Im Tauwetter, auf der Felsenkuppe nach der See zu, stand im letzten Sonnenglanz ein vierzehnj?hriger Junge, ganz in sich versunken. Er blickte gen Westen übers Meer hinaus, er blickte gen Osten, auf die Stadt, den Strand, die m?chtigen Berge, hinter denen noch h?here Felsengipfel emporragten. Alles in klarer Luft.
Der Sturm hatte lange und furchtbarer gewütet, als die ?ltesten Leute sich entsinnen konnten. Trotz der neuen Mole hatten sich Schiffe im Hafen losgerissen und waren untergegangen. Der Telegraph meldete von Schiffbrüchen die Küste entlang; in der ganzen Umgegend gab es nichts als zerrissene Netze, fortgeschwemmte Fischreusen, verschwundene Bootstege. Und immer noch hatten die Leute Angst, das Schlimmste komme noch erst.
Jetzt endlich - seit ein paar Stunden - war es vorüber; der Sturm hatte sich gelegt, die Windst??e, die ruckweise aufeinander gefolgt waren, h?rten auf; kaum noch ein letzter Nachhall war zu spüren.
Nur das Meer wollte nicht gehorchen. Die Tiefen aufrühren und dann einfach davonlaufen - das geht doch nicht! Wellenzüge, soweit das Auge reichte, h?her als haushoch, kamen in endlosen Reihen, mit schaumwei?en Kronen und donnerndem Fall. über Stadt und Strand hin dr?hnte ihr Tosen, gewaltig, dumpfrollend, wie Bergrutsche in der Ferne.
Jedesmal, wenn die Wogen in voller H?he gegen die Klippen stürmten, spritzte der Gischt meterhoch empor; von weitem sah es aus, wie wenn wei?e Meeresungeheuer der alten Sagen hier ans Land emporzuklimmen versuchten. Aber nur vereinzelte salzige Spritzer gelangten an ihr Ziel. Sie brannten dem Knaben, der da stand, auf der Wange; doch er rührte sich nicht vom Fleck.
Gew?hnlich sagten die Leute, nur der tollste Weststurm verm?chte den Wellenschaum so hoch emporzuschleudern; heute kam er bei stiller Luft. Das hatte nur einer erlebt; und das war der Junge!
Weit drau?en im Westen verflossen Himmel und Meer in der Glut der untertauchenden Sonne. Etwas wie ein goldenes Friedensreich breitete sich da hinten aus. Alle die meerschwarzen, wei?k?pfigen Wellen, die sich, soweit der Blick reichte, von dort heranw?lzten, waren vertriebene Aufrührer. Reihe auf Reihe kamen sie daher, unter millionenstimmigem Protest.
Eben jetzt hatte der Farbenkontrast seinen H?hepunkt erreicht. Keine Vermittelung mehr. Nicht der leiseste rote Schimmer drang mehr bis herüber. Dort die warme Glut, hier das kalte Schwarzblau über dem Meer und dem Schneemorast am Land. Was man hoch droben von der Stadt sah, kroch in sich zusammen und ward immer kleiner mit jedem Male. Der Junge wandte den Blick vom Meere landw?rts. Und immer unruhiger wurde er. Das kündete Unheil. Sollte wirklich noch mehr kommen? Seine Phantasie war aufgeschreckt und, übern?chtig wie er war, hatte er keine Widerstandskraft.
Drau?en die Pracht begann zu erl?schen; alle Farben verblichen gleichzeitig. Das Brüllen von unten, wo die Ungeheuer heraufwollten, klang st?rker; oder war er nur hellh?riger geworden? Galt ihm das? Ihm? Was hatte er denn wieder getan? Oder würde er vielleicht bald irgend etwas anstellen? Schon ?fter war diese unklare Angst eine b?se Vorbedeutung gewesen!
Nicht der Sturm allein hatte ihn geschreckt. Vor kurzem hatte ein Laienprediger geweissagt, die Welt werde untergehen. Alle Anzeichen der Bibel t?ten genau stimmen, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel seien nicht mehr zu mi?deuten. Der Prediger erregte solches Aufsehen, da? die Zeitungen sich der Sache bem?chtigten und erkl?ren mu?ten, ganz dasselbe sei schon unendlich oft prophezeit worden, und die Zahlen bei Jeremias und Daniel h?tten immer gestimmt. Aber als der Orkan losbrach, entsetzlicher denn seit Menschengedenken, als Schiffe sich losrissen und gegen die Brücken geschleudert wurden, zerschmettert und zerschmetternd, und zumal als die Finsternis der Nacht das Erdreich bedeckte, und s?mtliche Lichter in den Laternen erloschen ... als man die Brandung blo? noch h?rte, ohne sie mehr zu sehen ... dazwischen Kommandorufe, Get?se, Gekreische, langgedehntes Jammergeschrei ... und dabei in den Stra?en das Entsetzen, wenn ganze D?cher abgehoben wurden, die H?user erbebten, Scheiben klirrten, Steine durch die Luft flogen, Menschen flüchteten, ferne Rufe die Angst erh?hten ... ja, da gedachten wohl manche der Worte des Laienpredigers: So helf uns Gott! Dies ist der jüngste Tag! Bald werden die Sterne fallen! Besonders die Kinder waren in einer Todesangst. Die Eltern hatten keine Zeit, bei ihnen zu bleiben. Denn noch in der letzten Stunde war man einigerma?en im Zweifel, ob es auch wirklich die letzte Stunde war, und nach alter Gewohnheit behielt die Sorge um den irdischen Besitz doch die Oberhand. Man mu?te verstecken und abschlie?en und eilen, und nach dem Feuer sehen und an allen Ecken und Enden sein. Den Kindern aber steckte man Gebet- und Gesangbücher in die H?nde und hie? sie lesen, was da von Erdbeben und anderen Plagen und vom jüngsten Tage stand; man schlug ihnen rasch die Stellen auf und stürzte davon. Als ob die Kinder jetzt h?tten lesen k?nnen!
Sie verkrochen sich lieber im Bett und zogen die Decke über den Kopf; manche nahmen den Hund mit oder die Katze; sie fühlten sich geborgener so; sie wollten zusammen sterben! Aber oft wollten Hund und Katze nicht unter der Decke sterben, und dann setzte es einen Kampf.
Der Junge, der oben auf der h?chsten Felsenkuppe stand, war vor Schreck überhaupt rein von Sinnen gewesen. Aber er war einer von denen, die das Entsetzen von einem Ort zum anderen hetzte, vom Haus auf die Stra?e, von der Stra?e nach dem Hafen, vom Hafen wieder nach Hause. Nicht weniger als dreimal war sein Vater hinter ihm her gewesen, hatte ihn eingefangen, ja, s?mtliche Türen hinter ihm verrammelt; aber entwischt war er doch. So etwas blieb doch sonst nicht unbestraft; kein Junge wurde strenger gehalten und so reichlich mit Prügel bedacht wie Edvard Kallem. Aber ein Gutes hatte der Sturm doch gehabt: Prügel setzte es nicht in dieser Nacht.
Die Nacht verging, und noch standen die Sterne am Himmel; der Tag kam, und die Sonne schien hell wie immer. Auch der Sturm ging vorüber, und mit ihm der letzte Rest von Angst.
Doch hat die Angst einmal ein Menschengemüt so grenzenlos beherrscht, da bleibt der Schrecken vor dem Schrecken zurück. Nicht allein in b?sen Tr?umen, nein, auch am Tage, wenn man sich am allersichersten w?hnt, lauert sie in unserer Phantasie, um beim geringsten Au?ergew?hnlichen über uns herzufallen, uns mit tückischen Augen und Nebelodem zu verschlingen, uns bisweilen in den Wahnsinn zu treiben ...
Da stand der Knabe; es war ihm unbehaglich zu Mut in der sinkenden Sonne und beim Toben der Brandung, - und da war auch schon die H?llenangst wieder über ihm; die Schrecken des jüngsten Tages umbrausten ihn. Er begriff nicht, wie er sich so gef?hrlich weit hier herauf hatte wagen k?nnen, und noch dazu allein! Wie gel?hmt fühlte er sich; er wagte nicht, den Fu? zu heben - wer wei?, ob er nicht beobachtet wurde; Feindesm?chte waren um ihn her. Er betete heimlich zu seiner verstorbenen Mutter: wenn das wirklich das Ende sei, und die Auferstehung sie befreie, so m?ge sie hier heraufkommen zu ihm; nicht zu seiner Schwester - die hatte ja Rektors; er aber hatte niemand.
Doch alles blieb beim alten. Nur der Schimmer im Westen verblich, und im Osten dunkelte es; der Geist der K?lte schritt unerbittlich weiter und wurde Alleinherrscher; das gab eine gleichm??ige Gr??e und die Sicherheit der Einheit. Nach und nach sch?pfte Edvard wieder soviel Mut, da? er freier zu atmen wagte - erst versuchsweise, dann ganz tief, viele Male. Jetzt fing er an, sich zu bewegen, leise, unmerklich und nicht ohne Angst, da? die Unsichtbaren hier oben Verdacht sch?pfen k?nnten, - denn sie wollten ihn doch haben. Behutsam glitt er dem Abstieg zu und fort vom Felshang. Keine Flucht, behüte! Er wu?te gar nicht einmal, ob er überhaupt gehen wollte; er wollte es nur versuchen, - konnte ja schlie?lich zurückkommen. Aber der Abstieg hier war nicht leicht und mu?te eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit gemacht werden; und es wurde so furchtbar schnell dunkel jetzt. Wenn er nur so weit w?re, da? er den Fu?weg, der vom Fischerdorf drunten über den Berg heraufführte, wieder erreicht h?tte, ja, dann war alle Gefahr überstanden; aber hier - nur vorsichtig, vorsichtig, ein ganz kleinwinziger Schritt, und noch einer, und noch ein kleiner! Nur zum Versuch; er würde schon wiederkommen!
Doch kaum hatte er auf solche Art den obersten und schwierigsten Teil der Kuppe zurückgelegt und fühlte sich sicher vor den M?chten da oben, mit denen er feilschte, so schlug er ihnen auch gründlich ein Schnippchen; in gro?en S?tzen gings abw?rts; wie ein Gummiball sprang er von einem Felsvorsprung auf den andern, bis er pl?tzlich unten eine Zipfelmütze auftauchen sah - so weit, weit unten, da? er sie nur eben erkennen konnte. Augenblicklich blieb er stehen. Seine Flucht, sein ganzes Entsetzen, all das eben Erlebte war wie weggeblasen; nicht der leiseste Gedanke mehr daran. Jetzt wollte er Angst einjagen; auf den dort hatte er schon die ganze Zeit gelauert! Bewegung, Augen, Haltung, alles zeigte, wie er sich über die Gewi?heit freute, ihn nun bald in Schu?weite zu haben. Der sollte es kriegen!
Der andere kam einhergeschlendert, ohne zu ahnen, welcher Gefahr er entgegenging, langsam, als ob er seine Freiheit und Einsamkeit gen?sse; bald h?rte man seine schweren Stiefel, den Klang der eisenbeschlagenen Abs?tze gegen die Steine.
Ein gutgewachsener Knabe, hellblond und vielleicht ein Jahr ?lter als der andere, der ihm auflauerte; mit einem losen Friesanzug bekleidet, einen wollenen Schal um den Hals, und gro?e Fausthandschuhe an den H?nden; er trug einen l?ndlichen Korb - blaugemalt, mit gelb-wei?en Rosen.
Ein gro?es Geheimnis ging endlich seiner Offenbarung entgegen; seit Tagen war die ganze Schule darauf gespannt gewesen, wie, wo und mit wem der Zusammensto? erfolgen werde, der jetzt drohte, wann der feierliche Moment der Abrechnung komme, in dem Ole Tuft vor einem Mitglied der gestrengen Schulpolizei endlich eingestehen mu?te, wo er sich nachmittags und abends herumtrieb und was er da anstellte.
Ole Tuft war der Sohn eines wohlhabenden Bauern vom Strande drau?en - das einzige Kind. Sein Vater, der vor einem Jahr gestorben, war der angesehenste Laienprediger der westlichen Lande gewesen und hatte schon frühzeitig seinen Sohn zum Geistlichen bestimmt, weshalb dieser jetzt das Gymnasium besuchte. Ole war begabt, flei?ig und seinen Lehrern gegenüber von einer Ehrerbietung, die ihn zu ihrem erkl?rten Liebling machte.
Aber die Haare allein machen noch nicht den Hund (trau', schau', wem?). Dieser treuherzige, h?chst ehrerbietige Junge blieb pl?tzlich den Nachmittagsspielen der Kameraden fern; zu Hause war er nicht (er wohnte bei einer Tante); bei Schultzes, wo er den Kindern Nachhilfstunde gab, war er auch nicht - das erledigte er gleich nach Tisch; auch nicht bei Rektors, d. h. bei Rektors Pflegetochter, Josefine Kallem, Edvards Schwester; Ole und sie waren dicke Freunde. Zuweilen sahen die Knaben ihn dort ins Haus gehen, aber nicht wieder herauskommen; und trotzdem war Josefine immer allein, wenn sie ihm nachgingen, um zu inspizieren; sie hatten n?mlich Wachen ausgestellt - die Untersuchung wurde systematisch betrieben. Bis zum Schulhaus konnten sie seine Spur verfolgen; dort aber verschwand sie. Die Erde konnte ihn doch nicht verschlungen haben! Das Haus wurde durchschnüffelt von unten bis oben, jede Ecke, jedes Schlupfloch wieder und wieder durchst?bert. Josefine selbst führte die Jungens herum, bis hinauf unters Dach, bis hinunter in den Keller, in s?mtliche R?ume, wo nicht gerade die Familie selber sich aufhielt, versicherte auch auf Ehre und Gewissen, dort sei er nicht; sie k?nnten selbst nachsehen. Wo in aller Welt steckte er nur?
Der Primus gewann in diesen Tagen bei einer Lotterie "Les trois mousquetaires" von Alexandre Dumas dem ?lteren, ein Prachtwerk mit Illustrationen; da er aber bald heraus hatte, da? das kein Buch für einen Gelehrten war, setzte er es als Pr?mie aus für den Kameraden, der entdecken würde, wo Ole Tuft seine Nachmittage und Abende zubrachte, und was er da trieb. Dies Angebot warf den zündenden Funken in Edvard Kallems Phantasie; er hatte n?mlich bis vor einem Jahr in Spanien gelebt, er las Franz?sisch wie seine Muttersprache, und "Les trois mousquetaires" war der wundervollste Roman auf der ganzen Welt - das hatte er immer geh?rt. Jetzt stand er hier auf der Lauer, für "Les trois mousquetaires"! Hurra, alle Drei sollen leben! Jetzt hatte er sie!
Leise, leise schlich er weiter, bis er den Fu?weg erreicht hatte. Der Sünder war dicht vor ihm.
Edvard Kallems Kopf hatte etwas, das an einen Raubvogel gemahnte - die Nase wie ein Schnabel - die Augen wild, schon an und für sich und noch mehr dadurch, da? sie ein ganz klein wenig schielten. Die Stirn scharf und niedrig, von lichtbraunem, kurzgeschorenem Haar umrahmt. Eine auffallende Beweglichkeit lie? ahnen, wie geschmeidig er war. Eben jetzt wollte er ganz still stehen, aber der K?rper bog sich, die Fü?e bewegten sich, die Arme hoben sich, als wolle er im n?chsten Augenblick durch die Lüfte sto?en. "B?h!" schrie er aus aller Kraft seiner Lungen. Der Ank?mmling fuhr zusammen - fast h?tte er seinen Korb fallen lassen. "So - jetzt hab' ich Dich! Jetzt hilft Dir keine Verstocktheit mehr!"
Ole Tuft wurde zu Stein. "Jawohl - jetzt stehst Du da! Hoho! Was hast Du in Deinem Korb?" Und er stürzte auf Ole los. Der aber nahm blitzschnell seinen Korb aus der rechten Hand in die linke und hielt ihn auf den Rücken; es war Edvard nicht m?glich, ihn hervorzuzerren.
"Was denkst Du Dir denn, Mensch! Glaubst etwa, Du k?nntst mir noch entwischen? Her mit dem Korb!" - "Du kriegst ihn nicht." - "Wirst Du wohl gehorchen? So geh ich einfach hinunter und frag'!" - "Nein, nein!" - "Doch! Zum Kuckuck, wenn ich's nicht tu!" - "Du tust's nicht!" - "Ich tu's!" - Und schon dr?ngte er an Ole vorüber, den Berg hinab.
"Ich will's ja sagen - versprich mir blo?, da? Du's nicht weiter sagst!" - "Nicht weiter sagen? Du bist wohl nicht bei Trost?" - "Doch! Du darfst nicht!" - "Bl?dsinn! was denkst Du Dir denn? Her mit dem Korb - oder ich geh'!" schrie Edvard. - "Wenn Du's nicht weiter sagst - -". Die Tr?nen traten Ole in die Augen. "Ich verspreche gar nichts!" - "Nichts sagen, Edvard! Nein?" - "Ich verspreche gar nichts. Den Korb her! Fix!" - "Es ist nichts dabei, Du!" - "Wenn nichts dabei ist, kannst Du's doch sagen! Fix!" Ole nahm das, nach Knabenmanier, für ein halbes Versprechen; flehend blickte er den andern an und fa?te sich ein Herz: "Ich geh' dort hinunter, weil ich ... weil ich ... ach, Du wei?t ja selber ... auf Gottes Wegen!" Das Letzte sagte er sehr verlegen und brach in Tr?nen aus. - "Auf Gottes Wegen?" fragte Edvard, ziemlich unsicher. Er war aufs h?chste verwundert.
Er erinnerte sich, wie der Geographielehrer in einer schl?frigen Stunde einmal die Frage gestellt hatte: "Welche Wege sind die besten?" Im Lehrbuch stand: "Für den Warentransport sind noch immer die Seewege die besten." - "Na - also welche Wege sind die besten? Du, Tuft?" - "Gottes Wege!" antwortete Tuft. Die ganze Klasse war mit einemmal munter; ein brüllendes Gel?chter verkündete das.
Aber bei alledem - Edvard Kallem wu?te wirklich nicht recht, was "Gottes Wege" bedeute. Ole - drunten im Fischerdorf - auf Gottes Wegen? Vor lauter Neugier verga? er ganz, da? er Sittenpolizei war! Gradheraus, wie jeder andere Junge, sagte er: "Ich versteh' nicht, was Du damit meinst! Gottes Wege - sagst Du?" Der andere bemerkte sogleich die Ver?nderung. Die eben noch so scharfen Augen blickten freundlich; nur der seltsame Glanz, der nie aus ihnen wich, lag noch darin. Unter allen Schulkameraden bewunderte Ole in aller Stille keinen so sehr wie den Edvard Kallem. Der Bauernjunge litt entsetzlich unter dem überlegenen Scharfsinn und der Gewandtheit der Stadtjungen, und der vornehmste Repr?sentant dieser Eigenschaften war Edvard Kallem. Und noch ein Glorienschein umgab sein Haupt ... er war der Bruder seiner braunlockigen Schwester.
Einen unertr?glichen Fehler hatte er: er war ein Erzspottvogel. Alle Augenblicke setzte es deswegen Haue - mal von den Lehrern, dann vom Vater oder von den Kameraden. Und in der n?chsten Minute fing er schon wieder an. Das ging über den Verstand des Bauernjungen. Und darum wirkte auch ein freundliches Wort, ein L?cheln von Edvard weit mehr, als es eigentlich sagen wollte. Es hatte den Sonnenglanz der Gnade, der Vornehmheit. Diese einschmeichelnden, milden Fragen, die der gewesene Raubvogel (von dem jetzt blo? noch der Schnabel übrig war) stellte, verflossen in eins mit dem Leuchten der Augen. Und Ole streckte die Waffen. Sowie Edvard seine Taktik ?nderte und treuherzig bat, den Korb sehen zu dürfen, lieferte Ole ihn aus und fühlte sich v?llig beruhigt und kampfunf?hig; er trocknete sich die Augen mit seinen gro?en Fausthandschuhen, zog den einen aus und schneuzte sich in die Finger - besann sich auf einmal, da? er zu diesem Zweck ein karriertes Sacktuch besa?, suchte darnach und fand es nicht ...
Edvard hatte den Korbdeckel aufgemacht; ehe er ihn zurückschlug, blickte er auf: "Du m?chtest vielleicht lieber nicht - -?" - "Doch, gern!" - Edvard schob den Deckel zur Seite. Ein gro?es Buch lag darunter - die Bibel. Er wurde starr, beinah ehrfürchtig. Unter der Bibel lagen verschiedene ungebundene Hefte. Er nahm ein paar heraus, drehte sie um und legte sie wieder hinein. Es waren Traktate. Die Bibel legte er behutsam wieder an ihren Platz, breitete das Tuch darüber und machte den Deckel zu. Im Grunde war er so klug wie zuvor, oder vielmehr nur noch neugieriger.
"Du liest doch nicht etwa den Leuten da unten aus der Bibel vor?" fragte er. Ole Tuft err?tete. "Doch - manchmal -" - "Wem denn?" - "Ach, den Kranken. Aber oft komm' ich ja nicht dazu -" - "Zu den Kranken gehst Du?" - "Ja - zu den Kranken geh' ich eben." - "Zu den Kranken? Du? Aber lieber Gott, - was tust Du denn da?" - "Oh, ihnen helfen - so gut ich eben kann!" - "Du?" fragte Edvard mit allem Erstaunen, dessen er f?hig war. Und nach einer Pause fügte er hinzu: "Mit was denn? Mit Essen?" - "Das auch. Ich helf' ihnen eben mit allem, was sie brauchen. Umbetten - -" - "Umbetten?" - "Ja! Sie liegen doch auf Stroh. Und darin liegen sie, bis es stinkt, wei?t Du. Manchmal machen sie's auch noch schmutzig, wenn sie krank sind, und sich nicht selber helfen k?nnen; tagsüber ist ja oft kein Mensch bei ihnen. Die Leute sind bei der Arbeit, und die Kinder in der Schule. Und wenn ich dann nachmittags hinkomme, geh' ich hinunter zu den B?ten, die mit Stroh fahren; das kauf' ich und trag's hinauf und nehm' das alte weg." - "Wo kriegst Du denn das Geld her?" fragte Edvard. - "Tante spart es mir zusammen, und auch Josefine." - "Josefine?" rief der Bruder. - "Ja! Aber vielleicht h?tt' ich das nicht sagen sollen."
"Von wem kriegt denn Josefine das Geld?" fragte Edvard mit der wachsamen Strenge des ?lteren Bruders. Ole überlegte einen Augenblick und erwiderte dann fest und bestimmt: "Von Deinem Vater." - "Von Vater?" - -
Edvard wu?te, selbst wenn Josefine ihn darum b?te, so würde der Vater niemals Geld unnütz ausgeben; erst mu?te er wissen, wozu er es gab. Der Vater hatte also gebilligt, was Ole tat. Und damit war die Sache in Edvards Augen über jeden Zweifel erhaben. Ole fühlte augenblicklich diesen v?lligen Umschlag; er sah ihn auch Edvards Augen an. Jetzt kam ihm die Lust, noch mehr zu erz?hlen, und das tat er auch. Er berichtete, er habe oft furchtbar viel Arbeit, wenn er komme. Feuer müsse er machen, das Essen aufsetzen, kochen ... - "Kannst Du kochen?" - "Freilich! Und Reinmachen, und Einkaufen, und sehen, ob nicht irgend jemand hinüberrudert, den ich nach der Apotheke schicken kann; denn oft hat der Doktor irgend was verschrieben, aber sie haben es nicht geholt." - "Und zu alledem hast Du Zeit?" - "Ja. Bei Schultzes mach' ich's gleich nach Tisch ab, und meine eigenen Schularbeiten mach' ich nachts." Und so erz?hlte er, des l?ngeren und breiteren, bis ihm selber einfiel, da? sie noch vor Einbruch der Dunkelheit unten sein mü?ten.
In tiefen Gedanken ging Edvard voran; der andere mit dem Korb hinterdrein.
Hier, wo die Klippe abfiel, h?rte man das Tosen des Meers, als komme es aus der Luft, wie das Sausen eines vorüberziehenden Vogelschwarms - hoch, hoch oben. Es wurde kalt; man sah den Mond; aber die Sterne noch nicht. Doch - einen einzigen. "Wie bist Du denn eigentlich darauf gekommen?" fragte Edvard und wandte sich um. Ole blieb gleichfalls stehen. Er nahm seinen Korb aus einer Hand in die andere. Ob er's wagen, ob er alles sagen sollte? Edvard merkte sofort - da steckte noch mehr dahinter - und zwar war das das Wichtigste. "Kannst Du's nicht sagen?" fragte er, als wenn es ihm ganz gleichgültig sei. - "Oh doch - ich kann schon!" Aber Ole fuhr fort, den Korb von einer Hand in die andere zu nehmen, und sagte nichts weiter. Jetzt konnte Edvard nicht l?nger an sich halten; er fing an, Ole ordentlich deswegen zu qu?len, was diesem auch ganz lieb war - doch immer noch überlegte er. "Es ist doch nichts B?ses?" - "Nein, etwas B?ses ist es nicht." Nach einer Pause fügte er hinzu: "Im Gegenteil - eher was Gro?es - etwas wirklich Gro?es sogar!" - "Etwas wirklich Gro?es?" - "Eigentlich das Gr??te in der Welt!" - "Nanu!" - "Wenn Du's blo? nicht weitersagen wolltest! Keiner Menschenseele! H?rst Du? Dann wollt' ich Dir's schon erz?hlen!" - "Also - Du - was denn?" - "Ich will Mission?r werden!" - "Mission?r?" - "Ja - Heidenmission?r! Ein richtiger, für die Wilden, wei?t Du, die Menschen fressen!" Er sah - viel mehr konnte Edvard nicht ertragen; deshalb beeilte er sich, rasch noch etwas über Zyklone, wilde Raubtiere und giftige Schlangen hinzuzufügen: "Auf so was mu? man sich einüben, siehst Du!" - "Einüben? Gegen rei?ende Tiere und giftige Schlangen?" Edvard fing an, das Unglaubliche glaublich zu finden. - "Das Schlimmste sind die Menschen!" sagte Ole, die Tiere umgehend. "Das sind n?mlich ganz fürchterliche Heiden, diese Kerle, und wild, und b?s, und grausam. So ohne weiteres hinrennen - das hat keinen Sinn. Man mu? übung haben." - "Aber wieso kommst Du zu denen unten? Das sind doch keine Heiden - die im Dorf?" - "Das nicht. Aber man lernt doch allerhand auch bei ihnen. Zimperlich darf man nicht bei ihnen sein - im Gegenteil, die ?rgsten Schweinereien muten sie einem zu. Wenn einer krank ist und querk?pfig, so ist er meist auch voller Mi?trauen; manche sind geradezu b?sartig. Denk blo?, neulich abends hat ein Weib mich sogar hauen wollen." - "Hauen?" - "Da hab' ich zu Gott gebetet, sie sollte es tun; aber sie hat blo? geflucht." Oles Augen glühten; sein Gesicht war verzückt. "Hier, in einem Traktat, den ich in meinem Korbe hab', steht, es sei der Fehler unserer Mission?re, da? sie hinausgingen, ohne sich erst zu üben. Denn es sei eine gro?e Kunst, Menschen zu gewinnen, steht da. Sie zu gewinnen für das Reich Gottes, das sei die schwerste aller Künste. Und eigentlich mü?ten wir uns von Jugend, ja von Kindesbeinen an darauf einüben; so steht geschrieben, und das will ich tun. Denn Mission?r sein - siehst Du - das ist doch das H?chste auf Erden. Das ist mehr als K?nig sein, mehr als Kaiser und Papst sein; das steht in dem Traktat. Und es steht auch darin, ein Mission?r habe gesagt: Und h?tte ich zehn Leben, ich g?be sie alle zehn hin für die Mission ... Und das will ich auch."
Sie gingen jetzt Seite an Seite. Ole hatte sich, ohne es zu wissen, den aufleuchtenden Sternen zugekehrt. Beide standen eine Weile so und starrten in die Luft. Unter ihnen der Hafen mit den Schiffen in verschwommenen Umrissen, die Brücken, niedrig, schwer; die Stadt mit ihren verstreuten Lichtern; weiter drau?en der Strand, wollgrau von Schnee, und daneben das schwarze Meer; hier unten h?rte man es wieder, wenn auch schw?cher; das einf?rmige Tosen verflo? mit dem sternbes?ten Halbdunkel. Zwischen den Knaben zitterten unsichtbare F?den hin und her; Gefühle knüpften sich an. Von keinem andern wünschte Ole so sehnlich, gut beurteilt zu werden, wie von dem, der in seiner leichten Pelzmütze vor ihm stand; und Edvard dachte, wie viel besser doch Ole sei als er. Denn da? er selber gr??lich war, das wu?te er; das h?rte er ja alle Tage. Er sah seitw?rts auf den Bauernjungen; - die tief über die Ohren gezogene Zipfelmütze, die gro?en Fausthandschuhe, der plumpe Schal, die weite Friesjacke, die breiten Hosen, die schweren, eisenbeschlagenen Stiefel - nur - die Augen wogen das alles auf, und das treuherzige Gesicht, wenn es auch ein bi?chen altklug war ... Ole wird einmal ein gro?er Mann werden!
Sie trabten weiter, Edvard voran, Ole hinterher, hinunter zur "Vorstadt". So hie? der Stadtteil, der an den "Berg" stie? und im wesentlichen aus Arbeiterh?usern, Werkst?tten und kleineren Fabriken bestand. Ordentliche Stra?enanlagen oder Beleuchtung gab es hier noch nicht; es war jetzt, beim Tauwetter, ein entsetzlicher Morast, der in der Abendk?lte gerade zu gefrieren begann. Die paar Laternen, die vorhanden waren, hingen an Stricken, die vom einen Haus zum andern quer über die Gasse gespannt waren, und hinauf- und hinuntergezogen werden konnten. Sie waren schwarz von Qualm und daher ?u?erst schlechter Laune. Hier und dort hatte eine kleine Werkstatt ihre eigene kleine Laterne, die über der Haustreppe hing. Unter einer solchen Laterne blieb Edvard stehen. Er mu?te wieder etwas fragen. N?mlich - wer es eigentlich sei, dessen Ole sich dort unten annahm? Einer, den sie beide kannten? Frohgemut setzte Ole seinen Korb auf die Treppe und stützte sich mit der Hand darauf. Er l?chelte: "Du kennst doch die Marte von der Werft?" Ja, die kannte die ganze Stadt; eine tüchtige Frau; aber sie trank; und oft hatten die Schuljungen am Samstagabend ihren Jux mit ihr, wenn sie, an eine Mauer gelehnt, dastand und sie ausschimpfte und sich schlie?lich umdrehte und zum Zeichen ihrer Hochachtung - na ja, wie das Zeichen aussah, l??t sich nicht gut beschreiben! Aber die Bengels warteten blo? darauf; und die Sache wurde stets mit Jubelgeheul begrü?t.
"Die Marte von der Werft!" rief Edvard. "Die willst Du bekehren?" - "Still doch! Nicht so laut!" bat Ole. Er war flammend rot geworden und sah sich erschrocken um. Edvard wiederholte flüsternd: "Glaubst Du, irgend ein Mensch k?nnte die bekehren?" - "Ich glaube, ich bin auf dem besten Wege!" flüsterte der andere geheimnisvoll. - "Du mu?t schon entschuldigen - aber ich glaub' es nicht!" Die Augen schielten, der Mund verzog sich zu einem L?cheln. - "Wart' nur erst und h?r' mich an! Du wei?t doch, im Winter ist sie auf dem Glatteis hingefallen und hat sich b?sen Schaden getan?" Jawohl, das wu?te er. - "Seitdem liegt sie im Bett, und kein Mensch hat Lust, ihr zu helfen. Sie ist doch so b?sartig und kratzbürstig. Gegen mich war sie anfangs widerw?rtig - kaum zum Aushalten war's. Aber ich achtete einfach nicht darauf, und jetzt hei?t es nur noch 'mein Gottesengelchen', 'mein L?mmeken', 'mein Golds?hnchen', 'mein gutes Kind'. Denn ich habe sie umgebettet und Kleider und Essen und Bettzeug für sie gesammelt, und die ?rgsten Dinge für sie getan, siehst Du. Und doch hat sie eines Abends Miene gemacht, mich zu schlagen, wie ich ihr aufhelfen wollte, und ihr krankes Bein ihr dabei wehtat. Sie schrie wie besessen und hob ihren Stock gegen mich; aber dann nahm sie sich zusammen und fluchte nur ganz fürchterlich und warf mir Schimpfworte an den Kopf. Jetzt ist sie wieder ganz sanft, und neulich hab' ich's sogar gewagt, ihr aus der Bibel vorzulesen." - "Der Marte von der Werft?" - "Die Bergpredigt. Und da? Du's nur wei?t - sie hat geweint." - "Geweint? Hat sie's denn verstanden?" - "Nee, sie hat so geweint, da? sie nicht viel davon geh?rt hat, glaub' ich. Aber die Bibel war es doch, siehst Du. Sie fing schon an zu weinen, als ich das Buch nur herauszog."
Die Knaben sahen einander an; vom Hof her klangen Hammerschl?ge und in der Ferne eine Dampfpfeife; dann von der Gasse gegenüber das leise Weinen eines Kindes. - "Hat sie was gesagt?" - "Sie sagte, sie sei viel zu schlecht, um so was anzuh?ren, hat sie gesagt. Und ich erkl?rte ihr, da? dem lieben Gott gerade die Geringsten die liebsten w?ren. Sie tat aber, als h?re sie das nicht, sondern sagte nur, ich solle doch einmal beim W?scher-Lars nachsehen, ob er daheim sei." - "Beim W?scher-Lars?" schrie Edvard, und Ole mu?te wieder "Psst!" sagen; der W?scher-Lars war n?mlich ihr guter Freund. - "Du kannst mir's glauben, der ist die ganze Zeit über furchtbar nett gewesen. Im W?scher-Lars steckt viel Gutes, das sagen alle. Jeden Abend kommt er und hilft ihr. Heut Abend ist er früher gekommen als sonst, darum konnt' ich gehen; sonst bleib' ich viel l?nger." - "Hast Du ihr noch ?fter vorgelesen?" - "Ja, heute wieder. Gleich fing sie wieder zu weinen an; aber heute, glaub' ich, hat sie was geh?rt. Denn wie ich ihr das vom verlorenen Sohn vorlas, sagte sie: ich bin ja woll eins von seinen Schweinen!" - Beide Jungens lachten. "Da sagt' ich denn, das glaubte ich doch nicht. Dann wollte ich versuchen, zu beten. Ach, das nützt ja doch alles nichts! sagte sie. Aber als ich dann das Vaterunser anfing, wurde sie ganz verdreht, wei?t Du, gerad' als ob sie sich fürchte, und sie richtete sich auf und schrie, davon wolle sie nichts wissen - unter keinen Umst?nden! Und dann legte sie sich wieder hin und heulte." - "Es wurde also nichts?" - "Nein, und dann kam der W?scher-Lars, und sie sagte, ich solle gehen. Aber siehst Du, wie es gewirkt hat? Glaubst Du nicht, da? ich auf dem besten Wege bin?" - Edvard war nicht so ganz sicher.
Seine Bewunderung hatte augenscheinlich einen kleinen Knax bekommen.
Bald darauf trennten sie sich.
In den h?heren Schulen herrscht bisweilen ein Geist, der dem Geist der Stadt, in der die Schule liegt, v?llig entgegengesetzt ist; ja, in der Regel steht die Schule in gewissen Stücken unter ganz selbst?ndigen Einwirkungen. Ein einziger Lehrer vermag die Schüler in seinem Bann zu halten, ebenso wie es oft von einem Kameraden oder von ein paar abh?ngt, ob unter den Knaben ein Geist der Ritterlichkeit oder das Gegenteil, ein Geist des Gehorsams oder das Gegenteil herrscht. In der Regel übernimmt irgend ein einzelner die Führung. Auch in sittlicher Hinsicht ist das so.
Die Knaben arten ihrem Vorbild nach, und meist hat einer oder haben mehrere die Macht, als Vorbild zu wirken.
Gegenw?rtig hatte der Primus Anders Hegge teilweise die Oberleitung in H?nden. Einen so gelehrten Schüler hatte die Schule seit ihrer Gründung nicht gesehen; er war ein Jahr l?nger geblieben als n?tig, nur um der Schule den Glanz eines unzweifelhaften prae ceteris zu verschaffen. Die Knaben waren unglaublich stolz auf ihn. Bewundernd erz?hlten sie, wie er die Lehrer in der Gewalt habe, und da? er seine Stunden nach eigenem Belieben w?hlen und kommen und gehen k?nne, wie es ihm gerade passe. Meist arbeitete er für sich. Er besa? eine Bibliothek, deren Regale l?ngst die W?nde so angefüllt hatten, da? sie jetzt den Fu?boden entlang krochen. Ein langer Bücherst?nder stand auf jeder Seite des Sofas. Es gingen solche Wundergeschichten darüber um, da? sogar die kleinsten Jungens ihn besuchen und mit eigenen Augen sehen mu?ten. Und mitten drin, am Fenster, sa? er selber und rauchte, in einem bis auf die Fü?e reichenden Schlafrock, dem Geschenk einer verheirateten Schwester, auf dem Kopf eine Samtmütze mit Goldquaste, das Geschenk einer Tante, an den Fü?en gestickte Pantoffeln, das Geschenk einer Patin. Er war ein Damenprodukt - wohnte bei seiner verwitweten Mutter, und fünf ?ltliche Verwandte bezahlten seine Bücher, kleideten ihn und versahen ihn mit Taschengeld.
Ein gro?er, kr?ftiger Bursche mit einem regelm??igen, feingeschnittenen Gesicht, dem Gesicht eines alten Geschlechts. Es w?re sch?n gewesen, wenn es nicht Glotzaugen und einen gierigen und lauernden Ausdruck gehabt h?tte. ?hnlich sein wohlgebauter K?rper: er h?tte einen stattlichen Eindruck gemacht, wenn er nicht vornüber gebückt gegangen w?re, als drücke eine Last seinen Rücken, und einen ungleichm??igen Gang gehabt h?tte. H?nde und Fü?e waren zierlich; er konnte nicht leiden, wenn man ihn anrührte, war verfroren und zimperlich und hatte einen durchaus weiblichen Geschmack.
Alles, was ihm einmal gesagt worden war, behielt er, Gro?es und Kleines, ohne Unterschied; oder wenn ein Unterschied war, so bestand er darin, da? das Kleine ihm das wichtigste war. Wenige Dinge entgingen ihm; sachte und nicht ohne eine Art Kunst stahl er sich in das Vertrauen eines Menschen. Er kannte die Familiengeschichten aus dem ganzen Land, auch solche aus fremden L?ndern kannte er. Diese Geschichten zu erz?hlen - am liebsten Skandalgeschichten - und in aller Stille noch andere einzuheimsen - das war ihm des Daseins gr??te Wonne! H?tten die Lehrer geahnt, wie diese bewundernswerte Schubladeneinrichtung mit all ihrem Inhalt die Luft der Schule verdarb - sie h?tten ihn schwerlich noch ein Jahr dabehalten. Die ganze Schule war nichts als Kritik und Zweifel; Klatsch und Spott waren Hoftugenden, die am ehesten zu Gunst führten; schlüpfrige Geschichten waren die Festunterhaltung. Gierig nach Neuem sa? er inmitten seines Rauchgespinstes zwischen seinen Bücherregalen, wenn jemand ihn besuchte. Und als Edvard an diesem Abend kam und erz?hlte, nun wisse er, wohin Ole gehe und was er treibe, und nun wolle er seine Pr?mie, da stand Anders auf und bat ihn, doch einen Augenblick zu warten; er wolle nur schnell etwas Bier holen; dann wollten sie sich einen vergnügten Abend machen.
Das erste Glas schmeckte vortrefflich, ein anderes halbes ebenso; und dann erz?hlte Edvard. Erst, da? Ole unten im Fischerdorf Kranke pflege.
Anders war ungef?hr ebenso paff, wie Edvard vorhin, als er die Bibel sah. Edvard lachte herzlich. Aber es dauerte nicht lange, so ?u?erte Anders einen leisen Zweifel. Ole habe ihm wahrscheinlich nur etwas weismachen wollen, um sich leichter aus der Patsche zu ziehen; dahinter stecke etwas. Bauernjungen seien immer Heimlichtuer. Und zum Beweis erz?hlte er ein paar ganz amüsante Geschichtchen aus der Schule. Edvard gefiel dieses ewige Zweifeln nicht recht, und um ein Ende zu machen (er war im Grunde furchtbar müde), berichtete er, sein Vater wisse alles, er sei damit einverstanden und unterstütze Ole mit Geld. Jetzt zweifelte natürlich auch Anders nicht l?nger. Aber trotz allem - es konnte etwas dahinterstecken; Bauernjungens seien nun mal solche Heimlichtuer.
Das wurde Edvard denn doch zu viel; er sprang von seinem Sitz auf und fragte, ob Anders etwa glaube, da? einer von ihnen lüge.
Anders trank ruhig einen Schluck Bier und lie? vorsichtig seine Glotzaugen rollen. "Lügen" - hm - ein sonderbarer Ausdruck. Durfte man vielleicht wissen, was das für Kranke waren, mit denen Ole sich besch?ftigte?
Darauf war Edvard nicht gefa?t. Er hatte sich vorgenommen, gerade soviel zu sagen, als n?tig war, um die Pr?mie zu bekommen, und kein Wort darüber. Er stand wieder auf. Wenn Anders es nicht glauben wolle, so m?ge er's bleiben lassen; aber seine Pr?mie wolle er.
Es war nicht Anders Hegges Art, mit jemand zu brechen, was Edvard auch recht gut wu?te. Natürlich sollte Edvard das Buch haben. Aber nun müsse er erst mal eine amüsante Geschichte h?ren, wie sich die Kranken drau?en im Fischerdorf aufführten. Der Armenarzt und seine Frau seien gestern bei seiner Mutter gewesen, und da habe jemand nach der Marte von der Werft gefragt, die man schon so lange nicht mehr gesehen habe. Ob sie noch immer von ihrem Fall im Winter bettl?grig sei? Ja freilich; und sie litte keine Not; denn die Leute schickten ihr unbegreiflicherweise alles, was sie brauche, und der W?scher-Lars bringe ihr Abend für Abend Schnaps, so da? sie sich manch liebes Mal einen recht fidelen Schwips ans?uselten. So bald stehe die gewi? nicht wieder auf.
Edvard wurde feuerrot, was Anders wohl bemerkte. War etwa die Marte von der Werft eine von denen, denen Ole "half"? Ja, es lie? sich nicht leugnen.
Die Glotzaugen weiteten sich ordentlich, um diese Beute aufzunehmen. Edvard sah, wie sie eingesogen und verschlungen wurde, und ihm war, als sinke er selber mit hinein und werde zerrissen und aufgefressen. Aber wenn es etwas gibt, was ein Schuljunge nicht vertr?gt, so ist es, sich gefangen zu sehen in seiner eigenen Arglosigkeit. Er beeilte sich, den ehrenrührigen Verdacht, als ob er das L?cherliche an Ole Tufts Vorhaben nicht durchschaue, von sich abzuw?lzen. "Und denk Dir - aus der Bibel hat er der Marte vorgelesen!" - Ihr aus der Bibel vorgelesen? Wieder wurden die Glotzaugen ganz gro?, um zu schlingen; aber schnell zogen sie sich wieder zusammen. Anders kam ins Lachen; er schüttelte sich geradezu; und Edvard mit.
Ja, er las der Marte aus der Bibel vor, die Geschichte vom verlorenen Sohn; und Edvard erz?hlte, was Marte gesagt hatte. Sie lachten um die Wette und tranken den Rest des Biers aus. Alles, was an Anders liebenswürdig und amüsant war, kam zum Vorschein, wenn er lachte. Das Lachen selbst hatte einen leichten Beiklang, wie wenn man jemand am Hals kitzelt - - es forderte zu immer neuer Heiterkeit heraus - zu endlos neuer Heiterkeit. Und Edvard mu?te alles erz?hlen - und noch ein bi?chen mehr.
Als er sp?ter mit dem Prachtband unterm Arm nach Hause lief, hatte er ein scheu?liches Gefühl. Der Bierdunst war verflogen; das Lachen reizte ihn nicht mehr, und der gekr?nkten Eitelkeit war Genüge getan. Aber kaum war er an der frischen Luft, da glaubte er auch schon Oles gute Augen vor sich zu sehen. Er wollte das Gefühl abschütteln; er war so entsetzlich müde; heut abend konnte er nicht mehr denken. Aber morgen - ja, morgen wollte er Anders bitten, zu schweigen.
Doch am n?chsten Morgen verschlief er die Zeit; er konnte nur gerade noch in die Kleider springen - und davonrasen - mit einer Buttersemmel im Mund und einem flüchtigen Gedanken an "Les trois mousquetaires", die jetzt ihm geh?rten; heut nachmittag würde er sie lesen. In der Schule schlug er sich mit H?ngen und Würgen von einer Stunde zur andern durch; er konnte keine seiner Aufgaben, und Sonnabends war gerade immer so viel. Bis auf die beiden letzten Stunden vor Schulschlu? war er vollauf in Anspruch genommen; dann kam Franz?sisch und Naturgeschichte; von den beiden F?chern war er dispensiert. Und nun ging's die Treppe hinunter, vor allen andern.
Wie er vor der Tür des Schulhauses stand, kam eben Anders von der andern Seite her. Der hatte jetzt eine Stunde in der obersten Klasse. Augenblicklich fiel Edvard der gestrige Abend ein, und es packte ihn ein Schrecken, was Anders jetzt wohl erz?hlen würde. Fast in derselben Sekunde aber erblickte er zwischen zwei Landungsbrücken ein Ungetüm von einem Dampfer, einen Havaristen, der sich langsam dem Hafen n?herte. Solch ein Riesenschiff war noch nie im Hafen gewesen, sagten die Leute, die vorüberliefen. Mastlos, mit zerbrochener Schanzverkleidung, mit gestützten Schornsteinen, bis oben voll gespritzt von wei?em Gischt, nur eben noch f?hig, sich fortzubewegen - so kam es angezogen. Vielleicht im Schlepptau eines andern Dampfers - Edvard konnte der Brücken wegen nichts sehen. Alles rannte hinunter; und er mit.
Unterdessen schritt Anders durch das Schultor. Eben als er ?ffnete, leerten sich die Klassen; ihr ganzer Inhalt stürzte die Treppe hinunter in den Hof - wie durch einen langen Trichter. Ein Orkan in einem Riesenbauch -. Das Haus erdr?hnte. Zuerst ein vereinzelter scharfer Schrei - die jubelnde Ichverkündigung des Ersten - dann ein Gemisch von Diskant- und Altstimmen - dann gebrochene übergangsstimmen, die in einer etwas dunkleren Klangfarbe darüber hinwischten - dann ein gemeinsames Emporsprühen wie von einem gen Himmel flammenden Feuermeer, bald ein halbes Erl?schen hier - bald eine freudig aufschie?ende Feuers?ule dort; dann wieder ein einheitlicher, breiter Glanz über dem ganzen Hofe.
Ruhig kam Anders dahergegangen. Nicht wie in einem Feuermeer, mehr wie durch gefahrvolle Brandungen getragen, gewiegt - hin und her gespült - von einem Ufer zum andern. Aber sein Ziel hatte er vor Augen. Er wollte sich vorsichtig durchschlagen bis zu dem Bretterhaufen am Zaun des Nachbars; dort war es still; und dort konnte er, gegen das Holz gelehnt, sich's ein bi?chen bequem machen.
Nachdem er sich diese Rückenstütze gesichert und mit seinen Glotzaugen vorsichtig ausgesp?ht hatte, ob die Luft auch rein sei, glitt sein Blick zufrieden über die Menge hin; er geno? das reizvolle Gefühl der Gewi?heit, diesen ganzen Aufruhr durch blo?e drei, vier Worte - seinem Nachbar ins Ohr geflüstert - d?mpfen zu k?nnen. Wie ?l auf eine tobende See würden sie wirken, und der L?rm würde verstummen, sobald die paar Worte über ihn hinflossen. Wo war Ole? Da - ein gro?er Junge hielt ihn gerade gepackt; sie hatten sich gegenseitig am Rockkragen und wirbelten im Kreis herum; der Gro?e versuchte den Kleinen zu Fall zu bringen und half mit dem Fu? nach. Oles schwere Stiefel zappelten in der Luft; die eisenbeschlagenen Abs?tze blinkten; er lachte aus vollem Halse; denn der andere wurde immer wütender und aufgeregter, ohne ihn doch werfen zu k?nnen.
Da beugte Anders sich zu dem ihm Zun?chststehenden herab: "Jetzt wei? ich, was Ole Tuft jeden Abend treibt." - "Ach, Quatsch!" - "Doch, ich wei? es." - "Wer hat's denn 'rausgekriegt?" - "Edvard Kallem." - "Edvard Kallem? Hat der das Buch bekommen?" - "Freilich." - "Nee - so was! Edvard Kallem!"
"Edvard Kallem? Was ist mit Edvard Kallem?" fragte jetzt ein Dritter. Und der Zweite, der es eben geh?rt hatte, berichtete sofort. Ein Vierter, ein Fünfter, ein Sechster scho? fort: "Edvard Kallem hat die Pr?mie gewonnen! Anders Hegge wei? jetzt, was Ole Tuft jeden Abend treibt!" Und überall, wo die Worte erklangen, verstummte der L?rm; alles wollte h?ren, alles stürzte auf Anders Hegge zu.
Kaum war ein Viertel der Jungens zusammengelaufen, so wurden auch die andern drei Viertel aufmerksam. Was in aller Welt mochte dort an dem Bretterhaufen los sein? Warum liefen denn alle dorthin? Sie scharten sich um Anders, sie kletterten auf den Holzsto?, so viel ihrer überhaupt Platz hatten. "Was ist los?" - "Edvard Kallem hat die Pr?mie gewonnen!" - "Edvard Kallem?" Wieder loderte es auf. Alle fragten - alle antworteten - alle, au?er Ole Tuft; der blieb stehen, wo der Kamerad ihn losgelassen hatte.
Dann wurde es m?uschenstill. Anders Hegge erz?hlte. Das war sein gutes Recht; er hatte dafür bezahlt. Er erz?hlte gut, in einer klaren, trockenen Art, die allem einen Schimmer von Doppelsinnigkeit verlieh. Erst erz?hlte er, wo Ole sei und was er da treibe - da? er die Werft-Marte umbette, sie herumschleppe und trage, ihr das Essen koche und nach der Arznei in die Apotheke laufe; dann - weshalb er das tue; er wolle Mission?r werden und wolle sich an der Werft-Marte drunten üben; er lese ihr aus der Bibel vor, und Marte heule, und wenn dann Ole fort sei, komme der W?scher-Lars mit Schnaps, und dann tr?nken sich die beiden, Marte und Lars, auf das Bibellesen hin einen ordentlichen Schwips an. Zuerst standen die Jungens ganz starr - so was war ihnen noch nie vorgekommen! Sie fa?ten es in der Hauptsache als eine Art Zeitvertreib auf, und so, wie es erz?hlt wurde, konnte es gar nicht anders aufgefa?t werden. Aber Mission?r und Bibelvorleser spielen? Das hatten sie noch nie geh?rt. Es war lustig, aber zugleich auch noch etwas anderes; was? - darüber waren sie sich im Augenblick nicht klar. Da niemand lachte, ging Anders weiter. Weshalb war Ole auf diesen Einfall gekommen? Ganz einfach, weil er ehrgeizig war und ein Apostel werden wollte; und das war viel, viel mehr als K?nig werden, oder Kaiser, oder Papst; das hatte Ole selber zu Edvard Kallem gesagt. Aber um das zu werden, mu?te er "Gottes Wege" finden, und Gottes Wege - nun ja, die begannen dort unten bei der Marte von der Werft. Dort wollte er sich üben, Wunder zu tun, sich mit Heiden und wilden Tieren und giftigen Schlangen herumzuschlagen und Zyklonen Einhalt zu gebieten. Jetzt brach das Gebrülle los. Doch gerade in diesem Augenblick l?utete es; die Jungens konnten nur eben noch, sich vor Lachen schüttelnd, an Ole vorüberstürmen.
Schon einmal in seinem jungen Leben hatte Ole Tuft in einen bodenlosen Abgrund geblickt; das war an dem Wintertag, als er am Grabe seines Vaters stand und die ersten gefrorenen Erdschollen auf den Sarg poltern h?rte. Die Luft war voll treibenden Nebels, und das Meer wie Blei. Alles, was er an Leid kannte, führte dorthin zurück; auch jetzt stand er wieder dort; auch jetzt h?rte er wieder die Kirchenglocke von damals. Gerade als das hohle Dr?hnen auf den Treppen und G?ngen verhallt, der letzte Nachzügler verschwunden, die letzte Tür geschlossen und mit einemmal alles so still war - da, durch das Schweigen, durch die Leere, vernahm er eine Glocke - bimbam, dingdang - und pl?tzlich war er auch schon drau?en, vor der geteerten Holzkirche am Strand; die langarmigen, alten laublosen Birken an der Mauer und die ehrwürdige Tanne vor dem Portal rauschten; Glockenkl?nge, schrill, dünn, kamen dahergewankt, und die scharfen Erdschollen auf dem Sarg schlugen ihm Wunden fürs ganze Leben. Das unaufhaltsame Weinen der Mutter - sie hatte es zurückgehalten bis jetzt - keinen Laut bis dahin - nicht am Bett, nicht, als sie ihn hinaustrugen; aber jetzt, mit einemmal - ach, nicht einzud?mmen mehr! ... O Vater, Mutter, Mutter, Vater! ... Und auch er brach in Tr?nen aus.
Schon aus dem Grunde konnte er den Kameraden nicht folgen; und er wollte überhaupt nicht mehr in die Schule. Auf das hin konnte er keinem von ihnen mehr begegnen, konnte nicht einmal mehr in der Stadt bleiben. In zwei Stunden würde jedermann es wissen und gaffen und fragen und grinsen. Und das, was er vorhatte, war ja jetzt auch entweiht für ihn; wozu noch studieren! In eine andere Stadt wollte er auch nicht. Nein - nur heim, heim, heim!
Aber wenn er l?nger hier stehen bliebe, so würden sie bald einen aus der Klasse herunterschicken, um ihn zu holen; er mu?te gleich fort -. Nicht erst nach Hause zur Tante; dort h?tte er erz?hlen müssen. Nicht durch das gro?e Tor und über die Hauptstra?e; die war immer so voll von Menschen, und er sah so verheult aus! Nein, er mu?te durch das kleine Schlupfloch fort, das Josefine ihm zurechtgemacht hatte, und durch das sie ihm jeden Nachmittag hinaushalf, ohne da? die Jungens es sahen.
Das Holz war gegen des Nachbars Bretterzaun aufgestapelt; aber zur Rechten lehnte der Stapel an einem Schuppen, und dorthin lief jetzt Ole. Er l?ste zwei Planken in der Wand, die nach dem Holzhaufen ging, kroch hindurch und machte hinter sich wieder zu. Dieses Kunststück w?re unm?glich auszuführen gewesen, wenn nicht zwischen Schuppen und Bretterstapel ein freier Raum gewesen w?re; und ein solcher befand sich dort, dank einem Naturhindernis in Gestalt eines gro?en Steines, der h?her war als der Knabe und ein Stück von der Wand weg stand. W?re der Stein nicht gewesen, so h?tte die zweite Holzschicht sich an die erste angelehnt und ganz abgeschlossen; so aber blieb zu beiden Seiten des Steins und darüber ein freier Raum. Und hier hatten die Kinder sich Stuben eingerichtet, eine auf jeder Seite und eine auf dem Stein selbst. Die hintere war die bequemste; dort war ein Brett zum Sitzen, und wenn es auf beiden Seiten in den Holzstapeln festgemacht war, so konnten die Kinder zur Not sogar aneinander vorüber. Oben drüber hatten sie Bretter gelegt, und darauf wieder Holz, damit niemand Verdacht sch?pfe; es war ein tüchtiges Stück Arbeit gewesen für die zwei. Allzu hell war es ja nicht gerade; aber das trug just dazu bei, es recht gemütlich zu machen. Hier erz?hlte sie ihm von Spanien und er ihr von den Abenteuern der Mission?re, sie von Stiergefechten, er von K?mpfen mit Tigern und L?wen und Schlangen, von furchtbaren Zyklonen und Windhosen, von wilden Affen und Menschenfressern. Seine Erz?hlungen hatten nach und nach die ihren übertrumpft; sie waren reicher und sie hatten ein bestimmtes Ziel. Sie lebte von Erinnerungen, er von allem, was seine Phantasie nur zu ergattern vermochte, und bei allem war er selber im Mittelpunkt der Dinge. So lange schilderte er, und so glühend, bis auch in ihr die Sehnsucht erwachte, im Mittelpunkt dieser Dinge zu sein! Erst schickte sie ein paar vorsichtige Fragen voraus: ob es auch angehe, da? Frauen Mission?re würden? Das wu?te er nun zwar nicht; es war sicherlich doch blo? M?nnerarbeit, das Missionieren; aber Frauen von Mission?ren konnten sie werden. Ob denn die Mission?re verheiratet seien, fragte sie. Er nahm das zun?chst als dogmatische Frage. Einmal habe er seinen Vater darüber in einer Versammlung reden h?ren; irgendeiner habe Zweifel darüber ge?u?ert; denn Paulus, den man ja doch den ersten und gr??ten Mission?r nennen müsse, sei nicht verheiratet gewesen, ja, er habe sich dessen sogar gerühmt. Aber der Vater habe erwidert, Paulus habe geglaubt, Jesus werde bald wiederkommen, und darum habe er sich beeilen müssen, überall umherzuwandern und das zu verkündigen, auf das die Menschen sich bereithalten sollten. Die Mission?re von heute dagegen mü?ten im Gegenteil auf einem und demselben Fleck Erde leben, und dazu geh?rten doch wohl auch Frauen. Er habe selber von Mission?rsfrauen gelesen, die Schule für kleine Negerkinder hielten.
Weiter war keins von den beiden gegangen; aber da? sie doch ganz im geheimen daran dachte, ging deutlich aus einigen Fragen hervor, wie z. B., ob es wahr sei, da? die Negerkinder Schnecken ??en? Das behagte ihr nicht.
Und inmitten dieses Halbdunkels - ihr brauner und sein blonder Kopf dicht zusammengesteckt über atembeklemmenden Abenteuern - hatten sie unter Palmen gesessen; es wimmelte von kleinen Schwarzen, und alle waren sie artig und bekehrt, und zahme junge Tiger gab es da, die sich dicht vor ihren Fü?en im Sand w?lzten; gutmütige Affen bedienten sie, Elefanten trugen sie behutsam, die B?ume hingen voll der Nahrung, deren sie bedurften.
Und jetzt kam Ole, um dies Eden zum letztenmal zu sehen und Abschied davon zu nehmen.
Eben hatte er sich aufgerichtet, um über den Stein zu klettern, als ihm einfiel, heut sei Samstag. Samstag von elf Uhr ab hatte sie frei (sie hatte Privatunterricht), und da setzte sie sich oft w?hrend der gro?en Pause der Knaben hinter die Holzstapel.
Wenn sie jetzt eben dort s??e! Wenn sie alles geh?rt h?tte! Schnell hinauf auf den Stein, und richtig - da sa? sie unten auf dem Brett und sah zu ihm hinauf.
Ihr blo?er Anblick und mehr noch die Art, wie sie seinem Blick begegnete, lie? ihn von neuem in helle Tr?nen ausbrechen. "Ich - will - heim!" schluchzte er, "und nie - nie wiederkommen!" Und er lie? sich zu ihr hinuntergleiten. Sofort nahm sie sich seiner an, gab ihm schleunigst ihr Taschentuch, damit er es sich vor den Mund halte, um sich durch sein Weinen nicht zu verraten. Sie kannte den Schulhof, und sie wu?te, man suche ihn jetzt auf dem Hof. Und er gehorchte, wie immer, ihrer überlegenen Führung in den Dingen, die zur guten Erziehung geh?ren; nur da? er glaubte, es handle sich einmal wieder um das ewige Geschn?uze, und so schn?uzte er sich denn und weinte, und weinte und schn?uzte sich. Da packte sie ihn hurtig mit ihrer derben Kleinm?delfaust im Nacken, mit der andern umspannte sie mit festem Griff seine H?nde mitsamt dem Taschentuch und pre?te ihm das in den Mund; w?hrend sie gleichzeitig ihren dunkelhaarigen Kopf unheilverkündend dicht vor seinem Gesicht schüttelte. Jetzt begriff er! Es war auch die h?chste Zeit; denn schon rief man auf dem Schulhof seinen Namen, wieder und wieder, in Zwischenr?umen und aus verschiedenen Richtungen. Es fiel ihm entsetzlich schwer, das Weinen zu unterdrücken, so da? er am ganzen K?rper zitterte; aber er hielt es zurück. Hielt es zurück, bis sie den Kameraden, den man nach ihm ausgeschickt hatte, wieder hinaufstürmen h?rten. "Ich - will - heim!" fing er dann gleich wieder an und heulte von neuem drauflos - er konnte nicht anders. Dann gab er ihr das Taschentuch zurück, nickte, stand auf und zog die Planken in des Nachbars Bretterwand weg - immerzu laut schluchzend und in tiefstem Entsetzen. Kaum waren die Planken weg, so war er auch im Loch; das auf der Schulbank blank gescheuerte Hinterteil und die gl?nzenden, eisenbeschlagenen Abs?tze schoben sich weiter und weiter hinein, bis sie verschwanden. Auf der andern Seite stand er auf, dr?ngelte sich zwischen der Bretterwand und einem Holzhaufen durch, bis zu ein paar alten Balken, die da lagen und vermorschten; von dort eilte er zur Hintertür, und erst, als er drau?en, auf freiem Grund und Boden, in einem engen G??chen stand, fiel ihm ein, da? er vergessen hatte, Josefine Lebewohl zu sagen; ja, da? er sich nicht einmal bei ihr bedankt hatte. Auch das noch, zu all dem andern Unglück! Nun erst recht trieb es ihn im Galopp zur Stadt hinaus, und er machte nicht eher halt, als bis er auf Umwegen die Landstra?e erreicht hatte. Der geh?rte so gewisserma?en zu seinen Schildknappen, der alte Strandweg.
Josefine stand eine Weile da und blickte auf die Stelle, wo die Absatzeisen verschwunden waren; aber nicht lange. Sie sprang auf den Stein, glitt an der Wand wieder herab, schob die Bretter beiseite, kroch hindurch und schob sie vorsorglich hinter sich zu. Gleich darauf erschien sie ohne Hut in der Apotheke und fragte nach ihrem Bruder; erst in der Apotheke selbst, wo er sich am liebsten aufhielt; aber da war er nicht; er hatte nicht einmal seine Schulbücher abgegeben. Dann durchsuchte sie oben alle Zimmer; dort war er ebenfalls nicht; aber vom Fenster aus sah sie den gro?en fremden Dampfer, umringt von zehn, zw?lf Booten; natürlich, da war er! Also rasch hinunter zur Brücke. Sie machte ihr eigenes kleines wei?gestrichenes Boot los und scho? hinaus.
Sie ruderte, da? ihr der Schwei? von der Stirn lief, ruderte und blickte sich um, bis sie das schwere Wrack erreicht hatte, das grüne Ungeheuer, das dort lag und unter den Pumpen st?hnte. Weit drau?en sah sie Edvard, die Schulbücher unterm Arm, oben auf der Kommandobrücke stehen, im Gespr?ch mit seinem Freund Rojert Mo.
Sobald sie nahe genug war, rief sie seinen Namen. Er und s?mtliche Umstehenden h?rten es. Die letzteren sahen ein braunhaariges M?del, die Ruder in der Hand, glühend rot vor Anstrengung, aufrecht dastehen und nach der Kommandobrücke starren; sie besannen sich einen Augenblick, was das wohl bedeuten k?nne, und verga?en es dann wieder; Edvard aber gab es einen Stich: da war irgend etwas Unangenehmes geschehen; und wie der Wind war er von der Kommandobrücke herunter, auf Deck, darüber weg, an der andern Seite des Dampfers hinab - und über die andern Boote in ihres geturnt, das er gleichzeitig abstie?. "Was ist los?" Die Bücher legte er hinter sich ins Boot, nahm ihr die Ruder aus der Hand und setzte sich. "Was ist los?"
Rot und atemlos, mit fliegenden Haaren, stand sie da und sah ihn an, w?hrend er das Boot drehte. Dann stieg sie über das mittlere Sitzbrett, machte das zweite paar Ruder los und setzte sich ihm gegenüber auf die hinterste Ruderbank. Er hatte keine Lust, ein drittes Mal zu fragen, und ruderte drauflos; und nun fing sie, die Ruder über Wasser haltend, an:
"Was hast Du Ole Tuft getan?" Er wurde bla? und rot; auch er hielt jetzt die Ruder hoch.
"Es ist aus mit ihm in der Schule. Er ist nach Hause und kommt nicht wieder."
"Ach was, Du lügst!" Aber seine eigene Stimme widersprach ihm. Er ahnte, - sie redete die Wahrheit. Er schlug aus Leibeskr?ften die Ruder ins Wasser und ruderte, als wolle er hinter ihm drein.
"Jawohl, es ist schon das beste, Du ruderst drauflos!" Sie selber fing an, nachzulassen. "Das beste, Du rennst ihm gleich nach, und wenn's bis nach Store-Tuft ist! Sonst geht Dir's schlecht! Beim Vater und auch in der Schule! So ein Jammerkerl, wie Du bist!" - "Halt's Maul, Du!" - "Wart' Du nur! Wenn Du ihm nicht augenblicklich nachsetzt und ihn wieder mit nach Hause bringst, sag' ich's dem Vater und dem Rektor, - verla? Dich drauf!"
"Bist selber ein Jammerkerl, und eine Petze bist Du, da? Du's nur wei?t!" - "H?ttest blo? h?ren sollen, wie Anders Hegge und die ganze Schule sich aufführten; alle haben sie Ole ausgelacht, alle, alle - und wie der arme Bengel geweint hat, als würde er ausgepeitscht - und dann schnurstracks heimrannte! Pfui, sch?m' Dich! Wenn Du ihn nicht wieder mitbringst, so wirst Du mal was erleben!" - "Schafskopf! Siehst Du denn nicht, da? ich schon rudere, was ich nur kann!" - Seine N?gel wurden wei?, sein Gesicht quoll auf, er beugte sich jedesmal fast bis auf den Boden, um m?glichst weit auszuholen. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, setzte sie sich auf die Bank dicht vor seiner und legte sich gleichfalls tüchtig in die Stangen.
Als er an der Brücke aufstand, um anzulegen, sagte er: "Heut morgen hab' ich nicht mehr frühstücken k?nnen, und jetzt krieg' ich auch kein Mittagessen. Hast Du Geld bei Dir, da? ich mir ein paar Brezeln kaufen kann?" - "Ja, ein paar Pfennige hab' ich", und sie zog die Ruder ein und holte das Geld heraus. "Nimm meine Bücher!" rief er und sprang davon. Bald darauf war auch er drau?en auf der Landstra?e.
Erstes Paar vor!
Auf dem Land drau?en, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu abfallendem Teil sie sa?en, war lustig bunt von Sommerkleidern, besonders von M?dchenkleidern:
"Gelbe, schwarze, braune, wei?e,
Grün und violett und blau -"
- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte, Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte K?pfe, Sonnenschirme. Eben stieg ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Kl?nge eines vereinten M?nner- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein eigentlicher Vors?nger; ein junges, brünettes M?dchen in braunkariertem Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen. In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen, zur H?lfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.
Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer h?her ansteigenden Klippen überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen worden ist. Die Berge - wie schwer und stumpf in Linien und Farben - holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen schmutzigen Schnees, - Ungeheuer einer wie der andere.
In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in fr?hlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unversch?mt Stumpfe und Rohe - ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!
Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das junge Volk begriff, da? er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, da? die Natur den Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein will; unter oder oben - entweder - oder! Und sie waren oben; denn das Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der sie leben, da? auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.
Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die Menschen, die hier sa?en und sangen, geboren und aufgezogen; nein, ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer landeinw?rts gelegenen H?hen. Kurz vor dem Gesang noch war ein Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange, strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen. Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.
Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den - wie er da unten rechts, ein bi?chen abseits, auf seinen Ellbogen gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; die Stirn mu? gute St??e ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein bi?chen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengl?ser, oder es war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es n?her betrachtete, so wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasa?, voll Ingrimm, und sich den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, - - viel lieber h?tte er sich eine Keilerei gewünscht! - selbst jetzt flog ein Schimmer von Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.
Wer etwa zweifelte, der brauchte blo? einen Blick auf die andere Seite der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bi?chen weiter oben, an einen Baum gelehnt sa?. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten Familie. Er ?hnelte auffallend den herk?mmlichen Abbildungen von Melanchthon; nur da? vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen ein bi?chen zu hoch geschürzt waren. Die ?hnlichkeit im ganzen - besonders in Stirn, Augenstellung und Mund - war so gro?, da? er unter seinen Studienkameraden auch tats?chlich den Namen Melanchthon führte. Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert; und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht kr?ftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner Edvard Kallem.
Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne da? es darum zu einem Zusammensto? gekommen w?re; heute aber war etwas geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte.
Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der Singenden, sa? eine hochgewachsene M?dchengestalt in dotterfarbenem seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gr?ser zum Kranze. Man konnte sofort erkennen, da? sie die Schwester des Siegers sein mu?te, nur dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform - wenn auch ihre Stirn verh?ltnism??ig h?her war, überhaupt das ganze Gesicht verh?ltnism??ig gr??er - zweifellos zu gro?. Die scharfe Familiennase war sanfter gebogen in ihrem regelm??igen Gesicht; seine schmalen Lippen waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenm??ig, die Augen gr??er -. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei beiden verschieden; bei ihr - wenn nicht kalt, so doch verschlossen und ruhig; niemand h?tte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf sa? auf einem starken, von kr?ftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen K?rper, wie überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugekn?pftem machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei, die da miteinander gefochten hatten.
Hervorgerufen war der Kampf durch einen gro?en, schwarzen Hund; der lag jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz gl?nzte in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten St?cke ins Meer geworfen und den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen: "Samson! Samson!" - das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem zu einigen Umstehenden: "Samson - das bedeutet Sonnengott". - "Was?" fragte ein junges M?dchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" - "Gewi?. Wenn auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ?rgern oder um daran weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft h?rte es zuf?llig und fragte etwas überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht sagen, da? Samson Sonnengott bedeutet?" - "Weil dann die ganze Samsonerz?hlung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu brauchen w?re." Das Wort sa?; und das sollte es auch. L?chelnd, überlegen sagte Ole: "Samson l??t sich wohl trotzdem als Vorbild gebrauchen - ob er nun Sonnengott hei?t oder nicht!" - "Ja - ob er Sonnengott hei?t oder nicht; wenn er aber der Sonnengott war?" - "So? Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. - "Das sagt doch der Name." - "Der Name? Sind wir etwa B?ren oder W?lfe, weil wir nach B?ren und W?lfen hei?en? Oder G?tter, weil wir nach G?ttern hei?en." Verschiedene aus der Gesellschaft h?rten das mit an; jetzt kamen auch andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an sie.
"Der Fehler ist," sagte Edvard, "da? in die Geschichten, die von Samson handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man wei?, da? er der Sonnengott war." - "Ach! Heutzutag müssen ja s?mtliche Ahnen und Urgeschichten aller V?lker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten. Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue Religion bildete, da wurden unsere eigenen G?tter, die ursprünglich indische Sonneng?tter waren, zu Stammv?tern; ihre Alt?re, an denen das Volk geopfert hatte, wurden in Grabst?tten umgewandelt. Auf diese Weise wurden auch die alten Sonneng?tter der Juden umgewandelt in Stammv?ter, als der Jahvekultus sie als G?tter verdr?ngte. - "So? Und woher will man denn das wissen?" - "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie sinnlos, zu glauben, da? die St?rke eines Menschen in seinen Haaren liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, da? es die Sonnenstrahlen sind - zur Sommerzeit lang, im Scho? des Winters kurz geschnitten - kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin wieder wuchsen - nicht wahr? - da konnte der Sonnengott wiederum die S?ulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem Aas; wenn wir aber h?ren, da? es - so oft die Sonne durch ein Himmelszeichen ging, z. B. durch den L?wen, - hie?: die Sonne schlug den L?wen - ja, dann verstehen wir, da? die Bienen Honig im Aas des erschlagenen L?wen sammelten, d. h. in der w?rmsten Zeit des Sommers."
Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im h?chsten Grade verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, da? er sie ansah; aber es war nicht mi?zuverstehen: was Edvard anf?nglich ohne jeden andern Gedanken als den, ein bi?chen zu protzen, begonnen hatte, das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, da? Josefine zwischen ihnen stand. "Bei den ?gyptern", erz?hlte er, "begann der Frühling, wenn die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging, und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ?gyptischen Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die Juden dies sp?ter zu etwas umgewandelt haben, das sie von den ?gyptern unterscheiden sollte, so ist das eine F?lschung. Gerade wie mit der Beschneidung; auch die haben sie aus ?gypten. Aber so was verschweigen die Herren Pfaffen."
Von all dem wu?te Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium hatte sich streng auf die Theologie beschr?nkt; er hatte auch gar keine Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln abzugeben. H?tte er das nun geradeheraus gesagt, so w?re kaum weiter etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, da? Josefine zwischen ihnen stand und sich bestechen lie?. So begann er voll Hohn alles als blo?e Erdichtung zu bezeichnen, die heute gl?nzt und morgen zergeht.
Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen, da? die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart, sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus ?gypten. Ebenso die Gebote. Kein Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewu?t haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der H?lle? Woher der jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all dem nichts gewu?t. Die Pfaffen sind - na, einfach Leute, die nicht ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine senkte den Kopf; die Jugend, besonders die m?nnliche, war offenbar auf Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bi?chen über den angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich.
Ein junger Mann ergo? seinen Spott über die Sch?pfungsgeschichte; Kallem besa? geologische und pal?ontologische Kenntnisse und wu?te sie gut anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erw?hnte blo? ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen. Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von einem Dogma zum andern; am l?ngsten stritten sie sich über die Lehre von der Vers?hnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, da? noch nicht einmal die pers?nliche Verantwortlichkeit des Individuums existierte, blo? die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt; jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an, seinen Glauben zu bekennen. Als ob das was helfen konnte! Behauptungen - Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu sp?t erkannte Ole Tuft, da? er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein tiefes Weh; er k?mpfte ohne Hoffnung, aber er k?mpfte dennoch und rief es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach, sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis ans Ende der Welt! - Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? - Gottes Wort - das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die Sch?pfung (oho!), der Sündenfall (h?rt! h?rt!), der Erl?sungstod (h?rt! h?rt! h?rt!) - - - Er schrie, die andern schrien, Tr?nen traten ihm in die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und sch?n.
Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht "reinlegen" - und vor allen Edvard Kallem.
Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme. Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern fielen nach und nach ein - die Herren ein bi?chen sp?ter als die Damen. Die Gesellschaft bestand zuf?llig - bis auf wenige Ausnahmen - aus einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem Flei? und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen Stadt m?glich ist.
Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen besch?ftigt.
Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner h?tte nach ihrer heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen k?nnen, da? nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und jetzt, kaum drei Stunden sp?ter, sa? Ole Tuft da als Ausgesto?ener. Wie weh das tat! Ein pl?tzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben - vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos h?hnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr - keinen Blick!
Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten einander geschrieben, als er in Kristiania war - er alle vierzehn Tage; sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause war, kamen sie t?glich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der franz?sischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel eifriger geführt, auch ihrerseits, - und als sie wieder nach Hause kam - so sehr sie sich auch sonst ver?ndert hatte - im Verh?ltnis zu ihm war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen Studien, so da? er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann prophezeite ihm, es würde ganz gl?nzend ausfallen. Da? man ihn so unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor, beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm Zutritt überall. Für gew?hnlich war sie wortkarg und manchmal recht schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverh?ltnis von unverbrüchlicher Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr pa?te); aber das geh?rte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, da? er sie liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig. Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte selbstverst?ndlich auch Gott - aber durch Josefine. Sie war in seinen Augen das sch?nste, gesundeste, tüchtigste M?dchen im ganzen Land - und sehr reich. Das z?hlte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger Tr?umer gewesen. Nur da? die Tr?ume jetzt nach einer andern Richtung gingen.
Seine Studienkameraden wu?ten das recht wohl; sie nannten ihn, au?er "Melanchthon", den "Bischofpr?tendenten der Fjorde" oder auch den "Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand ihm diese l?chelnde überzeugtheit ganz gut. Au?erdem - er sah so gut aus - hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht -; da wirkt der Ehrgeiz nicht leicht absto?end.
Und jetzt fühlte er - er war abgestürzt von seiner ruhigen, l?chelnden H?he! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten! Das Schlimmste war - Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gr?ser, als sei er überhaupt nicht vorhanden.
Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er tats?chlich nicht mehr da. Er sa?, ohne zu sitzen, h?rte, ohne zu h?ren, sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, a?, trank, schwatzte, lachte; blo? er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus - nach dem jenseitigen Ufer der Bucht - oder in weite, weite Fernen ... Ein junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien - da? sie so gar nicht günstig l?gen. - - Ein M?dchen mit schr?gstehenden Z?hnen, roten Z?pfen und Sommersprossen - er hatte ihr einmal Unterricht gegeben - versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stie? mit ihm an; sie erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fr?hlichkeit der andern. Edvard war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles dr?ngte sich um ihn. Ihm zu Ehren - er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt - war ja auch der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, da? Josefines Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und h?rte, wie die Zusammenstellung der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschlie?en sollte? Ganz drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen; s?mtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort, und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem sonderbaren Gefühl von Angst. Der L?rm tat ihm weh, das Lachen war wie ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getr?nk brannte, die Menschen waren wie Automaten - das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge so erdrückend nahe.
Da Windstille eingetreten war, mu?te die Gesellschaft zu Fu? nach der Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Geh?ften Sommerg?ste herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab es einen Aufenthalt, und jedesmal l?sten sich einzelne Gruppen los. Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.
Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards pl?tzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das verletzte religi?se Empfinden ... alles verflo? in dem einen Gedanken, da? sie nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick; da? sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich lie?. Das ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wu?te es und er sch?mte sich dessen nicht. Sein früherer h?chster Erdenwunsch
- Mission?r zu werden - war von ihm abgefallen
wie eine Haut, als Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm gesagt hatte, er m?ge doch nur nicht Mission?r werden, hatte er erwidert: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber als Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine n?here Wirklichkeit hineinwuchs, da gab er es auf, ohne da? sie auch nur ein Wort darüber zu verlieren brauchte. Da? es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen so liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.
Unter solchen und tausend ?hnlichen Gedanken blieb er nach und nach zurück und bog vom Weg ab in ein W?ldchen ein; dort warf er sich nieder und wartete, bis die Sommerg?ste zurück- und vorbeikommen würden. Er drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm ... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.
Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.
Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert hatte, w?hrend er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren! Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich zugute schreiben! Denn h?tte er's - ihretwillen - nicht so gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen hatte - so h?tte er mehr gewu?t von den Dingen, um die sich's handelte - h?tte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mu?te er um seiner Treue willen erdulden.
Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding gewesen, mit gro?en schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten H?nden und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken" genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb und trotzig und immer - drei Schritt vom Leibe. Und dann - sie war so oft der Anla?, da? er Schl?ge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu erz?hlen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erz?hlen. Das emp?rte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, da? er das v?terliche Haus verlie?. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht geglückt war, das glückte ihm. Der Junge wurde sofort aus der Schule genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften, leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge waren sein H?chstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschlie?lich derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen F?cher eignete er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie m?glich an, und nach der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte, und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich gleich Null. Sp?ter nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem Apotheker ab. Also kamen auch w?hrend der Ferien Bruder und Schwester nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen Bruder gesehen und geh?rt hatte - modern in Kleidung und Gedanken, feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der weiblichen - hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war - wenn auch nur ganz still in einer Ecke.
Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht", einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekr?nkt dasa?, sammelte Ole sich Sch?tze in ihrem Herzen.
Mit Edvard war eine gro?e Ver?nderung vorgegangen; seine Neugierde war zur Wi?begier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen, seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht; auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die Schwester, die er jetzt sah, die kannte er nicht. Nach der ersten Begegnung war er ganz von ihr erfüllt.
Sch?n sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen gr??ter Verwunderung), sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie mit ihr schwanger ging. W?re nicht dieses Unnennbare - die Augen gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet - w?ren nicht die Augen gewesen, sie h?tte unter Spaniern ruhig für eine Landsm?nnin gelten k?nnen. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte! Sie sprach gut - lebendig und rasch - war aber eigentlich wortkarg, und hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht eher scheu.
Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und w?hrend der Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es sich machen lie?, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob er sie gern "entdeckt" h?tte, und war auf ihrer Hut; aber es schmeichelte ihr, da? er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und da? seine Augen stets die ihren suchten.
* * *
W?hrend Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens pre?te, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den Bruder hatte tanzen sehen - mit der und mit jener - manchmal mehrere T?nze mit einer und derselben - und mit ihr blo? eine "Pflichttour".
Und jetzt?
Jetzt war sie Edvards Schwester - seine geliebte Schwester - und Oles und ihre Wege gingen auseinander ...
Weshalb mu?te Edvard sich in ein Verh?ltnis eindr?ngen, von dem er doch gar nichts wu?te? Sich Rechte anma?en, die er sich durch nichts verdient hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer für sie passe - und wer nicht?
Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verh?hnen in dem, was ihm Lebenssache war? Und nicht allein ihn - sondern Gott selber.
Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein seltsam heller Lichtschimmer - und in diesem Schimmer stieg etwas Gro?es empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es ihn im Nacken packte, w?hrend er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum - von dort bis hier -: "Was hast Du aus mir gemacht?"
Ah - wie plattgedrückt kam er sich vor - wie in die Erde hineingepre?t! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen G?tter haben neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! - Und Deine fleischlichen, Deine eitlen Tr?ume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" - - -
über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.
Es war nicht das erstemal, da? der Ernst des Alten Testaments von den H?hen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All diese Fragen - ob "gro?" - oder "klein" - ob er das "H?chste" wagen oder sich, wie die andern, mit dem Mittelm??igen begnügen sollte - sie waren ihm nichts Neues.
Doch wenn er dann Josefine wieder traf - bei guter Laune - so waren diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten H?ndedruck schob sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden übergang str?mte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr h?tte Josefine sich heut von ihm abgewandt, blo? weil der Bruder es wünschte! Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefa?t h?tte, dann h?tte sie gerade entgegengesetzt gehandelt. Nein - weil er ein Schw?chling war, wandte sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den andern auf dem Hügel gesessen und sp?ter, beim Essen, mit einigen Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja doch treu.... Ganz gewi?! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller Welt hatte er das nicht gleich gesehen?
Er h?tte gern gehabt, da? sie ihm auf eine oder die andere Weise geholfen oder ihn wenigstens getr?stet h?tte, ihm gezeigt h?tte, wie leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war, und die Leute sie beobachteten.
Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewu?tsein dieser erfreulichen Entdeckung sprang er das Geh?lz hinab über den Stra?engraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.
Gro?er Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, gro?en Blick, bei all ihrer Majest?t!...
Der sp?te Sonnenuntergang hinterlie? keine R?te am Himmel; die Nacht war grau und schlaff, der Weg, am Fu? einer kahlen Anh?he entlang, anmutlos; zu beiden Seiten kleine Anwesen, die H?user auf der Anh?he, ?rmlicher Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige B?ume und vereinzelte Büsche.
Er sah es und sah es nicht, w?hrend er seinen eigenen Gedanken nachhing. Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der auf die Stadt zuging. Ole m??igte seine Schritte, um diesen einen nicht einzuholen, und merkte gar nicht, da? vor dem, der dort ging, einer war, der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War das nicht...? Oder t?uschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun auch den Gang, die Figur! Es gab nur eine solche! Josefine kam zurück, um ihn zu holen! Das sah ihr ?hnlich.
"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr gro?es Gesicht war ger?tet, ihr Busen wogte, die Stimme klang ged?mpft, der Sonnenschirm, den sie in der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie unwillkürlich l?chelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorw?rts: er solle gehen.
Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte; sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie.
Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen, erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, - für die beiden wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist. Sie lie? ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du, ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..." Tr?nen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan.
Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im Takt, der elektrische Strom ihrer N?he trug ihn. Sie waren ganz allein, und es war ganz still; sie h?rten ihre eigenen Schritte und das Rascheln des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ?ngstlich still, als k?nne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das einzige Unvollkommene war - denn etwas Unvollkommenes mu? ja immer sein - da? er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in seinen Arm zu stecken - auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er sie drücken. Aber er wagte es nicht.
Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, da? kein Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. - "Sonst w?re es heller", erwiderte sie l?chelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren zusammengetroffen, die Kl?nge hatten sich vermischt und spielten noch lange miteinander wie V?gel in der Luft.
Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. W?hrend Ole darüber nachsann, was er das n?chste Mal sagen solle, wurde er gerührt und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends; aber von diesem Elend schrieb sich seine Erh?hung von heute her, heute, da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte.... Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.
Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz allein jetzt, wir zwei beiden?" - auf schlauen Umwegen wollte er darauf zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz still. Und pl?tzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei anzusehen. Sie gingen weiter.
Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der Schiffe flo? zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen Maste von Zuckerwerkschiffen. Die H?user in flaumigen Umrissen, fast farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "M?chtest Du mir nicht etwas erz?hlen?" fragte sie schnell, als k?nne sie es nicht mehr aushalten. Er fühlte sich wie erl?st und fragte, ob er vom - Licht erz?hlen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?
Er fing an; aber er wu?te es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte er - er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erz?hlen!" sagte er. "Du wei?t, - wo wir gestern unterbrochen wurden." - "Also nehmen wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. - "Du magst nicht?" - "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das Vorhergehende wieder gutmachen. So erz?hlte er denn den Schlu? der Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk, das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. Der Stoff lag ihm; seine westl?ndische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas Schwebendes, die streng schulgem??e Behandlung des Wortes, die den ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des Dialekts, pa?ten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes Melanchthonantlitz schw?rmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte jedesmal in sein reines Herz.
So kamen sie in die Stadt. Die Erz?hlung ergriff sie, und beide waren so eifrig geworden, da? sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand begegnen k?nne, oder da? zu beiden Seiten H?user standen; er redete nur ein bi?chen leiser, und sprach weiter.
Aber als sie sich der Stra?e n?herten, wo seine Tante wohnte, und wo er hinein mu?te, hielt er inne, trotzdem seine Erz?hlung noch nicht zu Ende war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein paar H?user weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mu?te er sich hier von ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu.
Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies "Aneinanderkleben" - da? einer mitging bis an die Haustür des andern, wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag - nie leiden m?gen. Schon seit ihrer Kinderzeit - weil man sie immer mit ihm geneckt hatte. Aber sie wu?te - er legte hohen Wert darauf.
W?hrend des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten, wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier verabschieden -? Oder -? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es - durch die Wiederholung - etwas Gro?es geworden. Sie war sich selber nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum Abschied. Sie sah, wie entt?uscht er war. Und um es gleich wieder gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren gro?en Augen an, drückte ihm fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich noch einmal nach ihm um - dankbar, da? er weder in Wort noch Tat ihrem Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.
Wenige Minuten sp?ter stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf den D?chern - oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den Hof hinaus, den gro?en Schulhof, dessen Abschlu? die Turnhalle bildete; einige Turnapparate standen auch drau?en. Von der Stra?e aus lag das Zimmer im ersten Stockwerk - von der Hofseite im Erdgescho?; hundertmal war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu benützen. Sie ?ffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten w?re sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand er nicht. Vielleicht hatte sie ihn blo? deswegen schon oben verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.
Bei n?herem überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof hinaus. Es geschah nicht selten, da? junge Leute, wenn sie von einer Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden - das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb - vornübergebeugt - am offenen Fenster stehen - - sah vor sich, was eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.
Da h?rte sie drau?en Schritte - erst auf der Treppe, dann auf dem Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein -? War er so sentimental, da? es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn er es wirklich w?re! Gott gnade ihm, wenn er's war! - Sie lauschte in h?chster Spannung. Nein - die Schritte waren zu rasch. Das war - - sie fühlte es - - dort stand - - ihr Bruder ...
Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war, streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen schielten ein bi?chen - das sicherste Zeichen, da? er erregt war. "Gut, da? Du noch wach bist; ich h?tte sonst geklopft." Forschend suchte sein Blick den ihren; er lie? ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst gekommen?" - "Ja, eben erst," - Sie war pl?tzlich ganz in seiner Gewalt; und h?tte er sie um das Unm?glichste befragt - sie h?tte antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du w?rst zurückgegangen zu Ole." - "Ja." - Er hielt inne; seine Stimme zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" - Es dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte. "Ich glaube!" sagte sie.
Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie h?tte am liebsten laut hinausgeweint. War es so t?richt, was sie getan hatte? Eine entsetzliche Angst überfiel sie. Da fa?te er mit beiden H?nden ihren Kopf, zog ihn zu sich nieder und kü?te sie auf die Stirn. Sie brach in Tr?nen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie - Wange an Wange.
"Na ja - wenn es nun einmal so ist - so wünsch' ich Dir alles Gute, Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann lie?en sie einander los.
"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte ihm alle beide. - "Heut, Edvard?" - " - Ich war ein Narr! Leb' wohl, Josefine!" Sie machte ihre H?nde frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!" schluchzte sie. "Nein, nein! Du mu?t nicht!... Noch einmal!" - Und um ein Ende zu machen, pre?te er sie wieder in seine Arme, kü?te sie und ging davon, ohne sich umzusehen.