Genre Ranking
Get the APP HOT
Home > Literature > Aus dem Durchschnitt
Aus dem Durchschnitt

Aus dem Durchschnitt

Author: : Gustav Falke
Genre: Literature
Aus dem Durchschnitt by Gustav Falke

Chapter 1 No.1

Dem undurchdringlichen Nebel des M?rzabends war eine Frostnacht gefolgt. An der Ecke der G?rtnerstra?e und des Durchschnitts, in einem ?stlichen Vororte Hamburgs, hatte am Morgen darauf die Gl?tte des übereisten, abgenutzten Stra?endammes ein Opfer gefordert. Ein Droschkenpferd war so unglücklich gestürzt, da? an eine Rettung des gutgepflegten, wertvollen Tieres nicht zu denken war. Beide Vorderbeine waren dem Dunkelbraunen gebrochen. Schwei?bedeckt, mit heftig arbeitenden Lungen, lag er in dem Kreis der schnell zusammengelaufenen Gaffer.

Der Kutscher, ein ?lterer Mann, stand in dumpfer Resignation dabei.

"Dat verdammte Jis, dat verdammte Jis", wiederholte er nur immer. Ein

Schlachter dr?ngte sich durch die Menge:

"Na, Beuthien, is he henn?"

"To'n Dübel is he", brach der verhaltene Grimm des Angeredeten los. Er warf die Peitsche mit einem Fluch auf die Erde und machte sich daran, den keuchenden Gaul von allem Geschirr zu befreien.

Der Frager und ein junger kr?ftiger Mann, dessen frisches, wettergebr?untes Gesicht unverkennbare Aehnlichkeit mit dem Kutscher aufwies, waren dem hart Betroffenen behilflich.

"Harst doch man Liesch nohmen, Vadder", meinte der junge Mann.

"Schnack morgen klok", war die verbissene Antwort.

In dem Knaul der sich noch immer vermehrenden Zuschauer hielten sich Mitleid, Neugier und Lust am Unglück die Wage. Auch fehlte es nicht an schlechten Witzen. Vergeblich bemühte sich ein Schutzmann, die Menge zu zerstreuen. Er lie? seinen Aerger dafür an den Kindern aus, aber die auf der einen Seite mit barschem Wort verjagten, schlossen sich auf der anderen beharrlich wieder an.

Hatte das Publikum nur sp?ttische Mienen, halblaute Scherze für die heilige Hermandad, so war die Besitzerin des Eckladens, eines Gesch?ftskellers, in dem sich eine Wei?- und holl?ndische Warenhandlung befand, um so energischer bemüht, den Mann der Ordnung wenigstens durch ihren Beifall aufzumuntern. Sie war um ihre Spiegelscheiben besorgt.

Die kleine, rundliche Frau war in best?ndiger Bewegung. Unter Mittelma?, kostete es ihr verzweifelte Anstrengungen, dann und wann einen Blick auf den Gegenstand der allgemeinen Neugier zu erm?glichen.

Einmal versuchte sie sogar, sich von ihrem niedrigen Standpunkt aus dennoch einen Anteil an der Aktion zu sichern.

"Na, Herr Beuthien, is er tot?" fragte sie mit heller, durchdringender

Stimme in das Gewühl hinein.

"Ne, man so'n bischen", rief ein vorlauter Junge zurück, unter dem

Gel?chter der Umstehenden.

Ein Dienstm?dchen suchte, mit unwilligem Ellbogensto? die Z?rtlichkeit eines Gesellen abwehrend, die N?he der Ge?rgerten zu gewinnen.

"Morgen, Frau Wittfoth! ich wollt' nur für'n Groschen Haarnadeln haben, von die langen, wissen Sie woll. Ich komm gleich retour, will man blo? mal eben Kartoffel holen."

"Recht, Fr?ulein, holen Sie man blo? mal eben Kartoffel", lachte die

Wittfoth.

Gewandt schlüpfte das M?dchen durch das Gedr?nge.

Allm?hlich verlor sich die Menge. Das gestürzte Tier ward bis zur

Ankunft des Frohnes durch übergeworfene Decken dem Anblick der

Vorübergehenden entzogen. Vereinzelt sich anfindende Neugierige wies der

Schutzmann sogleich weiter. Eine halbe Stunde sp?ter zeugte nichts mehr

von dem Vorfall.

Frau Caroline Wittfoth war noch beim Sortieren der Haarnadelp?ckchen besch?ftigt, ihr nerv?ser Ordnungssinn hatte immer irgend etwas zu richten, zu ver?ndern und zu verbessern, als auch schon jenes Dienstm?dchen, mit der gefüllten Kartoffelkiepe am Arm, laut und fahrig in den Laden trat.

"Nu?" fragte sie mit strahlendem Lachen. "Haben Sie mich die Nadeln rausgesucht?"

"Sie feiern wohl Geburtstag heute?" meinte die Wittfoth, die verlangten

Haarnadeln einwickelnd.

"Ich? Ne, wie meinem Sie das?"

"Na, ich meine man, weil Sie so vergnügt sind."

"Das sagen Sie man. Mal will unsereins auch lachen. Aergern thut man sich so schon genug."

"Haben Sie wieder was mit ihr gehabt?"

"Mit ihr nich. Mit ihr werd ich schon fertig. Aber die andere, die meint wunder, was sie ist, und mu? sich doch auch man selbst kratzen, wenn ihr was bei?t."

"Nu aber raus", rief Frau Caroline lachend, beleidigtes Feingefühl erheuchelnd. Die andere lie? sich jedoch gemütlich auf dem einzigen Rohrstuhl an der Tonbank nieder.

"Die? das glauben Sie gar nich", fuhr sie fort auszukramen. "N?chstens i?t sie auch nicht mehr vor Faulheit. Meinen Sie, sie stippt einen Finger in Wasser? I bewahre, k?nnt ja na? sein".

"Wie man nur so sein mag", ging Frau Caroline auf die Unterhaltung ein.

"Wenn ich die Mutter w?re".

"Die? die stellt nichts nich mit ihr auf".

"Der Herr sollte sie man mal ordentlich vornehmen". Die Wittfoth machte eine bezeichnende Handbewegung.

"Dreimal auf'n Tag und düchtig", eiferte das M?dchen. "Aber Herrjeses! ich verge? mir ja ganz. Na, das wird'n sch?nen Segen geben. Sie hat so keinen Guten heute".

Sie ri? ihre Kartoffelkiepe an sich und stürzte mit einem vertraulichen "Schüü? Frau Wittfoth" fort, mit klirrendem Schlag die Thür hinter sich schlie?end.

"Deernsvolk!" schalt die zusammenschreckende Frau hinterher.

Chapter 2 No.2

Frau Caroline Wittfoth war die Witwe eines kleinen Hafenbeamten, der ihr au?er einer geringfügigen Pension soviel hinterlassen hatte, da? sie die Wei?- und holl?ndische Warenhandlung von der erkrankten Besitzerin kaufen konnte. Vier Jahre hatte sie seitdem das gut eingeführte Gesch?ft mit Glück fortgesetzt und erweitert. Klug und unternehmend, hatte sie sich bald in die neuen Verh?ltnisse hineingearbeitet. Sie wu?te, was sie wollte. Die Gesch?ftsreisenden merkten, da? sie der kleinen hell?ugigen Frau nichts aufschw?tzen konnten und respektierten ihre Gesch?ftstüchtigkeit.

Mehr Mühe und Verdrie?lichkeiten hatten ihr im Anfang die jungen M?dchen gemacht, deren sie zwei ben?tigte, eine Verk?uferin und eine Schneiderin für die Anfertigung der Dienstm?dchenkostüme.

Sie hatte viel wechseln müssen. Die meistens ungebildeten, anspruchsvollen M?dchen suchten der kleinen, in manchen Dingen selbst noch unerfahrenen Frau durch freches Wesen zu imponieren. Aber Frau Caroline Wittfoth lie? sich nicht in ihrem eigenen Hause "kujonieren". Sie hatte immer kurzen Proze? gemacht und, wenn n?tig, alle acht Tage gewechselt, bis sie schlie?lich die brauchbaren Pers?nlichkeiten gefunden und sich in diesem t?glichen Kampfe gegen Widersetzlichkeit, Unordnung und Tr?gheit soweit geschult und gest?hlt hatte, da? sie sich fortan in Respekt zu setzen wu?te.

Seit einem halben Jahr hatte sie ihre Nichte Therese Sa?, die Tochter einer verarmt verstorbenen Schwester, zu sich genommen, ein zweiundzwanzigj?hriges, schw?chliches, etwas verwachsenes M?dchen, das erkenntlichen Charakters die Fürsorge der Tante durch hingebende Pflichttreue vergalt. Therese war sehr geschickt im Schneidern und erlebte die Genugthuung, da? neuerdings auch einzelne Damen der Nachbarschaft ihre einfachere Garderobe, Haus- und Morgenr?cke, von ihr anfertigen lie?en.

Die Wittfoth selbst verstand nichts von diesem Zweig ihres Gesch?ftes, und besorgte lediglich den Laden und die Wirtschaft, wobei sie von einem zweiten jungen M?dchen unterstützt wurde.

Die achtzehnj?hrige blühende Blondine mit den gro?en grauen, blitzenden Augen wu?te ihre Prinzipalin gut zu nehmen. Anstellig und gewandt, war sie mit Erfolg bestrebt, sich der Wittfoth unentbehrlich zu machen und sie durch kluges, einschmeichelndes Eingehen auf ihre Schw?chen und Eigenheiten zu gewinnen. Auch die Kunden fesselte das hübsche M?dchen durch sein gef?lliges, entgegenkommendes Wesen.

Mit der stillen, freundlichen Nichte ihrer Herrin hatte Mimi Kruse eine w?rmere Freundschaft geschlossen. Von Natur gutmütig, fühlte sie Mitleid mit der kr?nklichen, in einer freudlosen Jugend Verkümmerten, und diese empfand das frische, immer gleich heitere Wesen Mimis als belebenden Sonnenstrahl in dem Einerlei ihres zum Verzicht auf jede lautere Lebensfreude verurteilten Daseins.

So lebten die drei Frauenspersonen wie in Familienzusammengeh?rigkeit.

Oft kam ein Neffe der Witwe zum Besuch, Hermann Heinecke, ein

Volksschullehrer. Der junge Mann war der Sohn ihres Stiefbruders, der im

Mecklenburgischen eine kleine Landstelle besa?.

Hermann verkehrte gerne bei der Tante, der jungen M?dchen wegen. Der verwandtschaftlichen Freundschaft für Therese gesellte sich eine aufrichtige Wertsch?tzung ihres sanften, geduldigen Wesens und ihres feineren, tieferen Seelenlebens. Doch die Ergebenheit, die er seiner Cousine entgegenbrachte, hinderte ihn nicht, der hübschen Verk?uferin seiner Tante gleichzeitig ein warmes Interesse zu schenken.

Mimi hatte keinen glühenderen Verehrer, als Hermann Heinecke. Sie wu?te das und verwandte alle kleinen Künste der Koketterie, um ihn an sich zu fesseln.

Das gutmütige, etwas fade, von einem dünnen blonden Bart umrahmte Gesicht des jungen Mannes war eigentlich nicht "ihre Nummer", wie sie zu sagen pflegte. Ihre Schw?rmerei waren die Schwarzen, Kraushaarigen.

Die goldene Brille, die Hermann trug, s?hnte sie jedoch wieder etwas mit seinem Gesicht aus. Sie hatte, wie die meisten jungen M?dchen, eine Vorliebe für Augengl?ser, unter diesen wieder das Pincenez bevorzugend. Die Brille verlieh dem ziemlich ausdruckslosen Gesicht des Lehrers ein bedeutenderes Ansehen. Die freundlichen blauen Augen sahen ohne diesen Schutz etwas bl?de in die Welt, gewannen dahinter versteckt jedoch an Glanz und Leben.

Auch der Umstand, da? die Einfassung der Brille von Gold war, fiel bei Mimi Kruse durchaus ins Gewicht. Schenkte sie ihre Beachtung einmal einem Herrn, der eigentlich gegen ihren Geschmack war, so mu?te sie hierzu triftige Gründe haben, zum Beispiel die Aussicht auf nahe und ausk?mmliche Versorgung. Und die bot ein junger Lehrer immerhin. Der Neffe ihrer Prinzipalin war seit Michaelis fest angestellt, hatte ein gesichertes Einkommen und war pensionsberechtigt. Dafür durfte er schon blond sein und einen schlichten Scheitel tragen.

Hermann hatte den beiden M?dchen versprochen, sie am ersten Ostertage spazieren zu führen, und kam nun am Freitag vor dem Feste, noch abends um 9 Uhr, um seine Einladung zu wiederholen und das N?here zu bereden. Man wollte bei günstigem Wetter einen Nachmittagsspaziergang machen und am Abend ein Theater oder Konzerthaus besuchen. Bei schlechter Witterung sollte auf dem Dammthorbahnhof oder in der Alsterlust der Kaffee getrunken werden.

Die M?dchen waren mit Freuden bereit. Namentlich Therese, der so selten ein Vergnügen wurde, freute sich wie ein Kind.

Mimi brachte sofort die Frage auf. Was ziehe ich an?

Hermann sah sie am liebsten in heller Kleidung, und sie ging sogleich

auf seinen Wunsch ein, ihr hellblaues Wollkleid anzulegen. Von Theresens

Anzug war nicht die Rede. Ihre Garderobe war nicht sehr reichhaltig.

Auch trug sie nur schwarz.

Anstandshalber hatte man auch die Tante eingeladen, in der Voraussetzung, da? sie ablehnen würde. Man wu?te, da? sie um keinen Preis an irgend einem Tage ihr Gesch?ft schlo? und etwas darin suchte, zu Hause zu bleiben, wenn andere ausgingen. Sie hatte überhaupt einen Hang, die M?rtyrerin zu spielen, die von allen Kindern Gottes das geplagteste war.

Trotzdem atmete Hermann auf, als sie ganz entrüstet die Zumutung zurückwies, am Nachmittag des ersten Ostertages ihren Laden zu schlie?en. Sie hatte tausend Gründe dagegen. Gerade an diesem Tage h?tte sie noch in jedem Jahre die gl?nzendsten Gesch?fte gemacht. Für sie g?be es keine Feiertage. Wie das wohl werden sollte, wenn sie spazieren laufen wollte. Und damit burrte sie zum Zimmer hinaus, da die Ladenglocke schellte.

"Therese, komm mal nach hinten", rief sie gleich darauf wieder durch die hastig aufgerissene Thür. "Fr?ulein Behn will Ma? genommen haben."

Mit Meterma? und ihrem Notizbüchlein folgte Therese.

Mimi sa? am runden Sophatisch. Sie hatte die niedrige Lampe aus bl?ulichem Milchglas dicht vor sich gerückt und war besch?ftigt, die dünnen, schmiegsamen Stahlst?bchen in der Taille eines hellen M?dchenkleides zu befestigen. Der Schein des Lichtes fiel voll auf ihre etwas gro?en, aber weichen, sch?ngeformten H?nde, die gut gepflegt waren, wenn auch nicht jede Spur h?uslicher Th?tigkeit sich hatte entfernen lassen.

Mit etwas gezierter Haltung des kleinen Fingers führte sie die Nadel.

Die gleichm??ige Bewegung der vollen, rosigen M?dchenhand, an deren

Mittelfinger ein schm?chtiger Ring mit einem falschen grünen Stein matt

gl?nzte, fesselte Hermanns Blick.

"Wie m?gen Sie nur diesen falschen Stein tragen, Fr?ulein Mimi", sagte er.

"Schenken Sie mir einen echten, Herr Heinecke", entgegnete sie, ohne aufzusehen.

"Wenn Sie ganz artig sind", scherzte er.

"Bin ich das nicht immer?"

Sie sah ihn jetzt an, mit einem versteckten Spott in den grauen Augen, der ihm entging.

In der Vorfreude auf den lange ersehnten Ausgang mit ihr erschien sie ihm heute doppelt verführerisch. Mit ihr allein jetzt, und so schnell in diese verf?ngliche Unterhaltung geraten, fühlte er sich ganz in der Gewalt ihrer Reize.

Ohne auf ihre Frage zu antworten, stand er auf und stellte sich schweigend neben ihren Stuhl, der Weiterarbeitenden zusehend.

Ein schwacher Veilchenduft, ihr Lieblingsparfüm, das sie jedoch diskret gebrauchte, stieg zu ihm auf.

Er zog den Duft ein.

"Ah, Veilchen."

"Das letzte Tr?pfchen", lachte sie. "Wenn's verflogen ist, ist es aus mit der Veilchenherrlichkeit."

"Dann bleiben die Rosen."

"Wie so?"

Er berührte mit dem Rücken der rechten Hand sanft ihre linke Wange.

"Wie Feuer."

Sie schlug nach ihm.

Sie hatte ihn kr?ftig getroffen. Der Fingerhut entflog ihr bei dem

Schlag und rollte durchs Zimmer unter den altmodischen Sekret?r aus

Eichenholz, dessen Messingringe und Schlüssellochumkleidungen der

Verdru? der jungen M?dchen waren, denn nie konnte dieser Zierat der

Wittfoth gl?nzend genug leuchten.

Hermann, auf der Verfolgung des Ausrei?ers, lag b?uchlings auf dem Fu?boden und angelte und fegte pustend und ?chzend mit einem langen h?lzernen Stricksticken der Tante unter dem ziemlich tiefen M?bel umher, als das Zimmer von au?en ge?ffnet und die helle Stimme der Tante laut wurde:

"Unser Wohn- und Arbeitszimmer, Fr?ulein."

Gleichzeitig erschien Fr?ulein Behn in dem Rahmen der Thür, noch ehe die

Wittfoth die ungew?hnliche Lage ihres Neffen recht gewahrte.

In gr??ter Verwirrung schnellte Hermann empor, mit bestaubten Aermeln und Rocksch??en, an welchen sich auch die unvermeidlichen F?den der N?hstube festgesetzt hatten.

Schallendes Gel?chter begrü?te ihn, in das er notgedrungen einstimmte.

"Fr?ulein Behn, mein Neffe, Herr Heinicke", stellte seine Tante vor.

Die junge Dame ma? den Neffen mit etwas sp?ttischem Blick, der jenem entging, da er bei seinem demütigen Ritterdienst die Brille vorsichtig abgenommen hatte und noch immer zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand ?ngstlich von sich abhielt.

Therese beendete die komische Szene, indem sie sich mit der

Kleiderbürste an die Reinigung ihres Vetters machte.

Chapter 3 No.3

Der Ostermorgen versprach einen heiteren, wenn auch etwas kühlen

Festtag. Voller Sonnenschein lag über der herben Frühlandschaft, als die

Glocken von St. Gertrud die Gl?ubigen und Erbauungsbedürftigen zum

Gottesdienst riefen.

Auch die Wittfoth, in Begleitung Theresens, befand sich unter den Kirchg?ngern. Seit sie die Kirche so bequem zur Hand hatte, da? sie sie in zehn Minuten erreichen konnte, vers?umte die kleine, lebenslustige, keineswegs fromme Frau nie, wenigstens an den hohen Feiertagen die Predigt zu h?ren und sich an dem Gesang des Kirchenchors zu erbauen.

"Das ist man sich schuldig", sagte sie. "Ich geh?re durchaus nicht zu den Betschwestern, aber mal will der Mensch doch auch etwas H?heres haben. Und für mich hat es immer so etwas Feierliches, wenn die Knaben singen und die Orgel dazu spielt."

Therese begleitete die Tante regelm??ig in die Kirche, besuchte auch h?ufig allein den Gottesdienst. Ihr war die Erbauung aufrichtiges Herzensbedürfnis. Sie hatte den Glauben der hier auf Erden zu kurz Gekommenen an den Himmel und seine ausgleichenden Freuden. Wie alle Angelegenheiten des Herzens, umfa?te sie auch diese Dinge mit gro?er Innigkeit und fühlte sich dabei in schmerzlichem Gegensatz zur Tante, die auch hier ihre Oberfl?chlichkeit nicht verleugnete.

"Ach, ich glaub an gar nichts", erkl?rte die Wittfoth einmal. "Mir soll's auch einerlei sein. Sterben müssen wir alle, und von oben ist noch keiner lebendig wieder runter gekommen".

Eine geheime Angst hatte die kleine Frau vor dem Lebendig-begraben-werden. Wenn es irgend anginge, sollte man sie nach ihrem Tode verbrennen, nur nicht "einpurren".

"Dann k?nnt Ihr meine Asche in alle Winde streuen. Dann seid Ihr mich los", sagte sie. "An mein Grab kommt ja doch niemand, da ist es besser, Ihr verbrennt mich gleich".

Vor der Kirchenthür trafen Therese und ihre Tante auf Frau Behn mit ihren T?chtern.

"Na, Frau Behn, auch'n bischen hier?" fragte die Wittfoth.

"Dat is ja nu mal de Dag dorto", meinte die Angeredete, die zum Aerger ihrer vornehmen Aeltesten gerne platt sprach.

Fr?ulein Lulu musterte mit l?ssigem Gru? die Toiletten der Tante und

Nichte.

"Dann beten Sie man recht", lachte die Wittfoth der Mutter zu, gl?tte schnell die Falten ihres vergnügten rundlichen Gesichts zu andachtsvollem demütigem Ausdruck und dr?ngte sich mit dem allgemeinen Strom durch den etwas engen Eingang in die freundliche, erst neu erbaute Kirche.

Mimi Kruse hütete inzwischen den Laden. Ihr war die Kirche nichts als ein Haus mit einem Turm. Seit ihrer Konfirmation hatte sie nur einmal wieder eine Predigt geh?rt, das hei?t, eine solche in den Kauf genommen zu dem Gesang des Kirchenchors, um dessen willen eine Freundin sie mit in die Kirche "geschleppt" hatte. Denn der Kirchenchor war gerade Mode geworden.

"Wenn das Herz man gut ist, das Beten thut's nicht", behauptete sie, und entschlug sich im Vertrauen auf ihr gutes Herz aller christlichen Uebungen.

Auch jetzt hatte sie statt des Gesangbuches den Generalanzeiger neben

sich auf dem Fensterbrett liegen und überflog den Roman im Feuilleton.

Ihre Gedanken weilten jedoch nur zur H?lfte bei der schn?de verlassenen

Gr?fin, die andere H?lfte geh?rte dem blauen Kleid, das sie am

Nachmittag anziehen wollte, und an dem noch allerlei kleine

Ausbesserungen und Aenderungen vorzunehmen waren.

Mimi wollte hübsch sein an Hermanns Seite, der mit seinem sonnt?glichen, dunkelblauen Ueberzieher, dem weichen hellgrauen Filzhut, den "Bismarckfarbenen" und der goldnen Brille immer so nobel aussah.

Wenn er nur nicht so langweilig sein wollte, so l?stig durch seine unaufh?rliche Kurmacherei. Am meisten zuwider war ihr sein best?ndiges, verliebtes Anl?cheln. Ihr Schlag am Freitag Abend war ernst gemeint gewesen. Sie ha?te diese "Antatzerei", wie sie es nannte. Als er dann der L?nge nach auf dem Fu?boden lag, war er ihr sehr l?cherlich erschienen.

Heute aber, zum Ausgehen, war er ihr gut genug. Er war nicht "angewachsen", gab gerne und mit einer gewissen Prahlerei. Mimi dachte schon an die Chokolade, T?rtchen und Liqueure, die er ihr am Nachmittag spendieren würde.

Ein wenig Schatten in ihre Vorfreude warfen nur die Wolken, die in kürzeren oder l?ngeren Zwischenr?umen die Sonne überzogen. Besorgt sah sie auf. Es w?re doch zu ?rgerlich, wenn sich das Wetter nicht halten würde. Wenn es regnete, was sollte sie dann anziehen?

Und wirklich fielen jetzt gro?e, schwere Tropfen, denen sich bald weiche, zerflie?ende Schneeflocken beimischten, gegen die Scheiben.

Mimi nahm eine Rolle Zwirn und warf sie wütend durch das ganze Zimmer.

Ihre Stirn legte sich in bitterb?se Falten, und dem unmutig verzogenen

Mund entfuhr ein derbes Wort.

Die Flocken verdichteten sich, die Sonne verschwand ganz. Wirbelnd fegte der lose Schnee um die Stra?enecken, als w?re es Weihnachtszeit und nicht Ostern.

Trotzdem stellte sich Hermann am Nachmittag zur bestimmten Stunde ein, in Gummischuhen und dickem Flausrock. Statt des hellen, weichen Künstlerhutes schwenkte er eine steife, bienenkorbartige Kopfbedeckung heftig in der Hand, um sie von den Schneeflocken zu befreien. Da die ben??te, angelaufene Brille ihn am Sehen hinderte, blieb er unbeholfen in der Thür stehen.

"Eine sch?ne Bescherung, meine Damen, der reine Winter", n?selte er verschnupft.

"Wie schade", bedauerte Therese. "Aber vielleicht kl?rt sich's noch auf."

"Kl?rt sich was", brummte Mimi. "Wird'n netter Matsch sein."

"O, ich stelle Ihnen meine Galoschen zur Verfügung, gn?diges Fr?ulein", scherzte Hermann.

"H?chst ungn?diges Fr?ulein", verbesserte Therese. "Mimi trauert um ihr helles Kleid."

"F?llt mir nicht ein", leugnete diese. In Wahrheit war sie sehr mi?gestimmt, sich nicht nach Vorhaben putzen zu k?nnen. Auch Hermann sah nicht so aus da? man viel Staat mit ihm machen konnte. Eine verfehlte Partie, dachte sie.

"Meinetwegen la?t uns zu Hause bleiben," meinte aufrichtig Therese.

"Mir ist's auch gleich", stimmte Mimi bei, und die Partie drohte wirklich noch im letzten Augenblick zu Wasser zu werden, als die Wittfoth den Ausschlag gab.

"Was?" schalt sie. "Das sind junge Leute, und fürchten sich vor Schnee?

Marsch, fort mit Euch!"

"Man nich so eitel, Fr?ulein", wandte sie sich direkt an Mimi. "Sie sind noch lange hübsch genug. Wenn der Rechte kommt, sieht er nicht erst aufs Kleid."

"Das mein ich auch", bekr?ftigte Hermann eifrig. "Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten."

"Nun wird's Zeit", rief die Wittfoth, "wenn Schiller erst redet."

"Rückert, liebe Tante", belehrte Hermann.

Die liebe Tante überh?rte diese Belehrung und wandte sich an Therese:

"Da? Du Dich mir warm anziehst, Kind. Du wei?t, Du bist gleich erk?ltet.

Und da? Ihr mir fahrt heute Abend, h?rst Du Hermann? Die Abendluft ist

so gef?hrlich."

Mimi, die sich mürrisch zum Ankleiden entfernt hatte, kam wie verwandelt wieder. Sie lachte über das ganze Gesicht.

Sie trug ein schlichtes graues Kleid, eine knapp anschlie?ende schwarze Plüschjacke, ein schwarzes, langhaariges Müffchen und ein dunkelbraunes kokettes Pelzbarett, das ihr allerliebst stand. Ein Blick in den Spiegel hatte sie schnell über das blaue Kleid getr?stet, und h?chst zufrieden fand sie sich wieder bei den andern ein. Sie war der Wettermacher. Ihre Stimmung war immer ausschlaggebend, sie hatte etwas mitrei?endes, dominierendes in ihrem Wesen.

Hermann war glücklich über diesen schnellen Umschlag ihrer Laune und bemerkte mit Wohlgefallen ihr vorteilhaftes Aussehen. Therese freute sich, wenn andere sich freuten, und so nahm man gut gelaunt von der Tante Abschied.

Download Book

COPYRIGHT(©) 2022