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Chapter 2 Bodengestalt und Klima

Das am nordwestlichen Ende von Afrika gelegene Kaiserreich Marokko, Rharb el djoani10 im Lande selbst genannt, ist von allen an das Mittelmeer grenzenden L?ndern Nordafrika's eins der am günstigsten gelegenen. Es würde zu nichts führen, wollten wir versuchen, die Gr?sse des Landes in Zahlen anzugeben; selbst eine allgemeine Bezeichnung, dass Marokko zwischen den so und so vielten L?ngen- und Breitengraden liege, giebt nur ann?hernd einen Begriff und wechselt je nachdem wir die bedeutenden Oasen von Gurara, Tuat und Tidikelt, die fast bis zum 26° N. B. nach dem Süden und bis zum 22° O. L.

von Ferro reichen, hinzurechnen oder nicht. Halten wir diese letzte Ausdehnung fest und rechnen die grossen Strecken wüsten Terrains, welche zwischen den Oasen und dem atlantischen Ocean liegen, hinzu, so k?nnen wir uns den besten Begriff von der Gr?sse Marokko's machen, wenn wir dann aus der Karte ersehen, dass es um ein Drittel gr?sser ist, als Frankreich,11 ohne diese Gebiete aber ungef?hr mit Deutschland eine gleiche Gr?sse hat.

[Fu?note 10: Der Name Maghreb el aksa ist im Lande selbst nicht bekannt und gebr?uchlich, wohl aber sagt man Rharb schlechtweg, oder Bled-es-Sidi- Mohammed, oder bled Fes nach der Hauptstadt. Das Wort djoani bedeutet nach Wetzstein das "innere" und "eigentliche", also der innere und eigentliche Westen.]

[Fu?note 11: Kl?den und Behm 12,210 Quadrat-Meilen. Renou 5775 Myriam.-Q.- M. Beaumier 5000 M.-Q.-M. Daniel ca. 13,000 Q.-M. A. Rey und Xavier Durrieu 24,379 Lieues car. Gr?berg de Hems? 219,400 Q.-M. italiane. Jardine 50,000 (englische) Q.-M. Donndorf 7425 Q.-M. J. Duval 57,000,000 Hectars und in Berlings Staatszeitung von 1778 giebt Tempelmann 6287 Q.-M. für Fes, Tafilet und Marokko an.]

Wenige L?nder von Afrika haben im Verh?ltniss zum Binnenlande eine so grosse Küstenentwickelung. Die Gestadel?nge Marokko's am atlantischen Ocean betr?gt 1265, die an der Meerenge von Gibraltar 60, die am Mittelmeere 425 Kilometer, w?hrend die Landgrenze nur eine L?nge von 250 Kilometer hat.12

[Fu?note 12: Nach Renou, der Tuat etc. nicht mit in seine Berechnungen gezogen hat.]

Was die Küsten ihrer Beschaffenheit nach anbetrifft, so fallen dieselben im Norden nach dem Mittelmeere steil ab mit unz?hligen Buchten, die aber zu klein sind, um einen guten Hafen zu bilden. Dennoch sind sie gross genug, um den Rif-Piraten mit ihren kleinen Fahrzeugen Versteck und Sicherheit gegen Sturm und stürmische Witterung zu gew?hren. Indess fehlen die guten Ankerpl?tze auch nicht. Zwischen den Djafarin-Inseln und an der Küste bei Melilla, bei Ceuta, haben grosse Schiffe vollkommenen Schutz, und noch andere H?fen würden sich mit geringen Mitteln herstellen lassen, so namentlich die grosse Bucht von Alhucemas, fast gegenüber von Malaga, liesse sich mit leichter Mühe zu einem pr?chtigen Ankerplatz umwandeln.

An der Strasse von Gibraltar liegt Tanger mit einer zu weiten Bucht, um nur als sichere Rhede betrachtet werden zu k?nnen; der einstige kleine Hafen der Stadt Tanger wurde von den Engl?ndern, als sie 1684 Tanger freiwillig den Marokkanern überliessen, zerst?rt.

Die ganze nun folgende l?ngs des atlantischen Oceans in südwestlicher Richtung streichende Küste ist vollkommen flach und sanft das Meer hinabsteigend bis südlich von Mogador. Aeusserst gef?hrlich für die Schifffahrt, besonders bei nebeliger Witterung, hat man durchschnittlich in einer Entfernung von dreissig Seemeilen erst hundert Faden Wasser. Hohe Sanddünen hat das Meer an dieser langen Küste ausgeworfen, die einen eigenthümlichen Anblick gew?hren, weil sie nach der Landseite, oft auch nach der Seeseite zu nicht kahl, sondern mit Lentisken bewachsen sind. Und wahrscheinlich durch den Wind beeinflusst, bilden diese fünf bis acht Fuss hohen Lentiskenbüsche ein vollkommen den Dünen glatt angepasstes Ganze, als ob sie gleichm?ssig oberhalb derselben beschnitten w?ren. Gute H?fen würden allerdings mit leichter Mühe herzustellen, der Unterhalt indessen wegen des immer stark vom Meere ausgeworfenen Sandes kostspielig sein. Andererseits haben fast alle Mündungen der gr?sseren Flüsse, die wohl gut zu H?fen eingerichtet werden k?nnten, sehr starke Barren.

Gleich südlich von Mogador, wo die Küste von Nord nach Süd bis Agadir l?uft, ist sie schroff ins Meer abfallend. Bei Agadir ist offenbar der beste natürliche Ankerplatz, aber vollkommene Sicherheit haben auch hier die Seeschiffe nicht. Von hier an weiter nach dem Süden bewahrt die Küste wieder ihren Dünencharakter, die Berge treten nicht mehr bis unmittelbar an den Ocean hinan.

An bedeutenden, bis ans Meer hineinragenden spitzen Vorgebirgen hat man im Mittelmeer das Cap Tres Forcas oder Ras el Deir; westlich von Melilla gelegen, hat diese Landzunge eine L?nge von ungef?hr zwanzig Kilometer auf circa sieben Kilometer Breite, und die nordwestliche hat noch auf den Seekarten den speciellen Namen Cap Viego. Das weltbekannte Cap Espartel oder Ras el kebir13 streckt sich nach Europa hin, w?hrend die nord?stliche Landspitze bei Ceuta, Cap Almina, unserm Erdtheile noch n?her liegt. An der langen atlantischen Küste des Landes haben wir nur das Cap Gher, nordwestlich von Agadir, zu verzeichnen. Es ist hier der Punkt, wo die Haupt-Atlaskette sich ins Meer stürzt. Alle übrigen auf den Karten verzeichneten Vorgebirge, wie Cap Blanco und Cap Cantin n?rdlich vom Gher- Vorgebirge, oder Cap Nun südlich davon, spielen in der Formation der Küste keine Rolle.

[Fu?note 13: Auf den Karten auch Ras Idjberdil genannt.]

Ein gewaltiges Gebirge, der Atlas, durchzieht Marokko von Südwest nach Nordost. Wir würden zu irren glauben, wenn wir die Gebirge Algeriens zum grossen Atlas rechnen wollten; m?gen die franz?sischen Geographen dort immerhin ihre der Küste parallel laufenden Gebirge als grossen und kleinen Atlas bezeichnen, m?gen die Franzosen für die Gebirge Algeriens den Namen Atlas beanspruchen-wer beide L?nder bereist hat, wird finden, dass Algerien nur ausgedehnte Hochebenen mit davorliegenden Gebirgsketten besitzt, der grosse Atlas ist nur in Marokko, und in dieser Beziehung gilt auch das Zeugniss der Alten, welche den grossen Atlas beim Cap Gher entspringen und beim heutigen Cap Ras el Deir enden liessen, oder umgekehrt.

Im Grossen, kann man sagen, hat der Atlas eine hufeisenf?rmige Gestalt. Ge?ffnet nach Nordwesten, ist die Spitze seines einen Schenkels das Vorgebirge Ras el Deir, die Spitze des andern das Vorgebirge Gher. Der Atlas bildet eine Hauptkette, welche durchschnittlich nach dem Nordwesten, d.h. also nach der dem eigentlichen Marokko zugekehrten Seite durch breite Terrassen allm?lig ins Tiefland sich hineinzieht. Nach dem Südosten zu senkrecht und steil abfallend, zweigt sich indess auf ungef?hr 31° N. B., 12° O. L. von Ferro eine bedeutende Kette nach Süd-Südwest ab und l?uft demnach fast mit der Hauptkette des Atlas parallel. Der Abzweigungspunkt giebt dem Sus Ursprung. Etwas weiter von diesem Punkte haben wir überhaupt den eigentlichen Knotenpunkt des grossen Atlas, den "St. Gotthard" dieses Gebirges. Wie bei den Schweizeralpen ist aber auch hier nicht der h?chste Gebirgspunkt, dieser scheint im Südwesten zu liegen, etwa südlich von der Stadt Marokko.

Südlich von dieser Stadt haben wir den von Washington gemessenen Djebel Miltsin mit 11,700 Fuss. [3475 Meter.] H?st berichtet von diesem Berge, dass nur Einmal innerhalb eines Zeitraumes von zwanzig Jahren sein Schnee geschmolzen sei, obschon Humboldt für diese Breite die Grenze des ewigen Schnees h?her angiebt. Es ist dies um so auffallender, als man gerade hier erwarten sollte, die Schneegrenze h?her zu finden. Es ist also wohl anzunehmen, dass Washington's Rechnung nicht ganz richtig gewesen ist. Der Etna z.B. bei einer H?he von 10,849 Fuss und fast 7° n?rdlicher gelegen, hat nie Schnee im Sommer (das, was in einigen Felsspalten liegen bleibt, ist kaum zu rechnen und zum Theil künstlich von den Bewohnern Catania's zusammengetragen, um im Sommer benutzt zu werden). Nach den Aussagen der Bewohner dortiger Gegend verlieren die h?chsten Atlaspunkte den Schnee nie. Bei der Uebersteigung des grossen Atlas, die ich selbst sp?ter zwischen Fes und Tafilet, und etwas westlich vom Knotenpunkt des Gebirges ausführte, erlaubte mir mein mangelhaftes Aneroid nicht, auch nur ann?hernd richtige Messungen zu machen. Zu der Zeit verstand man bloss Aneroide zu construiren, mit denen man h?chstens bis 1000 Meter messen konnte; das meine zeigte nicht einmal so hoch. Wenn ich aber bedenke, dass dasselbe schon auf dem ersten Absatz, auf der Terrasse südlich von Fes und Mikenes, zum Gebiete der Beni-Mtir geh?rend, den Dienst versagte, dass ich dann aber, mehrere Tage nach einander immer steigend, verschiedene Terrassen und Plateaux zu überwinden hatte, so glaube ich, dass die h?chste Passh?he auf dieser Strecke, "Tamarakuit" genannt, kaum unter 9000 Fuss sein dürfte. Aber wie hoch thürmten sich daneben und nach allen Seiten hin die schneeigen Spitzen des Atlas selbst auf! Sp?teren Zeiten und sp?teren Forschern muss dies zu erforschen vorbehalten bleiben.

Von diesem Knotenpunkt aus werden noch einzelne Ketten nach dem Osten und Süden gesandt, im Ganzen h?rt aber der Charakter als Kette nach diesen Richtungen auf: das Gebirge erweist sich mehr als ein Gewirr von einzelnen schroffen Felsen und zerklüfteten Bergen. Aber die Hauptkette des Atlas ist erhalten, sie geht mittelst der Djebelaya (Gebirgsland) und dem Djebel Garet direct nach Norden, um mit dem Cap Ras el Deir am Mittelmeer zu enden. Vorher jedoch, etwa auf dem 14° O. L. von Ferro und 34° 40' N. B. entsendet diese Hauptkette einen Zweig gegen Nordwesten; es ist das Rifgebirge, welches an der Strasse von Gibraltar sein Ende erreicht. Ausserdem schickt der grosse Atlas zahlreiche kleinere Zweige in das von ihm umschlossene Dreieck zwischen Ras el Deir und Ras Gher. So sind die Gebirge bei Uesan, die Berge n?rdlich von Mikenes nur Ausl?ufer des n?rdlichen Riesengebirges, welches selbst weiter nichts als ein Zweig des Atlas ist, w?hrend das sogenannte Djebel el Hadid ein directer Zweig des grossen Atlas ist, obschon Leo sagt:14 "Der Berg Gebel el Hadid genannt, geh?rt nicht zum Atlas; denn er f?ngt gegen Norden am Gestade des Oceans an und dehnt sich nach Süden am Flusse Tensift aus." Von den H?hen des Rif-Gebirges sind nur die vom Meere aus gemessenen Punkte bekannt, deren es bis zur H?he von circa 7000 Fuss15 giebt; weiter nach dem Süden dürften in dieser Kette Berge von noch bedeutenderer H?he sein und diese mindestens dem Djurdjura-Gebirge in Algerien gleichkommen.

[Fu?note 14: Leo, Uebersetzung von Lorsmann.]

[Fu?note 15: Stielers Atlas und Petermanns Mittheilungen, 1865, Taf. 6.]

Haben wir somit durch Zeichnung der Hauptlinien der Gebirge von Marokko ein Bild gewonnen, so bleibt uns nur übrig zu sagen, dass alles Land von der n?rdlichen Kante des Atlas bis zum atlantischen Ocean und Mittelmeer vollkommen culturf?hig ist. Der Ausdruck "Tel" für culturf?higes Land ist in Marokko nicht bekannt. Solche Gegenden und Unterschiede davon, existiren nur in Algerien, durch die Bodenbeschaffenheit bedingt. Der einzige Strich n?rdlich in Marokko, d.h. auf der Abdachung nach dem Mittelmeere zu, der nicht die Fruchtbarkeit des vollkommen culturf?higen Landes besitzt, ist das sogenannte Angad, südlich vom Gebirge der Beni- Snassen und vom mittleren Laufe der Muluya durchzogen. Aber keineswegs ist dieser Boden hier wüstenhaft, steril und vegetationslos, ebensowenig, wie es die Hochebenen Algeriens südlich von Sebda, Saida oder Tiaret sind. Wenn nur der feuchte Niederschlag reichlich ist und zur rechten Zeit erfolgt, sehen wir überall den Boden in Acker umgewandelt. So im Angad auch, eine Landschaft, die seit dem unglücklichen Versuch Ali Bey's el Abassi, durchzureisen, als vollkommene Wüste verrufen, aber nichts weniger als vegetations- und wasserlos ist. Sie wird durchflossen von einem der m?chtigsten Str?me Marokko's, ist das nicht schon bezeichnend genug?

Marokko, auf diese Art ausgezeichnet, ist das Land von Nordafrika, welches den breitesten Gürtel von culturf?higem Lande hat, und dies nicht nur n?rdlich vom grossen Atlas, sondern auch das lang gezogene Dreieck südlich von demselben, durch diesen und seine nach Südsüdwest gesandten Zweige eingeschlossen: das ganze Sus-Thal ist zum Anbau geeignet.

Wie Algerien und Tunis, so hat auch Marokko seine Vorwüste. Wir verstehen für Marokko unter diesem Namen den Raum, der sich hinerstreckt vom atlantischen Ocean bis zur Grenze von Algerien einerseits, vom Südabhange des Atlas bis zu den Breiten, welche durch die Südpunkte der grossen Oasen gehen, andererseits. Wir schliessen jedoch Tuat von dieser Vorwüste aus, beanspruchen diese Oase im Gegentheil für die grosse Wüste. Auch diese Vorwüste, oder, wie die Franzosen in Algerien das entsprechende Terrain benennen, "petit desert", ist keineswegs ohne Cultur und nach rechtzeitigem Regen sieht man auch hier manchmal Getreide aus dem Boden sprossen, wo vordem der Wanderer jede Cultur für vollkommen unm?glich gehalten haben würde.

Wie der ganze Norden von Afrika, d.h. besonders die Berberstaaten in Bodenformation dasselbe Gepr?ge zeigt, wie wir es in den übrigen um das Mittelmeer gruppirten L?ndern finden, so zeigen auch die Flüsse Marokko's einen Lauf, der nicht abweichend ist von dem der anderen L?nder, d.h. sie sind nicht unverh?ltnissm?ssig lang, haben zahlreiche Krümmungen und eine starke Ver?stelung nach der Quelle zu. Jene langgezogenen Wasserl?ufe, ohne Nebenflüsse, wie sie der übrige weite Norden von Afrika so h?ufig aufzuweisen hat, und deren Bilder wir am besten im Draa, Irharhar und Nil wiedergegeben sehen, giebt es im eigentlichen Marokko nicht.

Einer der bedeutendsten Str?me von Nordafrika (Nil natürlich ausgenommen) unter denen, die dem Mittelmeer tribut?r sind, ist die Muluya. Ungef?hr beim ?stlichen siebenten L?ngengrad von Ferro auf der Ostseite des grossen Atlas entspringend, bekommt die Muluya ausser vielen Nebenflüssen ihren Hauptzustrom vom Süden, dem Ued-Scharef, ein Gew?sser, fast so m?chtig, wie die Muluya selbst. Dicht bei der algerischen Grenze, etwa 10 Kilometer westlich davon, und etwa 10 Kilometer ?stlich von Cap del Agua, welches gerade südlich von den spanischen Inseln Djafarin liegt, ergiesst sieh die Muluya ins Mittelmeer. Die L?nge dieses Stromes auch nur ann?hernd in Zahlen ausdrücken zu wollen, wie Hems? das gethan hat, ist jetzt, wo noch von Niemandem die Quelle des Flusses erforscht wurde, ein vollkommen überflüssiger Versuch. Wir wollen nur erw?hnen, dass die L?nge der Muluya etwas geringer als die des Chelif zu sein scheint, und dass die Muluya ungef?hr ein gleiches Gebiet beherrscht wie der spanische Fluss Guadalquivir.

Auf der oceanischen Seite haben wir, von Norden anfangend, den Ued Kus16 oder el Kus. Dieser Fluss, der die fruchtbarsten Ebenen in zahllosen Krümmungen durchzieht, woher sein Name, geht bei L'Araisch ins Meer, empf?ngt aber dicht vor seiner Mündung den Ued el Maghasen, bekannt durch die Drei-K?nigs-Schlacht; beide Flüsse kommen vom Rif-Gebirge und dessen Ausl?ufern.

[Fu?note 16: Bei Renou Loukous, bei H?st Luccos, Stieler Aulcos, Jackson el koss und Luccos, Maltzan Aulcus.]

Weiter der Küste folgend, kommen wir sodann auf den bedeutenden Ued Ssebú. Mit zwei Armen gleichen Namens, von denen der eine vom grossen Atlas anderthalb Grad südlich von Fes, der andere aber vom grossen Atlas ?stlich von Tesa entspringt, haben diese Arme, welche sich ungef?hr eine Stunde n?rdlich von Fes vereinigen, verschiedene Nebenflüsse, beide ?ndern auch h?ufig den Namen, um den alten vielleicht sp?ter wieder aufzunehmen. Von Osten her erh?lt sodann nach seiner Conjunction der Ssebú auf seinem rechten Ufer den bedeutenden Uargha vom Rif-Gebirge und vom Südosten her auf seinem linken Ufer den Bet. Der Ssebú, welcher sich bei Mamora17 ins Meer ergiesst, würde leicht bis zu dem Punkte, wo sich der Uargha mit ihm vereint, schiffbar gemacht werden k?nnen. Die L?nge seines Laufes ist ebenso bedeutend, als die der Muluya.

[Fu?note 17: Auf den meisten Karten so verzeichnet, Ort, der von den Marokkanern Mehdia genannt wird.]

Der von den vorderen Terrassen des grossen Atlas kommende, aber unbedeutende Fluss Bu Rhaba18, in nordwestlicher Richtung fliessend, ist nur erw?hnenswerth, weil an seiner Mündung die bedeutenden St?dte Rbat und Sla liegen.

[Fu?note 18: Der auf den Karten verzeichnete Name Buragrag dürfte falsch sein; die Marokkaner nennen ihn Bu Rhaba, Vater des Waldes, d.h. waldreich. Bu-Rgag oder Rgig würde heissen der "Vater der Enge", Bu-Rhaba "Vater des Geh?lzes".]

Der Fluss Um-el-Rbea (Mutter der Kr?uter, oder der Kr?uterreiche) entspringt mit einem m?chtigen Ge?ste aus dem grossen Atlas, fliesst seiner Hauptrichtung nach nach Nordwest, um bei Asamor, einer bedeutenden Stadt, den Ocean zu erreichen. Renou nennt ihn den bedeutendsten Fluss vom Norden Afrika's (natürlich der Nil immer ausgenommen) und stellt ihn auf gleiche Stufe mit der Garonne und Seine. Auch dieser Strom ist leicht schiffbar zu machen.

Merkwürdigerweise hat der grosse Tensift, der ebenfalls mit vielen Nebenflüssen aus dem Atlas entspringt, an seiner Mündung, die zwischen Asfi und Mogador liegt, keine Besiedelung. Gerade weil er vorher der von jeher bedeutenden Stadt Marokko Wasser zuführt, sollte man denken, an seiner Mündung auch eine Stadt zu finden. Obgleich von bedeutender Breite, kann der Fluss bei Ebbezeit an der Mündung durchwatet werden.

Mit Ausnahme der Muluya entspringen alle diese Str?me am Nordwestabhange des Atlas; übersteigt man sodann die Ausl?ufer dieses Gebirges und das Gerippe, welches im Cap Gher endet, so erreicht man die Mündung des Sus, ungef?hr 30° 20' N. B. Der Sus hat fast vollkommen ?stliche Herkunft und entspringt in dem Winkel, den der grosse Atlas und der von ihm nach Westsüdwest entsandte Zweig bilden.

Weiter nach dem Süden zu kommt sodann, auf den meisten Karten verzeichnet, der Ued Nun. Der Name Ued Nun bedeutet aber weiter nichts als eine Landschaft oder Provinz, wie wir aus den neuesten Forschungen von Gatel ersehen k?nnen. Der dort existirende Strom heisst Ued Asaka, und es ist dies der Fluss, dessen Nun-Mündung auf den Petermann'schen Karten als Aksabi verzeichnet steht, was dasselbe ist.

Wir haben sodann eines echten Wüstenstromes Mündung, die des Draa19 zu verzeichnen. Mit kleinem Ge?ste aus dem grossen Atlas entspringend, ungef?hr unter dem 13° O. L. von Ferro geht dieser Strom direct und ohne nennenswerthe Nebenflüsse zu erhalten bis zum 29° N. L. nach Süden, schl?gt dann aber westliche Richtung ein, um unter 28° 10' in den Ocean zu fallen. Dieser lange Lauf, ein Sechstel mindestens l?nger, als der des Rheins von der Quelle bis zur Mündung, hat best?ndig Wasser, auch im Hochsommer bis zu dem Punkte, wo der Strom von der Südrichtung eine westliche Richtung einschl?gt. Die Wassermenge, die der Draa fortschwemmt, ist in den oberen Theilen des nordsüdlichen Stückes dennoch nicht bedeutender, als etwa diejenige der Spree bei Berlin; sie wird dann am südlichen Ende des von Nord nach Süd fliessenden Theiles, nachdem der Strom sogar mehrere Male verschwindet und viel Wasser durch Irrigiren verbraucht ist, so gering, dass man diesen grossen Strom, wie er sich zur Herbstzeit, kurz vor dem Eintritt der Regenperiode auf dem Atlas pr?sentirt, hinsichtlich der Wasserarmuth kaum einen Bach nennen kann.

[Fu?note 19: Wir erw?hnen der Ssegiat el Hamra, weil sie auf den meisten Karten als Fluss verzeichnet ist, als in die Mündung des Draa einfliessend. Der Name Ssegiat hat aber immer etwas Künstliches in sich und Gatel auf seiner Karte verzeichnet sie nicht.]

Dass überhaupt noch so viel Wasser bis zum Umbug Jahr aus Jahr ein herabk?mmt, nachdem der heisse Wind der Sahara im Frühjahr und im Sommer mit Macht daran gezehrt hat, nachdem Tausende von Feldern und G?rten, die sich l?ngs der Ufer hinziehen, Tag und Nacht vom Wasser des Draa berieselt werden, das eben spricht für die M?glichkeit der Schneelage des Atlas, aus welchem der Fluss gespeist wird.

Ob aber ein stets Süsswasser haltender See, der Debaya, auf seinem weiteren Laufe nach dem Westen zu vom Draa durchflossen wird, m?chte sehr zu bezweifeln sein. Allerdings sendet gleich nach der Regenzeit auf dem Atlas der Draa seine Wasser fort bis zum Ocean, aber in der trockenen Jahreszeit trocknet der ganze untere Theil des Flusses aus. Nicht weit von dem Orte, wo der See sein sollte, sagten mir die Bewohner, ein solcher existire nicht. Ein Sebcha, d.h. ein salziger Sumpf, wie ihn Petermann auf seinen neuesten Karten verzeichnet hat, k?nnte indess wohl vorhanden sein. Renou spricht sogar dem Debaya eine dreimalige Gr?sse des Genfer Sees zu.

Als ebenfalls vom Südostabhange des Atlas kommend und nach der Sahara abfliessend, haben wir dann den Sis zu nennen; ein echter Wüstenfluss ohne alle Nebenflüsse, und nur in seinen ersten zwei Dritteln oberirdisch verlaufend, tr?nkt er unterirdisch noch die ganze grosse Oase Tafilet, um südlich davon den Salzsumpf Daya el Dama zu bilden, der nach starken Regenergüssen zu einem See sich gestaltet. Von Nordwesten her hat der Daya el Daura noch Zuflüsse durch den Ued-Chriss.

Einen ebenso langen, wenn nicht noch l?ngeren Lauf hat der Fluss, der die Oase von Tuat speist, aus verschiedenen Zweigen, von denen einige unter dem 33° N. B. entspringen, zusammengesetzt. Ich verfolgte den Fluss fast bis zum 26° N. B., ohne dass ich bei Taurhirt schon sein südlichstes Ende erreicht h?tte. Dieser Fluss, den man l'ued Tuat nennen k?nnte, setzt sich aus dem Ued Gher, Ued Knetsa und einigen minder bedeutenden zusammen, erh?lt nach der Vereinigung den Namen Ued Ssaura, und sobald er das eigentliche Tuat betritt, den Namen Ued Mssaud. Von Osten soll er südlich von Tuat durch den Fluss Acaraba verst?rkt werden. Da er schon bei seinem Entspringen aus dem Gher und Knetsa gar nicht oberirdisch Wasser h?lt, so ist es nicht wahrscheinlich, dass er dem Draa oder dem Ocean zugeht, wie Duveyrier meint, ebensowenig aber glaube ich, dass die von mir früher mitgetheilte Nachricht der Eingeborenen, der Mssaud erg?sse sich nach sehr starken Anschwellungen bis zum Niger, auf Wahrheit beruht.

Da wir den oben angeführten Debaya vorl?ufig trotz Renou nicht als See anzuerkennen brauchen, ja nicht einmal mit Bestimmtheit behaupten k?nnen, ob ein Salzsumpf dort ist, so haben wir eigentlich gar keine nennenswerthen Seen in Marokko zu verzeichnen, denn der von Leo erw?hnte See unterhalb der "grünen Berge", den er mit dem See von Bolsena in der N?he von Rom vergleicht, ist nirgends zu finden, es m?chte denn der kleine auf der Beaumier'schen Karte verzeichnete Salzsee sein, Zyma genannt, der ungef?hr so gross wie der See von Bolsena zu sein scheint. Der einzige von mir entdeckte kleine Süsswassersee, Daya Sidi Ali Mohammed genannt, ungef?hr 3 Stunden lang und 1/2 Stunde breit, liegt auf der H?he des grossen Atlas zwischen Fes und Tafilet.

Erw?hnenswerth ausser dem Daya el Daura, südlich von Tafilet ist nur noch der grosse Salzsumpf von Gurara im Norden von Tuat, ungef?hr zehn deutsche Meilen lang und an seiner dicksten Stelle fünf deutsche Meilen breit, endlich der Sigri Sebcha (Salzsumpf), ungef?hr zehn Meilen südwestlich von Schott el Rharbi gelegen, dessen südwestliche H?lfte nach dem Frieden von 1844 zu Marokko, die ?stliche dagegen zu Algerien gerechnet wird.

Ohne Widerrede befürchten zu müssen, kann man behaupten, dass Marokko von allen Staaten Nordafrika's das gesundeste Klima besitzt. Der Grund davon ist zum Theil in der bedeutenden Erhebung des Landes zu suchen, in den erfrischenden Winden vom Mittelmeere und vom Ocean, in der Abwesenheit sumpfiger Niederungen20, wie man sie in Algerien so h?ufig beim Anfange der Besiedelung durch die Franzosen antraf; dann in den reichen Waldungen der Stufen des Atlas, welche die Hitze mildern und zugleich den Flüssen in Verbindung mit dem Schnee der Gipfel im Sommer das Wasser constant erhalten; endlich in der Abwesenheit jener Schotts oder flachen Seen und Sümpfe, wie sie Algerien und Tunis von Westen nach Osten durchziehen.

[Fu?note 20: Die wenigen Sümpfe bei L'Araisch kommen zum grossen Ganzen nicht in Betracht.]

Im Allgemeinen kann man sagen, dass in ganz Marokko ein mildes warmes Klima herrscht; denn wenn auch die Tekna- und Nun-Gegenden mit Rhadames und den südlichsten Oasen Algeriens, was Breite anbetrifft, correspondiren, so wirken die constanten Seewinde doch so lindernd, dass die Temperatur bedeutend kühler ist als in diesen Strichen. Und wenn auch die Spitzen der Atlasberge, die wie der Milstin mit einer H?he von 3475 Meter, der Alpenh?he von 2300 Meter entsprechen, oder auch dem Meeresniveau von Norderney, wenn diese Berge des Atlas eine mittlere Jahres-Temperatur von nur 0° haben, so würden wir nicht fehl zu greifen glauben, wenn wir sagen, die Summe der mittleren Temperaturen Marokko's würde 18° R. betragen.

Der Atlas bildet die natürliche Scheide in den Temperaturverh?ltnissen. W?hrend n?rdlich am Atlas die Regenmonate im October beginnen und bis Ende Februar anhalten, ist der Regenfall südlich vom Atlas nur im Januar und der ersten H?lfte des Februar und erstreckt sich landeinw?rts etwa bis zum 10. L?ngengrad ?stlich von Ferro, so dass die Draa-Provinzen in ihrem südlichen Theile nicht davon berührt werden. In der Oase Tafilet ist Regenfall schon ?usserst selten, und in Tuat regnet es h?chstens alle 20 Jahre ein Mal. Eine Regenlinie w?re also südlich vom Atlas etwa so zu ziehen: vom 10° O. L. von Ferro und 29° N. B. in schr?ger nord?stlicher Linie mit dem Atlas parallel zu den Figig-Oasen. Der feuchte Niederschlag ist in den n?rdlich vom Atlas gelegenen Theilen sehr bedeutend, ebenso auf dem Atlas selbst, südlich davon nur m?ssig.

In der Zeit von October bis Februar herrschen fast nur Nordwestwinde und am wechselvollsten ist der Februar, wo an einem Tage sechs bis sieben Mal Winde mit einander k?mpfen. Im M?rz sind Nordwinde vorherrschend und dann von diesem Monat an bis Ende September Ost, Südostwinde und Süd. An den Küsten des Oceans in den Sommermonaten von 9 Uhr Morgens an ein stark kühlender Seewind bis Nachmittags, wo der Südost wieder die Oberhand gewinnt; indess ist dieser Wind so kühlend, dass Lempiere Recht hat zu sagen: "Mogador, obschon sehr südlich gelegen, hat eine ebenso kühle Temperatur als die gem?ssigten Klimate von Europa." Die Südost- und Südwinde führen oft Heuschreckenschw?rme mit sich, so in den Jahren 1778 und 1780. Indess scheint der Atlas ein wirksamer Damm gegen diese Eindringlinge zu sein, da sie im Norden des Gebirges nur vereinzelt beobachtet werden.

Bestimmte Beobachtungen für die mittlere Temperatur einzelner Orte liegen nur wenige vor. Tanger hat nach Renou eine mittlere Temperatur von 18° (Celsius), was aber vielleicht 2° zu viel sein dürfte. Für Fes kann man bei einer Erhebung von 4-50021 Meter + 16-17° (Celsius) rechnen. Uesan, welches circa 250 Meter hoch liegt, dürfte eine mittlere Temperatur von 18° (Celsius) haben. In der Stadt Marokko kann die mittlere Temperatur h?chstens + 20° (Celsius) sein, da die Datteln nicht reifen, diese brauchen mindestens + 22° Durchschnittsw?rme. In Tarudant, wo die Datteln schlecht reifen, dürften vielleicht + 21° Durchschnittsw?rme sein. Hems? führt noch an, dass im Winter weder in einem Hafen noch in irgend einer Stadt je das Thermometer unter + 4° R. sinkt. In Uesan beobachtete ich eines Tages im December leichten Schneefall, und die Leute sagten mir, es k?me dies allj?hrlich vor, aber der Schnee bleibt nie liegen. Aus Gatel's Beobachtungen ist in Tekna das Thermometer in dem Wintermonaten December 1864, Januar und Februar 1865 durchschnittlich um 7 Uhr Morgens + 13° (Celsius) gewesen, "es kam nie unter + 6° und stieg nicht h?her als + 18° (Celsius)". In den Monaten September und October beobachtete ich in Tuat eine mittlere Temperatur von + 19° vor Sonnenaufgang. Diese Oase des Kaiserreichs Marokko würde also ungef?hr dieselbe Durchschnitts-Temperatur wie Fesan haben.

[Fu?note 21: Nach Renou; da aber Fes wohl niedriger liegt, wird auch die Temperatur wohl um einige Grade h?her sein.]

Kleiden wir noch einmal als Ergebniss das marokkanische Klima in Worte, so m?chten wir das anführen, was Hems? sagt: "Il clima di tutta questa regione è di più salubri e di più belli di tutta la superficie del globo terrestre."

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