?rte deshalb:
?Mir kommen dafür weder Pence noch Schillinge zu.?
Dabei wandte er sich nach der Landstra?e.
?Warten Sie, rief Lord Piborne. Wie alt sind Sie?
– Bald zehnundeinhalb Jahre.
– Und Ihr Vater... Ihre Mutter?...
– Ich habe keinen Vater und keine Mutter.
– Ihre sonstigen Angeh?rigen?
– Ich habe auch keine solchen.
– Woher kommen Sie überhaupt?
– Von der Farm von Kerwan, wo ich vier Jahre gewesen bin und die ich vor vier Monaten verlassen mu?te.
– Weshalb denn?
– Weil der Farmer, der mich aufgenommen hatte, von den Gerichten vertrieben wurde.
– Kerwan... Kerwan... murmelte Lord Piborne. Ich glaube, das geh?rt ja zu dem Grundbesitze von Rockingham?
– Eure Herrlichkeit t?uschen sich nicht, sagte der Verwalter.
– Und was denken Sie nun zu beginnen? wendete sich der Marquis wieder an Findling.
– Nun, ich kehre nach Newmarket zurück, wo ich mir bis jetzt mein Brod verdiente.
– Wollen Sie hier im Schlosse bleiben, so k?nnen Sie wohl in einer oder der andern Weise Besch?ftigung finden.?
Das war gewi? ein verlockendes Angebot. Vom Herzen war es dem hochmüthigen, gefühllosen Lord Piborne aber keineswegs eingegeben, und von einem L?cheln oder einer Freundlichkeit war es auch nicht begleitet.
Findling empfand das ganz gut, und statt schnell zu antworten, begann er erst zu überlegen. Was er bisher vom Schlosse Trelingar gesehen hatte, gab ihm zu denken.
Er fühlte sich nicht angezogen von Seiner Herrlichkeit und von dessen Sohne Ashton, der recht sp?ttische, widerw?rtige Züge besa?, und noch viel weniger von dem Verwalter Scarlett, dessen brutaler Empfang ihn emp?rt hatte. Dabei gedachte er auch noch Birks. Wenn man ihm Aufnahme bot, so würde man Birk diese doch verweigern, und zu einer Trennung von seinem Genossen in guten und b?sen Tagen k?nnte er sich doch niemals entschlie?en.
Immerhin mu?te der Knabe, dessen Lebensunterhalt bis heute doch keineswegs gesichert war, dieses Anerbieten als einen Wink der Vorsehung betrachten. Die Vernunft rieth ihm, darauf einzugehen, da er es vielleicht zu bereuen gehabt h?tte, wenn er nach Newmarket zurückkehrte. Nur der Hund bildete ein Hinderni?, doch davon zu reden, würde es ja eine Gelegenheit geben. Vielleicht nahm man ihn, und w?re es nur als Wachthund, schlie?lich dennoch mit auf. Von einer Stellung im Schlosse mu?te er ja Vortheil haben, und bei der n?thigen Sparsamkeit...
?Na... bist Du mit Dir im Reinen? brummte der Verwalter, der ihn lieber h?tte zum Teufel gehen sehen.
– Was werd ich verdienen? fragte Findling, den sein praktischer Sinn nie verlie?, ohne alle Schüchternheit.
– Zwei Pfund Sterling monatlich,? erkl?rte Lord Piborne.
Zwei Pfund im Monat!... Das erschien ihm ungeheuer viel, und in der That konnte ein Kind seines Alters so viel ja kaum erwarten.
?Ich danke Eurer Herrlichkeit, sagte er. Ich nehme das Anerbieten an und werde mich bemühen, Sie nach Kr?ften zufriedenzustellen.?
Mit Zustimmung der Marquise noch desselben Tages unter die Schlo?bediensteten aufgenommen, sah sich Findling eine Woche sp?ter schon zu der verantwortungsreichen Stellung eines Grooms des Erben der Piborne's erhoben.
Den armen Birk hatte sein Herr w?hrend der sieben Tage noch nicht am Hofe – natürlich des Schlosses – vorgestellt, denn er fürchtete für ihn einen ungn?digen Empfang.
Der Graf Ashton besa? n?mlich drei Hunde, die er fast so sehr wie sich selbst liebte. In ihrer Gesellschaft zu leben, entsprach seinem Geschmacke und genügte seiner Intelligenz. Es waren Racethiere, deren Stammbaum – wenigstens – bis zur norm?nnischen Eroberung zurückreichte, drei sch?ne, aber sehr bissige schottische Pointer (Wachtelhunde). Kam ein andrer Hund am Gitterthore vorbei, so mu?te er sich schnell davon machen, um nicht von den wüthenden Thieren zerfleischt zu werden, die der Piqueur (Rüdenmeister) zu solchen Gro?thaten aufzuhetzen liebte. Birk begnügte sich auch, in der N?he der Wirthschaftsgeb?ude umherzustreifen und wartete ruhig, bis der neue Groom des Abends kam und ihm etwas Futter zusteckte, das der Findling sich an der eignen Nahrung absparte. Die Folge davon war, da? beide magrer wurden. Ei was, es würden ja auch wieder bessere Tage kommen, wo sie sich auf Vorrath m?sten konnten.
Jetzt begann für den Findling, dessen traurige Geschichte wir erz?hlen, ein Leben, das sich von dem bisher geführten wesentlich unterschied. Ohne von den bei der Hard und in der Ragged-School verbrachten Jahren zu sprechen, zeigte seine Lage, nur im Vergleich zu der in der Farm von Kerwan, doch eine gro?e Ver?nderung.
Bei der Familie Mac Carthy z?hlte er zum Hause, unbelastet von dem Joch der Knechtschaft. Hier im Schlosse galt er für nichts. Der Marquis betrachtete ihn als Almosenbecken, in das er monatlich zwei Pfund Sterling legte, die Marquise als ein kleines Vorzimmerhündchen, und der Graf sah ihn für ein Spielzeug an, das man ihm, sogar ohne die Ermahnung, es nicht zu zerbrechen, geschenkt hatte. Scarlett endlich hatte sich gelobt, ihm durch fortw?hrende Chicanen seine Abneigung fühlen zu lassen, und dazu fehlte es nicht an Gelegenheit. Selbst die Diener betrachteten das heimatlose Kind, das Lord Piborne in das Schlo? Trelingar aufgenommen hatte, für tief unter ihnen stehend. Leute von gutem Herkommen haben einmal ihre Einbildung, ihren Stolz einer lange eingenommenen Stellung, und es pa?t ihnen nicht, mit solchen Gestalten von der Landstra?e her in einen Topf geworfen zu werden. Bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten lie?en sie das Findling auch fühlen, wo es nur anging. Dieser lie? darum keine Klage laut werden; er antwortete nicht und that gewissenhaft seine Pflicht, wenn er auch nach Ausführung der letzten Befehle seines Herren mit gro?er Erleichterung nach seinem besondern K?mmerchen hinaufging.
Inmitten so vielen Uebelwollens fand er doch eine Frau, die sich seiner annahm. Es war das nur eine W?scherin, namens Kat, die, jetzt im Alter von fünfzig Jahren, von jeher auf der Piborne'schen Dom?ne gelebt hatte und hier voraussichtlich ihr Leben beschlo?, wenn sie der Verwalter Scarlett nicht fortjagte – was er übrigens schon versucht hatte, da sie ihm etwas verha?t war. Ein Vetter des Marquis, Sir Edward Kinney, offenbar ein sehr geistreicher Herr, behauptete, da? die Kat schon zur Zeit Wilhelms des Eroberers am Waschzuber gestanden habe. Die Frau lie? sich jedoch durch nichts beirren. Sie besa? ein vortreffliches Herz, und Findling sch?tzte sich glücklich, bei ihr Trost für manches Ungemach zu finden.
Oft plauderten beide, wenn der Graf Ashton einmal allein vom Hause weg war. Und wenn der Groom von dem Verwalter oder einem andern Diener angelassen worden war, dann ermahnte die Kat den Knaben:
?Nur Geduld, mein Sohn! Kümmere Dich nicht um ihre Redereien. Der beste unter ihnen ist nicht gar viel werth, ich wü?te wenigstens keinen, der das Portefeuille zurückgegeben h?tte!?
Vielleicht hatte die W?scherin damit Recht, denn die gewissenlosen Leute erkl?rten Findling wegen seiner Ehrlichkeit nur für einen Einfaltspinsel.
Der Groom war dem Grafen Ashton also gewisserma?en als Spielzeug geschenkt worden, und wie ein launenhaftes, eigenwilliges Kind amüsierte sich der junge Graf auch mit ihm. Meist ertheilte er ihm ganz sinnlose Befehle und widerrief diese dann ohne Grund. Zehnmal in der Stunde klingelte er ihn herbei, um das oder jenes in Ordnung oder in Unordnung zu bringen. Er hie? ihn die gro?e oder die kleine Livrée anlegen, mit hunderten von Kn?pfen, wie die Knospen an einem Rosenstock im Frühsommer. Ihn so zwanzig Schritte hinter sich her marschieren zu lassen, wobei die H?nde auf der Naht der Beinkleider liegen mu?ten, und nicht nur in den Stra?en der Ortschaft, sondern auch in den Alleen des Parks, das war für den eitlen Grafen das allergr??te Vergnügen. Findling unterwarf sich allen Launen, er gehorchte wie eine Maschine ihrem Führer. Man h?tte ihn nur sehen sollen, wie er mit fest gekreuzten Armen vor dem Pferde seines Herrn wartete, bis dieser in den Sattel stieg, oder wie er hinter dem in tollem Galopp hinsausenden Cabriolet sich an das zusammengeschlagene Wagenverdeck klammerte, wenn sein Herr damit über Stock und Stein jagte, oder gelegentlich einen Menschen umri?, wofür das Gef?hrt des Grafen Ashton in Kanturk schon bekannt war.
Abgesehen davon, da? er sich allen Thor- und Tollheiten seines Herrn zu fügen hatte, war Findling nicht eigentlich unglücklich. Das ging voraussichtlich so lange, wie jenem das neue Spielzeug gefiel. Bei dem unberechenbaren jungen Gentleman war freilich jede Ueberraschung m?glich. Kinder bekommen ihr Spielzeug schlie?lich zum Ueberdru? und werfen es weg, wenn sie's nicht gar zerbrechen. Findling war freilich fest entschlossen, dergleichen von sich abzuwenden.
Seine Stellung im Trelingar-castle betrachtete er nur als Nothnagel und lebte der Hoffnung, da? sich ihm schon noch eine bessere bieten werde. Sein kindlicher Ehrgeiz strebte h?her hinauf, als nach den Obliegenheiten eines Grooms. Die Verneinung seines eignen Ich gegenüber diesem Erben der Piborne's, dem er sich überlegen fühlte, erniedrigte ihn. Ja... überlegen, obwohl der Graf Ashton noch immer Unterricht in Latein, Geschichte u. s. w. geno? und seine Lehrer sich redlich bemühten, ihm wenigstens einige Kenntnisse einzutrichtern. Sein Latein blieb aber doch ?Hundelatein? (die englische Bezeichnung für unser ?Küchenlatein?) und seine Geschichtskunde beschr?nkte sich auf das, was er im ?goldenen Buche? der Pferdegeschlechter gelesen hatte.
Kannte Findling nun auch diese sch?nen Dinge nicht, so verstand er es doch mit zehn Jahren, zu denken, zu überlegen. Er sch?tzte jenen Sohn der Familie nach seinem richtigen Werthe und err?thete manchmal über die Dienste, die er ihm leisten mu?te. Wie bedauernd erinnerte er sich dann der st?rkenden, heilsamen Besch?ftigung auf der Farm, seines Lebens inmitten der Mac Carthy's, von denen er noch immer keine Kunde erhalten hatte. Die W?scherin im Schlosse war und blieb das einzige Wesen, dem er sich anschlie?en konnte.
Uebrigens bot sich bald Gelegenheit, die Freundschaft der guten Frau zu erproben.
Hier sei noch angeführt, da? der Proce? mit dem Kirchspiele von Kanturk zu Gunsten der Familie Piborne ausgefallen war, doch nur, weil diese die von Findling abgelieferten Documente dabei in die Wagschale zu werfen vermochte. Was der Knabe gethan, war jetzt freilich vergessen, warum also h?tte ihm dafür ein besondrer Dank gebührt?
Mai, Juni und Juli waren vorüber. Birk hatte, so gut es anging, sein Futter erhalten. Das Thier schien zu verstehen, da? es sich vorsichtig verhalten mu?te, um in der Umgebung des Schlo?parks unentdeckt zu bleiben. Findling hatte schon dreimal seine zwei Pfund Sterling eingeheimst, die in seiner Agende auf der Einnahmeseite gebucht standen, w?hrend die Ausgabenseite noch leer geblieben war.
Im Laufe dieser drei Monate hatten Lord und Lady Piborne nichts anderes zu thun, als Besuche zu empfangen und zu erwidern, und allerlei H?flichkeiten mit den Schlo?besitzern der Nachbarschaft auszutauschen. Hierbei drehte sich die Unterhaltung natürlich meist um die Lage der irischen Landlords. Da fielen recht grimmige Worte über die Ansprüche der P?chter und der Landliga, über den dreiundsiebzigj?hrigen Gladstone und über Parnell, den man an den h?chsten Galgen wünschte. So verlief ein Theil des Sommers. Dann pflegten Lord und Lady Piborne nebst ihrem Sohne gew?hnlich eine mehrw?chige Reise, meist nach den schottischen Besitzthümern der Marquise, zu unternehmen. Dieses Jahr sollte sich der Ausflug nach einer andern Seite lenken, die von der gro?en Welt bevorzugt und von den Trelingarer Herrschaften noch nicht besucht worden war. Es handelte sich n?mlich um die herrliche Gegend der Seen von Killarney, wohin am 3. August aufgebrochen werden sollte.
Findlings Hoffnung, infolge dessen eine Zeit lang dienstfrei zu werden, ging nicht in Erfüllung. Da Lady Piborne ihre Kammerfrau Marion und der Marquis seinen Leibdiener John mitnahm, mu?te der Graf Ashton doch auch seinen Groom bei sich haben.
Dieser kam dadurch in nicht geringe Verlegenheit wegen Birks, da er nicht wu?te, wer inzwischen für den Hund sorgen sollte.
Findling beschlo? deshalb, Kat ins Vertrauen zu ziehen, die es gern übernahm, den Liebling des Knaben zu pflegen, ohne da? jemand davon etwas erführe.
?Beruhige Dich, mein Sohn, erkl?rte die gute Frau. Ich liebe Deinen Hund schon ebenso wie Dich, und er wird in Deiner Abwesenheit keine Noth leiden!?
Findling umarmte die freundliche Kat für diese Zusage, und nachdem er sie am Abend vor der Abreise noch mit Birk bekannt gemacht hatte, nahm er von dem treuen Thiere Abschied.