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Celsissimus

Celsissimus

Author: : Arthur Achleitner
Genre: Literature
Celsissimus by Arthur Achleitner

Chapter 1 No.1

Die Fastnacht des Jahres 1588 sollte in Salzburgs Trinkstube mit einem gl?nzenden Fest, Schmaus und Tanz der Bürgergeschlechter gefeiert werden, dem beizuwohnen der junge Landesherr, Erzbischof Wolf Dietrich, in Gnaden der Bürgerdeputation versprochen hatte.

Demgem?? mu?te alles aufgeboten werden, das Fest so herrlich als in diesen Zeitl?ufen m?glich zu gestalten; der sonst beh?bige Bürgermeister Ludwig Alt hat diese hochwichtige Angelegenheit selbst in die Hand genommen und die Stadtr?te, vornehmlich seinen Bruder Wilhelm Alt, den Handelsherrn, um kr?ftige Unterstützung angegangen, wasma?en es gilt, dem prunkliebenden Fürsten ein seiner würdiges Fest darzubieten. Im Erzstift wu?te man m?nniglich, wie sehr sich Wolf Dietrich auf dergleichen versteht, sein Einritt im Herbst des vergangenen Jahres gab den Unterthanen hiervon einen Begriff, die unerh?rte Pracht, welche selbst der unbarmherzige Salzburger Regen nicht zu beeintr?chtigen vermochte, blendete nicht blo? Bauern und Bürger, sie verblüffte auch den Adel. Einem solchen kunstverst?ndigen, prunkliebenden Herrn ein Fest zu bieten, war daher keine leichte Aufgabe. Doch die Ratsherrn der Bischofstadt hatten hierzu den Willen, und die reichen Patrizier das n?tige Geld; man will dem Landesfürsten zeigen, da? auch die Bürger der Residenz sich auf üppige Feste verstehen.

So eifrig ist denn seit vielen Jahren nicht Rats gepflogen worden, als in der Zeit von Neujahr bis zum Fastnachtsfeste; man teilte die Arbeit, jeder Ratsherr erhielt sein Teil zugemessen.

Der hagere Handelsherr Wilhelm Alt, weitum bekannt durch seine kaufm?nnischen Talente, noch mehr aber durch seine sch?ne Tochter Salome, die als das herrlichste Gesch?pf Europas gepriesen ward, hatte die Fürsorge um das Mahl übernommen und konnte seiner Aufgabe gerecht werden, da ihm die Beihilfe seiner im Hauswesen tüchtigen grundgescheiten Tochter in jeder Weise wurde. Für Beschaffung erlesener Weine sorgte Rat Thalhammer, eine Weinzunge fürnehmer Art, geschult durch viele Reisen in Italien und Griechenland; ?Vater Puchner", der Z?pfler, hatte es übernommen, etwaigen Wünschen nach einem Trunk guten Salzburger Bieres gerecht zu werden. Martin Ho? mu?te die Musikanten besorgen und die Anleit zum Balle geben.

Andere Ratsmitglieder ordneten die Ausschmückung der R?umlichkeiten der Trinkstube, die auch als Gasthof zur Fremdenbeherbergung diente und gro?es Ansehen geno?, und schlie?lich ward für diesen Festabend eine besondere Kleiderordnung ausgegeben, nach welcher sich die m?nnliche Bürgerschaft zu richten hat, dieweilen das für die Weiberwelt nicht n?tig ist, denn diese wei? sich schon selber aufs sch?nste herauszuputzen.

Zu Fu? und vielfach nach welscher Art in S?nften waren die Honoratioren der Bischofstadt im Trinkhause erschienen, buntgeschmückt und erwartungsvoll. In einem Seitensaale neben der Tanzhalle versammelten sich Salzburgs Frauen und M?dchen, in einer Gruppe standen eifrig parlierend die Junker und jungen Bürgers?hne, die Ratsherren hielten den vorderen Teil des Hauptsaales besetzt, empfangsbereit und voll Erwartung bange murmelnd. Ein Teil der Bürgerschaft hingegen hatte rasch entdeckt, da? ein Schenktisch in einem Gemache hinter dem Festsaal steht, wohlbesetzt mit Zinnkrügen, Silberk?pfen, Kannen, Pokalen und Humpen, ja auch viel Majolikageschirr aus Welschland war vorhanden, und recht derb kontrastierten dagegen die h?lzernen Bierbitschen. Da? alle diese sch?nen Gef??e teils mit Wein, teils mit Gerstensaft gefüllt seien, hatten junge Leute bald los. Zwar lautet das Gebot, da? vor Tafelbeginn der Schenktisch nicht geplündert werden dürfe, doch von den gewaltigen Ratsherren war heut keiner um die Wege, die Aufw?rter fragte man nicht, und so schluckte so mancher aus den Gef??en, ohne lang zu fragen, ob es erlaubt und wessen der Inhalt sei. ?Was man hat, besitzt man!" gr?hlte ein junger Negotiator, und sein Beispiel wirkte aneifernd genug.

Im Hauptsaale, so sch?n und gro?artig, da? darin ein r?mischer Kaiser logieren k?nnte, war die Tafel, bedeckt mit schwerem Damast und goldenen wie silbernen Kannen, Bechern und Schüsseln, ausgestellt, wundersam zu beschauen auch ob der Schaugerichte, so da waren ein Pfau mit aufgeschlagenem Rade, der unvermeidliche Schweinskopf in reicher Garnierung, gewaltige Huchen und rotbetupfte Ferchen, auch Fasanen mit senkrecht aufragendem Sto?, und etliche Gebirge aus Zucker, darunter der Untersberg, aus dessen Quellen Wei?wein als Bergbrünnlein herniederrieselten.

Lustige Weisen der Zinkenbl?ser und Posaunisten, dazu Trommelwirbel und Schellengeklingel t?nten von der Galerie herab, den buntgeschmückten Festg?sten die Wartezeit bis zum Beginn zu verkürzen, doch h?rte man nicht viel auf die lockende, bald leise schwirrende, bald wieder grell l?rmende Musik. Die Weiber hatten Besseres, Wichtigeres zu thun im Mustern der Kleider von Freundinnen, im schauen und kritisieren, und der Anblick, den Salome Alt, des Kaufherrn bildsch?ne Tochter bot, versetzte die anwesende Frauenwelt in eine Erregung, die sich in Rufen des Erstaunens, im Gemurmel und Tuscheln grimmigsten Neides ?u?erte.

Salome, ein M?dchen mittlerer Gr??e von kaum zwanzig Lenzen, war soeben in den für die Frauen reservierten Raum getreten; l?chelnd begrü?te sie die Damen, nickte den M?dchen zu und schritt langsam zur Bürgermeisterin, die sich ob der Pracht solcher Kleidung nicht zu fassen wu?te, wiewohl sie wahrlich wei?, da? Salome über Prachtgew?nder dank der Freigebigkeit des Vaters zu verfügen hat. Ein bezaubernder Liebreiz ist über das runde Madonnenantlitz des M?dchens ausgegossen, der schlanke Wuchs weist das herrlichste Ebenma? auf mit einer Fülle reizendster Formen, die ein M?nnerauge in hellstes Entzücken versetzen mu?. Blendend wei? die reine Stirne, von blonden L?ckchen umrahmt, die Z?hnchen schimmernd gleich Perlen, das goldige Haar aufleuchtend im Licht der vielen Kerzen, Kinderaugen lieb und rein, rundes Kinn, ein Wesen so sanft, unschuldsvoll und lockend, und dennoch bescheidener Art, die es vermeidet, das eigene sch?ne Ich irgendwie in den Vordergrund zu dr?ngen. Ein leises Rot liegt wie angehaucht auf Salomes zarten Wangen, ein L?cheln inneren Triumphes auf den leicht ge?ffneten Lippen. Fürstlich mu? die Erscheinung des M?dchens genannt werden im weiten blauen, mit N?rzpelz gefütterten Atlasrock, besetzt mit goldenen und silbernen Schnüren, um den Hals eine vierfache Perlenkette, am Halsausschnitt die steife Spitzenkrause, die ?rmel verbr?mt mit golddurchwirktem Tuch.

?Gott zum Gru?, liebwerte Muhme!" lispelte Salome und erwies der

Bürgermeisterin gebührende Reverenz.

Frau Alt brachte den Mund nicht zu vor überraschung und mu?te erst verschnaufen, bis sie zu stammeln vermochte: ?Salome! Wie eine Fürstin siehst du aus! Gott straf' mich peinlich, so dein Rock nicht die fünfhundert Lot Perlen hat und in die tausend Thaler kostet!"

?Gef?llt Euch das Kleid nicht? Das th?t' mich schmerzen, der gute Vater ist zufrieden, und das macht mich immer glücklich!"

?Schon, gewi? auch! Aber Perlen, so viel Perlen für eine junge Maid! Das ist zu viel des Guten, Kind! Und Perlen bringen dereinst Z?hren, das hat mein Ahnl schon gesagt!"

?Des will ich warten, Muhme!" lachte silberhell die sch?ne Salome, ?ich habe Zeit und fürchte mich nicht davor. Doch wenn Ihr verlaubet, will die anderen Frauen ich begrü?en!"

Indes Salome einer Fürstin gleich und doch bürgerlich bescheiden den Frauen zuschritt, ward es immer lauter am Schenktisch drüben, wo der hastig geschluckte starke Südwein die Geister bereits zu entfesseln begann, und sowohl Stadtrat Thalhammer wie der ob seines Festbieres besorgte Vater Puchner herbeigeeilt waren, um weiteren Beraubungen der Getr?nkevorr?te vorzubeugen. Ihr Veto und der Hinweis, da? die k?stlichen Weine für das fürstliche Gefolge, nicht aber für Schmarotzer bestimmt seien, rief lebhaften Protest der naschhaften Bürgers?hne hervor, und besonders der noch ziemlich jugendliche Ratssohn Lechner opponierte lauter als schicklich war, gegen sothane Bemutterung. ?Festg?ste sind wir alle und in der Trinkstube zum trinken da, es bleibt sich gleich, ob wir unser Deputat vor oder erst nach dem Mahle trinken. Und auf diesen Wein wird der Fürst wohl nicht reflektieren, der hat besseren Tropfen im Keller des Keutschachhofes, besseren, sag' ich, als dieser Raifel, und der H?pfwein gar, der hat einen Stich!"

Nun war es zu Ende mit der Ruhe Thalhammers, den eine Verschimpfung von Weinen, die seine Zunge als fürtrefflich erkieset, beleidigte. ?Die Pest hat er, so diese Weine stichig sind! Sauf' er Wasser vom Gerhardsberg, das giebt Ihm den Verstand wieder, so einer überhaupt vorhanden war! Und die Rumorknechte schick' ich ihm auf den Hals!"

?Die la?t nur hübsch zu Hause! Wir sind in unserer Trinkstube, die ist st?dtisch und geh?rt uns Bürgern! Wollt Ihr beten, geht in den Dom, ist Platz genug darin, für Euch und den Erzbischof!"

?Wollt Ihr gleich stille sein!" mischte sich Vater Puchner dazwischen, dem nicht ganz wohl ward bei so respektwidriger Erw?hnung des noch dazu eben erwarteten Landesfürsten. ?Wollet Ihr gr?hlen, wartet bessere Gelegenheit ab! Kein Wort aber mehr über den erleuchteten erlauchten Herrn!"

Dem Lechner sa? der Weinteufel aber schon im Gehirn und er polterte unbekümmert los: ?Erleuchtet, hehe! Der neue Herr mit dem seltsam Wappen! Wi?t Ihr, Bierwanst, was der W?lfen Dieter im Schilde führt? Ich will es Euch sagen: eine schwarze Kugel im wei?en Felde! Das ist die Finsternis! Wir werden es noch erleben, ein Wetter wird gehen über das Erzstift! Bringt Euren Schmeerbauch zu rechten Zeiten weg, der Erlauchte k?nnte Euch darauftreten, da? Ihr zwillt!"

Bestürzt rief Rat Thalhammer: ?Haltet ein, Ihr schw?tzt Euch um den Kopf! Der neue Herr vergeht keinen Spa? von solcher Seite und l??t uns entgelten, was der Weindunst aus Euch spricht!"

Grimmig pfauchte Lechner: ?So la?t Euch auf den K?pfen tanzen, da? es staubt, Ihr Memmen! Ich fürcht' ihn nicht, den W?lfen Dieter samt seinen Degen! Haha! Ein Kirchenfürst, der spanisch herumstolziert gleich einem geckenhaften Junker!"

L?rmender Tusch unterbrach diese Scene; auf ein Zeichen des

Bürgermeisters hatten die Musikanten eingeht, den ins Haus getretenen

Landesherrn anzublasen.

Die mit Tannengrün und den Farben Salzburgs geschmückte Treppe herauf stieg Wolf Dietrich, gefolgt von den Würdentr?gern seines Hofes. Der Gestalt nach war der Erzbischof und Landesfürst schm?chtig, fast klein zu nennen, unsch?n die Züge seines Gesichtes mit kleinen, doch lebhaften Augen, deren Blick es jedoch verstand, sich Respekt zu verschaffen und den keiner auf die Dauer aushielt. Eine Unruhe lagerte über diesem Antlitz, ein Gedankenreichtum, etwas undefinierbar Gewaltiges, jeden Augenblick bereit, überraschend loszubrechen. Kaum drei?igj?hrig ging von diesem Manne ein Wille aus, der an die Vollkraft des reifen Mannes, an eine unbeugsame Willensst?rke gemahnte, die Gestalt Wolf Dietrichs atmete Hochmut, trotz der kleinen Erscheinung, und gemahnte keineswegs an einen duldsamen Kirchenfürsten. Aristokrat von der Sohle bis zum Scheitel vereinigte Wolf Dietrich die Eigenschaften schw?bischen und lombardischen Blutes in sich; ein frischer, junger Mann ?geschwinden Sinnes und Verstandes und auch hohen Geistes", der infolge seiner Studien im collegium Germanicum zu Rom, seiner Erziehung im Palazzo seines Oheims Marx Dietrich von Hohenems, als Gro?neffe des regierenden Papstes, an Bildung den Landadel turmhoch überragte und sechs Sprachen beherrschte.

Wolf Dietrich trug spanische Tracht, den Federhut, wie ihn Rudolf II. liebte, das Rappier stets an der Seite, wenn er nicht des Chorrocks und Baretts ben?tigte, und einen kostbaren schwarzen Mantel um die Schultern geschlagen. In dieser Kleidung war der schw?bische Landjunker von Raittenau am Bodensee sicher nicht zu erkennen, und der mit 29 Jahren zum Fürst-Erzbischof vom Stifte Salzburg erw?hlte Herr von Raittenau liebte es auch nicht, an seine schw?bische Abkunft erinnert zu werden, wiewohl die Kriegsthaten des Vaters Hans Werner ruhmreich genug gewesen. Seine Mutter Helena war eine Nichte Pius' IV. aus dem Geschlechte der Hohenems, ihr mediz?isches Blut wallte in Wolf Dietrich hei? und stürmisch auf zu Rom wie - verspürbar allenthalben zu Salzburg.

Mit dem ihm eigenen stechenden Blicke musterte Wolf Dietrich die Dekoration im Treppenhause und stieg langsam empor, haltmachend vor dem in tiefster Verbeugung gehenden Bürgermeister Alt, der ehrerbietigst Seine Hochfürstliche Gnaden begrü?te, ohne den gekrümmten Rücken zu heben, und den Willkomm gleichzeitig mit dem Dank für das huldvolle Erscheinen des gn?digen Fürsten stammelte.

Ein hochmütiger Blick flog über des Bürgermeisters Rücken hinweg zu den Saalthüren, durch welche heller Kerzenschimmer herausflutete, es schien, als suchten Wolf Dietrichs Augen eine bestimmte Peinlichkeit.

?So m?gen denn Ew. Hochfürstliche Gnaden geruhen, den Schritt zu setzen in das vor Freude erzitternde Haus bemeldter Stadt, die das Glück hat...."

?Will nicht hoffen! Liebe ?zitternde' H?user nicht! Soll ich aber den Fu? in den Saal setzen, mag Er Raum dazu geben!" sprach ironisch l?chelnd der junge Fürst, worauf sich der Bürgermeister erschrocken mit seinem gutgen?hrten B?uchlein an die Stiegenmauer drückte. Wolf Dietrich schritt an ihm vorüber, und Alt wollte eben dem Fürsten folgen, da drückte ihn die energische Hand des Kammerherrn hinweg, das fürstliche Gefolge blieb dem Gebieter auf den Fersen. Bis auch noch die Edelknaben die Stiege vollends erklommen hatten, war Wolf Dietrich l?ngst im Hauptsaal angelangt, und der Bürgermeister stand verdutzt an der Stiegenmauer.

Die Stadtr?te beugten sich wie ein ?hrenfeld im Winde vor dem Gebieter, dessen Feueraugen indes nach dem Frauengemach schielten, und mit ebenso überraschender wie gewinnender Liebenswürdigkeit sprach Wolf Dietrich: ?Meinen Dank allen für den freundlichen Empfang! Doch ich bitte, zuerst die Damen! Nicht will ich die Ursache sein einer Verz?gerung, und Frauen soll man niemals warten lassen!"

Auf einen Wink des Fürsten schritt der K?mmerling an die offene Thür des

Frauenwartegemaches und sprach: ?Seine Hochfürstliche Gnaden lassen die

Damen bitten, in den gro?en Saal zu treten!"

Scheu und doch neugierig, geschmeichelt und doch ?ngstlich zugleich wollte von den Frauen keine vortreten, und für die jungen M?dchen schickte sich ein Vortritt überhaupt nicht.

?Nicht um die Welt und Gastein dazu geh' ich voraus!" wisperte die verdatterte Bürgermeisterin in einer schier unüberwindbaren Scheu vor dem Auge Wolf Dietrichs. Um aber an der Ehre des Vortrittes doch einigerma?en Anteil zu haben, auf da? sothane Ehre in der Verwandtschaft bleibe, gab Frau Alt der Nichte Salome einen ebenso freundlichen wie verst?ndlichen Sto? mit der kn?cherigen Faust und tuschelte dazu: ?Geh du voraus, dein Kleid vertr?gt es!"

?Wenn Ihr glaubt, Muhme, ich fürchte mich nicht und wü?te auch keinen Grund zu Angst und Sorge!" erwiderte leise die sch?ne Salome, und schritt durch die offene Thür in den Hauptsaal; hinterdrein zappelten nun die Frauen und T?chter und guckten sich die Augen und H?lse wund nach dem jungen Fürsten in der spanischen Tracht.

Noch ehe Salome die Lippen ge?ffnet, um den Dank von Salzburgs Damen für das gn?dige Erscheinen des Landesherrn darzubringen, war Wolf Dietrich in seiner impulsiven Art dem sch?nen Fr?ulein entgegengegangen, und lebhaft rief der Fürst: ?Ah, welches Glück lacht mir entgegen, des Festes K?nigin erscheint, und sie wolle auch meine Huldigung entgegennehmen!" Mit eleganter Wendung griff Wolf Dietrich nach dem zierlichen H?ndchen Salomes und drückte galant die Lippen darauf.

?Hochfürstliche Gnaden!" stammelte überrascht die sch?ne Salome und wollte die Hand zurückziehen.

?Nicht doch, bellissima! Gew?hrt die Gnade, da? des Stiftes Salzburg Herr der Sch?nheit huldigt! Euren Arm, Donna, und nun wollen wir geruhen, das Fest zu er?ffnen!"

Salome hatte sich gefa?t, die chevalereske Huldigung schmeichelte ihrem Sinn wie die offenkundige Auszeichnung; Salome wu?te, da? sie strahlend sch?n, begehrenswert wie keine zweite Dame unter Salzburgs M?dchen ist, und in diesem Triumph legte das Fr?ulein, holdselig l?chelnd, den vollen runden Arm in jenen des jungen Fürsten. Das Paar schritt nun durch den Saal, die Musikanten spielten eine flotte Weise dazu, die überraschten Patrizier und deren Frauen, S?hne und T?chter thaten das klügste, indem sie sich paarweise anschlossen und in der Ronde hinterdrein schritten. Gelegenheit zum schw?tzen war dabei reichlich genug vorhanden, die Mündchen der Damen schnurrten wie Spinnr?dchen. Neues genug bringt der neue Herr in alle Kreise. Ohne vorherigen Cercle ein Fest zu er?ffnen, sich ein Fr?ulein herauszufischen, und das zur Festesk?nigin erküren und auszurufen, welch neues, ungew?hnliches Vorgehen! Wenn der Fürst da doch wenigstens die eigene Tochter herausgefischt h?tte! Aber so schlankweg die Salome Alt, die ohnehin sich geriert, als stamme sie aus fürstlichem Geblüt! Es mu? ihr ja der Neid lassen, da? sie sch?n ist, hübscher als alle andere, aber weil das unbestreitbare Thatsache ist, w?re es besser, wenn sich die Alt-Tochter mehr im Hintergrund verhielte! Und dieser fabelhafte Luxus in der Kleidung! Eine Prinzessin hat kaum so viel Perlen zu tragen!

Salomes Vater, Herr Wilhelm Alt, war mit sich selber nicht recht einig, als er mit der Schw?gerin, der Muhme Salomes, dahinschritt. Die seiner Tochter widerfahrene Auszeichnung schmeichelte zum Teil ja gewi? auch dem Vater, besonders da Wolf Dietrichs Art sonst hochmütig ist und der junge Gebieter viel auf h?fische Formen h?lt. Aber eben die so pl?tzliche Durchbrechung der Etikette will dem stolzen Kaufherrn nicht gefallen, sie verletzt durch ihre Au?erordentlichkeit. Einem Stachel gleich wirkt auch die von Wilhelm Alt wohl beobachtete Scene, wie der Bruder-Bürgermeister von den Herren des fürstlichen Gefolges an die Stiegenwand gedrückt wurde; die Hofschranzen nehmen sich in ihrem übermut zu viel heraus, der Bürgerstolz ist verletzt und stolz waren die Salzburger Patrizier von jeher. Was aber thun in diesem ungew?hnlichen Falle? Es ist nicht opportun, als Vater hinzutreten und dem Fürsten die Tochter aus dem Arm zu rei?en.

Die Muhme-Schw?gerin trippelte an Wilhelm Alts Seite, schwelgend in Glückseligkeit. Von dem ihrem Gatten widerfahrenen Affront hat sie keine Ahnung, sie hat nur die beglückende Auszeichnung ihrer Nichte durch den stolzen Landesherrn wahrgenommen, mit eigenen Augen gesehen, wie der Gebieter die Hand Salomes gekü?t, als w?re die Nichte eine wahrhaftige Prinzessin. Welches Glück, welche Auszeichnung für Salome, für die ganze Familie Alt! Die Muhme sieht die Zukunft in rosigem Lichte. Wer wei?, welche Auszeichnungen ein Verkehr mit dem fürstlichen Hofe, mit dem Erzbischof noch bringen kann! Hat doch Wolf Dietrich die besten Beziehungen zum Vatikan! Verwandt mit Seiner Heiligkeit! Ihn kann es nur ein Wort kosten, und die Muhme erh?lt den p?pstlichen Segen separat, nur für sich! Die Bürgermeisterin erschrak in Gedanken vor der Kühnheit ihrer Hoffnungen, sie erinnerte sich, da? der Gemahl nichts weniger denn solche r?mische Aspirationen hegt und seine Behaglichkeit h?her sch?tzt als Fürstengunst. Wenn es sich aber heimlich bewerkstelligen lie?e, alles und just das brauchte der Bürgermeister ja nicht zu wissen, - der Muhme schwindelte vor diesem Gedanken und unwillkürlich stützte sie sich fester auf den Arm des Schwagers.

Wer sich am Rundgang nicht beteiligt hatte, die jüngeren Bürger, Junker, auch die Plünderer des Schenktisches, hatten sich an der Saalwand aufgestellt und bildeten eine Gruppe in der Ecke, zu welcher sich der gründlich vergr?mte Bürgermeister Alt gesellte, dessen Blicke nicht viel Gutes zu künden schienen. Manches bissige Wort über den Fürsten und sein Charmieren mit Salome fiel in dieser Gruppe, und der Bürgermeister wehrte dessen nicht. In ihm kochte es, die Behandlung auf der Treppe hat sein Blut erhitzt. Nicht minder ?rgert es Alt, da? sein Eheweib an des Bruders Seite ersichtlich verkl?rt, schwimmend in Glückseligkeit, hinterdrein trippelt und durch dieses alberne Nachlaufen das fürstliche Karessieren gewisserma?en sanktioniert. Bürgermeister Alt knurrte: ?Dumme Gans! Und Wilhelm k?nnte auch etwas Besseres thun, als mit der alten Schachtel hinterdrein zu laufen!"

Einer der Jungen, die vom Südwein zu viel erwischten, kr?hte mit heiserer Stimme: ?Guckt ihn an, den Erzbischof, der t?nzelt wie ein spanischer Junker!"

Und ein anderer, dessen Augen bereits gl?sern geworden, brachte schluckend heraus: ?Fein - wird-'s im E-e-er-z-st-st-stift!"

Inzwischen war Wolf Dietrich mit Salome an diese Gruppe herangekommen; der Fürst winkte der Musik, die mit einer Dissonanz j?h abbrach, und sprach, seine Dame im Arm behaltend, den Bürgermeister mit vollendeter Liebenswürdigkeit und Herablassung wohlwollend an: ?Lieber Alt! Niente di male! Ihr verzeiht mir wohl, da? ich im Banne der Sch?nheit auf Eure Meldung und Unordnung nicht gewartet, das Fest mit der K?nigin in persona er?ffnet habe. Salzburgs sch?nste M?dchenblume rechtfertigt mein Verhalten und erkl?rt die Begeisterung meiner Gefühle! Glücklich ein Land, in dessen Gefilden solche Blumen blühen, glückliches Salzburg, dessen Herr zu sein mich mit freudigem Stolz erfüllt! Nun, mein lieber Bürgermeister, ist es nach Eurer Absicht, so la?t uns das Mahl beginnen, doch wünsche ich, da? zu Tisch mir des Festes K?nigin zur Partnerin verbleibe!"

Der Bürgermeister hatte seinen Ohren nicht getraut, diese huldvolle

Ansprache warf alle Rachegedanken über den Haufen, sie mu?te einen

Drachen in ein sanftes Lamm verwandeln; zum mindesten, das fühlte der

Stadtvater deutlich genug, geh?rt auf solche Huld eine h?fliche

Dankesantwort, die aber im Handumdrehen nicht gedrechselt werden kann,

denn Herr Ludwig Alt ist kein Geschwindredner und seine Gedanken

verlangen eine überlegte gem?chliche Aneinanderreihung. ?Hochfürstliche

Gnaden haben geruht!" Das war der erste Anlauf, und nun mu? einen

Augenblick nachgedacht werden, was hinzugefügt werden k?nnte.

Doch der lebhafte Fürst sprach dazwischen: ?Ihr seid also nimmer ungehalten, solche Vers?hnlichkeit ehrt Euch und l??t den milden Sinn des treubesorgten Stadtvaters erkennen! Ich irre nicht, wenn ich Eure Zustimmung voraussetze. Zu Tische denn, und Euch, Bürgermeister, lade ich ein, zu meiner Linken den Platz zu nehmen. Zu meiner Rechten behalte ich die Verk?rperung der Sch?nheit, des Festes K?nigin!"

Eine Fanfare schmetterte in den Saal, in ihr ging der Dank des

Bürgermeisters unter.

?Eure Gemahlin nehmen wir mit!" rief Wolf Dietrich dem Stadtvater zu, dem darob die Ohren sausten.

Die Herablassung des Landesherrn wirkte zündend, die gl?nzende Versammlung akklamierte frohgestimmt dem leutseligen jungen Fürsten, ein Tusch der Musikanten verst?rkte die brausenden Hochrufe, und in lebhafter Beweglichkeit ward zur Tafel geschritten. Eilig hatte es die Bürgermeisterin, welche die Worte des Gebieters glücklich erhascht hatte, an die Seite des Gatten zu gelangen, wozu die überglückliche ihre Arme wohl zu gebrauchen und sich im Menschengewirr Bahn zu schaffen verstand. Die Herren, welche Frau Alt so unsanft zur Seite dr?ngte, lachten auf ob der Beteuerung, da? der Fürst Verlangen trage nach der Stadtmutter, und lie?en die in ihrer Glückseligkeit drollige Frau bereitwillig durch. So gelangte Frau Alt zu ihrem Gatten, der sie nun wohl oder übel zu Tisch geleiten mu?te.

?Der Sch?nheit Majest?t wolle mich beglücken!" flüsterte Wolf Dietrich, als er mit Salome sich dem Ehrenplatz an der Prunktafel n?herte.

?Hochfürstliche Gnaden überschütten mich mit Huld und Gunst in unverdientem Ma?e!" erwiderte l?chelnd Salome und senkte bescheiden die Lider.

?Nicht doch! Wessen Blick geschult ist durch das Leben im ewigen Rom, vermag wahre Sch?nheit zu erkennen, doch versagt die Sprache, sie gebührend zu preisen. Ich huldige der sch?nsten K?nigin, so die Erde tr?gt, und bitte, diese aufrichtige Huldigung in Gnaden aufzunehmen!" Ein leiser Druck des Armes auf jenen Salomes, dann gab Wolf Dietrich seine Dame frei, winkte einem Edelknaben und beorderte diesen zur Bedienung der Dame.

Man setzte sich zur Tafel, und wie angeordnet, kam immer zwischen zwei Herren eine Dame zu sitzen, Frau Alt, deren Wangen vor Aufregung die Farbe der Klatschrose angenommen, hatte gehofft, zur Linken des Fürsten placiert zu werden, aber das litt nun der Gemahl doch nicht, hier wurde die Ausnahme gemacht. Dafür sa? nun die Stadtmutter zwischen den Brüdern Alt, also immer noch in auszeichnendster N?he des Landesherrn und Ehrengastes.

Noch ehe das Mahl begann, hatte sich Wolf Dietrich an seine

Tischgenossin gewendet: ?Irre ich nicht, so war das Geschick mir schon

einmal günstig, und ein guter Stern hat Euch vor kurzer Zeit in meinen

Palazzo geführt?"

Salome erhob das strahlend sch?ne Auge zum Gebieter, dann nickte sie und lispelte: ?Nicht ein Stern ist's gewesen, des Vaters Auftrag führte mich in den Palast. In Geldangelegenheiten geht mein Vater sicher und deshalb mu? zum Einhub die Tochter kommen."

?So waret Ihr es doch, die ich flüchtig nur bei meinem Kastner sah!"

Salome nickte.

?Und Euer Vater, glücklich zu preisen ob solcher Tochter, die allen

Liebreiz in sich verk?rpert, ist er hier in unserem Kreise?"

Leise erwiderte Salome, da? der Vater zur Linken neben der Muhme Platz genommen habe.

?Und die Mutter?"

?Die Teure ist seit langem uns entrissen!"

?Wie schmerzlich mu? es gewesen sein, von solchem Kind zu scheiden! Doch wollen wir in der Gegenwart bleiben!" Wolf Dietrich lehnte sich in seinen Stuhl, dessen Lehne mit dem Raittenauer Wappen und den bisch?flichen Farben geschmückt war, zurück, um den Blick auf Wilhelm Alt frei zu bekommen. Ein kurzer, musternder, prüfender, stechender Blick, der dem Antlitz des Fürsten einen harten Ausdruck gab, dann kehrte wohlwollende Leutseligkeit in das Antlitz zurück, und freundlich, mit gewinnender Güte und Herablassung rief Wolf Dietrich dem Handelsherrn zu: ?Wilhelm Alt, meinen Gru?! Verzeiht, da? so versp?tet ich an Euch mich wende, Euch glücklich preise ob der sch?nen Tochter und den Dank Euch sage dafür, da? es mir verg?nnt, die K?nigin des Festes zur Partnerin zu haben!"

Wilhelm Alt hatte sich schon bei den ersten Worten erhoben und dem Fürsten tiefe Reverenz durch eine Verbeugung erwiesen. Dann aber blieb der Handelsherr aufrecht vor dem Landesherrn stehen, stattlich anzusehen als ein seiner Bedeutung wohlbewu?ter, reicher Patrizier. Ein von Liebe und v?terlichem Stolz sprechender Blick flog zu Salome hinüber, ein zweiter galt dem Fürsten, und dieser Blick schien prüfend, mi?trauisch zu sein, gleichsam, als traue der Vater nicht dem jungen Herrn, der so wenig Hehl aus seiner Bewunderung und Huldigung für die Tochter mache. Der Dank für die Ansprache fiel etwas kühl aus, vollendet h?flich und ehrerbietig, aber fühlbar frostig.

Sofort zeigte des Fürsten Antlitz den Zug unbeugsamer H?rte, den Ausdruck von Hochmut, der Blick ward stechend und h?hnisch; doch weltgewandt meisterte Wolf Dietrich sofort seine Empfindungen und den Gesichtsausdruck, die Falte auf der geistkundenden Stirn gl?ttete sich, l?chelnd grü?te der junge Kirchenfürst unter den Worten: ?Wir danken Euch, Wilhelm Alt und wollen Euch den nun beginnenden Tafelfreuden nicht l?nger entziehen!"

Nach abermaliger tiefer Verbeugung nahm der Kaufherr seinen Platz wieder ein, sofort von der Schw?gerin interpelliert, was denn alles der gn?dige Herr gesprochen. ?Ich h?r' auf einem Ohr nicht gut, das schlechte Wetter ist daran schuld!" fügte die neugierige Bürgermeisterin hinzu. Wilhelm Alt war boshaft genug, um der Schw?gerin zuzuwispern: ?Einen Hopser will er sp?ter mit Euch machen!" Frau Alt schien das Geflüster doch vollkommen verstanden zu haben, denn ganz etikettwidrig platzte sie heraus: ?Nicht m?glich?" Das klang so drollig, da? auch Salome ein Kichern nicht unterdrücken konnte.

Wolf Dietrich hatte sich an den Bürgermeister gewendet, als der Gang: ?Ein gelb Essen ist lind zu essen"[1] serviert worden war, und sprach zum ehrerbietig aufhorchenden Stadtgewaltigen: ?Nun wir die linde Speise hinter uns haben, wollen wir auch linder Stimmung sein und vernehmen, was die Herzen meiner Salzburger beweget."

Das klang wie Musik in den Ohren Ludwig Alts, der es gleich dem Stadtrat bitter genug empfunden hatte, da? der Landesherr kaum nach seinem Regierungsantritt von den Errungenschaften früherer Erzbisch?fe schleunigst Gebrauch machte und eine Revision in den Personen des Stadtrates in Bezug auf ihre Gesinnung vornahm, die eine fühlbare Ver?nderung dieser Instanz hervorrufen mu?te.

Ludwig Alt traute aber der ?linden" Stimmung des jungen Gebieters nicht v?llig, immerhin wollte er den Versuch machen, sie zu Gunsten der Stadt, namentlich zur Wiedererlangung der abgenommenen Kriminalgerichtsbarkeit auszunutzen. Vorsichtig brachte Alt hervor: ?Wenn wir in schuldiger Ehrfurcht eines vom gn?digen Herrn erbitten dürften, so w?re es, da? das Stadthaupt und der Rat gewisserma?en doch auch noch etwas zu sagen h?tten!"

Wolf warf den geistvollen Kopf auf, sein scharfer, geschwinder Sinn hatte im Nu erfa?t, wohinaus der Bürgermeister zielte, doch wollte er die Erkenntnis nicht verraten und fragte daher: ?Wie meint Er das?"

?Wenn Hochfürstliche Gnaden es huldvoll verstatten wollen: Wir haben nur noch die Exekutive, seit Ew. Gnaden neue Hofratsordnung in Kraft getreten ist und auch diese Gerichtsbarkeit dieser erzbisch?flichen Beh?rde übertragen wurde, und -"

In diesem gewichtigen, ja gef?hrlichen Augenblick trat Wilhelm Alt, der in h?chster Spannung dem bedeutungsvollen Gespr?ch zugeh?rt, dem Bruder warnend auf den Fu?.

?Und?" fragte Wolf Dietrich mit lauernder Miene.

Der Bürgermeister konnte die brüderliche Warnung nicht recht deuten und im Banne der fürstlichen Frage rutschte ihm heraus: ?Und diese Exekutive erniedrigt uns zum bedeutungslosen Polizeibüttel, der sonst nichts ist und nichts zu sagen hat!"

Wolf Dietrichs Wangen f?rbten sich rot, Wilhelm Alt, der Weitblickende, erbla?te. Ahnunglos plauderten und a?en die Festg?ste, nur in der n?chsten Umgebung des Fürsten herrschte beklemmende Ruhe.

Wieder meisterte der Landesherr sein hei?es Blut, kühl, fast h?hnisch sprach er: ?Deut' ich das vernommene Wort recht, und es ist nicht schwer zu deuten, so spukt in euren K?pfen der Geist der Rebellion!"

Beide Alts zuckten zusammen. Da griff Salome helfend ein: ?Verstattet gn?digster Herr und Gebieter ein vermittelnd Wort!"

überrascht rief Wolf Dietrich: ?wie? Majest?t Sch?nheit will sich ins

Gebiet der Politik begeben?"

?Verzeihung, gn?digster Landesvater! Ich fühle wohl den herben Tadel in

den Worten Ew. Hochfürstlichen Gnaden und gestehe willig dessen

Berechtigung zu. Ein Weib, ein M?dchen nun gar soll schweigen, so im

Kreise bedeutender M?nner das Wohl des Landes beraten und erwogen wird.

Ein Weib -"

?Ein fürstlich Weib!" murmelte Wolf Dietrich und ein bewundernder Blick schien die sch?ne Gestalt Salomes umfassen zu wollen.

Klug nützte Salome den Augenblick wie die Schmeichelei: ?Ein Weib versteht nichts von den wichtig politischen Dingen, doch kann weibliches Empfinden oft besser erfassen, den Kern einer Sache erkennen, als ein kluger Manneskopf, wasma?en das Weib meist nicht von Nebendingen beeinflu?t ist."

?Ei ei, der Diplomat im weiten Rock!" lachte der Fürst amüsiert.

Tapfer behauptete Salome: ?Ew. Hochfürstliche Gnaden werden mir zugeben, da? ich in der eben vernommenen Sache ganz unzweifelhaft nicht beeinflu?t bin, denn mit Kriminal- und peinlichen Prozessen habe ich in meiner Lebtage nichts zu schaffen gehabt und hoffe, davon verschont zu bleiben, bis des Alters Schnee auf meinem Haupte lastet und darüber hinaus."

?O, carissima mia! Wie kann das lieblichste Gesch?pf der Erde die Schrecken des Alters heraufbeschw?ren, st?ren den harmonisch sch?nen Eindruck, der mein Herz entzückt! Schnee auf Eurem goldigen Haupte, holde G?ttin meiner Seele! Bannt mir solches Denken! Hinweg damit! Ich kann dieses Wortbild nicht fassen, ich hasse es!"

?Und dennoch wird jene Zeit auch über mich kommen! Doch Euer Wunsch, gn?digster Herr, ist mir Befehl, heut und so lang ich lebe -"

?H?rt ihr es!" wandte sich Wolf Dietrich zu den beiden Alten, ?so spricht eine Unterthanin Salzburgs, weise und ergeben in den fürstlichen Willen, und w?ren der Unterthanen alle wie Sch?nsalome, es w?re eine Freud' und Lust, Herr zu sein! - Doch sprecht aus, was Eure Brust bewegen mag!"

?Mein Ohm," erwiderte Salome, ?der allverehrte Bürgermeister hat es ehrlich, wenn auch vielleicht zu hastig, ausgesprochen, da? zu viel genommen ward von den Rechten Salzburgs, da? der Rat erniedrigt sei zu bedeutungsloser Exekutive. Wahr ist dies Wort und Eure Partnerin ist nicht viel anderes als des Stadtbüttels Nichte, nicht wert an der Seite des gn?digsten Fürsten und Landesherrn zu sitzen!"

Galant erwiderte Wolf Dietrich: ?Sch?nheit adelt und erhebt!"

?Mit nichten, gn?digster Herr! Ein Fürst wird niemals ein Weib erküren, das nahezu unfrei ist, von niederer Abkunft, mag das Weib dabei engelsch?n sein!"

?Ein Anwalt, wie ich ihn meiner Sache nicht besser wünschen kann!" schmeichelte der Fürst, und fügte bei: ?Doch Eure Pr?misse stimmt nicht: Die Tochter eines Wilhelm Alt, des reichen Handelsherrn, ist nicht von niederer Abkunft, au contrair, der edelsten eine in meinem Lande, nur nicht von Adel! - Ist irrig die Pr?misse, kann die Folgerung nicht richtig sein! Was aber wünscht die verk?rperte Anmut in so bemeldter Sache?"

?Gebt, gn?digster Herr, der Stadt die alten Rechte wieder, la?t ihr ein gewisses Ma? der Freiheit, die Selbstbestimmung, und ich bin dessen sicher: Je lockerer der Zügel, desto freudiger gehorcht das Ro? dem leisesten Befehl des Herrn!"

Ein langer, liebevoller Blick des jungen Landesherrn lag auf Salome, bis

Wolf Dietrich leise, fast mehr für sich zu sprechen anhub:

?Verführerische Worte, sü?er Klingklang! Geb' ich dem Rat, wird mir die

Landschaft st?rrig! Und schlankweg die Hofratsordnung aufheben, dieses

mühevolle Werk meiner Juristen, impossibile!"

Salome wagte einen legten Versuch: ?Verzeiht mir, hoher Herr! Die Landschaft war Euch sicher zu Willen und hat jeder Steuerma?nahme zugestimmt!"

?Ja doch! L?stig ist genug die hergebrachte Pflicht, da? der Fürst die Landschaft angehen mu? bei jeder neuen Steuerausschreibung! Ihr, sch?ne Salome, wollt als besonderes Verdienst betonen die allzeit gefüge Zustimmung! Verzeiht mir das harte Wort: Hier reicht Frauensinn nicht aus! Wi?t Ihr, warum die St?nde so steuerfreudig gewesen und immer ohne Str?uben zugestimmt haben? Ich will Euch dieses R?tsel l?sen: Hoffnung war es, weiter nichts, Berechnung auf des Fürsten Gutmütigkeit, die Hoffnung, durch sothane Nachgiebigkeit und Willigkeit etwas von den früheren Rechten zurückzuerlangen!"

?Und t?uschte sothane Hoffnung?" fragte Salome unter Augenaufschlag und richtete den Blick direkt in des Fürsten Auge.

Jetzt Aug' in Aug' mit dem bezaubernd sch?nen M?dchen, vermochte Wolf

Dietrich kein schroffes, wahres ?Ja" zu sagen, er griff zu Worten der

Ausflucht, indem er eine sp?tere Reformierung der Angelegenheit

zusicherte.

Ein Schatten des Unmutes huschte über das Antlitz Salomes, und Wolf sah dieses W?lkchen sofort. ?Wenn es dem Rat der Stadt und meiner holden Tischgenossin einen Trost gew?hrt zu wissen, da? Privilegien anderer Klassen noch reformf?hig erscheinen, so will ich jetzund sagen: Die bisherige Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit erscheint mir ungerecht. Mu? der Bürger und Bauer zahlen, soll es Adel und Klerus auch! Und damit dixi!"

Beide Alts wu?ten in ihrer grenzenlosen überraschung nichts anderes zu thun, als den bedeutungsvollen Satz zu wiederholen: ?Mu? der Bürger und Bauer zahlen, sollen es Adel und Klerus auch!"

Die Frau Bürgermeisterin hatte von dem Gemurmel nur das Wort ?zahlen" verstanden, und dieses Wort übte auch auf die würdige Frau die gleiche Wirkung aus wie auf alle Salzburger Patrizier, denen die Aufh?ufung von bisch?flichen Lasten, das st?ndige Anziehen der Steuerschraube ein Greuel war. Daher fing Frau Alt auch gleich zu jammern an zum Entsetzen ihres Gemahls. Wilhelm Alt suchte die Schw?gerin zu beruhigen durch den Hinweis, da? es diesmal dem Adel und der Geistlichkeit gelte und das sei nur in der Ordnung.

?O, die haben ja selber nichts, die Geistlichen!" meinte Frau Alt.

?Schweigt doch, Schw?gerin, es ist nicht der arme Landklerus gemeint, sondern die reichen Kl?ster und Stiftsherren, die sollen nur auch zahlen, der Fürst hat da ganz recht!"

Das seine Ohr Wolf Dietrichs hatte diese halblaute ?u?erung vernommen, und die Zustimmung des angesehenen Handelsherrn versetzte den jungen Fürsten in rosige Laune. ?Freut mich, lieber Alt! Ihr sehet, wir finden den modus viviendi; der Anfang zu einer Verst?ndigung zwischen Fürst und Volk ist gemacht, auf diesem Wege wollen wir bleiben und fortschreiten." Zu Salome gewendet sprach Wolf Dietrich: ?Will die Wolke nicht weichen von der reinen Stirne? Ich denke, wir sind in Eintracht! Kann ich der Majest?t Sch?nheit einen Dienst erweisen, sprecht, G?ttin, Ihr seht den Fürsten dienstwillig wie einen Sklaven, haschend nach einem Sonnenstrahl Eurer Gnade!"

Salome l?chelte in bezaubernder Anmut, ihre Kirschenlippen kr?uselten sich zu leisem, gutmütigem Spott: ?Das zu glauben, hoher Herr, f?llt mir schwer! Sklavisch ist nichts an Ew. Hochfürstlichen Gnaden, hoch der Sinn, hoch der Geist wie hoch die Würde! Ich m?chte meinen gn?digen Landesherrn auch niemals in einer Sklavenlage wissen!"

?Ihr versteht es wohl, die Worte fein zu setzen; ein Notarius k?nnte von Euch lernen! Doch sprach auch ich bei allem Feuer des Empfindens mit Bedacht und tiefer Sinn liegt in meinen Worten, da ich sage: Sklave m?cht' ich sein, so Eure Huld würde mich beglücken!"

Ein Kichern folgte dieser galanten Beteuerung, dann flüsterte Salome:

?So mein gn?diger Herr heute seltsam gebfreudig ist, will die

Gelegenheit beim Schopf ich fassen und bitte ich Ew. Hochfürstliche

Gnaden um die Verlaubnis, ein Gl?schen rheinischen Weines trinken zu

dürfen auf das Wohl unseres gn?digen Herrn!"

?Das wollen wir freudig thun, sch?ne G?ttin; doch nicht harter Deutschwein soll Eure Rosenlippen netzen, wir nehmen edlen Terranto, der unter Vicenzas Himmel gedeiht!" sprach Wolf Dietrich und wandte sich zum Bürgermeister mit der Frage, ob dieser edle italienische Wein zu haben sei.

?Zum hohen Glück, Ew. Hochfürstliche Gnaden an dieser Tafel zu wissen, geh?rt - Thalhammers feinerprobte Zunge!" schnatterte Ludwig Alt, dem die unvermutete Frage die Gedanken durcheinander brachte.

?Wie? Was meint Er?" rief erstaunt der Fürst.

?Gn?diger Herr wollen mir erlauben, da? ich den dunklen Sinn der Worte meines Ohms erhelle!" warf Salome schnell ein, ?der gute Ohm wollte sagen, da? nur Rat Thalhammer wissen k?nne, ob für diese Tafel gewünschter Edelwein vorhanden sei!"

Wolf Dietrich lachte belustigt ob der Schlagfertigkeit seiner sch?nen Tischgenossin: ?Beim Zeus! Ich berufe Euch noch in meinen Hofrat, wir k?nnen solche Redekunst fürwahr gebrauchen!"

?Ob die würdigen Herren da nicht wirren Kopfes werden würden?" spottete

Salome.

?Ihr m?get recht haben; für die alten Federfuchser sind die Folianten gut, doch nicht die Blüte weiblicher Sch?nheit und Anmut! Die Jugend will ihr Recht, sie darf die Hand danach erheben, nicht das mürrische Alter!"

Der Bürgermeister hatte unterdessen Thalhammer, der am unteren Ende der Tafel sa?, citiert, und alsbald konnte der vom Fürsten gewünschte Terranto-Wein kredenzt werden. Zwei Becher wurden gefüllt, und Wolf Dietrich stie? mit Salome an: ?Auf Euer Wohl, K?nigin! Jeder Tropfen dieses edlen Weines aus dem sonnigen Süden, der Heimat von Kunst, Liebe und Wein, verl?ngere Euer Leben um viele Jahre, jeder Tropfen bedeute eine Fülle von Glück hienieden! Es lebe die G?ttin Sch?nheit, es lebe Salzburgs holdeste M?dchenblume!"

Salome hatte den Blick gesenkt, tiefe R?te bedeckte ihre Wangen, der

Becher zitterte in ihrer schmalen Hand.

?Will meine K?nigin mir nicht einen Blick aus den sü?en Augen g?nnen?" flüsterte Wolf Dietrich.

Da hob Salome das Auge, die Blicke trafen sich, beklommen, z?gernd sprach sie: ?Zu viel des Lobes und der Gnade f?llt auf mich! Beth?rend wirken die Worte! Zu gro? ist die Kluft, die uns trennt! Ihr seid der Fürst und hohe Herr, ich eines schlichten Bürgers Tochter! La?t mich im Erdreich, in dem nur ich gedeihe! -"

?Ist das Euer Trinkspruch, Salome?" fragte etwas gedehnt der Fürst.

?Mein gn?diger Herr und Gebieter, ich trinke auf das Wohl Ew.

Hochfürstlichen Gnaden und -"

?Und?"

?Und bitte, es m?ge mir Eure Gnade und Huld erhalten bleiben!"

?Ja, darauf wollen wir trinken! Euch meine Huld immerdar, mir Eure Gnade und -"

?Und?"

?Und Liebe!" flüsterte der junge, feurige Landesherr und sandte einen flammenden Blick zu Salome, die j?h err?tete und verstummte.

Verschiedene G?nge des üppigen Mahles waren inzwischen serviert worden, doch jedesmal hatte Wolf Dietrich durch eine Handbewegung angedeutet, da? er nicht im Gespr?ch gest?rt sein wolle. Diesem Beispiel war auch Salome gefolgt, und Ludwig Alt hielt es für seine Pflicht, zu jeglichem Augenblick dem Fürsten zur Verfügung zu sein, daher der Bürgermeister auf das Essen verzichtete. Nach dem Speisezettel, den Ludwig Alt bei sich hatte, sollte nun k?stlicher Fasanenbraten an die Reihe kommen, und zwar mit einer Neuerung im Gedeck für diese Zeit. Bisher war es üblich, des ?fteren Handwasser mit Handtüchern herumreichen zu lassen, damit die Tafelnden sich die H?nde reinigen k?nnten. Auch heute war das der Fall gewesen. Nun zum Fasanenbraten des heutigen Mahles, zur Erh?hung des Festes war, ausgeheckt von beiden Alts, eine Neuerung geplant, die eben jetzt der Tafelrunde vorgeführt werden sollte, und diese Neuerung bestand in der erstmaligen offiziellen Verabreichung von Gabeln.[2] Ludwig Alt war nicht wenig neugierig auf die Wirkung dieser Neuerung und hatte angeordnet, da? zum ?Fasanen-Gang" dieser Gebrauchsgegenstand solle vorgelegt werden. Natürlich interessierte es den Bürgermeister am meisten zu erfahren, was der Fürst zu sothaner Neuerung sagen werde.

Wolf Dietrich war aber schon wieder in ein Gespr?ch mit Salome vertieft und hatte weder Aug' noch Ohr für die übrige Gesellschaft.

L?ngeres Zaudern würde eine auff?llige Unterbrechung des Mahles herbeiführen, der Bürgermeister mu?te daher das Zeichen geben, und sogleich erschienen die Aufw?rter, deren jeder eine in der Form noch ziemlich ungeschlachte, zweizinkige Gabel zur Rechten jedes Tafelgastes legte. Von der schw?tzenden Menge ward das neue Instrument vielfach nicht beachtet; einigen G?sten aber fiel es doch sofort auf, sie ergriffen die Gabeln, besahen sie, fuhren damit in die Luft, und als von einigen vielgereisten ?lteren Bürgern der Gebrauch dieser neuen Tischinstrumente erkl?rt wurde, konnte es an praktischen Erprobungen nicht fehlen. Unter gro?er Lebhaftigkeit ward aufgespie?t, was den überraschten G?sten erreichbar war und die Fasanen kamen hierzu just recht. V?llig unbeachtet blieb die Neuerung am Pr?sidium der Tafel; den Altschen Familien war sie bekannt, für das heutige Mahl eigens bestimmt, und der Landesvater widmete sich ausschlie?lich seiner Tischnachbarin.

Die Edelknaben kamen mit den Fasanen auf silbernen Platten, und unwillig wollte Wolf Dietrich abwinken, da bat Salome, es m?ge der gn?dige Herr doch auf die Atzung nicht ganz vergessen, wasma?en diese Leib und Seele zusammenhalte. So lie? sich denn der fürstliche Ehrengast von den Fasanen vorlegen, ebenso Salome, und beide bedienten sich der neumodischen Gabeln ohne das geringste Anzeichen einer überraschung.

Von Salome wunderte das den Bürgermeister ja nicht, aber die Vertrautheit des Fürsten mit dem neuen Instrument verblüffte und entt?uschte ihn derart, da? Ludwig Alt dem Bruder zuflüsterte: ?Der kennt alles!"

Und Wilhelm raunte zurück: ?Stimmt! Der wird uns in allem über!"

Wolf Dietrich hatte mit Behagen von der leckeren Speise genossen und dann einen Blick über die Tafel geworfen, an der es lebhaft zuging, denn der in gro?en Mengen genossene schwere Südwein aus Welschland übte auf M?nnlein und Weiblein seine Wirkung aus. ?Meine Salzburger lieben den süffigen Wein!" meinte der Fürst zum Bürgermeister, der sogleich beteuerte, da? das gew?hnliche Volk sich wohl an das Hopfenbier halte, denn sü?e Weine seien von wegen der Teuerung und dem kostspieligen Transport nur den bemittelten St?nden erreichbar.

?Wird denn viel solchen Weines eingeführt ins Erzstift?"

?Ew. Hochfürstliche Gnaden unterth?nigst aufzuwarten, ja; man bringet auf Wasser und Land überflüssig aus allen Landen herzu, als n?mlich vom Rhein, Neckher (Nekar), aus Elsa?, Franken, auch Osterwein (aus ?sterreich), Marchwein (aus Steiermark), aus Hungern (Ungarn), viel aus Welschland, so man sie hei?et Terrant, Raifel, Muscatell, Malvasier von Napoli, Romanier, so in Griechenland wachset, Rosatzer auch und Farn?tscher, Veltliner, und aus dem Etschland Traminer und H?pfwein und dergleichen noch manche, die des Thalhammer Zunge besser kennet als Dero unterth?niger Knecht!"

?Ich staune! Wu?te wahrlich nicht, da? meine Salzburger so gern und viel der schweren und teuren Weine trinken!"

Voreilig sprach Ludwig Alt: ?Sie trinken nicht, o Herr, sie saufen ihn! Ein Laster ist's, ein allgemeines in ganz Deutschland, und es hilft so viel wie nichts, mag man dagegen wettern oder sich selber eines guten Wandels beflei?igen. Der Saufteufel hat sie alle am Kragen, M?nnerleut und Weibes, ein Halbes k?nnen Kinder selbst schon zutrinken, die Eltern lehren's wohl den Kleinen! Ein Kreuz ist's und ein Elend mit dem Weinteufel!"

?Und der Bürgermeister wei? sich nicht Rat, sothanem Laster wirksam zu steuern?" fragte der Landesherr.

?Dero Gnaden unterth?nigst aufzuwarten, ich nicht, und besseren Leuten kann ich die Rumorknechte nicht auf den Leib hetzen!"

?So! Nun es erscheinet mir günstig, da? der Landesherr sich Rats wei?, ich wei? ein Mittel, doch ist es nicht an der Zeit, es heute schon zu publizieren. Ich will es mir merken, und dem Saufteufel rücke ich an den Leib, ich zwing' ihn, darauf k?nnt Ihr Euch verlassen!"

?Das kann, o hoher Herr, der Menschheit nur zum Segen gereichen!" sprach Salome, der die überm??ige Trinklust ein Greuel war, und die es peinlich berührte zu sehen, wie namentlich die jungen Bürgers?hne ohne Rücksicht auf die Anwesenheit des Landesherrn dem Wein in gro?en Mengen zusprachen.

?Eure Zustimmung erquickt meinen Sinn, wie Eure Anmut mein Herz erg?tzt!

Ich wünsche mir nichts Besseres, als mit Euch, teure Salome, auch die

Ma?nahmen der Regierung beraten zu k?nnen. Seid Ihr dazu gewillt?"

Salome fühlte den tieferen, verhüllten Sinn dieser Frage, und hei?e R?te scho? in des klugen M?dchens Wangen, ein Zittern lief durch ihren K?rper, bebenden Tones erwiderte sie: ?Wie sollt' ich je in solche Lage kommen? Gebannt in die engen Schranken der H?uslichkeit, gezwungen nach Zeit und Art, zu stiller Arbeit, Sinn und Zunge gefesselt! Doch was will ich sagen, da Fürstent?chter es kaum anders haben und verdorren schier in dumpfer Kemenate!"

?So sehnt Salome sich hinaus in die Freiheit glanzerfüllter Welt?"

?Nicht das ist meines Sinnes Streben, gn?digster Herr! Ich kenne die gezogenen Grenzen und beug' mich willig diesem Gebot. Was ich ersehne hei?, w?r' ein Erfassen vieler Dinge, die man kaum dem Namen nach uns einst gelehrt! Denkt nur, hoher Gebieter, wie karg die Kost gewesen, die uns M?dchen man gereicht! Ein winzig Kritzeln, etwas Lesen, des Mehreren von heiliger Religion, und in der Erdbeschreibung hat es vollauf genügt zu wissen, da? fern im Süden liegt das heilige, ewige Rom."

?Sothanes will auch mich nicht viel bedünken, doch mag's für deutsche Fürstent?chter genügen. Ihr aber, Sch?n-Salome, wollt mit Gram herabdrücken Euren edlen Geistes feine Bildung! So manch' Gespr?ch, die feingesetzten Worte, sie verraten Euren hellen Geistes hohen Flug, die Klage über geringen Unterricht in jungen Jahren stimmt nicht zur staunenswerten Kenntnis vieler Dinge. Ich nannt' Euch doch vorhin schon einen Diplomaten, wollt' stecken Euch in meiner Juristen Schar, und warum? Weil Eures Verstandes Sch?rfe, ein klug Erfassen dessen, was kaum der Zunge Laut noch ausgesprochen, schon beth?tigt ist vom aufgeweckten Kopf. Ihr dürstet wohl nach Erweiterung von Gedanken, denkt an hohe Ziele, die in M?dchenkemenaten nicht wollen Wurzel fassen? Gern beut ich die Hand, Euch zu verhelfen zum Flug in des Geistes h?here Regionen! Mein Fürstenwort geb' ich zum Pfand!"

Das Mahl war zu Ende und die Zeit sehr vorgeschritten, der Tanz sollte beginnen. Die h?fische Etikette verlangte vom Fürsten und Erzbischof, sich nun ins Palais zurückzuziehen, so gern Wolf Dietrich auch mit Salome noch gesprochen. ?Ich sehe Euch bald wieder!" flüsterte er dem sch?nen Fr?ulein zu, und ein hei?es Verlangen flog durch seinen geschmeidigen K?rper. Noch ein lodernder Blick, dann erhob sich der Fürst, um den nun die H?flinge sich scharten.

Leutselig wandte sich der Fürst nun an den Bürgermeister und sprach in formvollendeter Rede, die dem Ruf Wolf Dietrichs als vorzüglicher Kanzelredner voll entsprach, seinen fürstlichen Dank aus für das Fest und die gute Tafel. Geschmeichelt akklamierten die Patrizier den Landesherrn mit lebhaften Hochrufen, unter welchen Wolf Dietrich sich von beiden Alts, dann von Salome verabschiedete. Freundlich nickend nach allen Seiten schritt der junge Fürst durch den Saal, Trompetenschall und Trommelwirbel ert?nte, bis die Ratsherren vom Geleite zurückkehrten.

Die Jugend bekam ihr Recht, die Ratsherren zogen sich in eine Stube zurück, um sich vom Bürgermeister N?heres über die fürstlichen ?u?erungen erz?hlen zu lassen, und die Frauen hielten ein Plauderstündchen ab, das v?llig Salome und den ihr vom jungen Fürsten gewordenen, geradezu auff?lligen Huldigungen gewidmet war. Salome selbst fühlte sich ersch?pft und müde; jetzt sich von Junkern und Bürgers?hnen zum Tanz führen zu lassen, war dem Fr?ulein unm?glich. Zu viele Gedanken kreisten durch den Kopf, es schwindelte Salome, und unabweisbar ward das Verlangen, allein zu sein in traulich stiller Kemenate. So trat Salome just im Augenblick, da Wilhelm Alt sich zu den Ratsherren in die Nebenstube begeben wollte, zum Vater und bat ihn um Geleit nach Hause.

Ein durchdringender Blick schien in des M?dchens Seele lesen zu wollen, nur widerwillig gab Alt seine Zustimmung mit dem Beifügen, da? die Muhme Salome nach Hause bringen solle; zugleich wurde ein Stadtknecht, deren einige im Erdgescho? des Trinkhauses auf Verwendung harrten, beauftragt, den Damen die Leuchte vorauszutragen.

Unauff?llig entfernten sich Muhme und Nichte, denen auf der verschneiten

Gasse der Knecht das L?mpchen vorantrug. Die frische Luft der

Winternacht erquickte Salome und gierig atmeten die Lungen den reinen

Odem ein. Frau Alt kam au?er Atem durch das hastige Fragen, was der

Fürst denn alles zu erz?hlen wu?te, und durch die begeisterten Lobreden

auf die Leutseligkeit desselben. Die Muhme merkte dabei gar nicht, da?

Salome sich schweigend verhielt, und da? der Knecht um eine halbe

Gassenl?nge vorausgegangen ist. J?h verstummte die geschw?tzige

Bürgermeisterin, als hinter ihrem Rücken eine M?nnerstimme ert?nte:

?Die Schlanke ist's! Schnell!"

Blitzschnell ward ein Tuch um den Kopf der Muhme geworfen, Salome ward von vermummten M?nnern umringt, emporgehoben und in eine inzwischen herangebrachte S?nfte gesteckt, die in raschem Tempo dem Domplatz zu weggetragen wurde. Das alles vollzog sich schnell und lautlos; nur die entsetzte Bürgermeisterin kreischte, doch erstickte das dicke Tuch ihre Jammert?ne. Bis Frau Alt dieses Tuch vom Kopf gezogen, war die Stelle menschenleer, nachtschwarz alles ringsum, die Gasse nur vom Schneelicht schwach beleuchtet. Ist es Spuk gewesen? Haben b?se Geister das M?dchen von ihrer Seite gerissen oder ist Salome in den Erdboden versunken?

Der Knecht kam mi?mutig ob solcher Verz?gerung zurück und machte aus

seiner Stimmung kein Hehl. Dabei merkte er aber am Gezeter der

Bürgermeisterin, da? sich etwas Absonderliches ereignet haben müsse.

?Ist 'leicht etwas passiert?" fragte er.

?Mord und Totschlag! Mich haben sie ermordet und Salome ist verschwunden! Du bist mir ein wackerer Beschützer in Nacht und Not!" kreischte verzweifelnd Frau Alt.

Fassungslos starrte der Knecht die Bürgermeisterin an und leuchtete ihr mit dem L?mpchen ins runzelige Gesicht. Dann drehte er sich ringsum, als wollte er im Schnee das verschwundene Fr?ulein suchen.

?Bring' nur mich schnell nach Hause, und dann lauf' zum Bürgermeister, vermeld' ihm den Raub unserer Nichte, es sollen die Stadtknechte, die Büttel fahnden! La?t Sturm l?uten! Huhu, dort kommt wieder so ein schwarzer Mordbube, der Beelzebub selber!"

Erschrocken griff der Knecht die Bürgermeisterin beim Arm und ri? sie mit sich im Sturmlauf zum Trinkhaus, das durch die Hilferufe beider im Nu alarmiert war. Die Kunde von einer Entführung Salomes wirkte auf die Festgesellschaft geradezu l?hmend, sie ernüchterte die M?nner und verursachte Weibern Kr?mpfe. Ludwig Alt vermochte das Ereignis nicht zu fassen und rief immer wieder: ?Nicht m?glich! Ein M?dchenraub in unserer stillen, ehrsamen Stadt von der Gasse weg! Es kann nicht wahr sein!"

Vater Wilhelm Alt schwur, die ihm angethane Schmach r?chen zu wollen, wer immer der M?dchenr?uber sein m?ge.

S?mtliche Rumorknechte und Büttel wurden aufgeboten, die nun nach Hause verlangenden Festg?ste auf dem Heimweg schützend zu begleiten. Doch nichts von R?ubern, nicht ein Schatten zeigte sich in den wie ausgestorben scheinenden, schneeerfüllten, vom Mondlicht schwach erleuchteten Gassen Salzburgs.

Beide Alts aber, von handfesten Knechten begleitet, visitierten unter Anführung des Rottmeisters die Thore der festgeschlossenen Stadt und hielten bei den Türmern Umfrage, ob jemand zu Ro?, Wagen oder mit einer S?nfte Ausla? begehrt und erhalten habe. Dies war nach bestimmten Erkl?rungen der Türmer nicht der Fall, ratlos kehrten beide Alts in ihre Behausungen zurück. In Wilhelm Alt, dem Vater Salomes, aber stieg ein furchtbarer Verdacht auf, der ihm die Nachtruhe raubte.

Chapter 2 No.2

Im Keutschachhofe, der erzbisch?flichen Residenz, war trotz der sp?ten Stunde reges Leben gem?? der von Wolf Dietrich seiner Zeit eigenh?ndig festgesetzten Hofstaatsordnung, es harrten das Hofgesinde wie die h?heren Chargen bis hinauf zum Hofmarschalk der Rückkehr des Fürsten vom Festmahl im Trinkhause und wagte niemand, so der Dienst traf, sich zurückzuziehen, denn Wolf Dietrich verstand sich darauf, seine Leute in Atem und Ordnung zu halten, so vieler bei Hof es auch waren.

Zur Verwunderung der Begleiter hatte der Fürst den Weg zur Residenz zu Fu? genommen, neben sich den K?mmerer vom Dienst, einen jungen, treuergebenen Adeligen, den Wolf Dietrich mehr als die übrigen (im ganzen vier) K?mmerer mit seinem Vertrauen auszeichnete. Voraus schritten die Lichttr?ger, Lakaien bildeten rückw?rts die Bedeckung.

Was der Fürst mit seinem K?mmerer besprach, blieb der Begleitung unverst?ndlich, einmal weil sich Wolf Dietrich der italienischen Sprache bediente, und dann aus dem Grunde, weil sehr leise und geheimnisvoll gesprochen ward.

Als sich der Zug lautlos dem Portal des langgestreckten Keutschachhofes n?herte, ert?nte ungebührlicher L?rm im Palais, den des Fürsten seines Ohr schier augenblicklich wahrnahm und der Wolf Dietrich veranla?te, dem Vorl?ufer und den Lichttr?gern zu befehlen, stehen zu bleiben. Er selbst, vom K?mmerling auf dem Fu?e gefolgt, trat rasch und leise ein und überrumpelte dadurch die zeternde Gruppe von Thürhütern und Lakaien, die willens schien, sich an einem blassen, armselig gekleideten Weibe zu vergreifen. Eben erhielt die schluchzende Frau einen Fausthieb, da stand der Fürst auch schon mitten im Kn?uel und sein Begleiter dr?ngte kraftvoll die Leute zurück. Scharf befahl Wolf Dietrich augenblickliche Ruhe, Zornesr?te bedeckte seine Wangen, und die Adern schwollen sichtbar an. ?Wer erfrecht sich bei Hof solcher Aufführung? Was soll der L?rm in meinem fürstlichen Hause? Was will das Weib zu sp?ter Stunde?"

Vor Schreck und überraschung verstummte die Dienerschaft, niemand fand ein Wort der Erwiderung, doch das arme Weib that einen Kniefall vor dem Fürsten und bat um Barmherzigkeit in h?chster Not.

?Man hat in Bittangelegenheiten die festgesetzte Audienzstunde einzuhalten! Gen Mitternacht wird nicht gebettelt!" grollte der Fürst.

?Gn?diger Herr! übet Barmherzigkeit! Bis Taganbruch kann ich nimmer warten, derweil stirbt mir der Mann!"

In Wolf Dietrichs Herz regte sich das Mitgefühl, weichen Tones fragte er nach dem Begehr des armen Weibes.

?Euer Gnaden Leibmedikus h?tt' ich gern gebeten um Hilfe, etzliches aus der fürstlichen Kuchel...."

?Ist jemand schwer krank bei dir?"

?Ja, gn?diger Herr, der Mann und zwei Kinder!"

?Und mein Medikus, was ist's mit ihm? Ist er nicht mitgegangen?"

Einer der Lakaien erkannte die günstige Gelegenheit, alle Schuld am üblen Auftritt bequem auf die Schultern des Leibarztes schieben zu k?nnen, und erstattete Bericht, da? der Medikus es abgelehnt habe, in sp?ter Nachtstunde den Berg hinaufzuklettern bis zum H?uschen des armen Weibes, wasma?en der Medikus nur für den Fürsten da sei, nicht für das gemeine Volk.

Wolf Dietrich befahl schneidend scharfen Tones, es solle der Medikus augenblicklich geweckt, dem Weibe Wein und Atzung in einem Korbe verabreicht werden. Und einer pl?tzlichen Gefühlsregung folgend, wandte sich der junge Fürst zum K?mmerer: ?Du besorgst, was ich dir befohlen. Alphons bringt den Medikus und Dienerschaft mit der Spende für die Armen nach. Ich werde selbst inspizieren. Lichttr?ger voraus!"

Der K?mmerer wagte zu sagen: ?Hochfürstliche Gnaden! Es ist sp?t, und schlecht der Weg hinan zum Berg!"

?Besorge, was ich befohlen! Hilfe zu bringen, ist eine der sch?nsten

Aufgaben eines Fürsten. Schicke mir den Medikus nach, mach' ihm flinke

Beine!"

Auf Befehl mu?te das Weib mit dem Vorl?ufer vorausgehen, der Armen schwindelte ob der j?hen Wendung und der Gewi?heit, da? der hochgemute Fürsterzbischof selbst zu sp?ter Stunde Einkehr halten will in der Hütte des Elends.

Man hatte das schier verfallene H?uschen am Wege zum Nonnbergkloster noch nicht erreicht, kam der Leibmedikus schon hinterdrein angepustet, nach Luft und Fassung schnappend.

Einer der Lichttr?ger mu?te mit in die Stube, das Weib führte Wolf Dietrich und den Arzt in ein Gemach, welches in seiner Dürftigkeit den an Prunk gewohnten Fürsten erschaudern lie?. Auf Stroh lag der Mann, auf einem Ballen Fetzen zwei Kinder, abgemagert schier zum Skelett, gelbfarbig, hohl?ugig, wimmernd vor Schmerzen und Hunger.

Wieder warf sich das abgezehrte Weib in die Kniee und hob flehentlich die Arme zum Fürsten empor: ?Habt Dank, o Herr, und helft in gr??ter Not!"

?Schrecklich!" flüsterte ergriffen Wolf Dietrich, ?dieweilen man prasset am üppigen Mahle, verhungern mir hier etzliche Unterthanen!" Auf einen Wink begann der Hofarzt seine Th?tigkeit; Wolf Dietrich lie? die inzwischen herbeigeschafften Vorr?te an Wein, Fleisch und Brot in ein Nebengemach stellen und zog sich mit seiner Begleitung zurück, nicht ohne Auftrag gegeben zu haben, da? von nun an t?glich der armen Familie Proviant aus der Hofküche geliefert werden müsse.

Mit einem Frohgefühle in der Brust, schritt der Fürst die steile, frischbeschneite Gasse wieder hinab, und bis er den Palast erreichte, kündeten vom nahen Dom die Glockenschl?ge Mitternacht.

Von all' den Hofschranzen ehrerbietig erwartet, hatte Wolf Dietrich nur für seinen Vertrauten, dem ersten der K?mmerer, ein Auge, ihm warf er einen fragenden Blick zu, und als der junge Baron bejahend nickte, glitt ein L?cheln des Triumphes über das Antlitz des jungen, hei?blütigen Fürsten.

In den inneren Apartements harrte der Kammerdiener Mathias Janitsch seines hohen Herrn, der sich Mantel und Degen abnehmen lie? und nun zu fragen begann: ?Ist's ohne Aufsehen geglückt? Gab's L?rm?"

In diskretem Flüstertone erstattete Mathias Bericht: ?Es ging alles nach Wunsch und ohne einen Laut. Nur die Begleiterin schlug L?rm, doch erst, als alles l?ngst vorüber und verschwunden war."

?Und hier?"

?Wir haben Brigitte, des Silberdieners Franz Schwerer als Wartefrau, bestellt, doch wurde jegliche Hilfeleistung abgelehnt."

?Mit Protest gegen den Freiheitsentzug?"

?Ja, Hochfürstliche Gnaden! Doch den Namen nannten wir nicht!"

?Gut! Ich hoffe, es ist für alle Bequemlichkeit Fürsorge getroffen, die Stube warm, das Lager gut. Man hat mich morgen vor der siebenten Stunde Beginn zu wecken; der Hofmarschalk hat in aller Eile die Fourierzettel stellen zu lassen, auf alle F?lle soll einfouriert werden über Golling bis nach K?rnten."

?Wollen Hochfürstliche Gnaden selbst verreisen?"

?Nein, Mathias! Jedoch soll für eine pl?tzliche Reise alles parat sein! Du haftest mir mit deinem Kopf für unberührte Sicherheit der Dame! Du bewachst deren Thür selbst!"

?Mein gn?diger Herr m?ge beruhigt sein und guten Schlaf genie?en! Dero treuer Diener wird wachen und sorgen!"

Eine praktische Einrichtung in der erzbisch?flichen Residenz war unzweifelhaft die Anbringung der handschriftlichen Amtsbefugnisse jeder Dienerklasse in deren betreffenden R?umen, soda? jede Schranze ihre dienstlichen Obliegenheiten jeden Augenblick vor Augen haben konnte, vorausgesetzt, da? der Diener des Lesens kundig war. So stand im Gela? des Thürhüters nach dem Konzept Wolf Dietrichs w?rtlich zu lesen[3]:

?Thuerhuetter.

De? Thuerhueter? ampt ist vhor der Cammerer wartt Zimmer stetts auffzuwarten, vndt niemandt frembden ohngefragt in da? Wart Zimmer lassen, auch in allweg gutte achtung geben damitt sich au?er der adel? personen vndt ettlichen fürnemen officieren geringe vndt schlechte officier oder Diener bey hoff in die Wart Zimmer nitt eintringen sondern herau?en pleiben, undt so sehr sy wa? bei einem oder dem andern in den Wart Zimmern zu thuen haben sich durch die Thuerhuetter anmelden lassen, undt sollen der Thuerhuetter zwen sein, die sollen stetts wo nitt baidt doch der ein bey den Zimmern pleiben vndt mitt einander vnderweilen abwexlen."

Die K?mmerer hatten dafür gesorgt, da? sothane Verordnung des Fürsten gebührende Beachtung und strenge Befolgung fand, und niemals fehlte der Thürhüter an seinem Platze, wenn freilich in der ersten Zeit nach dem Regierungsantritt Wolf Dietrichs es an Verst??en nicht mangelte. H?ufige Kontrolle und Belehrung schulte aber auch dieses Personal, und so waren denn die beiden erzbisch?flichen Thürhüter scharf darauf aus zu unterscheiden, wer von Distinktion ist und in das Wartezimmer zu den K?mmerlingen gelassen werden dürfe.

Wolf Dietrich hatte die Gewohnheit, an Wochentagen um die zehnte Stunde hervorragende Personen in Audienz zu empfangen, war aber meist ungehalten, wenn vorher Geh?r erbeten wurde.

Es mochte um neun Uhr morgens sein, als Wilhelm Alt in kostbarer Kleidung, jedoch in einer Erregung im Keutschachpalast erschien, welche das Mi?trauen des dienstgetreuen Thürhüters sogleich wachrief. Zwar kannte der Mann Herrn Wilhelm Alt von Angesicht und wu?te, da? Alt der reiche, wohlangesehene Kaufherr ist; jedoch dessen Aufregung, das totenblasse, übern?chtige Gesicht, machte den Thürhüter stutzig, ebenso das verfrühte Erscheinen, und veranla?te den Mann, Herrn Alt aufmerksam zu machen, da? die Anmeldung erst um die zehnte Stunde im Wartezimmer erfolgen k?nne.

Alt erwiderte barsch: ?Seine Weisheit brauch' ich nicht! Zu wichtig, dringlich ist, was mit dem Fürsten ich zu reden habe! Meld' er mich augenblicklich beim K?mmerling vom Dienst!"

?Oho! Ihr m?get Euren Lehrbuben und Kaufjungen befehlen, hier gilt des gn?digen Fürsten und Erzbischof Willen allein! Ihr habt mir gar nichts zu befehlen! Auch mach' ich Euch aufmerksam auf Reglement und Dienstordnung, so hier angeschrieben steht! Kann leicht sein, da? wir befinden, Ihr seiet bei Hof in das Wartzimmer nit einzubringen!"

?Die Knochen hau' ich Ihm entzwei für seine Unversch?mtheit! Das fehlte noch fürwahr, um dem Fa? den Boden vollends auszuschlagen! Die Wirtschaft hier die schreit fürwahr zum Himmel, und schlimmer kann es kaum mehr werden!"

Vom L?rm angelockt, trat der K?mmerling vom Dienst aus dem Gemach und der Anblick des zornigen Kaufherrn machte den H?fling stutzen.

Alt rief: ?Meldet mich sogleich beim Erzbischof! Mein Anliegen vertr?gt keine Verz?gerung! Bei Gott, ich rate zur Eile!"

?Gemach, Herr Alt, und bedenkt: Ihr seid bei Hof, im Hause eines regierenden Fürsten!"

?Ein netter Fürst, in dessen Hauptstadt der Menschenraub blüht, schlimmer denn wie im welschen Reich!"

Der K?mmerer hielt es geraten, den Kaufherrn zur Beschwichtigung in das Wartezimmer zu geleiten, und in der Stube angelangt, bat er um stilles Verhalten, bis die Meldung beim Fürsten erfolgt sein würde. ?In welchem Betreff soll ich Euch melden?" ?Sagt nur: ein Vater, dem die Tochter sch?ndlich geraubt geworden, will fragen, ob des Fürsten Arm zur Sühne stark und lang genug sei!"

Kopfschüttelnd verfügte sich der K?mmerer vom Dienst in die inneren

Apartements.

Wolf Dietrich durchma? in Erregung sein Arbeitsgemach mit eiligen Schritten und unmutig ob der St?rung rief er dem K?mmerling zu: ?Was soll es? Ich wünsche allein zu bleiben!"

?Eure Hochfürstliche Gnaden wollen die St?rung verzeihen! Ein au?ergew?hnlicher Vorfall, M?dchenraub - der Handelsherr Wilhelm Alt -"

?Dessen Eile ist begreiflich! Der Mann will wohl zu mir und ist in hohem

Ma?e aufgeregt?"

?Eure Hochfürstlichen Gnaden aufzuwarten, ja so ist es! Wir hatten Mühe, den rabiaten Mann in Formen zu bringen, die allein den Zutritt bei Hofe erm?glichet"

?Bring mir den Mann! Je eher er zum Ausspruch kommt, desto besser. Es war ja zu erwarten!"

Wenige Minuten sp?ter standen sich beide M?nner gegenüber; Wolf Dietrich erschien zwergenhaft neben dem langen hageren Kaufherrn und klug nützte er das durch die Fenster einstr?mende Tageslicht, das grell auf Alts vergr?mtes Antlitz fiel und genaueste Beobachtung gestattete.

Trotz seiner wilden Erregung erwies Alt die dem Fürsten gebührende Reverenz, aber zu einer ehrerbietigen, f?rmlichen Anrede konnte er sich nimmer meistern, heiser rief er: ?Wo ist meine Tochter?"

Kühl erwiderte Wolf Dietrich: ?Wie soll ich das wissen? Was ist geschehen, was wollt Ihr von mir?"

Alt zuckte zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf und scharf klangen seine Worte: ?Ihr wi?t so gut wie ich, da? Salome in vergangener Nacht von der Gasse weg entführt worden ist!"

?Was unterf?ngt Er sich?! Verge?' Er nicht, Er stehet vor seinem

Fürsten!" rief grollend Wolf Dietrich, dem das Blut hei? aufstieg.

?Ich wei?, doch vermag ich l?nger nicht zu meistern das Wort, zu j?h und wild stürmt Unglück wie die Schmach auf mich ein! Mein Kind geraubt, Herr, meine Salome! Meines Lebens Kleinod geraubt von frecher Hand eines Lüstlings, den Gott verderben soll am lebendigen Leibe! Ihr seid der Fürst und Herr im stiftschen Lande, Gerechtigkeit zu üben seid Ihr verhalten, Euer Eid lastet darauf!"

?Erst m??igt Eure Rede! In den Staub gebeugt das Knie, der Unterthan geh?rt zu Fü?en seines Herrn!"

?Helft mir zu meinem Kinde!" flehte der angstgepeinigte Vater.

?Es wird sich alles finden zur rechten Zeit!"

?Ist das des Fürsten Antwort auf die schmerzbewegte Frage? Mein Kind fordere ich von Euch!"

?Er ist nicht wohl bei Sinnen?! Der Landesherr giebt keinen Büttel ab, das merk' Er sich! Und nicht l?nger will mein Ohr des Frevels unerh?rte Worte mehr vernehmen!"

?Was Ihr Frevel nennt, ist eines Vaters schwerste Herzensqual, die Sorge um sein Kind! Wer kann in solcher Not und Pein die Worte auf die Goldwag' legen! Was wir versucht, Salome aufzufinden, die Umfrag' bei den Türmern, alles war vergebens. Fort ist sie nicht, mein Kind mu? gefangen noch in Salzburgs Mauern weilen!"

?Und deshalb verlangt Salome Ihr von mir?"

Der leise Ton des Spottes reizte Alt zu neuer Wut: ?Ihr wi?t um Salome!

Es kann kein Zweifel sein!"

?Genug davon! Die Anma?ung geht zu weit; übermütig war von je die erbgesess'ne Sippe, dort zu Augsburg das hochfahrend stolze Volk der Kr?mer, und nicht viel anders Ihr und andere Pfefferh?ndler in meiner Stadt Salzburg! Ich bin nicht gewillt, mir Trutz und übermut des l?ngeren bieten zu lassen, entschlossen bin ich zu aller Strenge und des Herrschers starke Hand sollt fühlen Ihr wie alle anderen übermüt'gen Sippen!"

?Habt Gnade! übet Barmherzigkeit, so Gott Euch vorschreibt wie jedem seiner Priester!"

?Schweigt! In solchem Munde wird entweiht ein ganzer Stand!"

?Verzeiht, Herr! Wirr kreisen mir die Gedanken, die Angst und Sorge trüben mir den Sinn!"

?Das merk' ich, denn unsinnig ist, was Eure Zunge plappert!"

?Seid barmherzig! Nur der H?chste im Stiftland hat die Macht, mir zu meinem Kinde zu verhelfen! Ihr seid der Landesherr, nur Ihr k?nnt wirksam helfen! Die Stadtbeh?rde und die Polizei, sie versagen in der Wirkung!"

?Ein sp?t Erkennen meiner Fürstenmacht! Sitzt die Sippschaft auf den Thalern, wei? vor übermut sie sich nicht zu fassen, der Machtkitzel ist in Euch zu gro?. In Not und Sorge aber wei? die Sippschaft sich zu erinnern, da? über ihr ein Herr steht und der wird dann angebettelt. Ein unwürdig Spiel, das da getrieben wird! Von aufrichtig ehrlicher Demut keine Spur! Sie gleichen sich allerorten die Sippen stolzer Bürger!"

?Rechtet nicht in dieser Stunde! Gebraucht die Macht, Herr und Gebieter, rettet Salome! Denkt daran, wie Ihr dem M?dchen gestern habt gehuldigt!"

Wolf Dietrich flüsterte: ?Ein fürstlich Weib fürwahr, zu fürnehm für das

Bürgerpack!"

?Eure Worte, ich hab' sie wohl vernommen und gemerkt, sie lauteten an Salome gerichtet: Ich sehe Euch bald wieder! Bringt dieses Wort rasch zur That, gebietet, Herr, la?t fahnden nach dem Sch?nder meiner Ehre!"

?Ihr habt da wohl auf jedes Wort gelauert, das in Huld und Gnade der Fürst zu richten geruhte an Salome?! Paart sich das Lauern mit dem aufgeblasenen Bürgerstolz?!"

?Herr, der Vater hat die heil'ge Pflicht zu wachen über sein Kind!"

?M?hlich wird mir klar, wie in Eurem Kopf die Gedanken wirr genug sich drehen. Weil ich beim Scheiden von einem Wiedersehen sprach, mu? wissen ich von n?chtlicher R?uberei und sonstigem Brigantentum! Zwingend ist Euren Verstandes Kraft just nicht! Und um ein End' zu machen: Ich habe Eure Tochter seit dem Abschied gestern abend noch mit keinem Aug' gesehen!"

?Nicht gesehen!" Wilhelm Alt taumelte zurück, trat wieder vor und suchte im Antlitz des im Schatten stehenden Fürsten zu lesen. ?Nun werd' ich irr an allem! Fluch aber, dreimal Fluch dem Sch?nder meiner Ehre! Fluch!"

Indes der gramerfüllte Kaufherr weggeleitet wurde, begab sich Wolf

Dietrich durch eine Flucht von Gem?chern in jenen Teil des

Keutschachhofes, dessen Zimmer, von au?en abgesperrt, Salome Alt zum

N?chtigen dienten.

In einem Vorzimmer harrte als Beschlie?erin und Dienerin Brigitte auf Befehle des gefangenen Fr?uleins wie des Fürsten, der nun pers?nlich erschien, die Dienerin aufschlie?en hie? und sie zu Salome schickte mit der Anfrage, ob das Fr?ulein gewillt sei, den Besuch des Fürsten anzunehmen.

Die von Brigitte überbrachte Antwort lautete: ?Eine Gefangene hat keinen

Willen!"

Wolf Dietrich, der auch an diesem Morgen die spanische Tracht mit dem

Degen zur Seite trug, trat in das üppig ausgestattete Gemach, worin

Salome über Nacht gefangen gehalten war. Ein forschender Blick flog dem

M?dchen entgegen, dann verbeugte sich der junge Fürst tief und sprach:

?Verzeihet, Salome, den Besuch, den Euch zu machen das Herz mir gebot!"

Das M?dchen hatte sich erhoben und stand stolz abweisend inmitten des Gemaches. ?Erst sprecht, Herr: Mit welchem Recht habt Ihr der Freiheit mich beraubt? Ist das ritterliche Sitte, ein M?dchen von der Gasse wegzufangen, zu morden Ehr' und guten Ruf?"

Hei? wallte es auf im liebeglühenden Herzen des jungen, feurigen Fürsten, der Salome doppelt sch?n fand in dieser k?niglichen Haltung des Protestes. Lebhaft erwiderte Wolf Dietrich: ?Mit welchem Recht? Erlaubet mir zu sagen: Mit dem Recht der Bewunderung und Liebe, die mein Herz erfüllet, mich niederzwingt zu Euren Fü?en, mich betteln macht um Eure Gunst!"

?Entweiht das Wort von heil'ger Liebe nicht! Man wirbt nicht mit Gewalt! Und ritterlicher Sinn hat allzeit Ehr' und Tugend zu schirmen! Was Ihr verübt, ist Stra?enraub und Sch?ndung meines Rufes!"

?Seid gn?dig, Salome! H?rt mich erst, eh' Ihr mich und mein Herz verdammet!"

?Ich will kein Wort vernehmen, eh' das Unrecht, die Gewaltthat Ihr gestehet und feierlich gelobet, Abbitte zu leisten meinem schwergekr?nkten Vater!"

?H?rt mich, Salome, und übet Gnade, ich, der Fürst, ich bitte Euch! Wie sollt' ich je Gelegenheit finden, Euch zu sprechen ohne Zeugen, vor Euch auszuschütten die Gefühle meines Herzens, wenn nicht durch Verbringung Eurer Person in ein still verschwiegen Gemach?! Nur die Hoffnung, Euch zu sprechen, hat verleitet mich zu diesem Schritt, den ich tief bereue, so er Euren Sinn verletzt!"

?Der Fürst mü?t' wissen, da? eines M?dchens h?chstes Gut ist Ehr' und

Ruf! Ein Wort in Ehren zu reden, braucht es nicht Raub!"

?Verzeiht den übereilten Schritt, zu dem mein hei?es Fühlen mich verleitet! Verzeiht, da ich bereue! Wollt Ihr mich h?ren nur wenn frei: offen ist der Ausgang, der Schritt ungehemmt zur Rückkehr ins elterliche Haus! K?nnt h?ren Ihr mich jetzt, so bitte ich, leiht Euer Ohr meinen Worten!"

?Ihr gebt mich frei, wohlan, ich baue auf Euer fürstlich Wort, und bin bereit zu h?ren!"

?Habt Dank, Salome, und haltet mir zu Gute, was jedem andern wird gew?hrt: Begeisterung für Eure Sch?nheit! Bezaubert von der Liebreizfülle, hingerissen, im Banne tiefempfundner Liebe wagt' ich den Schritt und lie? verbringen Euch in den Palast. Glaubt mir, nur sprechen wollt' ich Euch und bitten, zu teilen Thron und Leben fürder mit mir! Me?t mein Empfinden nicht nach kalter nord'scher Art, gedenkt, da? südlich warmes Blut der Mediceer in meinen Adern rollt! Das Leben zu Rom war meine Schule, kunstfreudig ward das Auge mir, die Begeisterung für Sch?nheit eingepflanzt unterm Himmel der ewigen Stadt. Meine Seele dürstet nach Verwirklichung von Pracht und Sch?nheit in meiner Stadt, die Blüte Italiens soll verpflanzt werden in Salzburgs Boden, ein Rom im kleinen will ich errichten hier und über alles gebieten soll das sch?nste Weib, das meine Augen je gesehen: Salome! Fürstin sollt Ihr sein, angebetet und verehrt, teilen Thron und des Lebens Glück und Ehren, Herrin über mich und mein Gebiet! Sprecht aus das mich beglückende Wort, helft mir in meinen kunstbegeisterten Pl?nen, gebt Eure Hand, wir bauen auf ein neues Rom im Kranze deutscher Berge! Wir halten Hof so stolz wie Frankreichs K?nig es nicht besser kann! Wir schaffen für des Landes Wohl und unserer Unterthanen! Ein neues Leben soll erblühen unter unserm Szepter, ein Leben voll des reinsten Glückes! Ich will Salzburg gro? gestalten, zur Heimstatt für die Kunst, Pracht und Sch?nheit! Künden soll den fernsten Geschlechtern noch, was Wolf Dietrich und Salome geschaffen! Sprecht, holde G?ttin meines Lebens: Wollt teilen Ihr den Thron mit mir?"

Der flammende Ton h?chster Begeisterung, die hei?e Werbung hatte Salome in Erregung versetzt; der Ausblick in solche Zukunft blendete, verwirrte den Sinn und machte das M?dchen schwindeln. Hoch wogte die plastisch schone Büste, ein Zittern lief durch den idealgebauten K?rper, ein St?hnen entwich der erregten Brust, und wie nach Klarheit ringend, strich Salome mit der zarten Hand über die reine, wei?e Stirne. ?Es kann nicht sein! Mein Sinn ist verwirrt, Eure Rede, Herr, sie macht mich schwindeln! Es ist ein Trugbild nur, das niemals Wahrheit werden kann!"

?Sagt das nicht, K?nigin meines Herzens! Ich pf?nd' mein fürstlich Wort, hier meine Hand: G?nnt Ihr mir das Glück meines Lebens an Eurer Seite, seid gehalten Ihr der Fürstin gleich und Herrin über Salzburg und mein stiftisch Land!"

Wie traumverloren stand Salome, eine Beute widerstrebender Gefühle. Eine Tochter Salzburgs aus bürgerlichem Hause erhoben zu Salzburgs Fürstin, ausgerüstet mit der Machtfülle eines Fürsten, Herrin über Land und Volk, reich und m?chtig zu helfen den Kleinen und Armen, m?chtig, Salzburg gro? zu machen im Sinne des prachtliebenden Fürsten, und selbst zu handeln nach eigenen Gedanken! - ?Es kann nicht sein!"

?Warum? Sprecht, Salome! Ich bange um jenes Wort! Warum z?gert Ihr?" rief erregt der feurige Fürst.

?Es kann nicht sein, o Herr! - Euer Kleid -"

?Wie?"

?Euer Kleid soll sein des h?chsten Priesters, und der niedrigste der

Geistlichen mu? - unbeweibt verbleiben wie der h?chste -!"

?Ich erwerbe mir Dispens! Und sollt' mir verwehrt sein, was hunderte im

Klerus meines Landes ungep?nt gethan?!"

?So wolltet Ihr, o Herr, Euch hinwegsetzen über Roms Gebot, beweiben Euch? Kann entgegen einem kirchlichen Gebot die Kirche binden eine verbotene Ehe?"

?Rom kann alles! Und ich bin Herr und Fürst in meinem Lande! Ich sprech' das Machtwort und ein geistlich Untergebener hat zu gehorchen. So biet' ich meine Hand zum Ehebunde, so Ihr verlangt nach kirchlicher Trauung!"

?La?t mich zum Vater!" rief erregt Salome.

?Solch' Antwort vermag ich nur als ?nein' zu deuten, und niemals kehrt

Salome zu mir zurück!"

Innehaltend an der Schwelle des Gemaches, wandte sich Salome nochmals zum Fürsten und rief ihm zu: ?Mein Wort zum Pfand, ich kehre wieder, um Botschaft Euch zu thun! Doch nun gew?hrt Bedenkzeit, gebt mich frei! Nur ungezwungen vermag einen Entschlu? ich zu fassen!"

?Ihr seid frei, Salome! Verzeiht mir Wort und That! Ich harre der

Wiederkehr der - Fürstin!"

W?hrend Wolf Dietrich sich ritterlich verbeugte, schritt Salome aus dem Keutschachhofe in einem Zustande gr??ter seelischer Erregung, die sie auf Leute wie Gassen nicht achten lie?. Sie h?rte nicht die Rufe der überraschung von Bürgern, die es nicht fassen konnten, das angeblich geraubte M?dchen v?llig frei zu sehen.

Bis Salome das v?terliche Haus erreichte, war die Kunde ihrer Befreiung in der Stadt verbreitet, die überraschende Nachricht flog von Mund zu Mund und eine Flut von Mutma?ungen flo? nebenbei.

Das M?dchen war wie im Taumel in die Arbeitsstube des Vaters im

Erdgeschosse des Kaufhauses gekommen, die Bet?ubung wich im Momente, da

Salome das gramdurchfurchte Antlitz des Vaters erblickte, und mit einem

Jubelruf eilte sie in seine Arme. ?Vater, lieber Vater!"

?Salome! Du wieder daheim! Gro?er Gott! Mein Kind, mein Kind!"

Nach der innigen, stürmischen Begrü?ung und Freude der Wiederkehr der verloren geglaubten Tochter geleitete Alt sein Kind in die Wohnstube hinauf. Die Bediensteten des Kaufhauses sollten nicht Zeugen der intimen Aussprache zwischen Vater und Tochter sein.

?ngstlich forschenden Blickes fragte der Vater: ?Ist dir kein Leids geschehen, Salome? Und wer hat gewagt, mir meine Tochter wegzufangen? Sprich, ich werde den unerh?rten Raub zu r?chen wissen!"

?Keine Rache, Vater! Sie ist nur Gottes allein!"

?Wer hat den Frevel gewagt? Den Namen nenne, Salome, den Namen!"

?Es ist mir kein Leids geschehen, mit keinem Blick, geschweige einer schlimmen That!"

?Den Namen nenne! Doch nein, ich wei? ihn! Mein Verdacht war rege, eh' die Schandthat ist geschehen. Ist's auch der Fürst selbst gewesen, er soll mir bü?en und kostet es mein eigen Leben!"

Salome warf sich weinend in des Vaters Arme und flehte um Milde.

?Du selbst, das Opfer, willst schonen, um Milde bitten für den Sch?nder unserer Ehre? Ich fa?' es nicht! Was ist geschehen, da? wirr geworden meiner Tochter sonst so heller Verstand?"

Die Umarmung aufl?send, trat Wilhelm Alt zurück, sein Blick galt forschend der Tochter, die j?h err?tete und dann wieder erbla?te.

?Was soll das Farbenspiel in deinen Wangen? Mir ist r?tselhaft dein Wesen! Ist verraucht dein M?dchenstolz? Haben girrende Worte deinen Sinn verderbt? Salome, dein Vater spricht mit dir, h?r' es, dein Vater, der ein heilig Anrecht hat, jetzund in dieser Stunde die Wahrheit, die reine Wahrheit zu h?ren! Du z?gerst! Heil'ger Gott, wie wird mir? Ein furchtbarer Verdacht will mein Herz beschleichen, Salome, rede Kind, bei meinem Zorn, sprich: Hat der Fürst im span'schen Gewand der Gecken dir gar von Liebe gesprochen? Ihm s?h' es gleich! Hast du den fressend giftigen Wurm verlogener Falschheit im Herzen, bei Gott, ich rei?' ihn dir heraus! Mein Haus, mein Kind und meine Ehr' sollen unangetastet bleiben, h?rst du, und sollten beide wir zu Grunde gehen! Lieber in Ehren sterben, als - ich kann die Schmach nicht ausdenken! Ich s?h' dich lieber tot, denn in jenes Lüstlings Armen!"

Vor dem drohend erhobenen Arm und dem verzerrten Antlitz des Vaters wich

Salome zurück, weinend die H?nde vors Gesicht geschlagen.

?Ha! Das schrecklichste will wahr werden, mein Kind schweigt! So hat der Fant und sei er zehnmal Fürst und Bischof, mit listig falscher Heuchelei den Kopf dir verdreht, das Gift ins Hirn dir gelispelt! Wehe ihm und dir! Mein Fluch -"

?Haltet ein, Vater! Es ist nichts geschehen, was Euren Zorn gerecht erscheinen lassen k?nnte!"

?Nichts? Warum dann dein betreten Schweigen? Weshalb diese Ausflucht?

Sprich ehrlich das Wort, so du es vermagst! Warst du in W?lfen Dieters

Haft und Gewalt?"

?Ja, aber -"

?Ich brauch' dein ?aber' nicht und wei? genug! Die Schande ist eingekehrt in meiner Eltern ehrwürdig hochgehalten Haus! Der n?chste Schritt fuhrt in den Pfuhl des Lasters! R?chen werd' ich diese Schmach, ich will meine Rache haben und mein -"

?Vater! Ihr verdammet eine Unschuldige, rein bin ich zurückgekehrt, makellos, und nicht meine Schuld ist's, da? der Fürst den Schritt gethan, den reuig er mir vor wenig Stunden abgebeten!"

?Die Reue eines listigen Schelmen, ha! Er wetzt die Knie und s?uselt eitel Liebe, derweil sein Sinn trachtet, die Unschuld zu verderben! Was hat er sonst gesprochen?"

?Erla? mir, lieber Vater, solche Meldung! Ich weise alles ab! Wie ich mir ausbedungen, mit dem Vater erst zu sprechen, steht es mir frei, zurückzuweisen -"

?Was? Hat der Geck es gar gewagt, dich frechen Sinnes zu begehren?"

Salome stand weinend, gesenkten Blickes, und sprach leise: ?Ich konnt' die Red' ihm nicht verbieten, der Fürst warb um meine Hand, er will zur Gattin mich erw?hlen und teilen Thron und Leben...."

Ein schrilles Lachen unterbrach Salomes Rede, h?hnend gellenden Tones rief Wilhelm Alt: ?Bravo! Um C?libat und sonstige Vorschriften kümmert sich der Bischof nicht, er will nur blenden eines einf?ltigen M?dchens Sinn und Herz! Er schw?tzt von Thron und Fürstenehren! Haha, das Thr?nchen kann wackeln und brechen, ehnder es das Fürstlein meint! Genug davon! Mag der Klerus drau?en und bei den Bauern im Gebirg es halten, wie er will, schlimm genug ist's allenthalben, der Bischof aber hat rein zu leben, wie die Kirche es gebeut! Gattin eines Bischofs, die Welt hat dergleichen nie gesehen, und Rom wird solchen Hohn zu ahnden wissen! Ich aber geb' mein Kind nicht preis dem Spott und Hohn der Welt! Ich nicht! Niemals!"

Grollend verlie? Alt die Stube; in Thr?nen aufgel?st, au?er sich blieb Salome allein. Wie mag dies alles enden! Und eine Frage tauchte in dem M?dchen auf, tiefbewegend, ringend nach der Antwort: Welches Gefühl hegt das Herz für Wolf Dietrich? Ist es Liebe? ?Ich wei? es nicht!" flüsterte Salome, ?ich bin ihm gut trotz der Gewaltthat, die meinen Ruf gesch?ndet! O Gott, hilf mir das Rechte erkennen, zeig' mir den Weg, den ich zu gehen habe!"

Salome ward m?hlich ruhiger, doch Klarheit für ihr Beginnen fand sie nicht; je mehr sie darüber nachdachte, desto verworrener wurden die Gedanken, in welchen Licht und Schatten kunterbunt wechselten. Bald sah sie sich an des Fürsten Seite von Glanz und Reichtum umgeben, als Salzburgs Gebieterin, deren leiseste Wünsche in demütiger Eile Erfüllung fanden, einflu?reich, den Fürsten beglückend, wirkend zum Wohle des Landes und Volkes, - und pl?tzlich tauchen schwarze Schatten auf, das Auge sieht den verlassenen, tiefgebeugten Vater sterbend, das Ohr h?rt seine Flüche, das Herz krampft sich zusammen. Salome st?hnte vor Schmerzen.

Früh d?mmerte es an diesem Tage; drau?en wirbelte ununterbrochen Schnee herab zur stillen Stadt, die der Nachwinter fest in seinem Banne hielt. Vater Alt hielt sich l?nger denn sonst in den Gesch?ftsr?umen auf, er schien Salome meiden zu wollen.

Der Einsamkeit und Stille dankte das M?dchen, Salome scheute sich, Licht zu machen; nur heute nicht mehr vor Menschen treten müssen. Was aber wird der Morgen, was werden die n?chsten Tage bringen? Soll ein ?nein" den Wirren ein wohlth?tig Ende machen? Und wenn des Fürsten Antrag abgelehnt ist, wird je der strenge Vater verzeihen, Milde üben? Wird der Schatten zwischen Vater und Tochter weichen? Und wie wird die Bürgerschaft, die stolze Sippe, es halten, all' die Leute in beschr?nkter Art? Wer wird es glauben, da? Salome freiwillig des Fürsten Antrag zurückgewiesen? Wird es nicht eher hei?en, sie habe sich an ihn gedr?ngt und sei verdienterma?en weggesto?en worden?

Stimmen wurden im Vorraum laut, die aushorchende Salome konnte deutlich

der Muhme Stimme vernehmen, und alsbald trat Frau Alt in das dunkle

Gemach und rief: ?Gott, wie finster ist es hier! Salome, wo steckst du?

Bist du hier?"

?Gleich, liebe Muhme, will ich Licht anstecken!"

?Nicht doch, M?dchen! Sag' mir nur, wo du steckst, wir wollen in der Dumper (D?mmerung) plaudern! Brenn' ich doch vor Neugier zu erfahren dein Geschick! Mein Mann, der gestrenge Bürgermeister, sagte vor einem Stündchen erst die gro?e Kunde, da? frei heimgekehrt ist unsere Salome! Nun konnte nichts mich im Hause halten, ich mu?t' zu dir! Gott sei gelobt, da? wir dich wieder haben!"

Salome war der Muhme entgegengeschritten, fa?te die Hand derselben, und geleitete die Bürgermeisterin in den Erker zu den Truhen, die hier als Sitzpl?tze dienten.

?Nun erz?hle, Salome, ich, deine Muhme, hab' ein Anrecht darauf!"

Mit einem Seufzer ergab sich das M?dchen in das unvermeidliche Geschick und schilderte in kurzen Umrissen die Entführung in den Keutschachhof.

?Also doch!" sprudelte es Frau Alt heraus.

?Wie, Ihr habt es gleich vorneweg so vermutet?"

?I freilich! Das war doch nicht schwer zu raten! Der Fürst ist doch so huldvoll und gn?dig gewesen, er war ganz Feuer für dich, hatte nur für unsere Salome die Augen offen! Nein, diese hohe Ehre!"

?Haltet ein, Muhme! Nennt Ihr die Entführung eine Ehre, ich finde meinen M?dchenruf verletzt, und der Vater, ach, der Vater grollt und spricht von Schande!"

?Der Schwager ist empfindlichen Gemütes und nimmt alles gar zu scharf! Gewi?lich w?r' die Entführung eine b?se Sache, h?tt' ein Junker oder sonst ein Wicht die Hand erhoben nach unserer Salome! Doch anders ist's, da unser gn?diger Fürst erglüht für dich! Das finde ich eine Auszeichnung und hohe Ehre! Denk' nur, ein Fürst, des Erzstiftes Herr und Gebieter, der Erzbischof, entsprossen einem hochedlen Geschlecht, mit einem Kardinal verwandt, ja selbst mit Seiner Heiligkeit dem Papst! Wolf Dietrich wird über kurz oder lang wohl selber Kardinal, ein ritterlicher Fürst und Herr ist er heute schon, m?chtig, hohen Sinnes! Mir schwindelt, denk' ich es aus, da? wir gar mit dem Papst zu Rom k?nnten in Beziehung kommen!"

?Was kümmert mich der Papst!"

?Sprich nicht so, Salome! Der Herr der ganzen Christenheit, dem Kaiser und K?nige sich beugen! O, wenn ich es erleben k?nnte!"

?Was wollt Ihr erleben?" fragte ernannt das M?dchen.

?Lassen wir das! Sprich und erz?hle mir lieber: Was sprach der Fürst? Hat er dich im Palast erwartet nach dem Mahle? Ich hoffe, er zeigte sich ritterlich, wie sonst ist seine Art?!"

?Er kam am andern Morgen und - o Gott, das ist es ja, was mich so unglücklich macht und in Zerwürfnis brachte mit dem guten Vater!"

Die Muhme geriet in Aufregung, ihre Neugierde war aufs h?chste gestiegen, Frau Alt rutschte so nahe als nur m?glich hin zu Salome und drang auf eine v?llige, genaue Beichte.

Dem M?dchen ward es wohliges Bedürfnis, das Herz der teilnehmenden Muhme auszuschütten, eng umschlungen hielten sich die Frauen, und Salome erz?hlte schluchzend von der Werbung Wolf Dietrichs, von seinen Pl?nen und Absichten, den Thron zu teilen, das Bürgerm?dchen zur Fürstin zu erheben.

?O diese Ehre!" stammelte in ma?loser überraschung die Muhme.

?Der Vater nennt es eine Schande und droht mit seinem Fluch!"

?Das fa?' ich nicht!"

?Unschlüssig bin ich, nicht m?chtig meines Empfindens! Der Vater ist emp?rt, der Fürst als Erzbischof k?nne gar nicht heiraten, sei gebunden an die Kirche und ans C?libat! Der Papst selbst k?nne da kein Machtwort sprechen, die Erlaubnis nicht erteilen!"

?Der Papst kann alles und ein Fürst sehr viel! Im Erzstift giebt es genug der Geistlichen, die sich ein Weib genommen und dennoch giltig ihres Amtes walten! Was den Kleinen erlaubt ist, kann dem Obersten nicht verwehrt bleiben! Und Wolf Dietrich gar, der ist Manns und m?chtig genug, seinen eignen Weg zu gehen, der fragt nicht viel und thut nach eignem Willen! Fürstin! Die Welt hat solche Wahl und Ehr' noch nicht gesehen! Da? ich das noch erlebe, diese Auszeichnung! Du hast doch dankbar eingewilligt? O, das soll eine fürnehme Hochzeit werden! Traun, mir wird hei? im Kopf, ich die Bürgermeisterin verwandt mit Salzburgs Fürstin! Bersten werden die Weiber vor Neid! Sprich, Salome, was hast du dem Fürsten gesagt auf seine Werbung?"

?Ich wei? ja selbst nicht, wie mir ist! Bedenkzeit erbat ich, als der

Fürst mich freigegeben, mich heimkehren lie?, ins v?terliche Haus!"

?Hast du mit dem Vater alles schon besprochen?"

?Er will von solchem Hohn und Spott nichts weiter h?ren, niemals will er einwilligen und statt des Segens wird er geben seinen Fluch! O, wie bin ich unglücklich! Doch lieber sag' ich ?nein' und weise des Fürsten Werbung ab! Es kann kein Segen sein, so der Vater flucht!"

?Nur keine übereilung, Kind! La?' nur mich mit dem Schwaher reden! Ich treibe ihm die schlimmen Gedanken schon aus und setze ihm die Sache klar ins richtige Licht! Auf jedem Fall la? du aber dem Fürsten wissen, da? du seine Werbung annimmst in Dankbarkeit und schuldiger Ehrfurcht, verbanden?!"

?Ich bin mir nicht klar, ist's Liebe! Ich bin dem Fürsten gut, doch fühl' ich kein Stürmen und Dr?ngen im Herzen!"

?Das braucht es auch gar nicht! Du wirst Fürstin, das ist nach meiner Meinung die Hauptsache. Meine Nichte Salzburgs Fürstin! Wie stolz das klingt! Die Sache wird gemacht, ich, die Bürgermeisterin werde diese Angelegenheit durchführen, und ich dulde keinen Widerspruch. Bin ich mit meinem Manne fertig geworden, zwing' ich auch den st?rrischen Schwaher! Ich will verwandt werden mit dem Fürsten! Also gehorchst du, sü?es T?ubchen, mir, und befolgst meine Anordnungen."

?Ja, gute Muhme! Wenn es nur einen guten Ausgang nimmt! Ich fürchte mich vor dem gestrengen Vater!"

Zum Abschied versprach Frau Alt mit dem Schwager ein ernstes Wort zu reden. über die Werbung sollte jedoch einstweilen tiefes Schweigen beobachtet werden, damit die sp?tere, pl?tzliche Verlobung um so st?rker auf Salzburgs Frauen wirken k?nne und müsse.

Bald nach dem Weggang der Muhme lie? Herr Alt der Tochter sagen, da? er den Abend ausw?rts verbringen und demgem?? nicht zu Tisch kommen werde. Salome fühlte es nur zu deutlich heraus, da? der Vater absichtlich das eigene Kind meidet, und bitter empfand dies das M?dchen.

Wenn sich die Bürgermeisterin noch niemals in ihren Erwartungen und Berechnungen betrogen sah, die Ansprache mit dem Schwager brachte statt des erhofften Sieges eine grimmige Niederlage, die eine verzweifelte ?hnlichkeit mit einem Hausverweis hatte. Wilhelm Alt verbat sich jede wie immer geartete Einmischung in seine Familienverh?ltnisse, nannte die Schw?gerin schlankweg eine gewissenlose Kupplerin, die so rasch als m?glich die Thüre von au?en zumachen und niemals wiederkehren m?ge. Tief beleidigt, rachedürstend rauschte die Muhme aus dem Hause des Kaufherrn, und in den n?chsten Stunden wu?ten Salzburgs Bürgerkreise bereits von der ehrenvollen Werbung Wolf Dietrichs um Salomes Hand. Zugleich ward der Bürgermeister derart bearbeitet, da? er, gegen seinen Willen, der Werbung in seiner Eigenschaft als Ohm zustimmte und damit den Bruder in eine schiefe, durchaus nicht beneidenswerte Lage brachte.

Wilhelm Alt konnte das Getuschel nicht verborgen bleiben; man sprach im Trinkhause von der unglaublichen Kunde, die natürlich mit der Entführung in Zusammenhang gebracht wurde, es fielen ?u?erungen, mehr minder verhüllt, die dem ehrlichen, stolzen Kaufherrn das Blut in Wangen und Kopf jagten. Ein Dreinfahren hatte wenig Erfolg, die Sp?tter und Verleumder leugneten und logen, um sich hinterher erst recht über den nach ihrer Meinung scheinheiligen Verkuppler des eigenen Kindes lustig zu machen und zu berechnen, wieviel der Fürst wohl für den Handel an den Kr?mer werde bezahlt haben. Im Innersten verletzt, grollend, sich und sein Kind verfluchend zog sich Wilhelm Alt in sein Haus zurück und mied zugleich jeglichen Verkehr mit Salome, die er nun als Urheberin dieser Schande ha?te und zu beseitigen trachtete, bevor der verh?ngnisvolle Schritt einer Allianz mit dem Fürsten zur That werden k?nne.

Zu diesem Behufe setzte sich Wilhelm Alt mit dem Nonnenkloster auf Frauenchiemsee in Verbindung, das gegen Entgelt Salome aufnehmen und sp?ter einkleiden sollte. Einstweilen jedoch wurde Salome im Vaterhause einer Gefangenen gleich gehalten und sch?rfstens überwacht, auf da? eine Botschaft weder hereindringen noch hinauskommen konnte. An die Rache der Schw?gerin dachte Alt nicht weiter, wie ihn ja sein Leben lang Weibergeschw?tz kalt gelassen hat.

Die Muhme aber in ihrer Auffassung von der Verbindung Salomes mit dem Fürsten Wolf Dietrich und racheglühend bereit, ihren Willen gegen den des Schwagers durchzusetzen, lie? den Erzbischof wissen, da? die Bürgermeister Altsche Familie wie Salome mit den Pl?nen Seiner Hochfürstlichen Gnaden einverstanden sei, und da? der gn?dige Herr Schritte gegen die zweifellos drohende Verbringung des M?dchens in ein ausw?rtiges Kloster thun m?ge.

In seiner Leidenschaft für die sch?ne Salome, deren Besitz der junge, weltlich gesinnte Kirchenfürst hei? begehrte, konnte Wolf Dietrich die Beihilfe der Muhme nur freudigst begrü?en; die Mitteilungen der Bürgermeisterin erkl?rten auch zur Genüge, weshalb von Salome kein Lebenszeichen in die Residenz gelangt war. Einen Mann von der Thatkraft eines Wolf Dietrich mu?te die Information von einer Unsch?dlichmachung des geliebten M?dchens bei lebendigem Leibe zu Gewaltthaten geradezu auffordern und der hei?blütige Fürst ging denn auch sofort daran, Herrn Wilhelm Alt mit Gewalt Schach zu bieten.

Das Haus des Kaufherrn wurde von Dienern des Fürsten bewacht, Bewaffnete lauerten Tag und Nacht in der N?he verborgen, und ebenso lag eine Abteilung der erzbisch?flichen Miliz auf der Stra?e nach Teisendorf mit dem Auftrage, jeden Wagen oder sonstigen Transport aufzuhalten und nach dem Fr?ulein zu suchen, das gegebenen Falles unter Bedeckung ins fürstliche Palais zu verbringen sei.

Nach solchen Anordnungen konnte eine abermalige Gefangennahme Salomes kaum mi?lingen; es mü?te denn sein, da? das Fr?ulein auf dem Wege nach Golling ins Gebirge oder über Berchtesgaden verschleppt werden würde. Daran dachte Wolf Dietrich eines Tages und in wenigen Stunden waren auch diese Fluchtrichtungen mit Mannschaften belegt. Nun hie? es warten, und hei?blütige Menschen warten nicht gerne. In seiner Ungeduld, neue Kunde über das geliebte M?dchen zu erfahren, lie? Wolf Dietrich Frau Alt zu sich bitten und stellte ihr auch gleich eine S?nfte, die vor dem Hause der Altschen Familie warten mu?te, zur Verfügung.

Diese Einladung an den Fürstlichen Hof brachte die Bürgermeisterin schier um den Verstand und nur Stolz und Eitelkeit verhinderten eine Geistestrübung. Mit einer ihr selbst unbegreifliche Schnelligkeit kleidete sich Frau Alt in ihr bestes Galagewand, legte an Schmuck an, was sie überhaupt besa?, und so überladen mit Tand und Sch?tzen stieg sie pfauenstolz in die S?nfte, huldvoll die gaffenden Leute auf der Gasse durch H?ndewinken grü?end und sich selber vormurmelnd: ?Ich komme zu Hof, ich komme zu Hof!"

Viel Etikettumst?nde beim Empfang wurden zur Entt?uschung der Bürgermeisterin nun freilich nicht gemacht, denn der ungeduldige Fürst hatte ausdrücklich befohlen, die Dame sogleich in das Empfangszimmer zu bringen. Immerhin walteten die Thürsteher und der K?mmerling vom Dienst getreulich ihres Amtes und deren Grinsen hinterdrein konnte die überglückliche Frau nicht sehen.

In spanischer Rittertracht empfing Wolf Dietrich die heranrauschende Bürgermeisterin, mühsam den Lachreiz niederk?mpfend, liebenswürdig und galant, so da? Frau Alt wie in einem Himmel zu sein w?hnte und strahlend vor Vergnügen sich in einen wappengeschmückten Stuhl fallen lie?.

Auf einen Wink entfernte sich der K?mmerling, und nun sprach der junge Fürst: ?Ich habe Euch zu mir bitten lassen in der Meinung, da? Ihr mir neue Kunde geben k?nnt von Salome! Für Eure mich erfreuende Unterstützung meiner Pl?ne sage ich Euch meinen Dank und gebe mein fürstlich Wort, da? es an Anerkennung und Lohn nicht werde fehlen, so ich zum Ziel gelange. Nun sprecht: Was sind die Absichten des hartk?pfigen Pfefferkr?mers?"

Frau Alt zuckte bei diesem Wort zusammen, der Ausdruck verletzte doch in etwas den Sippenstolz, und hastig erwiderte die Bürgermeisterin: ?Euer Fürstlichen Gnaden mit Verlaubnis! Mein Herr Schwaher ist Kaufherr und handelt meines Wissens nicht mit Pfeffer!"

?Mi perdoni! Ich wu?te das nicht und wollte auch keineswegs etwa eine

Geringsch?tzung verüben, was undenkbar w?re, so ich gerne mit des

Kaufherrn Schw?herin und Muhme der sch?nen Salome spreche!"

Geschmeichelt dankte Frau Alt und versicherte dann den Fürsten ihrer Ergebenheit und Bereitwilligkeit, ihm zu dienen, nicht in der Hoffnung auf irdischen Lohn, sondern zur Erwerbung p?pstlicher Anerkennung.

?Wie das? Was meint Ihr?" fragte einigerma?en überrascht Wolf Dietrich und lie? den Degenknauf los, auf den sich seine linke Hand bisher gestützt hatte.

?Hochfürstliche Gnaden wollen geruhen, meine Beichte entgegenzunehmen!"

?O non, o non!" wehrte Wolf Dietrich ab in irrtümlicher Auffassung des Ausdruckes, ?zum Beichtigen nehmet nur den Priester, so Ihr für gew?hnlich konfiterieret!"

?Ich meine nicht die kirchliche Beichte, gn?diger Herr! Ich m?chte nur demütig vorbringen, da? gerne ich Euer Gnaden willf?hrig bin und mich glücklich sch?tze, so Hochdero sich mit unserer Salome verbinden! Was hiezu ich thun kann, wird geschehen! Als Lohn m?cht' ich mir etwas erbitten, was Euer Fürstliche Gnaden nur ein gutes Wort für Hochdero unterth?nigste Dienerin in Rom kostet!"

?Nur ein Wort? Wie lautet dieses Wort?"

?Meine h?chste Seligkeit w?re ein p?pstlicher Segen Seiner Heiligkeit, aber ganz alleinig für mich gespendet; es darf niemand anderes daran teilhaben, blo? ich allein!"

Ein sp?ttisches L?cheln huschte über die Lippen Wolf Dietrichs, dann sprach der Fürst freundlich herablassend: ?Sothaner Wunsch ehret Euch und soll propagieret werden, sofern Ihr mir eine frumbe willf?hrige Dienerin bleibet! Doch nun ad rem: Wi?t Neues Ihr von Salome?"

?Das M?dchen ist gehalten in strenger Haft des eigensinnigen Vaters, es ist selbst mir nicht m?glich, zu Salome zu gelangen. Nur von der Dienerschaft konnte ich erfahren, da? in B?lde schon der Schwaher selbst, der Grausame, das liebliche Kind verbringen will in Klostermauern! Denkt nur, gn?diger Herr, ein lieblich Kind, unsere sch?ne Salome, die sch?nste Maid wohl von ganz Salzburg und im stiftschen Land soll in die Kutte gesteckt und Nonne werden für Lebenszeit!"

?Das werd' ich zu verhüten wissen! Das Fr?ulein will ich für mich, und

Purpur und Hermelin soll Salomes Kleidung sein, nicht die Klosterkutte!"

?O, habt Dank, gn?diger Herr, für solche Rettung! Wohl bin ich sehr bedacht auf Seelenheil und frumben Wandel, doch Salome seh' ich lieber in fürstlichem Gewande!"

?Auch ich!" hüstelte Wolf Dietrich belustigt.

?Ich m?chte Euer Hochfürstliche Gnaden bitten, dem blutdürstigen

Rabenvater Mores zu lehren!"

?Das soll prompt geschehen! Ihr k?nnt darob beruhigt sein! Wann Salome aus meiner Stadt verbracht wird, ist Euch nicht genau bekannt?"

?Es soll nicht l?nger mehr w?hren, vielleicht noch einige Tage, bis besser wird und trocken der Weg."

?Und wohin?"

?Das wei? ich nicht zu sagen! Mich deucht, der Schwaher denkt an Chiemsee, doch hat der Kaufherr vielfach Gefreundschaft auch in K?rnten und hinab ins Welschland!"

?Ihr steht nicht mehr im Verkehr mit Wilhelm Alt?"

?Der Dickkopf nannt' eine Kupplerin mich, die ehrsame frumbe Bürgermeisterin, und verwies mir das Haus! Kann es gr??ere Undankbarkeit wohl auf Erden geben!"

?Nein, gewi? nicht! Ein ?undankbarer' Mensch, dieser Wilhelm Alt!" sprach ironisch der Fürst und seine Augen lachten vergnügt dazu. auf Seelenheil und frumben Wandel! Ich will ja nur Salomens Glück und nebstbei bin auch ich geehrt,

[Transkriptionsanmerkung: Dieser Absatz scheint keinen Sinn zu machen, ist aber 1:1 aus dem Original übernommen]

?Als wenn ich kuppeln wollt', ich, die so viel h?lt wenn meine Nichte

Fürstin ist!"

?Kein Zweifel, eine gro?e Ehre sothane Liaison!"

Nun wollte Frau Alt auf den Stadtklatsch übergehen, doch Wolf Dietrichs Geduld war bereits ersch?pft, es interessierte ihn nicht im geringsten, was die Sippen über ihn und seine Liebe zu Salome sagen, und die l?ngere Anwesenheit der alten Schw?tzerin ward dem Fürsten l?stig. Er gab ein Glockenzeichen, verneigte sich etwas vor der in die H?he fahrenden Dame und gab Befehl, die Frau Bürgermeisterin hinauszugeleiten.

Verdutzt, in einem Gefühle, aus dem Himmel in einen Sumpf gefallen zu

sein, folgte Frau Alt dem h?flichen und doch sp?ttischen K?mmerling, die

Glückseligkeit der Fürstenaudienz war zu Ende, so gründlich vorbei, da?

Frau Alt unten keine S?nfte mehr vorfand und ge?rgert durch das

Schneewasser auf Salzburgs Katzenkopfpflaster heimtrippeln mu?te.

?Sind doch das launische Leute, diese Fürsten!" zischte die vergr?mte Frau und hüpfte kr?tengleich über die Wasserlachen, bis sie tropfna? in den Fü?en endlich das Heim erreichte.

Unertr?glich war Salome die einsame Haft im Elternhause geworden, das M?dchen litt schwer, die Isolierung verbitterte das Gemüt und bewirkte m?hlich, da? Salome im Drang nach Freiheit nur im Fürsten allein den Retter ihres Lebens zu erblicken begann und sich nach Wolf Dietrichs beglückend sü?en Worten sehnte. Speise und Trank ward der Gefangenen wohl vom Hausm?dchen, der blondz?pfigen Klara ins Gemach verbracht, doch war vom Vater der Magd unter schwerer Bedrohung jegliches Sprechen mit Salome verboten worden. Einige Tage hielt dieses Gebot stand, dann aber, von herzlichstem Mitleid erfa?t, vermochte Klara dem Flehen Salomens nicht mehr zu widerstehen, die Magd gab flüsternd Red' und Antwort auf die hastigen Fragen und erz?hlte, da? die Muhme beim Fürsten in Audienz empfangen worden und in der Stadt die Kunde von der Verlobung allgemein verbreitet sei.

Salome schrie auf vor Schreck und Wonne zugleich, dann aber bestürmte sie die Magd um weitere Nachrichten bezüglich der etwa bekannt gewordenen Pl?ne des hartherzigen Vaters.

?ngstlich wehrte Klara ab und bedeutete dem Fr?ulein durch eine Geste, da? ein l?rmend Wort den Gebieter herbeiführen und Strafe bringen mü?te. Das E?geschirr zusammenraffend, flüsterte die Magd: ?Ein Wagen soll Euch morgen in früher Stund' nach Frauenchiemsee bringen, vom Hausknecht habe ich's erfahren!"

?Gro?er Gott, das schrecklichste steht mir bevor! Doch niemals werd' ich eine Nonne! Hilf mir zur Flucht, Klara, ich will dir's lohnen für dein ganzes Leben!"

?Still! Ich h?re Schritte! Zum Abend will ich wiederkommen!"

Ger?uschlos entfernte sich die Magd.

Eine Weile horchte und harrte Salome; doch als alles still, totenstill um sie blieb, begann sie mit dem Gedanken einer Flucht aus dem Elternhause sich vertraut zu machen. Mag kommen was immer wolle, das Leben als Gefangene im Elternhause, vom Vater verachtet, einer Auss?tzigen gleich behandelt, ist ebenso schrecklich wie die Gewi?heit, die Zukunft zwangsweise im Nonnenkloster verbringen zu müssen. Salome empfand ein Gefühl der Dankbarkeit für die Muhme und deren Vermittelung beim Fürsten, das M?dchen hofft auf ein Eingreifen, auf Rettung durch Wolf Dietrichs Hand, und einmal befreit, soll dem Fürsten zeitlebens inniger, hingebender Dank dargebracht werden.

In trostloser ?de vergingen qu?lend langsam die Stunden, bis zum Abend Klara wieder erschien und vermeldete, da? Herr Alt ausgegangen sei, mutma?lich, um für morgen das Fuhrwerk und Mannschaft zur Bedeckung zu bestellen.

Alle Spannkraft erwachte in Salome, sie beschwor Klara um Hilfe zur Flucht und versprach, die Magd sogleich mit sich zu nehmen in den Keutschachhof. Einmal dort, sei Herrin wie Dienerin sicher vor dem strafenden Arm des Vaters und Herrn, der Fürst werde beide zu schützen wissen.

Der Vorschlag leuchtete der abenteuerlichen Magd wohl ein, doch erkl?rte Klara, so rasch nicht ihre Habe, so klein sie auch sei, packen und fortschaffen zu k?nnen.

Salome bedeutete dem Hausm?dchen, da? es unn?tig sei, auch nur das

Geringste von den Habseligkeiten mitzunehmen; es werde alles hundertfach

und neu ersetzt, wie ja auch Salome nichts mitnehme, als was sie am

Leibe trage.

?K?nnt Ihr denn so viel Geld mitnehmen?" fragte Klara.

Salome err?tete und flüsterte: ?Ich nehme nichts mit! Der gn?dige Fürst wird für uns beide Sorge tragen! Nur fort ehe der Vater wiederkehrt!"

Nun war die Magd auch hierüber beruhigt; Klara schlich hinunter, gab ein Zeichen, und Salome folgte. Zwischen den Kisten im Hausflur sich hindurchwindend konnte man dem Eichenportale n?her kommen. Doch dieses selbst erwies sich festverschlossen, die Flucht schien vereitelt und nach rückw?rts giebt es keinen Ausweg.

Peitschenknall ert?nte drau?en in der Gasse, ein schweres Fuhrwerk dr?hnte krachend und prasselnd vor dem Kaufhause, und alsbald ward es lebendig. Schnell huschten die M?dchen hinter die Kisten.

Komptoiristen und Knechte kamen mit Laternen herbei, schimpfend über die arg versp?tete Ankunft des Gollinger Boten. Dieser entschuldigte sich mit dem schlechten Zustand der Stra?e und drang auf rasche Abladung, wasma?en seine Ro?e schwitzen und in den Stall kommen mü?ten.

Bei trübem Laternenschein ward das Portal aufgeschlossen, und die schwere Last von Frachtgütern aus dem Süden wurde abgeladen. Aus Unachtsamkeit stie? einer der Knechte die Laterne um, das Licht verl?schte, es ward stockdunkel im Flur wie auf der Gasse.

W?hrend die Knechte schimpften und nach Licht riefen, huschte Klara, der Salome auf dem Fu?e folgte, durchs Portal und von der Dunkelheit geschützt flohen beide l?ngs den H?usern die Gasse hinauf und verschwanden um die erste Ecke.

Chapter 3 No.3

Ein linder Frühling war dem langen, hartn?ckig um sein Recht k?mpfenden Winter gefolgt, weiche, warme Lüste wehten, der F?hn hatte schneller als sonst den letzten Schnee von den Salzburger Bergen verjagt. In den Th?lern grünte und spro? es aufs neue, die Auen prangten im frischen Lenzeskleid wie die Matten, und nur die Wogen der hochgehenden Salzach bezeugten durch ihr schlammfarbiges Wasser, da? es tief drinnen im Hochgebirge nicht ohne Sturm und Regen Frühling geworden.

Im schmalen Salzachthal, das eingeengt ist durch die Prallw?nde des gigantischen Tennengebirges und westw?rts von dem Felsgewirr des Hagengebirges, erhebt sich ein Steinhügel, auf welchem eine alte Veste thront, Hohenwerfen genannt, eine Zwingburg der salzburgischen Landesherren, im 11. Jahrhundert trutzfest erbaut, und neuerlich bewehrt von Wolf Dietrich im Anfang seiner Regierung, auf da? sie dem Fürsten zum Schutz diene gleich Hohensalzburg in etwaigen Kriegsf?llen.

Die linde Frühlingszeit hatte den jungen Landesherrn verlockt mit ihrem balsamischen Odem, der ihn so sehr an die weichen Lüfte Italiens gemahnte. Wolf Dietrich war, seinem lebhaften Temperament folgend, urpl?tzlich nach Werfen ausgebrochen, und so sa? er nun im bequemen Hausgewand, das aber durch reiche Pelzverbr?mung immer noch an fürstlichen Prunk gemahnte, in einer Art Loggia, die auf sein Gehei? in einem Wehrturm der obersten Burgmauer eingebaut worden war, und lie? zeitweilig den Blick schweifen hinüber in das Felsgewirr der wuchtigen Mauer des Tennengebirges und dann wieder hinab in das grüne Salzachthal. Für eine Weile blieben die vor ihm auf dem Eichentische liegenden Bl?tter, Briefe des Astronomen Tycho Brahe, mit welchem Gelehrten Wolf Dietrich in schriftlichem Verkehr stand, unbeachtet; ein Tr?umen ist's mit offenen Augen, ein willig Hingeben einem wohligen Gefühle errungenen Glückes, und ein zufriedenes L?cheln zeigte sich auf den Lippen, so der Fürst im winzigen Zierg?rtchen, das zwischen der Umfassungsmauer und dem eigentlichen Burggeb?ude eingebettet lag, der schlanken, liebreizenden Gestalt Salomes ansichtig ward.

Die sch?ne Salome liebkoste manche Blütenknospe, eine herrlich erblühte Blume selbst unter den Blümelein des G?rtchens, und ihre weiche Hand strich sanft über eine halberblühte Heckenrose, deren Wurzel lieber im brüchigen Gem?uer zu wurzeln schien, denn in der üppigen Gartenerde. Mitten im t?ndelnden Spiel und Kosen hielt Salome inne, die halboffene Blüte schien sie an etwas zu gemahnen; das glückliche L?cheln erstarb, die Stirn umdüsterte sich, das sü?e Wangenrot verbla?te. Die bebende Hand brach das Heckenr?slein ab, ein Dorn ri? ein, und ein Tr?pflein rotwarmes Blut zeigte sich am verletzten Finger.

Ein leiser Schrei drang zu Wolf Dietrich und lie? ihn aufblicken, der

Fürst gewahrte die Ver?nderung in Salomens Wesen sogleich, und besorgt

rief er, sich über die Loggienbrüstung beugend, hinunter, nach der

Ursache der Verst?rtheit fragend.

J?h erglühte Salome, und winkte hinauf mit einer Geste, die besagen wollte, da? nichts von Belang sich ereignet habe.

Doch der lebhafte Fürst lie? sich damit nicht beschwichtigen, er verlie? sogleich die Loggia und nach wenigen, weitausholenden Schritten war er bei Salome. ?Was ist dir, Carissima? Hat ein Dorn dich verletzt? Wer Rosen pflückt, darf der Dornen nicht achten! Komm, meines Lebens Licht und Wonne, wir wollen die Wunde verbinden!"

?Nicht doch, mein gn?diger Herr! Ein Mahnen war es, das pl?tzlich mich verschreckte!"

?Ein Mahnen? Was sollt' es sein?"

?Ja, ein Mahnen, gn?diger Gebieter! Beim Anblick dieses halberblühten R?sleins fuhr die Gemahnung mir durch den Sinn, da? ich wohl selbst nichts anders bin denn diese kaum erblühte, schlichte Blume...."

?Ein sü? Gebild, der Blumen herrlichste ist meine Salome!" schmeichelte der galante Fürst.

?Nicht so, o Herr und Gebieter, ist's gemeint! Ein Heckenr?slein nur, die wilde Rose, wie sie w?chst in Rain und Wald, entbehrend der f?rdernden Hand -"

?Auch solche Blume hat doch ihren Reiz, ist sch?n in ihrer

Schlichtheit!"

?Doch niemals wird sie eine Edelrose!"

Der klagende Ton fiel dem Fürsten auf, weich sprach Wolf Dietrich:

?Gr?me dich nicht darob, es mu? auch wilde Rosen geben!"

Ein Seufzer entwich der bewegten Brust des M?dchens.

?Was ist dir nur, Geliebte?"

?Das Mahnen ist's, das Schmerz mir bringt in meine Brust; nie wird das

Heckenr?slein eine Edelrose, und so erblick' ich meine Zukunft!"

?Scheuch solche Gedanken nur von hinnen, Geliebte! Du bist mein alles, meines Lebens Wonne! Nie werd' ich von dir lassen! Die Sorg' um dich ist meines Daseins oberstes Gesetz!"

?Steckt dieses Heckenr?slein in die beste Erde, pflegt und betreuet sie, eine Edelrose wird es niemals werden!"

?Geliebte! Was soll dies Wortspiel in der Wiederholung? Du bist an meiner Seite einer Fürstin gleich -"

?Doch niemals ebenbürtig und des Segens entbehrt unser Bund! Eine Zuflucht fand ich in Eurem gastlich Haus und bin nichts anderes denn ein Gast, dem gesetzt ist immer die bestimmte Zeit!"

?Salome! Ich bitte, jag' die trüben Gedanken weg! Nur froh und glücklich

will meine Herzensk?nigin ich wissen, ein zufrieden sü?es L?cheln als

Zierde sehen auf deinen Rosenlippen! Nur keine Schatten und des Grames

Falten, die hass' ich und will verbannt sie wissen aus meinem Leben!"

?Verzeiht mir, gn?diger Gebieter! Nicht will ich Unmut Euch bereiten, aufheitern Euch und versch?nern gern das Leben! Doch erh?ret, Herr, auch meine Bitte: Gebt unserem Bund die Weihe, die gew?hrt ist dem ?rmsten Paar von Euren Unterthanen!"

Eine Falte zeigte sich in des Fürsten Stirne und Unmut auf den zur

Antwort leicht ge?ffneten Lippen.

Doch ehe Wolf Dietrich Antwort gab auf die flehentliche Bitte des

sch?nen M?dchens, kam der K?mmerling heran, der unter einer tiefen

Verbeugung meldete, da? der Dechant von Werfen Seiner Hochfürstlichen

Gnaden unterth?nigste Aufwartung zu machen erschienen sei und im

Audienzzimmer harre des gn?digen Empfanges.

?Soll warten! Ich komme alsbald!" erwiderte der Fürst, und geleitete

Salome in die Burg.

Erst vertauschte Wolf Dietrich unter Beihilfe des Kammerdieners Mathias das Hausgewand mit der spanischen Ritterstracht, doch nahm der junge Gebieter den stolzen Federhut nicht mit, als er dann unter Vorantritt von Pagen und dem K?mmerer sich in das Audienzgemach begab.

Der harrende Dechant war eine hagere, mittelgro?e Gestalt mit strengen Zügen im scharfgeschnittenen Gesicht, grauen Augen, kurz geschorenem Haupthaar, ein Mann von Gemessenheit, erfüllt vom Gedanken an priesterliche Würde und Pflichttreue; dabei schien die ganze hagere Gestalt die Verk?rperung eines eisenstarken Willens, einer Unbeugsamkeit in allen Dingen zu sein.

Beim Eintritt des Fürsten und Erzbischofs wich in des Pfarrherrn Auge die Eisesk?lte und Starrheit, die Lippen ?ffneten sich, ohne einen Laut durchzulassen, grenzenlose überraschung bekundete die vorgebeugte Haltung des K?rpers und die ausgespreizten Finger beider H?nde. Einen Kirchenfürsten in spanischer, weltlicher Rittertracht hat der Dechant noch nicht gesehen und eher des Himmels Einsturz erwartet, als Salzburgs Erzbischof in solcher Gewandung zu erblicken. So stand der Pfarrer fassungslos und schluckte, er brachte nur das ?salve" heraus, alles andere der lateinischen Ansprache blieb im Halse stecken.

Die gute Laune Wolf Dietrichs, der ungemein empfindlich in Etiketteangelegenheit und rasch verletzt in seinem Herrschergefühle war, wich augenblicklich bei solch' respektloser Haltung eines Unterthanen, der ganze Hochmut kam zum Ausdruck, als der Fürst h?hnend, ja ?tzend scharf rief: ?K?mmerling, bring' Er dem Bauerpfarrer h?fische Sitte bei und lehr' Er ihm, da? man den gn?digsten Landesherrn nicht mit ?salve' begrü?t, den Fürsten auch nicht angafft!"

Die verletzend scharfe Lektion hatte bei dem ?ltlichen Pfarrer keineswegs die erwartete Wirkung; statt etwa vor dem Landesherrn und h?chsten kirchlichen Vorgesetzten huldigend das Knie zu beugen, richtete sich der asketische Dechant auf und blickte fest auf den zornigen, kleinen Fürsten. Kalt sprach der Pfarrherr: ?Mit gn?diger Verlaubnis! Einer Lektion von H?flingen bedarf es nicht, ein Priester Roms wei? Ehrerbietung und schuldigen Gehorsam zu bekunden seinem hochwürdigsten Erzbischof!"

Wolf Dietrich stutzte unwillkürlich, die Gemessenheit wie Kühnheit dieser Ansprache lie? ihn ahnen, da? dieser Pfarrer doch anders geartet sein dürfte, als es sonst um jene Zeit der Landklerus war; ein Niederschmettern schien hier nicht opportun zu sein, wiewohl das aufbrausende Temperament des Fürsten hierzu treiben wollte. Immerhin kehrte Wolf Dietrich die hochfahrende Seite heraus in der Erwiderung: ?Es wird sich zeigen, was Er wei? und wie es bestellt - mit dem schuldigen Gehorsam!" Zugleich winkte der Fürst den Begleitern, sich zu entfernen.

Auge in Auge standen sich Erzbischof und Pfarrer gegenüber; letzterer an

Haltung, Antlitz und Kleidung sofort als Priester erkennbar.

Wolf Dietrich stützte die Linke auf den Degenknauf, w?hrend seine Rechte das Schnurrb?rtchen aufzuzwirbeln begann. Ungeduldig klang sein ?Nun?"

?Euer erzbisch?fliche Gnaden...."

?Man tituliert mich: Hochfürstliche Gnaden!"

?Euer erzbisch?fliche Gnaden wollen meiner überraschung, ja Verblüffung zu Gute halten, da? mir die schuldige ehrerbietige Ansprache stecken blieb in der Kehle! Den hochwürdigsten Erzbischof glaubt' ich im kirchlichen Ornat erblicken und erwarten zu dürfen...."

?Ich kleide mich nach meiner Wahl und kann der Meinung Untergebener und

Unterthanen allezeit entbehren! Was will Er?"

?Euer erzbisch?flichen Gnaden wollt' schuldige Aufwartung ich erstatten, wasma?en Hochdieselben Aufenthalt genommen in meinem Pfarrsprengel."

?Das ist Seine Pflicht und Schuldigkeit und h?tte vor Tagen schon geschehen k?nnen. Ihm fehlt es wohl nicht an Zeit, dafür an Verst?ndnis h?fischer Sitte wie an schuldiger Unterwürfigkeit! Merk' Er sich solche Lehre! Und nun bericht' Er über Stand und Verh?ltnis seiner Pfarre!"

?Es ist viel des üblen dem hochwürdigsten Oberhirten zu referieren, wenig des Guten! Auch in diesseitigem Pfarrsprengel tauchen Kalixtiner[4] immer wieder auf, so streng auch dagegen eingeschritten wurde."

?Das wird in specie noch zu regeln sein! Wie steht es mit dem Klerus?"

?In einigen exemplis kann ich guter Antwort sein. In loco ist ein gehorsamb Volk, meine Gsellpriester (Hilfsgeistliche) flei?ig, einer davon de sacramentis omnino pie sentit, de vita nulla hic est querela. Mein benachbarter Amtsbruder predigt flei?ig von der Me?', hat ein frumb V?lkel, braucht katholische Bücher, auch in der Fasten Nachmittag, hat so lang er Priester ist, keine K?chin, haust mit seiner Schwester. Auch einige andere Thalpfarrer leben ohne Konkubinen. Aber schlimmer ist's im Gebirg, die Expositi und Kuraten wollen nicht ablassen, besonders der Kurat von Skt. Jodok in der Ein?de ist renitent, reif zum davonjagen cum infamia, conjugatus est...."

?Wer ist das?"

?Der Kurat von Skt. Jodok in der Ein?de, an die 70 Jahre alt und verheiratet, horribile dictu. Eine himmelschreiende Schande für meinen Sprengel! Ich aber leid' es l?nger nicht und mü?t' ich nochmal Gewalt gebrauchen! Verjagt hab' ich des Frevlers l?sterliches Weib, hinausgeprügelt aus dem Widum! Und bei der letzten Visitation, die unvermutet ich vorgenommen, fand ich das alte Kebsweib wieder vor! Herr Erzbischof, werdet hart, gebt was der Kirche ist und fahret mit strengem Arm dazwischen, reiniget, fegt sie hinaus, die sch?nden unsern Stand! Vernichtet und vertilgt die Frevler gegen C?libat und sonstige Vorschrift! Greift ein, fest und bald, beseitigt die Quelle und Ursache der geistlichen Entartung unserer schrecklichen Zeit, so da ist die scientivische Unf?higkeit der Gsellpriester und Ein?dkuraten! Die Unwissenheit schreit zum Himmel! Wir haben Priester, die nicht angeben k?nnen die Zahl der Sakramente, die Schriften haben von den schrecklichen Luther, Zwingli, Melanchthon und Brenz, darin kümmerlich lesen und gar nicht erkennen die Gefahr! Fluch ihnen! Pech und Schwefel soll sich ergie?en über solche Sünder! O, helft mit beim Rettungswerke, zur Purifikation der verderbten Sittenzust?nde im Erzstift, die zum Himmel schreien!"

Der Dechant hatte sich in eine Erregung geschrien, die ihn n?tigte innezuhalten und Atem zu sch?pfen.

Kühl sprach Wolf Dietrich unter Ignorierung der donnernden Philippika des Asketen: ?Also jener Kurat hochbetagt ist conjugatus, verheiratet! Den Mann will ich sprechen!"

?So wollt Ihr, gn?diger, hochwürdigster Herr und Erzbischof, statuieren ein Exemplum?!"

?Das wird sich zeigen! Bestell' er mir das Paar auf n?chsten Freitag, das ist also übermorgen Vormittag zehn Uhr!"

?Das Paar?" fragte gedehnt, seinen Ohren nicht trauend, der Dechant.

?Den Kuraten und sein Weib, jawohl! Ich will das Paar sehen und meine

Meinung fassen über Mann und Weib!"

?Und wann darf ich erhoffen ein Mandat, die Purifikation meines

Sprengels?"

?Das wird sich alles finden! Erst mu? geprüfet werden! Davongejagt sind sie schnell, fraglich bleibt, wo bessere wir finden. Doch soll es an wirksamer Reinigung des Klerus nicht fehlen! Ich danke Euch für diese Relation! Verweilt noch etwas auf der Burg, erlustieret Euch im Garten, nicht mehr ferne ist die Zeit, da wir zum Mahle schreiten, und ich lade Euch hiezu als Gast!"

?Euer erzbisch?flichen Gnaden danke ich submissest und werde auf Zeichen und Gehei? mich rechtzeitig einfinden!"

Wolf Dietrich reichte dem Pfarrer die Rechte zum Handku? und gehorsam unterth?nig drückte der Dechant die stoppelreichen Lippen auf die Hand des Fürsterzbischofes.

Damit hatte die Audienz ihr Ende. Der Pfarrer begab sich in das Burgg?rtchen, Wolf Dietrich in sein Gemach, worin er dann nachdenklich in sich versunken eine Weile blieb und mehrmals flüsterte: ?Conjugatus est!"

Der überraschung zweiter Teil sollte dem Landpfarrer die fürstliche Hoftafel bringen, die gem?? dem eigenh?ndig entworfenen Ceremoniell Wolf Dietrichs nach h?fischer und f?rmlicher Weise auch in der einsamen Burg Hohenwerfen abzuhalten war. Zwei der K?mmerer waren mit, ebenso einige der Edelknaben, der Stebelmeister und ein ziemlich zahlreiches Gefolge zur Betreuung von Küche, Keller und Marstall. Im Bankettsaal harrte der hagere Pfarrer, welchem der gleichfalls zu Tisch befohlene Hofmarschalk und Chef der fürstlichen Hofhaltung Gesellschaft leistete, bis das Zeichen der Ankunft des Fürsten gegeben wurde.

Zwei Edelknaben, ein Fourier, der K?mmerer vom Dienst und der Stebelmeister schritten feierlich herein, ihnen folgte Wolf Dietrich, der am Arm die sch?ne Salome führte und durch das Spalier der sich tief verneigenden Hofbeamten und sonstiger Dienerschaft geleitete.

W?hrend Salome beim Anblick des fremden geistlichen Gastes aus Scham über ihre Stellung und illegitime Beziehung zum Fürsten err?tete, fixierte Wolf Dietrich den asketischen Pfarrer, dem vor überraschung und Schrecken über den unerwarteten Anblick die Augen aus den H?hlen quollen und der Mund weit offen stand.

Mit tiefen Verbeugungen hatte sich der Hofmarschalk dem Paare gen?hert und h?fischer Sitte entsprechend der Dame Honneurs erwiesen, so da? der Pfarrer allein, verlassen, in hilfloser Verlegenheit stand, bis ihm der rettende Gedanke durch den Kopf scho?, da? die Dame m?glicherweise doch die Schwester des Erzbischofes sei.

Wolf Dietrich mochte dem Pfarrer solchen Gedanken von der Stirne abgelesen haben, vielleicht machte ihm ein bi?chen Qu?len Spa?, er geleitete zum Cercle seine Dame am Arm einige Schritte weiter und sprach den verblüfften Pfarrer an: ?Eh' wir zu Tische gehen, sei Ihm die Gnade gew?hret, zu huldigen der - Fürstin!"

?I - ich -!" schluckte der Pfarrer und würgte, ohne den beabsichtigten

Satz: ?Ich glaub's gleich?!" herauszubringen.

Boshaft wiederholte Wolf Dietrich: ?Ihre Hochfürstliche Gnaden Fürstin

Salome, meines Lebens Sonne und Glück!"

Salome drückte den Arm des Fürsten und flüsterte flehentliche Worte, doch dieser Qual und besch?menden Scene ein rasches Ende zu bereiten.

Der Pfarrer aber stotterte: ?Fürstin? Ergo conjugatus est archiepiscopus?"

Wolf Dietrich nickte vergnügt und weidete sich an dem Gesichtsausdruck des Pfarrers, an der grenzenlosen Verblüffung.

Doch pl?tzlich ver?nderte sich das Bild: der Pfarrer hatte die Herrschaft über sein Denken und Fühlen wiedergewonnen und damit die Kraft flammender Rede. Hochaufgerichtet, im Brustton heiliger überzeugung, durchglüht von fanatischem Feuer, rief er: ?Haltet ein, Herr, Fürst und Erzbischof! Verdorren soll mir der Fu?, ehe ich ihn setze zum Schritt an Euren Tisch! Euch ruf' ich zu die Worte des gro?en Papstes Gregor VII.: Non liberari potest ecclesia a servitute laicorum, nisi liberantur clerici ab uxoribus! Dies gro?e Wort gilt heilig für alle Zeiten und auch dem Salzburger Erzbischof! Roms Priester ruft Euch zu: Bangt Euch nicht vor der schweren Sünde wider der Kirche heiliges Gebot? K?nnet Ihr vor Gottes Richterstuhl verantworten der Sünde Bund? Welch' Beispiel gebt Ihr uns Priestern, Ihr der H?chste über uns nach des Papstes Heiligkeit?! Wie soll der Klerus gereinigt werden, gel?utert, befreit von der Sünde Banden, wenn solches Beispiel von der h?chsten Seite sinnverwirrend, frevlich wird gegeben?! Sünde allum, vereinsamt steht die Tugend, allein der Gerechte! Straft mich um meiner Worte willen, begrabt mich lebend in den Kerkern Eurer Trutzburg, mordet mich: Fest bleib' ich und halte hoch der Kirche Gebot, der Himmel ist mit mir, Euch aber droht Verdammnis und - -"

K?mmerer und der Hofmarschalk wollten sich auf den Rasenden werfen;

Salome erlag einem Ohnmachtsanfall, Wolf Dietrich umfing sie mit rasch

ge?ffneten Armen, in seiner Sorge und Angst um die Geliebte rief er um

Hilfe und befahl, man solle den Medikus und die Kammerfrau holen.

?Gottesstrafe vollzieht sich zur Stunde!" rief gellend der fanatische Pfarrer, den die Hofbeamten nun ergriffen und eiligst aus der Burg führten.

Die Tafel unterblieb. In banger Sorge harrte Wolf Dietrich des ?rztlichen Bescheides, still ward es in der Burg. Nach einer Stunde etwa konnte dem Fürsten gemeldet werden, da? der Anfall vorüber und keine Gefahr vorhanden sei, doch bedürfe die Gn?dige der Ruhe und Schonung.

Beruhigt ob dieses Berichtes konnte sich Wolf Dietrich seinen

Regierungsgesch?ften widmen und wie er sich anschickte, die vom Kanzler

ausgefertigten Edikte zu unterzeichnen, kam ihm erst der vom Werfener

Pfarrer heraufbeschworene Auftritt wieder ins Ged?chtnis und damit der

Zorn über die unerh?rte Sprache eines Untergebenen, ein Zorn, der den

K?rper erbeben machte und nach Rache lechzte.

Doch ward eben vom K?mmerling neuer Besuch gemeldet, und Wolf Dietrich hie? barsch, jedermann abzuweisen.

?Es ist Domkapitular Graf Lamberg!" wagte der K?mmerer schüchtern einzuwenden.

?Wie? Graf Lamberg! Mein Freund, ja, der kommt zur rechten Stunde! Führ' ihn sogleich zu mir!" Wolf Dietrich fuhr mit der Rechten über die Stirne, als wollte er die unangenehmen Gedanken wegstreichen, doch gelang es ihm nicht, die Erregung zu bannen. Es erschien die aristokratische Gestalt des Kapitulars Johann Grafen von Lamberg in der Thür und erwies dem Fürsten tiefste Reverenz.

?Willkommen, Freund, auf Hohenwerfen! Salve!" rief Wolf Dietrich und schritt dem Kapitular entgegen.

?Euer Hochfürstliche Gnaden wollen die St?rung permittieren, ich komme in dringlicher Angelegenheit!"

?Nochmals willkommen, Freund! Und gleich sei beigefüget, da? Lamberg kommt mir sehr gelegen!"

Nach herzlicher Begrü?ung, die auf vertraute Freundschaft schlie?en lie?, wenngleich der Kapitular die h?fisch zeremoniellen Formen, besonders in der Titulatur streng beobachtete, nahmen beide Herren im Erker Platz, wohin der Fürst Erfrischungen für seinen Gast schaffen lie?.

Nach dem Willkommstrunk sprach Wolf Dietrich: ?Lamberg, du kommst wie gerufen und sollst ein traulich Wort mir sagen, ehe ich zum Strafgericht schreite über einen Vermessenen!"

Der Kapitular blickte auf, sein forschender Blick suchte im unruhig flackernden Auge des fürstlichen Freundes zu lesen.

Rasch erz?hlte Wolf Dietrich den Auftritt, wobei sein Antlitz sich umdüsterte und die Stimme grollte wie der Donner in schwüler Gewitternacht.

?Ein Affront, den ich zu r?chen wissen werde! Der tiefste Kerker sei zu gut für den Vermessenen, sein Leben sei verwirkt!"

Tiefernst war Lambergs Gesichtsausdruck geworden. Für einen Augenblick herrschte beklemmendes Schweigen im hohen Gemache. Dann legte der Kapitular seine Hand auf die Rechte des Fürsten, wie wenn er damit beruhigen wollte, und erwiderte: ?Hochfürstliche Gnaden wollen in dem tiefbedauerlichen Falle absehen von der Beleidigung der Person des Fürsten und den Auftritt nur betrachten vom Standpunkt des hochwürdigsten Erzbischofs!"

?Wie? Was willst du damit sagen? Ist deiner Rede Absicht, einem Bauernpfarrer das Recht zu vindizieren, seinen Bischof zurecht zu weisen?!"

?Mit nichten, Hochfürstliche Gnaden, keineswegs! Es giebt kein solches Recht, es kann ergo auch nicht vindiziert werden. Immerhin besteht die M?glichkeit, sie ist durch den beklagenswerten Vorfall ja erwiesen, da? in Ekstase ein Priester Worte des Tadels richtet an seinen h?chsten Vorgesetzten, in Ekstase, im Glauben, Recht zu thun, so er Sünde erblickt im Wandel seines Bischofs."

?Du, mein Freund, ein Lamberg sagt dergleichen mir?" rief vorwurfsvoll der Fürst.

?Mit nichten ist es meine Absicht, des gn?digsten Fürsten Thun und

Wandel irgend einer Kritik zu unterziehen. Was ich aber in schuldiger

Ehrfurcht unterlasse, thun andere mit desto gr??erem Freimut. Der

Werfener Pfarrer wird niemals zu exkulpieren sein; was er sprach, war

nicht an den Fürsten, war an den Bischof gerichtet, und nach dieser

Rechtslage dürfte der Fall zu erledigen sein."

?So soll ich mir als Archiepiscopus dergleichen Infamien gefallen lassen? Lamberg, du kennst einen Raittenau schlecht, sehr schlecht!"

?Ich kenne meinen gn?digsten Herrn seit manchem Jahr, aus Zeiten fr?hlicher Jugend wie noch her vom ewigen Rom. Wollen mir Euer Hochfürstliche Gnaden verwarten, sprech' ich offen aus in memoriam juventutis: Ein Presbyter von tadellosem Lebenswandel, korrekt nach Pflicht und Vorschrift amtierend, dazu vielleicht ein Fanatiker, kann vergessen die Kluft, so bestehet zwischen Erzbischof und Landpfarrer, kann in Ekstase eine C?libatsverletzung für ein Verbrechen halten, dessen Gr??e den Verstand verwirrt. Getrübten Sinnes, doch ehrlichen Herzens dabei, l??t sich der Fanatiker hinrei?en, am h?chsten Vorgesetzten das zu tadeln, was am Amtsbruder er für die gleiche Sünde, für Verbrechen wider die Kirche h?lt!"

?Bedenke, Freund, der Tollgewordene schrie das vor versammeltem Hof, in meiner Gegenwart, er schrie es in Salomens Ohren!"

?Gn?digster Herr! übet Milde! Ein Bauernpfarrer im Gebirge wei? nichts von h?fischen Sitten, auch fehlt zumeist Gefühl und Takt. Der Mann meinte es ehrlich, sprach es grob, beleidigte zarte Ohren und holde Weiblichkeit. Den Fürsten kann er nicht beleidigen...."

?Und den Erzbischof?"

?Auch den nicht! Will der gn?digste Herr aber strafen den Vermessenen, so m?ge eine Erw?gung Platz greifen: Einwandfrei ist die Anwesenheit einer Herzensdame nicht im Hause eines Kirchenfürsten!"

?So mi?billigt ein Lamberg meine Wahl....?"

?Ich habe nichts zu genehmigen, nichts zu mi?billigen. Ich bitte nur, jener Erw?gung eine kleine Beachtung zu g?nnen, sie wird wohlth?tig wirken beim Ausma? der Strafe!"

Wolf Dietrich hatte sich beruhigt; er schwieg eine Weile und blickte durchs Fenster hinaus in die Thalung. Dann sprach er: ?Ja, so spricht ein wahrer, trauter Freund und Edelmann! Den Vermessenen laufen zu lassen, f?llt mir schwer, doch will ich ihm die Strafe schenken, wasma?en ich Salome behalte, und wenn der ganze Klerus dagegen geifert."

?So ist es unerschütterlicher Wille?"

?Ja! Und - Dir will ich's anvertrauen - erst heute wieder bat meines

Herzens K?nigin, zu festigen den Lebensbund auf legitime Weise!"

?Nunquam!"

?Wie?"

?Niemals! Ich bitte Euer Hochfürstliche Gnaden, diesen Schritt niemals zu thun!"

?Perchè?"

?Darf ich ehrlich, offen meiner Meinung Ausdruck geben?"

?Ich bitte dich darum, mein Freund!"

?Lebt mit Salome, gn?diger Herr, stellt die Dame an die Spitze Eures Hofes, erhebt sie zur Fürstin, wie Ihr wollt, nur weist den Gedanken an eine kirchliche Trauung weit von Euch und immer!"

Stolz erwiderte Wolf Dietrich: ?Ich bin der Fürst und Herr des Landes! Weit und m?chtig sind meine Beziehungen zu Rom! Der Papst, von meinem Ohm gebeten, wird Dispens wohl ad hoc erteilen! Gro? ist die exceptio, ich geb' es willig zu, die Welt hat solche Ausnahme noch nicht erlebt! Bin ich aber nicht ein Fürst, dem man eine Ausnahme und sei es die gr??te, kann gestatten?"

?Ein Fürst zum Glück und Wohl des Landes, ein Fürst, um den Salzburg man beneiden kann! Gleichwohl rat' ich Euch, ich fleh' Euch an: Verzichtet auf das ehlich Band!"

?Du kennst sie nicht, die sü?e, herrliche Salome! Mir schneidet ins Herz ihr demütig Bitten um Legitimit?t des Bundes! Der letzte Kurat in weltverschlagener Ein?d' hat ein Weib, und Rom ist darob nicht zu Grund gegangen, die Welt steht noch und an der Spitze der Christenheit der Papst - sollt' mir verwehrt sein, was dem Geringsten meiner Untergebenen verstattet ist -?"

?Verstattet ist es Keinem, und Rom mi?billigt jede Priesterehe! W?ren nicht so tief gesunken die Sitten, verderbt die Zeiten, verwahrlost der Priesterstand unserer Tage, es g?be keine C?libatsverletzung, wie sie beklagenswert ist eingerissen auch in Salzburgs Klerus. Wenn Rom, uner?rtert bleiben die Motive, duldet solche offenbare Verletzung kirchlicher und p?pstlicher Gebote, so kommt solche Duldung niemals gleich einer Genehmigung, man darf selbst von Toleranz nicht sprechen! Aufgabe der Kirchenfürsten unserer Zeit ist Purifikation des Priesterstandes, die restauratio religionis! Auch Euch, gn?digster Herr, obliegt solche Aufgabe! Wie wollt Ihr sie l?sen, wenn eine Ehe wider p?pstliches Gebot Euch die H?nde bindet, Euch notgedrungen in den Verdacht des Luthertumes bringet?!"

?Bist du nicht p?pstlicher denn der Papst, Lamberg?"

?Nein, gn?diger Herr und Fürst! Lebt nach Gefallen mit Salome, die Mitwelt wird zu entschuldigen wissen diesen Schritt ob der unvergleichlichen Sch?nheit Eurer Dame; lebt gleich wie im kirchlich eingesegneten Bund, doch bleibt ledig! H?ret nicht auf Weiberbitten, achtet nicht der Thr?nen! Der Kirchenfürst hat h?here Pflichten! Denkt an Bayern, Kaiser und Papst!"

Wieder ward Wolf Dietrich nachdenklich, die beredten Worte des vertrauten Freundes schienen auf ihn Eindruck zu machen. Doch reizte ihn der Hinweis auf Bayern und den Kaiser zu einer Erwiderung: ?Was kümmert mich der Bayer, was der Kaiser!"

?Nicht viel, ich geb' es willig zu! Doch Nachbar bleibt der Bayer, und ein gut Einvernehmen ist zu preisen, solang' es eben geht! An Friktionen, mein' ich unterth?nigst, wird es niemals fehlen! Und über des Kaisers Kopf hinweg wird auch der stolzeste Fürst nicht schreiten k?nnen!"

?Du wirst kühn, Freund! Ein Notar des Kaisers kann kaum anders reden!"

?Verzeiht das ehrlich off'ne Wort, gn?diger Fürst und Herr! Ich sprach als Freund, der zu sein mich hoch beglückt, und Freundespflicht ist es, zu gegebener Zeit ein offen Wort zu reden!"

?Gut denn! Es sollen deine Worte Beachtung finden, so ich kann! Was aber sag' ich nur Salome, so sie wieder fleht in rührend sü?er Weise?"

?Vertr?stet auf eine bessere Zeit, verweist auf Rom und die

Schwierigkeit der Dispenserlangung! Zeit gewonnen, alles gewonnen!"

?Du kennst Salome nicht und ihr sü?es Bitten!"

?Wie k?m' der Unterthan zu solchem Glücke!"

?Ja, ein irdisch Glück ist mir geworden, ein traumhaft Glück! Und manchmal will der Gedanke mich beschleichen, als sollt' ich dereinst bü?en für die Wonne des profanen Lebens!"

?Noch lebt mein gn?diger Herr im Glück und in der Blüte! Sorgen genug wird bringen das Alter! Alles zu seiner Zeit! - Doch wenn Hochfürstliche Gnaden verstatten, m?cht' ich erw?hnen der Angelegenheit, die mich veranla?t hat, so schnell es ging, zum gn?digen Fürsten zu eilen!"

?Was soll es sein?"

?Dr. Lueger, in Steuersachen Rat bei fürstlicher Hofkammer, bat mich, die Meldung für ihn, den Vielbesch?ftigten, zu übernehmen, da? Salzburgs Bürgerschaft revoltieren will ob der neuen Steuer auf jeglichen Wein!"

?Sollen dankbar sein, da? ich den Saufteufel ihnen fasse!"

?Und dann ist Dr. Lueger der Meinung, es werde die neue Besteuerung des Adels wie des h?heren Klerus und der Kl?ster sich nicht durchführen lassen. Es regne Proteste in die Hofkammer, man wisse sich nimmer zu helfen."

?Lueger soll nur fest bleiben, ich will die neue Steuer durchgeführt sehen, sie sollen nur zahlen! Auf das Gekreisch geb' ich nichts! Wer zahlen soll, schreit immer! - Doch genug von solchen Dingen. Behagt es dir, liebwerter Freund, so nimm Quartier auf Hohenwerfen, und zum Abendbrot sehen wir uns wieder." Launig fügte Wolf Dietrich bei: ?Graf Lamberg wird sich wohl nicht wie der Werfener Pfarrer scheuen, an meinem Tisch zu sitzen und Reverenz zu erweisen meiner - Fürstin?"

?Euer Hochfürstlichen Gnaden sag' ich submissesten Dank für sothane

Einladung und werd' mich glücklich preisen, der gn?digen Gebieterin die

Honneur bezeigen zu dürfen!"

?Das klingt fürwahr anders als die Werfener Melodei, ich danke dir, Lamberg, und nun auf Wiedersehen! Ich will Salome von deiner Ankunft verst?ndigen!"

Nach kr?ftigem Handschlag verlie? Wolf Dietrich das Gemach, und alsbald holte der K?mmerer den Kapitular ab, um ihm sein Zimmer in der stolzen Burg anzuweisen.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde erschien auf Hohenwerfen der alte Kurat mit seinem Weibe von Skt. Jodok in der Ein?de. Ein Greisenpaar, die dünnen Kopfhaare wei?, müde, abgeh?rmte Gestalten, gebrechlich, hinf?llig. Der alte Kurat trug ein langes, verschabtes Gewand, einer Kutte ?hnlich, das im Laufe der Jahre die Farbe v?llig verloren hatte und schier fuchsig, verschossen geworden war. Und verwildert sah auch der Kopf des Ein?dgeistlichen aus, Wangen und Kinn umwuchert von wei?em Bart, die Augenbrauen buschig und selbst aus den Nasenl?chern hingen Haarbüscheln hervor. Sanft und liebreich dagegen war des alten Priesters Blick, fromme Kinderaugen, und mild die Stimme, als der Ein?der dem Burgvogt sagte, der Jodoker Kurat sei um diese Stunde befohlen vom hochwürdigsten Erzbischof.

Zweifelnd besah der Kastellan diese, eher an einen Bettler denn einen

Geistlichen gemahnende Gestalt. ?Ich wei?, da? der Jodoker Kurat zur

Audienz befohlen ist. Was aber will Er denn hier auf Hohenwerfen?"

Vor Müdigkeit, ermattet vom beschwerlichen Marsche aus dem Gebirge herab, bat der alte Mann, sich setzen zu dürfen.

?Das fehlte noch! Im Burghof dulden wir keine Bettler, das Almosen wird unten im Dorf gereicht!" rief grob der Vogt.

?Mit Verlaubnis, Herr! Ich bin ja der Kurat von Skt. Jodok und hier ist mein braves Weib, das der gn?dige Herr gleich mir zu sehen wünscht!"

?Haha! Das glaube, wer will! So ein Hungerleider will geistlich sein und hat in seiner Not gar noch ein Weib! Flink auf und hinunter, oder ich mache Euch Beine!"

Unter dem Thorbogen der Burg erschien Salome, in ein kostbar Gewand gekleidet, das Blondhaar offen tragend über die Schultern gleich einem Strahlenkranz von hellem Golde. Salome hatte die rauhe Aufforderung geh?rt, und Mitleid erfa?te sie beim Anblick des gebrechlichen Paares, insonders fühlte Salome Erbarmen für die Greisin, die den ?ngstlichen Blick auf den Vogt gerichtet und wie zum Schutz die kn?cherige Hand auf das Haupt des Gatten gelegt hatte. Mit heller Stimme rief Salome: ?Vogt! Sind die Leute von Skt. Jodok, so führt sie herein in die Erkerstube; der gn?dige Herr hat Mann und Weib befohlen!"

Wie umgewandelt zeigte sich der Burgvogt, h?flich verbeugte er sich und erwiderte unterwürfig: ?Der Mann sagt wohl, er w?r der Jodoker Kurat, sein Aussehen straft seine Rede Lügen! Mich will bedünken, in dem Verzug darf niemand vor dem gn?digen Herrn erscheinen!"

Salome war n?her getreten und richtete an die Greisin liebreich und mild die Frage: ?Seid Ihr das Kuratenpaar von Skt. Jodok?"

Vor Freude bewegt meinte das runzelige, kleine Weiblein: ?I freilich,

sch?nes Fr?ulein! An die vierzig Jahre hausen wir schon oben in der

Ein?d', der Welt v?llig entfremdet und doch zufrieden! Was nur der Herr

Erzbischof von uns will?"

?Das wird der gn?dige Herr Euch schon selber sagen! Kommt nur mit, und vor dem Empfang soll eine Kanne Weines und ein Bissen Brot Euch noch erquicken!"

?I, ist das sch?ne Fr?ulein aber gut und lieb! Der Himmel soll's Euch lohnen dereinst an Euren Kindern!"

?Pst, pst!" mahnte der Kurat.

?I, freilich! Solche Sch?nheit wird nicht lange ledig bleiben! Oder seid Ihr gar schon Ehefrau, gern will ich's glauben! Hab' meiner Lebtag' so sch?nes Haar und Gesicht nicht gesehen und ich leb' schon lang! Freilich, viel herumgekommen bin ich nicht, allweil oben in der Ein?d' und um meinen Brummb?ren besorgt, der ist aber die gute Stund' selber und mit dem Bei?en hatt' es nie Gefahr!"

Silberhell lachte Salome auf und geleitete das zappelnde, frohbewegte

Paar ins Innere der Burg. Rasch besorgte ein Diener Wein und Brot;

Salome go? die Becher voll und hie? die Leutchen trinken.

Der Kurat stellte den erhaltenen Becher vor sich auf den Tisch und murmelte erst ein Gebet, eh' er zugriff; dann sprach er: ?Gott vergelt' Euch den Willkomm und die frohe Spende! Der Labtrunk ist den Müden und Durstigen eine Wohlthat, die wir ehrlich Euch verdanken! Gott zu Ehr' und Preis und auf Eure Gesundheit, Glück und Wohlergehen hienieden!"

?Vergelt' Gott Euch alles Gute auf der Erden!" lispelte die Greisin und nippte dann vom goldigklaren Wein.

?Dank' Euch für die frumben Wünsche! In der Ein?d' habt Fr?mmigkeit Ihr nicht verloren und die Gottesfurcht, das will ich loben!" sprach Salome, der es ein wohlig Bedürfnis war, mit den schlichten Leuten aus dem Volk zu sprechen. Zuf?llig richtete Salome den Blick durch das Erkerfenster in den Burggarten, durch welchen Wolf Dietrich in Begleitung des Domkapitulars Lamberg eben schritt. Diese Wahrnehmung veranla?t Salome, dem Greisenpaar zu sagen, da? der Empfang nun wohl in wenigen Augenblicken werde stattfinden, es m?ge sich das Paar daher fertig machen.

?O," meinte die Greisin, ?fertig sind wir allzeit, da giebt's kein Putzen mehr und keinen Tand! Was wir am alten Leibe tragen ist Festgewand und Alltagskleid zugleich! Doch sagt: Er ist wohl ein gestrenger Herr, der Erzbischof? Schlimm wie der Dechant von Werfen? O, das ist ein b?ser Herr, hart und streng, ein Weiberfeind gar wohl!"

?Nun, das ist unser gn?diger Herr gerade nicht!" l?chelte Salome.

Ein Edelknabe ri? die Thüre zur Erkerstube auf und trat dann zur Seite, um den Fürsten und seinen hinterdrein schreitenden Begleiter einzulassen. Wolf Dietrichs rascher Blick nahm sofort Salome und das Paar wahr und verwundert sprach der Fürst: ?Ei, Salome und in Gesellschaft?"

?Verzeiht mir, gn?diger Herr! Das Kuratenpaar von Jodok, müde vom beschwerlichen Marsch wollt' rasch st?rken ich mit einem Labetrunk, eh' vor Euer Gnaden die Leute wollt empfangen! In der Eil' sind in diese Stube wir geraten!"

?Ein Samariterwerk, das zieret Euer warmfühlig zartes Herz! Nun gut, so wollen wir Audienz erteilen gleich in dieser Stub'!"

Graf Lamberg wollte sich zurückziehen, ebenso Salome, doch Wolf Dietrich bat, anwesend zu bleiben. Er winkte lediglich dem Edelknaben, der sogleich verschwand.

Leutselig und herablassend, wohlwollend wandte sich der Fürst an den ehrerbietig und demutsvoll vor ihm stehenden Kuraten: ?Wie lang seid Ihr schon Priester?"

?Hochwürdigste Gnaden, Primiz feierte ich als Jüngling mit zweiundzwanzig Jahren. Lang ist die Zeit seither und um Johanni werd' ich wohl etliche vierzig Jahre Kurat sein in der Ein?d'. Auf der J?hrlein eines oder zwei wei? ich's genau nicht mehr."

?Vierzig Jahre in der Ein?d'!" sprach mit besonderer Betonung Wolf

Dietrich und nickte Salome zu.

Voreilig meinte die Greisin: ?In steter Arbeit, Treu' und Lieb rinnen die J?hrlein wie der Bergbach geschwind!"

Abwehrend dem Redeflu? sprach der Kurat: ?Verzeihet, Hochwürdigste Gnaden! Es ist mein Weib und eilig ist des Weibleins Zunge! Ich bitt', nehmt's nicht ungut, ist halt Weiberart!"

?Sein Weib! Er sagt das ruhig und gelassen; wei? der Kurat nichts von

C?libat und p?pstlicher Verordnung?"

Der alte Leutpriester lie? das Haupt sinken und stand demütig, zerknirscht vor dem Erzbischof. Leise nur wagte er zu stammeln, da? damals, vor reichlich vierzig Jahren der Vorg?nger des jetzigen Dechanten ihn getraut habe, wie es Brauch ist, und keinen Ansto? genommen habe an der Priesterehe.

?Beklagenswerte Zust?nde im Landklerus!" sprach Kapitular Graf Lamberg.

Zitternd blickte der Kurat zum Fürsten auf, in dem das Mitgefühl sich regte und den wohl auch der Gedanke an sein eigenes Verh?ltnis zu Salome bewegen mochte.

Und ehe Wolf Dietrich noch den Mund ge?ffnet, wagte Salome zu sagen: ?Ein von der Kirche gesegneter Bund trotz Vorschrift und p?pstlichem Gebot! Getraut das Paar, glücklich das Eheweib trotz Kummer und Sorgen in langen Jahren! In Armut und Not, wie ausgesto?en von der Menschheit hoch droben in der Ein?de, und doch ein glücklich Weib, getraut von Priesters Hand!" Ein Seufzer begleitete diese Worte. Das Weiblein plapperte eilig: ?I freilich, sch?ne Frau! Zufrieden und glücklich lebten wir in flei?iger Arbeit, haben gedarbt und Gott gepriesen alle Zeit, da? er uns hat zusammengegeben! Glücklich waren wir, bis der schlimme Pfarrherr uns brachte den Unfried in unsere Hütte! O Gott! Was hab' ich da gelitten! Verjagt bin ich worden wie ein r?udiger Hund, ausgetrieben und verflucht, ein Amtsbruder meines Gatten hatt' nur Fluch und Verdammnis für mich, der Dechant, der doch auch Gottes Wort predigen und den Leuten ein gutes Beispiel von der N?chstenliebe geben soll! Ein harter Herr! Gott sei's geklagt! Und bin ich nach seinem Abzug wieder heimgeschlichen, wohin ich geh?re als treues Eheweib, zum Gatten, der jeglicher Pflege bedarf, - kein Stündlein bin ich sicher und sie jagen mich wieder fort und in den Tod! Sagt, sch?ne Frau, mu? ein Eheweib nicht ausharren durch alle Not des Lebens beim Manne, den uns Gott gegeben vor dem heiligen Altar?"

Wolf Dietrich nahm das Wort: ?Das p?pstliche Gebot bestand, es ist ein Konzilsbeschlu?, und für den Kuraten gab's keine exceptio! Geschlossen ist der Bund, der Mensch kann ihn nicht trennen, und wie es ist, geh?rt zum Mann das Weib! Doch seh' ich selbst: Zeit ist's zu schaffen Zucht und Ordnung, das Erzstift mu? purifizieret werden!"

Angstvoll rief Salome: ?Gn?diger Herr!"

Der Fürst verstand den Sinn des Angstrufes gar wohl und erwiderte: ?Beruhige dich, Salome! Nicht will ich grausam trennen ein gottergeben greises Paar, wenngleich nur schlimm kann wirken solches Beispiel! Ich gedenk' in dieser Stunde wohl der Macht der Liebe, die alles überwindet! Bleibt in Ehren ein christlich Ehepaar und dankt der besten Fürsprecherin, die ihr gefunden in Salome!"

Graf Lamberg wollte mahnen: ?Exempla trahunt!"

Lebhafter werdend rief Wolf Dietrich: ?Das mag im allgemeinen gelten, und ich verschlie?e mich nicht der Wahrheit dieses Satzes! Doch will mich bedünken: In jener unwirtlich schaurigen Ein?d' wird die Gefahr der Verführung junger Kleriker nicht werden übergro?. Bleibt der Alte in seinem Bergnest wie zuvor, soll leben er in Gottesnamen mit seinem ehelich angetrautem Weibe. Ein nunqam aber allen andern! So kehret heim mit Gott, ihr alten Leute! Und der Hitzkopf im Widum zu Werfen soll lassen Euch in Ruhe!"

Glückstrahlend haschte das Weiblein nach Salomens H?nden und dankte in innigster Herzlichkeit, indes der alte Kurat den Ku? der Ehrfurcht auf die Rechte des Erzbischofs drückte und seinen Dank stammelte.

Zu Salome gewendet, sprach Wolf Dietrich l?chelnd: ?Hab' ich's nach

Wunsch gethan? Nun aber sorg' für Atzung, schick' das Paar zum

Küchenmeister!"

?O, hei?en Dank, gn?diger Herr und Gebieter!" lispelte erglühend Salome und verlie?, gefolgt von den alten, glückseligen Leuten die Erkerstube.

Der Fürst nahm Platz auf einer Truhe im Erker und lud durch eine

Handbewegung den Kapitular ein, dasselbe zu thun und ihm Gesellschaft zu

leisten. ?Nun, Freund Lamberg? Was sagt jetzund der Kapitelherr von

Salzburgs Stift und Dom?"

?So der gn?dige Fürst und Herr gesprochen, hat der Unterthan nichts zu sagen, zu schweigen und zu gehorchen!"

?Ja, du, Lamberg, bist die treue, einzige Stütze, die ich habe im Kapitel! Allzeit ergeben, gefügig stets dem Willen des Fürsten! Dennoch m?cht' deine Meinung h?ren ich ad hoc! Da? nach Salomens Sinn ich hab' gehandelt, de?' bin ich mir nicht im Zweifel. Die Gute ist beglückt von meinem Spruch und Entscheid zu Gunsten des alten Paares! Was aber sagt mein Freund?"

?Ich fürchte, gn?diger Herr, es ist Zwietracht ges?et in diesem Falle!"

?Nicht Unglück kr?chzen, Lamberg! Du wei?t, ich h?r' derlei nicht gern.

Hab' ich gefehlt nach deiner Meinung?"

?Kaum h?tt' ich anders mich erkl?ret; zu rührend ist der Bund, die Lieb' und Treu des alten Paares! Und dennoch! Es darf das Herz nicht l?nger dominieren, zu arg ist eingerissen all' der Unfug! Es geht nicht l?nger so, und eingreifen mu? des Herrschers Hand kraftvoll und hart, soll Ordnung werden im Erzstift!"

?Ich fühl' es selber und kann nicht l?nger mich verschlie?en solcher

Einsicht!"

?Je früher, gn?diger Herr, desto besser! Und wenn Hochfürstliche Gnaden ein Wort noch wollen mir verstatten, sei es die Bitte: Bleibet fest auch gegen...."

?Du meinst Salome!" sprach hastig Wolf Dietrich. ?Du bist klug und weit reicht dein Blick voraus! Meine sü?e, liebe Salome! Im Widerstreit stehet mir Kopf und Herz! Leicht zu erraten ist, da? Salomens kluger Sinn wird die Konsequenz zu finden wissen. Was ich dem alten Paar verstattet, soll verweigern ich dem Liebsten, was ich hab' auf Erden! Ich soll mir selbst nicht erlauben, wessen ein armes, altes Weib seit einem Menschenalter sich erfreut: der Legitimit?t des Bundes!"

?Nur das nicht, gn?diger Herr! Gedenket allzeit meiner Warnung! Mag paradox es klingen: Die Trauung wird zum Unheil werden meinem gn?digen Fürsten! Drum meidet sie, solang' Ihr atmet!"

Den Blick in die Ferne gerichtet, verstummte Wolf Dietrich und überlie? sich v?llig tiefem Sinnen.

Still sa? ihm gegenüber Graf Lamberg, hoffend auf Erkenntnis der schwierigen Lage seines Gebieters, vertrauend auf die Klugheit des genial veranlagten Fürsten, und doch wieder bangend vor dem Einflu? der sch?nen Salome.

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