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Bergrichters Erdenwallen

Bergrichters Erdenwallen

Author: : Arthur Achleitner
Genre: Literature
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Chapter 1 No.1

In gro?er Erregung umstehen Bauersleute, Knechte und M?gde das Geh?ft des Servaz Amareller, Bauers im Hemmernmoos, und besprechen den unerh?rten Fall eines gro?en Gelddiebstahles. Nach den im Jammerton immer wieder vorgebrachten Beteuerungen des dürren, kleinen Amarellers ist eine Brieftasche mit über fünfhundert Gulden, dem Betrag für verkauftes Vieh, aus einer gut versperrt gewesenen Truhe gestohlen, ganz r?tselhaft entwendet worden.

Gestern noch überzeugte sich Servaz Amareller durch Abz?hlen der Noten von dem Vorhandensein des Geldbetrages worauf die Truhe wieder sorglich verschlossen und der Schlüssel im Ofenloch versteckt wurde. Heute ist das Geld verschwunden, wiewohl niemand Fremdes im Hause gesehen und der Schlüssel im Aschenversteck vorgefunden wurde. Die Nachbarn, von der überraschenden Neuigkeit verst?ndigt, stimmen dem jammernden Bestohlenen zu, da? nur eines von den Hausleuten selbst den Diebstahl habe vollführen k?nnen, weil sich weder an der Hausthüre noch an den mit Eisenst?ben vergitterten Fenstern Spuren eines gewaltsamen Eindringens vorfinden lassen. Schon zweimal haben die Bauern die Front sowie die Seiten des Geh?ftes in Bezug auf Anzeichen eines Einbruches von Au?en untersucht, es ist nicht das Geringste zu entdecken. Das Geld ist aber fort, die Truhe aufgesprengt. Amarellers Jüngster mu?te sogleich nach der Entdeckung des Diebstahles hinaus zur Gendarmerie zur Anzeige, und jeden Augenblick steht die Ankunft eines Gendarmen zu erwarten.

Die Bauern er?rtern in lebhafter Weise die Frage, wer solcher, in Tirol unerh?rter Frevelthat genügend verd?chtig sein k?nnte. Die Inwohner sind durchaus ehrliche Leute, wenigstens bis gestern seit Jahren gewesen; ohne ?u?ere Anzeichen eines Eindringens kann es nicht anders sein, als da? einer der Dienstboten schuldig des Diebstahls ist. Aber wer?

Einer der Nachbarn warf die Frage auf, ob denn der Hund des Amareller gar nichts gemeldet habe. Der dürre Servaz beteuerte: ?Sell ischt frei aus der Weis'! No nia hat si' a D?rcher zurwig'wagg und grad heunt Nacht mu? selle Frevelthat passiren! Ich versteh' 's nuit, wie sall ?pper hat zuageahn k?nnen! Suscht so a scharfer Hund, und grad heunt Nacht la?t er aus, der Saggrasultan! I kann's selm nuit verstiahn!"

Die andern verstehen den Fall, da? der als scharf und bissig bekannte Hofhund einen Dieb eingelassen haben soll, auch nicht.

Der Falgerbauer folgerte daraus, da? der Dieb entweder eine Wurst für den Sultan mitgebracht oder sich in Abwesenheit des Hundes eingeschlichen haben mu?te.

Wohl an zwei Stunden sprachen die Leute über den r?tselhaften Diebstahl und tranken dabei von Amarellers bereitwillig kredenztem R?thel, weil so ein erregter Diskurs soviel Durst erzeugt.

Als aber die Gestalt des heranrückenden Gendarmen sichtbar wurde, schickte man Flasche und Gl?ser sogleich ins Haus zurück, wobei Amareller sagte, es schicke sich nicht, vor der Obrigkeit Wein zu trinken, besonders nicht, wenn einem über fünfhundert Gulden Bargeld gestohlen worden sind. K?nnte das Steueramt erfahren, da? einer trotz des Diebstahles noch Wein im Keller habe, wie leicht k?nnte es sein, da? das Steueramt einen dafür h?her einsch?tzt in der Steuer.

Der Falger stimmte zu. ?Ischt wohr oh und a Gendarm braucht kan R?thel!"

Kurz fiel die Begrü?ung des Sicherheitsmannes aus, der nun nach Vorschrift und Pflicht den Thatbestand aufnahm und sich vom Amareller den Fall erz?hlen lie?. Das verschlang eine weitere Stunde, es ging auf Essenszeit und gar lieblich dufteten die Schmalznudeln aus dem Hause. Solcher Mahnung wollten die Nachbarn nun folgen und sich nach Hause begeben, allein der Gendarm erkl?rte, da? der Herr Bezirksrichter als Untersuchungsrichter jeden Augenblick mit der Kommission eintreffen k?nne, daher die Leute schon dableiben mü?ten.

Jetzt wollte aber keiner der Bauern, die bisher nicht genug über den r?tselhaften Diebstahl schw?tzen konnten, mehr bleiben, und unverhohlen sagten sie, mit dem Gericht wollen sie nichts zu thun haben. Nun befahl aber der Gendarm das Verbleiben bis zur Ankunft des Richters, und die Bauern blieben vor dem Hemmernmooshof, jetzt still und verschlossen.

Bald darauf kam der Richter mit dem Protokollführer angefahren, stumm gegrü?t von den nun zaghaften, scheu gewordenen Bauern. Nach dem Rapport des Gendarmen ging der Richter, eine hohe Gestalt mit merkwürdig scharfen, durchbohrenden Augen und einer hohen Stirne, zum Amtsgesch?ft über, indem er den Amareller als Bestohlenen einem Verh?r unterzog. Servaz hatte noch keine zehn S?tze gesprochen, da unterbrach ihn der Richter mit der Frage: ?Ischt der Hofhund m?nnlichen Geschlechts?"

überrascht stammelte Amareller. ?Wird wohl decht so sein!"

Laut, allen Anwesenden vernehmlich sprach der Richter: ?Das ischt eben die alte und ewig dumme Geschichte. Ihr Bauern haltet immer m?nnliche Hunde, D?rcher und fahrendes Volk immer Weibchen. Und da wundert ihr Bauern euch dann, und k?nnt nicht begreifen, da? eure Hofhunde fremde Leute lautlos einlassen! Geschieht euch ganz recht! Also der Hofhund hat nicht gemeldet, gut. Habt ihr irgend ein Anzeichen an den Au?enseiten gefunden?"

Servaz verneinte diese Frage und verwies auf die v?llig intakt gebliebenen Fenstergitter.

Langsam ging der Richter von Fenster zu Fenster des Erdgeschosses und zog einen zusammenlegbaren Ma?stab aus der Tasche, mit welchem er die Sprossenentfernung im Gitter ma?.

Staunend sagte Amareller. ?Mit Verlaub, Herr Richter, durch selle Gitter wird decht keiner durchschlupfen k?nnen!"

?Du schweigst, bis du wieder gefragt wirst!" erwiderte der Richter, namens Ehrenstra?er und prüfte dann die Vergitterung auf etwaige Konstruktionsfehler, worauf der Befehl erfolgte, es sollen sich alle Anwesenden in den Flur des Hauses begeben. Nun widmete der Richter seine ganze Aufmerksamkeit dem Boden rings um das Geh?fte, und suchte nach Spuren und Fu?abdrücken. Um das Haus ist der Boden kiesig, fest, nichts zu finden. Doch schon in geringer Entfernung wird der Boden, entsprechend dem bezeichnenden Geh?ftnamen (Hemmern = Ni?wurz, moos-sumpfiger Grund) weich, und der Richter hatte nicht lange zu suchen, da stie? er auch schon auf Abdrücke von Schuhen im moosigen Boden, eine F?hrte von überraschenden Eigenschaften. Einmal finden sich die Abdrücke stark nach ausw?rts gerichtet, wodurch der Richter kombinierte, da? der Erzeuger dieser F?hrte Plattfü?e habe. Die n?chste Prüfung der F?hrte warf aber die Vermutung, da? sie vom Diebe herrühren k?nnte, über den Haufen, denn die F?hrte geht gem?? den Abdrücken im weichen Boden auf das Haus zu, nicht von demselben weg.

Der Richter wurde von diesem Faktum einigerma?en überrascht und ging der F?hrte entgegen, weiter in den Moorboden hinein, bis sie sich auf den zur Sicherung der Passanten gelegten Pfadbrettern verlor.

Ist diese F?hrte nun die zum Hause führende, so mu? jene, welche vom Hause wegzieht, gefunden werden. Mit der gr??ten Sorgfalt und Gründlichkeit suchte der Richter nach der Weggangsspur, er mühte sich ab, und verwendete alle seine Amtserfahrung für diese Suche, doch vermochte er nicht einen vom Hause führenden Fu?abdruck zu finden. So kehrte Ehrenstra?er denn zur zuführenden Spur zurück, und hob mehrere Abdrücke mit charakteristischen N?geleindrücken aus dem Boden aus, um sie mit gr??ter Sorgfalt zwischen mitgeführten Pappendeckeln zu verwahren, und eingebunden der Feldtasche einzuverleiben, die der Untersuchungsrichter ?hnlich wie die Offiziere solche umgeh?ngt tragen, an der linken Hüftenseite tr?gt.

Nun wurde der Protokollführer gerufen und demselben alles Einschl?gige über die gemachten Wahrnehmungen diktiert. Zur gr??ten Verwunderung der Bauern lie? sie der Richter nun einzeln vor das Haus treten, wobei Ehrenstra?er scharf auf die Formation der Fü?e achtete. Nicht einer von den Leuten, auch nicht vom Gesinde, hat Plattfü?e.

Der Richter schickte die überflüssig gewordenen Nachbarn nach Hause und nahm nun die Dienstboten einzeln vor, welche nach der Meinung des Amareller verd?chtig sein müssen, weil die Fenstergitter unbesch?digt geblieben sind.

Gleich dem ersten Knecht ma? der Richter mit dem Zollstab das Querdurchma? des Kopfes, das zur H?lfte der Mund des grenzenlos überraschten betrug.

?Abtreten! Der n?chste vor!" lautete der Befehl. Ein schm?chtig gebauter junger Bursche trat heran, der nun den rechten Arm über den Kopf emporstrecken mu?te. Rasch wurde nun dem Burschen der Kopf nebst dem emporgestreckten Arme in der Quere gemessen, und das Resultat machte den Richter stutzig, denn es betrug der Kopfdurchmesser inklusive Arm genau 14 cm und dieselbe Distanz weisen die Sprossenentfernungen auf. Für den Untersuchungsrichter ist dadurch klargelegt, da? dieser Bursche durch die Gittersprossendistanz durchschlüpfen kann und da? das Gitter mit 14 cm Sprossenentfernung kein Hindernis für ein Eindringen von au?en bildet. Ist der Bursche daher der Dieb, so brauchte er nicht von au?en einzusteigen.

Eine Kopfmessung der übrigen erachtete der Richter zwecklos, nachdem die Gittersprossenentfernung die M?glichkeit eines Eindringens von au?en gew?hrleistet. Die Untersuchung wurde nun auf das Haus im Innern und die Truhe ausgedehnt.

Viel bot der Lokalaugenschein nicht. Der Richter fand, da? die Truhe wie ein Koffer ge?ffnet werden konnte, wenn man den Deckel aufschlug. Rostig und alt war das Schlo?; kaum geeignet, einen besonderen Widerstand zu leisten; ebenso alt und morsch war das Truhenholz. Ehrenstra?er besah sich die Stelle genau, wo der unbekannte Dieb mit einem Instrument eingesetzt haben mu?te, um den Deckel aufzusprengen. Deutlich ist zu sehen, da? ein Stemmeisen knapp neben dem Schlosse zwischen dem obersten Rand der Vorderwand und dem Deckel eingeführt wurde, das Holz zeigt den betreffenden Abdruck des Werkzeuges und l??t erkennen, da? auf das Heft des Werkzeuges ein Druck nach unten ausgeübt worden sein mu?te. Das Eisen hat also gleichzeitig in die Vorderwand der Truhe hinunter, mit dem Schneidende aber auch hinauf auf den Innenteil des Truhendeckels gedrückt und sohin die ?ffnung des Deckels erzielt.

Diese Wahrnehmung erg?nzte eine weitere Nachforschung, welche ergab, da? um das Mal, welches das Eisen in das Brett drückte, das Holz sehr stark im Gefüge war. Der Eindruck l??t erkennen, da? das Eisen vorne schm?ler gewesen sein mu?.

Sorgf?ltig prüfte der Untersuchungsrichter nun auch die Innenseite des aufgesprengten Deckels und fand, da? an der Wirkungsstelle, wo das Eisenende den Druck ausübte, eine Figuration vorhanden ist, die zackig nach abw?rts l?uft. Sofort kombinierte der Richter, da? das Werkzeug kein normales Stemmeisen gewesen sein k?nne, eher eine Art Schraubenzieher, dessen eine Ecke an der Schneide abgebrochen sein mu?te. Dieses Eckenteilchen war aber nicht zu finden, so sehr sich Ehrenstra?er auch abmühte. Nun wurden die Entfernungen der Druckstellen gemessen und die Resultate dem Protokollführer diktiert. Ohne das Instrument selbst zu haben, ist zu konstatieren, da? die Schneide jetzt 38 mm breit ist, da? sie vor dem Abbrechen der Ecke 41 mm breit war und da? das Stemmeisen 94 mm von der Schneide gegen das Heft hin gemessen, eine Breite von 54 mm haben mu?te.

Weitere Erfolge konnten nicht erzielt werden. Gleichwohl nahm der gewissenhafte Richter nun noch die Verh?re der Dienstboten vor und zwar wurde zun?chst die Küchenmagd Gretl, eine kr?ftige junge Person, citiert, die zitternd in der Verh?rstube erschien.

Ehrenstra?er richtete die üblichen Vorfragen an die Person in hochdeutscher Sprache, bekam aber keine Antwort, daher er die Fragen im Dialekt wiederholte. Jetzt verstand ihn die Magd und gab ihr Nationale an.

?Hast du in der vergangenen Nacht etwas Besonderes wahrgenommen?" frug der Richter.

Die Magd wechselte die Farbe, ward bleich, dann wieder rot, ein Beben lief durch den ganzen K?rper, eine unverkennbare Angst war vom Gesicht abzulesen. Stotternd beteuerte Gretl: ?Ich hab' ganz gewi? nichts g'stohlen!"

?Das glaub' ich ja auch! Aber du mu?t mir schon sagen, was du in dieser Nacht beobachtet hast. Ischt jemand eingestiegen?"

?Sall woa? ich nuit!"

?Ischt jemand an deiner Thür' vorbei?"

?Sall schon!"

?Und was ischt dann geschehen?"

?Ich kann's nicht sagen, ich hab' zu fest g'schlafen und bin erst wach worden, wie's vorbei war!"

?Was war vorbei?"

Z?gernd und in gro?er Scheu gestand die Dirn, da? sie beim Erwachen einen Strohkranz um den Kopf hatte.

?Hast du einen Burschen in der letzten Zeit abgewiesen?"

Gretl nickte.

?Welcher Bursch' war das?"

?Der Seppel, seller, der heute von Enk gemessen worden ischt mit'm Kopf und Arm!"

?Also ischt jener Seppl dir aufs?ssig, er verfolgt dich?"

?Ja, sall ischt schon so!"

?Liegst du allein in der Schlafkammer?"

?Es liegt noch die Stalldirn drinnen in der Nacht!"

?Und diese hat auch nichts geh?rt?"

?Nein!"

?Hast nichts gefunden, was der Seppl in der Schlafkammer zurückgelassen hat?"

?Decht wohl! Ein rotes Tüchel hat er vergessen!"

Jetzt wu?te der erfahrene Richter den Sachverhalt genau, den er der Dirne aufz?hlte: ?Der abgewiesene Seppel wollte sich an dir r?chen! Er ischt heute Nacht mit einer rot verhüllten Laterne[1] in die Kammer geschlichen und ihr Dirnen habt fest geschlafen. Zum Hohn und Spott hat der Seppel dir den Strohkranz auf den Kopf gelegt, den du beim Erwachen vorgefunden hast."

?Sall ischt richtig! Ich bitt', gn?' Herr, verz?hlen Sie's nicht weiter, die Schand' ischt zu gro?!" bat die Dirne flehentlich.

?Schon gut! Vom Einbruch hast du nichts wahrgenommen?"

?Nichts, gn?' Herr!"

Das Verh?r der Stalldirne ergab nur die Best?tigung, da? der Strohkranz vorgefunden wurde. Vom Einbrecher selbst fehlt jede Spur. Die Untersuchung wie das Protokoll wurden geschlossen und die Gerichtskommission verlie? den Hemmernmooshof und dessen laut um sein verlorenes Geld jammernden Besitzer.

* * *

In seiner kahlen, dürftig mit den allernotwendigsten Ger?ten, wie Tisch, Stuhl, kleines Waschservice und Aktenst?nder m?blierten Kanzlei im kleinen Gerichtsgeb?ude des Bergst?dtchens pr?parierte der Bezirksrichter Ehrenstra?er sorgf?ltig die zu Amt gebrachten, ausgehobenen Spuren, die inzwischen eingetrocknet sind, doch die N?gel und Schuheiseneindrücke deutlich zeigen. Sie werden dem Akt einverleibt, der nun ruhen mu?, bis der berühmte Zufall seine ersehnte Rolle zu spielen beliebt. Schon wollte der Richter den Akt dem Rubrum ?Buchstabe A" einverleiben, da fiel Ehrenstra?er ein, die Angelegenheit doch nicht mit der heutigen, nahezu ergebnislosen Untersuchung auf sich beruhen zu lassen. Der Amtsdiener Perathoner, ein kugelrundes M?nnchen, das in der K?rperfülle im schreienden Gegensatz zur mageren Gage stand, erhielt Befehl, den Gendarmeriewachtmeister zu holen, und gesch?ftig wie immer, eilte der Diener zur Kaserne.

Ehrenstra?er erledigte inzwischen einen Citoakt in seiner ruhigen, gewissenhaften Weise. So still ist's in dem kahlen, schlechtgetünchten Raum, da? das Kritzeln der Feder auf dem ziemlich rauhen Aktenpapier, sowie das Summen einiger nach Freiheit lüsternen Fliegen an den geschlossenen, vorhanglosen Fenstern das einzige Ger?usch geben.

Ganz in die Arbeit versunken, überh?rte der Richter das leise Klopfen sowie das Aufklinken des Thürschlosses. Erst als eine silberhelle M?dchenstimme rief: ?Lieber Papa!" hob Ehrenstra?er den Kopf und blickte auf.

?Ah, mein Herzensschatz! Tritt nur ein, Emmy! Was führt dich zur Amtszeit zu mir?"

Verlegen, lieblich err?tend steht die etwa zwanzigj?hrige blonde Tochter aus erster Ehe vor dem Papa, eine hübsche Erscheinung, und in der Kopfbildung wie in den Augen von unverkennbarer ?hnlichkeit mit dem Vater. Ob der leisen Rüge, die Emmy in der Frage Papas sogleich empfand, bat die Tochter, das Eindringen in die Kanzlei zur Amtszeit gütigst entschuldigen zu wollen.

?Schon gut, Emmy! Du wei?t, da? ich w?hrend der Amtsstunden ausschlie?lich meinem Berufe angeh?re und hier St?rungen in Privatangelegenheiten vermieden wissen will. Es mu? sonach deinem Besuch ein besonderes Ereignis zu Grunde liegen! Sprich, mein Kind: Was führt dich hierher?"

Ehrenstra?er hatte sich erhoben und trat seiner Tochter n?her, die pl?tzlich die Arme ausbreitete, dem überraschten Vater um den Hals fiel und an seiner Brust zu weinen begann.

?Emmy Kind! Was soll denn das bedeuten?"

Unter Thr?nen schluchzte die Tochter: ?Verzeih, lieber Papa! La? mich weinen an deiner treuen Vaterbrust!"

?Um Gotteswillen! Was bewegt dich so sehr? Was ischt denn vorgefallen?"

Das M?dchen erbebte und weinte heftig, ohne eine Antwort zu geben.

Forschend richtete der Richter seine scharfen Blicke auf die Tochter, deren Verhalten ihm v?llig unfa?bar erscheint.

?Hat es zu Hause Verdru? gegeben, Emmy?"

Die Tochter schüttelte den Blondkopf.

?Ischt dir jemand zu nahe getreten? Ich kann das bei den ruhigen Verh?ltnissen in unserm St?dtchen nicht glauben. Sprich, mein Kind! Und vergi? nicht: Ich bin zur Arbeit hier verpflichtet! Sprich!"

?Ich kann nicht, lieber Papa!" stammelte Emmy.

?O, Weiber! Widerspruch über Widerspruch! Da kommst du mir in die Kanzlei in einem Zustande, der an Fassungslosigkeit grenzt, suchst eine Aussprache mit deinem Vater und nun du reden darfst, und sollst, hei?t es: Ich kann nicht reden! Das verstehe, wer will; ich verstehe es nicht!"

?Verzeihe, guter, lieber Papa!"

Der Richter wurde stutzig und wiederholte die Worte: ?Verzeihe, guter, lieber Papa! Das klingt gewisserma?en verd?chtig! Ist im Herzk?mmerchen etwas nicht in der Alltagsordnung, was?"

In gro?er Verwirrung flüsterte Emmy unter erneuter Umarmung dem Vater zu: ?Verzeih' mir, sü?er Papa! Ich kann nichts dafür - Franz!"

Jetzt l?ste Ehrenstra?er die Umarmung und ernst sprach er: ?Was mu? ich h?ren? Wer ischt Franz? Wie kommt meine engelreine Tochter zu einem Franz? Wer ischt das? Was hat es gegeben? Ich will nicht hoffen - -"

Abwehrend rief Emmy: ?Nein, nein, lieber Papa, wie kannst du nur denken! Ich kenne meine Pflicht! Aber -"

?Was aber?"

Verwirrt stammelte Emmy: ?Franz, der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller, hat mich begleitet auf dem üblichen Spaziergang und hat mich -"

?Nun?"

?..... hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden m?chte! Verzeihe mir, lieber Papa!"

?So? Das ischt ja das Allerneuste! Und der junge Mann scheint nicht zu wissen, bei wem man zuerst in solchen Angelegenheiten anfr?gt?"

Err?tend lispelte Emmy: ?Verzeihe, Papa! Franz wollte zuerst meine Meinung wissen, er kommt dann gewi? zu dir, um deinen Segen zu erbitten!"

?Ei, der Tausend! Also perfectum est! Ich mu? sagen: Eine solche Selbst?ndigkeit h?tte ich meiner sanften Emmy gar nicht zugetraut! Du hast dem Cementmenschen also schlankweg dein Jawort gegeben?"

?Doch nicht, lieber Papa! Ich habe nur gesagt, Franz solle um deinen Segen bitten!"

?Ach, du liebe Einfalt vom Lande!" lachte der Richter auf.

?Bitte, bitte, lieber Herzenspapa, sei nicht b?se, und gieb uns deine Einwilligung!" flehte in holder Verwirrung die Tochter.

?Adagio, lento tempo, Kind! Ein alter Jurist überstürzt nichts! Und im tempo furioso wird nicht geheiratet. Der alte, goldene Juristenspruch: ?Quis, quid, ubi, quibus auxilius, cur quomodo, quando" gilt auch in diesem Falle!"

?Papa, ich verstehe kein Wort von dem gelehrten Zeug!"

Ehrenstra?er l?chelte. ?Das glaub' ich gern! Doch genug nun von der überraschenden Sache! Geh' heim, Emmy, wir werden darüber schon noch reden!"

?Bitte, Herzensv?terchen, bitte sch?n!" schmeichelte das M?dchen.

?Nur nicht pressieren, Kind! Ich h?re Stimmen im Warteraum, es wird der citierte Wachtmeister kommen! Verla? mich nun, Kind, mich ruft die Pflicht! Adieu, Emmy!"

Das M?dchen kü?te Papa herzhaft und wirbelte dann zur Thüre hinaus.

?Eine sch?ne Bescheerung! Aber ein gutes Kind ischt Emmy doch, denn von dem Werber weg ischt sie zum Vater gelaufen! Eigentlich ganz natürlich, ich bin ihr ja der einzige und n?chste, hm, der einzige dürfte ich gewesen sein!" murmelte der Richter und klingelte dann.

?Herr Bezirksrichter befehlen?" fragte der eintretende Diener.

?Ischt der Wachtmeister da? Soll eintreten!"

?Zu Befehl, Herr Bezirksrichter!" rief Perathoner und schob seine Kugelgestalt ins Vorzimmer hinaus.

Gleich darauf trat der st?mmige Gendarmeriewachtmeister, der wohl in Uniform war, jedoch nur das Seitengewehr und statt des Federnhutes das gew?hnliche Dienstk?ppi trug, salutierend ein und stellte sich milit?risch stramm vor dem Richter auf. ?Herr Bezirksrichter befehlen?"

?Mein lieber Wachtmeister! Sie werden vom Gendarmen, der heute mit auf Kommission beim Amareller war, bereits erfahren haben, da? wir nicht viel Erfolg hatten. Ich will den Akt nun nicht schlummern lassen, vielleicht kann seitens der Gendarmerie gelegentlich eine wertvolle Wahrnehmung gemacht werden. Ich m?chte Sie daher dahin verst?ndigen, da? nach dem Befund der erbrochenen Truhe im Hemmernmooshofe das gebrauchte Werkzeug sehr wahrscheinlich ein Schraubenzieher mit einer abgebrochenen Ecke gewesen ischt. Achten Sie und die Ihnen unterstellte Mannschaft bei Requisitionen, Besuchen und sonstigen Patrouillen auf ?hnlich beschaffene derartige Werkzeuge und erstatten Sie mir dann sogleich Anzeige."

?Sehr wohl! Haben Herr Bezirksrichter sonst noch Befehle für mich?"

?Nein! Ich danke Ihnen!"

Mit milit?rischem Gru? trat der Wachtmeister ab. Der Richter wollte sich weiter seiner Arbeit widmen, doch parierten die Gedanken nimmer, die sich mit der überraschend gekommenen Verlobung besch?ftigten. So qu?lte sich Ehrenstra?er ab, einen Akt fertig zum Expedit zu stellen und endlich legte er die Feder nieder und ging nach Hause.

* * *

Chapter 2 No.2

Ziemlich am Ende des St?dtchens, in einer Art Villenviertel, stand das Haus, in welchem der Richter sich vor Jahren eingemietet hatte, weil im Amtsgeb?ude die R?ume zu einer Dienstwohnung nicht ausreichten. Ehrenstra?ers zweite Frau hatte sogleich nach der Trauung lebhaft protestiert gegen eine so kleine Wohnung, au?erdem wollte sie nicht, wie sie sagte, mit Str?flingen und Inquisiten unter dem gleichen Dache wohnen und des weiteren k?nne man nicht wissen, wie gro? die Familie noch werde.

Diese letztere Bemerkung hatte den sonst so ernsten Richter lachen machen, sie gab den Ausschlag, die gro?e Wohnung am Stadtende wurde gemietet und nach kurzen Jahren bev?lkerten zwei M?dchen aus zweiter Ehe das Haus, welches die Umwohner aus guten Gründen m?hlich die ?Judenschule" zu nennen pflegten.

Frau Bianca Ehrenstra?er stammte aus einer Weinh?ndlersfamilie Südtirols und zeigte in der ?u?eren Erscheinung den Ampezzanertypus. Anfangs ein feines Figürchen mit südl?ndischem Temperament, kohlschwarzen Augen und blauschwarzem Haar, entwickelte sich die Richterin mit den Jahren zur korpulenten Frau, die trotz des st?ndigen Aufenthaltes in reindeutschen Bezirken mit der deutschen Sprache auf Kriegsfu? stand und w?lsche Lebensart beibehielt. Eine Folge davon war ein steter Dienstbotenwechsel, der dem Gatten das Leben sauer machte und welcher die Bewohner des Amtsst?dtchens jahraus, jahrein mit Gespr?chsstoff versorgte. Hei?t es doch, ein Dienstbotenvermittelungsbureau in Innsbruck sei allein gar nicht im stande, bei Bezirksrichters den Bedarf an Dienstboten zu decken, denn gewechselt wird in jedem Monat, entweder die K?chin oder das Kinderm?del und eine Scheuerfrau ist im St?dtchen nicht mehr aufzutreiben, weil alle diesbezüglich in Frage kommenden Personen bereits im Hause gewesen sind.

Frau Ehrenstra?er oblag am Nachmittag zur Stunde, da der Bezirksrichter die Kanzlei verlie?, der Lektüre eines italienischen Romanes, und hatte sich so sehr darin vertieft, da? sie die Anrede der in das Wohnzimmer gekommenen K?chin Cenzi, einer drallen Unterinnthalerin, überh?rte. Cenzi wiederholte die Frage: ?Ich bitt', Frau, was soll zum Abend gekocht werden?"

Frau Bianca richtete sich auf mit den Anzeichen hoher Entrüstung und zeterte: ?Come? Was sein das Manieren? I sono eine gn?dige Frau, eine perfetta, wirkliche Gn?dige! Du müssen sagen ?gn?' Frau' zu mir, capisca?!"

Demütig senkte Cenzi den Kopf und sprach dann: ?Gn?' Frau, ich bitt', was soll ich zum Abend richten?"

?Das sein Sachen der cuciniera, ich haben keine Zeit!"

Ratlos stand das M?dchen vor der Gebieterin; erst vierzehn Tage im Haus und nicht ganz sicher vertraut mit der Kochkunst, wei? Cenzi nicht, wie sie sich zurechtfinden soll, zumal sie von der Sprache der Gn?digen nichts versteht.

?Bring' burro fresco con pane bianco! Kinder wollen Jause!"

Kopfschüttelnd entfernte sich das M?dchen, entschlossen, am n?chsten Ersten zu kündigen.

Wenige Augenblicke sp?ter stürmten die T?chterchen zweiter Ehe, M?dchen mit w?lschem Typus im Alter von sechs und fünf Jahren, im tempo furioso l?rmend in die Wohnstube und begannen den Speisetisch zu umkreisen, wobei die Kinder wie toll um burro fresco (frische Butter) und Wei?brot schrieen.

Vergebens gebot Frau Bianca solchem Heidenl?rm, die M?dchen kümmerten sich nicht im geringsten um das tace und l?rmten weiter. Mama ri? am Glockenzug, doch als vom Gesinde niemand kam, befahl sie Lina, dem Kinderm?del aufzutragen, die Jause zu bringen.

Lina sprang hinaus, kam aber bald zurück, um in welscher Sprache zu berichten, da? von den Dienstboten niemand zu finden sei.

?Welche Wirtschaft!" zeterte Mama und stürmte hinaus. Die M?dchen benutzten die Abwesenheit der Mutter, um die Tischlade einer Revision zu unterziehen, sowie im Buffet Nachsuche zu halten. Jubelnd wurde die Honigflasche entdeckt und ihres Inhaltes beraubt, Schwarzbrot wurde mit ?l aus der Karaffe betr?ufelt und gierig verzehrt. Unter gegenseitigen Püffen konnte es nicht anders sein, da? es Scherben gab, in Trümmern liegt die Huiliere am Boden und ihr Rest breitet sich zu einem pr?chtigen Oval auf dem Teppich aus, Honigspritzer bedecken Tisch und Stühle. Die jüngere Tochter erklomm auf einem Stuhl die H?he, um im oberen Schrank des Büffets zur Marmelade zu gelangen, die von den kleinen H?ndchen aber nicht erfa?t werden konnte. Klirrend fiel das Glas um und ri? noch andere mit und patsch schlug die Marmelade unten am Boden auf.

?Subito!" schrieen die Racker von M?dchen und begannen den sü?en Inhalt aufzutunken, indem sie sich auf den Boden setzten und schlankweg mit den Fingern die Marmelade zu Munde führten. In dieser reizvollen Situation traf Frau Bianca ihre Spr??linge, und die überraschung war so gro?, da? die Richterin im Schrecken die Butterdose fallen lie?.

Die M?dchen benutzten die momentane Verwirrung, um in rasenden Sprüngen sich nach au?en in Sicherheit zu bringen; Bianca stand allein vor der Bescheerung, fassungslos für den Augenblick, doch fand sie sogleich die Sprache wieder, als Herr Ehrenstra?er eintrat und in seiner ruhigen Weise der Gattin einen ?Guten Abend" wünschte.

Ein Wortschwall ergo? sich über den Richter, welcher verwundert den Scherbenhaufen betrachtete und sich ein sp?ttisches L?cheln nicht versagen konnte. ?Eine sch?ne Bescheerung das! Die M?dels treiben es bunt!"

Sofort nahm Frau Ehrenstra?er Ihre Kinder in Schutz; schuld an den skandal?sen Verh?ltnissen im Hause seien die Dienstboten und Emmy, die sich so viel wie gar nicht nach Recht und Pflicht um das Hauswesen kümmere.

Ein ernster Blick traf die Gattin und ebenso ernst klang die Erwiderung. ?Das Hauswesen und die Führung des Haushaltes ischt doch wohl deine Sache als Frau und Mutter! Und Emmy ischt wohl deine Stieftochter, keinesfalls aber dein Dienstm?dchen! Ich hoffe, du wirst dir das merken! Im übrigen dürfte Emmy die l?ngste Zeit im Hause gewesen sein!"

?Come?" rief überrascht die Gattin.

?Emmy war heute zu ganz ungew?hnlicher Zeit bei mir in der Kanzlei und gestand, da? der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller sie um ihre Hand gebeten habe!"

?Welche Neuigkeit! Und was haben du gesagt, carissimo?"

?Die Sache mu? denn doch erst geprüft und überlegt werden!"

?Ha! Emmy sein also sposa felice, ich gratulieren! Gleich ich wollen der Braut wünschen Glück!" Mit dem Feuer ihres südl?ndischen Temperaments wollte Frau Bianca forteilen, die Stieftochter, welche ein Zimmer im oberen Stockwerk bewohnt, aufzusuchen.

Doch der Richter hielt die Gattin zurück. ?Keine übereilung, Liebste! Wir sind noch nicht so weit und" - Ehrenstra?er hielt inne, er wollte es nicht aussprechen, da? ihn die übergro?e Freude der Gattin über den Weggang Emmys aus dem Hause wenig angenehm berühre.

Aber Frau Bianca war Feuer und Flamme für das Heiratsprojekt und ri? sich los.

?Bleib'! Und sorge dafür, da? die Bescheerung da weggeschafft wird! Man mü?te sich ja sch?men, wenn ein Besuch diese Wirtschaft erblickte!"

?Sollen Domestiken ausputzen! Ich müssen zu Emmy!" Und fort rauschte die Gattin.

Herr Ehrenstra?er begab sich seufzend in seine Stube, die sein Tuskulum im sonst so l?rmerfüllten Hause ist, wo er sich einigerma?en ungest?rt den Studien seines Faches hingeben kann in den wenigen ihm verbleibenden freien Stunden. Diesmal sollte dem flei?igen Manne freilich nur ein Halbstündchen Ruhe beschieden sein, denn die M?dchen hatten es bald los, da? Mama im obern Stockwerk bei Emmy weilt, und sogleich ward ein Kriegsspiel insceniert, dessen L?rm h?userweit zu h?ren war.

Der seelensgute Vater legte seufzend das juristische Litteraturblatt aus der Hand und begab sich in den Flur zum Schauplatz des Damenkrieges, um Ruhe zu gebieten.

Im drolligsten Kauderwelsch erkl?rten die M?dchen, da? sie ja nur ein Indianerspiel vollführten und Papa m?ge sie nicht st?ren.

?Kinder, gebt Ruhe! Der L?rm ischt zu gro?! M?dchen sollen überhaupt ruhig spielen. Nehmt euere Puppen! Indianerspiele treiben nur wilde Buben!"

?Wir sein anche Bubi! Juih!" l?rmten die Racker und balgten sich wie toll.

?Herr meines Lebens! So kann es nicht weiter gehen! Ruhig, Kinder! Oder es setzt Hiebe ab!"

?Papa uns nit slag!" lachten die M?dchen und wirbelten die Treppe hinunter, um im Garten weiter zu spielen.

?Eine heillose Wirtschaft!" seufzte Ehrenstra?er und zog sich in seine Stube zurück.

?rgerlich kam Frau Bianca von Emmy herunter. Die stürmischen Glückwünsche zur Verlobung hat die Stieftochter h?flich, doch kühl entgegengenommen und dafür gedankt mit der Einschr?nkung, da? Papa seine Genehmigung noch nicht gegeben habe, daher die Angelegenheit noch nicht spruchreif sei. Allem weiteren Dr?ngen auf Mitteilung, wo sich das Paar kennen und lieben gelernt, setzte Emmy Schweigen gegenüber und bat schlie?lich, ihr die Antwort erlassen zu wollen. So sah denn die Stiefmama ihre Neugierde unbefriedigt und verletzt zog sie andere Saiten auf, indem sie scharfen Tones Emmy ersuchte, unten im Wohnzimmer gef?lligst Ordnung zu schaffen.

?Ich komme gleich!" hatte Emmy erwidert, als Frau Ehrenstra?er grollend ihre Stube verlie?.

?Sangue della Madonna!" rief die Richterin unten angelangt und ballte die H?nde zu F?usten, als sie von ihren dienstbaren Geistern nicht einen erblickte, und stürmte von Stube zu Stube, bis ein Glockenzeichen sie zur Korridorthüre rief.

?Sangue di Dio! Welche liebe Besuch! Complimenti! Prego, tretten Sie ein, casa mia stehen Sie zu Dienst!" begrü?te die Dichterin die Besucherin, Frau Rosa von Bauerntanz, die Gattin des Bezirksarztes, eine hübsche, blonde Erscheinung, die freilich unter einer altmodischen Toilette wenig zur Geltung kommen konnte.

Der Besuch wurde unter lebhaften Beteuerungen der Freude ins Wohnzimmer geleitet; Frau Ehrenstra?er erschrak wohl beim Anblick der noch immer nicht beseitigten Bescheerung, wu?te aber sogleich eine Entschuldigung, indem sie der Besucherin erz?hlte, die Bescheerung sei die Folge eines urpl?tzlich gekommenen Ereignisses.

?Ein Ereignis!? Ach, erz?hlen Sie doch, liebste Frau von Ehrenstra?er!" rief in gr??ter Neugier die Arztensgattin.

?Ja, gro?e Ereignis! Momento grande! Emmy sein sposa felice!"

?Was ischt sie?"

?Sposa, Braut!"

?Nicht m?glich! Mit wem ischt sie denn so geschwind verlobt worden! Nein, eine solche Neuigkeit! So reden Sie doch, liebste Freundin! Bitte aber m?glichst deutsch, sonst entgeht mir das Wichtigste!"

Eigentlich wei? Bianca selbst so viel wie nichts, doch erz?hlte sie, mühsam nach deutschen Worten suchend, da? der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller die Emmy schon seit langer Zeit liebe, es aber bis vor wenigen Stunden nicht gewagt habe, sich zu erkl?ren.

?Was, der Ratschiller Franz?"

?Si, si! Haben Sie etwas contra?"

Frau von Bauerntanz err?tete und bi? sich auf die Lippen. Nicht um ein Rittergut würde sie jetzt eingestehen, da? sie geglaubt, in jenem jungen Mann einen stillen Verehrer ihrer Person sehen zu dürfen. Gewandt lenkte sie das Thema wieder auf die Verlobungsangelegenheit.

Mit Behagen erz?hlte Bianca weiter. Besagter junger Mann h?tte heute um Emmy angehalten und die überraschung sei so gro? gewesen, da? die Kinder die noch am Boden liegenden Gl?ser h?tten fallen lassen.

?So? Ja, sind denn die kleinen Kinder in dieser Sache gefragt worden?"

?Come, ich nicht verstehen, was meinen!"

Die Doktorin dachte sich ihren Teil und fragte nach der Antwort, die der Herr Bezirksrichter als Vater gegeben habe.

?Si, si, haben meine Mann gesagt! Ist gute Partie, der Br?utigam sein molto ricco, sehr reich!"

?So, so! Ich gratuliere bestens! Nein, eine solche Neuigkeit! Aber nun mu? ich trachten, weiterzukommen! Gott! Wird sich die Bezirkshauptm?nnin ?rgern! Die hat geglaubt, den jungen Ratschiller für ihre Tochter bereits eingefangen zu haben und jetzt ist es nichts! Brühwarm soll die Hauptm?nnin diese Neuigkeit erfahren! 'pfehl mich sehr! Hab' die Ehre, liebste Frau Bezirksrichter, auf Wiedersehen, 'pfehl mich sehr!"

Schneller als sonst üblich vollzog sich die Verabschiedung, und Frau Bianca stand allein, ehe sie noch wu?te, wie die Doktorin nur aus der Wohnung gekommen sei. Vom Erkerfenster aus konnte die Richterin sehen, da? Frau von Bauerntanz im Eilschritt der Bezirkshauptmannschaft zustapfte und m?hlich kam Bianca der Gedanke, da? die Doktorin nun wohl mit der Neuigkeit hausieren gehen werde. Ob das nicht verfrüht ist?

Eine Ablenkung von solchen nicht gerade angenehmen Gedanken brachte die Rückkehr Cenzis vom Fleischer und nun folgte eine dramatisch bewegte Scene, die schlie?lich mit der sofortigen Entlassung der K?chin endete. Das Kinderm?del w?re zwar auch reif zum Davonjagen, doch ist es nicht ang?ngig, das Personal zur G?nze an ein und demselben Tage zu entlassen.

Bis es Zeit zum Abendimbi? wurde, war die Unterinnthalerin mit Sack und Pack bereits aus dem Hause.

Ehrenstra?er erfuhr diese Neuigkeit w?hrend der Abendmahlzeit und nahm sie schweigend zur Kenntnis. W?re Emmy nicht eingesprungen, h?tte die Familie überhaupt nichts zu essen gehabt.

Der Richter nahm Emmy dann in seine Stube mit, um den Fall durchzusprechen. Bianca aber brachte die Kinder zu Bett, was natürlich nicht ohne Spektakel abging und haderte dann mit sich und ihrem Schicksal, bis es auch für sie Zeit zur Nachtruhe wurde.

* * *

Chapter 3 No.3

In der N?he des Bahnhofes der kleinen Amtsstadt befindet sich ein zweist?ckiges Haus, dessen gro?er Schild verkündet: C. Ratschiller, Cementfabrik. In die Parterrelokalit?ten sind die Bureaux untergebracht, die mit einem langen Lagerschuppen in Verbindung stehen, zu welchem ein eigenes, sogen. Industriegeleise vom Bahnhof zur Einladung des Portlandcementes[2] führt. Die oberen R?ume bewohnt die Familie Ratschiller, bestehend aus dem alten Chef der Firma und dessen Gattin, einer würdigen Matrone, dem etwa sechsundzwanzigj?hrigen Sohne Franz und zwei T?chtern.

Die Cementfabrik selbst liegt hinter dem Bergrücken in einem Seitenthale, etwa eine halbe Stunde vom St?dtchen entfernt und müssen die Produkte der Tag und Nacht im Betrieb stehenden Fabrik in F?ssern per Fuhrwerk auf der schlechten Vicinalstra?e heraus zur Bahn verfrachtet werden. Emsig arbeiteten die Komptoiristen in der Schreibstube, wie die Magazinieure eifrig mit der Verladung drau?en besch?ftigt sind. In der ansto?enden Stube soll der Sohn des Hauses seiner Arbeit, der Korrespondenz, obliegen, doch war Franz in den letzten Tagen wenig in diesem Raume anzutreffen.

Das Allerheiligste der Arbeitsr?ume ist dem Chef selbst bestimmt, ein schlichtes Zimmer, einfach mit Gesch?ftsm?beln versehen, die ein m?chtiger Kassenschrank in der Ecke erg?nzt.

Hier arbeitet wohl zehn Stunden des Tages der alte graub?rtige Fabrikherr mit einer wahren Unermüdlichkeit, ein leuchtendes Beispiel für seine Bediensteten, die es an Emsigkeit nicht fehlen lassen, wenn sie den ?Alten" im Hause wissen. Weilt der Chef aber in der Fabrik drinnen im Gebirg, dann freilich eilt die Arbeit in den Komptoirs weniger und wird manches Stündchen mit Marend (Frühstück) und Jause (Vesperbrot) vertr?delt. Herr Ratschiller sitzt am Schreibtisch und liest ein Schriftstück, das wenig erfreulichen Inhaltes zu sein scheint, denn auf der Stirne des Fabrikanten bilden sich gro?e Falten, und zeitweilig seufzt der Chef von Sorgen geplagt auf.

?Eine b?se Sache," flüstert er und drückt mit dem Zeigefinger auf den Knopf des elektrischen L?utewerkes. Rasch erscheint ein junger Komtoirist, den der Chef fragt, ob der Fabrikleiter Hundertpfund noch nicht erschienen sei.

?Nein, Herr Chef!"

?Dann sage, es soll mein Sohn hereinkommen!"

?Herr Ratschiller junior ischt nicht im Komptoir!"

?Es ischt gut!"

Flink verschwindet der junge Mann aus der N?he des ob seiner Strenge gefürchteten Chefs.

Eine tiefe Kümmernis pr?gt sich im Antlitz des alten Herrn aus, der vor sich hinmurmelt. ?Sorgen um Sorgen im Gesch?ft, und Franz dazu - nicht mehr zu erkennen! So kann es nicht weiter gehen! Wei? der Kuckuck, was in den Burschen gefahren ischt. Werde ihn 'mal streng ins Verh?r nehmen müssen."

Ratschiller verstummte, als ein bescheidenes Klopfen h?rbar wurde.

?Herein!"

Auf das Gehei? trat der erwartete Fabrikleiter namens Hundertpfund unter respektvoller Verbeugung ein. Ein schmucker Mann mit pechschwarzem Schnurrbart und Haupthaar, dabei mit Augen, die einen bezaubernden Glanz ausstrahlten, sympathisch durch ein bescheidenes Auftreten, das nur für Augenblicke sich ?nderte, wenn der fesche Mann sich j?h aufrichtete, wobei etwas Herrisches zu Tage trat, das sich aber sogleich wieder verlor, so Hundertpfund seine gewohnte, etwas gebückte Haltung wieder einnahm. Wie er so bescheiden vor dem Chef stand, und nach dessen Befehlen fragte, mu?te er einen sympathischen Eindruck machen, und Ratschiller blickte seinen bew?hrten Fabrikleiter denn auch mit unverkennbarem Wohlwollen an.

?Entschuldigen Herr Chef gütigst die kleine Versp?tung! Es gab im letzten Augenblick noch manches zu besorgen in der Fabrik, auch wollte ich das Resultat eines Versuches abwarten."

?Welchen Versuches?" fragte gespannt der Fabrikherr.

?Ich habe vom benachbarten Eisenwerk etwas Hochofenschlacke kommen lassen, und versucht, daraus einen brauchbaren Portlandcement zu erbrennen.

?Ei der Tausend! Woher haben Sie solche Kenntnisse? Das ischt selbst mir etwas Neues!"

?Ich las davon, da? aus dem Abfallprodukt des Eisen-Verhüttungsprozesses sich Cement erbrennen lassen k?nne und wollte auf gut Glück den Versuch machen!"

?Und das Resultat?"

?Befriedigt mich zun?chst nicht! Es mu? irgendwo noch fehlen! - Auf dem Weg heraus ist mir der Oberleitner Bauer begegnet!"

?Ich wei?!" seufzte der Chef.

überrascht rief Hundertpfund: ?Wieso? Haben Herr Chef mich denn gesehen?"

?Das nicht! Aber vor mir liegt ein Brief, im Auftrag des Oberleitner vom Advokaten an mich gerichtet, und auf Grund dieses Schreibens kann ich mir denken, was der Bauer zu Ihnen gesagt haben wird!"

?Ach so!"

?Eine b?se Sache! Der Bauer ischt zweifellos von der Konkurrenz aufgehetzt und zum Protest gegen die Stra?enbenutzung veranla?t worden. Seinem uns schwer sch?digenden Beispiel werden sich sicherlich die anderen Thalbauern anschlie?en, es wird die ganze Gemeinde protestieren und da zum gro?en Teile die Stra?e Eigentum der Gemeinde ischt, so werden wir ausgesperrt, k?nnen nicht mehr Fracht fahren! Das bedeutet für mich den Ruin! Biete ich eine j?hrliche Pauschalsumme für Stra?enbenutzung, so werden mich die Bauern von Jahr zu Jahr steigern, bis die Summe einfach unerschwinglich wird.

?Es bestehen aber Vorschriften über die Benutzung ?ffentlicher Stra?en und ich denke, die übernahme der Verpflichtung zur Stra?enunterhaltung infolge der Mitbenutzung wird die Beh?rde veranlassen, uns die Stra?e freizugeben."

?Gewi?! Aber es steckt die Konkurrenz dahinter, und zweifellos will man mich in einen langwierigen, kostspieligen Proze? verwickeln, w?hrend dessen Dauer ich nicht frachten kann. Sie wissen, da? wir gro?e Lieferungen auf Termin haben. Die St?rung in der Verfrachtung bedeutet für mich schwere Verluste und schlie?lich den Bankerott. Ich kann das Ende solchen Prozesses nicht erwarten! Wie soll ich aber meinen Cement herausbringen?"

Gelassen antwortete der Fabrikleiter. ?Durch die Luft!"

?Wie? Was?"

?Sehr einfach, Herr Chef! Wir legen eine Luftseilbahn an und bringen unser Produkt durch die Luft zur Bahn - und von dieser die ben?tigte Kohle wieder auf gleichem Wege zur Fabrik!"

?Alle Wetter! Ein feiner Gedanke! Aber unser sehr koupiertes Terrain?!"

?Dasselbe bietet einer Weltfirma wie Bleichert u. Co. in Leipzig-Gohlis in ihrer anerkannten Spezialit?t nicht die geringste Schwierigkeit. Mehr wie 600 m H?ngebahnl?nge werden wir kaum n?tig haben, Spannweiten von 200-500 m, ja bis 700 m sind nichts Ungew?hnliches."

?Wei? Gott! Ein genialer Gedanke! Aber alles kann doch nicht in der Luft h?ngen! Die Seilbahn braucht doch Stütztr?ger, Verankerungen und dergleichen mehr!"

?Gewi?! Es wird sich zun?chst um die Grunderwerbung zu den Unterstützungen der Laufbahnen handeln."

?O weh! Da kommen wir wieder zu unsern ?lieben" Bauern zurück. Wollen uns diese die Stra?enbenutzung verweigern, ebenso sicher geben sie mir auch den n?tigen Grund nicht ab!"

?Herr Chef dürfen eben nicht sagen, wozu Sie den Grund haben wollen!"

?Wie soll ich das machen?"

?Vom Bahnhof über die n?chsten Wiesen ist der Grund ohnehin Ihr Eigentum. Von Ihrer Grenze weg dürfte in einer Entfernung von ann?hernd 100 m die erste Unterstützung zu errichten sein. Also mu? das betreffende Wiesenstück angekauft werden. 200 m weiter brauchen wir blo? die Luft und diese zu benutzen wird uns die Beh?rde sicher erlauben, und die Bauern hat die Luftbahn nichts zu kümmern."

?Ja, und weiter?"

?Dann kommen wir zum Bergrücken, von dem eine L?ngsparzelle vom ?rar gepachtet, event. gekauft werden mü?te. Auf der H?he auf Staatsgrund erbauen wir die Verankerungsanlage und von diesem wagen wir, ohne Stützen, eine Spannweite von etwa 500 m direkt hinab in die Fabrik, und wir sind fein heraus, die Bauern haben das Nachsehen bezw. Emporsehen. Wir verfrachten unsere Kohle und den Cement über den K?pfen der liebenswürdigen, aufgehetzten Bauern hinweg."

?Wenn sich das erm?glichen lie?e, heiliger Gott, die gr??te Sorge w?re von mir genommen."

?Die Hauptsache ist die Grunderwerbung für die Luft-Seilbahn auf ganz stille, harmlose Weise. Ich m?chte vorschlagen, Herr Chef lassen durch einen Mittelsmann die Parzellen kaufen und erwerben selbe dann vom Vermittler. Haben wir diese Fl?chen, so wird es ein leichtes sein, mit dem Forst?rar ein Abkommen zu treffen."

?Gut! Ich werde die Sache überlegen. Aber was wird die Drahtseilbahn durch die Luft auf schier 4000 m L?nge kosten?"

?Wenn es sich um den Ruin handelt, darf die Kostenfrage nach meiner Meinung keine Rolle spielen. Bleichert wird gewi? einige Teilzahlungen gew?hren, in zwei, l?ngstens drei Jahren ist die Anlage bezahlt und C. Ratschillers Cementfabrik ist gegen alle Anfeindungen durch Anrainer und Konkurrenz gefeit."

?Ja, wenn das wenn nicht w?re!" seufzte der Chef.

?Mit Erlaubnis, Herr Chef, es hei?t im Sprichwort: Con si et ma nulle fa!"

?Die Kosten, die Kosten, lieber Hundertpfund! Haben Sie eine Ahnung, was eine solche Anlage kostet?"

?Ich denke, mit 80000 Gulden wird sie gemacht!"

?Allm?chtiger! 80000 Gulden!" st?hnte der Fabrikherr.

?Wird nicht viel billiger gemacht werden k?nnen. An 50000 Gulden beanspruchen die Lieferungen von Seilen &c. aus den Fabriken von Bleichert. Reell, sicher, allen Anforderungen und Auflagen der Beh?rden mu? die Luftbahn entsprechen, sonst erlangen wir die Erlaubnis zur Anlage und zum Betrieb nicht. Ich sage nochmals: Die Kosten dürfen keine Rolle spielen! Jetzt oder nie, und wenn schon denn schon! Setzen Sie sich mit Bleichert in Verbindung, ich wette, die Korrespondenz wird das von mir prophezeite Resultat erbringen. Aber nun ist tiefstes Schweigen über den Plan unerl??liche Bedingung für ein Gelingen."

?Ja, ja, gewi?!"

?Es darf auch Ihre werte Familie von dem Plan nichts erfahren!"

?Aber, Hundertpfund! Meine Familie steht mir doch am n?chsten!"

?Gewi?! Aber ein einziges unvorsichtiges Wort der Damen oder des jungen Herrn, und alles ist verloren! Wenn die Konkurrenz unsern Plan nur zu ahnen beginnt, ist er schon verloren!"

?O, Gott! Sie haben nicht Unrecht! Aber kann ich mich denn in eine so kostspielige Sache einlassen, über eine solche Riesensumme disponieren, ohne meine Familie zu verst?ndigen?! Ich mü?te ja das ganze Verm?gen hinein stecken! Stürbe ich vor Vollendung des Planes, meine Familie würde bettelarm sein!"

?Bitte, das ist denn doch eine übertreibung! In Ihren Jahren und bei solcher Rüstigkeit! Auch brauchen Sie sicher nicht mehr wie ein Drittel der Anlagekosten bar zu zahlen, den Rest in Wechseln auf lange Frist! Doch wie Herr Chef wollen! Ich habe ja nur das Gedeihen und Wachsen der meiner Leitung anvertrauten Fabrik im Auge, und unter diesem Gesichtspunkt, angeregt durch die Proteste der Stra?enbauern, habe ich den gewichtigen Vorschlag gemacht!"

?Ja, das verkenne ich nicht! Ich danke Ihnen auch herzlich! Und es soll über den Plan geschwiegen werden! Nur mit dem Bezirkshauptmann und Dom?nenverwalter will ich Rücksprache pflegen!"

?Ich m?chte raten, zuerst durch einen Mittelmann den ben?tigten Grund für die erste, wichtigste Stütze zu kaufen. Dann erst ist es opportun, mit den Beh?rden in Unterhandlung zu treten. Immer zuerst mit den Querk?pfen verhandeln, diese sind am gef?hrlichsten, wenn sie eine Absicht merken!"

Nach herzlicher Verabschiedung entfernte sich der umsichtige, im Gesch?ft weitblickende Fabrikleiter.

Ratschiller sen. blieb in einer Art Bet?ubung im Sorgenstuhl sitzen. Der Plan erdrückt ihn schier, und dennoch d?ucht er ihm ein Geschenk des Himmels, eine Erl?sung aus einer wahrhaftigen Misere zu sein. Aber 80000 Gulden! Unwillkürlich erhob sich der Chef, ?ffnete den gepanzerten Geldschrank und begann den Barbestand zu z?hlen, dessen Totalsumme ein Hohn auf die Riesensumme des Luftbahnplanes ist. Freilich steckt viel im Grund und Boden, nahezu alles, und eine gewaltige Summe umfassen die Au?enst?nde für gelieferten Cement. Taufende und Abertausende stecken in laufenden Wechseln und rollen im Clearingverkehr der Post. Ein Verm?gen hat der Ankauf von Berggründen zum Abbau und zur Mergelgewinnung für die Cementbereitung gekostet. Und jetzt der Riesenplan! Ein Teufelskerl, dieser Hundertpfund!

Der alte Herr vermochte nicht l?nger in dem kleinen Komptoir zu verbleiben, es ist ihm zu enge geworden, er braucht Luft und Bewegung. Zum ma?losen Erstaunen der Komptoiristen verl??t Ratschiller das Haus noch vor Beendigung der Büreauzeit, und just am Eingang traf er mit seinem Sohne Franz zusammen, der eben notgedrungen seine Arbeitsstube aufsuchen wollte.

?Franz, komm mit! Ich habe mit dir zu reden!" sprach ernst der alte Herr.

Verdutzt gehorchte der Sohn und blickte scheu von der Seite auf den Vater. Auf einen Rüffel war Franz gefa?t, die Aufforderung zu einem Spaziergang w?hrend der Büreauzeit wirkt verblüffend auf den jungen Mann. Beide schlugen einen Wiesenpfad ein, der alte Herr voraus, aufmerksam das Gel?nde betrachtend, über welches nach dem Plan seines Fabrikleiters die Luftseilbahn einmal führen soll. Wie Ratschiller sen. den weiten Raum bis zur H?he des Bergrückens überblickte, eine wahrhafte Riesenentfernung für den gedachten Zweck, entschlüpft ihm unwillkürlich der Satz. ?Es geht decht nicht."

Franz hatte eben an sein Heiratsprojekt gedacht und platzte bei Vaters Worten in der Meinung, da? die Bemerkung seinem Plan selbst gelte, heraus. ?Um Gotteswillen, Vater, sag' nicht nein! Ich würde grenzenlos unglücklich werden!"

?Du?" fragte überrascht der alte Herr.

?Ja, gewi?, lieber Vater! Seit Tagen ringe ich mit mir selbst, ich fand den Mut nicht, dir einzugestehen, was mein ganzes Denken und Empfinden ausfüllt!"

Der Alte pfiff durch die Z?hne und trocken sagte er dann. ?Dein Büreauschw?nzen mu? allerdings einen gewichtigen Grund haben!"

Kleinlaut bat Franz: ?Verzeih' mir, Vater! Es ischt so j?h und stark über mich gekommen, mit einer Macht, die st?rker war als ich! Ich konnte nicht anders, und nun ich das beglückende Wort vernommen, bitte ich dich recht inst?ndig um deine Einwilligung!"

?So? Wozu denn? Was soll ich bewilligen?"

?So ahnst du's nicht, was mich bewegt?"

?Nein!"

?Gro?er Gott! Steh' mir bei!"

?Du wirst doch nicht Schulden gemacht haben?"

?Nein, nein! Lieber Vater, verzeihe mir: Ich habe mich verlobt!"

Der Alte blieb stehen wie versteinert. Auf dieses Gest?ndnis war er nicht vorbereitet.

?Verzeih' mir, Vater!"

?Mit wem hast du dich verlobt?"

?Mit Emmy Ehrenstra?er!"

Ein L?cheln flog über das faltige Gesicht des alten Herrn, verschwand aber schnell, und kühl klang die Erwiderung. ?Das M?dchen ischt brav, ein Engel, hat aber nichts!"

?Ich will arbeiten, Vater! Ich stelle meinen Mann und kann mit eigener Arbeit eine Frau ern?hren!"

?Es geht nicht! Jetzt schon gar nicht! Von deinem Sal?r kannst du allein nicht leben, geschweige denn mit Weib und Kind! Mehr zu geben ischt mir unm?glich. Die Zeiten sind zu schlecht, die Ausgaben riesig, wie die Projekte."

?Welche Projekte?"

?Das ischt meine Sache! Ich kann dir kein Kapital ausfolgen, es steckt alles im Gesch?ft!"

?Vater, guter Vater! Gieb mir nur die Prokuristenstelle und ich werde es dir danken immerdar! Mach' mich nicht unglücklich, Vater!"

?Es geht nicht! Das wird Ehrenstra?er selbst einsehen! Hast du mit Emmys Vater schon gesprochen?"

?Nein! Erst wollte ich deine Einwilligung haben! Am Sonntag m?chte ich Herrn Ehrenstra?er bitten!"

?Das kannst du thun! Seines Nein bin ich sicher! Vielleicht kuriert dich das von deinen Schw?rmereien. Doch nun wollen wir umkehren! Geh' nach Hause, Franz! Ich will noch zum Kommission?r Pfahler, hab' mit ihm ein Wort zu sprechen!"

Gehorsam entfernte sich Franz und lie? betrübt den Kopf h?ngen. Im Herzen des Vaters regte sich etwas wie Mitleid, doch rief Ratschiller den Sohn nicht zurück, er murmelte nur. ?Soll nur etwas zappeln! Schlecht ischt seine Wahl nicht! Wollen sehen! Es pa?t nur nicht in den Riesenplan!"

Gem?chlich begab sich der Fabrikherr zum Kommission?r Pfahler, der sein Büreau in der N?he des Bahnhofes hatte, und traf ihn eben im Begriff, das Gesch?ft zu schlie?en. Beim Anblick des Fabrikanten ?ffnete Pfahler bereitwillig wieder die Thüre und bat Ratschiller einzutreten.

?Bitte, nein! Ich will Sie nicht abhalten, die Kn?del würden hart werden!" sagte gelassen Ratschiller.

?O nein, Herr Ratschiller! Bitte sehr! Wir haben übrigens nur ?Gr?stel', Sie wissen, das bescheidene Tiroler Nationalgericht aus Fleischresten und Schmorkartoffeln, wie es sich ziemt für einen armen Kommission?r! Aber bitte, womit kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie gef?lligst Platz! Bitte sehr! Apropos, habe schon geh?rt, gratuliere!"

?Wozu wollen Sie mir gratulieren?"

?O, bitte sehr! Frau von Bauerntanz, Sie wissen, die hübsche Doktorin, war so freundlich, mir zu erz?hlen, Ihr Herr Sohn sei mit Fr?ulein Emmy vom Bezirksrichter verlobt. Also baldige Hochzeit, giebt ein feines Paar, wie geschaffen für einander. Gratuliere bestens! Kann ich irgendwie dienen, ich stehe zu Diensten!"

Ratschiller sen. fühlte eine scharfe Zurechtweisung auf der Zunge sitzen, doch drückte er das Wort zurück, und blitzschnell überlegte er, da? ein Dementi der Verlobung durch den schwatzhaften Kommission?r ein heilloses Durcheinander im St?dtchen hervorrufen k?nnte. Und noch ein Gedanke fuhr dem Fabrikherrn durch den Kopf. ?H?ren Sie, Pfahler! Ich danke Ihnen für Ihren gutgemeinten Glückwunsch! Aber man ischt noch nicht so weit! Das Paar hat ja noch gar kein Nest! Sie wissen, ich bin in meinem Hause arg beschr?nkt, k?nnte Zuwachs absolut nicht brauchen! Die Komptoirs sollen eine Vergr??erung erfahren."

?Ja, ja, die Fabrik w?chst, sie wird noch die Perlmooser überflügeln!"

?Reden Sie keinen Unsinn, Pfahler! Immer hübsch solid bei der Stange bleiben! Aber man wird daran denken müssen, dem Paare, wenn es zur Heirat kommt, ein H?uschen, so eine kleine Villa zu bauen. Dazu habe ich aber keinen geeigneten Grund. Wissen Sie einen feilen Baugrund?"

In rasender Eile z?hlte Pfahler die Namen k?uflicher Grundstücke auf.

?Das ischt nichts für mich. Es soll eher etwas sein, das an meine Liegenschaften st??t und anrondiert werden kann. Mein Sohn soll nicht zu weit ins Komptoir haben."

?Darf es Wiesengrund sein? Freilich arg sonnig dann, bis die Pflanzb?ume einmal Schatten geben!"

?Nu, man kann ja gr??ere B?ume kaufen!"

?Hm! Wie w?re es am Anger, der st??t an Ihre Gründe an, die Entfernung zum Büreau ischt minimal und viel dürfte der Angerer kaum verlangen. Soviel ich wei?, schwebt eine Klage gegen ihn in einer Schuldsache; er wird froh sein, Bargeld zu bekommen."

?Nein, nein! Ich m?chte dem Mann nichts abdrücken!"

?Wie weit dürfte ich gehen in der Vermittelung?"

?Ich wei? nicht, ob ich dieser Sache n?her treten soll!"

?Wieviel Decimalen brauchen Sie?"

?Unter etlichen Tagwerken wird es nicht gehen! Wer wei?, ob der Mann so viel Grund abgiebt!"

?Aber ich bitte, Herr Ratschiller! Es ischt ja schlechter Wiesengrund, der Angerer wird froh sein, wenn er ihn zu halbwegs anst?ndigem Preise losbringen kann."

?Nun gut, ich nehme, so viel Grund er abgiebt. Den Preis soll er nennen. Aber wie gesagt, es mu? nicht sein, denn aufgeboten ischt das Paar noch nicht. Ich wei? also nicht, ob es zum Villenbau kommt. übrigens ein Prozent Provision und ein Trinkgeld, Sie wissen ja, wie immer!"

?Danke bestens, werde den Auftrag prompt besorgen. Der Grund geh?rt schon Ihnen! 'pfehl mich bestens, habe die Ehre, wünsche wohl zu speisen, gehorsamster Diener!"

Leicht grü?end verlie? der Fabrikherr den Kommission?r, um sich nach Hause zu begeben.

* * *

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