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Der Erbe. Zweiter Band.

Der Erbe. Zweiter Band.

Author: : Friedrich Gerst?cker
Genre: Literature
Der Erbe. Zweiter Band. by Friedrich Gerst?cker

Chapter 1 No.1

Am Krankenbett.

Ungleich der stürmischen oder doch bewegten Unterhaltung im unteren Theil des Schlosses verhandelten die Personen im oberen, in Benno's Krankenstube, und Benno selber sa? mit hochger?theten Wangen in seinem Bett und lauschte der Erkl?rung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit beschrieb.

?Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann?? sagte der Knabe mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden. ?Doch nicht selber gefertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es schon über hundert Jahre alt w?re.?

?Das ist es auch vielleicht, lieber Baron,? erwiederte der junge Mechanikus, ?und eine nicht ganz werthlose Antiquit?t, die dem alten, reichen Salomon geh?rt.?

?Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die vielen R?der, die schwere Kugel dann und die Hebel!?

?Es sollte ein altes Problem l?sen,? l?chelte Baumann, ?das perpetuum mobile.?

?Um vielleicht durch ein perpetuum immobile zu beweisen, da? es auch das Gegentheil geben müsse,? lachte Benno, der seine Krankheit ganz vergessen hatte. ?Wie komisch das ist! Es rührt und regt sich ja gar nicht.?

?Weil es noch nicht in Gang gebracht ist,? erwiederte Baumann; ?wenn das aber geschieht – und wir wollen das gleich einmal thun –, so kann ich Ihnen versichern, da? es ununterbrochen fortl?uft und kein Aufh?ren mehr zu berechnen ist, die Zeit natürlich ausgenommen, wo sich das Material selber abnutzt und die R?der ausgeleiert werden – ein Nachtheil, der allen Menschenwerken anh?ngt, ob er sie nun sp?ter oder früher ereilt.?

?Und wie kommen Sie dazu, Baumann??

?Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbstst?ndig etablirt habe, anvertraut wurde,? sagte der junge Mechanikus, ?und ich glaube, ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gel?st, denn der alte Salomon versicherte mir, er h?tte das kleine Werk schon in alle gr??eren St?dte Deutschlands, zu den berühmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die R?der verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten R?dchen, das vielleicht einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle brachte. Das aber st?rte natürlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil seine Z?hne etwas weiter aus einander stehen.?

?Und Sie fanden den Fehler??

?Gewi?, und Sie sollen sich jetzt selber überzeugen, wie günstig und glatt es geht. Drei Tage und drei N?chte habe ich es schon bei mir im Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des R?derwerkes ist, so lange die R?der selber in Ordnung bleiben, gar nicht denkbar.?

Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und lie? sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze R?derwerk in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang.

Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut, aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fr?uleins von Wendelsheim h?rte. Was war da wieder vorgefallen – und sicher trug wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der ?Tante? nicht muthwillig in den Weg laufen.

Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht müde werden, das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als pl?tzlich die Thür rasch ge?ffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf.

?So,? rief sie dabei, ?und Du sitzest noch hier, die H?nde im Schoo?, und wei?t gar nicht, da? unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken, Mamsell, heh? Haben wir Dich deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefüttert, um nur eine Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den ganzen Tag spazieren geht??

?Ich wu?te nicht, da? es schon so sp?t war,? sagte Kathinka schüchtern und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thür, w?hrend die Tante ihr nachzankte: ?Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu bekümmern und nach der Uhr zu sehen, Du nachl?ssiges Ding Du! Den jungen Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die Zeit, wo wir die Bürde hier vom Halse los werden!?

Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die H?lfte der harten Worte mehr geh?rt, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen. Benno aber, als sie die Thür wieder schlo?, jedenfalls um ihr nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf und sagte traurig: ?Das arme, arme M?dchen! Sie ist so gut und brav, arbeitet von früh bis sp?t und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht besser k?nnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer H?lle. O, da? ich nur gesund w?re und ihr beistehen k?nnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht es mich hier so in der Brust, und ich mu? dann stundenlang regungslos auf meinem Kissen liegen.?

?Ich glaube,? sagte Baumann leise, ?das gn?dige Fr?ulein Tante zankt mit Jedermann und braucht t?glich einen gesunden Skandal, um sich bei frischen Kr?ften zu erhalten. Es ist auch so eine Art perpetuum mobile, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren m?chte, wenn es einmal aufh?ren sollte zu arbeiten.?

?Sie haben recht, Baumann,? l?chelte Benno, ?und ihre Zunge ist die Kugel, die stets auf's Neue das ganze R?derwerk in Bewegung setzt, denn schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die gr??te Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch manchmal m?chte, und da? Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht angenehm zu sein.?

?Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gru? von ihr bekommen.?

?Dessen k?nnen sich überhaupt nur wenig Menschen rühmen,? seufzte Benno. ?O, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so sch?n und, ach, so kurz!?

Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf den Tisch und verlie? augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich nicht vor den jungen Leuten sehen lassen.

Baumann's Blick haftete auch mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so jung und so unglücklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da, und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die ?steinerne Tante? auf den Lippen, verbi? ihn aber, um Benno nicht wehe zu thun, und setzte nun langsam die Maschine au?er Gang und zurück neben seinen Hut.

?Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann?? fragte Benno rasch. ?Du lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er w?re sonst gewi? noch einmal heraufgekommen.?

?Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich fürchte, Sie regen sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so bla? aus.?

?Weil ich mich über die Tante ge?rgert habe,? sagte der Knabe. ?Weshalb zankt sie immer mit der armen Kathinka – ich bin ja auch gar nicht krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder zu Kr?ften komme – k?nnt' ich nur fort von hier!?

?Aber wohin?? fragte Baumann.

?Bruno hat mir versprochen,? fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken fort, ?wenn er jetzt das viele Geld von seiner gro?en Erbschaft bekommt, was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewi? in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als Krankenpflegerin mit – ja, Baumann, gewi?! Ich habe es schon Alles mit meinem Bruder ausgemacht – ich brauche noch Pflege unterwegs, wenigstens in der ersten Zeit – aber die Tante,? setzte er l?chelnd hinzu, ?die lassen wir hier in dem alten, ?den Schlosse, wo es mir immer ist, als ob die Mauern über mir zusammenbrechen mü?ten, und dann kann sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und glücklich werden und wieder lachen – ach, Baumann, Sie sollten sie einmal lachen h?ren, wie herzlich, wie lieb das klingt! Aber,? setzte er leise hinzu, ?es ist schon lange her, da? ich es nicht mehr geh?rt habe, und es thut mir doch so wohl.?

Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz von innigem Mitleiden mit dem Armen erfüllt, wagte selber nicht das Schweigen zu brechen. Welchen Trost h?tte er ihm auch geben k?nnen? Endlich sagte Benno wieder:

?Wo nur der Vater heute sein mag, da? er nicht ein einziges Mal zu mir heraufkommt, und er wei? doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu sehen – aber freilich,? setzte er seufzend hinzu, ?bei mir hier oben ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld – da ist die Kathinka besser, und wenn sie dürfte, s??e sie halbe Tage lang an meinem Bett und erz?hlte mir ihre wunderhübschen Geschichten. Ach, sie kann so sch?n erz?hlen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, o, so wohl...?

Er sank zurück, Todtenbl?sse deckte seine Züge, er war ohnm?chtig geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hülfe herbeizurufen, aber nur die Magd erschien. Das gn?dige Fr?ulein Tante war unten in den St?llen und zankte sich gerade mit einer der Viehm?gde, Fr?ulein Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu begie?en.

Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach geworden, da? er nach Ruhe verlangte.

?Ich will schlafen,? sagte er leise, indem er dem Freund die Hand reichte – ?heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei – dann beginnt eine glückliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann!? Er drehte sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die eingefallenen Wangen, die hohlen Schl?fe und geschlossenen Augen. Es war ihm, als ob er einen Todten verlie?, als er, seine Maschine im Arm, die Thür des Zimmers hinter sich zudrückte.

Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthür den Garten – es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer gebaut, und er wu?te, da? er dort hinaus ein bedeutendes Stück seines Weges abschneiden konnte –, aber er mu?te an dem Gartensaal vorüber, und als er die Thür desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn, der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Momente wollte er ihn auch anreden und ihm sagen, da? Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, st?rte er ihn nur wieder. Das vorher gerufene M?dchen würde es schon der Tante sagen; er selber beschlo?, nichts davon zu erw?hnen. Nur als er vorüberging, zog er seinen Hut ab und grü?te den alten Herrn, dessen stieres Auge auf ihm haftete – aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung. Still und regungslos stand er an der Glasthür und starrte, wie in das Leere, in die grünen Büsche und Str?ucher hinein. Dem jungen Mann wurde es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gottes willen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten Herrn derma?en erschüttern und von seiner n?chsten Umgebung ablenken konnte!

?Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren,? flüsterte Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen G?nge des Parkes schritt, ?wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen mu?te! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem neuen Anfall des jüngsten Kindes geh?rt und sorgt sich darüber? – armer Vater! – Oder ist es etwas Anderes, das ihn drückt? Wenn so, dann mü?te er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich anvertrauen k?nnte oder wollte.? Er war wohl ein ?vornehmer Herr,? aber er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht gut wu?te. Ein übertünchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten, fast ersch?pften Kr?ften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die Spur von h?uslichem Glück und Frieden, und nichts in dem gro?en, ?den Schlosse, als Stolz, Ha? und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod am Krankenbett des Sohnes!

Baumann war, in seine trüben Gedanken vertieft, rasch durch den Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wu?te, die Mauer niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte auch auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er pl?tzlich ein lichtes Kleid durch die Büsche schimmern sah und gleich darauf Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine gro?e, aber jetzt leere Gie?kanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte nach dem Schlo? zurück. Als sie Baumann bemerkte, war es auch fast, als ob ihr Fu? einen Moment z?gerte; sie w?re ihm in der That am liebsten ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen Thr?nen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno w?hrend ihrer Abwesenheit betroffen.

?Du lieber Gott,? rief sie erschreckt aus, ?der arme junge Mensch! O, nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden – sie wissen ja gar nicht, wie krank er ist, sie k?nnen es nicht wissen, oder sie würden anders handeln. Ich will gleich zu ihm.?

?Lassen Sie ihn jetzt,? sagte Baumann freundlich; ?er ist eingeschlafen, und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.?

?Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen,? sagte Kathinka traurig – ?bald und für immer.?

?Halten Sie seinen Zustand wirklich für so gef?hrlich??

?Ich fürchte, ja. Er hat die letzten Tage an Kr?ften in erschreckender Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz bekommen.?

?Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und so jung schon sterben – sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein besseres Dasein für ihn beginnen k?nnte! Glauben Sie nicht?? fuhr er fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schüttelte. ?Bruno würde gewi? freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.?

?Ja,? sagte Kathinka, ?Bruno schon, aber die Tante ist der b?se Geist im Hause, der kein Glück und keinen Frieden aufkommen l??t, und ich selber h?tte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen bliebe. Aber er hat sich so an mich gew?hnt, da? er ganz unglücklich sein würde, wenn ich ginge – sonst lieber trocken Brot unter Fremden essen,? setzte sie leise hinzu.

?Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Fr?ulein,? sagte Baumann mitleidsvoll, ?und ich begreife da wirklich die Tante nicht, denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch kr?nkt sie ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, da? ihn das Zanken wieder krank gemacht.?

?Ich mu? zum Hause zurück,? erwiederte Kathinka ausweichend. ?Benno k?nnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann!? Und mit leichten Schritten eilte sie den Gang hinab dem Schlosse zu.

Fritz Baumann verlie? den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch dauern, bis er in der kühlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr in den Schatten dieser B?ume zurück, dann war auch ihm der Weg hieher abgeschnitten, denn er fühlte recht gut, da? ihn der Baron wie die Tante hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber würde sie auch nie aufgesucht haben.

Er stand noch und sah zu dem Schlo? nachdenkend zurück, das gerade hier, bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde, als er pl?tzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes und scharfe Peitschenschl?ge auf dessen Rücken h?rte. Es war der Revierf?rster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem Grund j?mmerlich abprügelte.

?Du gro?er Gott,? sagte Baumann fast unwillkürlich vor sich hin, ?ist das ein trostloser Platz hier – nicht einmal ein Hund kann sich da wohl fühlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten brauche!? Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die Parkbrücke und gleich dahinter die freie Stra?e, wo er ordentlich aufathmete, als ob er einem Gef?ngni? entwichen sei.

Chapter 2 No.2

Zwei Glückliche.

Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten, aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl das v?terliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen, peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.

Liebe – wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie! Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewu?tsein, da? er dem Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei – aber nur Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine H?rte und Gleichgültigkeit schon des Rechtes verlustig gegangen war.

Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur darauf gefa?t gewesen, nach seiner Erkl?rung einem Sturm von Vorwürfen und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabh?ngig seinem Vater entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Da? er g?nzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend, nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, l??t sich denken; er würde es nie im Leben für m?glich gehalten haben, und so überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, da? er sogar für einen Moment schwankend in seinem Entschlu? wurde, um von dem alten Mann den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, h?hnischen Blicke in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurückrief, was er in seinem Leben hier erduldet.

Seine ganze, ihm abgestohlene und mi?handelte Jugend lag bei ihrem Anblick vor seinen Augen; all' die Thr?nen, die er im Stillen geweint, all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und mit ihm gro? gezogen, aber immer nur gen?hrt, nie auch selbst durch ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewu?tsein, ihrem starren, keines guten Gedankens f?higen Herzen noch einmal einen Streich zu versetzen, sie endlich einmal fühlen und wissen zu lassen, da? ihre Herrschaft vorbei sei und sie aufgeh?rt habe, den Knaben zu meistern, warf alles Mitleid für den Vater über Bord. Er sah nur seine geopferte Jugend, fühlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewu?tsein in sich erwachen, zu vergelten, und in der wonnigen Empfindung, gerade dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu k?nnen, gerade ihr zu zeigen, da? ihr Regiment über ihn aufgeh?rt und sie darauf verzichten müsse, ihn als Knaben zu behandeln, verga? er selbst den Schmerz des Vaters über das ihm zugefügte Leid.

Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln.

Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der V?gel Sang so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte, die ihn lange gedrückt.

Da? ihn Rebekka liebte – wie konnte es ihm Geheimni? bleiben, da des M?dchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog, so verlie? er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich selbst, da? er eine Leidenschaft n?hre und unterhalte, der er, wie er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen, den Kopf, wenn er mit dem M?dchen am Instrument sa? und die Tochter dann, glücklich in der N?he des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre Lieder sang.

Er, der alte Salomon, kannte die Verh?ltnisse der Menschen drau?en auf dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bev?lkerung und besonders mit den Gro?en und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen geschmeichelt und auf H?nden getragen oder auch unter die Fü?e getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum betraf, doch h?tten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen müssen, denn keiner von allen leitete so weit zurück als dessen Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile machten sie blind – blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen Werth, und Salomon wu?te gut genug, da? sie, so hoch sie sich selber übersch?tzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen n?thig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet h?tten, auch nur in ihre N?he sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche Stufe mit ihnen zu treten.

Und was sollte da aus einer Liebe werden, die er im Herzen der Tochter gegen Einen jenes, ihnen stets fremd gebliebenen Stammes sich entwickeln sah? Er fürchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst heraufzubeschw?ren.

Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die Uebrigen seines Standes und Gewerbes, und hatte sich seit der Zeit, wo er zuf?llig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich betragen, da? er es nicht über sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen – und doch w?re es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verh?ltni? abbrechen konnte, das anfing ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel ?Geld? zwischen ihm und Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wu?te er recht gut, da? der Zauber schwinden mu?te, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung des Geliebten gelegen – aber er hatte sich geirrt. Bruno fühlte das selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast verzweifelnd das Haus verlassen mu?te, das einzige Wesen auf der weiten Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre sehen.

Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trümmer gegangen und das gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte – eine Erkl?rung der Beiden, ein Erkennen und Sichbewu?twerden des Gefühls, das nun natürlich nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Was nun kam – er mu?te der Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem da? seine Frau und Rebekka darin schwelgten, in einem trüben, traurigen Licht – und er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht in etwas t?uschen lie?. – Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn Tage verflossen, ohne da? er sich im Hause Salomon's wieder h?tte sehen lassen. Rebekka erwartete seine Rückkunft mit hei?em Sehnen, der Vater z?hlte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder schwindende Tag best?tigte nun mehr und mehr seine Ueberzeugung, da? Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe – leider, leider nur zu sp?t für sein armes Kind –, der reiche Baron passe nicht in die Familie des Juden.

Bruno von Wendelsheim ritt indessen fr?hlich seine Bahn entlang. Er war mit sich im Reinen, und wenn er auch wochenlang gek?mpft und das Für und Wider erwogen, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur tragen konnte.

An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und dann den Weg zu der Judengasse zu Fu? zurückzulegen; der alte Salomon hatte ja keine Stallung, und ein Officierspferd dort w?re nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Stra?e, überraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, da? er die Kn?pfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock selber nicht sauber ausgebürstet habe – denn sonst achtete er nie so viel auf sein Aeu?eres, um deshalb je mit ihm zu zanken.

?Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant,? sagte der Bursche, als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte.

Bruno trat noch einmal zum Tisch zurück und ?ffnete die Mappe; es waren drei Briefe – zwei Rechnungen – er konnte das liniirte Formular schon durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur zu gut; der dritte – kopfschüttelnd und rasch brach er ihn auf – wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimni?vollen Fünfthalerschein, ohne weitere Andeutung, woher er kam, und auch das n?mliche Siegel wieder, mit einem Fünfgroschenstück zugedrückt. Auch die Handschrift der Adresse war die n?mliche wie früher. Wer, um Gottes willen, konnte nur der Geber dieser sich regelm??ig folgenden Geschenke sein, und durfte er sie l?nger annehmen, ohne sich vielleicht für sp?tere Zeiten eine l?stige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so unm?glich, sie zurückzusenden, als früher – denn wohin? Der Brief war hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post bef?rdert worden.

Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefühl hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das ?ffentlich zu thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fünf Thaler verschickten. Wenn er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, genügte das. Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce einrückte – sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben – das Geld für die Insertionsgebühren konnte er hineinwickeln – das war das Beste – weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen Zettel:

?Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von Fünfthalerscheinen; das überschickte Geld ist wieder bei ihm abzuholen. Wo, wird der Absender wohl wissen.

W.?

?So,? sagte er, als er den ungef?hren Betrag für den Abdruck hineinwickelte, ?das hier tr?gst Du gleich auf die Expedition des Tageblatts und giebst es nur ab – verstanden??

?Sehr wohl, Herr Lieutenant.?

?Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Annonce kommt, so nennst Du keinen Namen – Du wei?t es nicht.?

?Sehr wohl, Herr Lieutenant.?

?Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht l?nger auf mich zu warten.?

?Sehr wohl, Herr Lieutenant.?

Lieutenant von Wendelsheim verlie? seine Wohnung und schritt, alle anderen Gedanken von sich abschüttelnd, als nur die lieben, glücklichen an sein sch?nes Ziel, die Stra?e hinab.

Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grü?te ihn wieder eine ?ltliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gru? erwiedernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens oft auf der Stra?e gesehen; sie mu?te jedenfalls hier in der N?he wohnen – was kümmerte ihn die Frau!

Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Stra?e hinab und um die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein paar gro?e, helle Thr?nen gl?nzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, und nur still und schweigend wandte sie sich ab, drückte die zusammengefalteten H?nde auf die Brust und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war, welche der Lieutenant eingeschlagen hatte.

Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus dem Menschengewühl der Hauptstra?e zu kommen, und erst als er in die nur zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn übergro?e Eile w?re hier zu sehr aufgefallen. – Jetzt betrat er endlich das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen sü?-s?uerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die Nase zu nehmen, und mu?te hier wirklich Acht geben, um nicht an die überall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen, die allerdings nicht solche Rücksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue Blicke voll Ekel und Abscheu warf er auch nach rechts und links in die düsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen Dünste aushauchten. – Und diesem Volk entstammte Rebekka! – wie ein eisiges Gefühl zuckte es ihm durch's Herz – aber kaum eine Secunde lang. Das hier war ja nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des ganzen zurückgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mi?handelten und unterdrückten Stammes, und welche edle Blüthen er treiben konnte, o, sein M?dchen, seine Rebekka war ihm da ja der sch?nste, der herrlichste Beweis!

Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn vorw?rts die Stra?e entlang und athmete erst wieder auf, als er die Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige Minuten sp?ter stand er auf der Schwelle.

Als er die Thür ?ffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den Kopf in die Hand gestützt, vor einem dicken Buche sa? und darin las.

Als er das Oeffnen der Thür h?rte, hob er den Kopf, fuhr aber im n?chsten Augenblicke schon erschreckt von seinem Sitze empor. Er hatte den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mu?te er ihm gekommen sein, da? er es ordentlich in den Gliedern fühlte und sich wieder hinsetzen mu?te – er hatte für den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu stehen.

?Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um mein Versprechen einzul?sen?? rief Bruno und ging, ihm die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu.

Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: ?Der Herr Baron hat nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel einzul?sen; ich wei? von nichts Anderem??

?Von nichts Anderem, Salomon? – und Rebekka??

Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder; er sah auch heute bleich und eingefallen aus – oder machte das nur das halbe D?mmerlicht des düstern, gew?lbeartigen Ladens? Endlich stand er langsam auf.

?Setzen Sie sich, Herr Baron,? sagte er ernst, aber nicht unfreundlich, ?ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu Sohn – ich bin alt genug dazu, Gott wei? es, und Sie wissen, da? ich es immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen Rath gegeben die letzten Jahre – wollte der Herr, da? er gefallen w?re auf guten Boden!?

?Aber, bester alter Freund....!?

?Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, da? wir allein sind,? unterbrach ihn der alte Mann; ?wir k?nnen auch keine St?rung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schlie?en, Herr Baron – wie hai?t Gesch?ft, wir Beide haben auch ein Gesch?ft mit einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch oder einen Pfeifenkopf verkaufe.?

Salomon lie? keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die Thür, schlo? selber die eisenbeschlagenen L?den, verriegelte die eben so verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen feierlichen und mit der gr??ten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und begann ohne weitere Umschweife.

?So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und ich, weiter Niemand – braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen – und nun will ich Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus – nicht meinen Laden, mein' ich, wo ich mache Gesch?fte und verkehre mit aller Welt, nein, das eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses – auch nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind, meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die Tochter hat Sie gern gehabt – nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom Vater – und als Freund von sich. Sie haben mit ihr gemusicirt und gesungen – sch?ne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein b?ser Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu sp?t. Jetzt ist er aufgewacht, und er mu? mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht, nicht im Laden oder Gesch?ft, sondern im eigenen Hause.?

?Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher gekommen!? sagte Bruno.

?Sind Sie?? wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend an. ?Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden – ich mu? reden, denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es hat mir das Herz beinahe abgedrückt – ich mu? reden, meinet-, Ihret- und Rebekka's wegen.?

?Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und bestimmte Erkl?rung beruhigen?? sagte Bruno.

Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. ?Durch welche?? fragte er.

?Ich bin heute hieher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's anzuhalten.?

Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment überrascht und wu?te nicht gleich, was er erwiedern sollte. Aber der kalte Verstand des alten Juden lie? sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefühl bew?ltigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast klanglosen Worten entgegnete er endlich:

?Da haben wir's – gerade wie ich vermuthet habe: hei?es Blut und kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So h?ren Sie, Herr Baron, was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erkl?rung macht Ihrem Herzen Ehre, und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, da? ich mich nicht ganz in Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gew?hnlicher Mensch – aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim – wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles, was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr – er wird lachen, wenn Sie es ihm erz?hlen zum ersten Mal – er wird weinen, wenn Sie es ihm erz?hlen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn Sie es erz?hlen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein, mit des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief geschlagen, da? nicht Jahre im Stande w?ren, sie zu heilen, und deshalb habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt – lassen Sie mich ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie – Sie sind jetzt nichts als ein armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat, und glaubt, er w?re dem alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie für ihn bezahlt. Es spricht das für Ihr gutes Herz, aber nicht für Ihren Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein Baron von altem Adel und Stammbaum – aber wenn Sie wirklich heiratheten des alten Juden Tochter würden Sie sich fühlen geschlagen und unglücklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, da? Sie gekommen sind zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben – wenn sie es auch nie erfahren wird –, ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie sind ein guter Mensch – aber ich liebe mein Kind mehr, und, Gott der Gerechte, wer kann's mir übel deuten? Sie würde sich unglücklich fühlen und elend sein, wenn sie in das alte Schlo? einz?ge und der alte Baron sagte: ?Ich will nichts von ihr wissen – es ist des Juden Tochter!? Und Sie würden sich unglücklich fühlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater, vom alten Herrn Baron; und die Diener und M?gde im Schlosse würden die Achseln zucken, und die Pferdejungen im Stalle von der Mi?heirath sprechen, und der alte Salomon würde sich am unglücklichsten von Allen fühlen, denn er h?lt sein Kind lieb und werth, und wenn er einen Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka – und sein ehrlicher, unbescholtener Name.?

?Und darf auch ich jetzt reden, Salomon??

?Reden Sie,? sagte der alte Mann resignirt: ?ich habe gesprochen, und es ist nicht mehr als recht, da? ich auch die Entgegnung h?re.?

?Ihr wi?t, Salomon,? erwiederte Bruno, ohne sich auf eine Widerlegung des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, ?wie ich in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn wir hier unten plaudernd sa?en, erz?hlt – Euch erz?hlt, weil Ihr der Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.?

?Ich wei? es, ich wei? es,? nickte der alte Mann – ?ich wei? es auch von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimni? bleiben und ist viel gesprochen darüber in der Stadt. Das Fr?ulein Tante – die Gn?dige mu? sein eine liebe Frau – Gott der Gerechte soll mir behüten – aber das ?ndert an der Sache nichts.?

?Doch, Salomon, doch,? rief Bruno; ?mein Vater hat nie etwas gethan, um sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen – ich bin aufgezogen in meines Vaters Hause nicht wie der ?lteste Sohn vom Hause, nein, wie ein l?stiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann. Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit gekommen, wo ich selbstst?ndig in das Leben trete, und beim Himmel, ich will selbstst?ndig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer, treuer Liebe an mir h?ngt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund, und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die Ausfertigung desselben in den n?chsten Tagen erhalten. Dann bindet mich nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Gesch?fte, die ich mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bew?hrten Freund, überlassen kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte, ?de Schlo? bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg von hier ziehe ich, in ein fernes Land – nach Italien – aber nicht allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir – meine Rebekka. Gebt mir Euer Kind, Salomon – ich will es auf H?nden tragen mein ganzes Leben lang – gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir vertraut zu haben!?

Der alte Mann sa? schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf seinem Stuhle. Er antwortete nicht – er nickte nur still und traurig vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:

?Ich hab' es mir gedacht – ich hab' es mir gedacht – junges Blut, junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere vornehme junge Damen sehen, die Sie h?tten heirathen k?nnen und mit denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen w?ren, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit und h?rmt und gr?mt sich und sorgt sich ab – und der Vater, der das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und verwünscht, da? er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.?

?Gebt mir Euer Kind, Vater!? dr?ngte Bruno. ?Wollt Ihr es jetzt gewi? unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, da? es sp?ter einmal unglücklich werden k?nnte? Rebekka liebt mich – sie h?ngt mit ganzer Seele an mir, und ihr reiches Herz mü?te brechen, wenn Ihr diese Liebe aus ihrer Brust rei?en wolltet – gebt mir Eure Rebekka, Vater!?

Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten Züge. Endlich flüsterte er leise:

?Er hat recht – ihr Herz würde brechen – es soll sein – es soll sein, der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen. Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer V?ter – Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet – er hat's selber gewollt – er hat's selber gewollt.?

?Salomon....?

Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, da? deren Licht jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt erst – jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer über sein eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und w?hrend jetzt sogar ein L?cheln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes zuckte, sagte er: ?Und der Baron will des Juden Tochter freien??

?Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich werden und sie glücklich machen!?

?Jehovah hat's gewollt – ich kann's nicht hindern,? nickte der alte Mann – ?dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das M?dchen selber. Sagt Sie Ja – der alte Salomon wird nicht sagen Nein – er hat es leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen w?re. Kommen Sie, da? wir der Sache ein Ende machen.?

Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthür, ?ffnete dort, l?schte die Lampe aus, schlo? die Thür wieder hinter sich, riegelte sie, hing noch ein Schlo? daran und schritt dann mit dem jungen Mann der wohlbekannten Treppe zu.

Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg, und wie langsam ging ihm der Vater – wie gern w?re er ihm vorausgeeilt! Aber Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm gelegt und lie? ihn nicht rascher vorw?rts, als er selber ging.

?Geduld,? sagte er dabei, ?Geduld, junger Mann; es ist ein ernster Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast – der ernsteste Schritt, den ein Mann thun kann – Gott der Gerechte wei? es, und kein Rückschritt m?glich – au?er durch ein Thor des Jammers und Herzeleids für zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und jetzt noch,? fuhr er pl?tzlich fort, ?ist eine Umkehr m?glich – noch wei? Rebekka nicht, da? wir kommen – noch l??t sich vielleicht....?

?Vater,? bat Bruno, ?Gott will es, da? sich zwei Herzen, die sich auf ewig angeh?ren sollen, finden – wollen Sie da eingreifen??

?Nein,? sagte der alte Mann feierlich, ?es ist auch jetzt zu sp?t; sie hat uns – sie hat Ihre Stimme schon geh?rt – also wie Er will, vorw?rts denn.?

Und oben ?ffnete sich die Thür. ?Vater,? rief Rebekka's Stimme, ?bist Du das??

?Ich bin es, mein Kind,? sagte der alte Mann.

?Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du??

?Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.?

Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann lie? ihn nicht; er hielt ihn fest am Aermel, und oben wurde die Thür wieder zugeschlagen. Gleich darauf hatten Sie die obere Etage erreicht.

?Und darf ich jetzt hinein??

?Gehen Sie,? sagte der Alte, ?es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick k?nnt' ich es noch hinausz?gern, nicht l?nger – was liegt an dem Augenblicke – 's ist ein Tropfen im Meere – gehen Sie.?

Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür ge?ffnet und den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie sie gew?hnlich ging, in einem blüthenwei?en Kleid, die rabenschwarzen Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten. So stand sie da – ein Bild jungfr?ulicher Scham und Liebe – die Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den elastischen K?rper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen, ihn meiden wolle.

?Rebekka,? rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, ?Rebekka – sü?es, herziges Lieb – willst Du mein sein – willst Du mir angeh?ren für Dein ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz – willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben??

?Mein Herz?? sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in Bruno's Ohren klang. ?Mein Herz – hab' ich es denn noch? Ist es nicht l?ngst schon Dein?? Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme, an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und flüsterte: ?Bruno – mein lieber, lieber Bruno – o, wie danke ich Dir, da? Du gekommen bist – wie werd' ich es Dir ewig danken!?

Und die Mutter sa? in der Ecke, und die hellen Thr?nen liefen ihr über die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten H?nden vor ihnen und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre H?nde, legte sie in einander und sagte freundlich:

?So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben: Ihr werdet ihn nicht glatt finden: Ha?, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten und Euer Glück bedrohen. La?t sie – seid Euch selbst genug und sucht in der Familie, wie unsere Vorv?ter es schon gethan, allein den Frieden, den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen m?chte. Er, der die Bitten eines alten Mannes geh?rt, welcher stets, wo es seine schwachen Kr?fte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat – – segne Euch!?

Und jetzt kam auch die Mutter herbei und kü?te die Kinder und setzte sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor lauter Freude und Seligkeit.

Freude und Seligkeit gl?nzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen sa?en und von ihrer Zukunft, von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da drau?en lag – vergessen das finstere Schlo? mit all' seinen trüben Erinnerungen und überstandenen Schmerzen – vergessen alles ertragene Leid nur in der Wonne dieses Augenblicks. – Und Vater und Mutter sa?en dabei, h?rten dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre eigene Liebe.

So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das Instrument, und in jubelnden T?nen machte sich seine Seele Luft, bis Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber sa?en die beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefa?t und h?rten zu, bis die Zeit kam, da? die Mutter das Abendbrot bestellen mu?te, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.

Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losrei?en von dem Glück dieser ersten Stunden und geizte f?rmlich mit den Secunden, und als er endlich gehen mu?te, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten, als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur trennen mü?ten.

Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.

?Und wann darf ich wiederkommen, Vater??

?Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?? sagte der alte Mann. ?Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und die Rebekka – werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron – Gute Nacht!?

Bruno trat hinaus auf die Stra?e, und von dem Lichte noch geblendet, das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die Dunkelheit gew?hnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlüssig, wohin sie sich wenden solle, an der andern Seite der Stra?e. Der junge Mann w?re auch gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher n?chsten Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter nach der Pers?nlichkeit umzusehen, die Stra?e hinab, bis er den ersten Nachtw?chter traf, und schickte diesen dann zurück mit der Weisung, auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verd?chtiger Bursche herumtreibe. Der Nachtw?chter folgte auch der Weisung und suchte den ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er hatte sich nicht l?nger dort aufgehalten und war verschwunden.

Chapter 3 No.3

Frau He?berger.

Oben in der dritten Etage eines der H?user in der Bergstra?e von Alburg sa? der Schuhmacher He?berger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen bei der Arbeit und war emsig besch?ftigt, ein Paar sehr elegante Damenschuhe, die einen au?erordentlich kleinen Fu? verriethen, frisch zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er flei?ig fort und schien sich um das Wetter drau?en wenig zu kümmern, bis pl?tzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, da? der kleine Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er aber pl?tzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, da? sich die Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz heimlich, denn es w?re ihnen b?s ergangen, wenn es der Meister gemerkt oder nur Verdacht gesch?pft h?tte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle (denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied besch?ftigt, schrie mehr, als er sang, w?hrend der Regen an die Fenster peitschte:

?O Mensch gedenk' an's Ende,

Willst Du nicht Uebles thun –

Der Tod bringt oft behende

Das allerletzte Nun.

Am Lebens-Augenblicke

H?ngt ewig Wohl und Weh',

Drum denke wohl zurücke,

Wohin Dein Ende geh'!?

Und wieder ein Blitz – wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten ordentlich dazu. Der Schuhmacher lie? sich aber nicht st?ren, und ohne eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden zweiten Vers ein:

?O Mensch, gedenk' an's Ende –?

als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters Befehl abzuwarten, laut ?Herein? schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde dieselbe auch ge?ffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht ger?thet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.

Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in seiner Andacht st?ren zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort:

?Wer wei?, ob nicht noch heut'

Der Tod Dich treffen k?nnte,

Drum mache Dich bereit –?

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie dazwischen: ?Na, bei mir k?nnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister He?berger! Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, da? ich in dem Hundewetter den Weg umsonst gemacht h?tte!?

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: ?Ach, Madame Müller – ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Pers?nlichkeit wieder einmal nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.?

?Reden Sie keinen Unsinn,? erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. ?Was Ihnen angenehm oder nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause ist.?

?Bitte, Madame Müller,? sagte He?berger, ?ich rede nur ganz h?flich, und eine H?flichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber – o Du Herr Jesus, der Donner! – nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau ganz besonders daüber scharmiren, pa?t ihr gerade – sie ist drinne – bitte, treten Sie n?her, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan nicht!?

Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine Antwort zu geben, über alles m?gliche im Wege gestreute Schuh- und Lederzeug, über Leisten, Handwerksger?th und andere derartige Dinge hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wu?te, das Wohn- und Schlafzimmer der He?berger'schen Gatten von der Werkst?tte abschlo?. Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal den gew?hnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer, als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich darauf, aber doch etwas sp?ter als bisher, grollender, dumpfer Donner hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur der Regen go? noch in Str?men nieder.

Mit dem Donnerschlag – selber ein kleines Gewitter in sich – stand aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gru? schon, den sie der Herrin vom Hause entgegenrief: ?Guten Tag, Frau He?berger, ich habe 'was mit Ihnen zu reden!? deutete nicht viel Gutes.

He?berger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben k?nne, fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz sattelfest, und da er wu?te, da? seine Frau bei irgend einer passenden Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er sich bei Zeiten, wenigstens einen l?stigen Zeugen zu entfernen – kein Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

?Backhof,? brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt, ?Sie k?nnen Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.?

?Aber ich m?chte so gern noch den Schuh fertig machen,? sagte der Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter, und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit anzuh?ren, der sicherlich der Mühe werth sein mu?te. Seine Meisterin kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und

Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.

Sein Meister mochte aber Verdacht gesch?pft haben, da? ein anderer Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen lauere. Zeit war auch nicht zu vers?umen, denn Madame Müller schien nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: ?Machen Sie ein bischen zu – die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen Obergerichtsrath sein.?

?Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist doch nicht meine Sache...?

?Das wei? ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben? sagte He?berger, der sich augenscheinlich die gr??te Mühe geben mu?te, h?flich zu bleiben. ?Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine Gesundheit – aber machen Sie ein bischen – alleh, Backhof – und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die quintirte Rechnung mit.?

Backhof, der Gesell, merkte wohl, da? ihn der Meister unter jeder Bedingung los sein wollte, und es w?re doch jetzt hier so hübsch gewesen – gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel h?ngenden Rock an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch in der Hoffnung, auch dort etwas zu h?ren. Darin sah er sich jedoch get?uscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gew?hnlich abgeschlossen.

Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so viel, als es der Gesell gethan h?tte, denn die waren eine etwas lebhafte Unterhaltung im Hause schon gewohnt und – konnten nicht die Condition wechseln, sie mu?ten im Hause bleiben, durften also nichts daraus schwatzen, oder – der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war keine Andacht dabei. Die gro?en, schweren Tropfen schlugen drau?en gegen die Scheiben, da? sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr, er mu?te da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, da? er die Stimme seiner Frau gar nicht so scharf hervorh?rte; Madame Müller schien ziemlich allein das Wort zu führen, und das konnte unm?glich ein gutes Zeichen sein. Wenn die Frau He?berger eine gute oder doch wenigstens haltbare Sache hatte, sprach sie auch gew?hnlich mit – und wie!

Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf, band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon wieder unter einander anstie?en, fuhr in den schwarzen, abgeschabten Frack hinein, und dann sein fettgl?nzendes Mützchen abnehmend und die Haare vorn in die Stirn streichend – es war dies die einzige Art, wie er seine Frisur arrangirte –, drehte er sich noch einmal gegen die Jungen um und sagte: ?Da? mir keiner von Euch von seinem Sch?mbel aufsteht, oder – Ihr wi?t wohl...? Und damit stieg er nach der Thür hinüber.

Als er sie ?ffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.

Frau He?berger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres Gemahls ausgebessert. Sie besch?ftigte sich allerdings in geeigneten Stunden vortheilhafter mit der h?heren Magie, mit Kartenlegen und Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gl?ubiges Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mu?ten doch auch erledigt werden, und Frau He?berger war die richtige Frau dazu, um das zu besorgen.

Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine nur von metallenen R?dern abh?ngige Maschine sa? sie dazwischen und rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte – sie hatte überhaupt keine Nerven, die das m?glich machen konnten.

Drinnen in der Werkstatt h?rte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht darauf. Der Besuch, der zu ihr kam – verschleierte Damen gew?hnlich, manchmal in Begleitung von jungen Herren – traf erst in viel sp?terer Stunde und bei vollst?ndig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam, wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.

Da klopfte es pl?tzlich, und wie sie ein halb erstauntes ?Herein!? rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im Kopfe, gleich zurück in's Ged?chtni? rief. Der Frau selbst schien aber gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen, denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:

?Guten Tag, Frau He?berger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.?

?Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!? rief Frau He?berger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie dieselbe nicht gesehen. ?Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!?

?Wollen wir erst abwarten,? sagte Madame Müller, noch immer den triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in der Stube zu bilden. ?Thut mir leid, da? ich das Zimmer na? mache, aber ich wei? nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den Blumenuntersetzern her – das Wetter ist schuld.?

Frau He?berger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie h?tten Zeugen sein k?nnen, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr ?Regendach? aber untergebracht sah, drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.

?So – und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln, Madame He?berger, wenn es Ihnen recht ist,? sagte Madame Müller, aber gleich in einem so entschiedenen Ton, da? man ihm wohl anh?rte, sie würde eben reden, ob es recht w?re oder nicht.

?Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie stehen ja da an der Thür....?

?Sagen Sie einmal, Frau He?berger,? fuhr die Frau fort, ohne die Einladung weiter zu beachten, ?was haben Sie denn von mir in der Stadt erz?hlt, wenn ich fragen darf??

?Ich? Von Ihnen?? sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht reinen Gewissen, denn sie sprach gew?hnlich sehr viel über andere Leute und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher, da? irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mu?te sie erst einmal h?ren, um was es sich eigentlich handle. ?Und was sollte ich von Ihnen gesprochen haben? Was h?tte ich denn eigentlich sprechen oder erz?hlen k?nnen? Ich wei? ja doch gar nichts von Ihnen!?

?Desto schlimmer, Frau He?berger, desto schlimmer,? rief Madame Müller, keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu lassen; auf anf?ngliches Leugnen war sie überdies gefa?t. ?Aber aus der Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht m?glich, und Ihre Zunge kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!?

?H?ren Sie, Madame Müller,? sagte Frau He?berger, doch jetzt auch ein bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn sie mu?te erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, ?beleidigen brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn ich in der Stadt bekannt bin....?

?So? Aber zu mir schicken Sie die Leute in das eigene Haus!? fuhr die Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. ?Ich soll mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr? Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe – jawohl, die mu? sich Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft l??t.?

?Da? Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand abgestritten,? sagte die Frau He?berger, jetzt ebenfalls gereizt.

?Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau He?berger, Sie am allerwenigsten!? rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als es die Umgebung eigentlich n?thig machte.

?Aber w?r's Ihnen denn nicht gef?llig, Madame Müller, jetzt einmal zu sagen, was Sie von mir wollen?? sagte die Frau He?berger mit einem ironischen Knix.

?Jawohl, Frau He?berger,? erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung, ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, ?wie Sie befehlen – oder m?chten Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!?

?So, Madame Müller, und wissen Sie, da? ich jetzt gleich hingehen und Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen??

?Ja, gehen Sie nur, Frau He?berger, gehen Sie nur,? rief die Frau Müller in Eifer, ?wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erz?hlt haben, da? ich es umgetauscht h?tte und da? mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind vom Baron von Wendelsheim w?re – Sie schlechte Person Sie....?

?Was?? sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand ganz die ?schlechte Person? überh?rend (sie bemerkte auch in dem Augenblicke kaum, da? ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). ?Ich h?tte dem Rath Frühbach erz?hlt, Sie h?tten ein Kind umgetauscht und Ihre Tochter w?re die Tochter vom Baron??

?Wenn die Damen so freundlich sein wollten,? sagte He?berger, der mit seinem gewinnendsten L?cheln die alte Fettmütze zwischen den Fingern zerdrückte, ?nur ein klein wenig leiser zu schreien – die Lehrjungen drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht zu wissen, über was wir hier conserviren.?

?Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,? sagte Frau Müller mit Würde; ?ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr He?berger, lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie w?ren nicht der Mann danach!?

He?berger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah – und sie war auch wenigstens einen halben Kopf gr??er als er –, einen tückischen Blick zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit seiner freundlichsten Stimme: ?Würde ich mir auch gar nicht unterstehen, verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon geh?rt habe, auf einem Mi?verst?ndni? zu beruhen, denn meine Frau kann doch unm?glich etwas derartiges obsch?nes Gerede mit dem Herrn Rath Früh....?

?Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben kein Wort gesprochen!? rief hier die Frau He?berger dazwischen. ?Seine Frau kommt manchmal zu mir – eine liebe, gute Seele, die sich die Karte legen l??t und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!?

?Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort w?re? Das machen Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau He?berger! Ich will gar nicht behaupten, da? ich zu den Gescheidtesten geh?re, aber so dumm bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!?

?Was denn für ein Major?? sagte die Frau He?berger, aufmerksam werdend.

?Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein – und von solchen Leuten mu? man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist die Sache nicht abgethan, Frau He?berger, damit ist sie wahrhaftig noch nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder hergelaufenen Person abschneiden!?

?So, Madame Müller,? rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld ebenfalls scharf auf die Neige ging, ?jetzt m?cht' ich nur wissen, ob Sie mich etwa mit der ?hergelaufenen Person? meinen, denn wenn Einer von uns eine hergelaufene Person ist....?

?Entschuldigen Sie, meine Damen,? fuhr hier He?berger dazwischen, der alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, ?wenn jener Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie ge?u?ert hat, Madame Müller, so sind Sie vollst?ndig berechtigt, b?se darüber zu werden, jede anst?ndige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann k?nnen wir uns verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon kriegen.?

Madame Müller z?gerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, da? sie ein wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die He?bergers mu?ten erst erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl um, den ihr He?berger bereitwillig hinschob, und sagte dann: ?Gut, ich will Ihnen die Sache erz?hlen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei überl?uft; ach, da? ich mir so 'was mu? auf meine alten Tage gefallen lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte! Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schw?tzer die Wahrheit gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum K?nig gehen mü?te.?

Und nun erz?hlte sie mit ziemlich kurz gedr?ngten Worten, aber natürlich noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuh?renden He?berger'schen Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und He?berger unterbrach oder st?rte sie darin nur ein einziges Mal, indem er leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann pl?tzlich aufri?, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen ertappte. Die aber kannten schon sein Man?ver und hüteten sich wohl, etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt sa?en sie auf ihren Schemeln, und darüber beruhigt, schlo? der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau He?berger schüttelte aber, w?hrend ihr Besuch erz?hlte, immer nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage, dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erz?hlt zu haben, vollkommen rein wu?te, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er sie auf solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major – den kannte sie gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mu?te ?hnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen Augenblick schwieg, mehr um Athem zu sch?pfen, als weil es ihr an Stoff gefehlt h?tte – sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben –, sagte er artig:

?Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major etwas Aehnliches??

?Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,? sagte Madame Müller, ?wei? ich nicht – eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für einen Major geh?rt, sondern einen alten grauen Rock und einen runden Hut –, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder der... Aber nun, Frau He?berger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erz?hlen? Habe ich je in meinem ganzen Leben...?

?Ereifern Sie sich nicht unn?thiger Weise, Madame Müllern,? sagte die He?berger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles genau zu überlegen. ?Ich kann es auf die Hostie beschw?ren, da? Ihnen jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erz?hlt hat, und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch viel weniger über Sie. Au?erdem,? fuhr sie fort, als sie sah, da? Madame Müller etwas darauf erwiedern wollte, ?steht hier die Frau, die von der Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen mü?te, ob es vertauscht w?re oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen – und ein pr?chtiger junger Herr ist es geworden – zuerst auf den Armen gehabt, und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den h?tte Einer auswechseln wollen, der h?tte es klug anlegen müssen. Aber ich wei?, woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe, der das Geld gekriegt h?tte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die Wendelsheim'sche Familie ohne m?nnlichen Erben geblieben w?re. Jetzt hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, da? er nichts kriegt und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen Haken daran zu finden.?

?Aber, He?bergern,? sagte die Madame Müller, ?das ist ja doch gar nicht m?glich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...?

?Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!? sagte die He?berger, w?hrend der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte – er schien sie ebenfalls zu kennen. ?Mir sind schlimmere Dinge passirt,? fuhr die Frau fort, ?viel schlimmere, und die ersten Jahre – Sie waren wohl damals schon in die weite Welt gegangen und über die See –, da hatten sie bald dies, bald das Gerede, und Alles über die arme He?berger, die konnte herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber zuletzt mu?ten sie's doch aufgeben – Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden, da? sie mir nichts anhaben konnten, lie?en sie mich zufrieden.?

?Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?? rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen Besuch kehrte. ?Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin nicht zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, He?bergern, und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht h?tte, da? ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mu?te, ich w?re augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor acht Tagen!?

?Aber, beste Madame Müller,? sagte He?berger sehr artig, ?da treten Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so viel kann ich Ihnen versichern.?

?Na, das fehlte mir auch noch, da? die wiederk?men,? sagte die Frau, ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend, den sie wie eine Waffe packte; ?ich wollte ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!?

?Da müssen Sie schm?hliches Geld blechen,? sagte He?berger, ?und es hilft Ihnen gar nichts.?

?Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!? rief Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die linke Hand. ?Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon einen ordentlichen Menschen nennen k?nnen, der Einen nicht blos zum Vergnügen über's Ohr haut.?

?Liebe Madame Müller,? sagte da die Frau He?berger rasch, ?thun Sie das nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was wei? der von den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der Herr....?

?Lassen Sie mich nur machen, Frau He?berger,? sagte Madame Müller, die eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien. ?Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und wei? selber, was ich zu thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren, den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!?

?Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,? sagte He?berger, der sie jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten h?tte.

?Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr He?berger,? versicherte Madame Müller, ?ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen allerseits – wünsche gesegnete Mahlzeit!? und damit ?ffnete sie die Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann, ohne Regenschirm die Stra?e heruntergekommen und, da er sich besonders vor Erk?ltung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, da? es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch vorüberziehen würde, denn ?gestrenge Herren regieren nicht lange.? Aber der Donner folgte immer langsamer und in gr??eren Zwischenr?umen dem Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen h?rbar wurde, und immer wollte der eigentliche Gu? nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu werden.

Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen h?tte. Wer aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmef?llen einen von ihnen auf der Stra?e. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den H?usern wegzulaufen. Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war, schien es, als ob es mit frischen Kr?ften an zu gie?en fing; es dachte gar nicht daran, aufzuh?ren, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem gro?en hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er vor dem Thorwege war, kam ein pl?tzlicher Windsto? die Stra?e herunter, fa?te unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinst?be nach oben, w?hrend eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windsto? eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen und nun vollst?ndig wehrlosen Eigenthümer des Schirmes ausschüttete.

?Herr Du meine Güte!? sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so rasch in das Haus hinein, da? ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte. Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Gr?bste von Hut und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar zu wischen, denn er war vollst?ndig überschüttet worden, und Witte erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach.

?Ei, ei, mein lieber Herr Rath,? sagte er, ?Sie sind ja in ein ganz geh?riges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.?

Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an der Stimme. W?hrend er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf herunter, als ob er sie auf der Nase h?tte und darüber hinwegsehen wollte, und rief pl?tzlich aus: ?Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt, das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zuf?llig zu treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch gar nicht dagewesen – dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller Gemüthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stückchen vor die Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als pl?tzlich ein Gewitter ankommt, und ich war drau?en auf freiem Felde, und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus. Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber Gott, das wurde immer ?rger, das regnete, als ob es mit Mulden g?sse, genau so, wie jetzt da drau?en, und es h?rte auch den ganzen Nachmittag nicht auf.?

?Wenn wir nur eine Droschke bekommen k?nnten,? sagte der Staatsanwalt, der ungeduldig indessen auf die Stra?e hinaus sah; ?ich habe gar nicht einmal so lange Zeit, ich mu? nach Hause, und nun das Wetter – mit meinen dünnen Stiefeln – wenn ich nur wenigstens Gummischuhe mitgenommen h?tte!?

?Die helfen auch nicht viel,? sagte der Rath. ?Da kam ich einmal Abends in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich hatte meine Gummischuhe mitgenommen. W?hrend der Vorstellung mu?te sich aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, da? ich an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fu?, und immer ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.?

Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen Erz?hlungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartn?ckigkeit weiter, und die Frau spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Gu? treten, als ihr Auge zuf?llig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise Platz machte.

?Ne, so 'was lebt nicht!? rief sie pl?tzlich im gr??ten Erstaunen aus. ?Da ist er ja – wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein vortreffliches Pl?tzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf k?nnen Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir noch dazu!?

?Liebe, beste Frau,? sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende Anrede reizte sie ganz besonders: ?Der Teufel ist Ihre ?liebe, beste Frau!? rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon ge?ffneten Schirm wieder zu schlie?en. ?Sie sollen mir aber vor's Messer, darauf k?nnen Sie sich verlassen, und wenn ich....?

?Heh, Droschke! Droschke!? rief der Staatsanwalt auf die Stra?e hinaus. Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt haben konnte, hatte aber auch keine gro?e Lust, einem etwaigen Streit zuzuh?ren, und der Wagen, der gerade zuf?llig gegenüber eine ?Fuhre? abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher h?rte auch den Ruf und lenkte um, und mit einem kurzen Gru? gegen den Rath sprang der Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier im Thorweg, und au?erdem noch durchaus na?, das Unwetter abwarten? Nein – hier drinnen wüthete es ?rger als drau?en, und einen herzhaften Entschlu? fassend, spannte er mit einem pl?tzlichen Ruck seinen Schirm, sagte ?Guten Morgen, Madame!? und war mit drei Schritten wieder unter der Traufe. Er h?rte noch hinter sich her etwas von ?Gerichten? und ?Hausschleichern?, aber der auf den Schirm schlagende Regen ert?dtete die Worte, und dem Sturm in die Z?hne arbeitete er sich, Madame Müller ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Stra?e hinauf.

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