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Arnold Beer

Arnold Beer

Author: : Max Brod
Genre: Literature
Arnold Beer by Max Brod

Chapter 1 No.1

Arnold Beer war ein hübscher junger Mann, nicht einmal sehr elegant, aber da er in der Stadt h?ufig mit den elegantesten Leuten zusammen – überdies auch oft mit anderen – angetroffen wurde, nannte man ihn den Eleganten. ?Aha, da kommt das Gigerl?, – oder ?Die Parta ist da. Ich erkl?re den Bummel für er?ffnet?, hie? es am Abend auf dem Korso, wenn in den Reihen der gewohnten Spazierg?nger und Nichtstuer Arnold samt seiner Freundschaft erschien; denn schon hatte man hier und dort begonnen, sein unnützes Treiben mit einigem Mi?wollen zu beobachten.

– Was überdies seine Eleganz anbelangt, so irrten die Leute ganz entschieden. N?her betrachtet, bestand Arnolds so effektvolle Kleidung durchaus nicht aus den tadellosesten Stücken, war vielmehr h?ufig betupft mit einzelnen gro?en und mit vielen kleinen Flecken und Tropfen, manchmal auch leicht angerissen und zerfasert, der Strohhut vom Regen mattbraun überflossen und weichgedrückt, die Stiefel ohne den rechten Glanz. Alle diese Fehler erschienen nun freilich niemals beisammen, sondern sie führten ein einsames Dasein, jeder für sich und an einem andern Tag, konnten aber dem aufmerksamen Beobachter auch in dieser gleichsam fluchtartigen Abwechslung nicht entgehen. übrigens war Arnold selbst der letzte, der sich den merkwürdigen und komischen Einzelheiten seines Anzugs verschlossen h?tte; im Gegenteil, er pflegte laut und ungeniert, vor Damen und Herren, auf solche gelegentliche Sch?nheitsm?ngel hinzuweisen und sich selbst auszulachen, um desto sicherer alle, die über ihn erschraken, auslachen zu k?nnen. Er nannte sich – denn er hielt für alles Worte bereit und hatte besonders über seine so fragwürdige Wesensart schon oft und unter Schmerzen nachgegrübelt – ?eine typische Fernwirkung? und hob hervor, da? er diese ?gute Sache? seiner schlanken Gestalt, seinem vorzüglichen blassen Teint und seinen feinen H?nden verdanke, lauter Dingen, ?für die er natürlich gar nichts k?nne?, wie er in einem Anflug pessimistischer und unklarer Philosophie hinzuzusetzen pflegte. Dann versank er, noch anschlie?end, über das Thema ?Kleider machen Leute? in ausgedehnte trübe Betrachtungen. ?Ja, meine Eltern haben das Geld dazu, mein Papa ist eine gute alte Firma. Also gelange ich, wie von selbst, an den ersten Schneider der Stadt, und der macht mir R?cke und Hosen, ohne da? ich ihn darum bitten mu?, ja bitten darf, aus den teuersten Stoffen und nach den neuesten Schnitten. Kann ich dafür, nun bekommt sogleich mein Anblick einen reizenden Schwung und Schmi?, ohne mein Mitarbeiten, und ich biege ein in eine Richtung des Angeschautwerdens und sogar des Michselbstfühlens von innen her, die mir gar nicht so besonders pa?t. Wie machtlos ist man dagegen. Schlie?lich würde mir ja diese Richtung auch passen, warum nicht, h?tte ich nur Zeit dazu. Aber wie kann ich mich mit solchen Kleinigkeiten abgeben! Es geht einfach nicht. St?rker wie L?schpapier bin ich eben nicht. Und daher auch meine schlechte primitive Frisur, meine ungepflegten N?gel, meine Schnalle nur am Schuh links und nicht auch rechts.? Er pflegte sich die Haare zu scheiteln, aber aus Unlust, die richtige Teilungsstelle zu suchen, wurde oft, wenn der erste Hieb mi?lang, nur ein Gestrüpp h?ngender Str?hnen aus den sch?nen Wellen.

Derselbe ?u?ere Schwung nun, den er mit einiger Selbstgeh?ssigkeit an seinen Kleidern bemerkt hatte, wallte durch seine ganze Person und mit so gewaltigem unwiderstehlichem Antrieb, da? er nach allen Seiten hin sein Schicksal aufbauschte, aber auch begrenzte. – Arnold war eine überaus lebhafte Natur. Schon in der Volksschule hatten alle Lehrer darüber geklagt, da? er ?kein Sitzfleisch? habe, und einige hatten sp?ter, bei aller Anerkennung seiner Intelligenz, durch mindere Noten ihn für sein überma? an Temperament strafen zu müssen geglaubt. Er antwortete auf Fragen, die niemand an ihn gerichtet hatte; er schrie pl?tzlich laut auf, rannte aus der Bank und aus der Klasse hinaus, weil er drau?en einen so komischen gro?en Schmetterling gesehn hatte, der sich sp?ter als eine langsam aus dem dritten Stock herabflatternde alte Kravatte erweisen mu?te. – Einmal rief ihn der Lehrer zum Weiterlesen auf; ?Bitte, die übung ist hier zu Ende? meldete mit hoher Stimme der Kleine, statt in dem gew?hnlichen dumpfen Tonfall der Schüler fortzuspinnen. Da bekam er seine erste Strafe. ?Ich soll nicht vorlaut sein?, zehnmal abzuschreiben. Seine Lebhaftigkeit und Naseweisheit hatten ihn n?mlich schon in der ganzen Schule so berühmt gemacht, da? man immer geneigt war, in seinem Benehmen einen kleinen Unfug zu sehn, auch wenn, wie in diesem Fall, gar nichts daran war. Denn die übung war wirklich zu Ende, und obwohl die n?chste übung ja in unmittelbarem Zusammenhang mit der eben gelesenen anschlo?, w?re wohl auch ein anderer Schüler geneigt und vielleicht kouragiert genug gewesen, mit dem Herrn Lehrer sich in einen n?heren, gleichsam kameradschaftlichen Zusammenhang durch eine solche h?fliche Frage nach dessen weiterer Absicht zu setzen statt mechanisch einfach die leere Zeile zu überspringen und sich im Text als armseliger Lernknabe fortzuhaspeln. Einen Pfiffigen gar wie Arnold mu?te die Situation reizen, und es soll nicht verschwiegen werden, da? er sich schon oft genug mit aller Sehnsucht in sie hineingewünscht hatte, als in die einzige, wo er einmal dem hochverehrten Herrn Lehrer ebenbürtig, sozusagen als Mensch, gegenübertreten k?nnte, da? er oft im voraus die Zeilen abzuz?hlen pflegte, um herauszubringen, ob diesmal, nach der Sitzordnung, bei der entscheidenden übergangsstelle die Reihe an ihn kommen würde. Und nun war der Moment da und Arnold hatte mit Anstand und stolzer Gefa?theit, vollkommen richtig, seine oft vorbereiteten Worte herausgesungen, hatte sich ausgezeichnet ... mit diesem traurigen Erfolg leider. Er weinte die ganze Stunde lang, denn er war sehr ehrgeizig. Und als die liebe Mama sorgf?ltig um elf Uhr ihn abholen kam und ihm das Schult?schchen abnahm, weinte er wieder, kaum beruhigt, und erz?hlte alles. Nun mu?te er gar noch in das sch?ne verehrte Papiergesch?ft eintreten, wo er sonst nur die ausgestellten ?Münchener Bilderbogen? sich anzuschaun pflegte, zufrieden und heiter nach der Schult?tigkeit, oder zaghaft die imponierenden Schatzhaufen verschiedenartiger Klaps-, Glocken-, Kuhn-, und Aluminiumfedern, mu?te eintreten und um einen Bogen liniierten Papiers kaufend bitten. Schon dieser Umstand, da? er einen einzelnen gottverlassenen losen Bogen kaufen mu?te statt wie sonst ein ordentliches Heft zum ehrenvollen Vollschreiben, schien ihm so sehr schlampig, heruntergekommen und Sache eines schlechten Schülers, da? er sich sch?mte, – und als ihn gar noch der Kommis mit irgend einer gleichgiltigen Frage nach der Zeilenbreite beunruhigte, brach er aufs neue in Tr?nen aus und erkl?rte heulend: ?Es ist für eine Strafe.? Er weinte so bitterlich, da? alle im Gesch?ft stockten und auf den Knirps hinsahn. Zwei in Schwarz gekleidete Damen traten n?her und, tief zu ihm herabgebeugt, begannen sie, ihm zuzusprechen. Er aber hielt die H?ndchen in F?usten vor den Augen, so da? er nichts sah und auch gar keine Anstalten machte, zu zahlen und den Laden wieder zu verlassen. Sondern rücksichtslos und ohne Verlegenheit ergab er sich seiner Reue und seinem tiefen Schmerze, bis die Mutter, der das lange Ausbleiben drau?en verd?chtig wurde, hereinkam und ihr Kind, dem sich inzwischen das allgemeine Mitleid der Angestellten und Kunden, der Kassiererin, des Gesch?ftsinhabers sogar zugewendet hatte, energisch herausholte.

Natürlich konnten Strafen und schlechte Klassen dieser Lust des lebendigen Gemüts wenig anhaben. In der Schule lernte er allm?hlich die kalte Ordnung respektieren, nun warf er sich aber auf Eltern und Verwandte. Der Vater mu?te ihm schon Ohrfeigen androhn, um sein ewig erregtes ?Papa, schau ...? auf den Spazierg?ngen zum Schweigen zu bringen. Niemand wollte mit ihm ausgehn, denn er war gefürchtet wegen seiner unaufh?rlichen bohrenden Fragen, die sich mit keinerlei Ausweichen abstellen lie?en. Eine Gouvernante nahm ausdrücklich deshalb ihren Abschied. Und noch in sp?teren Jahren pflegte ihn Frau Direktor Wahlberg, mit der seine Eltern verkehrten, mit einem seiner Aussprüche zu necken: ?Tante, bitte, erkl?re mir, ist der Mond ein Fixstern oder ein Planet?, das hatte er in gro?er ?ffentlicher Prachtgesellschaft ihrer damenhaften Gl?tte zugemutet.

Es kam eine Zeit, in der er von den Menschen, die seinen rei?enden und dabei so liebevollen Ansturm nicht aushalten mochten, sich abwandte und nichts tat als stille vertrauliche Bücher lesen. Nachmittags auf dem Sopha, wenn er aus der Schule kam; nicht liegend, nicht sitzend, sondern zusammengekauert, den ganzen K?rper zwischen Polster und Lehne gedr?ngt, w?hrend das Buch frei auf dem Sopha lag – so ruhte seine Wange über den beiden verschr?nkten Armen, und nur wenn er umbl?ttern mu?te, langte er unter Verrenkungen eine Hand aus dem Kn?uel hervor ... sonst rührte er das Buch nicht an, er hatte es gern in einiger Entfernung von sich, selbstst?ndig wie ein lebendiges Wesen, mit dem man sich unterredete, vom Polster her blickte es ihn an, gab seine schr?gen tiefen Blicke atmend zurück. Und er las so ziemlich alles, was sein angebeteter Vater, ein in jüngeren Jahren kunstbeflissener Mann, im Bücherkasten hatte. Dieser Kasten war versperrt. Arnold mu?te jeden Mittag, in der knappen Zeit zwischen der Beendigung der Mahlzeit und dem Mittagsschl?fchen des Vaters, sein Anliegen vorbringen, um dieses oder jenes Buch: ?Papa, gib mir heraus ...? Dann wurde der r?tselhafte Kasten mit den undurchsichtigen Scheiben ge?ffnet, und nur in diesem Augenblick durfte der Sohn die Verlockung all dieser mannigfachen Goldrücken empfinden und, schnell einige Titel überfliegend, bei sich die Bücher feststellen, die er die n?chsten Male herausverlangen wollte. Niemals wurde ihm erlaubt, einer seltsamen Pedanterie des Vaters zufolge, alle Bücher der Reihe nach durchzusehen und in Ruhe auszuw?hlen. Niemals wurde ihm auch mehr als ein Buch geborgt. Und so rasch ging der Vater dabei vor, milit?risch mit Wunsch und Ausführung, Hinzeigen und Herausnehmen, da? manchmal ein Fingerlein oder die Nase des in all die Pracht versunkenen Knaben Gefahr lief, an der Kante der wieder zuklappenden Türe eingeklemmt zu werden. Allm?hlich kam er daher auf Listen; er sagte um ?Kleist? und zeigte dabei auf die oberste Reihe, obwohl er gut wu?te, da? die Kleist-B?nde rechts unten aufmarschiert waren. Aber in der Zwischenzeit, w?hrend der Vater vergeblich oben kramte, hatte er Zeit, einen überblick über andere nie gesehene Partien des gro?en Büchergartens zu erwischen. Oft allerdings nützte alles nichts, und er sah sich mit einem Buch, das er nur des fremden Titels oder des hübschen Einbandes wegen gew?hlt hatte und das ihn bei n?herem Durchbl?ttern gar nicht interessierte, entt?uscht und leer vor den wieder gesperrten Kasten gestellt, in einen steinigen leeren Nachmittag verschlagen wie ein Schiffbrüchiger auf eine ?de Insel, wo der ersten Freude des Gerettetseins eine umfassendere Angst vor der Zukunft folgen mu?. Denn niemals nahm der Papa ein schon herausgegebenes Buch noch an demselben Tag zurück, das war eherne Regel ... Im Verlauf der Zeit nun las Arnold alles, von der Bibel und Goethe an bis zu dicken staubigen Lieferungsromanen wie ?Die Geheimnisse der Bastille?, die noch uneingebunden in den untersten Schubl?den lagen. Sein Kopf füllte sich mit den Gestalten Schillers und Heines, mit den Kreuzfahrern und Schillschen Offizieren der Weltgeschichte, mit Lokomotiven aller Konstruktionen aus einer vielb?ndigen ?Geschichte der Erfindungen und Industrien?, mit den J?gergeschichten und rührenden Affen-Szenen der Gefangenschaft aus ?Brehms Tierleben?. Und nur eines hatte ihm der Vater verboten, in den Shakespeareb?nden den Othello. Arnold befolgte auch getreu diese Absperrung, ?ngstlich wich er dem Stück aus, obwohl seine Neugierde aufs h?chste erregt war und niemand ihn überwachte, und nur die Vorrede mit der Inhaltsangabe las er einmal doch, indem er sich sagte, da? die ja nicht eigentlich zu dem gebannten Stück geh?re. Welch ein Geheimnis, diese überbl?tterten und stets wie mit Leim zusammengehaltenen Seiten hie und da, wie durch Zufall, aufzuschlagen, vom Wind aufbl?ttern zu lassen, unbeachtet ein Wort, einen Satz aus dem Zusammenhang zu packen, eine Abbildung vorbeitr?umen zu sehn, niemals aber dem lieben strengen Vater durch wirkliches Lesen der Reihe nach ungehorsam zu werden. Wie peinigte das sein pochendes Herz!... überdies hatte der Vater dieses Verbot nur einmal und nur beil?ufig fallen lassen, nie mehr wiederholt, vielleicht selbst nicht so wichtig genommen und l?ngst vergessen. Und als Arnold, zu Jahren gekommen, sp?ter einmal diesen fürchterlichen ?Othello? durchnahm, fand er zwar gleich in der ersten Szene eine obsz?ne Phrase, im Ganzen aber nichts, was dieses Stück vor den vielen, die er lesen gedurft hatte, ausgezeichnet h?tte. Derartige Phrasen hatte er ja als Kind zu hunderten unverstanden eingeschluckt. Und so blieb ihm dieses Verbot seiner Kinderjahre weiterhin ein Geheimnis, über das er seinen Vater aus Respekt auch nachmals nicht weiter auszuforschen sich getraute.

Indessen kam der Hausarzt einmal, anl??lich einer Masernerkrankung – man mu?te dem Kerlchen mit den verklebten Augen unermüdlich von früh an bis in die sp?te Nacht vorlesen – auf Arnolds überreichen Bücherkonsum. ?Ihr Junge ist mit achtzehn Jahren ein Idiot?, schrie er die t?dlich erschrockene Mutter an, und von nun an war es mit der Lektüre zu Ende. Furchtsam wachte die Mutter darüber, da? Arnold keine Zeile mehr au?er den Schulaufgaben zur Hand nahm. Auf vielfaches Jammern und als sich die Folgen der Langweile in seiner gesteigerten Wildheit zu zeigen begannen (er stach der K?chin mit ihrer Hutnadel den Daumen durch), wurde ihm endlich jeder dritte Tag als Lesetag einger?umt ... Arnold erinnerte sich überdies sp?ter oft mit Vergnügen daran, wie gro?en Eindruck der Schrei des erzürnten Arztes auf ihn gemacht hatte. Bis zu seinem achtzehnten Jahre erwartete er allen Ernstes mit Grausen t?glich das Eintreten der prophezeiten Verbl?dung, erst nachher fiel es ihm pl?tzlich als Erl?sung ein, da? der Arzt vielleicht nur in einer Metapher geredet hatte. Ja, als Kind pflegte er eben Aussprüche ?lterer Leute unausl?schlich ernst zu nehmen ...

Die Lesewut machte zu Beginn des Gymnasiums einer unb?ndigen Sammelfreude Platz. Arnold besa? bald, wie ein Onkel sich ausdrückte, eine ?Sammlung von Sammlungen?, er hob alte Tramwayzettel auf, flehte alle Abreisenden an, ihn in fremden St?dten auf Zahnradbahnen und Elektrischen ja nicht zu vergessen, ferner ordnete er in Schachteln und Kistchen abgesondert: Kn?pfe, alle Arten von Zündholzschachteln, Zigarrenbinden, Ansichtskarten mit und ohne Marke auf der Bildseite, Bleistifte, Autogramme, Münzen, Vereinsmarken, Siegelabdrücke, Mineralien, hinter Glas spannte er Schmetterlinge und K?fer auf, in Mappen hatte er bald mehrere Tausende von Bildern, aus alten Zeitschriften ausgeschnitten und sauber auf dünne Pappendeckel aufgeklebt. Er brannte um diese Zeit auf derartige alte B?nde der ?Gartenlaube?, der ?Guten Stunde?, und unzerschnitten schienen ihm diese Hefte ihren wahren Zweck vollst?ndig verfehlt zu haben, so da? ihm bei ihrem Anblick und wenn er sie nicht in seine Sph?re ziehen konnte, das Herz zerbrach. – Wie alles, betrieb er solchen Sport mit dem ganzen Eifer seiner ganzen Natur, und wenig fruchtete da die stereotype Warnung des Vaters: ?Arnold, du übertreibst alles.? Dem Kinde, das zwei oder drei Sachen derselben Art beisammen sah, lag nichts n?her als der Gedanke, solcher Dinge noch mehr auf einen Haufen oder in sch?ne Reihen zusammenzukriegen, und namentlich best?rkte ihn in diesem immer neu wiederholten und dadurch schon ganz gel?ufigen schnellen Gedankengang die Beobachtung, da? es ja so leicht war, eine Sammlung irgendwelcher Manier anzufangen, ja, da? eigentlich die Sammlungen schon um ihn herumlagen, nur freilich noch unentdeckt, ungeordnet, daher unwirksam. Es bedurfte aber jedenfalls keiner sch?pferischen T?tigkeit, keines Hervorstampfens. Er mu?te nur, wenn er beispielshalber auf die Idee gekommen war, Stahlfedern zu sammeln, seine alte Liebe, zuerst einmal seine Pennale ausleeren. Da lagen sie ja schon beisammen, halbverbraucht, aber immer noch Muster ihrer Art, er brauchte nur die besten herauszuklauben. Dann ging es über die Vorr?te des Vaters im Comptoir her, wo die seltenen gro?en Stücke, wie Kolumbusfedern, oder die komisch verkrümmten Soennecken oder die zierlich-spitzen Stenographiefedern, die fast wie Nadeln aussahen, eiligst zusammengerafft wurden. Und mit dem Taschengeld, das ihm zum Ankauf von Schreibzeug übergeben wurde, ging nur eine kleine Verschiebung vor, er kaufte, statt wie bisher gedankenlos Federn immer derselben Art, m?glichst verschiedenartige und exotische, natürlich nicht zum Schreiben, sondern zum Aufheben, w?hrend zum Schreiben m?glichst lange derselbe Invalide herhielt. So rückte die Sammlung feurig vorw?rts, es war gar keine Unm?glichkeit, tausend Stück zusammenzubekommmen oder die gr??te Sammlung von Europa überhaupt, es galt nur die richtigen Stege und Zuflüsse zu graben, durch rein geistige überlegungen, denn der Rohstoff war ja vorhanden. Nur ihn gescheit in die Grube zu leiten, das war das Problem, ihn nicht unnütz an den Seiten abrinnen zu lassen. So hatte er beim Sammeln das Gefühl, nicht nur sich durch nützliche T?tigkeit auszuzeichnen, sondern auch irgendwie der ganzen Welt zu dienen – und übersah er dann an einem der ersten Abende, da alle Quellen noch munter der neuen Sammlung zuflossen, seinen sauber geschlichteten Reichtum, so überfiel ihn ein beinahe schwindelndes Glück von Gr??e, Sch?nheit und Triumph, und der Wunsch, mit dem er einschlief, die Sammlung m?ge so weiter und weiter gedeihn, war um nichts weniger innig als das Nachtgebet ... Freilich nahm sein Interesse bald ab, wenn in seiner N?he keine neuen H?hlen mehr zu sprengen waren, in denen schon gro?e Haufen der gewünschten Dinge wie vorbereitet dalagen und auf ihn warteten; wenn es galt, nun ein Stück ums andere mühsam heranzulocken. Dann wurde die Sammlung aus den Kasten ins Dunkle gestellt, halb vergessen, eine andere trat mit neuen Hoffnungen ans Licht. So ging es zwei Jahre lang, bis endlich sein Streben an einer Briefmarkensammlung h?ngen blieb und sich gewitterwolken?hnlich verdichtete, da hier nebst dem Reiz der Ausdehnung und Vollst?ndigkeit nun auch der des nicht mehr blo? kindischen Wertes in Aussicht gestellt wurde. Nun begann er in den Zehnuhrpausen zu ?tauschen?, nicht ohne Streit und Schwindel, nun wu?te er bald alle Wasserzeichen, Fehldrucke, Zahnungsunterschiede und Farbennüancen auswendig, niemand kam ihm darin gleich, ja sein stürmisches Interesse für alles, was mit Marken zusammenhing, ging so weit, da? er sogar den Fl?cheninhalt, die Hauptstadt und die Münzsorten jedes Landes wie dies in seinem Album angegeben war, schnell und genau erlernte. Mit seinem ?Senf? in der Tasche, den er stets sorgf?ltig nach der neuesten Ausgabe korrigiert hatte, galt er unter den Kollegen als Autorit?t, wurde in schwierigen F?llen befragt und entschied unwidersprochen. Und nur etwas unterschied ihn von einem kühlen Fachmann: w?hrend er die verlockendsten Stücke fremder Sammlungen nachsichtslos, von ?ngstlichen Blicken ungerührt, als ?falsch? oder ?Neudruck? verurteilte, konnte er selbst sich von den F?lschungen, die ihm geh?rten und die er als solche l?ngst erkannt hatte, in einer seltsamen grundlosen Z?rtlichkeit nicht trennen. Er glich da dem glühenden Liebhaber, der seine Leidenschaft nicht bezwingen kann, obwohl er die triftigsten Gründe hat, von dem Unwert des geliebten Gegenstandes überzeugt zu sein. So besa? Arnold, beispielsweise, eine alte Schweiz ?mit der sitzenden Helvetia? – nachgemacht, ganz plump nachgemacht. ?Ich wei? ja, da? sie falsch ist? pflegte er zu sagen und sah die Marke mit stillverliebten, unendlich traurigen Blicken an, ?aber ich la? sie doch drin, sie schadet ja doch nichts?, w?hrend er einen Kameraden in gleichem Fall unfehlbar mit den Worten: ?So ein Stück ist eine Schmach für jedes anst?ndige Album? ausgescholten h?tte ... Ja es gab sogar Zeiten, allerdings nur zu Anfang der Markenperiode, in denen Arnold selbst f?lschte, sich selbst betrog, indem er aus einem alten Album einfach die vorgedruckten Markenbilder, sofern sie mit ?grau? oder ?schwarz? bezeichnet waren, ausschnitt und als wirkliche Marken in sein Album einklebte. Davon lie? er bald, konnte aber von den einmal gewonnenen Exemplaren auch in der Folge nicht Abschied nehmen, in einer ganz unbestimmten, sinnlosen Hoffnung, wie sie eben den Ekstatiker auszeichnet: diese Scheinmarken k?nnten eines Tages doch vielleicht, wie durch ein alchymistisches Wunder, in echte und allgemein anerkennenswerte verwandelt werden. Ebensowenig mochte er sich entschlie?en, beschmutzte oder l?dierte Stücke auszuscheiden. ?Sie fehlt mir ja gerade zum Satz,? dieses Zauberwort hielt ihn fest. O welche Freude war das, welcher Anblick konnte sch?ner sein als der einer Albumseite, deren vorgezeichnete Reihen –, manche sind l?nger, manche kürzer, mancher seltsame ?Satz? besteht nur aus zwei oder drei Stück – komplett mit Marken besteckt waren; ?komplett?, das war das Wort, das er mit scheinbarer Flüchtigkeit, mit leichter stolzer Handbewegung dem Kollegen zurief, vor dem er eben die Sammlung durchbl?tterte, ?Belgien komplett?, o wie das klang! Und dabei wurde schon umgebl?ttert, mit selbstverst?ndlichem Besitzergleichmut, w?hrend des andern Augen bewundernd umherschossen; da flatterten wie kleine bunte Regenbogenwimpel die Marken, jede sauber gewaschen, jede von ihrem geknickten Spannleisten lustig getragen. Manchmal blies Arnold unter eine Reihe, um die Wasserzeichen, Netz oder Posthorn, Gummierungsfeinheiten oder die Stampiglie ?Geprüft? einer gro?en Firma zu zeigen – dann drückte er sanft wieder mit weichen Fingerballen die kostbaren Papierchen nieder. Sie waren leuchtend wie sein Ehrgeiz, vielf?ltig wie seine Tr?ume, leicht erregbar in ihren Reihen wie sein junges Gemüt. Seinen einzigen Schatz machten sie aus, beinahe seine Religion. Markensammler zu sein schien ihm, wenn er sich selbst ernstlich bewertete, seine beste Eigenschaft und jeden Burschen, den er kennen lernte, fragte er sofort: ?Was ist mit dir? Sammelst du?? ... An langen Nachmittagen grübelte er über Auswahlsendungen nach, verglich die Vorteile und Preise der heimatlichen Markenh?ndler, studierte Katalog oder Sammlerzeitung, oder er lie? leise Glücksschauer über seinen Kopf kr?useln, indem er sich einbildete, er k?me durch Zufall, Fund oder glücklichen Tausch, zu den gepriesenen Glanzstücken der Philatelisten, Mecklenburg oder Bergedorf, Mauritius, Kirchenstaat, alte Sachsen. Für die kleinen verschollenen Staaten, deren Marken in seinem Album s?mtlich den hochzuverehrenden Vermerk R oder GR trugen, was ?Rarit?t? oder ?Gro?e Rarit?t? bedeutete, hegte er eine schw?rmerische Verehrung, die sich auf ihre l?ngstverstorbenen Regenten und Tyrannen, auf ihre ganze Historie ausdehnte. Schon vor S, das ist: Seltenheiten, erzitterte er in Glücksfieber. Denn seine Sammlung war ja leider, trotz aller Anspannungen und theoretischen Kenntnisse, nur klein ... Allm?hlich erweiterte er sie, übertrug sie, nach Art gro?er Sammler, aus dem festen Album auf lose Pappendeckelbl?tter, gab dann hochmütig die ?Ganzsachen? und alle au?ereurop?ischen L?nder auf. Nur Europa sammeln, das war die Devise eines soliden vornehmen Kenners; diese exotischen Gschnasstückerl sind ja nur sch?n fürs Auge, nichts wert. Mit wachsendem Taschengeld stiegen seine Ank?ufe und so blieben die Marken, zu Zeiten vergessen, dann wieder einmal hervorgeholt und gestreichelt, immer aber wohlbehütet, seine liebste Spielerei bis in die Mannesjahre hinein.

Diese Sammlung führte ihn auf dem Wege des Verkehrs und der allgemeinen Sch?tzungen wieder zu den Kameraden zurück, denen er eine Zeit lang eigensinnig ausgewichen war. Gegen das Obergymnasium hin wurde er wieder kollegialer und bald entwickelte sich als erste Frucht dieses menschlichen Umgangs eine neue Eigenschaft aufs h?chste in ihm ... die unbez?hmbare Schwatzhaftigkeit. Es war, als müsse er für jahrelanges stilles Vorsichhinspielen auf einmal sich entsch?digen. Angepfropft mit Zitaten, mit Bücherereignissen, wie er war, begann er zun?chst in den Pausen, auf den Korridoren vor den Kollegen lange Reden zu führen, in denen keiner ihn unterbrechen konnte, denn er hatte die lauteste müheloseste Stimme, die selbst, wenn er gemütlich sprach, zu zanken und zu drohn schien. Man h?rte ihm in einer Mischung von Spott und Bewunderung zu, wenn er einen Professor mit Don Quixote und die andern mit den Pickwickiern spa?haft verglich. So gezierte ausgew?hlte Scherze klangen allen ungewohnt, ja unbehaglich; da er aber in seinem Eifer die frostige Wirkung, die er hervorbrachte, selbst nicht zu bemerken schien, vielmehr immer in derselben Richtung sich steigerte, sich überbot, berauscht von eigenem Beifall immer freundliche Zurufe der andern um sich zu h?ren glaubte und so sich noch mehr erhitzte, begann er zu imponieren. Jedenfalls bereicherte er den seit langer Zeit festgewordenen Gespr?chsstoff, brachte ein paar neue Redensarten auf. Man ahmte ihn nach, eine Partei bildete sich um ihn. Einige begleiteten ihn t?glich nach Hause. Auf offener Stra?e nun entfaltete sich seine neue Kunst, denn anders als in den ?den glatten G?ngen gab es hier tausend Dinge, an die er seine effektvollen Betrachtungen anknüpfen konnte. Von der Tramway kam er auf Elektrizit?t zu sprechen, brachte verworrenes Zeug vor, das er sich selbst nach wenigen Andeutungen seiner Erfahrung zurechtgemacht hatte und von dem die andern nur wu?ten, da? sie ?das noch nicht genommen hatten.? Wie erbebte er vor Entzücken, wenn ihn nun einer seiner Anh?nger um Erkl?rung einer Sache bat, wie begann er gleich mit sanftem Anstand, ernsthaft, auch wenn er gar nichts wu?te, zu erkl?ren. ?Das ist a sehr einfach? waren immer die ersten Worte. Allen Ernstes glaubte er, da? es nur eines recht guten innigen Drauflossprechens bedürfte, um alle Dinge der Welt klar zu machen. Und wenn er es dann nur aushielt, recht lange bei dieser einen Sache zu bleiben, recht ausführlich und immer verwickelter über sie zu reden, meinte er, seine Aufgabe aufs beste vollführt zu haben. Er glaubte n?mlich, auch in den sogenannten wissenschaftlichen Büchern einigemal bemerkt zu haben, da? das Erkl?ren nur in einem recht langen, mannigfachen und undurchsichtigen Brei bestehe, den man um die Dinge gie?e, und diese Regel bewahrte er als ein Schlauer, der nun dahintergekommen war und der sich von dem allgemeinen Vorgeben nicht mehr t?uschen lie?, wohl im Ged?chtnis. Wenn er aber an seine Kindheit zurückdachte und an die Mühe, die seine Erzieher angeblich mit seiner Wi?begierde gehabt, so lachte er sie noch nachtr?glich aus. Was für Kunststücke! Nur ein wenig Geistesgewandtheit geh?rte dazu und man hatte die ganze Welt in der Hand, wie ein Ausleger die Bibel. – So moralisierte er auch nicht schlecht, hatte Gedanken über den Staat, über Religion, Gott, Theater, Mode, gute und b?se Menschen. Darin vornehmlich war er Meister: wenn er ein Sprichwort irgendwo oder einen Satz aufgegabelt hatte, diesen zum Motto langer Er?rterungen zu nehmen, best?ndig in neuer und überraschender Form zu wiederholen, hin- und herzuschrauben, so da? ohne viel inneres Wissen ein verwunderliches farbenreiches Get?n und Hohlwerk aus gro?artigen Worten entstand. – Widersprach ihm jemand, so kam ihm das gerade recht, denn nun konnte er gar erst mit aller Kraft losbrechen, an die fremden Worte wie an K?hne sich anklammern und sich von ihnen durch das Wasser obenauf mitschleppen lassen. Ganz naiv munterte er auch manchmal solche, die ihm dazu geeignet schienen, auf: ?Du, komm, debattier ein bi?l mit mir.? Und das war ein Herumirren in den Stra?en, ein Begleiten hin und zurück, die Gasse hinunter und nochmals hinauf bis zur Ecke, ehe er nach so einem Schulweg endlich zu Hause anlangte. Gew?hnlich war es eine ganze Gruppe von Burschen, jeder seinen Pack Bücher lose unter dem Arm (denn Riemen oder gar Schutzleder waren als unm?nnlich und schülerhaft l?ngst verworfen), Arnold immer in der Mitte, neben ihm die Bevorzugten, die auch schon etwas verstanden, und an den Seiten unbedeutende Flügelm?nner, die sich abwechselnd immer wieder bis zum Zentrum der Gruppe durchzuquetschen suchten, immer um die Mittleren mit unbeachteten Fragen und unbegehrten Antworten herumtanzten und immer wieder, wie nach einem Naturgesetz, an die kühlen ?u?eren Enden der Reihe gedr?ngt wurden, wo sie gelangweilt mitstolperten. Vor dem Haus sammelte Arnold nochmals alle um sich, gab gleichsam die Parole aus, irgend eine Schlu?pointe, aus dem allgemeinen Lachen aber gerieten die Zurückgelassenen, sobald Arnolds Licht verschwunden war, schnell in die gewohnte Balgerei; ?wo bist du wieder so lange gewesen?? empfingen indessen oben den Helden die besorgten Eltern. – Nicht zufrieden mit diesen Heimschlendereien ging Arnold bald dazu über, die Freunde zu sich zu laden, am liebsten gleich rottenweise, erzürnte die sparsame Mutter mit seinen ewigen Kaffee- und Kuchenbestellungen und gab ihr, da er nicht immer die Saubersten sich aussuchte, Anla? zu h?ufiger Wiederholung ihrer beliebten Gru?formel: ?Guten Tag. Bitte, putzen Sie sich die Stiefel ordentlich ab, aber ordentlich!? Er gründete einen Lesezirkel für die ?Intelligenz der Klasse?, der sich im Sommer als Fu?ballklub fortsetzen sollte; denn Stubenhocker wollten sie ja nicht sein. Da er um diese Zeit mit einigen Genossen das Schachbuch von Dufresne studierte, war man auch von einem Schachklub nicht mehr weit entfernt ... Aber auch sonst noch, auf den Gassen, hielt er die Kollegen fest, führte sie mit sich oder schlo? sich an ihre Besorgungswege an, oft auch setzte er sie in Verlegenheit, indem er aus einer Quergasse wie aus einem Hinterhalt hervorstürzte: ?Da bin ich. Jetzt aber la? ich dich nicht los, ob du willst oder nicht willst. Jetzt bist du mein.? Und z?rtlich eingeh?ngt überstr?mte er den Zuh?rer mit seinen neuesten rhetorischen Eingebungen. Da half kein Abschied, keine Eile, kein Zugvers?umen. Denn es galt ja auch allgemein als interessant, ihm zuzuh?ren, und nur ungern und l?ssig wurden h?here Pflichten gegen ihn geltend gemacht. Bis ins Tor der H?user, bis an die Wohnungstür vor die Glocke folgte er den Geduckten, geschmeichelt Gepeinigten, eifrig redend, nach und es hatte gar nicht den Anschein, als sei er der Spender und gie?e aus seinem Innern etwas in den Krug des andern aus; sondern so war es, als spende der andere, als hinge Arnold mit den Lippen saugend an dem Zuh?rer wie an einem Gef?? mit sü?em Wein, das man von ihm wegziehn wolle und dem er deshalb in Abh?ngigkeit, immer saugend, nachfolgen müsse. Rufend entfernte er sich um einen Schritt, machte aber pl?tzlich noch einmal einen zwei Schritte langen Sprung nach vorn, um aus dem Mann an der Türklinke noch das Anh?ren von sieben oder acht S?tzen auszupressen.

Es konnte nicht fehlen, da? ein Jüngling solcher Vorzüge bald auch echte Freunde an sich zog, nebst dem Schwarm geringerer Mitl?ufer. Der erste, der sich n?her ihm zugesellte, war Philipp Eisig und dieser Seelenbund blieb fest durch viele Altersstufen hindurch, obwohl er nur dem kleinen Zufall das Entstehen verdankte, da? die Eisigsche Familie eines sch?nen Tages übersiedelt war und nun dem Hause Beer gerade gegenüber wohnte. Jetzt war ein st?ndiger Gef?hrte für die Heimwege gefunden – und das genügte als Grundstein einer so langen und folgenreichen Freundschaft, wie sich überhaupt Arnolds Beziehungen oft durch ganz geringe Fügungen und gleichsam ohne seinen Willen anknüpften, in aller Hast. Arnold stürzte sich nun gleich mit wahrer Glut in das neue Gefühl, seine Redestr?me bekamen einen Inhalt, zum erstenmal ein heimliches inneres Zittern zu ihrem glatten ?u?eren Schimmer, enthusiastisch schw?rmte er vom Bund fürs Leben, von Intimit?t und Herzensgemeinschaft, er machte sogar kleine witzige Gedichtchen und ein Akrostichon auf den Namen seines Auserw?hlten. Alles erz?hlte er ihm, was er sich bei allen Gelegenheiten dachte, und sorgsam trug er nach, woran er sich aus der noch nicht gemeinsamen Vergangenheit erinnerte. Offenheit und Mitteilsamkeit waren ihm die selbstverst?ndlichsten Freundespflichten, ja eine gewisse Kühnheit im Aussprechen von Dingen, die man sonst nur mit einer gewissen Scheu nennt, schmeichelte ihm wie ein Opfer, das er dem andern brachte, dem Freunde, der mit seinem gro?en dicken gelben Gesicht still neben ihm ging, schaukelnd über dem breiten Bauch. Denn ein Umstand kam dem Verkehr vornehmlich zustatten: Eisig stotterte ein wenig, daher war es dem lebhaften Arnold leicht m?glich, ihm geschickt in die Rede zu schnellen, w?hrend er selbst in seinem Hinstürmen nie unterbrochen werden konnte. Arnold schien ihn f?rmlich mit seiner Zunge zu regieren, sowie er auch mit den H?nden oft durch einen kleinen starken Ruck dem gro?en, aber haltlos wankenden K?rper des Freundes schnell die richtige Wendung gab, um ihn auf irgend eine flüchtige Erscheinung aufmerksam zu machen oder um ihn in die gewünschte Gasse einzubiegen. Und dieses angenehme Gefühl des sofortigen Befolgtwerdens, der Ungehemmtheit, das er übrigens nicht durchschaute – so natürlich und triebhaft entstr?mten ihm die Befehle – verschmolz ihm in eins mit den z?rtlichen Aufwallungen der ersten Zuneigung, mit den Geheimnissen, die die beiden einander mitteilten, mit dem erhabenen Beispiel von Orest und Pylades, das ihn seit jeher begeistert hatte. Er fühlte sich zu jeder Heldentat bereit, h?tte gern stoisch Folterungen ausgehalten, um den andern in nichts zu verraten. Abends gingen sie manchmal, eingeschlossener trotz der ungleichen Statur und mit seltsam gezwungenem Schritthalten, auf den Feldern drau?en vor der Stadt spazieren, sie starrten in die Sonne oder vom reinlichen Quai hinab in den gro?en tiefen Flu?, dann sprachen sie wieder etwas, und obwohl es nur ein Witz oder Schultratsch war, kam oft eine ahnungsvolle Verworrenheit in ihre Worte, wie Wind in die Seiten einer ?olsharfe, und solche Innigkeit verkl?rte noch ihr geringstes Gespr?ch, da? Arnold nicht selten die Tr?nen in seinen Augen aufsteigen fühlte. Dann wischte er sie mit dem Rock?rmel ab, w?hrend der Dicke in feinfühligem Verst?ndnis sich zur Seite wegwandte, um ihn nicht besch?men zu müssen. Erst zur Nachtmahlzeit schieden sie voneinander und am n?chsten Morgen, w?hrend des Ankleidens, brannte Arnold unb?ndig schon wieder auf die n?chste Zusammenkunft, denn es hatten sich ihm noch am Abend vor dem Einschlafen so viele Dinge aufgeh?uft, die er dem Freund auf dem Schulweg mitzuteilen hatte und die er nun sorgsam ordnete, das minder Wichtige voran, das Sch?nste zuletzt, um alles in der richtigen Reihenfolge und mit der richtigen Wirkung an den Mann zu bringen ... Indessen war Eisig bei all der aufgedr?ngten Schweigsamkeit der überlegene in diesem Verkehr, da er Billard spielen konnte, auch schon hie und da Kaffeeh?user besuchte und den Frauen nicht mehr ganz ferne stand; was alles er dem Mutters?hnchen Arnold binnen kurzem beibrachte. Welch neue interessante Blütenwelt! Arnold war bald bis über die Ohren in sie versunken, bestrebt, den Lehrer wom?glich zu übertreffen. Denn kein Ding machte ihm eigentliches Vergnügen, wenn er nicht andere darin übertreffen konnte. Nur Geld fehlte ihm, Eisig borgte willig die H?lfte seiner Taschenbezüge, was Arnold übrigens als selbstverst?ndlich auffa?te und in Eisigs Lage genau so gemacht h?tte. Dafür half er dem Geliebten bei Hausübungen nach. Eisig war n?mlich einer der Schw?chsten und Faulsten in der Klasse, Arnold natürlich Primus, was ihn jedoch nicht hinderte, auch bei den gr?beren, untergeordneten Naturen, die sonst das Flei?ige und Erfolgreiche hassen, sehr beliebt zu sein, an allen ihren Streichen teilzunehmen und bald sogar ihre Führung an sich zu rei?en, w?hrend er trotzdem bei den Lehrern das Ansehen eines willigen Glanzes behielt.

Besonders schlecht stand Eisig beim Professor des Griechischen, Schleiderer mit Namen, dessen Laufbahn auch sonst von vielen Verwünschungen der unruhigen Schüler widerhallte, als eines unglücklichen Menschen übrigens, der er war. Seine Bosheit war berüchtigt. Und sollte man da nicht wild werden, wenn er dem Eisig die griechische Schularbeitstheke sü?l?chelnd mit den Worten reichte: ?Eisig Philipp – diesmal etwas besser gearbeitet. – – Nicht genügend?. Eisigs gew?hnliche Note bei Schleiderer war n?mlich ?Ganz ungenügend? ... Da trat Arnold als Vertreter eines Gedankens auf, der schon lange ungesprochen durch die Klasse gebebt hatte: ?Wir müssen einen Anti-Schleiderer-Verein gründen!? Der Name machte allen alles klar, nun wurde die l?ngst vorbereitete Bewegung grausam organisiert und als alleiniger Zweck des Vereins wurde die Losung ausgegeben: den Schleiderer heraus- oder totzu?rgern. W?hrend aber die schlechten und eingeübten Randalierer zu unfeinen Mitteln, wie: Knallerbsen, Stinkbomben – rieten, war Arnold erfinderisch. Er leitete es ein, da? einmal w?hrend der Griechischstunde hier und dort einer von seinem Platz aus langsam und allm?hlich sich erhob, das Buch in der Hand, an verschiedenen Stellen der Klasse, so da? es zun?chst nicht auffiel. Die ?ngstlichen standen in geknickter Verrenkung, als sei ihnen nur das Sitzen für ein Weilchen unbequem geworden und als wollten sie sich in halb aufrechter Stellung ein wenig ausruhn; andere hielten ihre Hefte oder Bücher dem Lichte zu, als h?tten sie unten nicht Licht genug für ihre Arbeit; manche kratzten sich, wie geistesabwesend, verlegen in den Haaren. Unbemerkt standen nun andere wieder auf, immer mehr, bis entsetzt der Professor pl?tzlich die ganze niegesehene Ver?nderung r?tselhaft aufgestellter, gleichsam gespensterhafter Schülerreihen vor sich hatte. – Oder er gab das ?B?nkerücken? an; langsam schoben die in der ersten Bank ihre Sitze vor, die n?chsten folgten, m?glichst ohne Ger?usch, nur ein kleines Knarren oder Seufzen des Holzes manchmal, angestrengt arbeitete die ganze Klasse dem gemeinsamen tückischen Ziel entgegen, keiner pa?te auf den Homer auf, den der Professor wie über aller K?pfe und Ohren hinweg in die Luft vortrug, – und schlie?lich erschreckte den nichtsahnenden Feind wieder ein so ungewohnter Anblick, als er vom Katheder herabsteigen wollte und keinen Zwischenraum wie sonst zwischen dem Podium und der ersten Bank vorfand, da die B?nke bis an die Erh?hung, wie Belagerer, vorgerückt standen. Und alle machten ein m?glichst unschuldiges dummes Gesicht dazu, ja sie schienen nicht einmal etwas Auffallendes zu bemerken, so da? sein Blick ratlos an ihren kalten teuflischen Gesichtern hin wanderte. – Oder die Derbsten in den letzten Flegelb?nken rauchten gar – auf Arnolds Anreiz –, verborgen hinter Büchern, bliesen den Rauch in ihre Hüte, die sie immer wieder sorgf?ltig umklappten, bis endlich diese Sammelbüchsen voll waren und nun schlugen sie sie um, da? ein wei?es dampfendes Gew?lk unbekannten Ursprungs langsam zur Decke emporstieg, eindrucksvoll qualmend wie zum Aktschlu? einer Zauberposse ... Jetzt war Arnold Liebling und Stolz der Klasse; und immer noch brav, immer noch: ?Sittliches Betragen: musterhaft? auf dem Zeugnis. Der Verein h?tte ihn aber doch vielleicht entschiedener in den Unfug gezogen: da ereignete es sich eines Tages, da? Professor Schleiderer, der Verha?te, wie von selbst auf der Schlo?treppe hinstürzte und sich den Sch?del brach. War es Wahnsinn? Selbstmord? Niemand erfuhr es, auch in der Folge nicht. Die jungen Sieger aber standen nicht an, dies als Folge ihrer gutgelungenen sinnverwirrenden Qu?lereien zu erkl?ren und an demselben Tage ein fr?hliches Zusammentreffen in der Eisigschen Wohnung einzurichten, das ohne Reue als eine Art von kannibalischem Triumphfest geplant war, in das sich aber unvermerkt mit immer bedenklicheren Reden und gar nicht mehr knabenhafter Unfrische ein geheimes Todesgrauen einzuschleichen begann – viele von den Burschen hatten überhaupt noch nie einen Todesfall in ihrer n?heren Umgebung erlebt – und das schlie?lich ganz appetitlos, ernsthaft, ja mit dem Entsetzen, das in Erfüllung gegangene Flüche und Orakel umwittert, und in Angst vor allen unberechenbaren Zuf?llen des Lebens zu Ende ging – des Lebens, das auf alle diese Kinder drau?en lauernd wartete.

Die Mutter sah es nicht gern, wenn ihr Arnold in das Eisigsche Haus hinüber ging. Das ganze Treiben dort gefiel ihr nicht. Schon den dicken Philipp mochte sie nicht besonders leiden und ermahnte ihn immer, wenn er sie verlegen anstotterte: ?Langsam sprechen, nur hübsch langsam?, sie hegte n?mlich den Wahn, da? alle Krankheiten und üblen Zust?nde, die sie nicht verstand, nur schlechte Gewohnheiten seien ... Arnold aber, der gemach in das Alter kam, in dem man die Freunde über die Eltern setzt und überhaupt die Ansichten der Eltern mit einigem Trotz und Mi?trauen prüft, ging nun erst recht zu Eisigs. Dort konnte sich ein gewisser toller bubenhafter Zug seines Charakters zu üppiger Entwicklung durchringen, dort hatte alles einen Strich von ungebundener R?uberromantik, schon die ungeheuerliche Unordnung und Verwüstung in den gro?en hohen, dabei nicht hellen S?len des alten Geb?udes: all dies mit der ordentlichen Sparsamkeit zu Hause kontrastierend ... Die Eisigskinder, fünf S?hne recht verschiedener Altersstufen, bekamen alles, was sie nur wünschten, in Verschwendung, sie hatten, au?er dem besonders auffallenden Billard, in ihrer Wohnung eine Laterna magica, ein herrliches Puppentheater mit zahllosen Kulissen, Turnger?te, s?mtliche B?nde von Jules Verne, Gerst?cker und Karl May, und überdies durften sie nach Herzenslust alles zerrei?en, verborgen und verbrauchen, wobei ihre lustigen Eltern noch spitzbübisch mitlachten, w?hrend bei Beers alles abgezirkelt und wie am Schnürchen gehn mu?te. Schon da? die Eisigsjungen fünf waren und so mannigfache Talente – einer konnte Karikaturen zeichnen, einer photographierte, einer konnte mit dem Mund das Ger?usch einer S?ge nachmachen u. s. f. –, mu?te dem einzigen Sohn Arnold imponieren. Welche Kombinationen gab es da, welche von altersher eingelebten Scherze und Neckereien, welche Wirkungen vereint und gegeneinander, und wieviel Gerümpel und altes Spielzeug, da jeder von den ersten Jahren an seine eigenen Sachen hatte! Besonders aber fand Arnold an dem ?ltesten Gefallen, an dem Herrn Gottfried, der allerdings, wie er sich recht wohl eingestand, eigentlich ?noch nichts für ihn war?, der ihm aber trotzdem hie und da ein Stündchen traulichen Geplauders gew?hrte, in unbegreiflicher Herablassung. Arnold bewunderte den Studenten schrankenlos, der, wie er h?ufig erkl?rte, die Schauspielerei studierte, eigentlich schon alles irgendwie N?tige gelernt hatte und nur vorl?ufig, da er ohne Engagement blieb, Gedichte ?im modernsten Genre? schrieb, selbst verfertigte Verse, die sich nicht reimten und in denen h?ufig Worte wie ?Glast, Sehnsüchte, kranke Finger, geistern, Silber, Onyx, Chysopras? vorkamen. Gottfried rezitierte sie selbst gelegentlich im Familienkreise und vor G?sten, nicht ohne Anflug eines kleinen Familien-Stotterns ... O hier gab es Anregung, hier waren die neuen Sachen, hierher verlegte Arnold bald das ganze Leben seiner freien Zeit, und da schlie?lich das Etablissement Eisig als gewaltiges Hutexportunternehmen in ansehnlicher Blüte stand, hatten die Eltern Beer nach n?heren Erkundigungen gegen diesen Umgang im Grunde nichts mehr einzuwenden.

Eisigs besa?en auch einen Fu?ball. Dieses an K?rperinhalt so geringfügige Ding bewirkte, da? für Arnold eine neue ?ra und Leidenschaft anbrach, ein Fu?balljahr ... Schon vorher hatte er das Spiel geliebt, das als ?roh und gesundheitssch?dlich? von der Schule aus und gleichfalls von den Eltern verboten war. Man wies gern auf Unglücksf?lle hin, man las den Kindern aus der Zeitung vor, da? der oder jener hoffnungsvolle junge Mann durch einen unglücklichen Fall oder gar infolge eines Tritts beim Fu?ballspiel unheilbaren Schaden genommen hatte. Indes verkl?rten solche Nachrichten in den Augen Arnolds den gef?hrlichen Sport, munterten ihn nur auf, und obwohl man ihm strafweise das kleine Taschengeld entzog, wu?te er sich doch immer wieder einen Ball zu verschaffen und eilte dann mit Gleichgesinnten in den Stadtpark, um sich für zwei, drei Stunden am ?Kicken? und ?Rempeln? gütlich zu tun. Im Stadtpark drohte freilich eine neue Gefahr, denn dort war auf allen Wegen das Fu?ballspiel ebenfalls verboten, und wenn die Buben mit glühenden Wangen gerade im besten Laufen waren, erschien manchmal der Parkw?chter mit Tschako und S?bel, ein alter Mann, ergriff wortlos den rollenden Ball, den Puls des Spieles, den Ball, den man mit so viel Schwierigkeiten einem M?derl abgeschwatzt oder irgendwo gestohlen hatte, und steckte ihn, den teuren Ball, in die Tasche, worauf er wortlos hinter den Gebüschen wieder verschwand; denn mit den unverbesserlichen Sportfreunden zu zanken oder ihnen die Vorschriften einzusch?rfen, hatte er l?ngst wegen Aussichtslosigkeit aufgegeben ... Man w?hlte daher, um vor seinen r?uberischen überf?llen sicher zu sein, gern die Abendstunden, in denen er seine Rundg?nge nicht mehr so eifrig einhielt und die auch alles leicht verhüllten hinter Nebeln über den Wiesen und langen Schatten. Dann tauchte die Gesellschaft vorsichtig auf, ganz nach Art verfolgter Gottesdienste im Anfang einer Religion wurden abgelegene Pl?tzchen ausgesucht, Vorposten ausgestellt, ?ngstlich wurde das Heiligtum, der Ball, hervorgeholt, doch erst, wenn alles sicher schien. Dieser Ball ... o mit welchen bejammernswerten Surrogaten mu?ten sich die Enthusiasten manchmal begnügen. Einmal war es ein leichter roter Gasballon, der zu hoch sprang und der die ganze wohlgeübte Fu?technik der Mannschaft st?rte, einmal ein gro?er, ganz weicher, mit kindischen Bildern, dann ein kleiner billiger wei?er Gummiball, der jeden Moment ins Buschwerk lief und kaum mehr aufzufinden war, ein anderes Mal hatte der Ball schon Luft verloren, das hei?t er bekam an einer Seite eine kleine r?tselhafte Einsenkung – und mochte man ihn nun streicheln und drücken, wie man wollte, mochte man mit aller Vorsicht die Vertiefung langsam in weicher Hand aufzurunden suchen, immer zeigte sich die tückische Grube an einer anderen Stelle, immer wieder genau so tief wie vorher, eher noch tiefer. War einmal ein Ball so weit, so war er unrettbar verloren. Man erkannte das an seinem hohlen scheppernden Ton beim Laufen, man konstatierte es mit einem wahren Todesschreck in den Gliedern. Denn nun war das richtige Vergnügen vorbei. Trotzdem h?rte man natürlich nicht auf zu spielen, wenn auch der Ball nur schlecht sprang und von der graden Bahn abwich. Einige Künstler behaupteten sogar ganz stolz, sie spielten nicht ungern mit so einem zerkickten Balle, denn sie k?nnten seine ?F?lsche? berechnen. Indes vergr??erte sich unaufhaltsam mit jedem Sto? der Fehler, schlie?lich hatte sich die Senkung über die halbe Fl?che schlapp ausgebreitet. Doch nicht einmal das war ein Hindernis. Man schob nun den Ball zusammen, machte eine hohle Halbkugel aus ihm, einen Klumpen und in diesen überrest stie? man eifrig, trug ihn mehr auf der Fu?spitze als man ihn warf, verzichtete auf jede Elastizit?t, auf den Fernkampf, so da? das Spiel endlich in Nahkampf d. h. in eine Prügelei ausartete ... Primitiv wie der Ball war auch das Goal eingerichtet, zwischen zwei B?umen, die man durch eine mit dem Stiefelabsatz gezogene Linie im Sand verband. Fehlten die B?ume, so legte man Kleider in zwei Bündeln auf die Erde und bestimmte die Linie zwischen ihnen als Goal, wobei dann allerdings die Streitfrage entstand, ob es als Goal zu betrachten sei, wenn der Ball über die Kleiderbündel fliege oder sie streife. Man nannte das ?Stange?, denn die R?cke vertraten ja die Goalstangen, und bel?stigte nun die ?lteren Spieler, sogar die Sportzeitungen mit diesem Problem. Und nun gar, wenn es immer dunkler wurde, wer konnte noch entscheiden, ob ein Schu? richtig getroffen hatte oder nicht! Man spielte einfach in die Nacht hinein, erstickend, keuchend, man bewegte sich, es galt auszugleichen oder den Sieg zu entscheiden, in h?chster Spannung und Anstrengung – und dabei mu?te man sich zurückhalten, durfte nicht schrein, nicht anfeuern und jauchzen, alles mu?te lautlos vor sich gehn, sonst h?tte man sich dem W?chter verraten. Erst bei v?lliger Finsternis h?rte man auf. Die Feinde und Freunde hinkten nach Hause, hungrig, durstig, zerschunden – das aber fühlten sie nicht – nein für Arnold, wie für alle, lag ein sü?er Zusammenhang zwischen ihrer Abgeschlagenheit, dem Schwei?, den Schuhtritten, die sie an ihren Waden schmerzten, an den Schienbeinen, l?ngs derer vielleicht ein gegnerischer Schuhabsatz herabgeglitten war oder sich eingehackt hatte, da? innen die Sehnen brummten, zwischen all dem und dem sü?en Fliederduft des Parkes, dem n?chtlichen Blühn und einem leisen, eben entschlafenden Vogelgezwitscher – o ein Zusammenhang, in dem diese Knaben st?rker als jemals ihre Jugend und die heldenmütige Kraft des Blutes und eine sich weitende Freude spürten bis an das schwarze Himmelsgew?lbe hinauf. Sie marschierten in die Gassen hinein, sie fürchteten sich nicht vor den Eltern, nicht vor der morgigen Schularbeit, sie summten ein Lied. – So weit stand die Sache, als Arnold mit Eisigs n?her bekannt wurde. Damit erhielt er pl?tzlich, nach all den dilettantischen Versuchen, Anteil an einem Fu?ball, an einem wirklichen englischen Fu?ball, der seine hohe Verehrungswürdigkeit schon dadurch bekundete, da? er wie ein belebtes Wesen eine ?Seele? besa?. Nun überstieg die Fu?ballbegeisterung alle Grenzen. T?glich nach der Schule zogen die fünf Eisigs mit Arnold auf die Wiesen, drei gegen drei teilten sie sich dort und los gings. Nicht genug damit, man übte auch in der kurzen Zeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht, und da war der gro?e Hof im Eisigschen Haus der geeignetste Platz dazu, dieser Hof mit seinen Kisten, Handkarren, Holzschuppen, alten B?umen, Kellertüren, dieser Hof in glühender Mittagssonne. Nichts konnte die Passionierten abhalten, nicht, da? der Hof gepflastert war und daher jedes Hinstürzen hart spüren lie?, auch nicht da? der Ball einmal bei einem Hochkick ein Fenster im ersten Stock zerschmetterte, was zu gro?en Mi?helligkeiten zwischen Papa Eisig und seinem Mieter führte. Es wurde nur einfach ausgemacht, von nun an keine Hochkicks mehr zu machen. Und unverdrossen kroch man zwischen F?ssern durch, wenn der Ball sich zwischen sie verloren hatte, kletterte ihm nach durch die Fenster in die versperrten Keller und Schuppen, breitete sich immer weiter aus, spielte bei Regenwetter im Vorzimmer der Wohnung, zerbrach Lampen und Spiegel, umging immer wieder die elterlichen Verbote. Ja man ging zum Angriff auf ihre Herzen über, suchte sie für den Fu?ballsport zu gewinnen, indem man sie überredete, Sonntags sich einmal ein Wettspiel anzuschaun. Unterwegs wurde ihnen alles auf das Fachlichste erl?utert: die Aufstellung, Goal, Hand, Ecke, der Elfjardsto?, die R?tsel des Offside. Angesichts des Spieles machte man sie auf hygienische Nützlichkeiten aufmerksam, zog die Olympischen Spiele der Griechen zum Vergleich heran, deutete auf die moralischen Werte gerade dieses Sports hin, der es dem einzelnen verbiete, ?egoistisch? zu spielen und das Gesamtinteresse seiner Partei auch nur einen Moment aus dem Auge zu lassen ... Um diese Zeit erschien zum erstenmal eine englische Mannschaft in der Stadt. Es war eine Umw?lzung! Man hatte ein ganz neues Zusammenspiel zu erlernen, das Zuspielen auf der Erde, Kopfst??e. Die sechs Helden trainierten unverdrossen, jeder mit dem festen Vorsatz, ein Champion zu werden. Sie kannten alle Wettspielresultate der letzten Jahre, alle Meisterschaften auswendig, sie umgaben die berühmten Spieler mit schw?rmerischer Verehrung. Sich selbst photographierten sie im Hof, in verliebten Stellungen, mit dem Ball im Arm, oder in gestellten Gruppen, wie einer dribbelte und den Gegner dabei ?t?uschte? oder wie er im letzten Augenblick ?rettete? oder wie er im Goal dem Schu? entgegensah, die H?nde auf den Schenkeln, den Kopf gesenkt mit sp?hendem Blick. Sie schafften sich ?Treter? an und hatten dabei ein an Verbrecherlust grenzendes Gefühl von Grausamkeit und Mut. Ihr Traum war, sich zu einer Mannschaft auszubilden und siegreich den Kontinent zu bereisen ... Arnold hatte sich unbestritten zum Kapit?n aufgeworfen. Er trug auch immer den Ball zum Spielplatz, was ein besonderes Ehrenamt war und au?erdem dem Tr?ger Gelegenheit gab, schon unterwegs einige Kicke in den Ball zu tun. Dies jedoch wurde ihm von den andern stets mit lautem eifersüchtigen Geschrei untersagt. Es war verp?nt. Der Ball sollte getragen, aber nicht gekickt werden. Auf das Kicken behielten sich alle das gleiche Recht vor und wachten streng darüber, so überirdisch schien ihnen dieses Vergnügen, dieser geschickte Ansto? an die st?hlern klingende Rundung, diese Kraft und Richtung ... Ging Arnold allein durch die Gassen, so phantasierte er sich auch stets einen Ball vor die Fu?spitzen, den er kunstvoll lenkte und an den Spazierg?ngern knapp vorbeitrieb. Das war seine liebste Unterhaltung. Und abends konnte man ihn wild, die Mütze in der Hand, durch leere Gassen rennen sehn. Dann war er in seiner Vorstellung mitten im Wettspiel, drau?en auf dem rechten Flügel Forward – dies war sein Posten, wenn er mit Eisigs spielte –, dann überholte er Feinde, die mit ihm zurückliefen, wich den Mittelstürmern, die ihm entgegenkamen, gewandt aus. Seine ganze Mannschaft sah er im gleichen Tempo mitrennen, über das grüne Feld hin wie einen riesigen F?cher, der sich verl?ngert, sah aller Augen auf sich gerichtet, denn er hatte den Ball, – knapp an der wei?en Outline lief er, w?hrend das Publikum mit ?Hipp, hipp? ihn anspornte und erregte K?pfe über die Holzstangen ihm sich nachbogen – sah sich als Teil eines Ganzen, als Anführer, all dies in wenige Sekunden zusammengepre?t – endlich spielt er den Ball in die Mitte, der Centre hat ihn und l??t ihn mit der Wucht beinah eines senkrechten Falles durch das feindliche Goal in das heftig aufzitternde Netz stürzen, ... w?hrend der tapfere unegoistische Flügel langsamer heranl?uft, alles überblickend. Und nun wird applaudiert, es rauscht, es schreit. Sieg! Sieg!

Eine Zeit lang verkehrte Arnold mit niemandem als den Eisigbuben. Bald aber wuchs sein Bekanntenkreis und wurde schlie?lich ihm selbst unübersehbar und unheimlich. W?hrend er in der Schule voran blieb, ?ffentlich und im Geheimen, auch in der Kommerskassa zum Obmann anstieg, die Kneipzeitung nicht nur redigierte, sondern auch auf einem selbstgekochten und selbst in die Blechpfanne eingegossenen Hektographen abzog (welche Schmerzen, wenn schlie?lich mitten in der immer dünneren und durchscheinenderen Masse der Blechgrund durchsah oder wenn die Gelatine in kleinen Kandiszuckertr?pfchen an die feuchten Abziehbogen abbr?ckelte), w?hrend er sogar eine kleine verbotene Lotterie für die Maturakneipe unter den Kameraden und deren m?glichst weit herangegriffenen Angeh?rigen veranstaltete, begann er doch auch noch au?erdem ein schwungvolles Privatleben zu führen. Gottfried Eisig, der Schauspieler, brachte ihn in eine Gesellschaft von Konservatoristen, in dunkle Hofzimmer, wo es von Violinskalen und N?sse seufzte; bei einem von ihnen, Waldesau, der durch besondern Ernst ihn ansprach, lernte er mit rei?enden Fortschritten Klavier. Nebstbei trat er in einen Tennisklub ein und erw?hlte auch dort, in der vornehmen Welt, seine Freunde. Dies alles steigerte sich noch, als er nach glücklich mit allgemeiner Auszeichnung abgelegten Prüfungen die Hochschule bezog. Eigentlich sollte er in das Gesch?ft seines Vaters eintreten, doch zog er dies durch unschlüssiges Studium und Berufsprobieren noch einige Jahre hinaus. Er inskribierte dort und da, klaubte aus allen Gegenst?nden die üppigen Mandeln heraus, lie? sich von Gef?hrten zur rechten und zur linken Seite bald in die ?gerichtliche Medizin?, bald zu ?Experimentalphysik? oder ?Sanskrit? oder den ?Versma?en des Horaz? ziehn. Er gewann zu ganz intimen Brüdern: L?b, den sachlich strebenden Bakteriologen, der zun?chst im Schul-Mikroskopieren, bald auch mit eigenen Ideen Geschicktes leistete – ferner den ruhigen kleinen Krause, der mit Jusstudium eine gründliche Erforschung des jüdischen Wesens und zionistische Propaganda verband. Arnold selbst trat einem deutschen Studentenverein bei und war dort eine Zeit lang der Vertraute des in politischen Dingen jugendlich-energischen und wohlvertrauten Technikers Grünbaum. Grünbaum nahm Malstunden, natürlich teilte sie Arnold mit ihm ... Das Seltsame nun bei diesen nach allen Seiten umsichgreifenden Beziehungen war, da? Arnold mit Sicherheit für jeden seiner Freunde den richtigen Ton traf, da? er niemals dem Waldesau, sondern immer nur dem eleganten Preisruderer Bobenheim unanst?ndige Witze erz?hlte, da? er mit Grünbaum ebenso schw?rmerisch von Rodin, wie mit L?b von ?Ehrlich 606? sprach, und wieder da? ihm Professor Ehrlich für L?b den gro?en Arzt und für Krause den gro?en Juden bedeutete ... Natürlich war er l?ngst klug geworden und hatte die schwadronierende Art seiner Gymnasiasten-Reden l?ngst aufgegeben; aber die pr?chtige und beflügelte Sprechweise, der str?mende Schwall von Ideen, der auch den H?rer in einen Zustand angenehmer Leichtigkeit versetzte, war geblieben. Hierzu gab nun sein wirklich übermenschlicher Eifer in allen Bestrebungen, der Mut, mit dem er immer seine ganze Person, seinen edelfunkelnden Geist einsetzte, mit dem er immer furchtlos sofort das Herz der Probleme attackierte, all diese Zauberei einer schnellen Auffassung und eines unverwüstlichen Ged?chtnisses – gab Untergrund und Quadersteine für blendende Bauwerke ... Kein Wunder, da? ihn alle Freunde für ein vielseitiges Genie hielten. Als bedeutender oder, wie man unter ?ltern Leuten sagt, als ?gescheiter? Mensch war er allgemein bekannt. Er war jetzt von ziemlich gro?er Statur, seine Augen lagen unter hohen Knollen der trotzdem freundlichen Stirne, in tiefen bl?ulichen H?hlungen also, aus denen sie wie schattige Gebirgsseen, klar und doch von unergründlicher F?rbung, hervorsahn. Diese gro?en verfinsterten Fl?chen teilten zugleich mit dem Nasenschatten, der über der glattrasierten Oberlippe spielte, mit den wei?en ebenm??igen Wangen sein Gesicht überblickbar ein, machten es leicht einpr?gsam. Dazu der flache breitgerandete Strohhut, der niedrige Umlegkragen, dem der Hals frei und künstlerhaft entstieg, der weite gutgeschnittene überzieher – und die markante Pers?nlichkeit, der angesehene Mitbürger war beinahe fertig ... Auf solche ?u?erlichkeit, die sich ja mit der Zeit von selbst einstellte, gab jedoch Arnold wenig; sein Flammenstreben richtete sich vielmehr nur darauf, mit jedem einzelnen der Freunde zu wetteifern und alle zu überflügeln. Er stieg einfach in alles hinein, ohne Berechnung, aus purer Lust. Wenn L?b zu wissenschaftlichen Lektürzwecken Englisch und Franz?sisch erlernte, so begann er gleich noch Italienisch dazu. Las Krause die Bibel im hebr?ischen Urtext, so verschaffte sich Arnold schon Auszüge aus dem Talmud.

Dies jedoch h?tte die Verehrung, die ihm diese so verschiedenartigen jungen Leute zollten, noch nicht erkl?rt. Es mu? noch gesagt werden, da? er alle nicht nur begleitete, sondern auch stie? und antrieb und tr?stete. Tr?stete, indem er sie stie? – nirgends Schwierigkeiten sehend und mit der ihm angeborenen nebelhaften Energie gleich nach Erfüllung aller Wünsche langend. Es war eben seine eigentümlichste Eigenschaft, da? er, in Gesellschaft mit einem Freunde, ganz und freudig erfüllt von dessen Liebhaberei, unter allen Umst?nden weiterdr?ngte und in hellstem Optimismus sich und den andern für f?hig zu allem hielt. War etwas in den Lehrbüchern beiden unverst?ndlich, so war es falsch, eventuell ein Druckfehler. Stimmte eine Theorie nicht zu eigenen Beobachtungen, so verwarf er jedesmal ohne Gewissensbisse die Theorie, niemals die noch so flüchtige Beobachtung ... So kam es, da? er überall nichts als Reformbedürftigkeit sah. Die Philosophie sollte von Grund aus umgeformt werden, die Physik war l?cherlich, die Welt des ?ffentlichen Lebens beruhte ebenso auf falschen Prinzipien wie das Rudertraining. Wieviel gab es da zu arbeiten, wie zum Verzweifeln wenig war eigentlich fertig! Und wie sch?n war diese Verzweiflung!... Arnold hielt sich nie mit Details auf, nur die gro?en Grundideen warf er über den Haufen und schrie: ?Das ist überwunden. Da mü?te so und so weitergebaut werden!? Mit erhobener Hand stand er über den Freunden, die in ihrem mühsamen ehrlichen Kleingewerbe befangen den gro?en Zug verlernt hatten und gern den frischen Hauch so freimütiger Weltgedanken h?rten, wenn sie auf dem ersten Schritt zu diesem Luftzug hin über irgend ein ernsthaftes Kramzeug stolperten. Hatten sie aber auch nur einen kleinen vorsichtigen Schritt nach vorn getan, gleich war Arnold da und lobte, nannte das eine ?tüchtige Leistung? und lie? das Kommende hochleben. Er verstand sich besonders darauf, gut und einschmeichelnd zuzuh?ren; und dies wieder, weil er das Zuh?ren nicht affektierte, sondern weil er ernstlich glaubte, von seinen in die Spezialstudien detachierten Freunden die reinste Essenz der Wissenschaft einziehn zu k?nnen, die fertigen Resultate, zu deren Erarbeitung er selbst keine Zeit hatte. So sa? er and?chtig, behielt immer die Einteilung ihrer ganzen Arbeit sicher im Kopf, wu?te, wie weit man neulich gekommen war, konnte durch Ausbessern kleiner Flüchtigkeitsfehler oder Dispositionsabweichungen seine Aufmerksamkeit wohltuend dem andern beweisen ... Natürlich war er nicht so unliebenswürdig, mit der Türe ins Haus zu fallen, sondern nahm auch an den Familienverh?ltnissen der Freunde einen Anteil, an ihren Liebschaften und Verdrie?lichkeiten. Immer aber wu?te er, ihre fortschreitenden Fachkenntnisse und die besondere Richtung ihres Denkens als das Wichtigste an ihnen und an ihrem Verkehr mit ihm zu behandeln, wie es ja seiner überzeugung entsprach, auf diese Facharbeit kam er nach jeder Einleitung zu sprechen, und da die Freunde bald merkten, da? aus ihrer Umgebung nur er stets und wirklich aus dem Herzen auf dem bestand, was sie selbst als das Edelste an sich, wenn auch manchmal als etwas Unbequemes, ansehn mu?ten, zogen sie ihn bald allen übrigen Kameraden vor. Zumindest hatte er eine Sonderstellung. Man plauschte mit ihm, aber es war kein leerer Zeitvertreib, es war eine Anspannung, seinem impulsiven Andrücken immer genügen zu k?nnen, man mu?te sein Bestes geben. Abschweifungen in andere Gebiete lehnte er ab, indem er sich pl?tzlich (und ebenso ehrlich wie vorher interessiert) uninteressiert verhielt. Solche Laienhaftigkeit schien er nur sich selbst vorbehalten zu haben ... Doch arbeitete er auch selbst, vertiefte sich manche Tage lang in irgend eine Frage, die ihm im Gespr?ch mit einem Freunde gekommen war, schrieb er ein paar Klavierstücke, einen ?Abri? einer neuen Werttheorie?, einen ?Entwurf zur Kritik Spinozas vom Standpunkte der Rasse aus? – lauter kleine Heftchen, vollgeschmiert mit flüchtigen, oft klecksartigen Schriftzeichen, Abkürzungen, Symbolen – und mit gro?em Vergnügen las er dann die noch unfertigen Darlegungen dem betreffenden Freunde vor, für den er eigentlich die Arbeit unternommen hatte. Das Vorlesen war n?mlich das Ziel der ganzen Arbeit; Arnold arbeitete mit Unlust und Ungeduld, unter tausend Ablenkungen, und was ihn w?hrend dieser Mühsale emporhielt, war nichts anderes als der Gedanke an die herannahende geisterfüllte Vorlesestunde. Und war sie da, dann erschütterte die Leidenschaft sein blasses Gesicht, seine zuckenden H?nde mit aufschie?enden Blutwellen, dann erst begann seine eigene Arbeit ihm sich zu f?rben und zu beleben, dann schrie er in melodischen Akzenten, hielt nur still, um neue Ausblicke einzufügen, entschuldigte sich, da? dies ja noch nicht die endgiltige Fassung sei, man m?ge mehr auf die Absicht sehn als auf das, was wirklich dastehe, schlo? dann mit leuchtenden Augen in einer ausführlichen Skizze, was und wie es nun weiter zu machen sei: ?also, lieber Krause, das überlasse ich jetzt dir. Da leg dich hinein und schau, da? was draus wird. Es ist ja so einfach ...? – Wie er aber selbst gern vorlas, so verlangte er auch von den Freunden rückhaltlos die Produkte ihrer T?tigkeit, selbst wenn diese mutlos und schamhaft lieber ihre halbausgereiften Pl?ne verborgen h?tten. Er brach in ihre Schreibtische ein, er zwang sie durch flehentliches Bitten, ihm doch etwas, was sie gerade im Kopf w?lzten, zu erz?hlen. Da? sie in der letzten Zeit nicht gearbeitet h?tten, lie? er einfach nicht gelten. Ausreden wie: Zweifel an ihrer eignen Tüchtigkeit, Unwohlsein, Müdigkeit – schob er mit burschikosen Flüchen weg. Schlie?lich sch?mte man sich, mit leeren H?nden vor ihm zu erscheinen. Arnold verlangte einfach, da? rings um ihn geleistet wurde; als h?tte er selbst das dunkle Gefühl, da? er für seine Person mit seiner Zersplitterung nichts Nennenswertes hinterlassen würde, suchte er seine Spannkraft wenigstens durch das Medium anderer Gehirne hindurch wirken zu lassen. Der starke Wille, der in ihm lebte, in ihm selbst unfruchtbar, wurde auch tats?chlich die Stütze und der Sauerteig vieler Arbeiten seiner Freunde. Der verwickelte Ausbau seiner vielfachen Bedürfnisse und natürlichen Triebkr?fte stand wie ein Turm da, an den sie sich lehnten ... Waldesau zum Beispiel, der Musiker, der in einem best?ndigen Ekel vor sich selbst lebte, gestand oft, da? er keine Note schreiben würde, wenn ihm Arnold nicht immer wieder mit kollegialen Schimpfreden den Teufel aus dem Leib triebe. So aber lieferte er Kompositionen, Lieder und Sonaten, die zwar er selbst erb?rmlich, verbrecherisch fand, die aber das enthusiastische Lob nicht nur Arnolds, auch ?lterer Musikkenner hervorriefen.

Arnold ging weiter. Er liebte es – all dies instinktiv, nicht aus überlegung – seine Freunde, die einander noch nicht kannten, mit einander zusammenzubringen, falls er sich davon gegenseitige Anregung und F?rderung ihrer Arbeiten versprach. Er hatte seine Freude an den neuen Konstellationen, er verfolgte mit einer Art von Z?rtlichkeit die weitere innige Verflechtung der F?den, die er selbst neben einander gelegt hatte und die jetzt ohne ihn lustig und oft mit einer in seinem Ansto? gar nicht zu ahnenden Bedeutsamkeit sich fortspannen. Zu vielen tiefgreifenden Beziehungen legte er so den Grund, nur selten tat er einen Mi?griff. Kein Wunder, da? ihn Liebe und Begeisterung der ganzen Gruppe, die er so hübsch organisiert hatte, umgab. Selbst der spitzige vielüberlegende Grünbaum, der jede k?rperliche Berührung mit Menschen scheute, drückte ihm w?rmer die Hand. Alle fühlten, wenn auch undeutlich, da? die zartgebauten Wurzeln ihres Daseins aus den str?menden übervollen B?chen dieses Verschwenders immer neue Bew?sserung zogen und da? dabei gar kein Schwindel oder eine Willkürlichkeit Arnolds mitspielte; da? vielmehr dies alles nach Naturgesetzen so geschehn mu?te – und gerade dieses Unbedingte, Automatische, Gesetzm??ige war die Ursache, aus der man ihm vertraute, ihm doppelt verpflichtet war ... An seinem Geburtstage empfing er nun auch glühende Briefe sonst ruhiger Genossen, Danksagungen in klugen, nicht allt?glichen Worten, selbst Geschenke, und wiewohl er selbst sich der Repr?sentation so au?ergew?hnlicher Beliebtheit nicht ohne Würde und Rührung unterzog, sagte er sich doch auch manchmal, da? es eigentlich komisch sei, wie selbstverst?ndlich er diese Opfergaben, den Tribut gleichsam, einkassierte. Er selbst schenkte keinem seiner Freunde etwas zum Geburtstage; das fiel ihm auf, die andern schienen es selbstverst?ndlich zu finden. Es beunruhigte ihn ... überhaupt wurde ihm, wenn er einmal allein mit sich zu Rate ging, nicht wohl nach all dem metallischen Get?se rings um ihn. Kam er zur Ruhe, so fand er, da? er eigentlich nichts zu Ende führte und nichts ganz von vorne begann. Eine beklemmende Traurigkeit legte sich auf seine Lunge. Was interessierte ihn eigentlich? Was wollte er auf der Welt? Was hatte er geleistet? Da? er der Gschaftlhuber nicht war, als den ihn Mi?günstige gern ausgeschrieen h?tten, fühlte er sehr wohl. Seiner Redlichkeit und einer gewissen Tüchtigkeit im Kern blieb er sich ja stets bewu?t. Aber mindestens ebensoweit wie vom Gschaftlhuber war der Abstand zu der ?modernen Goethenatur?, für die ihn manche Anh?nger aus ehrlicher überzeugung hielten. War er allein, so fühlte er sehr wohl, da? er nicht Goethe war, nicht die in sich ruhende und daher so wirksame Vollkommenheit. Was war er also eigentlich?... Nun, eben der Arnold Beer, ein einmaliges Individuum, so und so eingerichtet, mit den und den Fehlern und Vorzügen, die man noch n?her studieren, entwickeln mu?te. Also mit Vorzügen auch – heraus damit!... Er dachte nach ... Ihm fiel nichts ein ... Mit warmem Kopf rutschte er vom Diwan zum Schreibtischsessel, vom Schreibtischsessel zum Diwan, und vergebens suchte er, w?hrend sein Blick über die D?cher hin in den fernen Himmel, in die rotgl?nzenden Wolkenkelche einschlüpfte, beim Anblick dieser leuchtenden Gebilde auch nur einen jener befeuernden und frischen Einf?lle selbst zu empfinden, wie er sie am Nachmittag seinen Freunden zu Tausenden um die K?pfe geschlagen hatte ... Ja, wenn er neben ihnen ging, neben L?b zum Beispiel ins Kolleg, oder neben Eisig in der Weinstube sa?, dann konnte er sich die Wonnen der gedankenreichen Einsamkeit wohl vorstellen. Einsamkeit – wie eine Fata Morgana schwebte sie vor ihm, eine Stadt mit flachen quadratischen D?chern, alle menschenleer, doch alle wohnlich eingerichtet mit kleinen rauschenden Springbrunnen, seidenen grünen Kissen am Gel?nder, sü?en Speisen und Limonaden in elfenbeinernen K?stchen. Und Arnold stieg von Dach zu Dach, auf kleinen Leitern, ruhte hier und dort aus, sah über die Treppen hinunter in Wohnungen, in denen Stimmen klangen, freute sich – o Einsamkeit – über die Stra?en und Bazare unten, lebendiges Wimmeln, die gro?e Aussicht in den Abendhimmel ... So vertieft war er in dieses Bild, da? er die Reden des Gef?hrten nicht mehr h?rte, und verriet sich eine von ihnen durch die erhobene Stimme als Frage, so mu?te er geschwind die letzten Worte, die der andere gesprochen hatte, aus seinem unbewu?ten Ged?chtnis, in dem sie eben beinahe verschwanden, zurückholen, um irgend etwas Kleines erwidern zu k?nnen. O wie wünschte er da den St?rer seiner Einsamkeit hinweg, wie h?tten, ohne den, diese B?ume oder dieser Wohlgeschmack eines franz?sischen Weins zu seinem treuen, auf sich allein gefüllten Herzen gesprochen! War er aber wirklich einsam, so wurde ihm sofort bang und verlassen zu Mute. Die Gestalten dieser fühllosen unüberwindlichen Natur, die Blumen und Gr?ser, erschreckten ihn durch ihre rohe Gesundheit, die er nicht tr?sten und nicht anfeuern konnte, in der es keine Bravourstückchen gab; einsames Trinken gar erschien ihm langweilig und tierisch ... Also lief er schnell wieder unter die Menschen, mit denen man reden konnte, begann dies und jenes in seiner intensiven, aber kurzatmigen Art und brachte sich auch wirklich, wenn er die Zahl der von ihm bepflügten Gebiete überblickte, seine Jugend, seine Pl?ne, nach allen Richtungen ausstrahlend, seine halbausgeführten Werke, seine Talente, seine Hoffnungen und die Hoffnungen, die seine Freunde auf ihn setzten, in einen sch?nen Rausch von Selbstzufriedenheit. – Klagte er einmal, in einer kleinen Erinnerung an seine einsamen Prüfungsstunden, den Freunden, da? seine Seele so zerrissen sei, so lachte man ihn immer aber mit der allergr??ten Entschiedenheit aus: ?Du unglücklich? Und was soll ich dann sagen? Du machst das und das. Und ganz vergi?t Du an das und das. Solche Erfolge! So eine Arbeitskraft, das ist ja etwas ganz Abnormales! Und du wirst dich noch beklagen! Das w?re aber eine Frechheit ...? Man ahmte die Art seiner gutgemeinten Scheltreden nach. Er aber wandte sich, mit einer kleinen Tr?ne im Auge, ab: ?Ich k?nnte ja etwas leisten, wenn ich nur Zeit h?tte.?

Da? er keine Zeit hatte, war eigentlich für Fernerstehende das hervorstechendste Merkmal seines Lebens. Und meist befand ja auch er selbst sich, dank seiner fortrei?enden Strudeleien, in der Lage dieser Fernerstehenden. Dann fiel ihm auf, da? er sich zu viel aufgebürdet hatte; an einem Tage ein Rudermatch, vier Vorlesungsstunden, Besuch bei zwei Freunden, bei einer Familie Tee, Klavierüben, und dazu die vielen angefangenen Bücher mit winkenden Lesezeichen auf dem Schreibtischregale, das ging entschieden über Menschenkraft. Und da ja die meisten dieser Verpflichtungen in langvergangene Zeit zurückreichten, zu denen er sprunghaft immer wieder zurückkehrte, ohne sie je durch Beendigung loszuwerden, wurde er sich immer nur bewu?t, da? er Verpflichtungen zurückwies, nur selten neue aufnahm. Also erschien er sich als armer Verfolgter, Begehrter, Bedr?ngter, verga? bald den eigenen Leichtsinn, mit dem er sich nach einander auf so verschiedene Dinge gestürzt hatte, und begann einen geheimen Groll gegen seine Freunde insgesamt zu n?hren, die ihn in Anspruch nahmen und ausnützten, ja ausnützten und zu keiner eigenen Arbeit kommen lie?en. Was half es, da? er stets einen Zettel bei sich trug, mit den wichtigsten Pflichten für die n?chsten Tage, da? er ein Tagebuch begann, in das er die Dinge schrieb, um sie keinem Freund erz?hlen zu müssen und um also auf diesem Wege einen Verkehr mit sich selbst anzubahnen, was halfen alle Anstrengungen, Ordnung in sein so hinausgestreutes Leben zu bringen ... Und grimmig ging er die Schw?chen seiner Freunde durch, die sie an ihn fesselten, die Blutarmut Waldesaus, die diesen melancholisch machte und auf lindernden Zuspruch angewiesen, die Armut Krauses, die ihm den Verkehr mit Arnold als mit dem gesellschaftlich H?heren unentbehrlich erscheinen lie?, die Dummheit Bobenheims, der, durch den intelligenten Umgang geschmeichelt, zu einiger Selbstachtung gekommen war, w?hrend er sich vordem nur als einen ?trostlosen Wüstling? gekannt hatte. Und er verfluchte sein gutes Herz, das ihn aus Mitleid an diese fehlerhaften Menschen klemmte. Zugleich war er erbost über seine grübelnde Scharfsichtigkeit, seine Lieblosigkeit gegen so gut verhüllte Schw?chen der Freunde. In einem allgemeinen Katzenjammer fand er dieses Leben erb?rmlich, nicht l?nger zu ertragen. War dies gemeines Menschenlos, oder nur vielleicht typisches Schicksal eines jungen Juden? So weit hatten ihn Krauses Ideen schon beeinflu?t, da? er dies in Erw?gung zog. Schlie?lich aber blieb er, ohne Zusammenhang mit Gott, oder mit irgend einem Volk, in der zusammenschlagenden Dunkelheit allein, von allen Teilnehmenden verlassen, verzweifelnd und unsympathisch ... Da traf er den n?chsten auf der Gasse. Sofort heiterte sich sein Antlitz auf, sein Herz zugleich, er fand schnell wieder die freundlichen Worte, die Fragen voll Interesse und Ermunterung, und dabei war dies durchaus keine Heuchelei, sondern die blo?e Gegenwart des Freundes eben bewirkte in ihm jene schnellere Zirkulation von Ideen, die ihn sprudelnd auf Flammenpfeilen in die H?he scho? und ihm den Zusammenhang mit einer glücklichen Menschheit und ihrem wohlwollenden Wirken zurückgab ... Am w?rmsten aber wurde es ihm, wenn er mit Lambert und Genossen (dies war wieder eine andere Partei besonders eleganter internationaler Nichtstuer, die aus unbekannten Mitteln gl?nzend in den Tag lebten) auf dem Corso erscheinen konnte, auf dem Bummel, den diese Herren nie vers?umten, mit ihren siegesgewissen Mienen, ihrem arroganten Hütelüpfen. Auch bei ihnen war Arnold beliebt, durch seine schussige Munterkeit und Originalit?t, und obwohl er weder der fescheste noch der witzigste unter ihnen war, r?umte man ihm gern eine beherrschende Stellung ein. Wenn es nur anging, machte er sich t?glich eine Abendstunde dafür frei, und dies nannte er seine Erholung, mitten in einer dunklen Schar befreundeter K?pfe sich geschützt und gemütlich zu fühlen, wie in einer Herde auf- und abzurollen die Gasse entlang, gesto?en werden, stehen bleiben und ungerührt in die Vorbeigehenden starren wie in die beleuchteten Auslagen, durch lustiges Flüstern und Blicken fest mit der Genossenschaft verbunden, beinahe bewu?tlos. –

Und gar wenn er sich niedersetzte und Briefe an seine Freunde aller Heerlager schrieb, in die Ferien hinaus zu Dutzenden! Denn das liebte er, diese Bulletins waren wieder eine Sache, in der er sein ganzes Orkantemperament austoben lassen konnte. So wie es Leute gibt, denen alle Sorgen einfallen, wenn sie einen Brief schreiben und deren Briefe daher ein wesentlich zu trauriges Abbild ihrer Situation geben: so wurde im Gegenteil vor Arnolds Blick, wenn er ihn auf das wei?e geradebegrenzte Papier richtete, alles rosig und in gute Linien gekl?rt. Ihm war Briefeschreiben eine gesteigerte Form menschlicher Unterhaltung und alle seine Vorzüge flossen ihm willig in die Feder, ein Goldglanz ohne irdische Schwere, wenn er seine strammen, beinahe milit?rischen Loblieder auf das, was ihn gerade erregte, loslie?. Gern beschrieb er Kunstgenüsse oder gefiel sich in rückhaltslosen Offenheiten oder schwelgte in gigantischen Vors?tzen, zu deren Ausführung es Jahre ernsthafter Arbeit bedurft h?tte, in seinem feurigsten Stil, tat sie damit gleichsam für sich ab, obwohl er sich w?hrend des Schreibens gar nicht bewu?t war, da? er sie nie werde in Taten verwandeln k?nnen, da? gerade dieser Brief als Energieableiter zwischen Plan und Ausführung trat. Nein, die Wahrheit selbst, hinrei?ende Tatkraft und ansteckend gute Laune sprachen aus solchen Episteln, die unmittelbar, ohne zu überlegen, mit allen Quersprüngen und den schlechtesten Witzen, die ihm gerade einfielen, hingerissen waren; und so verfehlten sie natürlich nicht, seine Freunde zu rühren und zu neuem Schaffen anzustacheln, w?hrend Arnold mit ausgesch?pftem trockenem Herzen zurückblieb. überdies schwankten diese Ergüsse in ihrer L?nge von der drei?igseitigen Dissertation, deren Erscheinen schon im Kuvert beim Adressaten Erstaunen und ehrfürchtige Schauer hervorrief, bis zum kurzen Zettel voll mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, humoristischen Symbolen, verschiedenen Buchstabengr??en und Schriftarten, kurz allen Mitteln einer aufs H?chste gesteigerten Anschaulichkeit, wie sie aus seinem Hitzkopf explodierte. Die Schrift hatte pomphafte Schn?rkel, gro?e B?uche, starke Schatten und weit auseinandergezogene Haarstriche, so da? manchmal ein etwas l?ngeres Wort eine ganze Zeile einnahm. – Hier eine der unbedeutenderen Noten an Waldesau:

?Lieber Kerl,

Ich bin durch ununterbrochenes BACH-Spielen in den letzten Wochen endlich dahintergekommen, da? ich – ein Sch?ps bin, wenn ich nicht – endlich einmal – und zwar soforrrrrrt – die ganze Musiktheorie gründlich durchnehme!! Mein Buchh?ndler bietet mir ein gro?es Werk zum Selbstunterricht, solche Hefte, wei?t Du – mit hübschen Fragen und Antworten – Ermahnungen an den faulen Schüler u. s. f. – bi?l kindisch, aber es gef?llt mir vor-Leipzig – 60 Hefte, 50 Mark (!!!!) – Soll ich es kaufen. Bitte, schreibe soforrrrrt, genau und viel, empfiehl anderes! Ich mu? ALLES haben, das ganze Gebiet – also Elementarlehre, Generalba?, Formen – Du wei?t ja – ich hab es satt, so ungebildet weiterzutrotteln – Also, auf, sattle den Hippogryphen, schicke mir Pl?ne – auch Instrumentation natürlich – Wenn schon, denn schon – Ich habe jetzt riesige Lust. Also schreib nur schnell, damit das Feuer net auskühlt, Du kennst doch – Deinen Dichliebenden u. s. f. – Momentan fühle ich mich so stark, da? ich Berge bewegen k?nnte. Und Du auf Deinem Jeschkenberg? (Ein gebirgiger Brief!) – Ich arbeite t?glich 9 Stunden, kann Abends nie einschlafen vor Ideen. Habe etwas merkwürdiges angefangen, eine neue Art von Kontrapunkt. Sei neugierig! Es steht dafür – Schrecklich glücklich bin ich dabei. Und Du? Und Du? Und Du? – Wieder mal die Flinte ins Korn geworfen? Porco maledetto! Wenn jetzt nicht bald mal eine fette Notensendung (Manuskript!!) von Dir kommt, so treffe ich Dich wie der Blitz – der immer die Nabelbeschauer trifft – wo? Im Popo – weil sie so gebückt sitzen. Aber Spa? bei Seite: Was treibst Du – Ich bin sehr besorgt. – Servus!?

Ein Bildchen, die rauchende Jagdflinte, vervollst?ndigte diesen auf einer halbzerrissenen Kuvert-Innenseite in schr?gen Zeilen hingedonnerten Aufruf. Darunter eine Wolke, aus der zwei zackige Blitze schlagen; alles mit der Feder gekritzelt, beim Abtrocknen etwas verwischt ...

Gottfried Eisig, der inzwischen (man mu?te doch etwas machen) in die Redaktion eines heimatlichen Blattes eingetreten war, munterte nach solch einem Brief Arnold auf, doch einmal etwas ?Selbstst?ndiges? zu schreiben. Arnold brachte ein paar ?Reisebriefe.? Sie wurden gedruckt, ohne aber besonderes Aufsehn zu erregen, au?er in Arnolds n?chster Umgebung; übrigens waren sie auch, da ihnen der pers?nliche Anla? fehlte, ziemlich matt, ja schablonenhaft ausgefallen.

Chapter 2 No.2

Eines Tages erkl?rte der Vater, das S?hnchen habe nun genug gebummelt – und am n?chsten Morgen schon ging Arnold in dem gro?en Gesch?ft auf und ab, die Schachteln an den W?nden mit neugierigen Blicken musternd.

Der Abschied von der Universit?t wurde ihm nicht schwer. Da? aus den allenthalben verzettelten Kollegien nichts Gescheites werden k?nne, war ihm l?ngst klar geworden. Nun hoffte er, durch eine vollst?ndige Umwandlung seines Lebens, wie sie der Eintritt ins Gesch?ft bedeutete, sich zu konzentrieren; Dinge, die er nur aus Treue gegen das einmal Begonnene mit Unlust weiterbetrieb, abzuschütteln; ein Mann zu werden. Vielleicht im Gesch?ft. Doch t?uschte er sich da nicht in der Voraussicht, da? der Vater in seinem pedantischen Gesch?ftseifer keinen wichtigen Teil des Betriebs selbst aus der Hand lassen würde. Zun?chst versuchte Arnold allerdings Einflu? zu gewinnen, das Gesch?ft umzudrehn, da er natürlich sofort, noch ehe er den naturgem??en Lauf der Sache kannte, schon Umw?lzungsideen im Kopf hatte. Aber da war er an den Unrechten gekommen; mit nicht mi?zuverstehender Verwunderung wehrte der Alte ab. Und so gew?hnte sich Arnold bald daran, Vormittags im Kontor Bücher seines Geschmacks zu lesen und an Nachmittagen sich überhaupt nicht mehr im Gesch?ft blicken zu lassen. Auf dem einf?rmigen Boden des Gesch?fts- und Familienlebens wucherten seine Launen nun noch üppiger und bunter als vordem.

Doch stand er bei seinen Eltern nicht minder hoch als bei seinen Freunden im Wert. Schon seit seiner Jugend, da er als ?Wunderkind? frühzeitig aufsagen, lesen und schreiben gelernt, hatte sich ein gro?er Stolz auf ihn in ihren Herzen eingebürgert. Dann war er der Einzige geblieben, und immer lebhaft, bei den Mahlzeiten gespr?chig, heiter und ausgelassen, was den Eltern Freude machen mu?te. Auch z?rtlich wurde er zu angemessenen Zeiten. Sie lobten ihn überall deshalb, in den nahen Familien wurde sein Beispiel als eines hochbegabten Musterknaben im Munde geführt. Einen Zirkel ?lterer Damen, der sich an regelm??igen Nachmittagen bei Frau Beer einfand, entzückte er durch sein Klavierspiel. Die Freunde seines Vaters unterhielt er, bei ihren Kartenabenden manchmal, mit den letzten Kuplets, die in seinem Jugendkreise eben aufkamen. Er war der Liebling, die Hoffnung aller. Und Arnold fragte sich vergebens, wodurch er so viel Enthusiasmus erregt haben konnte. Ja es nützte auch gar nichts, wenn er einmal sich vornahm unliebenswürdig zu sein. Ein Besuch kam aus Berlin, eine Geheimratswitwe, schwarzgekleidet, überlaut und temperamentvoll, vor der er in einem fort seine Arme, Beine und Wangen in Sicherheit bringen mu?te. Zur Strafe sprach er kein Wort mit ihr, erwiderte ihre mütterlich-verliebten Blicke mit m?glichst gleichgiltigen. Es half nichts, einige Tage nachher schickte sie ihm, in einem Brief an Frau Beer, spezielle Grü?e, zerschmelzende: ?Dem lieben lieben liebenswürdigen Sohn, den ich so schnell liebgewonnen habe.? ?Aber warum denn? – Ich hab sie gar nicht liebgewonnen. Ich war doch auch gar nicht lieb zu ihr? fragte er die Mama. ?Du hast sie an ihren Sohn erinnert? war die Antwort. Er seufzte, sein guter Ruf war st?rker als er ... Nur einmal, erinnerte er sich, in frühester Jugend war diese Weihrauchwolke um ihn zerrissen worden – durch die Gro?mutter, die sonst in Wintertal lebte und nach einer von Spektakeln erfüllten kurzen Besuchszeit dahin wieder abreisen mu?te. Sie hatte an allem etwas auszusetzen gefunden, auch ihm einmal einen Sto? vor die Brust gegeben, weil er ihr nicht schnell genug auswich, das wu?te er noch genau ... Doch da sie als unvertr?glich bekannt war, man sprach von ihr als von einer ?Furie?, dem ?b?sen Geist der Familie?, tr?stete er sich schnell über diesen Mi?erfolg und die alte Glorie war bald wieder hergestellt. – Besondere Triumphe feierte er im Musikzimmer der Kurorte. Oder beim Kurkonzert, wo er in Potpourris die neuen, aber auch die altmodischen Opern wie ?Zampa?, ?Wassertr?ger? vom weiten erkannte, zum allgemeinen bewundernden Erstaunen, das ihn dann immer mit Abscheu erfüllte. Von solchen Philistern gelobt werden, pfui! Besch?mt gestand er sich selbst, da? das nur daher komme, weil er seinen Mund nicht halten k?nne, immer gleich sagte, was er wu?te. Er überlegte eben nicht, vor wem er sprach; jedes Publikum war ihm recht. Dann fiel ihm ein, da? ja wiederum solche Leute in keine andere als eine h?chst bewundernde Stellung ihm gegenüber geh?rten. Wenngleich er selbst sich für nichts Besonderes halte, diese dürften schon von ihrem Standpunkt aus ruhig es tun, ja sie mü?ten es, und knief?llig dazu. So mischte sich bei ihm Stolz und Ekelgefühl, Schmeichelei und überdru?, und diese Mischung beschwingte ihn zwar nicht, doch drückte sie ihn auch nicht nieder, sie wurde seine gew?hnliche Atmosph?re ... Von allen Anfechtungen unbesiegt blieb er der charmante junge Mann, der gute Gesellschafter, die Seele des Heims, und selbst der Bruder der Mama, Poldi Goldberg, der als armer Verwandter mit der ganzen Familie zerfallen war, machte ihm gegenüber eine Ausnahme, dankte ihm freundlich auf seinen Gru? ... So h?tte nicht viel gefehlt, da? er ganz in der Sph?re h?uslichen Wohlgefallens eingeschlossen geblieben w?re, in der er so viel Beifall erntete; aber seine Eltern waren zu schwach, um ihn andauernd zu fesseln. Die Mutter eine sanfte Hausfrau, die alles in peinlichster Ordnung hielt, ohne da? man je ein lautes Wort aus ihrem Munde geh?rt h?tte; der Vater mit all seiner nicht unbetr?chtlichen Energie im Gesch?ft, sein einziges Glück ?sich zu vergr??ern?, da? hei?t: den Laden jedes Jahr umzubauen, W?nde durchzubrechen, Keller des Nachbarhauses mit seinem Hof zu verbinden oder wegen der Portale mit der Stadt zu prozessieren. Beide waren ordentliche gute gewissenhafte Leute, aber ohne jede Spur von Romantik, beide alt; und so wurde eben Arnold zun?chst ins Eisigsche Haus, dann in die Kolonnen seiner Freunde getrieben, wo es so viel Resonanz für sein lautes Geschrei gab.

Sein Kreis hatte sich indessen in den wenigen Jahren nach dem Austritt aus der Hochschule einigerma?en ge?ndert; Arnold wu?te selbst nicht recht, wie es gekommen war. Da er nicht mehr in die Vorlesungen ging, hatte er die regelm??igen Treffpunkte mit einigen verloren. Andere blieben aus, weil er die studentischen Vereine nicht mehr besuchte. Mit Krause, der immer fanatischer das Jüdische herauskehrte und gegen die ?Assimilanten? loszog, hatte er sich nach einem Wortwechsel ganz zerschlagen. Dafür war Philipp Eisig nach mehrj?hrigem Aufenthalt in Amerika wieder aufgetaucht, g?nzlich ver?ndert in seinem ?u?ern, einem eingeborenen Ur-Chicagoer nicht nur in der Kleidung, sondern zum Erstaunen auch in den Gesichtszügen gleich, als h?tte das fremde Land ihn von Grund aus umgeboren. Die alte Jugendliebe blühte unverwandelt wieder auf und mit ihr auch das alte Pumpverh?ltnis. W?hrend n?mlich Eisig für die v?terliche Firma gro?e Reisen unternahm und jedesmal mit einem dicken Haufen von Banknoten, die er sich angeblich erspart hatte, in die Stadt zurückkam, wurde Arnold für seine k?rgliche Bet?tigung mit einem schmalen Taschengeldchen abgefunden und hatte immer unbefriedigte Bedürfnisse. Eisig stotterte nun auch nur unbedeutend, das hatte er in einer Anstalt drüben sich abgew?hnt, und behauptete überhaupt in allem die Oberhand, mit seiner tiefen mürrischen, aber sehr entschiedenen Stimme, seinem wankenden Korpus, dem sich der breite Kopf nur ungern nachschob, so da? er manchmal in der Luft zurückzubleiben schien, unsicher schwebend. Er hatte jetzt breite Schultern, ein reines Gesicht mit flachem braunem Haar in Wellen, das in der Mitte gescheitelt war, fast wagrechte Augenbrauen, helle mutige Augen, den Mund regelm??ig, die Stirn kindlich. Und dieses neue Gesicht trug er mit derselben Selbstverst?ndlichkeit wie die neue überseeische Tracht, den niedrigen, wie ein wei?er Ring ganz zusammenschlie?enden Kragen, die sch?n hellgelben Stiefel, die nach vorn in Keulen statt in Spitzen ausliefen. Unter seinem sehr langen Rock – er fiel bis fast ans Knie, ein unscheinbarer Stoff, doch von vollendetem Schnitt – konnte man keine Weste vermuten, eher den Leibgurt eines Trappers oder Patronenreihen. Und ebenso bequem wallten die Hosen herab, oben breit, am Fu?gelenk schmal, wallten wie Fahnen im Wind und man hatte das Gefühl, darunter müsse gleich das Fleisch nackt und gesund sich regen. So zog er mit Arnold durch die Nachtlokale der Stadt, von denen keines ihm wüst genug war, und statt diesen allt?glichen Dingen zuzuschauen, gab er lieber selbst einen Tanz zum Besten, einen lustigen Niggertanz, der ihm lauten Beifall eintrug. Da trappelte er mit kleinen Schritten, fast auf demselben Fleck, w?hrend die Arme aufw?rts schwebten, sein Kopf sich langsam senkte, wie um den immer schnelleren Schritten immer genauer zuzusehn; dann warf sich der Kopf wieder empor, w?hrend die Fü?e abwechselnd im Cakewalk mit Spitze oder Absatz aufklopften; dann waren in die H?nde pl?tzlich fremdartige Matrosenbewegungen gefahren, sie hoben ruckweise ein Tau oder sie schleuderten es unsichtbar in den Saal; zum Schlu? glitten die Beine aus, ganz steif fiel der K?rper hin, lag schon ganz schief dem Boden nah, hupfte aber unvermutet wieder gerade in die H?he ... Der Clown verwandelt sich in einen Gentleman, der, die H?nde in den Taschen, ohne L?cheln, ja mit trüben Augen an seinen Tisch sich zurückbegab, den Applaus überhaupt nicht h?rend. Er beklagte sich darüber, da? es hier kein starkes Bier gebe. Er probierte die schwersten dunklen Sorten. Nichts. Er hatte sich eben, Gott verdamme es, an Ale gew?hnt ... Arnold war entzückt von solchen Kraftausbrüchen. Nun lie? er sich von Philipp in die Gesellschaft anderer Gesch?ftsleute und junger B?rsengr??en führen, die Nachmittags in matten Glaszellen, hinten in einem gro?en Kaffeehause, an kleinen grünen Tischchen Karten spielten. Bald beteiligte sich Arnold, verbrachte mit dem gr??ten Eifer Stunden um Stunden mit Mischen, Abheben und Aufschlagen, mit den lustigen Zwischenreden dabei, die überlaut klangen, weil sie kurz waren, fühlte sich gemütlich und doch kampflustig in den Hemd?rmeln, schlo? sich von keiner noch so gewagten Kombination aus. Er verliebte sich ganz in die schlechte aufregende Kaffeeluft; gab es keinen Tarock, so las er n?chtelang Zeitungen. Alle Kellner kannten ihn schon und schütteten gleich St??e von Tagesbl?ttern neben ihn auf das Plüschsopha, wenn er sich niedersetzte. Eisig starrte neben ihm in die Luft oder malte Zahlen auf den Tisch, wie es überhaupt seine Art war, sich lange Weilen schweigsamen Berechnungen hinzugeben, über die er nie etwas N?heres verlautete, die aber den Eindruck von Verwicklung und oft auch ?rgerlichkeit machten, nach seinen dicken Falten auf der Stirn zu schlie?en. Oft kam auch Lambert und die Bummelclique ins Kaffeehaus, Arnold wunderte sich, wie bekannt Eisig mit allen war ... Diese Art von Geselligkeit nahm ihn nun fast vollst?ndig in Anspruch; dazu noch Bobenheims Ruderklub, dann S?hne von Gesch?ftsfreunden, die sich ihm nach und nach angeschlossen hatten, jeder mit irgend einer Passion, sei es Okkultismus oder Weiber oder Jagden, und die Arnold natürlich in der gewohnten Weise regierte. In B?rsekreisen lernte er damals auch den jungen Walder Nornepygge kennen, einen Chemiker, der sich erfolgreich mit Erfindungen und B?rsenspekulation befa?te. Die gemeinsamen Freunde, die das Zusammentreffen der beiden arrangiert hatten, waren überzeugt, da? die beiden so ?hnlichen Charaktere, beide so t?tig und so vielseitig, einander schnell verstehn würden. Doch unerwarteterweise stie?en sie einander gegenseitig ab, Nornepygge ?u?erte sp?ter, da? er Arnold roh gefunden habe, und Arnold nannte den andern im vertrauten Kreise ?einen eingebildeten melancholischen Narren?. überdies, so setzte er fort, habe er keine Zeit und Lust zu neuen Bekanntschaften. Und wirklich war er immer noch au?erordentlich besch?ftigt, in Anspruch genommen, und davon war noch lange keine Rede, da? er endlich einmal Zeit zu seinen eigenen Arbeiten gefunden h?tte. Schon die paar Stunden im Gesch?ft, nicht viele, aber regelm??ig einzuhalten, nicht nach Belieben zu schw?nzen wie die Universit?t, fielen ihm l?stig, behinderten ihn aller Ende. Im Gesch?ft machte er übrigens bald gar nichts mehr, auch für sich nichts, schon der blo?e Gedanke, da? er dort Gelegenheit habe, allein zu sein und seine innere Tüchtigkeit und wirkliche Arbeitskraft also zu erproben, reizte und verdro? ihn, – da? dies gewisserma?en ein Prüfstein sein k?nnte. Er erfand also allerlei Ausreden, wie den L?rm und die unziemliche ?rtlichkeit, und nur in Briefen raffte er sich dazu auf, nebst schmetternden und daher eigentlich glanzvollen Klagen über den jetzigen Zustand baldige ?nderungen in Aussicht zu stellen. Und im Anschlu? an diese leeren Vormittagsstunden flo? der ganze Tag wie von selbst schnell und lustig dahin, ohne da? Arnold jemals das ausgeführt h?tte, was ihm im Sinne lag. ?Ja, st?rker wie L?schpapier bin ich eben nicht? seufzte er manchmal, in humoristischer und doch selbstankl?gerischer Weise ... Im ganzen war sein Umgang jetzt um einiges weniger geistig als vorher, doch er selbst war genau derselbe geblieben, immer t?tig und befeuernd, auch mit gro?er Behaglichkeit, wenn er unter Menschen war; immer auf dem Sprung, sich in ein neues Abenteuer zu werfen, immer unterwegs, im Wagen oder zu Fu?, wie er sich denn auch eine eigene, besonders schnelle Gangart angew?hnte, mit weit gespreizten Beinen, um den vielfachen Rendezvous halbwegs zu genügen – und da hatte die Mutter gut sagen: ?Kleine Schritte machen, Arnold, kleine Schritte.? Sie fand n?mlich, da? seine sch?ne aufrechte Statur unter diesem Galoppieren litt ... Welches Vergnügen fand er nun, beispielsweise, daran, eine regnerische Abendstunde bei seinem Schneider zu verbringen, in der hübschen und wohlgeheizten Probierstube, die eng wurde durch allseits anrückende Stellagen, behangen mit R?cken und Hosen. L?ssig an den Pult gelehnt sah er dem alten Herrn zu, der mit geübter Hand die scharfe Kante seiner Talgkreide, dieser angenehm-klebrigen gelblichen Fl?che, über die Stoffe wandern lie? und dann eine Schere – sie war so schwer, da? sie bei jedem Schnitt herabzusinken schien – die schnell geschwungenen Linien entlang in das Dunkel der hingebreiteten Stofflagen führte. Arnold bewunderte ihn, wie jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, aufs innigste. Und dann kamen so viele Bekannte hin, um sich Ma? nehmen zu lassen oder zu probieren wie er, man plauderte, der Schneider erz?hlte die neuesten Anekdoten, empfing neue von den Kunden dafür, es war ein heiteres erbauliches Stelldichein, in dem man doch immer durch den Anblick des Chefs, der bei aller Artigkeit und allen Scherzen eifrig sein ruhiges Gesch?ft weiter besorgte, vor dem Gedanken v?lligen Faulenzens, wie etwa im Kaffeehaus, bewahrt blieb. Man ging auf und ab, setzte sich auf die roten Holzsophas, die mit ihren dünnen St?bchen (wie M?bel beim Photographen) einen zerbrechlichen Eindruck machten, stellte sich in Gruppen oder wandte sich in einer zierlichen Langweile ab, um ein Modegruppenbild an der Wand zum hundertstenmal zu studieren, über die Ideen und m?glichen Beziehungen dieser Leute zu einander nachzudenken, die doch nur jeder wegen eines andern Kleidungsschnittes auf dasselbe Blatt gemalt waren, also im Grunde ebenso zuf?llig und ohne innern Trieb beisammen wie die wirklichen Menschen in diesem Raum; pl?tzlich aber lachte man auf über einen Witz, der hinter dem Rücken einem andern erz?hlt wurde, schwang sich wieder zu ihnen herum, fühlte wieder einen w?rmenden menschlichen Zusammenhang in der beinahe starren Brust. O diese leisen Stimmen, das feine Kommen und Gehn über Teppiche hin, die gebeugten K?pfe, von denen der sch?ne Hut sich entfernt, diese Blicke, still und verbindlich, mit denen ein geeigneter Platz für den Schirm im Schirmst?nder gesucht wird, o diese Wunder einer zivilisierten Gegenwart, einer vornehmen reichen Stadt, diese laue Luftstr?mung unserer gefühlvollen H?flichkeiten! Und dazu klatschte der Regen an die Scheiben, es war nicht ratsam fortzugehn, man sah hinaus auf die belebte Gasse mit eilenden Menschen, deren Schirme im Wechsel der Beleuchtung sich unaufh?rlich zu drehn schienen und wie schwarzes Glas funkelten, und in die gelberleuchteten Auslagen gegenüber, die mit all ihrer Pracht im Kot zu zerflie?en drohten ...

Arnold liebte jetzt solche Orte, an denen man viele Leute sah und Anregung hatte. Er besuchte alle B?lle, die Rennbahnen, die Tennisturniere. Ohne irgendwo als Mittelpunkt aufzufallen, eignete er sich schnell die entsprechenden Umgangsformen und Gewohnheiten an, entwickelte dann in ihrem Rahmen einen solchen Enthusiasmus, eine solche lustige Unbekümmertheit, da? stets ein Kreis bedürftiger und weniger erfinderischer K?pfe ihm Gefolgschaft leistete. Der harmlose Leichtsinn, mit dem er alles mitmachte, hatte von au?en gesehn etwas Sympathisches, und graue würdevolle Herren klopften ihm manchmal auf die Schulter als einer Zierde und Hoffnung der Stadt, erfreut über sein frisches Gesicht, das gesunde Aussehn, die flotte Konversation, sie machten tr?umerische Augen, als d?chten sie an ihre Jugend, als h?tten sie eine Erinnerung ihm mitzuteilen, gerade ihm: da? sie früher mal es auch so getrieben, ach lange lange vorbei –, als unterdrückten sie eben das alles, um ihn nicht aufzuhalten und weil das ja keinen Zweck habe. Das alles lag manchmal in solch einem anerkennenden Auf-die-Schulter-Klopfen, mit dem sie ihn zugleich wegschoben, wieder in das Fest hinein ... Arnold kannte bald alle wichtigeren Personen der Stadt, mehr oder weniger flüchtig. Einigen Spa?v?geln gegenüber, die ihm besonders gefielen und die ihn nicht minder sch?tzten, hatte er die Gewohnheit angenommen, sich gegenseitig in scheinbarer Rührung um den Hals zu fallen, so oft sie einander trafen. Dabei begleitete ihn immer noch der Ruf besonderer Bildung, besonderer Begabung; und wenn er hie und da ein kleines Klatsch- und Unterhaltungsfeuilleton im lokalen Blatt ver?ffentlichte, gleich hie? es: ?Sie sind aber flei?ig! Wo nehmen Sie nur all die Zeit her?? und neidisch fast: ?Na, ich gratuliere.? Er erschrak immer bei so billigem Lob, fand aber zugleich etwas Angenehmes dabei, wie Bet?ubung, wie Halbschlaf. Selbst dachte er immer unlieber über sich nach. ?Ich bin halt eine Fernwirkung? stellte er bei sich fest ?von fern schaut's nach was aus, was ich treibe. Aber wenn man's n?her anschaut ...? Nun n?herte er sich bald dem Drei?igerjahr und eigentlich hatte er noch immer keine irgendwie begründete Lebensstellung, frettete sich so im Nebenberuf als Anh?ngsel seines Vaters durch, dessen Gesch?ft er ja sp?ter einmal erben würde – ja, aber eben so sicher auch ruinieren. Seine einzige Hoffnung, sein Rückzug gleichsam auf sich selbst, war in dieser Zeit – nichts anderes als seine Markensammlung, die er auf Lamberts Rat und mit dessen Vermittlung durch betr?chtliche Ank?ufe vermehrte. Die gedachte er gelegentlich vorteilhaft loszuschlagen, nach Senff besa? sie jetzt schon einen Wert von fünfzehntausend Mark, und mit dem auf diese Art selbstverdienten kleinen Kapital wollte er sodann etwas Selbst?ndiges und Ehrenvolles beginnen, in irgend einem fremden Land, eine Buchdruckerei in Amerika vielleicht, endlich einmal Ruhe und wirkliche Unternehmungsfreude haben. Liebevoll pflegte er also diese Sammlung, mit gro?em Ernst schrieb er allj?hrlich in kleinen Bleistiftziffern den erfreulich steigenden Wert unter jede Marke; wobei er sich natürlich nicht verhehlte, da? der wirkliche Verkaufswert kaum mehr als die H?lfte des angegebenen Katalogwerts ausmachte. Aber auch er hatte ja die Marken nicht teurer als zum halben Wert gekauft, noch dazu bei niedrigeren Preisen, gegen diese Art von Kapitalsanlage war also nichts einzuwenden. Und mochte auch der Vater diese ganze Sammlerei als dumme Verschwendung, als hinausgeworfenes Geld beschimpfen, Arnold konnte mit gutem Recht einwenden: ?Und wo w?re das Geld, wenn ich es nicht für Marken ausgegeben h?tte? Ich h?tte es für andere Dinge ausgegeben und jetzt h?tte ich gar nichts davon.? ?Und was hast du jetzt davon! Gro?artig! Du meinst doch nicht, da? dir irgendwer für die Papierl etwas gibt?? Arnold bestand darauf, da? Marken ein Wert wie jeder andere sei. ?Aber die Zinsen?? jammerte der Vater, in die Enge getrieben. Arnold lachte ihn aus: ?Vierzig Kn?pfe j?hrlich!? und wu?te überhaupt für jeden Grund Gegengründe in Masse, da war er ja in seinem Element. –

Einmal vertrat ihm Eisig den Weg, dessen Gewohnheit es war, von der Seite pl?tzlich heranzukommen und mit der ganzen Masse seines Leibes sich dem Angeredeten in den Weg zu stellen: ?Du, was sagst du zu Blériot??

Es war die Zeit, in der die Aviatik ihre ersten Erfolge zum Staunen der ganzen Welt errang. Die Brüder Wright hatten sich mit ihren Apparaten in betr?chtliche H?hen erhoben, Zeppelin war mit seiner ersten Reise glücklich gewesen, Blériot hatte den ?rmelkanal überflogen ... Eisig, der eben von einer Tour aus Frankreich kam, wu?te Wunderdinge zu erz?hlen. Er hatte zum ersten Mal Aeroplane gesehn, ja es war so weit gekommen, da? er einmal in Reims, als man in die Restauration von der Gasse hereinrief, drau?en fliege eben ein Luftschiff über die Stadt hin, gar nicht vom Tisch aufgestanden war, so sehr war er an diesen Anblick schon gewohnt. Er hatte auch bereits ein Projekt: man müsse Blériot einmal in der Heimatstadt fliegen lassen, wenn nicht ihn, so doch wenigstens einen Schüler. Das koste nicht viel und man k?nne damit ein gutes Gesch?ft machen.

Arnold w?re nicht er selbst gewesen, wenn ihn die Neuheit dieser Idee nicht sofort gepackt h?tte. Er geriet in Entzückung, beschwor den Freund um n?here Einzelheiten. Wie sehe so ein Aeroplan aus? Wie ein Vogel? Sei er gro?, so gro? wie die Gasse, gr??er, nein kleiner? Eisig antwortete, mit seiner tiefen Stimme, der die Langsamkeit der Aussprache stets einen Beiklang von Verdrossenheit gab, und damit kontrastierte merkwürdig genug die Zielbewu?theit, die List, die aus den Worten selbst sprach. Auch war sein Hals kurz und dick, beinahe null, so da? das dicke Kinn an die Brust stie?, und wollte er einmal lauter reden, ein Wort besonders betonen, so hob er nicht den Kopf, sondern senkte, um den Mund besser zu ?ffnen, mit fauler Miene das Kinn noch mehr, so da? es sich in Falten und mehreren Lagen über einander über die Kravatte hin ausbreitete. Für Arnold hatte dieses Stockende, Langsame, ihm so Entgegensetzte von jeher einen besondern Reiz gehabt ... Heute bezauberte es ihn so, da? er einen Vereinsabend des ?Bürgerklubs? auslie?, obwohl er dort neulich als jüngstes Mitglied in den Ausschu? gew?hlt worden war. Er nachtmahlte mit Eisig im ?Schweizer Keller? und schon zwischen Vorspeise und Braten war der Plan fertig: ein Konsortium zu bilden, zwecks Veranstaltung des ersten hiesigen Schaufluges.

Am n?chsten Nachmittag konstituierte man sich. Eisig hatte noch einige Herren mitgebracht, von denen Arnold nur Lambert n?her kannte. Es wurden sofort Listen angelegt, um die reichsten Mitbürger zu einem Garantiefond heranzuziehn. Man mu?te nun von einem zum andern fahren, ihm die Wichtigkeit, kulturelle und andere, des Unternehmens vorhalten, den sichern Gewinn, mu?te die Regierung einladen, das Milit?r. Arnold überlegte gerade für sich, da? er sich da wieder in eine hübsch zeitraubende Geschichte verwickelt habe; da schlug Eisig vor, ihn zum Obmann zu w?hlen. Es geschah mit freudiger Akklamation.

Unser Held hatte, wiewohl er sich darüber nicht klar war, im Grunde nichts anderes erwartet; pflegte er sich selbst doch manchmal in ironischer Laune den ?geborenen Vereinsobmann? zu nennen. Wie vielen Ballkomitees, wie vielen Versammlungen hatte er schon pr?sidiert!... Nun rannte er in die Sache gleich mit dem frischesten, und doch gleichsam auch schon geübten Anlauf hinein. Zun?chst die Presse. Man beherrschte sie durch Gottfried Eisig und da machte Arnold doch noch einmal eine Anleihe bei seiner ehemaligen jugendlich-gegenstandslosen Beredsamkeit, indem er g?nzlich ohne Fachkenntnis, nur aus ein paar andern Zeitungsartikeln und dem Rest der Gymnasialbildung einen neuen Artikel zusammenkochte, und was für einen strahlenden, über die ?Eroberung der Luft?. Er begann mit Ikarus, selbstverst?ndlich, widmete sich in aller Kürze den Brüdern Montgolfier, wobei die drei in die Gondel mitgenommenen Tiere zu leichthumoristischer Wirkung gelangten, entfaltete sich behaglich über das Los der unglücklichen Erfinder von ehemals, über das Unm?gliche und unm?glich Scheinende (Quadratur des Zirkels, Stein der Weisen, R?ntgenstrahlen, drahtlose Telegraphie), gewann allgemach Donnerkr?fte, besang in sparsamer Daten-Melodie, aber mit einer Begleitung rauschender vollgriffiger Begeisterungs-Akkorde die letzten Fortschritte der Menschheit, wobei einige Impressionen Eisigs zu geschickter Wirkung kamen, schüttete nun, oben angelangt, fast ohne Atem, wie aus einem Füllhorn auf die staunenden Heimatsgenossen die Verhei?ung nieder, da? man derartiges vielleicht bald auch in allern?chster N?he zu sehen bekommen werde, gipfelte aber klugerweise nicht in diesem Effekt, sondern in einer kurzen farblosen Bemerkung über die Flugwoche in Brescia. – An anderer Stelle des Blattes wurden sachlich die Namen der Arrangeure und ihr Programm bekannt gegeben. Anfragen und Nachrichten an die Adresse: Arnold Beer u. s. f.

In den nun hereinbrechenden Konferenzen bewies sich Arnold als fest und schlagfertig, geduldig und kühn, ja mit der Gr??e der Veranstaltung schienen sich seine Kr?fte zu vervielfachen. Man hatte mit den Fliegern in Frankreich zu korrespondieren, die von allem Anfang die unversch?mtesten Preise verlangten, wie beleidigt und zugleich stolz gemacht als echte Franzosen durch die Zumutung, da? sie ins Ausland sollten. Dagegen dr?ngten sich Deputationen der Vororte heran, von denen jeder den sch?nen Vorrang und Profit des ersten heimatlichen Fluges einheimsen und jeder daher den geeignetsten Platz zur Verfügung stellen wollte. Indessen w?hlte das Komitee, um dieser Eifersucht auszuweichen und auch aus technischen Gründen angeblich, eine weite Wiesenfl?che in der N?he von Waldbrunn, dem kleinen Kurort nahe der Stadt. Jede Etappe der fortschreitenden Verhandlungen ver?ffentlichte Arnold in handfertigen Artikelchen; es wurde bald zum Stadtgespr?ch, da? die Eisenbahndirektion in entgegenkommendster Weise eine eigene neue Station errichten wollte, w?hrend sonst die Züge nur in der nahegelegenen Stadt Bischofstein hielten, da? sogar ein Nebengeleise zum Flugplatz gelegt wurde, da? die Postverwaltung ebenso liebenswürdig die Aktivierung eines eigenen Post- und Telegraphenamtes mit der Stampiglie ?Waldbrunn-Aerodrom? für die Dauer der Aufstiege zugesagt hatte. Die st?dtischen Omnibuslinien nahmen Sonderfahrten in Aussicht, die Hotels erwarteten gro?en Zuzug vom Lande und sicherten sich Privatzimmer, die Polizei entwarf Pl?ne für diese neue schwierige Aufgabe, auch die Milit?rbeh?rde wurde unruhig. An den Stra?enecken, in den Wagen der Stra?enbahnen machten sich die ersten Plakate bemerkbar, Witze begannen zu kursieren.

Und all dies im Zuge erhalten, bewegen, treiben und wieder beruhigen, war Arnolds Aufgabe. Eisig und die andern besorgten das Gesch?ftliche, die Verrechnungen, den Kampf mit den Lieferanten, das Engagement des Aviatikers, den Kern der Sache gleichsam, alles hingegen, was das ?u?ere betraf, Repr?sentation und ehrenvolle Fassade gegen die Mitbürger, oblag Arnold, und es zeigte sich bald, da? das Komitee allen Grund gehabt hatte, ihm diesen Verkehr mit der Welt zu übertragen, denn an vielen Stellen, wo er vorfuhr und Anh?nger warb, sagte man ihm: ?Wir tun's nur Ihretwegen. Sonst scheint uns ja die ganze Sache nicht sehr reell.? Man fragte ihn nach der Solidit?t dieses und jenes Mitglieds, einer wollte sogar wissen, da? der Grund, den das Aerodrom beanspruchte, vorher von Lambert gekauft und durch einen Vormann dem eigenen Konsortium gegen geh?rigen Preisaufschlag weiterverkauft worden sei. Entrüstet wies Arnold derartige Anwürfe zurück, was für Verleumdungen, und in seinem Innern war er eigentlich nur darüber verwundert, da? diese jungen Leute, die mir ihrem Schliff die vornehmsten Gesellschaften in Erstaunen zu setzen pflegten, doch irgendwie aus r?tselhaften Gründen nicht für voll angesehen wurden, wie sich jetzt herausstellte, w?hrend er, Arnold, ein redliches Ansehn geno?. Doch dachte er darüber nicht weiter nach, nahm solches nur für die üblichen Schwierigkeiten, die sich gro?en unvorhergesehenen Unternehmungen seit jeher in den Weg stellen mü?ten, und nicht etwa in seinem Vertrauen machte es ihn wankend, sondern wie ein leises Prickeln der Gefahr dr?ngte es ihn nur noch ungeduldiger vorw?rts, trieb ihn noch mehr, alle Kr?fte aufzubieten, das Zerbr?ckelnde zu stützen mit den Armen eines Atlas, und zu leisten, was nur zu leisten war, in eigener Person. Er kam nun oft von früh bis Abend nicht aus dem Automobil. Das Telephon h?rte nicht auf zu klingeln. Mittag war er einmal bei Tisch so zerstreut, da? er die Suppe mit der Gabel zu essen versuchte. ?ngstlich sahn ihm die Eltern zu. ?Ich warne dich?, sagte der Vater, ?aber du machst ja doch nur immer, was du willst.? – ?Er ?rgert sich, weil ich jetzt überhaupt nicht mehr ins Gesch?ft komme,? registrierte der Sohn und war im Grunde seines Herzens froh, da? er nun auch die Vormittage mit geistsprühender geselliger T?tigkeit anfüllen konnte. Er schlief jetzt nur wenige Stunden, so da? er morgens vor dem Spiegel manchmal erstaunte, gleich nach dem Aufstehn, wie unversehrt noch seine Nachtfrisur auf dem Kopfe stand, noch gescheitelt und noch wie zusammengepre?t vom Rauch der Weinlokale. Aber unter der Stirn ging es wirr und polternd, die Ideen wie Steinlawinen. Er überredete Bobenheim und seine Sportsfreunde dem Komitee beizutreten und durch das Ansehn dieser wirklich patrizischen Familien, nicht solcher Windbeutel, befestigte sich nun die allgemeine Neigung, mit ihr die Sicherheit des Unternehmens. Die Beitr?ge liefen jetzt betr?chtlicher ein. Der Landesausschu? gab eine Subvention. Man trug sich mit Unerh?rtem, nach dem ersten Flug sollte ein ganzer Zyklus veranstaltet werden, ein Wettbewerb der verschiedenen Systeme, ein Rundflug über viele St?dte hin, man wollte die Maschinen kaufen und eine Schule gründen, das Aerodrom sollte jedenfalls für st?ndige Veranstaltungen stehen bleiben. Kurz, Arnold glaubte endlich den Beruf gefunden zu haben, für den er pa?te. Wer wei?, vielleicht lernte er selbst fliegen, vielleicht gelang ihm eine epochemachende Verbesserung, und, von dort aus gesehn, würde dann sein ganzes Leben bisher einen Sinn bekommen, alle seine mannigfachen Kenntnisse und Beziehungen würden ihn dann wie nach einem Plan zu diesem gro?en Ziel hingeleitet haben. Er hatte jetzt nichts im Kopf wie diese ungeheure Zusammenfassung seines Seins in einer nahen stürmisch-blitzenden Zukunft, und nur wie ein dunkler Wind w?lzte sich noch der Schwall anderer Lebensverknüpfungen hinter ihm her, die Vergangenheit mit ihren Ansprüchen, die er m?glichst schnell und nebenher abtat.

Drau?en in Waldbrunn erhoben sich schon die gelben rohen Holzplanken des Aerodroms, und für Arnold, der auch die ganze Korrespondenz besorgte, war aus ein paar Brettern mitten im Bauplatz ein kleines Zimmer errichtet worden, sein Bureau. Er arbeitete zwar das Wichtigste in der Stadt, im Palasthotel, in dem das Komitee über einige Zimmer verfügte, doch fuhr er gegen Abend t?glich auf den Rennplatz hinaus, um sich vom Fortgang der Arbeiten selbst zu überzeugen, oft brachte er auch Journalisten, Offiziere, Sportsleute, G?nner mit. Und da fand er, da? ihm manchmal da drau?en, im kühlen Abend, aus der wehenden duftenden Waldluft, die besten Gedanken kamen – sofort schreiben, Brief aufgeben, das war ihm Bedürfnis, und da man ja im Kleinen das Geld nicht sparte, das ganze Komitee vielmehr die herrlichsten Dinge je nach Geschmack der einzelnen, in Erwartung des sichern Glücks, herunterschluckte, hatte er eiligst dieses ?Wigwam?, wie er es nannte, sich bauen lassen. Nirgends noch hatte er sich so wohl gefühlt wie zwischen diesen schnell zusammengenagelten, groben, harzig-riechenden Brettern, die man nicht anrühren durfte, ohne einen Span in die Finger zu kriegen, und die nicht einmal bis ganz auf den Boden reichten, so da? man untendurch den Wiesenboden sah, die Schuhe der Vorbeigehenden. Herein klangen unaufh?rlich Hammerschl?ge und Kommandorufe, ein rhythmisches Pfeifen, schwache Stimmen verwirrt. Man fühlte f?rmlich das Werk, wie es rüstig wuchs, wie es mit wonnevollem Gebraus aus dem Tal gegen die Waldanh?hen hin emporstieg, und Arnold, der sich als das Herz dieses Lebens fühlte, seinen Willen im entferntesten Maurerjungen noch, schrieb auf elegantem bl?ulichen Briefpapier, das eine Art Wappen des Konsortiums in Reliefpressung trug, seine befehlshaberischen oder einschmeichelnden Manifeste. O hier war er zu Hause, hier hatte sein Leben, das fühlte er wohl, zum erstenmal einen H?hepunkt erreicht. O Gott, hier sich einklammern, dachte er, um diesen Mittelpunkt Zellen ansetzen, sonst komme ich nie zum Eigentlichen. Aber was ist es denn, das Eigentliche im Menschenleben, das, weshalb man lebt? Gibt es das überhaupt? Ist es nicht vielmehr eine Phantasie von mir? Vielleicht habe ich dieses Eigentliche schon einmal in der Hand gehabt und habe es nicht gewu?t. Vielleicht geht es allen Menschen so wie mir. O nein, vielleicht erlebe ich eben jetzt das Eigentliche oder marschiere geradeaus darauf los ... Seine Angst verschwand, er atmete tief und kühl, er schaute einen Augenblick durch das kleine Fensterchen in die Sonne, die dem Untergang entgegenzitterte. ?Die ist doch das gr??te Etablissement hier in der N?he? sagte er leise vor sich hin, wie einen kleinen verliebten Witz, ein Kompliment, als stünde er auf du und du mit dem roten Gestirn, als streichle er diese Fl?che, von der jetzt wie von einer ungeheuren Pfanne aus die letzte Hitze emporschlug. Und er err?tete bei diesem Gedanken, als fühle er sich heute, in der Blüte seiner Energie, einer solchen Freundin nicht unwürdig. Man konnte jetzt den Glanz dieser Sonne mit dem Blick schon aushalten, man sah ihre Kreiseinfassung deutlich als dünne zitternde Linie, und die gelbe gl?nzende Fl?che schien gleichsam tiefer in den Himmel hineingedrückt, wie eine Münze mit scharfem Rand ...

Abends nach getaner Arbeit überfiel ihn ein ruhiger tiefer Glücksrausch. Er kreuzte die Arme und trat aus seiner Brettertüre ins Freie, fühlte den schwachen Waldwind an seinen Schl?fen, in die Haare hinein, und obwohl er gar nicht wu?te, wohin mit all der Kraft, machte er keine Bewegung, sie abzuleiten, lie? gleichsam den Deckel über seine inwendige Zufriedenheit stürzen und sie sorgsam gar kochen in ihrem eigenen Dunst ... Manchmal rief er auch die Kinder zu sich, die von der Stra?e her dem bewegten Arbeitstreiben zusahn, und begann mit ihnen zu spielen. Es waren Dorfkinder und Kinder von Waldbrunner Kurg?sten, alle freuten sich über das, was da gebaut wurde, waren gespannt auf das Kommende, verstanden am Ende mehr davon als ihre erwachsenen blasierten Eltern. Arnold liebte Kinder; unter ihnen erwachte seine noch kaum verschwundene Lust am Fu?ballspielen aufs neue, sein Vergnügen an jedem tollen Herumschrein und Vorw?rtsstürmen, sein oft sinnloses Kommandieren und Kommandiertwerden. Von Zeit zu Zeit, wenn er zuf?llig in eine Kindergesellschaft geriet, fühlte er sich auch immer schnell als einer der ihren, fand unter ihnen Trost gegenüber dieser langsam klebrigen Welt, ohne jedoch ein Prinzip daraus zu machen, sondern von einem zum andern Mal verga? er diesen Eindruck und war immer aufs neue überrascht ... Einmal arrangierte er jetzt, in Waldbrunn, ein Wettrennen l?ngs des Waldsaums. Der blonde Gerhart, ein gro?er Junge von etwa fünf Jahren, fiel über jede Baumwurzel hin, endlich aber so derb, da? er zu schrein anfing ...

Eine Dame eilte heran und Arnold begann sich bei ihr zu entschuldigen.

?Im Gegenteil, sie haben ganz recht, Wichse verdient er, tüchtige.?

Jetzt erst, erstaunt über diese in devotem Ton hervorgebrachte und, wie ihm gleich auffiel, ziemlich unsinnige Rede, blickte Arnold die Dame an, w?hrend er bisher nur an dem kleinen qu?kenden Kerlchen herumgearbeitet hatte, um ihm einen Schmutzfleck von der Nase zu wischen ... Es war eine gro?e auffallende Blondine, die er schon mehrmals gesehn haben mochte, und nun wu?te er auch, wo: sie hatte ihm einigemal, wenn er hier auf Baupl?tzen und Gerüsten herumregierte, mit einer Andacht zugesehn, die ihm zugleich schmeichelhaft und widerlich vorgekommen war, ohne da? er sich übrigens viel um sie bekümmert h?tte.

?Aber verzeihn Sie, gn?dige Frau ...?

?Ich bin nur die Gouvernante? entgegnete sie in einem Ton, als k?nne sie sich nicht schnell genug demütigen. ?Im Gegenteil, ich habe Ihnen zu danken, Herr Beer ...?

?Sie kennen mich ...?

Sie l?chelte und nickte: ?Par Renommée! Ich war einige Jahre bei Grünbaum, bei der jüngeren Schwester des Herrn Technikers Grünbaum. Da hat man so oft von Ihnen geredet und immer nur das beste ...?

Etwas, was nicht oft geschah: Arnold wurde verlegen, err?tete sogar ein wenig. Er konnte sich im Augenblick absolut nicht vorstellen, welches Gute denn die Schwester Grünbaums mit ihrer Gouvernante von ihm gesprochen haben dürfte ... Als müsse er so unverdientes Lob abwehren, stotterte er: ?Dafür treffen Sie mich jetzt in einer Situation ...?

?O nein, ich bewundere Sie ja – wie Sie sich auch noch mit Kindern abgeben k?nnen, ein so besch?ftigter Mann ...?

?Ja, ich treibe viel unnützes Zeug,? seufzte er.

?Unnütz? O wer dürfte das sagen. Im Gegenteil ...? Sie stockte, und Arnold fand es grausam sü?, sie bei diesem Wort, das sie jetzt schon zweimal in der kurzen Weile gebraucht hatte, ein wenig zappeln zu lassen. Endlich fuhr sie fort: ?Was Sie leisten, davon erz?hlt ja die ganze Stadt.?

?Was man erz?hlt, das ist nicht immer wahr.?

?Sie sind zu bescheiden, Herr Beer, ich habe es ja auch selbst gesehn ... nur in den letzten Tagen zum Beispiel ...?

?Das war ein hübscher Oberleutnant neulich ... was??

?Wollen Sie mich auslachen?? Sie machte ein beinah beleidigtes Gesicht, mit gerunzelter Stirn, doch etwas st?rte die Wirkung des Gekr?nkt-Aussehens: die Wichtigkeit und der durch nichts geforderte, allzu liebevolle Ernst, mit dem sie das Folgende erkl?rte: ?Sie meinen, da? ich auf buntes Tuch fliege? O nein, das imponiert mir gar nicht ...?

?So, so ...? Arnold schüttelte den Kopf. Obwohl ihn diese Beobachtung wenig interessierte, fand er bei sich, da? das Fr?ulein allerdings so aussehe, wie er sich im allgemeinen Frauen oder Geliebte von Offizieren vorstellte. Sie war gro?, blondhaarig, eine ?Fernwirkung?. Ihr starker, doch nicht mehr als anmutig geschwellter Busen zog die Blicke auf sich. Im Gesicht aber lag eine eigentümliche Disharmonie. Arnold durchforschte es, kam jedoch zu keiner Erkl?rung dieses Eindrucks ... Dabei hatte er sich langsam neben dem M?dchen, das den Knaben an der Hand führte, in Bewegung gesetzt. Er redete etwas vom Milit?r, ganz unklare Dinge, denen ein aufmerksames Lauschen seitens der Dame begegnete. Er wu?te kaum, was er sprach. Vielmehr war er einzig damit besch?ftigt, unter dem Vorwande, da? er die Mütze des Knaben studierte – der Knabe ging zwischen ihm und dem Fr?ulein – zu bemerken, wie bei jedem Schritte des Knaben über dem roten Bummerl der Mütze die sch?ne weibliche Hüftenrundung im blauen Rock auftauchte und wie eine Welle wieder versank, er sah das mit jenem Anflug willenloser Schl?frigkeit, die den Beginn sinnlicher Erregungen zu begleiten pflegt. Dabei h?rte ein Widerstand, eine Art von Ekel, nicht auf, sich in seinem Innern fühlbar zu machen. Pl?tzlich hatte der Widerstand gesiegt, Arnold wachte auf, und begann nun die Scheinbesch?ftigung mit dem Knaben in eine wirkliche umzuwandeln. Er brach mitten im Satz ab, neigte sich wieder, und w?hrend sie durch den Wald weiter dem Kur?rtchen zuschritten, kitzelte er das Kind links am Ohr, indes er sich rechts von ihm hielt. Gerhart sah zum Fr?ulein auf. Nun zupfte ihn Arnold geschwind am rechten Ohr und schaute sofort in die Luft. Der Knabe aber verstand schon den Witz und drehte sich mit wütendem Gel?chter gegen Arnold, um ihn ins Knie zu boxen. ?Wirst du nicht unartig sein!? ermahnte die Bonne und wollte ihm in die Hand fallen. Inzwischen hatte aber auch Arnold eine Abwehrbewegung gemacht und so trafen sich vor seinem Bein pl?tzlich die drei H?nde. Die des Kindes l?ste sich gleich wieder los, um mit aller Gewalt auf Arnolds zweites ungeschütztes Knie loszuschlagen; aber die Finger des Fr?uleins und Arnolds blieben fest beisammen, verschlangen sich einen Augenblick lang ineinander, w?hrend auch ihre Blicke offen ineinander tauchten. Beide waren still; eine herrliche Gelegenheit für den kleinen Rangen, mit beiden F?usten auf Arnolds Knie sich der Rache hinzugeben. Und er trommelte, bis Arnold mit gleichgültigem, gar nicht mehr kinderfreundlichem Schub ihn abschüttelte ...

Sie hie? Feistnig und stammte aus Deutschb?hmen, aus dem Erzgebirge. Ihre Eltern waren sehr arm, er solle nur ja nichts anderes dahinter vermuten, ein armer Bauer, eine arme Spitzenkl?pplerin; und deshalb mu?te sie dienen. übrigens hatte sie die Lehrerinnenbildungsanstalt absolviert, ja gelernt hatte sie etwas, Gott sei Dank. Einer ihrer Lehrer habe sie heiraten wollen, aber das hatte sie ausgeschlagen, weil er ein Witwer war. ?Ein Wittmann hat zwei Herzen.? Nein, das mochte sie nicht. An Heiratsantr?gen war kein Mangel. Mochte Gott wissen, was die Leute an ihr fanden ... Arnold machte ihr ein Kompliment ... Sie erz?hlte schon etwas von einem Berg und einem Bach bei ihrem Heimatsdorfe. Wenn sich ein M?dchen in einer M?rznacht in diesem Bach wasche, dann werde sie sch?n. ?Und das habe ich ein paar Jahre hinter einander gemacht, so dumm war ich. Ja, wenn man jung ist. Ja die Heimat ...? Diese sanfte Poesie fand Arnold unausstehlich, diese schw?rmerischen Augen. Zudem bemerkte er mit Mi?vergnügen, da? das Gespr?ch immer wieder stockte, da? es ihn solche Mühe kostete, als müsse er jeden Augenblick es von neuem anknüpfen. Er hatte das Gefühl, als mache er mit jeder seiner Fragen eine wichtige und schwierige Erfindung, die indes von seiner Partnerin nur ganz oberfl?chlich ausgesch?pft wurde; und im n?chsten Moment stand er schon wieder vor der Notwendigkeit, etwas Neues zu erfinden. Also los, er gab sich einen Anlauf und fragte sie nach ihrem Vornamen. Sie wollte ihn nicht sagen. Er bestand darauf. Nun aber blieb sie seltsamerweise eigensinnig, gerade den Vornamen wollte sie nicht sagen. ?Warum denn nicht?? ?Sie müssen nicht so neugierig sein.? Er bat sie: ?Nein, das ist aber nicht nett von Ihnen? und dachte dabei: Endlich ein Gespr?chsstoff gefunden! Sie lachte: ?Mu? ich denn immer nett sein?? ?Aber jetzt haben Sie mir schon so hübsch erz?hlt.? ?Wer zu viel wei?, wird bald alt.? Endlich gab sie es ihm frei, zu raten. Er riet: Anna, Toni. ?Das i w?r richtig.? Er strengte sich an und jetzt erst zum erstenmal empfand er eine Art geistiger Erregung ihr gegenüber. Pl?tzlich wandte sie sich dem Kleinen zu, der auch besch?ftigt sein wollte und unaufh?rlich an ihrem Kleid ri?. ?Du, fang mich!? ... Sie lief voraus. Ihre Gestalt war m?chtig und dabei schlank in der Taille. Einfach, aber gerade infolge der Gl?tte wie durchsichtig zeichnete der Rock, in der Bewegung jetzt, ein reizendes Spiel langer Beine, das sich im Ungegliederten fast geheimnisvoll verlor und erst an den sich drehenden Hüften eine Fortsetzung fand. Der volle Busen lehnte sich wie ein kleiner Polster neben den Baumstamm, an den sie sich schmiegte, um sich umzudrehn und aus dem Versteck hervorzugucken, und zugleich wirbelte es unten am Rocksaum wei? wie Wellenschaum aus dem Innern hervor, um leichte spitze Fü?chen. Dazu str?mte der gewaltige Geruch der Tannen im Abendwind, als verstreue ihn das M?dchen mit ihren lebhaft hin und hergeworfenen Armen, mit ihren Wendungen, denn bald lief sie davon, bald stand sie und rief das Kind, machte einen Tanzschritt zur Seite. Arnold konnte es nicht lassen, er beteiligte sich am Spiel. Zun?chst stellte er dem Knaben die Wahl, ihn oder das Fr?ulein zu fangen, und jauchzend trieb sich Gerhart hinter beiden her, ohne sich zu entschlie?en. Er war noch zu jung für vernünftiges Spiel, er wollte nur strampeln und schrein. Dann schrie Arnold – mehr um sich mit ihr als mit dem Knirps zu verst?ndigen –: nun würden sie also beide das Fr?ulein fangen, und jagte schon hinter ihr drein. Und dabei hatte er eigentlich nur die Absicht, das Gespr?ch fortzusetzen, ihren Widerstand wegen des Namens zu brechen. Aber schnell blieb Gerhart zurück, das Fr?ulein floh immer entschiedener, Arnold bekam immer mehr Lust sie einzuholen, sie bog, da er schon ganz nahe bei ihr war, mit einem geschickten weiblichen Ruck zur Seite, ins Geh?lz, er verfitzte sich zwischen den ?sten, ihr nach, die ihm ins Gesicht schlugen, – da ?ffnete sich eine freiere Stelle und sie konnte ihm nicht mehr entrinnen. Von hinten her umklammerte er sie, drückte sich an sie: ?Also wie hei?en Sie, schnell, wie hei?en Sie?? Sie suchte sich loszumachen, ermattete und seufzte: ?Lina,? wie besiegt ... damit fiel ihr Rücken an seine Brust zurück, ihr K?pfchen hob sich, das bisher wild geduckte, w?hrend der seine über ihre Schulter herüberkam. Das hatte kaum eine Sekunde gedauert. Schon spürte er den fremdartigen Geruch ihrer Haare, ihres Atems, und in demselben Augenblick erschien es ihm widerstrebend bis zur Unm?glichkeit, einem unbekannten Menschen pl?tzlich, unvermittelt so nahe an die Haut zu geraten. Eine bittere Wolke schien ihm aus ihren dunkelroten, halbge?ffneten Lippen emporzuquellen, die er jetzt knapp vor den seinen hatte, und allem Widerstreben zum Trotz zog ihn dieser warme unangenehme ungesunde Dampf in sich hinein, wie man manchmal Freude daran findet, die Fingern?gel über die eignen Finger schneidend und immer tiefer zu ziehn, vom Schmerz nicht ablassen kann ... Er hatte sie auf den Mund gekü?t. Sie stie? ihn zurück, nun energisch und mit einer ganz erstaunlichen Unfreundlichkeit, eilte wieder auf den Weg zurück ... Arnold glaubte, sie beleidigt zu haben, folgte ihr langsam. Sie tat ihm leid. Eben hatte er noch in einer leichten Stimmung von Verführungskünsten und von Gedanken wie: ?Na, man mu? dem M?del den Gefallen tun? herrschaftlich geschwelgt, jetzt sagte er sich: Ich bin ein Barbar, was mag sie sich von mir denken ... Sie führte nun den kleinen Gerhart an der Hand und sprach kein Wort, die Augen niedergeschlagen. Er neckte wieder den Knaben, ziemlich geistesabwesend, nur weil es ihm peinlich war, ganz stumm zu sein. Allm?hlich redete auch sie: ?Nun also, wirst du dem Herrn die Hand geben, wirst du hübsch artig sein?? Ein Stein fiel Arnold von Herzen, da er ihre unver?nderte, etwas zu blendendweiche Stimme wieder h?rte; er erhob den Kopf: ?Er ist artiger als Sie, Fr?ulein Lina ... Lina? wiederholte er leiser und fuhr fort ?er hat keine Launen, benimmt sich artig, nicht war, du?? und bückte sich zu dem Gesicht des Kleinen herab. ?O Sie sollten ihn nur sonst kennen, was, Geri? Er kann schon sein Stückl bestehn? ... So kam das Gespr?ch wieder in Gang, ganz ruhig, als ob nichts geschehen w?re. Es war so dunkel geworden, da? man einander nicht mehr die Gemütszust?nde vom Gesicht ablesen konnte, das gab einen guten übergang zur Unbefangenheit, in die sich übrigens das Fr?ulein, so schnell ging es, auch ohne Dunkelheit bald hinübergedreht h?tte. Nun klang ihr Lachen wieder wie vorhin, etwas übertrieben und künstlich, bei jeder Wortwendung Arnolds, die nur ein wenig von der geraden Ausdrucksweise abwich. Es war ein gewisserma?en tiefernstes, beinahe tragisches Lachen und verwandt jenem speichelleckerischen, das Schulkinder bei den kleinen Witzen des Lehrers hervorsto?en. In seiner Pedanterie blieb es niemals aus, kroch einem wie ein Hund nach. Arnold, der sich durch Linas Zurückweichen nach dem Ku? angezogen gefühlt hatte, wurde wieder verdrie?lich ... Endlich mündete die Waldchaussee auf die Landstra?e mit ihren Obstb?umen, bald war man bei den ersten H?uschen von Waldbrunn angelangt, wo sich Arnold mit einem Handku? vom Fr?ulein, von Gerhart mit einem Backenzwickerl verabschiedete.

Am n?chsten Tag dachte er nur mit Unlust an diesen Vorfall. Was für eine neue St?rung!... Arnold war von wenig sinnlicher Anlage, sein rasches Leben schien tieferen Eindrücken der Frauensch?nheit gleichsam zu entgleiten, so wie etwa ein rei?ender Bergbach von der Sonne nicht bis auf den Grund durchw?rmt werden kann. Es sind ja meist die schwerblütigen Naturen, nicht, wie man meinen sollte, die lebhaften, die an den Frauen untr?stlich kleben bleiben ... Er hatte zwar die ganze nicht eben umfangreiche Skala gro?st?dtischer Verderbtheit mitgemacht, mit den Freunden eben, war eine Zeit lang von einer Dirne mit mehr als bezahlter Liebe geliebt worden, hatte Stubenm?dchen und Weinstubenkellnerinnen Sonntags ins Hotel geführt, oder hatte in der Garderobe eines Klubhauses ein Familienm?dchen eilig abgekü?t, aber all dies ohne rechten inneren Anteil, nur schnell und stundenweise und mit dem stets wachen Bewu?tsein, da? daran nicht viel sei. Das Vergnügen überhaupt war seine Sache nicht, er strebte nach Anstrengungen, Leistungen, Wirkungsm?glichkeiten. – Diesmal aber schien er an ein anst?ndiges M?dchen geraten, die die Sache ernst nahm, und das machte ihn unruhig. Ein langes Verh?ltnis konnte etwa daraus entstehn, mit Z?rtlichkeiten, Verpflichtungen, gebundenen Rendezvous, kurz all den Dingen, zu denen er keine Zeit und Lust hatte. Sie gefiel ihm auch nicht besonders. Er sagte sich, indem er ernst wie ein Kaufmann Aktiva und Passiva gegen einander hielt: No ja, ein fesches G'stell, aber das Gesicht mutet mich nicht an, eine typische Fernwirkung ... Den Fehler ihres Gesichtes hatte er allerdings noch nicht herausgefunden, konnte sich überhaupt nichts mehr an ihr genau vorstellen, nur noch die feine dünne Empfindung seiner Fingerspitzen an ihrer leise aufrauschenden Seidenbluse, als er sie umfa?t hatte, und diese Erinnerung regte ihn freilich doch ein wenig auf. Ueberdies war sie ja so dumm, so simpel. Arnold hielt die Weiber überhaupt für unfeine inferiore Gesch?pfe; l?cherlich, mit ihnen sich abzugeben. Und mehrmals kam er erleichtert auf den Gedanken zurück, da? ja nichts Gro?es zwischen ihnen vorgefallen war, Gott sei Dank. Er stellte sich erschauernd sein Gefühl heute vor, wenn ... Nein, das auf keinen Fall! Und doch wu?te er, da? es dazu gekommen w?re; gut, da? der kleine Junge dabei war, o, er segnete ihn nachtr?glich. Und die ganze Sache wurde ihm mehr und mehr unheimlich, da er fand, da? sie ihn doch von seinen wichtigeren würdigeren Gesch?ften mehrfach in Tr?umereien abzog.

Am Nachmittag blieb er in seinem Wigwam, schrieb und kümmerte sich um nichts anderes ... Da stand sie in der Tür, den Jungen an der Hand: ?Ich mu?te mir doch mal ansehn, wie Sie wohnen?. Er fand kein Mittel unh?flich zu sein, auch nicht die Neigung dazu. Mit einem gewissen Stolz (wie ehemals vor den Kurkapellen) setzte er sich zwanglos vor ihr in Szene, zeigte ihr den beladenen Tisch, den riesigen Einlauf, das ganze einfache Geh?use, das so recht seine eigene Sch?pfung war, die einzige bisher. ?Hier m?chte ich ganz gerne wohnen? knüpfte er bedeutungsvoll an ihren Scherz an, mit einem tiefsinnigen Blick gleichsam in die eigene Seele ?hier ist der einzige Ort auf Gottes weiter Welt, wo ich mich zu Hause fühle ...? Sie fürchtete zu st?ren, er hatte so viel zu tun, nicht wahr. Diese Zurückhaltung rührte ihn, er erkl?rte, da? es nicht so arg sei, und las den halbfertigen Brief vor, der auf dem Tisch lag, um ihr zu zeigen, f?rmlich herablassend, da? das alles doch gar kein so besonderes Kunststück sei. ?Das würde ich auch zusammenbringen?, lachte sie. Er ermunterte zu einer Probe. ?Gerhart, spiel da drau?en?, sie führte das Kind vor die Tür, wo noch gro?e Sandl?cher um die eingerammten Pfl?cke offen lagen, ?da hast du Mehl und Zucker.? Und schnell kehrte sie zurück, entwarf ein paar Briefe, nach kurzen Andeutungen, die Arnold machte. Ihre Intelligenz überraschte ihn. ?Da h?tte ich ja einen perfekten Sekret?r, das wünsche ich mir schon lange, nur hab ich's bisher nicht so weit gebracht.? ?Ich komme jeden Nachmittag, wenn Sie wollen,? stimmte sie erfreut zu und eifrig schrieb sie weiter, sorgf?ltige Buchstaben, wobei sie ihre ohnedies gro?en hellgrauen Augen noch mehr herausw?lzte. Arnold ging zuerst auf und ab, blieb aber dann stehen und betrachte sie von der Seite, irgend etwas fesselte seine Aufmerksamkeit, ohne da? er sich darüber Rechenschaft ablegte, erst nach geraumer Weile bemerkte er, da? es wieder diese im Verh?ltnis zur dünnen Taille reizend sich vorbiegende weiche Linie ihrer Brust war. Er bemerkte es ?rgerlich, trat aber, noch halb im Taumel, hinter ihren Sessel und prüfte mit schwerem Ernst, ja mit Bekümmernis, die W?lbung ihres Rocks um die Hüften, dann die Falten der Bluse, denen man es anmerkte, da? darunter der Leib eng geschnürt war, betrachtete voll Interesse die scharfe, wenn auch nur wenig gehobene Kante, die der obere Rand des Mieders deutlich in den Blusenrücken pre?te, glitt zum Gürtel mit seinem Blick und tiefer hinab, wo ihn das in jedem der zart eingewebten Rockstreifen ausgedrückte Anschwellen und dann das im finstersten Schatten ganz undeutliche Abschwellen zur Verzweiflung brachte. Endlich raffte er sich auf; ein Coupletrefrain, oder war es nur ein Spottvers, ging ihm im Kopf herum, immer lauter: ?Er regt soch auf, hat nichts davon.? O pfui, wie ordin?r war das, wie ordin?r erschien er sich, ordin?r, ordin?r, und welch ein erb?rmlicher Kontrast zu diesem M?dchen, die in ihrem Eifer und Schülerschreiben im Grunde einen so netten Anblick bieten mu?te. – ?... regt soch auf, hat nichts davon.? Wie ordin?r! Die Schamr?te stieg ihm ins Gesicht. Und so sind also die M?nner. O wenn sie wü?te ... Wahrscheinlich hatte sie gar keine Ahnung davon, welche ihr gewi? ganz entlegene Wirkung die Profilansicht ihres K?rpers, ihr Rücken auf diesen – gebildeten jungen Mann ausübte. Sie arbeitete da, zeigte voll harmloser Beglücktheit, was für ein kluges M?dchen sie war ... Oder wu?te sie es? Verstellte sie sich so gut? In diesem Gedanken legte ihr Arnold teuflische Krallenh?nde zu, H?rner unter der blonden, welligen Frisur. Er entfernte sich von ihr, bis in die entfernteste Ecke der Hütte, von wo aus er sie anrief: ?Nun, sind Sie bald fertig?? – Jetzt erst bemerkte er, wie lange er nichts gesprochen hatte. Was war denn vorgegangen? Wieder stieg der Coupletrefrain in seinem Kopfe auf, so da? er sich schüttelte. – Sie nahm es für ?rger und beeilte sich noch mehr: ?Ja, ja, gleich?, dabei legte sie eine Wange auf den linken Arm, schob das Papier weit nach rechts und jagte mit schr?ger Feder darüber hin. Als sie fertig war, bewegte sie den kleinen Finger der rechten Hand hin und her: ?... tut weh.? ?... regt soch auf?, dachte er unwillkürlich in demselben Moment, durch den Rhythmus ihres kurzen S?tzchens aufgestachelt, wie ein h?hnisches Echo. ?Bin's halt nicht gew?hnt?, setzte sie fort. Ihm fiel der zweite Teil des Couplets ein, unaufhaltsam. ?Wird das so weitergehn??, dachte er wütend. Zugleich spürte er eine kindliche Wichtigtuerei aus ihren Worten heraus, die ihm gefiel, aber nichtsdestoweniger seine überlegenheit zurückgab. ?Rufen Sie Gerhart?, befahl er und hütete sich, ein ?Bitte? dazuzusetzen. Er sah sie streng an, mit einer energischen Miene, die eigentlich ihm selbst galt. Sie ging an ihm vorbei, durch die Türe hinaus. An seinem gespannten unt?tigen Stehnbleiben in diesem Moment merkte er, da? er, wieder verlockt, sie bl?de anstarrte ... Erst unterwegs dankte er ihr für die Mühe. ?Jetzt sind Sie so lange gesessen, da müssen Sie Bewegung machen.? Das war natürlich der übergang zu derselben Fang- und Ku?szene wie gestern, nur erleichtert dadurch, da? Lina sofort von der Chaussee bereitwillig zwischen die Baumst?mme einbog.

Sie wurde ihm von nun an unentbehrlich. Sie schrieb seine Memoranden ins Reine, die er in flüchtiger Stenographie skizzierte, sie übersetzte Franz?sisches, sie machte ihm die Korrespondenz so weit fertig, da? er nur noch lesen und unterschreiben mu?te. So einen Diener, einen Ausführer konnte er gerade brauchen, dem er nur die Keime seiner zahllosen Ideen hinwarf, und schon wurden sie sorgsam aufgelesen, gereinigt, aufgezogen. Alles ging richtig, der kleine Gerhart spielte indessen drau?en vor der Baracke, sie konnte sich mit einem Blick durch die Türe oder unten durch die Bretterluken durch schnell davon überzeugen ... Doch mit all ihrer Dienstfertigkeit war sie Arnold nicht angenehm. Gerade dieses Nutzbringende an ihr, diese Sklavennatur stie? ihn ab, weil er fühlte, da? er dadurch an sie gefesselt war. Die Verehrung, mit der sie ihn umgab, fand er unsinnig, ganz anders als die Anbetung der Freunde, die er doch zu verdienen geglaubt hatte. Wie sie ihm von fern himmelnd mit den Blicken folgte, wenn er die Gerüste inspizierte oder Besichtigenden flink zur Hand war: das l?hmte ihn fast. Ihre Kugelaugen waren wohl auch das entscheidend H??liche im Gesicht, diese w?ssrigen, ausdruckslosen Glasb?uche, doch nicht minder mi?fiel ihm, da? ihre Nase und die Kinnw?lbung rot waren, die Backen derb und, aus der N?he gesehn, nicht ganz glatt. Dafür entsch?digte das reiche blonde Haar und die auffallend volle, doch biegsame Figur; jedoch, weiter betrachtet, war es gerade diese unl?sliche Verbindung eines weichen, anmutigen Leibes mit einem so durchaus ungrazi?sen Gesicht, eines d?monisch Anziehenden mit einem eiskalt Absto?enden, was Arnold unheimlich und widerw?rtig wie eine ?tzende übelriechende Flüssigkeit vorkam. Und mit diesem heillosen Eindruck wieder verbunden ihre offenbare Sanftmut, die Ergebenheit: o es war eine Disharmonie in allem. Und hatte er denn Zeit, das zu ordnen und zu entschuldigen, wie ein Verliebter etwa?... O, diese Liebe machte ihn ganz und gar nicht glücklich, nein, nur unruhig und niedergeschlagen. Er fühlte sich schwach gegen dieses M?dchen, er beneidete sie manchmal, denn sie war gewi? beseligt in ihrer aufrichtigen Neigung zu ihm. Sie sprachen überdies nie über Liebessachen, es fiel ihm nicht einmal ein, sie zu duzen. Als sie ihm gestand, sie sei einmal schon get?uscht worden, der Br?utigam habe sie nach schm?hlichem Tun im Stiche gelassen, erschrak er heftig. Zwar nicht wegen einer etwaigen Heirat, dieser Gedanke lag wohl beiden gleich fern; aber da? sie schon einem angeh?rt hatte, mu?te ihre Eroberung beschleunigen, und er selbst war, das wu?te er, im gegebenen Moment zu unbesonnen, um aus eigenem Willen einzuhalten. So sah er die Gefahr vor sich und keine M?glichkeit, ihr auszuweichen ... Zudem peinigte ihn der Gedanke, da? dieses Verh?ltnis wenig standesgem?? sei, da? er es zu wichtig nehme, und nur wenn ein Freund ihn neidisch fragte: ?Du, wer war denn gestern diese Fesche?? beruhigte er sich ein wenig. Von au?en her, durch die Wirkung auf andere mu?te er sich ihre Sch?nheit und Begehrenswürdigkeit deutlich zu machen suchen. Auf ihn selbst blieb diese Wirkung erstaunlich oft aus. Dann mu?te er sich ins Ged?chtnis rufen, wie er sich gestern oder vorgestern in ihrer N?he in Erregung wohlgefühlt hatte; sonst h?tte er sie überhaupt nicht ertragen. Oder er h?rte gern zu, wenn sie erz?hlte, wie ihr einer nachgegangen war, sie vergebens angesprochen hatte. Er forderte sie selbst zu solchen Berichten auf, die ihm ihren Wert ins Bewu?tsein brachten. Daher hielt sie ihn für eifersüchtig, freute sich darüber, wenn sie auch viel zu demütig war, um diese seine Schw?che irgendwie auszunützen. Sie verschwieg ihm also lieber solche Begebenheiten; er, der beinahe das Gegenteil von eifersüchtig war, mu?te sie mit List hervorlocken. So war ein versteckter Krieg entbrannt, ohne da? sie es wu?ten ... Es war nicht zu vermeiden, da? seine Leidenschaft, die auf blo?e Sinnlichkeit ohne die leiseste Spur eines seelischen Anteils gestellt war, in ihrer St?rke heftige Schwankungen zeigte, je nach dem Wetter oder seinem Ausgeschlafensein. Sank sein Feuer, so war es ihm schmerzlich, denn dann kannte er sich in diesem Verh?ltnis überhaupt nicht mehr aus, wu?te nicht, was er wollte und was das Ganze bedeutete. Deshalb geriet er auch jedesmal in Unruhe, wenn Lina hie und da schlecht aussah oder wenn ihr ein Kleid nicht pa?te. Es verdro? ihn, wenn ihre Gestalt in gewissen Stellungen nicht vorteilhaft wirkte, er konnte dann den Gedanken nicht abweisen: Am Ende ist gar nichts an ihr – er fühlte sich wie betrogen. Manche Tage erschien sie ihm zur Verzweiflung unscheinbar, eine Pustel entstellte den Mundwinkel. Sorgsam kontrollierte er ihr Abmagern oder Zunehmen, bat sie, nun in dieser Fasson innezuhalten, scheinbar scherzhaft, mit verhülltem innerstem Ernst. Er fragte sie, ob sie gut schlafe, wie viel sie gegessen habe – alles nur zu dem einen Zwecke: um auf dem Umwege über ihre Sch?nheit seine Behaglichkeit zu erlangen. Er hatte auch einen gewissen z?rtlichen unmerklichen Griff, um sie gleich beim Kommen an der Taille anzurühren und rasch festzustellen, ob die diesmalige gute Wirkung mit oder ohne Zuhilfenahme eines Korsetts zustande gebracht sei. Dabei geriet er halb unbewu?t in inbrünstige Gedankeng?nge wie diese: ?Da sie heute so wenig fesch aussieht, so hat sie doch hoffentlich wenigstens kein Mieder an? – oder: ?Mein Glück w?re vollst?ndig, wenn der heutige sü?e Effekt ohne Mieder hervorgebracht w?re.?

So kam es, da? er niemals an dem, was sie war, an ihrer natürlichen und begrenzten Organisation ein endgiltiges Wohlgefallen fand. Sondern oft, wenn er sie in Mu?e beobachten konnte (sie schrieb, er diktierte) stellte er sich vor, wie ihre Nase oder die H?nde etwas besser zu machen w?ren, er probierte in Gedanken, ob ihre Brust noch etwas voller reizend w?re oder schon unschicklich und übertrieben, ob man ihr nicht mit Brillantohrgeh?ngen oder mit einer Brille (o diese Augen!) beispringen k?nnte. Er kleidete sie in Trachten verschiedener Zeit, er operierte sie. Wie schwer war es doch, sich in die Liebe hineinzureden. Da er den naturgem??en Zusammenhang ihrer Eigenschaften nicht kannte, auch sich keine Zeit dazu nahm, über ihn nachzudenken, hatte er Angst, es k?nnte eines Tages ihre ganze Sch?nheit pl?tzlich verschwunden sein. So war er stets angespannt, stets auf dem Posten, nerv?s und erregt. Sie jedoch, natürlich ohne jedes Verst?ndnis für seine Qualen, st?rte ihn obendrein durch Reden wie: ?An mir ist ja nichts? oder ?Ich wei?, da? ich nicht sch?n bin?. Das war immer wie ein Fu?tritt in seinen kunstvollen Ameisenbau, dann kribbelten schnell seine Ideen und Reden heran, um den Schaden wieder gut zu machen. Er stellte ihr vor, da? er solche Selbsterniedrigung hasse, da? sie ja damit ihn selbst angreife und blamiere, denn was sei er, wenn er mit einer, ?an der nicht viel sei?, so viel verkehre. Sie versprach zerknirscht es nie mehr wieder zu tun, verga? das aber schnell, da sie es im Grunde nicht begriff, lobte ihn: ?Was bin ich gegen Sie??, sehr erstaunt, da? ihn das ?rgerte. Dann weinte sie. Er mu?te sie tr?sten, doch wiederum fand er bald den Unterschied gegenüber seiner früheren Trostwirkung auf Freunde: Damals hatte es sich um Taten und Ermutigungen zur Arbeit gehandelt, hier umfa?te der Trost die ganze Person und war eben deshalb ein leeres Gerede ... Alles in allem empfand er ein Gemisch von Mitleid, Dankbarkeit, Neugierde, Unmut, Eitelkeit, auch ein wenig Hingezogenheit und starken Kitzel, all dies wechselnd und heftig, wie es sich für sein unstetes Gemüt eben schickte.

Inzwischen war auch das Flugunternehmen an einen kritischen Punkt gelangt. Aus nichtswürdigen Quellen h?uften sich die Angriffe, anonyme Briefe flogen, die Sicherheitsbeh?rden schritten ein. Ein radikales Blatt sprach offen von ?Schwindel und Bankrott?. Farman, Blériot sagten ab und so hatte sich der Ausschu? an den jungen hoffnungsvollen Aviatiker Ponterret gewendet, einen Belgier, der einen Apparat eigener Konstruktion vorführen sollte. Er war einverstanden und bald sah man in den Auslagen Photographien eines hübschen Herrn, frisiert und schlank, der aus dem Hohlsitz seines Monoplans die Mütze schwenkte oder kühn wie Latham Zigaretten rauchte oder aus kriegerischer Schutzbrille in die Luft starrte, die Hand am Lenkhebel. Die Zeitungen brachten seine Biographie, er hatte sich ?ffentlich noch wenig hervorgetan, umso mehr privat, auch zitierte man einen Ausspruch Paulhams, da? dieser junge Mann der Einzige sei, der ihm jemals gef?hrlich werden k?nnte. Auf den Plakaten führte er daher das ehrende Attribut ?Der Rivale Paulhams?, und bald war sein Name so sehr in aller Munde, da? man ganz verga?, ihn vor einer Woche noch gar nicht gekannt zu haben, da? man beim Aussprechen schon jenen illustren unbeschreiblichen Beiklang herausschmeckte, den die Namen der gro?en Helden und Meister haben: Ponterret!... Der Apparat kam, per Sonderzug, wurde ausgestellt, photographiert, erkl?rt, von Mittelschülern klassenweise offiziell besichtigt, unter sachverst?ndiger Führung des Physikprofessors. Endlich traf der Champion selbst ein, von der Stadtvertretung begrü?t, übrigens sehr bescheiden und sympathisch, nur auf seine Arbeit bedacht. Man beschrieb ihn in den Zeitungen, wie er eigenh?ndig, selbst geschickter als seine Monteure, die niedrigsten Dienste an seiner Maschine zu leisten sich nicht scheute, keinen Bestandteil für unwichtig hielt, jede Schraube tausendmal ausprobierte. Schon am n?chsten Tag versuchte er einen Flug, der Motor ging nicht, das Benzin war schuld daran. Bei der n?chsten Probe geriet die wertvolle Dogge des Fliegers in die Schraube, die gerade angelassen wurde, die Schraube brach, die Dogge blieb auf der Stelle tot. Ohne mit der Wimper zu zucken, lie? Ponterret sofort eine neue Schraube anmontieren, doch setzte der Motor bald darauf aus, die Probe mu?te abgebrochen werden. Die Journalisten konnten nichts tun als immer wieder den ?Piloten? beschreiben, der nach solchem Mi?geschick mit kaltblütigem L?cheln vor dem Hangar auf- und abspazierte, winzige Zigaretten rauchte, dann aber gleich wieder im blauen Arbeitermantel, unter dem die gelben Lackstiefelspitzen hervorschauten, unverdrossen ans Werk ging, die Verbindungsdr?hte wechselte oder das Traggestell ausbalanzierte. Ponterret plagte sich unermüdlich, er setzte sein Leben bei den fortgesetzten Proben mehrmals aufs Spiel, er war zugleich liebenswürdig und energisch, mutig und auf das Schlimmste gefa?t, er bot eine Vereinigung s?mtlicher Heroentugenden; trotzdem erzielte er nicht den mindesten Erfolg, der Apparat funktionierte einfach nicht. Kurz und gut, Ponterret bot das unserer Zeit schon etwas entfremdete, aber für die damalige Kinderstammelperiode der Flugtechnik typische Bild des hingebungsvollen, tüchtigen, durchaus ehrenwerten Aviatikers, dem trotz aller Anstrengungen und Aufopferungen ein leiser Hauch von Komik anhaftet, weil ihm so gar nichts gelingt, dem vielleicht nur ein kleiner Handgriff fehlt oder am Ende gar nur unglückliche Zuf?lle im Weg stehn. Man wünscht ihm ja das Beste, man wünscht aber zugleich, peinlich berührt, der beweinenswerte Held w?re hübsch zu Hause geblieben, da man ja nicht die M?glichkeit hat, seine Handgriffe oder Zuf?lle irgendwie günstig zu beeinflussen. Er stellt, man mag ihn entschuldigen wie man will, das konzentrierteste Symbol menschlicher Unsicherheit und Machtlosigkeit dar; und das kann man ihm nie verzeihn ... Drei Tage vor dem angesetzten Schauflug brach Ponterret einen Flügel seines Aeroplans, nun mu?te man Ersatz aus Paris herantelegraphieren, den Flugtag um vierzehn Tage verschieben. Das Publikum wurde allm?hlig ungeduldig. Zwei Holzh?ndler lie?en es aber bei akademischer Ungeduld nicht bewenden, sondern führten Exekution gegen das Konsortium, das sie auf den Flugtag vertr?stet hatte, und lie?en den Apparat mit Beschlag belegen. Die Pf?ndung mu?te natürlich aufgehoben werden, denn der Apparat war Privateigentum des Fliegers. Die Sache aber machte Aufsehn, und nur wer finanziell nicht beteiligt war, lachte.

Jetzt erst begann Arnold stutzig zu werden. Er stürmte zu Philipp Eisig um Aufkl?rung. ?Was für Aufkl?rungen? erkl?rte heiter der Dicke. ?Es wird natürlich ein Reinfall.? – ?Was, du meinst, Ponterret wird nicht aufsteigen.? – ?Aufsteigen mu? er, das steht im Kontrakt, das hei?t: starten. Aber fliegen? Du hast es ja gesehn.? – ?Du glaubst, nein?? – ?Was willst du von mir. Ich kann nicht an seiner Stelle fliegen.? – ?Aber wir sind doch verantwortlich, vor der ?ffentlichkeit. Man wird das Entree zurückgeben müssen, dann liegen wir drin.? – ?Keine Idee. Man wird natürlich das Entree nicht zurückgeben.? – ?Man wird es. Das verlangt der Anstand.? – ?Du bist ein Narr.? – ?So, dann trete ich aus. Einem betrügerischen Unternehmen stehe ich nicht vor, das ist nicht meine Art.? – Nun aber wurde Eisig ganz ernst und kühl, w?hrend man das Bisherige immerhin noch als Ausdruck seiner sp?ttisch-mürrischen Sitten h?tte erkl?ren k?nnen: ?Das wirst du nicht.? – ?Ich werde es.? – ?So, dann bitte ich doch, du Gerechtigkeitsprotz, zun?chst auch einmal deine Verbindlichkeiten gegen mich zu erfüllen. Ich denke,? er bl?tterte in einem Notizbuch, das er merkwürdig schnell zur Hand hatte, ?es sind jetzt bald tausend Gulden?. – ?Nur achthundert? erwiderte Arnold betroffen, halb mechanisch. – ?Ohne Zinsen!? – ?Du wei?t, da? ich momentan kein Geld ...? – ?Ach was, momentan, immer momentan ...? – ?Du hast mich doch heute zum erstenmal gemahnt.? – ?Nun, und was folgt daraus? Ich brauche momentan Geld, das ist die Sache, verstehst du. Alles andere ist mir ganz wurscht. Sonst erf?hrt n?mlich mein Alter, da? ich dort drüben Wechsel für ihn einkassiert und für mich behalten habe. Lange genug schieb ich's von einer Seite auf die andre, einmal mu? das Loch zugeklebt werden. Und da wird man aufs Entree verzichten, sch?ner Gedanke!...? – Arnold erschauerte; je l?nger und begründeter Eisig sprach, desto klarer wurde ihm, da? es sich da um sehr schmutzige Gesch?fte handelte. Jetzt erst sah er, in was er sich eingelassen hatte. Ja, h?tte er's nicht gewu?t, jetzt h?tte er es an Philipps Gesicht erkannt, an diesen wulstigen Lippen, den breit wie gelbe Wandteller hinausgezogenen Wangen und den allzu dichten Haaren darüber, durch den Scheitel zu zwei gleichm??igen dicken Polstern aufgeschichtet. Was Jahre dichtesten Umgangs nicht entschleiert hatten, entdeckte er jetzt: den verbrecherischen Zug in diesem Kropfgesicht, und verstand in einem Blitz den gründlichen Unterschied zwischen seinem eigenen Abenteuerwesen und dem des Freundes. Wütend machte er sich davon ...

An diesem Nachmittag erschien ihm Lina angenehmer als sonst. Ihre Güte und Unterwürfigkeit tat ihm wohl, schon die weiche klagende Stimme verscheuchte ein wenig seine Sorgen. Das war doch ein befreundeter Mensch, auf den man sich verlassen konnte. O, ein Glück, da? er die hatte, so ein braves anst?ndiges M?dchen! Er drückte ihr warm die Hand, doch eilig, denn heute hatte er ihr besonders viel zu diktieren und anzuregen, ihre Feder flog nur so. Es fiel ihm zugleich ein, da? er Unrecht tat, ihre Liebe so auszubeuten, sein moralischer Sinn war gleichsam durch die Unterredung mit Philipp gesch?rft. Sie tat ihm leid. Doch heftiger erfüllte ihn wie ein Nebel die Angst um die eigene n?chste Zukunft, tausend Rettungspl?ne, das Notwendigste für den Moment. Es war, als entfache das drohende Fiasko nun noch die letzten Reserven seiner Willenskraft und Anspannung, seine ?u?ersten Gedanken. Heute bewunderte er sich selbst, und als er gegen Abend den Haufen der fertiggestellten Briefe überschaute, darunter ein paar wirklich gelungene, – um vorzubeugen, Rückzug zu sichern – atmete er zufrieden auf ... Ein Schrei Linas erschreckte ihn. Der kleine Gerhart war nicht da, verschwunden. Sie suchte vor der Hütte, überblickte von den Stufen des Amphitheaters aus die Rennbahn, vergebens. Verzweifelnd gab sie sich, nur sich selbst alle Schuld an dem gr??lichen Unfall, sie hatte heute weniger aufgepa?t als sonst, das Kind mochte sich verirrt haben, ins Wasser gefallen sein, Gott im Himmel, was war da zu tun! – Arnold forschte indessen die Arbeiter in der N?he aus. Ja, man hatte den Kleinen auf dem Wege zum Weidengestrüpp gesehn, das auf der andern Seite der Flugwiese in menschenleerer ?de sich erstreckte, gegen den Flu? zu. Schon eilte Lina in dieser Richtung, Arnold ihr nach. Sie kreuzten durch die niedrige Wildnis, bückten sich unter verflochtenen ?sten durch, rissen sich wund, schwitzten. Der Boden wurde schwarz und fett; setzte man den Fu? auf ihn, so quoll kotiges Wasser hervor. Die Weiden standen dicht wie ein Kornfeld beisammen, Lina bog sie auseinander, hielt sie fest, um dem Nachfolgenden Raum zu geben, lie? sie aber doch noch einen Augenblick zu früh los, so da? sie ihm gerade recht ins Gesicht peitschten. Gereizt bat er sie umzukehren. Sie waren über glitschrige Steine an das Schilfufer des Flusses gelangt. Man sah fast gar nichts mehr, denn der Tag war regnerisch gewesen und jetzt gegen Abend erfüllte warmer aufsteigender Dunst die Luft. Nun wateten sie durch Binsen und R?hricht zurück, gerieten wieder in die B?ume ... pl?tzlich erblickten sie, beide zugleich, durch eine dichte Brombeerhecke von ihnen getrennt, das Kind, das arglos ruhig auf einem steinigen Pl?tzchen einen Sandturm aufbaute. Ein Anblick, so voll Kontrast zu der angstzerrissenen Stimmung der beiden, da? sie trotz ?rgers und Kopfschüttelns und Hastens wie auf einen Schlag stehn blieben und, wie man es einer Vision gegenüber tun mag, unter langsamem H?ndeaufheben beide die Lippen zu einem notwendigen, gar nicht lustigen L?cheln dehnten ... Den Sand hatte das Kind offenbar in seinem kleinen Blechkübel vom Flugplatz hierhergetragen, beschwerlich, in mehrmaligen G?ngen, und es gefiel ihm so gut, in dieser neuen Umgebung zu schippen, wo es eigentlich von rechtswegen gar keinen Sand gab, als ein kleiner Herrgott also, da? es Augen und Ohren an sein Spiel verloren hatte ... Lina, aus dem Bann erwachend, unterdrückte einen Jubelschrei, ihre Augen gl?nzten dankbar gegen Arnold, als schulde sie ihm den glücklichen Ausgang dieses Zwischenfalls. Einen Moment lang fand er sie wirklich sch?n, in diesem feuchten dunklen grünen Laubwerk, mit ihren gl?nzenden roten Wangen, der klopfenden Brust. Lau brodelte es aus dem Moos, den alten St?mmen, wie ein Bad, das alle Glieder in Wohlbehagen l?st. Dicke Fliegen setzten sich ihm auf die Stirn, die Augenlider, und wenn er sie verscheuchte, fielen sie wie besinnungslos wieder auf ihn zurück, berührten ihn heftig zitternd, kleinen schweren H?ndchen gleich. Es schien ihm, als trügen sie ihm Linas K?rperduft n?her, als balle er sich um diese schwarzen K?rperchen, ja als seien die Fliegen nichts als kompakte Pillen dieses bet?ubenden Geruches, o dieses gar nicht mehr fremden, nein wohlvertrauten Geruches einer Frau, die er schon oft gekü?t, gekü?t, aber nur gekü?t hatte, ... die jetzt so dicht bei ihm war, wie in einem Zimmer bei ihm. Und das spielende gerettete Kind so nah, so nichts ahnend, so unwissend, blind gegen das, was jetzt sofort neben ihm geschehn wird: diese eigentümliche Vorstellung, die ihn wie mit der allerdurchtriebensten Freude erfüllte, entschied. Vielleicht wirkten auch die vielen überstandenen Aufregungen dieses Tages mit. Pl?tzlich fühlte er sich sicher, nicht wie sonst im Kurw?ldchen von Menschen bedr?ngt. Eine seltsam qualvolle Lust ergriff ihn, wie ein letzter Ausl?ufer der raschen Gehbewegungen vorhin, die nicht unvermittelt abbrechen wollten, er strauchelte vorw?rts, über eine Wurzel, er fa?te mit beiden H?nden geradeaus langend, die beiden Brüste des M?dchens, diese vorstehenden nachgiebig-festen Brüste, die ihn immer so gelockt hatten, fa?te sie mit einem Griff, dem man h?tte anmerken k?nnen, da? er ihn in eben dieser Art und mit dem glühendsten Feuer in Gedanken oft schon ausgeführt hatte, er drückte sie wie Ballons, wie um sie auszupressen, wie um sich an ihnen festzuhalten, über einem Abgrund schwebend gleichsam, und nun, keuchend, hei?, au?er sich, mit hüpfenden Augen, die Haare gestr?ubt, singend, matt, verzückt, dr?ngte er Lina an den n?chsten Baum, dessen trockene Rinde in kleinen Stückchen herabsplitterte. Einen Augenblick sp?ter war sie sein.

Seine Empfindung sofort nachher war ohne jeden übergang: eine ma?lose Wut gegen sich selbst. Also doch, also doch war es geschehn, trotz allen Inachtnehmens, also doch, also doch ... Er war still, w?hrend Lina sich abwandte und nach einer Weile, da nichts mehr geschah, das Kind holte. Das Geschrei des kleinen Lausbuben, der seine Bauten nicht verlassen wollte, zergellte ihm die Ohren. Er begleitete sie nach Hause, niedergeschlagen, doch so weit gefa?t, da? er noch einiges sprach, was sanft klang, weil seine Wut sich inzwischen in eine uns?gliche Traurigkeit verwandelt hatte. Lina fl??te ihm mit jeder ihrer Bewegungen Furcht ein, sie war ihm unheimlich, bald weil sie nach seiner Meinung eine Wendung ins Z?rtliche machte, bald weil er sich von ihr verachtet glaubte. Und dieses Kind, dieses Teufelskind war schuld an allem, diesen Gerhart h?tte er kaltsinnig erwürgen m?gen. Los werden die zwei, das war sein einziger Wunsch, den er durch Rücksichtnahme und galante, dankbare Anwandlungen verf?lschte, der aber zum Schlu? den Abschied doch bedeutend abkürzte. Arnold hatte das Gefühl, als müsse er auf die Erde stampfen und mit gerecktem Arm die beiden weit von sich wegschicken. Er zwang sich noch zu einigen Phrasen; als aber Lina immer noch nicht ging, drehte er sich auf dem Absatz herum und geriet rasch in immer schnelleren Schritt ... über die dunkle Ebene jagte er seiner Baracke zu. Dort stürzte er nieder, konnte nicht mehr weiter. O ein Wigwam, fragte er sich h?hnisch, nein ein Brettersarg ist das! Er trat ein. Ohnmacht und Reue erfüllten seine Seele, doch zugleich erschienen wie von einem tieferen Grunde herauf unzusammenh?ngende Bilder, halb vergessene, ungerufen zogen sie vorbei und lenkten den armen wirren Geist in ihre Tr?umerei ... Da sah er sich, sah sich als kleinen Knaben, an der Hand der teuren Mama im Schulsaal zum erstenmal, bei der Aufnahme in die Schule. Und w?hrend ihn der Lehrer für die erste Klasse einschrieb, hatte das Knirpschen schon den Mund offen: warum hier zwei Tafeln übereinander seien, nicht eine, wie er es in Puppenschulen bisher gesehn. Freundlich belehrte ihn der Herr Lehrer: ?Ja, wenn die eine vollgeschrieben ist, dann ziehn wir eben die obere leere hinunter, nichtwahr. Siehst du, so macht man das, so ...? und hatte es ihm gezeigt, w?hrend er sich zugleich lobend zur Mutter wandte: ?Ein aufgeweckter Junge.? O Gott, warum hatte ihn denn damals jeder lieb gehabt und jeder gestreichelt, sich über ihn gefreut, und so unschuldig, spielend alles – und jetzt war es doch nur derselbe Trieb, der ihn in Schuld und Schande verstrickt hatte, genau ebendieselbe Glut, die damals allen so wohl getan hatte, er konnte gar nicht mehr dafür als damals für seinen kindlichen Reiz ... Zum erstenmal überblickte er sein ganzes Leben und fand es erschreckend wie ein Gewitter in der Nacht, fand es sinnlos, trostlos und sich selbst immer unter demselben Stachel ungerecht leidend, preisgegeben, verschmachtend, ein Spielzeug überm?chtigen himmlischen Zorns. O wer kannte seine Qualen! Wer stand ihm bei! Wer hatte Mitleid mit der Unbesonnenheit des verblendeten Kindes, mit dem Unseligen Mitleid!... H?tte er nur ein Herz gehabt, einen Freund, Eltern, die ihn verst?nden! O auf die Berge h?tte er steigen m?gen und wie Gie?b?che seine Arme ausstrecken nach einem guten menschlichen Herzen ... Doch nein, da hatte man ihn immer weiter rennen lassen, zurück übersah er es bis hinab zu seiner dunklen Fu?balleidenschaft, zu den ersten Tollheiten, immer weiter hatte man ihn rennen lassen, den Hitzigen, und so war er bis hierher gerannt, niemand hatte ihn gewarnt, bis hierher auf diesen Fleck und auf diese Stunde, wie blind, w?hrend von allen Seiten die W?nde des Engpasses immer n?her und drohender zusammenrückten, aber blind immer weitergerannt, bis hierher, wo es kein Zurück mehr gab ... Tr?nen entstr?mten ihm bei diesem Gedanken, er weinte, ein tiefes Erbarmen mit sich selbst hatte ihn erfa?t, mit seiner reinen verlorenen Jugend, ja mit der ganzen Welt ... Nur eine Weile. Dann kehrte der Zorn zurück. Er erinnerte sich – o war das nicht Warnung genug gewesen? – da? er schon mitten in dem kurzen Genu? vorhin den Widerwillen gespürt hatte, den dieses verdammte Weib ihm einfl??te, einen Ekel und eine Notwendigkeit zugleich, wie wenn man etwa früh in den noch ungespülten Mund ein Glas Wasser aus Durst hinunterschlucken mu?. Er spie aus ... Da lagen ja noch die Briefe, ein ganzes Paket. Er verfluchte seine Energie, sie war zu nichts nutze. Und mit einem gewaltigen Druck ri? er mitten an dem Sto?, es ging nicht, da teilte er ihn in zwei Lagen, hierin wenigstens konsequent, und zerfetzte jede in kleine Stücke. Mochte alles werden, wie es wollte, er gab's auf ...

Eine Idee kam ihm. Die Markensammlung verkaufen, und nach Amerika!... Da waren doch fünfzehntausend Mark nach Senff, ein Kapital, ein Anfang!... Er fuhr in die Stadt, und obwohl schon bald zehn Uhr war, beschlo? er, Lambert zu besuchen. Der hatte kommissionsweise die Eink?ufe vermittelt, sicher wu?te er einen K?ufer, vielleicht war er sogar selbst geneigt ... Er klingelte. Jetzt erst bemerkte er, wie unschicklich es war, mitten in der Nacht mit dieser Verkaufsangelegenheit einzudringen; er fa?te schnell den Plan, seine Absicht zu maskieren. ?Ich habe da ein Angebot?, rief er, ?es mu? sofort entschieden werden, telegraphisch. Soll ich zwanzig S?tze Jubil?umsmarken bestellen? Das macht so etwa fünfhundert Kronen.? Lambert, geschmeichelt durch dieses Zutraun zu seiner Fachkenntnis, rückte sich zurecht. In seinem taubengrauen Schlafrock mit dunkleren Schnüren, im Lederfauteuil, jetzt Zigaretten anbietend und der Sitte gem?? sofort sich erhebend, um einen Lik?r aus dem K?stchen zu holen, war er ein Musterbild reifer, gesetzter Jugend, ein Beispiel für jene merkwürdige Leichtigkeit und Unbedingtheit, mit der gewisse Naturen (es sind nicht immer die wertvollsten) den übergang von unverantwortlichem Knabentum zur würdigen repr?sentativen Mannheit vollziehn. Arnold, so tief unterlegen gerade in diesem wirren Moment er dem Gefestigten war, fühlte doch eine gewisse l?cherliche Schw?che an ihm heraus, in der er sich instinktiv sofort festnistete: ?Ich komme zu Ihnen als einem Kenner, Sie wissen ja ...? ?Nun, ich glaube?, holte Lambert aus, ?das ist ein gutes Gesch?ft. Die Verwaltung gibt nur eine sehr beschr?nkte Anzahl aus. Schlie?lich ist doch Bayern kein Costa Rica oder sonst ein exotischer Staat, der an Jubil?en Geld verdienen will.? ... Wie langweilig waren für Arnold diese selbstverst?ndlichen Gedankeng?nge, mit denen Lambert sich ein Ansehen gab. Seine aufgeregte Hast k?mpfte mit der Klugheit, den Schw?tzer ausreden zu lassen, endlich fiel er doch ein: ?Ich wei?. Gut, aber das hat man bei der vorigen Emission auch gesagt. Und da kamen Nachtr?ge. Von Rarit?ten ist nicht viel zu spüren ... Schlechte Spekulation. Ich hab's überhaupt satt. Wissen Sie nicht, wie ich die ganze Sammlung loswerden k?nnte?? ... Lambert blieb noch eine Weile im alten Geleise, sei es, da? er Arnolds Wendung für eine blo?e Gespr?chslaune hielt, sei es, da? er auf eine so fernliegende Abschweifung überhaupt nicht aufgepa?t hatte. Er redete also weiter von steigenden Werten, Neudrucken, Facsimilien, bis ihn ein nochmaliges Andr?ngen Arnolds aufhielt. Nun erst ging er mit gleichgiltiger Miene (auch Arnold blieb ?u?erlich ruhig) auf das neue Thema ein: ?Ja, das ist eine schwere Sache. Man mü?te die Sammlung ausschreiben, in Fachzeitungen, das dauert lang und dann werden Ihnen die besten Stücke herausgeklaubt und der Schund bleibt. Oder Sie tragen das Ganze zum H?ndler, der gibt Ihnen gar einen Pappenstiel. Es bleibt also nur irgend ein gro?er Privatsammler.? ... ?Ja, ein Privatsammler?, wiederholte Arnold gierig. ?Wissen Sie also einen?? ... Lambert überlegte ... ?Für zehntausend,? begann Arnold, und da Lambert überrascht l?chelnd aufblickte, fuhr er fort: ?Für zweitausend Kronen gebe ich alles. Denken Sie, Altsachsen vollst?ndig.? ... Lambert machte ein spitzfindiges Gesicht, wie am Schlusse seiner überlegung angelangt, als habe er es jetzt herausgebracht: ?Ja, wer legt aber so leicht zweitausend Kronen auf den Tisch? Das ist ein sch?nes Geld. Das tut einem weh.? ... ?Wie kommt das aber?? fragte Arnold betrübt und kindlich ... Lambert erging sich in Vergleichen. Sammelwert sei etwas anderes als Wert im Allgemeinen. Und wenn man einen neuen Pelz kaufe oder ein Schmuckstück, ein M?belstück, wieviel bekomme man beim Weiterverkauf, auch für die besten, wie neuen Stücke ... Das Gespr?ch verlor sich ins Allgemeine, Arnold lobte Lamberts Einrichtung, eine echte Junggesellenwohnung, dabei sah er im Innern ein, da? hier nichts zu holen war. Ersch?pft und bleich blieb er noch ein Weilchen sitzen, fand nicht die Kraft, aufzustehn und wegzugehn, seine Gewandtheit hatte eben auch ihre Grenzen. Endlich empfahl er sich. Lambert meinte im Weggehen: ?Also wegen der Jubil?umsmarken k?nnen Sie ganz unbesorgt sein. Dabei riskieren Sie nichts. Eventuell beteilige ich mich.? ... Arnold h?tte am liebsten laut aufgelacht. ?Und unser Meeting morgen?, fügte er noch hinzu, probierend, ?das wird ein sch?ner Humbug, was?? Er zwinkerte dabei. Auch Lambert l?chelte verschmitzt und kniff ein Auge halb zu, mit kleinen F?ltchen: ?No, das glaub ich.? Sie schüttelten einander die H?nde, wie in vergnügtem Einverst?ndnis ... ?Und gegen dieses niedertr?chtige Leben?, sagte sich Arnold, indem er Stufe um Stufe hinunterschritt – Lambert leuchtete, über die Gel?nderbrüstung gebeugt, klingelte dem Hausmeister, im finstern Gang unten erschien etwas Undeutliches, Warmhauchendes, Mann oder Weib, führte Arnold ans gro?e Eisentor, stellte die Laterne auf den Steinboden, steckte den Schlüssel ein und gab endlich mit leichter Hand der massiven Pforte einen ganz kleinen Sto? – ?und gegen dieses niedertr?chtige durchdachte kolossale Leben habe ich mit Spielereien ank?mpfen wollen, mit Papierschnitzeln. Da seh' ich erst, wie ahnungslos ich war ... ein Kind, in allem ...? Von neuem traten ihm Tr?nen in die Augen.

Auf seinem Schreibtisch zu Hause lag ein Brief. Gottfried Eisig, der vor einigen Tagen einen Journalistenposten in Berlin angenommen hatte, schrieb ihm begeistert (Arnold erkannte den eigenen Stil darin) von seinem jetzigen Leben, von der Weltstadt. Ob er nicht hinkommen wolle? Ein dritter Feuilletonredakteur werde eben gesucht. – ?rgerlich warf Arnold den Brief weg. Ja, neue Wirren, neue Verlockungen, das w?re so das Rechte! Man kannte ihn ja, man hielt ihn schon für f?hig zu jeder Dummheit.

Da trat sein Vater herein: ?Wei?t du es schon? Die Gro?mutter liegt im Sterben ... Pst! Die Mama darf es nicht wissen. Ich hab sie nur ein bi?chen vorbereitet. Da lies die Karte von Lichtnegger.?

Arnold las, ohne Bewegung, gedankenlos.

?Den letzten Satz hab ich ihr gar nicht gezeigt. Trotzdem f?hrt sie morgen Nachmittag nach Wintertal. Ich kann nicht mit, jetzt in der Hochsaison. Wenn sie sich nur nicht zu sehr aufregt ...?

So viel L?rm wegen einer alten Frau, dachte Arnold. Pl?tzlich fiel ihm ein: ?Wenn du willst, begleite ich die Mama ...?

?Du wolltest?... Aber morgen ist ja euer Schauflug.?

?Ja richtig, der Schauflug!? Arnold machte, als ob er sich erst jetzt darauf bes?nne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den Mund m?nnlich zusammen: ?Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit der Mama nach Wintertal.?

Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam auf das Unvermeidliche vor: Die Gro?mutter sei ja schon vierundneunzig Jahre alt, was für ein Leben ... man k?nne sich denken ... man müsse froh sein ... einmal w?re sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus Altersschw?che ... nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht überstehn. – Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende f?rmlich von der Natur zu fordern, als Best?tigung seiner regelm??igen Ansichten ... ?Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn kann? schlo? er ?du bist ja ihr besonderer Liebling.?

Arnold wich zurück: ?Ich – ihr Liebling? Ist das ein Witz??

?Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine wahre Furie ... Immer noch erz?hlt sie von dir, was für ein braver Junge du warst.?

Um Arnold sauste es. Er mu?te die F?uste ballen, um diesem Sturmwind standzuhalten. ?Die auch,? murmelte er und seine glei?nerische Stellung in der Welt, all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie h?hnischer Vorwurf auf die Seele.

Der Vater trat besorgt n?her. ?Was sagst du??

?Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. Morgen weiter.?

Chapter 3 No.3

Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mi?mut blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die St??e des Zuges nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen er sich wohl hütete.

Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er t?tig ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für die treue Frau Lichtnegger Würste und einen gro?en Schinken, für die Gro?mutter Magenlik?r, den sie immer verlangte, Brustbonbons und andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wu?te, heiterte sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden, natürlich – und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute – er solle nur recht lustig sein, ihr Witze erz?hlen, auch sagen, da? er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache – und warum er so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.

?Auf solche Sachen gibt sie noch acht?? meinte Arnold zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn.

?O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. überhaupt, gescheit ist sie ...? Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut w?re ...

?Ist sie wirklich so b?s?? fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.

Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend zu erz?hlen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt war die Vergangenheit n?her an sie herangerückt. Was für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die H?lle. Oft mu?ten die Kinder N?chte und Tage lang Kn?pfe auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, mu?ten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. ?Wir haben mehr Schl?ge gekriegt als zu essen.? Und dabei war solcher Flei? gar nicht n?tig, denn das Gesch?ft ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar sp?ter ein eigenes Haus. Aber die Kinder mu?ten weiter arbeiten, nur aus Geiz, da? ihnen die Finger wund wurden, auf einem Schammerl stehn und gro?e Kisten packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer L?rm, Schimpf, Prügel, da? schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal wurde die ?lteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die Fremde, sie wollte Kinderg?rtnerin werden, war gebildet, an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen – anderswo, das w?re ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur – nie hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten entzückt – der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, gestorben – so sch?ne Z?hne, sch?ne Haare, alles weg – und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen H?nden, ihr doch mit etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte man vom Vater nichts mehr geh?rt; verschollen. Die Hütte aber in Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens die Gro?mutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Verm?gen ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Br?utigam, der das g?nzlich hilflose M?dchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie – Mama, als letzte – war einmal auf dem Pilsner Markt der Gro?mutter entwichen: ?Und wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause? ... Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen M?dchen halt ein bi?l geweint. Mit N?harbeiten auf der Maschine sich das Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie t?glich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der gro?en Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen h?tten, ob sie noch anst?ndig seien. Jetzt freilich, wenn man der Gro?mutter zuh?re, habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. ?Meine sü?e Marie, was hast du sterben müssen.? Sie k?nne solche Reden gar nicht anh?ren ... Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst emporgetaucht war, zu r?tselhaftem Geschick. Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur unvollst?ndig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er die Mutter so erz?hlen geh?rt, jetzt war er ergriffen, und w?hrend der Zug an reizenden W?ldchen, heiteren Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.

Auch die Mutter meinte: ?Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schlie?lich ist sie ja doch nur die Mutter. – Wenn man nur mit ihr auskommen k?nnt. Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im B?sen fortgefahren ...?

?Warum denn?? Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, seine Gro?mutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Ha?.

?Sie ?rgert sich halt vielleicht, da? wir sie nicht zu uns nehmen. Aber geht das denn? K?nnte das ein Mensch aushalten?... Und dann spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, da? nur die Landluft da drau?en sie so lang gesund erh?lt; sie würde nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen.? Sie schlo? in einiger Verlegenheit.

Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber nicht auff?llig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da drau?en lebe.

Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich selbst?ndig ern?hrt, Gott wei?, womit. Sie mache Gesch?fte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich beschwindelten sie ja auch die Leute, sie k?nne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. – überdies habe sie Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr gr??ter Stolz, da? sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde, was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. ?Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr Liebling.?

Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Gro?mutter vor Jahren.

?Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. Das hat sie l?ngst vergessen. – Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein Papa, das ist der Obergott.?

?Warum??

?Ich wei? nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben arm geheiratet ... Nicht h?ren kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie schimpft.?

Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die sch?ne Landschaft drau?en, den Tiergarten und das Schlo? von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die sp?rlichen Lichtblicke – einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. ?Der Herr Registrator auf Reisen?, das war der Titel des Stückes. O, sie k?nne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Gro?mutter zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mu?te bitten kommen. Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Gro?mutter überhaupt sehr viel gegeben, und da? einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erz?hlen. Nun, er werde ja diese Anekdote morgen selbst h?ren. – Diese Wendung brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie ?u?erte Besorgnisse. ?Wie werden wir sie antreffen.? Und Arnold, der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde diesmal wohl gerade zum Begr?bnis zurechtkommen.

Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gep?ck im Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll ?ngstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch gegl?ttete Zimmer wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: ?Ai der Bohne – h?rst du – das hei?t: an der Bahn – ja, so spricht man bei uns, ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.? Sie sprach von der Heimat, den ?rtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie genau, auch die letzten Ver?nderungen, da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erkl?rte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, nur aus Gef?lligkeit h?tten sie den schweren Dienst übernommen, t?glich bei der Gro?mutter nachzusehn und von Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerz?hlt, Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das kleine Seifengesch?ft eingerichtet habe. Eine vollst?ndige Lüge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man k?nne ihnen gar nicht genug danken ... Und Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Gro?mutter nachschauen gehe. – ?Nein, ich mu? mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.? Und als h?tte sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in gro?em Stolz zeigte sie die Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht H?user vermutet h?tte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Stra?e, die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergo? sich wie durch eine R?hre l?ngs der H?userw?nde herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre Liebe zu dieser alten b?sen Frau unbegreiflich fand, sagte er sich, da? er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf nicht gescheut h?tte. Diese Halbheit, diese M??igung in der Besorgtheit verstand er nicht.

Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine goldenen Manschettenkn?pfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: ?Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme und man soll nur noch einmal schreiben.? ... Arnold dachte: Also sie lebt noch, wirklich unverwüstlich ... ?Aber denk dir nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die ?rmste, wie sie mir's erz?hlt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben da eine sch?ne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht h?tte, kein Mensch wü?te was davon.? – ?Hast du ihnen den Schinken und das andere gegeben?? – ?Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen Reden. Es sind so anst?ndige gute Menschen.? – Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: ?Gehn wir jetzt noch hin?? Er wollte ihr mal seine Meinung sagen. – ?Nein, sie schl?ft jetzt. Und das ist recht, da soll man sie nicht st?ren. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen ...?

Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen. Unruhig tr?umend sah er den mi?glückenden Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in gro?en Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit emporgehobener Handfl?che vor dem Photographen schützend, wie er dies bei Bildern von Proze?berühmtheiten gesehn hatte –, in diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an Lambert und der Sammlung – jetzt war der Flug l?ngst entschieden – ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen – er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen Glotzaugen, wie sie sie hatte, gro?e gesunde rote Kerle von Kindern, so gro? wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ?hnlich, wenn man's recht nahm – von neuem ri? es Arnold empor, und die einsamen kahlen W?nde anstarrend, die sich schon im Morgengrauen erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge doch nicht – aber vielleicht ins Gebirge fliehn – er begann von Lawinen zu tr?umen, die sich in St??e blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein paar Schn?rkel einer M?dchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, nein, ein Fu?ball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Stra?en.

Sie bog hinter einem zweist?ckigen H?uschen ein, das, in einer Nebenstra?e gelegen, noch ganz das Aussehn eines Gro?stadthauses hatte, mit Fensterkr?nungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter lief ein grasiger Fu?pfad steil bergab, zwischen freien und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Baupl?tzen sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein Nebenweg zu einem verz?unten Garten, der auf einem Hügel lag, neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen den Fu?pfad vor, so da? sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser bog die Mutter ein ... ?Hier also?? fragte er beklommen. Er zitterte ein wenig, in so etwas d?rfisch Armem, Zusammengeducktem lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. ?Warte ein bi?chen? sagte die Mutter ?ich will sie doch vorbereiten.? W?hrend sie vorausging, betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die W?nde aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, wei? eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das gro?e, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, ru?ig und wie zerfallen; wie eine faltige Haube, h?her als das ganze übrige Geb?ude, drückte es mit unverh?ltnism??iger Kraft herab und armselig sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform aus gro?en rohen Steinen, mit einem ureinfachen Gel?nder – wie wenig bequem, wie l?ndlich das alles!... Die Mutter stand nun wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein von dunklem Ger?t verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine m?chtige Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unh?rbar geblieben w?re und die die Mutter vor ihm ?ffnete, w?hrend sie ihm nochmals zuflüsterte: ?Sei nur hübsch lustig ...?

Er trat ein, sich bückend.

Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche Stimme sagte, w?hrend er z?gernd sich n?herte: ?Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...? Er beugte sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. Und auch die Augen der Gro?mutter ver?nderten sich, diese beinahe hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus – und dieser Anblick rührte ihn so, da? er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Gro?mutter leise fort, aber durchaus nicht erregt: ?Gro? bist de geworden, unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll ...? Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: ?Kü? die Hand, Gro?mutter, no du siehst ja gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...? Sie flüsterte weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden Ton: ?Was tu ich dir nur für e Kowed an, Arnoldele?...?

Die Mutter soufflierte ihm die übersetzung: ?Kowed – Ehre –?, und w?hrend er sich an sie wandte: ?Ich wei? ja?, steckte sie ihm die Düte mit Brustzelteln in die Hand.

?Ich bin froh, da? ich bei dir bin? sagte Arnold laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: ?Schau, was ich dir mitgebracht hab. Ich hab geh?rt, da? du das gern hast ...? Er wollte sagen: ?magst?, doch erschien es ihm pl?tzlich notwendig, die einfachsten Worte zu gebrauchen.

?Ich hob immer gewü?t, da? du e braves Kind bist ...? Auf mehrere deutliche Worte folgten immer ein paar unverst?ndliche. Dann, an die Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: ?Ich sog dir, Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und Gemüt.?

Arnold reichte ihr die Düte.

?Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl? sagte die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: ?Sie hat zwei Tage lang nichts zu sich genommen.?

?Ich hab ka Appetit.?

?No eine Kleinigkeit? schmeichelte er ?wenn ich dich sch?n drum bitt.?

Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schlo? sie die Augen, wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spa? einmal nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück: ?E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken Menschen is das nix ...? Sie seufzte auf. ?Nur herümgehn wenn ich k?nnt ...?

?Es wird schon wieder werden? tr?stete die Mutter. ?Nur Geduld. Eine gute Patientin, was? Noch ein bi?chen Fieber?? Sie tastete ihr auf die Stirn. ?Nicht so arg.?

?Das verfluchte Fieber, ja ja ...? Die Kranke keuchte wieder und hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus Zorn, nicht v?llig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelm??ige Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. ?Wie ich voriges Jahr operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese Geseres. Alle Kr?nk auf krumm Gitel ...?

?Das ist die Medizin, nichtwahr.? Die Mutter kramte am Fensterbrett ?wo ist aber das L?fferl??

?Ich hab ka L?fferl – ich trink mir e bissel aus dem Fl?schel.?

?Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.?

?Mei Deige! Bis ich halt genug hab.?

Die Mutter kramte weiter: ?Und das Thermometer, zerbrochen!?

?Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.? Die Gro?mutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die Hand auf ihre Stirn, dr?ngte die Hand der Mutter zart weg ... Da war W?rme wie unter einer dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten Knollen über den Augen, die er auch an sich wu?te ... Ein Gefühl unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verst?rkt durch das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberw?rme oder die Ahnung, da? er hier etwas wie ?rztliche Hilfe leiste, ganz entfernt etwas Liebendes, Sachverst?ndiges. ?Hitze, ein bi?chen Hitze? nickte er wie im Traum. Die Gro?mutter schlo? die Augen wieder. ?Was hat der Doktor gesagt?...?

Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: ?Was für eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bi?l Kaffee, nicht?? und n?herte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, schmeichlerisch: ?Koffi, nicht??

Die Gro?mutter nahm eben das nur ein wenig verkleinerte, jetzt gl?nzende Bonbon aus dem Mund, und legte es aufs Federbett. Ein Schleimfaden zog sich daran. ?Geh lo? mich, wenn ich dir schon emol gesagt hab? und ihre Augen bekamen pl?tzlich zwei gl?nzende scharfe Punkte wie Dolchspitzen. Dann wandte sie sich an Arnold, der noch immer, die Hand an ihrer Stirn, dastand: ?Nü, setz dich henidder, mei Kind, was tu ich dir nur für e Kowed an.? Er zog den groben Stuhl aus wei?em Holz ans Bett.

?Brauchst dich nicht zu kümmern, Mutter, wir haben uns schon alles selbst mitgebracht.? Die Mutter entfaltete aus Papieren kleine Würstchen. ?Ich mu? nur Feuer machen. Hab nur keine Angst, wir sorgen schon für uns.?

Arnold wiederholte, halb zur Mutter gekehrt: ?Wann kommt der Doktor,? da er darauf noch keine Antwort hatte. – ?Um zwei Uhr, hat Frau Lichtnegger versprochen.? – Und nun beugte er sich, beruhigt, z?rtlich, zu der alten Frau nieder, scherzhaft: ?Nun also, was gibt es denn? Sch?ne Geschichten! Krank sein, das würde dir so passen, nichtwahr ...?

?Ich kann nimmer gehn? jammerte sie schwach. ?Ich hab mr ja gewünscht, ich k?nnt zwa T?ge vor mei Tod hausieren gehn. Aber jetzt dos daliggen ... Ich k?mm scho gar nicht mehr vom Fleck. Wenn ich üm zehn weggeh, bin ich umme zw?lf dort, wo ich hab hingewellt ...?

?No es wird schon wieder besser werden. Natürlich es kann nicht immer so sein wie neulich. Da hast du uns geschrieben, die Mama soll nur schnell kommen. Und wie sie gekommen ist, war das Zimmer zugesperrt und du bist erst Mittag gesund von irgend einem weiten Weg nach Haus spaziert ...?

?Sei haben geschrieben? sagte die Alte still. ?Ich hab ihnen nix gesagt.?

Die Mutter, die beim Ofen kniete, machte ihm ein Zeichen. Er erinnerte sich, da? sie ihn schon unterwegs auf diese Eigenheit aufmerksam gemacht hatte, und schwieg ...

?Sei haben geschrieben? wiederholte die Gro?mutter ?Aber jetzt geh i nimmer aus ... Jetzt bin ich echtf?rbig.?

?Echtf?rbig?? Er hatte vielleicht falsch geh?rt.

Ein ganz schwaches L?cheln suchte die Falten zu durchbrechen: ?No ja, weil's nicht ausgeht ...?

Er lachte auf und lachte dann noch einmal, um ihr eine Freude zu machen. Wie dieser Funke von Geist ihm entgegenleuchtete, er begriff es kaum. Aber sie sah schon wieder ruhig vor sich hin. Nur ihre Wangen r?teten sich, war es Fieber oder schon Erholung? Jedenfalls keine Spur eines erregten Wiedersehns, nein, erregt war sie nicht, w?hrend er sich immer noch nicht fassen konnte, und diese ihre Ruhe, vereint mit ihrer Frische, machte den Eindruck verhaltener Kraft und einer Weisheit, die schon jenseits der menschlichen Zeit stand.

?Ich sog immer, sei sollen nicht schreiben. Haben sei enk leicht wieder geschrieben, diesmal, die Ludern. Was sie nur wollen ...?

?Nein, wir sind von selbst gekommen, Gro?mutter. Oder bist du vielleicht nicht froh, da? wir da sind, no schau ...?

Sie antwortete nicht, vielleicht weil die Antwort selbstverst?ndlich war. Doch hatte er manchmal die Empfindung, da? sie ihn nicht verstehe oder er sie nicht. Auch ihre Müdigkeit schien da mitzuspielen, die Krankheit, wie eine Wand fühlte er das manchen Moment lang. Hatte er doch, beispielsweise, einen Vorwurf gefürchtet, da? er noch nie zu ihr zu Besuch gekommen war. Doch in diesen Bahnen bewegte sich ihr Denken eben nicht. Er staunte; aber das Bewu?tsein einer Verst?ndigung war ihm so sü?, wenn es ihm wieder kam, da? er alles andere übersah, so wie man etwa bei kleinen Kindern nur ihre Zeichen von Vernunft bemerkt und daher alle für gescheit h?lt. ?Schau an? meinte sie pl?tzlich und ihm schwoll das Herz ?dei Mutter, wie se den Hut nicht auszieht bei mir ... no er pa?t ihr auch gut, was nur wahr is.?

?Wenn ich Dir nur gefall? erwiderte die Mutter, und Arnold fand ihren überlegenen Ton nicht ganz berechtigt. Sie nahm übrigens den Hut ab.

?Sch?ne Frisur.? Ganz schwach kamen die Bemerkungen und doch mit der intelligentesten Deutlichkeit, die aus diesem verfallenen Gesicht erstaunlich t?nte wie eine Prophezeiung.

?Gott sei Dank, ich gefall Dir heut ...? Auch etwas Eigensinniges lag in diesem Ton, wie wenn ein halbwüchsiges M?derl gegen ihre Eltern die Erfahrene machen wollte.

?Aber dick biste geworden, eppes dick, Regieleben.?

?Pa? nur auf, gleich wird ihr etwas nicht recht sein?, wandte sich die Mutter an Arnold, doch mit lauter Stimme.

?Die Dicke taugt nischt. Das ist ungesund ... Ich war ach emol so dick, haben do die Kinderl e Freid gehabt, da? ich dick bin. So die ?rme haben sie mr gedrückt. Aber es war nix gut ... Und e d?rre Nachbarin haben wir gehabt, die hat gesogt damals: Mei Mo tut mich auslachen, weil ich so d?rr bin. Ich will Dich mit e Zündholz anzünden, sogt er. Da k?nnten Sie mir eppes abgeben, Frau Goldberger, hat sie gesogt, Na ja, wenns geht, so nehmen Se sich nur e Stückele, hab ich gesogt. Do w?r uns beiden recht ...? Die Gro?mutter wurde zusehends munter. Sie plauderte mit sichtlicher Lust. Arnold, der immer nur einige Worte verstand, labte sich an ihrem Feuer, den ausdrucksvollen Biegungen der Stimme, die jetzt, ohne st?rker geworden zu sein, ohne sich ge?ndert zu haben, wie ihm schien, etwas Metallisches, Helles wie bei guten Schauspielern hatte und etwas so Jugendliches, wenn sie Freundliches schildern wollte. Diese Stimme mochte aus dem Halse kommen, obenhin, nicht aus den Tiefen der Brust, und dennoch klang sie stark, mannigfaltig, mühelos, sie war sü?.

?Es brennt schon? rief die Mutter vom Ofen her. ?Das ist halt Dein Kuks?wile, was, Mutter.? Sie wollte der Gro?mutter einen Gefallen machen, indem sie ihren Ausdruck gebrauchte. Die Gro?mutter merkte es aber gar nicht, sondern meinte nur ganz ernst: ?Ja das is mei Kuks?wile, e guts ?wile.? – ?Da brauchst Du Dich wenigstens mit keinem Dienstm?dchen abzu?rgern.?

?Willst Du Dich nicht auch hersetzen, Mama??

?Lo? se gehn? sagte die Gro?mutter, mit einem vertraulichen klugen Zwinkern zu ihm ?sei is doch glücklich mit ihrem Gegeh und Geschwindel und Geputz. Das hat se von der Tante Lise noch. Die hat auch allemal geputzt und geramt. Wenn man is zu der gekommen, hat alles geblinkt und gefinkelt und der Fu?boden war genau eso rein wie das Tischtüchele. Meschugge, metorf. Hat ihr emol der alte Schlojme gesagt, aus Petschau der, kannst Dich erinnern, Regie, – sei soll emol die Zimmerdeck ach abwaschen, aber da is ihr das Wasser über den Kopf geschütt ...? Arnold verlor den Faden von hier an, doch glücklich, als sehe er sein eigenes Anekdoten- und Unterhaltungswesen leibhaftig vor sich, blickte er ihr ins Gesicht, aus dem das Kinn scharf hervortrat. Dieses Kinn war mit vielen gro?en Poren besetzt, wie durchl?chert, als h?tten die Falten auf dem Kinn die Gestalt von L?chern angenommen, diese Falten, die auf der Stirn in gleichm??igen Krümmungen hinzogen und über die Wangen hin nach allen Richtungen wie ein Netz lagen, das sich um die Mundwinkel herum undurchdringlich zusammenschnürte. Hier dr?ngten die Linien so dicht an einander, da? die schw?cheren von den tieferen durchschnitten oder als Hügel an die Oberfl?che gedr?ngt wurden, und diese tieferen schienen gar keine Hügel mehr, sondern Einschnitte ins Fleisch, unbeweglich. Die Nase dagegen hob sich ziemlich glatt und sch?n gebogen aus dem Wirrwarr. Mit unendlicher Wehmut betrachtete Arnold diesen beredten Mund, der keine Z?hne mehr hatte; seine Lippen bildeten dafür zackige Erh?hungen und Ausbuchtungen, die sich an einander schlossen und wieder auseinander zogen, je nachdem der Mund sich schlo? oder ?ffnete. Die Augen blitzten. Das Sch?nste jedoch war das schneewei?e Haar, reich und ohne jede Beimischung von Gelb an der Stirn beginnend, übrigens vom Liegen jetzt ein wenig zerrauft ... Arnold begann es leise zu streicheln; eine Ruhe, noch nie empfunden, eine g?nzliche Sorglosigkeit beschlich ihn dabei, wie am Ende aller Dinge, er h?rte nicht mehr genau zu und doch war ihm, als verstehe er alles, sein Ohr füllte sich mit verworrenen T?nen, mit Erz?hlungen ohne Ende, deren Zusammenhang ihm fragwürdig war, deren Ausgang in nichts verlief, ohne Pointe, die aber so lebhaft klangen und auch offenbar der Erz?hlerin die Erinnerung an so lebhafte Dinge nahebrachten, da? ein jugendliches warmes Licht durch das ganze Zimmer aufzustrahlen schien. Pl?tzlich unterbrach ein st?rkerer Husten und die Gro?mutter drehte sich der Wand zu ...

?Was ist?? rief die Mutter und kam herbei.

Die Gro?mutter klagte, mit heftigen Zuckungen des Gesichts, über Schmerzen. Der Husten reize ihr altes Leiden wieder. Arnold, der wu?te, da? sie einen neulich operierten Bruch habe – auch schmutzige Bandagen, unter dem Kopfpolster zusammengerollt, erinnerten ihn daran – wandte sich ab, seinen Sitz der Mutter überlassend. W?hrend die beiden Frauen mit einander flüsterten, ging er durch das Zimmer. Es war so schmal und klein, da? das Bett beinahe ein Viertel des Raumes wegnahm. Gleich an die Türe stie? ein Küchenofen, dessen Platte, mit einem Gewirr von Schüsseln und T?pfchen, dennoch nie benützt zu werden schien, denn auch alte Papiere, Kleider w?lzten sich über sie und dicht daneben hing an einer Schnur ein Bündel neuer Schürzen, das Warenlager vielleicht. über ihn weg ging überdies zu dem wirklich benützten, kleinen, so beliebten Eisen?fchen, das auch jetzt brannte, ein schwarzes Rohr, das in zwei herabh?ngenden wackligen Drahtschlingen wie etwas Schlafendes schwebte. Und schlafend lagen auch, in angemessener Entfernung dem Ofen gegenüber, mehrere Koffer und Kisten auf der Erde, alle in Eisenreifen mit Schl?ssern, aber alt und verfallen. Seltsam genug machte sich neben ihnen die Pracht eines ganz neuen Kanapees, das zwischen sich und dem Bett nur einen ganz schmalen Durchgang lie?, so breit war es mit seinem roten Leder, den gepolsterten Armlehnen, den zum Schmuck tief eingen?hten Kn?pfen. Es pa?te gar nicht herein und, als werde dies auch gefühlt, stand es mit der Rücklehne nicht ganz an der Wand, sondern fremdartig suchte es nach Stützpunkten ... Arnold erinnerte sich denn auch, da? die Mutter es erst neulich angeschafft hatte, damit die Gro?mutter zu Mittag darauf ausruhn k?nne, zum gro?en ?rger der Sparsamen übrigens, die alle Geldausgaben verabscheute ... Nur noch ein M?belstück au?er dem Kanapee gab es in dem kahlen und doch überfüllten Zimmer: ein mageres Glask?stchen, wieder mit Geschirr gefüllt; obenauf lagen viele Brillen (Arnold nahm sich vor zu fragen, warum so viele, verga? es aber) und Gebetbücher (Also konnte sie doch lesen. Oder nur hebr?isch?). Die Kleider dagegen hingen nicht in K?sten, sondern frei an der Wand, nur von einem schmutzigen wei?en Tuch, das oben mit zwei N?geln befestigt war, verhüllt. Das war das Armseligste, diese nackten graugestrichenen W?nde, mit zwei winzigen quadratischen Fensterchen nur, deren Bretter wieder allerlei Porzellanzeug füllte – und die niedrige Decke, nicht glatt, sondern mit offenem Geb?lk, mit Spinnweben und Gott wei? was noch – und alle Gegenst?nde hier nicht etwa Mann für Mann und sauber hingestellt, sondern durcheinandergeworfen, wie in Schw?cheanf?llen, mit einander verbunden durch hingestreute Haufen von Gerümpel, durch Fliegen mit ihrem unertr?glichen Gesumm und Niedersitzen und wieder Kreisen, durch zerbrochenes Holz, Fetzen, Abf?lle, noch hinter dem Bett lugte ein ganzer Sack mit abgetragener W?sche hervor. Und dieses Bett, ganz eng, schwachfü?ig, die Federbettdecke grau statt wei?, mit gro?en eingesetzten Flecken von andern Leinwandsorten, betropft mit r?tlichen Spuren ... Wenn Arnold an seine Wohnung zu Hause dachte, mit ihren aufgeputzten hübschen gro?en Stuben, Palastr?umlichkeiten f?rmlich, erschrak er. Und wie mochte es im Winter hier aussehn, im Schnee. Oder die langen einsamen N?chte einer Kranken ... Und kein Mittel, dem abzuhelfen, denn die alte Frau duldete aus Mi?trauen (alle Leute bestahlen sie, in dieser Einrichtung!) keine Bedienung, holte sich lieber selbst das Wasser und wusch sogar noch den Fu?boden allein auf ... In sein Graun mischte sich Bewunderung für diesen hei?en eigensinnigen Kopf, und Liebe, Mitleid. Wie fremd und wie vertraut dies alles. Was mochte sie machen, w?hrend er die elektrische Lampe an seinem sch?nen Schreibtisch spielen lie? oder wenn er im Ruderboot sa?, mit Million?rss?hnen, in demselben Moment, was tat da die Gro?mutter? Gab es gar keine F?den? War es seine Schuld? Irgend jemandes Schuld?... O er hing doch mit dieser Bettlerin zusammen und war stolzer darauf als auf seinen Umgang mit allen Bürgern der Stadt. Wie kam das alles? So wahr und so sagenhaft. Er h?tte weinen m?gen, in seinem Herzen zitterte und klang eine ganze Harfe von Z?rtlichkeiten und Kosenamen. Namentlich aber dem Prunkkanapee n?herte er sich mit jenem tief schweigsamen Blick, der manchmal in einem einzigen Gegenstand das Symbol ganzer Schicksale erkennt.

?Setz dich nur hernidder? seufzte die Gro?mutter vom Bett her ?auf dei Kanapee. Das ist doch enkerer Kanapee, das geh?rt enk und ich will's nicht. Setz dich nur auf dei Kanapee. Wenn ich nicht mehr bin, so nehmts enk nur wieder, den Dingerich do.?

Er setzte sich wieder auf den Küchensessel, w?hrend die Mutter an ihre Arbeit zurücklief: ?Aber was redest du denn? Davon redet man nicht. Was f?llt dir ein.?

Sie murmelte etwas.

?Ich sitz lieber so bei dir, recht nahe, Gro?mutter. Das ist mir lieber.? Obwohl er alles, was er sagte, herzlich fühlte, ja herzlicher, als er es aussprach, kam ihm doch vor, als rede er nur, um ihr das Stichwort zu geben.

Sie wandte ihm denn auch das Gesicht zu, in dem wieder der Zug von Schmerz, eigentlich mehr von Ungeduld, sich zeigte: ?Ich m?cht scho gern unten sei, unter der Erd. Oben war ich halt scho genüg, es freut mich nimmer, ich hob genüg gehabt, glaub mir. E Sof m?cht ich machen.? Pl?tzlich aber erhob sie sich aus dem Klageton und ein wenig st?rker, für die Mutter berechnet, begann sie zu schelten: ?Awere, mit den Würstlach w?rech scho lang fertig. Das is e Kocherei.?

?Ich bin ja auch schon fertig? antwortete die Mama, sichtlich stolz darauf, da? sie ihren Humor nicht verlor ?deine Kocherei natürlich, da hast du's leicht. Immer Koffi und Koffi noch und wieder.? Wie ein Dolmetsch wandte sie sich an Arnold: ?Die Mutter trinkt nichts als Kaffee, das ist ihr Liebstes ...? und leiser ?Gut, da? sie uns heut keinen kochen kann. Mich ekelt's, aus dem Zeug da zu trinken.?

Arnold, der die Reden seiner Mutter überflüssig fand und diesen Ton eigentlich weniger verstand als den der Gro?mutter – offenbar lagen da Verh?ltnisse zu Grunde, die er nicht kannte, noch aus alten Zeiten her – sagte ihr leise scherzend ins Ohr, wie ein Verbündeter: ?Daraus machen wir uns nichts, was??

Die Alte drehte ihr H?ndchen, das auf dem Federbett lag, um, mit der Handfl?che nach oben und dann wieder zurück – eine stumme Verachtung oder Hoffnungslosigkeit.

?Was macht denn Deine Maus, Mutter, tanzt sie Dir immer noch zwischen den Kocht?pfen? spottete die Mama weiter, offenbar um zu belustigen. ?Da ist ja die Falle ...? Sie zog aus einem der für Arnold unergründlichen Haufen ein Gitterwerk: ?Leer ...?

?Das M?usile? l?chelte die Gro?mutter, fast gutmütig. ?Was macht denn mei M?usile. Do hab ich 'r Speck 'reigetue und sie fri?t en weg und l?uft heraus. Is sie nicht drin?... Hast e Chutzpe gehabt.?

?Auf Dich wird sie warten, wenn Du ihr so altes Zeug hinstellst. Aber ich hab Dir doch unl?ngst eine ganz neue gekauft, wo ist sie denn?? Sie stie? Arnold leise an, aber doch so, da? die Gro?mutter es h?ren mu?te: ?Sie wird sie verkauft haben ...?

?Der Maurer hat mir geraten? schwenkte diese mit natürlicher überlegenheit ab ?ich soll ihr Glas vor das Loch streuen. Also hab ich Glas gesammelt und ihr gestrien, do stechen se sich herch.? Sie ?chzte. ?Wenn ich nur wieder gesünd w?r und aufstehn k?nnt. Das is ka Naches, so zu liegen. Nur gesünd sein, wenn mir Gott gibt.? –

Es klopfte.

Herein trat Frau Lichtnegger, eine gro?e hellblonde Frau im Kopftuch, mit ihrem Buben, der schnell beim Eintritt den Finger in den Mund steckte. Sie wollte sich, wie t?glich, nach dem Befinden der Frau Goldberg erkundigen; vorsichtig und bescheiden kam sie n?her, stie? aber pl?tzlich einen Freudenschrei aus: ?Nein, das ist ja unm?glich. Wenn Sie sie gestern gesehn h?tten, Frau Beer. Das ist ja gar kein Vergleich. No geh's nicht besser, Frau Goldbergen ... Sie hat halt Freude, da? Sie da sind ... Und das ist der Herr Sohn, nichtwahr.? Arnold verbeugte sich befangen. Die Gro?mutter sprach zu ihr wie zu etwas Fremdem, nicht ganz auf gleicher Stufe Stehendem: ?Nehmen Sie doch Platz, liebe Frau ...? und redete überhaupt so still und sanft mit ihr, da? man sich ein Zanken von diesem Ton aus gar nicht recht vorstellen konnte ?wie geht's denn?? Und zum Buben: ?No, mei kleins Schekitzele.? Auf die wiederholte Frage der Frau Lichtnegger, wie sie sich heute fühle, antwortete sie mit einem traurigen, sehr absichtlich scheinenden Kopfschütteln. ?Kein Vergleich mit gestern? flüsterte die Maurersfrau der Mutter zu.

Die Mutter brachte eben die warmen Würstchen vom Herd, lud auch die G?ste ein. Man a? von einem ausgebreiteten Papier weg ... ?Nun, Mutter, was wirst du essen??

?Ich hab ka Appetit.?

?Ein bi?chen Himbeersaft mit Kuchen.?

?Ich hab ka Appetit.?

?Aber du mu?t doch etwas essen, – eine Grieskasch??

?Vielleicht eine Omelette? mischte sich Frau Lichtnegger ein und die zwei Frauen bedr?ngten mit wohlgemeintem Eifer die Greisin, so da? Arnold sie bemitleidete, doch zugleich, da sie fest blieb, anstaunte. Sie hatte nun einmal keinen Hunger, als Fieberkranke. Er sagte es laut.

Die Mutter war b?s: ?Hat man dich gefragt??

?Eppes hat mir heint getr?umt? sagte die Gro?mutter, an so unvermittelte überg?nge mu?te man sich hier gew?hnen ?Sie k?nnen auch zuh?ren, Frau Lichtneggern, von dei seligen Lehrer Schmidt, nebbich, da? er mir hat erz?hlt, wie damals, von dir, Regie ...?

?Das ist es? machte ihn die Mutter lachend aufmerksam.

?Er hat gerechnet auf der gro?en Tafel und gesagt, keiner soll jetzt reden von die Schüler. Da is die kleine Goldberg aufgestanden: Derf ich nicht aber doch etwas sagen? – Aber was willst du denn sagen, Kind? – Ich m?cht Ihnen was ins Ohr sagen, Herr Lehrer – Aber jetzt sagt man nichts – Derf ich aber nicht doch e kleins bi?l was sagen?... und sagt ihm, die Regie, da? irgendwo e Fehler is, auf der Tafel. Also hast du ihm einen Fehler ausgebessert, dem Herrn Lehrer Schmidt, und warst doch die jüngste in der Klasse. Er hat sich aber dann auch gewundert: Mir hat se selbst e Fehler gezeigt, so e Tam von e Kind – derf ich aber nicht doch e kleins bi?l was sagen, so hat er dir nachgemacht ... Und hat es dem hochwürdigen Herrn selber erz?hlt, wie sie do zusammsitzen auf die Bierb?nk, und der hochwürdige Herr hats dann mir erz?hlt.?

Die Mutter hatte nicht zugeh?rt und erkundigte sich, w?hrend Arnold der Gro?mutter die Hand drückte, bei Frau Lichtnegger, was denn der Doktor gestern gesagt habe ... Er war eine halbe Stunde geblieben, so gut habe er sich mit dem Mutterl unterhalten. Was sie denn für Sch?tze in all den Kisten hat, habe er gefragt ... ?Ja, das mu?t du dir anschaun? sagte die Mutter zu Arnold, wie in einem Museum, indem sie unter dem Kopfpolster einen Schlüsselbund hervorzog. ?Acht Schlüssel und nur drei ganze Schl?sser im ganzen Zimmer? sie zeigte auf die Kisten ?und was ist drin: ein bi?chen stinkige Kohle – und das glaubst du, Mutter, da? dir irgendjemand wegtragen wird – und dabei kannst du die Kisten nur so aufheben, da? dir der Deckel in der Hand bleibt, so alt sind sie – aber wenn sie nur hübsch zugesperrt sind ...?

Arnold, nun wirklich neugierig, glaubte die Gelegenheit gekommen, in einem Einzelfall zu sehn, wie es mit diesem Wahn stehe, und fragte ganz harmlos die Gro?mutter: ?Wozu hast du denn die hübschen Schlüssel??

Sie hatte, es schien ihre Gewohnheit, nicht geh?rt oder beachtet, was über sie gesprochen wurde, und z?hlte nun langsam, aber pr?zis auf: ?Der is für die Almer, der für das Fach in enkerem Kanapee ...? bis alle acht richtig herum waren. ?Nun also? warf er den Kopf gegen die Mutter auf ?Was redest du also? Nichtwahr, Gro?mama ...?

Indessen fuhr Frau Lichtnegger fort, zu erz?hlen, wie besch?ftigt dieser Arzt sei, Herr Heiger, er mache nirgends hier Besuche, nur der alten Frau Goldberg zu Liebe ...

?Er kommt ja bald ... Wir müssen, ich mu? aufr?umen, das ist ein Skandal? fuhr die Mutter verzweifelt in die H?he, sie hatte jetzt schon zu lange geplauscht ?die Betten überziehn ...?

Leise erwiderte die Gro?mutter, obwohl man sie diesmal nicht direkt angeredet hatte: ?Mei Deige is der Doktor. Er wird zu Haus auch nicht alles so akrat haben.? – Trotzdem stimmte sie, ganz wonniglich sanft, zu, als die Frauen ihr nahelegten, sich zu k?mmen. Nur allein wollte sie es machen. Sie setzte sich im Bett auf, man rückte ihr als Stütze die Kissen an den Rücken. Vom nahen Fensterbrett nahm sie den gelben, fast zahnlosen Kamm und fuhr sich heftig, ihre Hand zitterte nicht, ins Haar. Es war noch voll und ziemlich lang und ordnete sich schnell. Dann teilte sie es in zwei Teile und flocht aus jedem einen Zopf, dessen letzte, ganz enge Maschen sie offen lie?, so da? sie sich wie kleine Fingerchen emporkrümmten. Arnold wu?te nicht, was ihn bewegte, beim Anblick dieser zarten Flechten, deren ?u?erste Enden nun doch einen gelblichen Schimmer zeigten ... Mühevoll legte nun die Gro?mutter ihre schwarze dicke Winterjacke ab, die sie bisher angehabt hatte, alle drei mu?ten sie halten, an dem gebrechlichen krummen Rücken, unter den weichen Schultern, und endlich die vielfach Seufzende wieder hinlegen. Indessen erging sich Frau Lichtnegger in Beschreibungen von Gro?mutters Krankheitszust?nden, als sei sie gar nicht anwesend. ?Wenn nur der Schüttel nicht wiederkommt.? Damit meinte sie den Schüttelfrost. ?Gestern hat sie wieder so einen Schüttel gehabt? und die immerw?hrende, selbstverst?ndliche Wiederholung dieses Wortes dünkte Arnold sehr einf?ltig, keines der komischen Worte, die er heute von der Gro?mutter geh?rt, zum erstenmal in seinem Leben, hatte diesen kindischen unernsten Eindruck auf ihn gemacht. – Frau Lichtnegger fuhr fort: No Mutterle, habe der Doktor gesagt, ich seh, Sie sind eine saubere Frau, – als ihm die Gro?mutter erz?hlt hatte, zur Entschuldigung, sie habe sich heute nicht waschen k?nnen ... Und wieviel er zu tun habe, noch einmal. ?Bis zehn Uhr nachts, von früh sieben. So beliebt ist er. Wenn er nicht bald von hier wegzieht, so vergeht er.? – Pl?tzlich legte sie den Finger an den Mund und hielt ein. Die Gro?mutter atmete langsam, sie war eingeschlafen. Leise schlo? sie: ?Das tut sie gern, wenn man vor ihr spricht. Das tut ihr wohl.? – Und die beiden Frauen berieten, eine Suppe mu?te für die Kranke gekocht werden, eine kr?ftige Fleischsuppe. Arnold, der erst jetzt den Sessel am Bett verlie?, trat auf Fu?spitzen zu ihnen. Ob sie nicht lieber zum Doktor sehn wollten, da? er recht bald komme. Er werde schon kommen, war die Antwort, und der Husten sei ja nur heilsam, weil er den Schleim entferne, und nun dieser gute Schlaf, – es sei nicht mehr so gef?hrlich. Frau Beer beschlo?, ein gutes Stück Rindfleisch kaufen zu gehn. Frau Lichtnegger wollte ihr einen billigen guten Laden zeigen. Sie winkte dem Jungen, der lautlos in der Ecke gesessen war. Arnold reichte ihm ein paar Zuckerl. Der Bursch nahm sie verlegen und wollte ihm, ohne Worte, seine bunte Holzfl?te dafür schenken, die er fest in der Hand hielt. Arnold schob ihn l?chelnd hinaus.

Nun allein mit der Schlafenden schlich er wieder zum Sessel zurück, wagte aber nicht, sich zu setzen ... Sie war sch?n. Das Alter hatte nichts Entstellendes, Unregelm??iges in ihre verschrumpfenden Züge bringen k?nnen. Man sah f?rmlich noch durch die Runzeln hindurch, wie durch viele matte Glasschichten, unten das sch?ne junge lebensfrische M?dchen – und Arnold dachte daran, was ihm die Mutter manchmal erz?hlt hatte: da? die Gro?mutter viele Verehrer gehabt, aber aus Trotz, vielmehr Gleichgiltigkeit alle abgewiesen habe, von Jugend an nur auf Gelderwerb bedacht, endlich hatte sie den reichsten genommen, der aber um zehn Jahre jünger war als sie, den Gro?vater, und mit ihm so unglücklich gelebt ... Was lag an all dem, dachte er. Nach so viel Kampf, nach so viel Leidenschaften, jetzt lag sie ruhig und schlief nicht anders, als sie in ihrer Jugend vor all den wilden Erlebnissen geschlafen haben mochte, und wie er sie ansah, die Unberührte, überfiel ihn auf einmal der Gedanke, wie leicht eigentlich das Leben sei und wie es so von selbst und allen Anfechtungen zum Trotz bis ans Ende fortschreite, ganz einerlei, was man treibe. Nichts ist da, als da? die Zeit vergeht, mehr kann ja überhaupt nicht geschehn!... Und von hier aus gesehn, schien ihm nun auch pl?tzlich die so verwirrte und trostlose Situation, in der er sich augenblicklich befand, gar nicht mehr so wichtig und so trostlos – er nannte sich feig, weil er den kleinen Unannehmlichkeiten durch diese Reise, diese Flucht besser gesagt, ausgewichen war, das war es – beim Anblick dieser arbeitsamen wilden Greisin bekam er aufs Neue Lust, sich ins Leben zu stürzen, aus dem er mit vorschneller Erfahrung schon hatte entweichen wollen; bekam Lust, wieder zu toben und zu schaffen, wie es in seiner Art lag. Ein sü?es verlockendes Gefühl von Unverantwortlichkeit befiel ihn, als würde er aus einem Hohlweg blitzschnell vor eine riesige Aussicht fruchtbarer Ebenen entrafft und als lenke sich ihm doch alles zum Schlu? ehrbar ein, moralisch beinahe, in allem Ausschweifen sinnvoll begrenzt wie diese Dorfstube. Denn wohl fühlte er sich der Schlummernden verwandt, das verstand er nun, dieselben Stürme pochten auch in seinem Blut. Mochten sie losbrechen und ihre verderblichen Ziele suchen, was lag daran – nach allen Verwüstungen würde man seinem ergrauten Haar doch nichts anderes nachsagen als: er ist ein Original, und nicht einmal mehr recht b?s auf ihn sein – so wie bei der Gro?mutter – und die Ruhe in seinem Innern dann, o wie auf dem Gesicht dieser schlafenden lieben Frau, wie ohne Ged?chtnis ... Nun erfüllte ihn Stolz sogar, da? er auf seine lebensvolle Manier die Zeit verbrachte. Er mu?te nur nach dem Vergleich mit der Gro?mutter zu solchen halbtoten Puppen zurückkehren wie diese Frau Lichtnegger eine war, wie sein Bobenheim zu Hause. ... Ehrlich waren sie, aber das ist ja keine Kunst, ehrlich zu sein ... Diese dagegen, dieser Starrkopf, war eine bedeutende Person, die Bedeutendste der Familie nannte er sie, nach seiner intensiven Art fast schon verliebt in das neue Erlebnis, – etwas Gro?es fühlte er aus ihr strahlen, etwas bis zum letzten Tropfen Selbstst?ndiges und Unbewu?tes dabei. – Sie mochte eine Heldin sein, eine Deborah, aus jener alten Zeit noch, in der es so viele Helden gab, in der jeder Mensch den Kopf so hoch trug, da? man aus ein bi?chen Heldentum gar nicht so viel machte wie jetzt und da? das Andenken der Starken unter tausend andern, ebenso Starken vergessen ward. – Nein, die langen einsamen N?chte konnten diesem furchtlosen Geist nichts anhaben, der Tod hatte keinen Schrecken für sie, so erfüllt von ihrem eigentümlichen Leben war sie, von ihrer leuchtenden Gescheitheit, die alle ihre Fehler von Grund aus verkl?rte, o noch viel mehr als ein paar Schw?chen gutgemacht h?tte. Und Arnold sagte sich, in einer leichten Freude: ?Ja, ja, dem Klugen wird vieles vergeben, Klugheit ist ja das Licht der Welt? – und wie in einem gl?nzenden Strom von Selbstentschuldigungen und neuem Selbstbewu?tsein l?ste sich seine Schmach auf ... Pl?tzlich fand er sich selbst wieder ganz passabel, all dem B?sen in ihm zum Trotz, fand sich beschwingt und leuchtend. Aus dieser Wendung heraus betrachtete er noch einmal das Gesicht der Schlafenden, wie um sich jeden ihrer Züge zu merken. Die Lippen waren in den Mund tief hineingesogen, so da? an Stelle der Mund?ffnung in einer dunklen Vertiefung die senkrecht verlaufenden Runzeln unter der Nase und die über dem Kinn aneinanderstie?en und sie pa?ten auch zu einander, schienen einander fortzusetzen, die kleinen Rinnen. Der Hals, jetzt entbl??t, da die Gro?mutter nur eine lose Nachtjacke anhatte, war nichts als eine Reihe welker fallender Hautlappen, deren Anblick den jungen Mann tief erschütterte. Und das Erschrecklichste: die Augen waren nicht ganz geschlossen, sondern starrten halboffen, wie etwas Schleimigtrübes, geradeaus ... Arnold bekam Angst; die Nase erschien ihm spitz, vom tiefeingepre?ten Mund aus aufragend, ... vielleicht war die Gro?mutter tot. Er beugte sich über ihr Gesicht, sie atmete. Zugleich spürte er den dumpfen Geruch, den er im ganzen Zimmer bemerkt hatte, gepre?t, schmutzig, lebensvoll – und wie ein Verbrechen erschien ihm nun in momentanem Zusammenhang die Rede seines Vaters: Sie wird einmal einschlafen ... Und was würde er jetzt sagen, der Vater von seinem Komptoirtisch her: Du übertreibst alles ... Nun natürlich, er übertrieb, Gott sei Dank ... Er pries die Gro?mutter schon wie eine Heilige. Seit er hier eingetreten war, hatte sich sein Schmerz beruhigt, – vielleicht auch deshalb, weil es hier so viel Neues zu sehn, zu bemerken gab, gemütvoll zu umfassen – oder nein, nicht deshalb, das überquellende war ja vielmehr diese Wurzelliebe, dieses Gefühl – Seine Vorstellungen begannen sich zu verwirren, so viel hatte er zu überlegen. Es war ihm, als sitze er an diesem Bett bei der Schlafenden, seit er überhaupt begonnen habe zu denken, seit frühester Kindheit, als habe er nie etwas anderes erlebt als immer nur dies eine, als gebe es kein Vorher und kein Nachher mehr für ihn ...

Die Mutter trat ein, wieder mit Paketen beladen, die Gute. Fleisch trug sie, Wein, eine Sardinenbüchse, – das wünschte die Gro?mutter immer – sie trat ans Bett, musterte es mit einem nachdenklichen Blick: ?Fl?he mag es da geben, nicht wenig ...? Dann war sie wieder durch ein Bündel mit Strümpfen beleidigt, das vom Sofa fiel, als sie sich setzte. ?Wo nur die neuen Hemden hin sind, die ich ihr gekauft hab. – Ich mu? ihr wieder ein paar alte Hadern verbrennen, sonst tr?gt sie sie ewig. Ihre Blusen mu?t du mal sehn. Geflickt, wie ein Regenbogen ...? Unter solchen Reden begann sie, auf dem kleinen Ofen eine Suppe zu kochen.

Arnold wagte es: ?Mir scheint, Mama, du behandelst sie nicht ganz richtig. So alte Leute haben ihren eigenen Kopf. Sie m?chte sich halt lieber mit dir ruhig aussprechen, wenn du schon herkommst, als da? du ihr die Ordnung st?rst ...?

?Aber wer soll's denn machen! Sie würde ja im Schmutz ersticken? erwiderte die Mutter mit viel Berechtigung.

Da erwachte die Gro?mutter: ?Ich hab e Naches, da? se fort is.?

?Wer denn??

?Die Orlte, die dumme, die Reschainte ...?

Die Mutter nahm alle ihre Geduld zusammen: ?Aber so darfst du doch nicht reden. Was f?llt dir ein. – Frau Lichtnegger ist so gut zu dir.?

?Der Schlag soll sie treffen? zürnte die Greisin, jetzt lauter als bisher w?hrend des ganzen Tages. ?Was kommt se her und redt und redt! Lauter Stu?. E Patsch von e Chochem is m'r lieber wie e Kisch von e Chamer. Das Gebitz nemmt se einem heraus mit ihrem Gebember und Geschmus.? Sie griff sich jammernd an den Kopf: ?Mei Seide-M?ach.?

?Mir scheint, es geht dir schon wieder gut. Du wirst schon wieder lustig.? Die Mutter fühlte ihr den Puls. ?Das Fieber hat nachgelassen. No, geht's nicht besser??

Die Gro?mutter schüttelte den Kopf, obwohl man es ihrem strahlenden Blick ansah, wie sie sich im Schlaf erquickt hatte, – sie war gegen ihren Willen gleichsam krank geworden, sie dankte jetzt auch niemandem für ihr Besserbefinden. Nur trotzig meinte sie: ?Wenn ünser Herrgott mich nix gesünd sei lo?t und nix verdienen lo?t, so soll er mich ach nix leben lassen.?

?No das mu?t du ihm schon selbst sagen? lachte die Mutter ?per Telephon vielleicht. Vielleicht hast du eine bessere Verbindung mit ihm als ich. Er folgt halt meist genau so wie du folgst.?

Arnold befürchtete Zank. Die Gro?mutter aber hatte ihre Schlaflosigkeit überwunden und meinte liebenswürdig mit einem ironischen L?cheln, für das man sie h?tte küssen m?gen: ?Güt, n?chsten Schabbes wer ich's ihm sagen.?

?Da hab ich dir was feines gemacht.? Das Süppchen, das die Mutter im Topf heranbrachte, duftete. ?Willst du nicht einmal versuchen ...?

Eine gn?dige Antwort mit zimperlicher Stimme: ?No jo, e bi?l ...? Offenbar hatte sie einen tüchtigen Hunger, denn sie schnupperte schon in den Dampf, wie ein freudig erregtes Baby.

?Bi?l Salz hinein.?

?Nein – ka Salz – Salz reizt doch.? Und sie hustete affektiert.

?Aber es wird keinen Geschmack haben.?

Statt der Antwort nahm die Gro?mutter das T?pfchen und führte mit sicherer Hand, ohne zu zittern, den L?ffel an den Mund, nachdem die Mama nochmals geblasen und gekostet hatte. ?Was is dos für e Supp?? fragte sie, nach dem ersten Schluck einhaltend.

?O je, wieder was nicht recht.?

?Aber Mama? wandte Arnold ein ?du verstehst das schlecht. Die Gro?mutter fragt doch nur, was das für eine Suppe ist, den Namen m?chte sie gern wissen, sonst nichts.?

?Du wirst mir die Gro?mutter zu erkennen geben ... Nichtwahr, es schmeckt dir nicht??

?Aber ja ...? sagte die Gro?mutter einfach und l?ffelte weiter ?Was für Flasch is das denn? Wo hast es denn gekauft??

?No Rindfleisch, vom K?rbelwirt. Das ganze Stück? sie brachte es vom Ofen ?kostet zehn Kreuzer ... Die Mutter ist n?mlich noch aus dem billigen Land, mu?t du wissen? wandte sie sich an Arnold.

?Wirklich nich teier? l?chelte die Alte, sichtlich erfreut ?Ja man mu? sparen mit dem Geld ... Wa?t de, Geld wenn w?r nur Geld – aber Geld is alles ...?

Arnold erinnerte sich pl?tzlich, da die Gro?mutter a? und die Mama ihr freudig zusah, da? er ja Witze erz?hlen sollte, unterhalten, – bisher hatte er eigentlich nur wie bezaubert herumgeschaut und zugeh?rt, ganz gegen seine Gewohnheit. Jetzt setzte er sich in Bewegung und begann von seinen fabelhaften Ersparnissen zu berichten, was die Gro?mutter sehr zu freuen schien. Nur durch sachgem??e Fragen, ob das Geld auch in der Bank liege u. s. f., unterbrach sie ihn ... Das Gespr?ch wurde nun immer lebhafter, w?hrend die Gro?mutter immer wieder nach einer Pause den Suppentopf vornahm; ja Arnold, der diesen Besuch bisher als ganz au?erhalb seiner Welt und st?dtischer Konversationsmanieren liegend angesehn hatte, fühlte sich jetzt fast wie in Gesellschaft, ohne Besonderheit, jedenfalls auf einem Niveau, das mit dem Küchensessel und den Dorffensterchen nicht das Mindeste zu tun hatte. Die Gro?mutter erz?hlte von ihrem Beruf und wie man sie überall gern sah. ?Frau Goldbergen? rief man ihr zu wenn sie vorbei ging ?was kümmen Sie nit a bi?l zu uns rein. Wir brauchen Scherzen, Ticher. Bleibens ock doue. Es kummt Ra'n.? Eine Bemerkung Arnolds aber, da? sie also recht viel verdiene, schien ihr zu mi?fallen. ?Ja, viel Meloche, wenig Broche? antwortete sie. Nach einer Weile fuhr sie fort: ?H?st e Geschmack von e Supp gehabt!?

?Sie schmeckt dir nicht gut?? rief Arnold besorgt.

Sie antwortete nicht, ihr Gesicht wurde finster.

Nun hielt er den Moment für gekommen, sein Ged?chtnis nach Witzen zu durchsuchen. ?Was ist das? Es ist wei? und hat keinen Kopf, und trotzdem schaut es? gab er auf. Die Gro?mutter dachte nach, ernstlich. ?Ich werde es dir also ...? ?Ich m?chte sagen? unterbrach sie ?e Kopf von e Gans.? Er lachte: ?Aber nein, es soll ja eben keinen Kopf haben. Ein Unterhosenbandl ist es.? Sie nickte ihm freundlich zu, schien aber den Sinn nicht zu verstehn: ?Ja in der Stadt, do habts ihr so verschiedene W?rtlach. – E komische Supp, was das is. Habts ihr immer solchene Suppen??

?Es ist eben kein Salz drin. Du wolltest keins? erkl?rte die Mama.

Arnold vermittelte: ?Du siehst, es geht uns trotzdem gut. Wir sehn ganz beruhigend aus.?

Sie sah ihn n?her an und jetzt erst fiel ihm ein, da? er nach halbschlafloser Nacht nicht eben sehr blühend sein mochte. ?E bi?l schmal? sagte auch sofort die Alte ?Schlafst du denn genüg? Schlaf is e Wohlt?tigkeit für e schwachen Menschen. Regieleben? als bemerkte sie es jetzt zum erstenmal ?eppes dick biste geworden. Dicker mu?te nix werden, das ist nicht gesünd. So kannste bleiben.?

?Die Mutter meint, ich bin noch ein Kind, ich werde ewig jung bleiben? sagte Mama, mit niedergeschlagenem Blick; und Arnold sah sich pl?tzlich mit einer Deutlichkeit in den Gedanken irdischen Verg?nglichseins versetzt, hier in dieser Stellung von drei Generationen, wie er es nie vorher auch nur als Andeutung gefühlt hatte, ohne da? ihm übrigens dabei irgend ein neuer, in Worte fa?licher Einfall kam.

Indessen aber, w?hrend er wie in ein Bassin von Schwermut untertauchte, hatte die Gro?mutter zu erz?hlen begonnen: ?Marie nebbich hat ach immer eso gelesen in der Nacht bei der Lampen, ich hab l?ngst gemant se schl?ft. Is Poldi emol nach Haus gekommen, e bi?l schücker war er vielleicht und sogt ihr: No was weinst du denn da. Was lieste denn? – Von Genofeva, sogt sie ...?

Die Mutter flüsterte: ?Genofeva. Sch?ne Lektüre haben wir gehabt, was?? – Aber Arnold, der aus einer Zeit stammte, in der man solche Kinderbücher und M?rchen überhaupt wieder für wertvoll hielt, fand ihre Bemerkung unverst?ndig. Dagegen überraschte ihn dieser fremde Name im Munde der Gro?mutter, was lebte alles noch in diesem Gehirn!

?Sogt sie – von der Hirschkuh, wie sie ihr Milch zügetragen hat. – No warüm hat sie ihr denn Milch zügetragen, sagt Poldi.? Und die Gro?mutter machte es nach, wie der Bruder die weinerliche Stimme der Schwester sp?ttisch nachmachte. ?Aber mir scheints, wenn du nicht bald schlafen gehst und aufh?rst zu wanen und die Lampe ausl?schst, so hau ich dir das Buch aufn Sch?del nauf.? Die Stimme brach ab, in einem kleinen Gel?chter.

?Und was hat sie gesagt?? fragte Arnold, obwohl er fühlte, da? nichts mehr zu erz?hlen sei, nur um diesen angenehmen Flu? der Erz?hlung weiter zu h?ren.

?Nu, was soll se gesagt habn? setzte die Gro?mutter wie improvisierend fort ?Was liegt daran? Wenn du schlafst, steh i halt wieder auf und les weiter von der Hirschkuh ...? Jetzt hatte sie die Suppe zu Ende gegessen und rief pl?tzlich, ganz laut: ?Pfui Teixel!? wie einen herzhaft erleichternden Fluch, indem sie den leeren Topf mit einem Ruck aufs Fensterbrett stellte.

?Aber was ist denn?? die Mutter eilte herbei. Als das Gespr?ch auf die verstorbene Schwester Marie gekommen war, hatte sie sich abgewendet.

Zornig fuhr die Gro?mutter auf: ?E sch?ne Supp haste mir gekocht! Aus Ferdeflasch? Was??

Also hat doch die Mama Recht behalten, dachte Arnold. Aber mit den Schlüsseln hatte sie Unrecht gehabt. – Und er beeilte sich: ?Was f?llt dir ein, die Mama wird dir doch nicht Pferdefleisch kaufen, wie kannst du nur so etwas denken!? Indem er es aussprach, schien es ihm immer unerh?rter.

?E guter Omensager biste? fuhr ihn die Gro?mutter an, dann schwieg sie eine Weile. ?Was kafste ach beim K?rbel. Der hat doch lauter verschimmelte Sachen. Wenn ich ihn aber emol anzeig bei der Polizei, den Ganef, dann 's Kri iber den Goi.?

?La? sie nur? scherzte die Mutter, etwas bitter. ?Sie wird sich schon wieder beruhigen. Also Adieu, Frau Goldberg, wir gehn jetzt essen, Sie k?nnen sich inzwischen ein bi?chen allein so weiter unterhalten, wenn Sie Lust haben.?

Aber Arnold war indessen mit der Hand des alten Frauchens, die er ergriffen hatte, schon wieder so gut geworden, da? er den Wunsch nach einem bessern Abschied nicht unterdrücken konnte: ?Sch?n hast du es da, Gro?mutter, gleich m?cht ich bei dir dableiben, für immer, nur noch Blumen sollten in den Fenstern stehn, wie bei den Nachbarn vorn ...?

Sie l?chelte ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, als gingen in ihrem Innern eben die z?rtlichsten Dinge vor: ?Ich bin ka Blumenverehrerin. Aber die Kinderl, wie se noch klein waren, die habn immer Blumen gehabt und gegossen, da? die Stub voll war. Mit ihre neie Hüte haben se das Wasser getragen von der Pump.?

?Da haben sie wohl Schl?ge bekommen.? Er reichte ihr noch einmal die Hand.

Sie drückte sie und machte dabei ein gutmütiges, aber erzieherisches Gesicht: ?Das mu? sei.? Die Mutter war schon hinausgegangen. ?Also Adieu, wir kommen bald wieder.? ?E?t nicht beim K?rbel? rief ihnen die Gro?mutter noch nach ?dort is gro? Jackeres.?

Als er auf die Gasse trat, mu?te er ein wenig die Augen schlie?en, so fremd erschien ihm alles, was ihn umgab: Wie konnte der Zugang zu etwas so innig Bekanntem so unbekannt sein! Gab es denn wirklich noch eine Welt au?er dieser grauen alten Stube? Die Stra?e mi?fiel ihm. Das Bild der alten Frau im Bett, zu Riesengr??en aufwachsend, stellte sich wie ein Schatten überallhin, vor jedes Haus. Um wie viel wichtiger war sie, ja nichts auf der Welt erschien ihm jetzt in gleicher Weise wichtig. Er h?tte für sie sterben m?gen, so begeistert war er ... Die Mutter redete neben ihm her: ?Nicht zuh?ren kann ich, wenn sie von der seligen Marie spricht und Nebbich dazu sagt, oder von unsern Hüten. Ich glaube, wir haben überhaupt nie Hüte gehabt. Immer spricht sie so, als ob sie uns alles in überflu? gegeben h?tte. Gute Schl?ge, ja. Du darfst dir das nicht so vorstellen wie zu Hause, Arnold. Aber das hab ich ihr damals gesagt, bei Maries trauriger Hochzeit, wie sie uns alle mit so fürchterlichen Worten verflucht hat: – da? sich alle dir abwenden und da? du allein und einsam sterben wirst, das wird dein Fluch sein ... Und so wird es und mu? es ja kommen, Gott im Himmel. Das sind Sorgen, einmal wird sie ausl?schen ...?

Arnold fand solche Reden übertrieben, sagte sich aber, da? die Mama Recht haben mochte. Er kannte ja so wenig von diesen über lange Zeiten und R?ume verteilten Ereignissen, er hatte wohl deshalb einen andern Eindruck. Ohne diese Erinnerungen der Mama h?tte er die Gro?mutter vielleicht überhaupt nur für eine fidele gute, etwas wetterwendische alte Frau gehalten, eine spassige Grobianin, – und nun, unter Mitwirken der Mama, entstand etwas ganz Verschwommenes, Widersprechendes und doch, so weit es ihn betraf, ganz Greifbares. Das war das Verlockende daran. ?Siehst du, der Doktor ist nicht gekommen – warum habt ihr denn gerade den genommen, der am meisten zu tun hat??

Die Mutter erkl?rte, die Gro?mutter habe vorgegeben, zu keinem andern habe sie Vertraun. Indessen erriet wohl Frau Lichtnegger ganz richtig, woher dieses Vertrauen rühre: Heiger war der billigste Doktor im Ort, der Armenarzt ... überhaupt habe sie sch?ne Dinge erz?hlt ... neulich einmal seien einige reiche Leute des Ortes, die die alte Frau Goldberg immer mühsam mit ihrem Pack die Stra?en hatten hinaufst?hnen sehn, auf die Idee gekommen, für sie eine Kollekte zu machen, zu Purim, eine Idee, die von der Gro?mutter mit wahrhaftiger Begeisterung begrü?t worden sei. Und erst die Drohung der Frau Lichtnegger, sie werde es der Frau Beer und dem Herrn Schwiegersohn schreiben, habe sie aus ihrer verstellten Bedürftigkeitsrolle aufgeschreckt. Daher auch der tiefe Ha? ... überhaupt liebte es die Gro?mutter, sich als ganz arm und almosenwürdig hinzustellen, die Besuche ihrer Tochter kamen ihr daher auch zuzeiten ungelegen, wenn sie nicht so krank war wie jetzt, und deshalb verbreite sie, diese elegante Dame sei eine Liqueurfabrikantin und bringe ihr die Flaschen aus der Hauptstadt mit, eine ganz besondere Spezialit?t; denn von dem Magenliqueur trank sie natürlich keinen Schluck, sondern verkaufte ihn zu den h?chsten Preisen ihres Kopfes, die indessen für die neue junge Welt ringsum noch so m??ige waren, da? sie überraschend viele K?ufer fand. Lauter solche Sachen, über die man lachen mü?te, wenn sie nicht so traurig w?ren. An Markttagen bewache sie das Gesch?ft einer gewissen Frau Heller, nur um einen ?Gülden? nebenher zu verdienen, und wenn sie dort sei, komme nichts weg, habe Frau Lichtnegger gesagt, da pa?t sie gut auf ... aber im Laden, in dieser grimmigen K?lte habe sie sich neulich eben diese Halsentzündung, den Husten zugezogen. ?Viel braucht es ja nicht, ich bitt dich, bei so einem Alter.? Und von hier aus kehrte die Mutter zu ihren Sorgen zurück, ob man nicht die Stube bald wei?en lassen müsse, und wie das anstellen ...

Indessen waren Mutter und Sohn in das Restaurant eingetreten und Arnold h?tte sich gern diese Dinge, die ihn bis ins innerste Mark interessierten, weitererz?hlen lassen, w?re ihm nicht sogar in dieser provinzialen gebirgsst?dtischen Gaststube die Erinnerung an seine Schandtat von der Wand entgegengesprungen, – auch hier das gro?e Plakat des ?Rivalen Paulhans? in den primitivsten ergreifendsten Farben. So kam es, da? er mit der Speisekarte zugleich die Zeitung bestellte, an die er bis zum Augenblick nicht gedacht hatte. Nun schien es ihm pl?tzlich, als müsse der Flug in Waldbrunn doch gut ausgefallen sein, gleichsam zur Belohnung, weil er nicht mehr darauf gerechnet und sich immer nur so selbstverst?ndlich auf das Schlimmste gefa?t gemacht hatte. Und dann: niemand hatte ihn angerempelt, auch nur verd?chtig angeschaut, hier sa? er doch, der Obmann des sch?nen Konsortiums, nein, es konnte nichts geschehn sein. Dies war vielleicht der erste Erfolg seines neuen, von der Gro?mutter beschützten Lebens ... Herr K?rbel selbst brachte das Blatt, freundlich l?chelnd. Gleich oben das Telegramm: Ponterrets Flug mi?glückt. Der Aviatiker landet nach einem Flug (Sprung) von 13 Sekunden. P?belausschreitungen an der Kassa. – Das eingeklammerte Wort ?Sprung? verdro? Arnold ganz besonders, wie eine pers?nliche Unbill, konnte man denn nicht ein bi?chen menschenfreundlicher sein! Ja ja, dazu hatte man die guten Freunde in der Redaktion! – Er legte das Blatt weg, nur unten fiel ihm noch ein fettgedruckter Ausspruch des Aviatikers selbst auf: Er sch?tze sich glücklich, da? er durch einen geschickten Griff am Lenkrad ein gro?es Unglück vermieden habe. Die Tribünen seien in Gefahr gewesen ... ?Mama, ich fahre heute abend nach Hause.? Er war pl?tzlich mutig geworden, sah der Gefahr ins Auge wie einer hübschen Aufgabe. ?Natürlich, was sollst du hier machen! Ich hab mir's gleich gedacht, da? du's nicht lange aushalten wirst.? Er a? schnell auf: ?Jetzt geh ich aber zun?chst zum Doktor, ihn treiben. Sag der Gro?mama, da? ich bald wiederkomme.? – ?Du willst noch einmal hingehn? Interessiert dich das denn? Ich k?nnte dirs nicht verdenken, wenn nicht. Und eine Luft ist dort.? – Mit Unlust sah sich Arnold unerwarteterweise vor die Notwendigkeit gestellt, seiner Mutter all das, was er seit dem heutigen Morgen durchempfunden hatte, zu erkl?ren – und recht schnell. Nein, es ging nicht. Also rief er nur, etwas grell: ?Von Interesse ist da gar keine Rede mehr. Ich habe mich in die Gro?mutter verliebt, f?rmlich verliebt. Kannst es ihr sagen. Sie ist ja so brav ...?

Die Mutter seufzte tief auf, wie vom Mittelpunkt ihres Ged?chtnisses her: ?Ja, vor dir nimmt sie sich noch ein bi?chen zusammen.?

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